Mch-Nb-Il-S«: Illustrierte Sonntagrzeitllng"
Erstes Blatt.
Fulda, Freitag den 20. September 1912.
Jahrgang
216.
'j
Kron»
1
ähnliche Ziele Hielt als der Postver» ft in namentlicher Abstimmung nutz
band pertolgen, ist
uldaer
erscheint «gNch mtt Hu$nal)mt der So.m« »dZeiertage. viertel» jährliche''SeM-tpreK ,hne Srtnaertohn mb» Beftelgd6iH$Ä166fN »ieanswärtsi.SOM.
vrrsutw. Htbflhtun
Lar Sd>Mitt|
Mißverständnisse" beim Hertling - Interview
Der 22. Berbaudstag des BerbandeS mittlerer Reichs-Post» und Telegraphenbeamten. /
* Berlin, 19. Sept. 1512.
Deutsches Mich.
Berlin, 19. Sept. 1912. Da?
sieht man nun besonders deutlich, daß auch die größt- Klarheit und die sorgfältigste Gründlich» leit der Erklärungen nicht auSreicht, den Befragten vor einer tendenziösen .Ausschlachtung" der Unter» redung zu bewahren.
Freiherr v. Hertling wird, wie man annehmen darf, nicht noch einmal den Versuch machen, einen liberalen Ausfrager zu einem wahrheitsgetreuen Bericht zu veranlaflen. Auch alle anderen hervor» ragenden Persönlichkeiten, die nicht im liberalen Lager stehen, werden sich die Moral ziehen, daß man sich mit einem Interviewer überhaupt nicht einlaffen soll, auch nicht zu dem kürzesten und gleichgültigsten Gespräch. Will man einem solchen Manne etwas mit'eilen, io gebe man es ihm schriftlich unter Zurückbehaltung einer beglaubigten Abschrift.
prinz en paar ist in Potsdam eingetroffen, wo am Freitag der Geburtstag der Kronprinzessin ge» feiert wird. Am 22. September wird der Kronprinz seine Jagdreisen antreten, die ihn nack Neu- Ramuk bei AUenstein, dann nach Johannesberg, dem Besitze des Kardinals Kopp, und später nach der Oberforstetei Rieth in Pommern führen werden. — Dem Admiral v. Holtzendorff wurde der Schwarze Adlerorden verliehen, der Kontreaomiral Lans wurde zum Ehef des Nordseegeschwaders und Kontre» admiral Graf v. Spee zum Chef des Kreuzer» geschwaders ernannt. — Das neu« Flotten- flagg schiff „Friedrich der Große" ist auf seiner ersten Fahrt in Cuxhaven angekommen. ES hat eine Wafferverdrängung von 27000 Tonnen, eine Armierung von 32 Geschützen, darunter zehn 30,5» Zentimeter-Geschützen, und eine Besatzung von über 1100 Mann. — Kolonialstaatssekretär Dr. Solf hat am 17. September von Mombaffa (Ostafrika) aus die Rückreise nach Deutschland angetreten.
• Dir Flotten»Manöver find beendet. Nachdem am Donnerstag mittag auf das Signal des Kaisers die strategischen Manöver der Flotte beendet worden waren, sammelte der Chef der Hochsee-Flotte die am Ma- över beteiligten schiffe und Fahrzeuge, um sie hinter der „Hohenzollern", auf der der Kaiser und die Manöver-Leitung sich befanden, nach Wilhelms» Hafen zu führen. Nach 1 Uhr 30 Min. liefen zunächst in Wilhelmshafen in endlosem Zuge die Flottillen der Torpedoboot« ein. Um 4 Uhr erschien die „Hohenzollern' an der Spitze der Hochsee-Flotte, die ihr in Kiel-Linie folgte, aus der Reede von Wilhelmshafen. Die „Hohenzollern" und die Flaggschiffe gingen in den Hafen, di« Flotte ging auf der Reede vor Anker.
