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39. Jahrgang.

Fulda, Mittwoch den 18. September 1912.

Erstes Blatt

** Müßige Flottenvergleiche.

Anläßlich des

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---- Neuer großer Skandal im un­garischen Abaeordnetenhanre.

* Paris, 17. Sept. 1912. Der ,Temps' erklärt, er habe von zuständiger italienischer Seile erfabten, daß der letzte türkitche Vorschlag in der Tat so laute, wie er ibm von seinem Sonderberichterstatter übermittelt worden sei. — Aus Lausanne wird dem­selben Blatt gemeldet, man bade den Eindruck, daß die Verstau di nung über die meisten Punkte des letzten türkischen Vorschlags als erfolgt angesehen werden könne.

z Die Friedensverhandlungen.

($i:,e Bestätigung der gestrigen über Paris kommenden Meldung von dein bevorstehenden Ab­schluß der Friedenspräliminarien zwischen Italien und der Türkei liegt rnsoweit vor, als nun auch ans italrenischen parlamentarischen Kreisen verlautet, die Standpunkte der Parteien hätten sich soweit genähert, daß man einen vorläufigen Ab­schluß der Friedenspräliminarien für das Ende dieser Woche für möglich halte.

Wir wünschen gewiß lebhaft, daß das Ende des Krieges nahe sein möge, aber wenn man den vor­liegenden Entwirrungsplan genau betrachtet, so blieben doch einerseits noch manche sehr schwirrige Etnzelsragrn zu regeln und andererseits ist in beiden Ländern noch eine sehr starke chauvini­stische Strömung zu überwinden. Tenn der Ver­gleichsvorschlag legl natürlich beiden Teilen be­deutende Opfer auf.

Italien soll zunächst auf die ausdrückliche, for­melle Anerkennung seines Annexionsgesetzes verzichten. Es soll sich damit begnügen, daß die Türkei die vollendete Tatsache hinnimmt, indem sie für das streitige Gebiet dieselbe zweideutige Stellung cinräumt, die für Tunis und Aegypten besteht. Diese „Zweideutigkeit" wäre an sich nicht schlimm, da die Türkei ja keine Macht hat, ihre auf dem Papier aufrechterhaltene„Souveränetät" tatsächlich geltend zu machen. Aber die Italiener sollen nicht allein auf die Anerkennung ihres voreiligen Ein- verlcibungsgesetzes verzichten, sondern auch der Türkei einen Hafen an der ägyptischen oder an ter tunischen Grenze belassen, durch den die Türkei mit dem Hin ter lande und dessen arabischer Be­völkerung m Verbindung bleiben kaim. Das bedeutet eine materielle Beschränkung der italienischen Beute. Italien soll sich mit dem Küstenland be­gnügen und das Hinterland der Türkei überlassen. Diese Zumutung hat eine gewisse Begründung für sich, da es tatsächlich den Italienern bisher nicht gelungen ist, in dem Hinterlande festen Fuß zu lassen. Aber es wird dem hochgespannten Selbst­bewußtsein der n'.obernen „Römer" schwer fallen, auf das Hinterland ausdrücklich zu verzichten. Um jo schwerer, als Italien sogar den arabischen Scheikhs, um sich deren Neutralität oder sogar

** @iue Neuregelung der Sonntagsrutze im Han­delsgewerbe ist bekanntlich geplant. Ein Entwurf zu neuen Bestimmungen ist, wie früher ein Vor­entwurf, allen beteiligten Kreisen zur Kritik unter­breitet worden. Die Beratungen im Bundesrat dürsten in nicht ferner Zeit wieder aufgenommen werden. Tenn es besteht nach wie vor dir Absicht, den Gesetzentwurf in der nächsten Tagung dem Reichstage vorzulegen. In Bezug auf die Kon­tore steht der Entwurf auf dem Standpunkt, daß die volle Sonntagsruhe, abgesehen von einzelnen Gewerbezweigen und befand eien Fällen, allgemein durchführbar ist. Für offene Verkaufs­stellen sind als Höchstmaß der Beschäftignngszeit 3 Stunden vorgesehen. Jedoch soll die höhere Ver­waltungsbehörde befugt fern, eine Beschäftigung bis zur Dauer von 4 Slundcn zuzulafsen in solchen Orten, in denen die Bevölkerung aus der weiteren Umgegend an Sonntagen ihre Einkäufe zu machen gewohnt ist.

