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• Juldaer W Zeitung

2. Blatt.

vruck »«^Verlag der 5ulda«r actienbrudetel in Selbe.

wochen-Uun-schau.

[:] Fulda, 6. September 1912.

Der K a i s e r b e su ch in der S ch w ei; war vor kurzem noch in Frag: gestellt, check die csun - heil des Kaisers sehr zu wu-ffchen übrig üetz. L ireulickerweise tritt aber ra,ch eene Gerung ein, odak der Kaiser auf den Schweizer Besuch Nicht zu ver?cht-n brauchte. Während der letzten Jahre konn- ten^die Schweizer inanches Staatsoberhaupt begru-

'Kömq Emanuel HL in Brig, Kaiser Franz Joseph in Rorschach Fallisres.in Bern. Aber kei­nem dieser Besuche legen si: eine solche Bedeutung bei wie dem Wilhelms II. Und das mit Recht, rrii'm erstenmal nimmt ein auswärtiger Monarch an den großen Manöver» der Schweizerischen Miliz teil. In der Schweiz saßt man den Manöverdesuch des Deutschen Kaisers als einen Akt der Ehrung und des Vertrauens an die schweizerische Armee auf. In dieser Auffassung lassen sich die Schweizer durch jene französischen und englischen Publizisten nicht wankend machen, die die Teilnahme des Kai­sers au den schweizerischen Manövern zu einem staatspolitischen Alt zu stempeln versuchen. Die Ab­sicht, die dabei obwaltet, ist klar: Es soll beim Schweizervolk Verstimmung gegen Deutschland er­zeugt Werden. Die Schweizer aber wissen, daß das deutsche Volk und fein Kaiser die Neutralität, durch die das Schweizerland sich auf seine heutige Höhe gebracht hat, achten und im Ernstfälle auch für sie eintreten werden. Wenn die Neutralität der Schweiz überhaupt gefährdet erscheint, dann nicht durch Deutschland, sondern durch jene, die sich jetzt den Anschein geben, als seien sie so sehr besorgt darum. Der Besuch des Deutschen Kaisers in der Schweiz und seine Teilnahme an den Manövern soll von der Schweiz einmal als der Besuch des Herrschers einer benachbarten Großmacht aufgefaßt werdrn; dann aber auch als der Ausdruck der Gesinnungen, die das deutsche Volk dem Lande der Eidgenoffen entgrgen- bringt: Gesinnungen der Achtung vor dem Volke und seiner Neutralität und des Wunsches, daß die freundnachbarlichen Beziehungen zwischen Deutsch­land und der Schweiz sich ungestört weiter entwi-

tun wollen. Deutschland wird natürlich seinen treue» sten Bundesgenossen nicht im Stich lassen.

In M a r o k k o ist die Lage für die Franzosen sehr kritisch. Sie wird beinahe von Tag zu Tag ern­ster und die Unglücksnachrichten überstürzen sich. Es wird den Franzosen allmählich klar, daß die „fried­liche Durchdringung" Marokkos nicht nur viel Zett und Geld, sondern auch viel Blut kosten wird. Be­sonders im Süden.Marokkos, wo ein neuer Gegen­sultan ausgetreten ist, sind die Franzosen hart be­drängt. Obwohl schon 70 000 Mann in Marokko stehen, ist dennoch eine Truppenvermehrung drin­gend erforderlich. Die Franzosen werden vorläufig in Marokko noch genug zu tun haben, ehe sie an einen Revanchekrieg, von dem am Sedantage jen­seits der Vogesen tvieder viel die Rede war, denken können.

Tie neue amerikanische Panamakanalbill, die eine Bevorzugung der amerikanischen Schiffe be­deutet hat besonders in England viele Federn in Bewegung gesetzt. England protestiert gegen diese Bill, weil sie einen Bruch des Hay-Pauncesote-Ver- trages von 1901 in sich schließe, der bestimme, daß Handelsschifse aller Lände- gleich behandelt werden sollten. Amerika verteidigt sich hiergegen aus das Entschiedenste und weigert sich nachdrücklich, dem Vorschläge Englands, die Streitfrage dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten, beizutreten Die Ame- ! rikaner behaupten, daß die ganze Basis des Hay- Pauncefotc-Vertrages sich verschoben hätte und der­selbe daruni nicht mehr in Frage käme.