** Eine „kleine Anfrage*. Der französische Ad. miral Germ inet hatte kürzlich im Zusammenhang mit der Frage der Zusammenziehung der französischen Flotte im Mitlelmeer vom Aermelkanal, dem Kanal zwischen Frankreich und England, als von einem englischen und französischen Gewässer gesprochen. Das hat den Zentrumsabgeordneten Erzberger veranlaßt, beim Bureau des Reichstages bereits jetzt eine kleine Anfrage «inzureichcn, die folgendermaßen lautet:
a) Ist dem Reichskanzler bekannt, daß der ehemalige Befehlshaber des französischen Mittelmeer
geschwaders, Bizeadmirak Germinet, eS als eine persönliche Urberzeugung ausgesprochen hat, daß England und Frankreich den Aermelkanal mit Recht als englisches und französisches Gewässer ansehen und im Falle einer Kriegserklärung sofort den neutralen Mächten das Verbot der Schiffahrt durch den Aermelkanal bekannt geben? b) Hat der Herr Reichskanzler Anhaltspunkte, inwieweit diese das Völkerrecht schwer verletzende persönliche Uebrrzeugung des französischen Admirals von den Regkerungrn in London und Paris geteilt wird? o) Welche Bor- beugungS- und Abwehrmaßnahmen gedenkt der Herr Reichskanzler in Gemeinschaft mit den in erster Linie interessierten neutralen Mächten gegen solche Absichten alsbald zu ergreifen?
Abg. Erzberger bemerkt dazu in der,Germania': „Die Begründung zu dieser kleinen Anfrage liegt in den Worten des französischen Admirals, der sich über das Völkerrecht einfach hinwegsetzt, der nicht nur dem eigenen Verbündeten (Rußland), sondern namentlich den kleinen neutralen Mächten (Belgien, Holland, Dänemark, Schweden und Norwegen) unermeßlichen Schaden zuiügen will. Plan kann nicht mit dem Emwande kommen, daß es sich um eine unverantwortliche Auslastung eines Offiziers handelt. Diese Offenhest mag man in Paris und London beklagen, wir Deutsche können sie nur begrüßen und uns danach einrichten — mit den anderen bedrohten Staaten oder allem. Zu letzterem sind wir durch -me starke Luftflotte imstande, diese kann den Kanal 'n kürzester Zett sauber« Wenn solche Machtpolitik blutigster Art gegen uns proklamiert wird kommt mau mit Rosenöl und Kölnischem Waster n ch weiter. Gewiß ist die kleine An rag? leichter gestell als eme kurze Antwort erteilt, da?um A auf diese o^ichtet, sofern daS Erforderliche alsbald in die Wege geleitet wird."
v. * ^"^uitengesetz. Wie der liberalen ,Föln. Ztg aus Berlin gemeldet wird, haben die v r e u. ß sch en Bis ch öf e zur Ausheb^des Liten.
'w^VbeOn£n Bundesrat gerichtet. SB« das Blatt werter aus Berlin erfährt verlautet »ort in unterrichteten Kreise«, daß dem Reichstanz, ler em Antrag vorliege den bayerischen Antrag zum Jesmtengesetz mrt der Feststellung zu bescheiden, daß der bayerische Jesuitenerlaß dem ^Gesetzes widerspreche. Sollte der Bundesrat diesem Anträge zusttuimeu, dann wird er nicht daran vor- beikommen klar zu sag« welches denn der Sin« des Gesetzes ist, also endlich einmal feftstellen was unter der verbotenen „Ordenstäfigkeir" zu verstehen ist.
Semeindkbeamte al, BiabiemAadt. Da, preußische Oberverwaltungsgericht hat über die Frage, ob Angestellte der Gemeinde» als Stadt- verordnete wählbar sind, eine wichtige Entscheidung getroffen. Bekanntlich dürfen nach der Städtever-
Diese Worte entfesselien wahre Beifallsstürme und jubelnde Hochrufe; das Schwenken der Tücher und Hüte wollte kein Ende nehmen. Die Mitglieder des kaifer- lichen Hauses standen wiederholt aus und verneigten sich dawend vor der Versammlung. Erzherzog Franz Ferdinand trat auf den Redner zu und sagte zu ihm: »Ich war «ährend der ganzen Rede tief ergriffen und habe Tränen in den Augen gehabt."