* Der Kurs der Staatspapiere. Auf dem 4. deutschen B a n k i e r t a g e, der in München zusam- mcugetrelen ist, hielt der Hamburger Bankier Max Marburg einen Vortrag über den Kurs unserer Staatspapiere. Alle bisher vorgefchlagenen Mittel zur Hebung des Kurs’s dieser Papiere wurden vom Redner für ungeeignet erklärt. Allerdings konnte er selbst auch kein durchschlagendes Mittel angeben, sondern nur eine Anzahl kleinerer Verbesserungen und Behelfe. Die Anschauungen des Redners gipfelten in der Ileberzeugung, daß zwar Mittel zur Besserung des Marktes für Anleihen vorhanden sind, daß aber niemals Mittel angewendet werden dürfen, durch die zum Schaden vieler dem Lande notwendigen Betriebe der Kurs künstlich beeinflußt werde. Der niedrige Stand der Anleihen sei eine ganz natürliche Erscheinung und ein Produkt unse­rer ganzen Wirtschaftsentwickelung. Ein großer Teil der Versammlung teilte diese Anschauungen des Redners allerdings nicht.

Ausland.

** Ter rote Dien-tag. Die feierliche Eröffnung der holländischen Kammer fand gestern nach der üblichen Zeremoniell statt. Der königlich Zug be­wegte sich durch die Straßen, in denen eine unge­heuere Menschenmenge versammelt war, die die Königin und den Prinzgemahl lebhaft begrüßte. Nicht der geringste Zwischenfall ereigne!» sich. Mittler­weile versammelten sich die Sozialdemokraten zu ihrer geplanten Kundgebung ans der gemieteten Rennbahn, die etwa 1 Stunde vom Zentrum der Stadt entfernt liegt, in einer Anzahl von etwa 20 000 Personen. Tie Versammluugsredner sprachen lür das allgemeine Stimmrecht. Nach der V«r- sanimlnng, als die Königin bereits auf Schloß Soestijk zurückgekehrt war, versuchten Sozialisten an den Zugängen des Parlamentsgebäudes Ausstellung zu nehmen, wurde aber durch die Polizei daran ge­hindert. Als ein Teil die Absperrung durchbrechen wollte, und die Polzei verhöhnte, zogen diese blank und säuberte den Platz.

pel als auch nach der Summe der Wasserverdrän­gung gleich sei. Jetzt schon sei die deutsche Flotte der englischen fast gleich. — Hierzu führt die „Köln. Ztg." halbamtlich aus:

DaS hatbannliche russische Blatt scheint dabei ver- geflen zu haben, daß Demschtand im Verhälinis zu En st nid niemals ein auf Gleichstellung der See- krä te beider Mächte gegründetes Abkommen erstrebt hat. Es war bekanntlich England, von dem der Ge­danke an eme vertragsmäßige Begrenzung der Flolten- stärke ansgegangeii ist, bi§ man ihn auch dort als undurchführbar erkannte. Deutschland hat bei jedem Anlaß betont, daß es seine Flotte nicht mit Hinter- gebanlen gegen andere Mächte, sondern nach seinen eigenen Bedürfnissen baut Daran möchten wir die „No sija" n ch einmal erinnern.