Tie Krisis in China, ist immer noch nicht bei­gelegt,' der Süden will sich mit dem Norden nicht vertragen und verständigen. Inzwischen tritt man dem chinesischen Riesenreiche auch von anderer Seite zu nahe. England bemüht sich, eine Lostrennung Tibets vom Chinesischen Staat zu erreichen, um da­mit selber Gewalt über Tibet zu erlangen. Auch andere Staaten, wie Rußland, Japan und Frank­reich haben ein begehrliches Auge auf China gewor­fen, sodaß der Schritt Englands noch verhängnis­volle Folgen für die Chinesische Republik haben kann.

dein mögen I

Die gegenwärtig herrschende Fleischteuerung wird von sozialdemokratischer und linksliberaler Seite tvieder zu einer Hetze benutzt. Die Hetze richtet sich gegen die deutsche Landwirtschaft und gegen die Zölle, die sie vor allzustarker ausländischer Konkur­renz schützen sollen. Ganz abgesehen davon, daß das i'Ävige Teuerungsgeschrei nur dazu beiträgt, die rSretse zu steigern und einen Rückgang der Preise Mntan zu halten, ist die Hetze umsomehr zu verwer- An, als die gegenwärtige Kalamität ja weniger in lHohen Viehpreisen, als vielmehr in den hohen Meischpreisen besteht. Die Monopolisierung des Biehhandels ist, wie das selbst die Sozialistenpresse gelegentlich zugegeben hat, an der Fleischteuerung zum mindesten mitschuldig. Im übrigen ist cs selbst­verständlich, daß der Futtermangel, der im verflosse­nen Jahre auf die Viehzucht so unheilvoll wirkte, auch heute noch seine Nachwirkungen verspüren läßt. Wenn die deutsche Landwirtschaft es trotzdem ver­mocht hat, doch mehr Schlachtvieh auf den Markt zu bringen als im Vorjahre, so verdient sic dafür c.lle Anerkennung.

In der auswärtigen Politik haben sich im Laufe sier vergangenen Woche keine nennenswerten Vcr- i nderungen vollzogen. Die Lage auf dem Balkan ist nach wie vor eine ungewisse und be­denkliche. Die Streitigkeiten zwischen der Türkei und den kleineren Nachbarstaaten dauern an; die Anregung des Grafen Becchtold zu einem Mei­nungsaustausch der Mäckcke hat bisher keinen äuße­ren Erfolg gehabt. Di- Mächte stellen sich dem österreichischen Vorschläge je nach ihrer Zugehörig, keit zu einem der die europäische Politik bestimmen­den Gruppierungen der Mächte freundlich oder ab­lehnend gegenüber. Oesterreich-Ungarn will seine Aktion für Herstellung geordneter Zustände in Al­banien nicht im Sande verlaufen lassen. Es hat an­gekündigt, daß es auf eigene Faust handeln werde, wenn Rußland, Frankreich und England nicht mit-

+ Frankreich im Mittelmesr.

Für Frankreich hat sich die Lage im Mittelmeer seit Beginn der italienischen Tripolisaktion nicht unbedeutend verändert. Seine Vorherrschaft im Mittelmeer wurde bisher nur von England geteilt. Nun aber will Italien, wie sein: Festsetzung in Tripolis zeigt, in ernsthaftem W e 11 b e tv e r b mit Frankreich und England treten, und Frankreich sieht seine bisherige Stellung im Mittelländischen Me:r gefährdet. Seine Politiker und Strategen beschäf­tigen sich deshalb zur Zeit lebhaft mit der Frage, wie Frankreich seine Stellung im Mittelländischen Meer im Ernstfälle verteidigen sott. Wird sich Frankreich auf sein- Verbündeten, in erster Linie England, in zweiter Linie Rußland, verlassen dür­fen? Die Franzosen verncincn das. Sie erwägen, daß, früher eine französisch-englische Angelegenheit, die Mittelmcerfrage seit 1905 zu einer hervorragend französischen geworden ist, da England nach Ab­schluß der Verständigung sein- bis dahin im Mittel- meer stationierten Schiffe allmählich mehr und mehr in die heimischen Gewässer der Nordsee zurückzog, um dem nach englischer Ansicht dort bedrohlichen Verhältnisse Rechnung zu tragen. Mas Rußland anbekangt, so ist die Flotte, die hier in Betracht käme, einstweilen noch in den Dardanellen einge­sperrt. Das wird sich auch sobald nicht ändern; denn die internationalen Interessen in der Darda- nellenfrag- sind doch noch zu verschieden, als daß so bald eine für Rußland günstige Lösung erwartet werden könnte. Frankreich muß sich daher auf sich selbst verlassen.