Also, weil sich der österreichisch-ungarische Thron- folger am eucharistischen Kongreß beteiligt und öffentlich am Tische des Herrn teilgenommen hat, mit einem Wort, weil er sich offen als ganzer Katholik betätigte, deshalb ist er „ultrawon- tan". Bester kann man den Schwindel nicht ent- larven, den die liberale und sozialdemokratische Preffe mit dem Wort .ultramontan' treibt.
♦ Eine Wasserstraße zwischen dem Schwarze« Meer und der Ostsee.
Der alte Plan einer direkten Verbindung der Donau mit der Oder scheint wieder ausgenommen und energstch verfolgt zu werden. Me von diplomatischer Seite verlautet, soll die österreichische Regierung dem Plan nähergrtreten sein, durch Verbindung der Donau mit der Oder eine von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer laufende Wasserstraße zu schaffen. Tas Projekt stellt einen Teil des großen wqsrrwirstchastlichen Unternehmens dar, das be- zweckt, durch ein Kanalgebiet Elbe, Oder, Weichsel, Donau und Dnjeper miteinander zu verbinden.
Ausland.
♦* Eine Annäherung von Italien und Oester-' reich. Eine Zusammenkunft des Königs von Italien mit dem österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand wird »in der „Difesa" in Venedig angekündigt. König Viktor Emanuel wird sich danach in den nächsten Tagen in Venedig an Bord des Kriegsschiffes „Lombardia" einschisfen und auf offenem Meere mit dem öfter--' reichischen Thronfolger Zusammentreffen.
*♦ Die Gemeinderatswahlen in Graz haben int dritten Wahlkörper einen knappen Sieg der sozialdemokratischen Liste gebracht. Mit nur rund 100 Stimmen Mehrheit haben die Sozialdemokraten gesiegt, dies noch dazu bei einer Wahlen-thaltung von 3000 Wählern; denn von 8000 Wahlberechtigten haben nur 5000 ihr Wahlrecht ausgeübt. Daß drr» keine Sozialdemokraten waren, liegt bei der fieber- hasten Agitation der Grazer Sozialdemokraten auf der Hand. Es erklärt sich der knappe Sieg der Sozialdemokraten somit nur daraus, daß bei einem Großteile der Wählerschaft die Mißstimmung über die freisinnige Grazer Stadtverwaltung nicht zu überwinden war, obgleich die verbündeten Christlich- sozialen und Freisinnigen bis zvm letzten Augenblicke geschloffen vorgingen und gemeinsam für die gemeinsame Liste eifrig arbeiteten.
* Die aufsässigen Lehrer in Frankreich. Offiziös verlautet, daß die Unterzeichner des Ausruf» des Lehrerverbandes vor den Disziplinarrat gestellt werden sollen, insbesondere dürfte gegen den Generalsekretär des Verbandes, Chalopin, der zum Präsidenten des gegenwärtig in Havre tagenden Kongreffes des allgemeinen Arbeiterverbandes gewählt wurde, dir Absetzung beantragt werden. — So scheint die Regierung wenigstens gegen den Generalsekretär vorgehen zu wollen. Herr Chapolm hatte den Auflösungsbefehl der Regierung mit der Ausrede beantwortet, daß die Berbandsmitglr^er bi» Oktober in den Serien wären und daher vorläufig nicht um ihre Meinung über die Sprengung de- SyndikatS befragt werden könnten. Ein Syndikalist darf zwar nach Herzenslust die Gesetze und Anordnungen des Staates mit Füßen treten, aber heilig und unverletzlich wüsten ihm die Satzungen seine» im Widerspruch zu den Staatsgesetzen bestehende« Verbandes sein.