** Tie Söhne des Königs von Spanien. In San Sebastian trat gestern eine aus Spezialärzten gebildete Kommission zusammen, nm über den Ge­sundheitszustand des zweiten Sohnes des spanischen Königspaares, des Jnfanten Jaime, zu betaien. Man koisttatierte an dem vierjährigen Prinzen hocir- gradige Schwerhörigkeit, durch die auch das Sprach vermögen des Kindes verzögert ist. Die Aerzte kamen zu der Ansicht, daß eine Besserung oder gar Heilung dieses Zustandes kaum zu er­warten ist, dagegen ist der Gesundheitszustand des Erstgeborenen des Königspaares, des Thronfolgers Alphonse, durchaus not al

** Fortdauer der Krawalle in Belfast Die auf dem Fußballspielplatze zum Ausdruck gekommenen Unruhen in Belfast dauern fort. Am Montag kam es zu tvüsten Schlägereien in Queens Island, der Werft von Harland u. Molff. Tie Behörden schickten 100 Soldaten an Ort und Stelle. Die k a= t h o li scheil Arbeiter auf den Wersten werden so terrorisiert, daß im Laufe des Tages fast alle die Arbeit verließen. Mehrere wurden schwer mißhandelt und ins Hospital verbracht Ein Polizist wurde nachts auf der Straße überfallen und ins Ge­sicht gestochen.

Deutsches Reich.

** Berlin, 17. Sept. 1912. Der Kaiser ist Dienstag moiflen an Bord der „Hohenzollein" von Wilhelmshaven nach de» Helgoländer Bucht in See gegangen, wo die Flottenmanöver wieder ihren Anfang nahmen. — Prinz Heinrich ist mit Ge- folge von Tokio abgereist, nachdem er sich am Montag von dem japanischen Kaiserpaar verab- fchiedet halte. Ter Prinz spendete eine Geldsumme fflt öie Armen Tokios. — Die Grrßherzoginwitwe «uise von Baden ist Dienstag vormittag auf dem Anhalter Bahnhof in Berlm eingetroffen. Zum Empmng war die Kronprinz«,fin Cecilie erschienen. — Der Kaiser gestattete, dsß weitere fünf chilenische vfsiziere zur Ausbildung ins deutsch« Heer ein- wen O»

+ Tie Nrichslagsersatzwahl in Schlettstadt, die mit dem Siege des dem elsässischen Zentrum ange­hörenden Dr. H a e g y endete, hat den Linkslibe- ral’tt eine schwere Enttäuschung gebracht. Bis vor

Das ungarische Abgeordnetenhaus ist gestern vormittag wieder zusammengetreten. Man erlebte dasselbe Schauspiel, das vor drei Monaten den Ab­scheu aller Freunde des Pariamentarismus erregte.

Tie unglaublicben Austritte, die die Mitglieder der ungarischen Opposition am Anfang des Som- mers bis zum Schluß der Sefiion aufführten, sind noch in aller Erinnerung. Es tobte damals der Kampf um die Wehrvorlagen, die schließlich gegen die heftigste Obstruktion derer um Justh er- ledigt wurden. Graf Tisza, der Präsident des Hauses, zwang mit starker Hand gewaltsam die Ob­struktion der Opposition nieder. Die Skandalszenen hatten schließlich sogar zu einem Revolverattentat gegen dm Grafen Tisza geführt. Der Attentäter, der Äbg. Julius Kovatsch, befindet sich noch in Haft. Er war der einzige, der gestern an der Eröffnungs­sitzung nicht teilnehmen konnte. Die Aussperrungs- verfüguugeil gegen die anderen oppofittonellen Ab­geordneten waren erloschen, und so konnte die Oppo- ---- rj.r-r.--_ k--------ein treten.

i gegenüber England. Die deutsche Presse verlange mit in das Haus, darunter Holzpritsche» und ! nämlich, daß die englische Regirrung ihr Schiffsbau- Kinderklappern, Automobilhupen und ! Programm so lange verkürzen müsse, bis die deutsche R i ck e l g l o ck e n. Der Lärm wurde nun ohrm- Flotte der englischen sowohl nach der Zahl der Wim- j betäubend. Er hat von 10 Uhr an ununterbrochen

rale Landtagskorrespondenz" erklärt, diese Nachricht sei unrichtig, es handle sich nur um eine private Angelegenheit zwischen Herrn Quidde und. dem Ge­schäftsführer des Parteiheims- Demgegenüber hält der 6-)ewährsmaim der „Südd. Natlib. Korresp." die Mitteilung voll inhaltlich aufrecht. Er fügt hinzu, daß die drei entfernten Bilder erst am Mitt­woch, den 11. September, also nach Bekcmntwerden des Artikels der „Süddeutschen Nationalliberalen Korrespondenz", auf selbständige Anordnung des Verbaudsvorsitzendcn, Landtagsabg. Schön, wieder anfgehängt worden seien.