Wie 'muß sich nun Frankreich mit seinen Streitkräften im Mittel,neer einrichten? Ange­sehene Politiker sind der Meinung, daß die franzö­sische Flotte unter allen Umständen den vereinten Kräften Oesterreichs und Italiens gewachsen sein müsse. Zur Zeit ist sie sogar stark überlegen. In zwei Jahren aber wird Frankreich auf dem Stand-

Unpolittsche ZeiMufe.

N. Berlin, 5. September 1912.

<Nachdruck verboten.)

Bon Paris nach Berlin zu fliegen, haben neuer- di>"rs mehrere Flugkünstler versucht; aber es ist bis- ’ ^er „oh keinem gelungen, den wertvollen Preis zu pkelvinren, der für eine solche Tagesleistung ausge- Me ift. Dem einen Flieger wird hier ein Röhrchen in der Maschine undicht, dem anderen bricht dort ein Stäbchen. Es sieht fast so aus, als ob sich auf der Strecke zwischen diesen beiden Hauptstädten böse Geister in der Luft umhertrciben, die den menschli­ch if Tauben den Weg verlegen. Sind es wirklich die Geister der Rache und der Zwietracht?

Unser Kaiser ist schnell genesen und hat den ver­sprochenen Besuch in der Schweiz abstatten können. Das freut uns alle. Offenbar freuen sich die Schwei­zer sehr, denn die Berichte melden die lebhafteste Be­geisterung des Volkes beim Erscheinen des hohen Gastes. Die Schweizer haben keinen Monarchen, sondern leben in der republikanischen Regierunas- form. Sie schätzen ihre eigenartige Verfassung hoch, aber sie wissen auch di: Würde, und die Verdienste des benachbarten Monarchen zu schätzen. Und un­fern Kaiser hindert sein monarchisches Selbstbewußt­sein nicht, der Nachbarrepublik seine Hochachtung und Teilnahme zu bezeugen. Für die Staatswesen MU auch der Spruch, daß jeder nach feiner Fasson werden soll. Für die Menschen- und Lan- der Schweiz scheint ja die republikanische in kQ"utt9 ganz leidlich zu passen. Hierzulande größeren und komplizierteren Verhältnissen auAm^n bloß aus Pflichtgefühl, sondern auch liditeit unxe$Uttbeter Ueberzeugung von ihrer Nütz- fasi'umi Notwendigkeit an der monarchischen Ver- S Wir begrüßen auch mit dem Kaiser zu- aer bild-» Milizheer, das die wackeren Schwei- ieder »wahres Volk in Waffen" (denn

Waffen mit 'S1’ nimmt seine Uniform und seine folbaten nidü t1d)kmb kann aber mit Miliz- K sondern mutz seine Sol-

-a n wen gj.ens zwei Jahre lang mit Körper und

Geist in den Felddienft sich einleben lassen. Sehe jeder Staat, ivie er's treibe. Die abweichende poli­tische oer militärische Verfassung bildet kein Hin­dernis für einen freundnachbarlichen Besuch.