* Der Abbruch der englische« Manöver ist am Mittwoch, wie schon gemeldet, plötzlich erfolgt. De? Grund soll angeblich darin zu suchen fein, daß die Truppen infolge deS ausgezeichneten Aufklärung»« dienste» der Flugzeuge ihre Stellungen nicht zu halten vermochten. Sonderbar! Bisher habe« abev doch die englischen Flugzeuge nicht viel getaugt.; Da muß etwas andere» dahinterfieckeu. Au» Mitteilungen der englischen Preffe ersieht mau denn auch, wa» eigentlich die Ursache de» Abbruchs der Manöver gewesen ist. Die rote Invasion?- und die blaue Abwebrarmee sind nämlich vollständig; durcheinander geraten. Infolge der unauS* gesetzten Meldungen der Flieger wurden die Truppen»; teile so stark durcheinandergeschüttelt, daß in einem; gegebenen Augenblick ein vollkommen unentwirrbare»; Kuddelmuddel entstanden war. s
»Der genialste General', sagt Perewa! Philipps der militärische Berichterstatter des ,Daily Expreß', .würde sie nicht mehr zu zwei zusammenhängenden feindlichen Armeen haben ordnen können. Gewiss« Divisionen scheinen vollkommen sinnlose un& verrückte Di«ge getan zu haben.' „Es ist «nmög- lich, weiter zu geben. Alles ist vollkommen unwirkliche geworden,' sagte ein Generalstabsoffizier zu einem anderen militärischen Mitarbeiter derselben Zeitung Mit anderen Worten, die Aeroplane haben den ganzen Manöverplan über den Haufen gewor»- fen und den Scheinkrieg unmöglich gemacht. Stitt»! woch abend lagen einzelne Fetzen blauer Truppen weit hinten im Land der roten Angreifer, und roten Soldaten standen teilweise meilenweit entfernt davon mitten unter den blauen Gegnern. Alles ging chaotisch durcheinander, und so war es das beste, einfach abzubrechen. . j
** Di« vier neuen englischen Panzerjchlachtschisft,' die noch in diesem Jahre vom Stapel gelaffenl werden, sollen nicht allein ein stark gepanzertes^ Oberdeck zum Schutze gegen Aeroplan-Angriffe, sondern auch Aeroplan-Geschütze erhalten, die imstande f ein sollen, in einem Winkel bis zu 80 Grad zu euer» und Geschoffe von 15 Kilogramm Gewicht in eine Höhe bis zu 8000 Meter zu schleudern.
** Deutschland als Lehrmeister. Die japanische Regierung beschloß, fünf hervorragende Männer; der Wissenschaft nach Deutschland zu entfern' den. Es sind dies ein Professor der Landwirtschaft' und ein Professor der Rechtswissenschaft. Ties« ollen drei Jahre lang Studien bei uns betreiben« Ferner werden ein Profeffor der Technik und zwer Professoren am höheren Lehrerseminar zu zweijährigem Studium nach Deutschland entsandt.
In der Mittwochsitzung wurde die Gründung einer Brand- und Einbruchsschadenkasfe ets»' stimmig beschlossen. Der Kaffe werben alle Verbände- nitgliedrr zwangspflichlig angedören. Die höchste Ent» chädigung für einen Schadensfall soll 10000 Maik betragen. Als Prämie werden von dem Bei» banbsbeitrage monatlich 30 Pfennig verrechnet. Ein« iimmig wurde ferner der Ausbau der Sterbe» kaffe beschlossen. Die Höchftsterbegeldsätze schwanket« "« nach dem Beilritrsalter und Mitgliedschaft zmifcheiü 750 und 250 Mark. Die Prämien hierfür sind gleich-; älls in dem allgemeinen Berbandsbettrage enthalten«! Ob auch die Eheirauen der Mitglieder in die Sterte» s kaffe ausgenommen werben können, wird noch bet Prüfung des Verdandsoorstande» unterliegen. Di« Bestimmung, baß Mitglieder b«8 Verbände» nicht anderen postalischen Fachveretne« äuge« hören dürfen, die ähnliche Ziele Ziel« al» der Postver»
N«zeige«: Der mi einer «ins». L«l«««t» Stile, 47 mm breit, lostet lSpkg. Reklame«: Der Battet einer <el« nelzeile, 74 mm breit kostet 40 psg. Sei Wie berholunge« Rabatt Mr Astert' n Lu, unch cttjci»en 20 psg. tftt» Rotation,druck u. Verlag 6er $«lba«|
Momkbtilagti.Luldaer GeschichkbMer" “Ä'Ä"»’
ordnung die Mitglieder des Magistrats und die besoldeten Gemeindebeamten nicht Stadtverordnele sein. Als entscheidendes Merkmal dafür, ob eine tut Dienst der Stadt angestellte Person als besoldetes Gemeindebeamtenglied anzusehen ist oder nicht, muß die Aushändigung einer Anstellungsurkunde angesehen werden. Es sind daher alle Gemeinde» angestellten, die infolge Nichtaushändigung einer Ausstellungsurkunde Beamteneigenschaft nicht er» langt haben, nach dem jetzt vorliegenden Erkenntniffe des Oberverwaltungsgerichts zu Stadtverordneten wählbar.