* Prcutzisch-Siargard, 17. Sept. 1912. Bei der heutigen Landtags-Ersatzwahl im Wahlkreis Berent-Dirschau-Starg ird wurde an Stelle de? ver­storbenen Abg. Hobrccht ter Kandidat der Deutschen, Rechtsanwalt Menzel-Dirschau (nätl.), mit 334 Stimmen gewählt. Der Kandidat der Polen Probst Wroblewski erhielt 208 Stimmen.

)( Lucks schwenkt, maisch! Dr. Neumann, bet Letter der ,Natti!-. Korrespondenz' und der ,Nalio- nalliberalen Blätter' hat seine Stellung nieder- gelegt, weil er die in der Zentral!, itung dcr natltb. Partei zurzeit herrschend« Richtung nicht mehr mit seiner Ucberzeugung vertreten konnte. Der Rücktritt Neumanns ist em Anzeichen dafür, daß ter linke Flügel der Partei im erfolgreichen Vordringen begriffen ist und auch die Berliner Parteizentrale ausschlaggebend zu beherrschen unter­nimmt. Gegen Dr. Neumann war von dem linken Flügel der Nuionalllberalen in den letzten Wochen in der Preise eine zum Teil recht scharf« Fehde geführt worden.

'Sozialdemokraten als Gmtulanten bei einem Minister sind tn Deutschland wenigstens eine seltene Erscheinung und vero enen erwähnt zu ro rden. Aus Meiningen wird der ,Boss. Ztg.'geschrieben: m 3« Meiningen vollendete Stautsmimuer Dr. Rudolf Freiherr v. Zitier am 13. Sepiemdet sein 80. Lebensjahr. Der Herzog verlieh ihm ,e,n Bild, daS V.inz Ernst gemalt hat. Der Landtag ließ eme Asresse überreichen, worin der Minister gerühmt wird als das Borbikd eines xsticht.reuen und unparieiychen Staats­beamten", der eine »ganz außergewöhnliche Aibe'ts- und Spannkraft" xe;ergt habe. Die Adieff« schließt - »Di« unterzeichneten «dgeordneieu geben veehald zu- gleich mit ihrem Gtückwunich der Hoffnung Ausdruck es möchte Eurer Exzellenz bei gleicher löiperstchei Fruch« und Lebenstraft noch für lange Zeit em gedeihlickes Wirken in leitender Stelle in der iKegtetuna zum Wohl des Landes beschieven sein."

Die Ädreffe ist von 15 bürgerlichen und 7 sozial- demokratischen Abgeordneen unterschrieben.

Sieg. Das „Berl. Tagebl." z. B. jubelt: noch am Tage vor der Wahl über den bestimmt zu erwarten­den Sieg seiner Leute. Die Aussichten des liberalen Kandidaten hätten sich so gebessert, daß „eine Stich­wahl in diesem bisher so sicherem Zenirmirswahl- kreise nicht unwahrscheinlich" sei. Der „fortschritt­liche Gedanke" sei „stark im Vorwärtsschreiten be­griffen" usw. Nach der Wahbhört man das „Berl. Tageblatt" allerdings anders reden. Daß Schlett- stabt eine Verschiebung der Parteistärke bringen Werde, so schreibt das Blatt in ftincr Nr. 475, sei ernsthaft nirgends erwartet worden. Die „Vossische Zeitung" (Nr. 475) tröstet sich damit, wenn von den 4000 Nichtwahlern, die, wie gewöhnlich, zum größ­ten Teil der bürgerlichen Linken angehören (?), nur die Hälfte zur Urne geschritten wäre, würde Dr. Haegy in eine wenig aussichtsreiche Stichwahl ge­drängt worden sein. Aber da dieses „wenn" nicht cingetroffen ist, muß, tote die „Post" (Nr. 437) schreibt, „die nationale Muse trauernd ihr Haupt verhüllen, daß ein solcher Mann als Vertreter des deutschen Volkes in das Haus am Königsplatz ein» zieht und daß ?s deutsche Wähler sind, die ihn für den toürdigsten Vertreter ihres Wahlkreises halten." Dr. Haegy hat nämlich eine stark nationalistische Vergangenheit, woraus vielleicht auch das Minus an Stimmen zurückzuführcn ist. das er gegenüber seinem Vorgänger Will erhalten hat. Jedenfalls ist dem Linksliberalismus toieder einmal eine schöne Hoff­nung zuschanden geworden, wie die „Deutsche Ta­geszeitung" (Nr. 472) schreibt. Auf wenige Wahl­kreise in Südwest-Deutfchland dürfte soviel agitato­rischer Eifer vonseiten der Liberalen und Sozialde­mokraten verschwendet worden fein, wie auf diese Hochburg des Zentrums, die noch niemals erschüttert worden ist