Frankreich ist feit 1870 auch eine Republik. Ob diese Regierungsform den Franzosen gut tut, haben wir nicht zu entscheiden. Es scheint freilich, als ob sie unter einem einzigen Landesvater besser fahren würden, als unter der Gruppe von kleinen Tyran­nen, die dort mittels Wahlkünste und Parteipolitik die Herrschaft an sich gerissen haben. Das alles würde aber kein Hindernis bilden für einen Besuch des Deutschen Kaisers in Frankreich, — wenn nur die Franzosen für eine gute Nachbarschaft Sinn hät­ten. Aber sie wollen nichts von Freundschaft und Höflichkeit wissen, obschon doch seit dem Kriege von 1870 schon 42 ganze Jahre verflossen sind. Sie wollen nicht verzeihen und nicht vergessen. Sie träumen noch immer von „Revanche" und sühlen ihr Selbstbewußtsein gehoben, wenn sie uns gesell­schaftlich „schneiden" können.

Als neulich der französische Ministerpräsident zum Besuche nach dem verbündeten Rußland reifte, wählte er den langwierigen und unter Umständen strapaziösen Seeweg, um ja nicht die deutschen Eisen­bahnen benutzen zu müssen. Das wohlüberlegte Um- gehungsmauöver gelang aber nur unvollständig. Denn in der westlichen Ostsee kreuzten gerade zu Uebungszwecken eineg anze Reihe von deutschen Kriegsschiffen, und die genierten sich gar nicht, den vorüberfabrenden Franzosen in ihrer Sprache an- zuredcn. Es wurden Frage- und Antwortflaggen gehißt, es Ivurben die reglementmäßigen Begrü­ßungsschüsse abgefeuert, der höfliche Verkehr zwi­schen Deutschland und Frankreich kam auf hoher See überraschender Weise zustanden. Die französischen Eiferer machten ein süßsaueres Gesicht, aber sie konnten nichts ändern an der Tatsache, daß Deutsch­land seine Nachbarschaft in sehr artiger Weise be­merklich macht.

Es wäre viel schöner gewesen, wenn der Herr Ministerpräsident von Paris einfach über Köln nach Berlin gefahren und dort seine Visitenkarte abgege­ben hätte. Hof und Volk tvürden ihn sehr freundlich ausgenommen haben. Ebenso den Präsidenten der

Republik, wenn der mal einen Abstecher in die Höhle des friedliche Löwen machen wollte. Und wenn alles mit Vernunft und -echten Dingen zuginge, so müßte Kaiser Wilhelm ebensogut nach Paris fahren können, wie jetzt nach Zürich und Bern. Angesichts eines solchen Besuches würden alle Friedensfreunde in der Welt ausrufen: Gott fei Dank!

Das ist leider Zukunftsmusik; denn die Fran­zosen ivollen noch nicht vergessen und verzichten. Und doch hat sich in diesen 40 Jahren ganz deutlich ge­zeigt, daß Frankreich auch ohne die zwei verlorenen Provinzen seine Stelle als Großmacht rühmlich aus­füllen, ja fogar feinen Kolonialbesitz in verschiede­nen Erdteilen ungeheuer vergrößern konnte. Ein fachliches Bedürfnis nach Wiedereroberung liegt nicht vor. Nur der verletzte Stolz, das empfindliche Ehrgefühl, das Riihmesbedürfnis drängen nach „Rache". Ein Sprichwort sagt: Rache sei süß, aber das ist nur aus dem verblendeten Sinn des Zorni­gen gesprochen. In Wirklichkeit ist die Rache sauer, lästig und gefährlich. Der französische Rachetrieb verschlingt furchtbare Opfer an Geld und Schweiß, — ohne daß etwas Reelles dabei herauskommt. Welch' eine Erleichterung wäre es für die Fran­zosen und nebenbei auch für uns, wenn man dort zu Lande endlich sagte: Schwanuu drüber! Lassen wir das Vergangene ruhen; was vierzig Jahre be­standen hat, mag weiter bestehen. Vertragen wir uns und lüsten etwas den schweren Rüstungsrock!