)( Ein Franzose über die deuffchen Kaisermanöver. Im „Mattn" gibt ein Ungenannter sein Urteil über die Kaisermanöver und das deutsche Heer überhaupt ab. Der Krittler ist des Lobes voll über die deutsche Armee und preist besonders die eiserne Ttszplin, die man bei den Manövern beobachten konnte. Dann ergeht er sich in Bewunderung über die ausgezeichneten Leistungen der Truppen, über die vorzügliche Organisafion und den Gebrauch der Telegraphie ohne Draht, des Telephons und des Automobilparks, sowie der lenkbaren Luftschiffe. Schlecht kommen bei der Kritik nur die Flieger davon Die Leistungen der Aeroplane bei den deuffchen Manövern seien gleich Rull gewesen. (Sfimmt nicht! D. Red.) Es wären nicht nur zu wenig Flugzeuge gewesen, sondern diese hätten auch verschiedentlich Unfälle erlitten. Der Arfikelschrerber schließt mit den Worten:
„Kurz, Die beut f d) e 'Armee, deren Einrichtungen stets auf der Höhe der Zeit stehen, wird auch weiterhin ein e ;urchtbare Macht bleiben, die unauSgcletzt sorgfältig an ihrer Vervollkommnung und an der Verbesserung irgendwelcher Mißstände arbeitet. Alle Er- sindungen deutschen Geistes macht sie sich fofort zunutze, um ihre Spannkraft auf der Höhe zu halten und ihre Organisation bis aufs genaueste auszuarbeiten.'
+ Nachklänge zur NeichStagswahl in Schlettstadt. Ueber die katholischen Wähler des Kreises Schlett- ftabt hat das .Berliner Tageblatt' die Bemerkung gemacht, sie seien von der „Kaplanokratie' so sicher in der Strippe gehalten, daß von einer unabhängigen Ausübung des Wahlrechts bei ihnen keine Rede sein könne. Den Beweis hierfür ersieht daS Blatt nun durch ein vertrauliches Rundschreiben erbracht, daS einem demokratischen Blatt in die Hände gekommen ist. Das Rundschreiben war an die Pfarrer des Wahlkreises Schlettstadt gerichtet, di« gebeten wurden, dafür zu sorgen, daß die Vertrauensmänner am Wahltag auf ihrem Platze wären. Darüber entrüstet sich das ,Berliner Tageblatt' sehr. Das Schreiben sei ein erbauliches Dokument dasür, wie die geistliche Wahlardeit für die „nichlkonfessio- nelle" Partei in Anspruch genommen würde. Offenbar meint das.Berliner Tageblatt' mit der „nicht- konfessionellen' Partei das Zentrum. DaS Blatt dürfte doch wiffen, daß es sich bei der Kandidatur Haegy nicht um eine Zentrumskandidatur handelt, sondern um eine Kandidatur der elsässiichen Truppe um Wetterls. Im übrigen aber: so lange die Geistlichen das Wahlrecht haben, haben sie auch daS Recht der Agitation und können ebenso gut wie Angehörige anderer Berufe Vertrauensmänner einer Partei sein.