zweimal tn den Saal zurückkehrte, wurde jedeSmal - _ :• , ! wieder von der Pvttzei hinausgedrängt. 15 Abge-

< posckwn durch wilden ordnete verließen sei lteßltch unter Führung AppoyiS eralen 8arm, belerdrgcnde Ruse, Trampeln j„iwtllia den Saat.

o ,a . »ich Bi o mm ein auf den Banken den Grafe» ! Um 8y, Ubr war der S a a l g e r ä«mt. Nach.

Kaisers, Bismarcks und Moltkcs auf persönliches > Tisza am Sprechen zu hindern, wieder durchgellte dem bau« vt Aowcsenhett der Opposition die Sitz. Erstichen des Vorfitzenden der Fortschritt, eine ohrenzerreißendeKatzenmufikd« u n z « eü ff n «t worden war, geißelte Graf Tisza ^rchen Volks Partei, Pros. L. Quidde, ent» ' Sitzungssaal. Die Opposition hat es tatsächlich auf da« Benehme» der Opposition, welche wie Gassen» 7 e r u t worden feien. Daraufhin hatte die „Libe- j diese Weife dem Grafe» Tisza stund mlaug unmog- , buben die Würde des »»VasientS untergrabt. Et

krfHrtrü täglich E Mvrnavm« der „tztz«ferttk-e,«ertrr- «Sbrricher IMWJtods ebne «rinaertehn und V«fttSg«!omSilldafs- wie austöSrts 1.50 ttlk.

vercintw. Re-akteitick schütter

woch-Micas°:„tllluftnerte§onntag;zeitU!tg

abermals und zoA sich zu einer Beratung mit Herr» v. Lukacs zurück. Wahrscheinlich sollte beschlossen werden, P o l i z e i in den Saal zu beordern, um die

lich gemacht, den Einlauf zu verlesen, und jede par-' lcimentarische Verhandlung verhindert. Während der unbeschreiblichen Lärmausttitte bekam Graf Tisza folgend’ Schmeicheleien zu hören: „Bezahlter Ha­lunke! Sie haben schon Ihren Stephansorden, was wollen Sie noch hier? Scheren Sie sich zum Teu­fel!" Roch heftiger wurde Lukacs angefaucht. Szmrec» anyi rief ihm unzähligemal zu: Betrüger! Ander; chrieen: „Verrechnen Sie die Mahlgelder! Haben Sie die Stirne, hier zu sitzen? Sie sind für alles veraittwortlich!" Mitten in dem Lärm ließ Tisza die Handschreiben über die Wiedereröffnung des Reichstags und die Einberufung der Delegationen verlesen. Als die Opposition dies bemerkte, sang sie im Chor das Kossuth-Lied. Rach zweistün­diger Tauer des Lärms trat eine Pause von z-’hn Minucen ein, dann wurde die Sitzung wieder eröff­net. Trotz des wieder einfetzenden Lärms der Oppo­sition gelang es Tisza, einige Sch rif t en zur Ver­lesung zu bringen, toas von den Stenographen ausgezeichnet wurde. Ms die Opposition dies be­merkte, eilten Abgeordnete zu den Stenographen und bliesen ihnen mit Pfeifen, Hupen und Trompeten unmittelbar in die Ohren, um sie zu verhindern, irgend ettoas zu hören. Bis 3 Uhr dauerte d’rLärrnmit unverminderter Stärke fort, worauf die Sitzung abermals unterbrochen wurde.