Ja, das wäre vernünftig; aber auch tut 20. Jahrhundert ist trotz aller Lobgesänge auf di» Kul­turfortschritte die Unvernunft noch der stärkere Teil. Nicht bloß im öffentlichen Leben, sondern auch im Privatleben. Ehe wir pharisäisch aburteilen über die unversöhnlichen Franzosen, wollen wir lieber uns selbst die Gewissensfrage stellen, ob wir denn zum Verzeihen, Vergessen und Verzichten so schnell bereit sind. „Schwamm drüber!" rufen wir gern anderen Leuten zu; doch wenn wir selbst gekränkt sind oder einen Schaden erlitten haben, dann greifen wir nicht gern nach dem auslöschenden Schwamm, sondern mästen unfern Groll und spähen nach einer Rachegelegenheit. Die Predigt von der Feindesliebe gehört leider zu denjenigen Sittenlehren, die nicht recht in das Fleisch und Blut der Christen üb:r-

punkte der Gleichheit angelangt sein, Ende 1916 wird die französische Flottenstarke verhältnismäßig weiter gesunken fein. Im Jahre 1920, dem Datum der Vollendung des gegenwärtigen französischen Flottenprograinms, werden nur 28 französische Panzerschiffe, 34 ausländischen gegenüberstehen. Als Frankreich Ende 1909 sein Flottenprogramm vor­bereitete, wußte es von Oesterreichs Absichten so gut toi: nichts, und die italienische Anstrengung stak kaum in den Anfängen. Auf diese veränderte Lage ' der Dinge glaubt man in Frankreich mit einer. Aenderung des Flottenprogramms antworten zu müssen; ein Gesetz über den Flottenbestand, so sagt man, könne nicht stark und unantastbar fein, fondern müsse entsprechend der Entwicklung der wetteifernden ausländischen Marine abge­ändert werden. Für 1920 habe Frankreich also 6 Panzerschiffe mehr nötig. Für jedes der Jahre 1913 bis 1918 müßte also auf einen Ergänzungsbau Bedacht genommen werden. Das wäre eine ganz bedeutende Anspannung der Kräfte, und es fragt sich, ob das französische Parlament bereit ist, so schwere finanzielle Opfer zu bringen.

Während diese Maßnahme mehr in der Zukunft liegt, schlägt man für die Gegenwart eine andere vor: Konzentration der Streitkräfte int Mittelländischen Meer. Zur Zeit hat Frankreich feine 12 neuesten Panzerschiffe und seine 6 besten Panzerkreuzer im Mittelländischen Meere. Sie bil­den dort eine erste Kriegsflotte und eine Macht von erster Stoßkraft, die sich in ständiger Bereitschaft befindet und dem aktiven italienischen Geschwader weit überlegen ist. Aber gegen die österreichisch-ita­lienische Gesamtmacht würde sie nicht genügen. Des­halb wird erwogen, ob das in Brest liegende Ge­schwader von acht älteren Panzerschiffen nicht nach dem Mittelmeer zu verlegen sei. Man ist der An­sicht, daß das Geschwader in Brest ebenso unnütz sei, wie es englische Panzerschiffe in Malta sein wür­den Es bleibt nun abzuwarten, wie man in Frank­reich diese Pläne zur Tat werden läßt. Gewöhnlich pflegen die Franzosen ihre Flotte sehr zu über­schätzen.

Deutscher Keich.

* Die Großstädte zehren, schreibt zutreffend Dr. Derlei in bet „Deutschen Tagesztg.", nicht nur am Körper des Volkes, sondern auch an seiner Seele. Sie hemmen nicht nur die lebenzeugende Kraft, sondern sie zerstören auch das Leben selbst. Wie« viele werdende Menschen, vor denen die Zukunft verheißend lag, sind nicht im großstädtischen Sumpfe versunken und ertrunken! Wenn man den Lebens« gang aller derer verfolgen könnte, die sich aus dem heimatlichen Wurzelbodcn draußen loZgerissen haben und in die lockenden Riesenstädte abgewandert sind, dann würde man Erschütterndes, Unheimliches und Unseliges in Mengs erfahren. Die Großstadt frißt am Lebensmarke und an den Seelen. Viele, die sich von ihr haben locken und belügen lassen, gehen im Stendel unter; andere verkümmern seelisch und körperlich; verhältnismäßig wenige finden den Heimaipsad ivieder, der ihnen vielleicht noch Ge­nesung verschafft. Das sind alles Dinge, die die Spatzen von den Dächern der Großstadthäuser pfeifen; in jeder Gasse, in jedem Hoswinkel kann mau die entsetzlichsten Spuren dieser vernichtenden Großstadtkullnr beobachten. Je größer die Menschen« hausen werden, um fo leichter kann man darin verschwinden und verkommen. Je maffenhafter die Menge sich staut und drängt, um so geringer wird der Halt für den einzelnen. Und wer diese Diirge mit sinnender und fühlender Seele betrachtet, der soll die Fcage für müßig halten, ob die Groß« stadt ein Segen oder Unscgen sei?