** Was heißt „ultramontan" ? „Ultramontan' st in dem Sinne, wie die kirchenfeindlich«» Libr- ralen aller Schattierungen und auch die Sozialdemokraten dieses Wort gebrauchen, gleichbedeutend mit katholisch. „Ultramontan' ist für die Kreis« der Deckmantel, unter dem sie gegen di« katho. lische Kirche und ihre Einrichtungen ankämpfen und glauben, damit gelegentlich Gimpelfang treiben zu könuen. Diese Tatsache ist von katholischer Seite chon des öfteren an der Hand von Beweisen fest- genagelt worden. Hier ein weiterer deutlicher Beweis. Aus Anlaß des eucharistischen KongreffeS inden sich folgende Zeilen in liberalen Blättern:
Man glaubt in Oesterreich, daß der Thron- olger Erzherzog Franz Ferdinand, dereinst zur Regierung gelangt, im ultramontane ii Fahr- roaifer steuern werde. Einen neuen Grund für dies« Annahme sieht man in seiner Teilnahme am Eucha» ristifchen Kongreß in Wien. Es wird berichtet: Der letzten Versammlung des Eucharistischen KongreffeS wohnten mehrere Mitglieder des kafferlichen Hanfes bei, darunter auch der Thronfolger. Der Jesuiten» pater Andlau hielt eine längere Rede und sagte am Schluß: .Danken will ich hier im Namen aller katholischen Nationen dir, Haus Habsburg!' In Der Versammlung erhob sich ein rauschender Beifall; alles jubelte den Mitgliedern des kaiserlichen Hauses zu, die sich aus ihren Sitzen wiederholt dankend verneigten. Pater Andlau suhr fort: „Vor allem Dank Dir, geliebter Kaiser, für jede eucharistische Tat deiner langen Regierung. Während, du heute mit deinem ganzen Hause, mit deinen Kindern und Kindeskindern dem Tische Des Herrn nahst, sühlen wir uns eins mit dir!»
Die amtliche Korrespondenz Hoffmann hatte bereits am Mi twoch gemeldet, daß der Artikel des ,Berliner Tagebl.', der über eine Unterredung des Münchener Vertreters des ,Berliner Tagebl.' mit Freiherrn von Hertling berichtete, Unrichtigkeiten und Entstellungen enthalte. Jetzt meldet die Korrespondenz Hoffmann weiter:
„Wenn der Berich lerftatter des.Berliner Tagebl.' meint, den Ministerpräsidenten dahin zu verstehen, daß alle bayerischen HoheilSrechte, die sich als unpraktisch erwiesen, ruhig aufgegeben werden sollen, so beruht das auf einem nicht zu erwartenden Mißoer- ständnis. Daß bayerische Hoheilsrechle aufgegeben werden sollten oder tönnten, davon war selbstverständlich nicht die Rede.
Wenn der Berichterstatter ferner verstanden zu haben glaubte, Freiherr v. Hettling erachte daS Bestehen einer „Fleischnot' im Gegensatz zu feinem Herrn Ministerkollegen Freiherrn v. ©oben, für gegeben, habe aber, um den Minister des Innern nicht ins Unrecht zu setzen, mit dieser feiner Meinung zurückgehalien, so liegt auch hier nicht nur ein Mißverständnis, sondern offenbar eine vollständige Verkennung der Verhältnisse vor; denn die Teuerungsfrage Ist im Schoße der Regierung auf das ernsteste geprüft worden, und ebenso selbstverständlich ist es, daß die Darlegung, di« Freiherr v. Soden gelegentlich der teuerungSbebatte m der Kammer der Abgeordneten gegeben hat, di« völlig« Zustimmung sämtlicher Minister ergebe» habe. Eine Lücke des Berichts bedeutet e» hier, wenn der Berichterstatter die Bemerkung nicht wtedergab, in der Freiherr v. Hertling sich mit nachdrücklicher Entschiedenheit gegen das Schlagwort von der „Begehrlichkeit der Agrarier' gewendet hat.
Auch bi« Bemerkung, die Freiherr v. Hertling gegenüber bet Annahme des Berichterstatters, die RampfeSart bet Zentrumspresse könne dem Wtmifterprdfibenten indirekt schaden, gemacht hat, ent- Wricht nicht den tatsächlich gefallenen Aeußerungen. Der Ministerpräsident hat ein allgemein gehaltenes Urteil über bi« Zentrumsprefle überhaupt nicht gegeben, sondern nur von einem einzelnen Artikel der .Germania' bemerkt, daß er bei guter Absicht nicht durchweg geschickt rebigiert war.
AIS irrtümlich erweist sich ferner, wenn der Korrespondent beS .Berliner Tageblattes' ben Ministerpräsidenten sagen ließ, die Jesuiten würden, indem st« gegen bi« Atheisten uns Ungläubigen kämpften, Politik treiben. Hier hat ter Berichterstatter an» scheinens eigene Bemertungeu mit mißverstandenen Aktive, ungen des Ministerpräsidenten verwechselt.