Um 37/2 Uhr wurde die Sitzung wieder eröffnet Tie Abgg Szluha und Frater hatten sich inzwischen in einer Instrumentenhandlung große Blech­trompeten gekauft und bliesen darauf abwech­selnd den Generalmarsch und den Zapfenstreich. Po» lonyi und Justh begleiteten sie, indem sie große Blechteller aneinander schlugen; dazwischen wurden Automobilhupen geblasen. Graf Tisza machte gar nicht mehr den Versuch, sich auch nur den Stenographen vernehmlich zu machen. Selbst der Schall der großen Präsidentenglocke ging in dem ohrenzerreißenden Lärm verloren. Nach einer Viertelstunde unterbrach Tisza die Sitzung

Jrcunbschaft zu sichern, eine beträchtliche, für teil- gtöie und wohltätige Zwecke bestimmten Tribut zahlen soll. Vermutlich wird man in Italien zum wenigsten verlangen, daß diese Zahlung als cm Geschenk betrachtet werde, das durch Anerkennung des italienischen „Protektorats" verdient werden müßte.

Dazu kommen noch zwei wertere Zumutungen «n Italien. Erstens soll es der Türkei „irgend einen Punkt vom Roten Meere" abtreten und zwei­tens der Türkei ein Darlehen von 500—600 Mil­lionen verschaffen. Die letzte Forderung klingt zwar sehr schwer, ist aber verhältnismäßig "leicht zu erfüllen, namentlich wenn die Türkei eine „unzwei­felhafte Sicherheit" geben will. Die Fortsetzung des Krieges würde ja viel mehr Unkosten machen. Schwieriger ist die „Kompensation" vom Roten Meere. Für die Türkei wäre eine solche Erwer­bung, auch wenn sie nur von geringer materieller Bedeutung ist, ossenbar sehr wertvoll, einerseits als Ehrenpflaster und andererseits als Mittel zur Beschwichtigung der arabischen Empfindlichkeit. In Italien wird aber der Gedanke, sich des beretts „annektierten" Libyen erst noch durch die Abtretung eines Stückes von Erythren erkaufen zu sollen, ge­wiß lebhaften Widerspruch wecken.

Allem Anscheine nach hoffen die italienischen ünterhändler und Minister, daß die Türkei sich von den Zugeständnissen, die sie fordern, angesici'tts des Widerspruchs der öffentlichen Meinung in Italien noch etwas abhandeln lassen werden. Im In­teresse von ganz Europa und auch im wohlverstan­denen Interesse Italiens ist dringend zu wünschen, daß es dem Ministerium Gioketti gelinge, die Volks­seele zur Besonnenheit und Mäßigung zu- rückziiführen und den Italienern klar zu machen, daß auch ein magerer Vergleich noch besser ist, als die Fortsetzung eines Krieges, der dem Lande furchtbare Lasten auserlegt, ohne die Aussicht auf einen vollen EZolg in absehbarer Zeit zu bieten-

Vielleicht toirb_ auch die Zusammenzieh- u n g der französischen Flotte in Toulon und Biserta die Italiener zu der Erkenntnis führen, daß sie ihre WchrkreZ und ihre Geldkraft noch nach anderer R i ch t u n g hin notwendig haben, toor^n unabhängige Großmacht behaupten

gedauert. Schließlich nahm der Abg. Pater ein W a ld Horn und bli’s ein vollkommenes Wald- hornkonzert. Der Abgeordnete ist als vorzüglicher Waldhornbläser bekannt. Im Saale wurde eS still. Alle Anwesenden lauschen dem künstlerischen Bor- trage. Selbst die Majorität hört zu. Als Pater fei» Konzert beendet hat, ertönt stürmischer Beifall. Danil beginnen dieLärmszenenvonneuem.