% Wo sitzen die Hetzer? Vom evangelischen Deutschen Reich hat auf der 62. Jahresversamm­lung des Osnabrücker Hauplvereins der Gustav- Adolf-Stiftung Pastor Mcqcr (Hasbergen) geredet. Er faßte nach der.Osnabrücker Zeitung', die diese Worte im Sperrdruck wiedergibt:

„Fröhliche evangelische Siegeszuversicht gegenüber Nom mit seinen Jesuiten, die heute stärker denn je an die Tore des evangelischen Deutschen Rei­ches klopfen."

Wir verzichten darauf, auf bie brutale, an* maßende und kränkende Bemerkung vom toangeb* scheu Kaisertum gebührend zu antworten. Die Ka­tholiken, die Ohren haben, zu hören, kennen und verstehen diese Sprache. ES ist nur sonderbar, daß Sie fröhliche Siegeszuversicht des Herrn Meyer untzs feiner Gesinnungsgenoffen an das brutalste Faust«: recht gegen bie Jesuiten sich anklammert und durchs eine kindifche Furcht vor den Jüngern Loyolas ge» ‘Tübt wird.

--- Bald s» — bald so. Für gewöhnlich lieft man in der sozialdemokratischen Presse, daß e$ lediglich unsere Schutzzollpolitik sei, die bl* Preise für die landwirtschaftlichen Produkte in die Höhe treibe. Damit vergleiche man folgende Stellt (,Leipziger Volksztg/ Nr. 194):

Es sind im letzten Jahrfünft die ©ekeibepretfe sowohl wie die Preise für Fletsch und Molkereiprodukte, im Steigen begriffen, und es herrscht durchauß, begründete Anssich t, daß auch in den nächst« Jahren diese Preissteigerung noch an dauern rotre^ Die Gründe für diese Erscheinung liegen klar zutage». Es handelt sich um die Erschöpfung des jung* fräulichrn Steppenbodens in den Vereinigtes Staaten und die ungenügende Entwickelung der Ver* kehrsmittel, vor allem der Eisenbahnlinien, in den, übrigen Steppenländern (Kanada, Argentinien, Klein«! asien usw. Hinzu kommt eine wesentliche V erteue» rung der Frachten, weil sowohl die amerikanischen Bahnen als die Transportschiffe trn Besitze monopo­listischer Untcrnehmergefellschasten sind.

Hier sind es also natürliche Gründe, die für bie Preisentwicklung bestimmend sind. Morgen, kann man tn der sozialdemokratischen Presse wieder finden, daß es lediglich bet Schutzzoll sei, der als Sündenbock für die Preissteigerung in Betracht' kommen könne. Heute so, morgen so! Und eint’ folche Presse erhebt noch Anspruch daraus, ernst,' genommen zu werden.

* Stuttgart, 6. Septbr. 1912. Der Verein btt. deutschen Eisenbahn-Verwaltungen hat in der fteit vom 4. bis 6. September dahier seine alle zwei Jahre stattfindende Hauptversammlung, abgehalten. Die Bedeutung dieses Vereins geht, daraus hervor, daß in demselben außer bee Eisen-, bahnen des Deutschen Reiches und der Bundesstaate»^ auch die größeren Privatbahn - Verwaltungen der österreichisch-ungarischen Monarchie, die eleberlänbt* scheu und die luxemburgischen Bahnen, die rumänst fchen Staatsbahnen und noch einige fremde Bahnen, zurzeit namentlich die Warschau-Wiener und ein^ kleinere belgische Bahn, vertreten find»

Ausland.