$>ie angeführten Punkte erweisen, wie falsch und mißverständlich wichtige Teile der Unter» redung wiebetgegebtn worben find, die Frei» Herr v. Hertling beut anscheinend mit den Verhältnrffen in Bayern noch nicht genügend vertrauten Berichterstatter deS .Berliner Tageblattes' gewährt hat."
Nu« kau« sich bet .„Interviewer" in der glorreichen Rolle des begossenen Pudels sonnen. Was hat der Herr denn nun eigentlich überhaupt richtig verstanden? Sie Abfertigung des Mitarbeiters des „Berliner Tageblattes" ist so gründlich wie nur denkbar; sie ist für jeden Kenner der Ber- hältnffse und der vorhergegangenen Reden uitd Handlungen des Minfftrrs durchschlagend und für den Interviewer vernichtend.
Tie Interviews" sind eine besondere Spezialität der ltberaken Presse. Sie sind ihr wertvoll «ir Erzielung von „intereffanten" Arfikeln. Dian läßt tuten Mann von mehr als der landesüblichen Dreistigkeit sich an eine hervorragende Persönlichkeit herandrängen; wenn er freundlich oder kühn eist, sich auf die erbetene Unterredung einzu-
, wird er so lange ausgefragt, bis der betriebsame Inquisitor Stoff genug zu haben glaubt zu einem „sensationellen" Artikel. Das Gehörte wird tendenziös zugeftntzt, und der Ausgefragte kann noch froh fern, wenn die subjektive Färbung nur unwillkürlich auS dem Gedächtnis und der Feder des Interviewer» flicht und nicht die Wotte absichtlich »u Ungunsten de» politischen Gegners verdreht werden.
Es gehört offenbar e ne dicke Haut und eine TeÄe Stirn zu diesem Geschäftsbetrieb. Der Aus- fraget gibt der Wahrheit noch längst nicht die Ehre. In Erwiderung der offiziösen Abfertigung erklärt #r dreist: „Jedes einzeln« Wort meines Berichts halte ich im vollen Umfange aufrecht." Diese Wendung ist nicht übtL Die Wörter, welche in dem Bericht stehe«, können vielleicht sämtlich im Laufe bet Unterredung gebraucht worden sein, z. B. die Wörter „Hoheitsrecht", „Fleischnot", „nicht", „wohl", „aufgeben", „anerkennen" u. s. ro. Es kommt aber auf die Zusammenstellung dieser Wörter an, auf den Sinn der Sätze, die der Ausfrager aus ihnen bildet, und da hat der Ausfrager offensichtlich da» Gegenteil von dem berichtet, was Herr v. Hertling denkt und will, z. B., daß der Ministerpräsident bayerische Hoheitsrechte aufgeben will oder das Vorhandensein einer Fleischnot (nicht bloß einer Teuerung) anerkenne.
Gegen den Vorwurf der Auslassung von unentbehrlichen Zwischengliedern wehrt sich der Mann mit der Bemerkung» er habe überhaupt „nut das Wesentliche" wiedergegeben. Jawohl, das was er für wesentlich hielt, weil es in seinen Kram paßt; was aber Freiherr v. Hertling als wesentliche
Jeme® Gedankenganges und seiner Absichten «mflietzen ließ, z. B. den Hinweis auf das Vorwiegen
, """nstandes in der bayerischen Landwirt» Kfth™ ^ßt er fort, - weil ihm diese „langen ” seine Tendenz unbequem waren.
"^schenfall hat ja an sich keine große Be- innacn9SpHC nur ein weiteres Glied in der Ära uÄ versuchen, durch falsche Nach» IBreffe Berichte in der liberalen
zu machen yS",fteiium Hering Schwierigkeiten im Bein »u fun^ÖU£n $u erwecken und womöglich an bieier I Jfr Wir erwähnen den Vorgang Art Schulde, deshalb, weil hier eine
tntetoieroa „ JrT b,e Verwerflichkeit des ■rfonen, die Ra Sd)On oiele hervorragende -spräch einliegen ?! "»em AuSsrager in ein ««habt, um sich ihre hebe Not
^nzudichtungen^?^"brehungen und willkürliche
»u schützen. In dem vorliegenden