Zehn Üllinuten nach 4 Uhr erschienen ungefähr hundert Polizeibeamte unter Führung d«S Polizeioberinspektors P a w li k in den Wandelgängen. Die oppositionellen Abgeordneten, die hier versammelt waren, begaben sich nun in den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Von der Opposition wurde di« Losung ausgegebrn, sich der HinaussÜhrung durch die Polizei mit Gewalt zu widersetzen. Alle oppositionellen Abgeordneten begaben sich tn die Piitte des Saales, wo sie dickt gedrängt steher blieben und verdarrikadierttn die Zugänge mit Tischen und Ministersesseln, so daß di« Polizisten nicht vordringen konnten und in den Bankreihen der Abgeordneten Aufstellung nehmen mußten. Als man einsah, daß mit Gutmütigkeit nichts zu erziele» war, begann um 1kß Uhr die zwangsweise Ent­fernung der A bgeordneten. Jeder Einzeln« mußt« von den Polizisten au3 dem Saale getragen werden.

Em bemerkenswerter Zwischenfall spielß; sich ab, als der Obeiinspektor Pawlik zwei Poliziste» ■ ben Auftrag gab, den Abg. Samrzsany au8 de« Saale zn führen. Einer der Polizisten salutierte darauf und sagte: „Ich bitte gehorsamst, ich greif« einen unabhängigen Abgeordneten nicht an." Tie Witglieber der oppositionellen Partei brachen bei bieicn Worten in lebhafte Bravorufe für den Poli­zisten aus und der Abg. Samrzkany bestieg einen Stuhl, um den auf der Galerie Anwesenden den Vorfall zu verkünden. Ein Teil der Zuschaner brach darauf ebenfalls in lebhaften Applaus für den Schutzmann aus. Der Schutzmann wurde abgeführt.

War dann folgte, läßt sich nur schwer anschan- lich schildern. Polizeiinspeklor Pavlik erteilte der Wache mit dröhnender Stimme den Auftrag, vor­zurücken. Vier Wachleute erfaßten plötzlich den Abg. Jarmy, hoben ihn in die Luft und warfen ihn rote einen Ball dis bmauS in den Korridor, wo er bewußtlos zusammenbrach. Die Wacke drängte bann mit aller Gewalt gegen die Mitte des Sanier, wobei es zu einem vierietstündigen, furcktbar erregten Handgemenge tarn, das damit endete, daß der größte Teil der Opposition auf bi« Korridore gedrängt wurde. Die meisten davon febtten jedoch tn den Saal zurück und nahmen ihr« gewöhnlichen Plätze ei , während die Polizei die Mute des SaaleS besetzte. Im Auftrage des Prä- stdeittr» schritt dann die Pottzei zur Säuberung der Sitzreihen, wobei es abermals zu gewalt­samen Szenen kam, da oft sechs Wachleute einen Abgeordneten förmlich dinausschteppen mußten, während mehrere freiwillig den ©aal verließen. Vier Abgeordnete wurden ohnmächtig oder schwer verletzt und mußten von der R-tttungsgesellichaft in ihre Wohnungen gebracht werden. Graf Appouyt, der

raun eine cywere enttau (t;una gebracht. Bis vor ~ 7 Va"u 77 | 77? " 7 ,? T 777' „ ,

kurzem noch prophezeite die MÄtale Presse eine ! Streites zwischen England nn.d Amerika wegen des ; Ruhestörer entfernen zu lassen. Nach Der Pause

Niederlage des elsässischen Zentrums und liberalen i Pananiamnalsmacytdie ruffische offiziöse „Rostia" brachte die Opposition außer Pf erfen und Kin- -• - - — - - - v ...... der deutfchen Presse Vorwürfe wegen ihrer Haltung dertrompeten noch andere Larmg’genstande

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♦ Die entfernten Bilder. Die „Süddeutsche fition geschlossen tu den neuen Kampf Nationalliberale Korrespondenz" hatte jüngst mit- I Wieder versuchte die Opposition du geteilt, daß am Einweihungstage deS l i b 1 ' " ' ' ' “ “

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