*• Unstimmigkeiten zwischen Dänemark und Island. Die zum Teil sehr ernsten Unstimmigkeiten zwischen der dänischen Regierung und Island, welche» ein« völlige Trennung von Dänemark anftrebt, scheinen durch die feste Haltung des Königs ihre bedrohlich«^ Stütze verlieren zu sollen. Der isländische Minister Hofstein tritt dafür ein, einen von dem König vor« geschlagenen Verhandlungsweg zu beschreften. Er hofft, daß der besonnenere Teil der Isländer seinem Rat sich anschließen wird.

* Der neue englische Ueberdreadnought. Nach Londoner Zeitungen beginnt die Admiralität im November den Bau eines neuen Ueberdreadnought», der größer als alle seine Vorgänger sein wird. Der Tonnengehalt soll 30000 und die Länge 700 Fuß betragen. Für die Bestückung werden zum ersten» malvierzehnzöllige Geschütze verwendet. Di« Turbinen sollen dem Schiff 29 Knoten Geschwindig­keit geben.

** Lynchjustiz an englischen Frauenrechtlerinnen. Al» der Schatzkanzler Lloyd George auf der Ver­sammlung des wallisischen nationalen Eisteddfod zu Wrexham eine Ansprache hielt, wurde er von Suffragetten fortwährend durch Zwischenrufe: „Warum geben Sie den Frauen nicht ihr« Rechte?*, „Wie können Sie sich erfrechen, Frauen zwang»-' weise zu füttern?' usw. unterbrochen, so daß ihm, eine zusammenhängende Rede unmöglich war. Ein«' Frau nach der anderen und auch ein Mann wurden^ unsanft hinauSgeworfen. Draußen wurden sie von der Volksmenge schwer mißhandelt. Fast f5mt* liche Kleider wurden ihnen vom Leibe gerissen, und

gehen wollen. Und wenn einer auf den Rachever­such verzichtet, so wird es ihm meistens doch noch höllisch schwer, mit seinem Gegner wieder in ehrli­cher Freundlichkeit zu verkehren, als ob nichts ge­schehen wäre. Der Schwamm wird selten so gründ-' sich gebraucht, daß auf der Tafel nichts mehr von der alten Rechnung stehen bleibt. ;j

Und doch ist die Parole „Schwamm drüber" nicht bloß christlich, sondern auch vorteilhaft für das irdische Leben. Der Mensch, der nicht vergeben und vcrgcfsen kann, verfalzt und versauert sich sein Da­sein durch andauernden Aerger. Er hat eine Wunde davongeteagen und kratzt nun in feiner Unversöhn­lichkeit fortwährend an dem Schorf herum, sodaß die Wunde nicht heilen kann. Er verdirbt sich sein: gute Laune, seine Seelenruhe und vielfach sogar seine Gesundheit durch die stete Erinnerung an die Krän­kung, und diese Selbstquälung bringt ihm gar nichts ein. Im Gegenteil: Der Unversöhnliche setzt das Werk seiner Gegner fort. Wenn dir jemand ein Messer in den Arm gestoßen hat, so mu^t du es ver­nünftigerweise doch schleunigst herausziehen. Der zähe Groller aber handelt umgekehrt: er drückt die Waffe, die ihur die Seele geritzt hat, noch tiefer hin­ein, statt sich durch einen resoluten Entschluß zum Verzeihen und Vergessen von ihr zu befreien.

Schwamm drüber! Wenn andere Leute den Schwamm der wohltätigen Vergeßlichkeit nicht hand­haben wollen, so ist das ihre Sache. Wir für unfern Teil wollen lieber dieses nützliche Gerät stets zur Hand haben. Und dabei brauchen wir gar kein pharisäisches Gesicht aufzusetzen. Wir sind auch kein« Engel, sondern wir sagen und tun manches, was an­dere Leute ärgert oder benachteiligt. Wenn die alle unversöhnlich und rachsüchtig sein wollten, so könnte es uns recht schlecht gehe». Das Verzeihen und Ver­gessen beruht tmter den Kindern Adams auf Gegen­seitigkeit, und am meisten wird der liebe Gott zum Verzeihen in Anspruch genommen. ■>

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir ver­geben unfern Schuldigem!" Wenn man nur immer den gewichtigen Inhalt dieser Worte recht bedenke» wollte, so oft man sie ausspricht!