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Fulda, Samstag den 7. September 1912.

Erstes Blatt

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Der Schweizer Reise des Deutschen Kaisers Wid­mer man in I t a l i e n ganz besondere Aufmerksam­keit. In letzter Zeit hatte die italienische Presse Deutschland gegenüber nicht selten eine recht un­freundliche Haltung eingenommen. Um so angeneh- urer muß jetzt die Art und Weise berühren, wie füh­rende italienische Blätter sich über die Schwerzer Reise des Kaisers äußeyi. Sie sticht auffallend ab von den Gebaren gewisser französischer und engli­scher Publizisten, die versuchen, Mißtrauen in der Schweiz gegen Deutschland zu säen. Die politisch einflußreiche alte Mailänder „Perseveranza" sagt, dem Besuche liege die Absicht wirrer Ehrung des Schweizer Volkes zugrunde, und er bezeuge die Hoch­achtung und Neiaung des Kaisers für einen Nach­barn, mit dem Deutschland die herzlichsten Be­ziehungen unterhalte. Tie Schweizerreise des Kai­sers erinnert die „Perseverenza" an die früher Deuffchland zugeschriebenen Eroüerungspläne gegen die Schweiz und Holland. Würde auch nur noch der blasseste Schatten eines derartigen Argwohns übrig geblieben sein, so würde heute das Schweizer- volk gewiß nicht mit einer so aufrichtigen Freude den kaiserlichen Gast begrüßen. „Die Politik Kaiser Wilhelms ist/' so schließt das groß: Mailänder Blatt, „eine Politik des Friedens, der Beobachtung der Verträge und der Achtung vor der Unverletzlichkeit und Neutralität der Deutschland be­nachbarten Staaten, die sich ihrerseits sicher fühlen, wenn sie auch für diese Sicherheit selber Sorge tra­gen helfen, vielleicht gar iu übertriebener Weise, wie wir dies hinsichtlich der Schweiz gegenüber Italien behaupten möchten

teren wurden Resolutionen gefaßt von beiden Ta­gungen zugunsten der christlichen Gewrrk- schäften und gegen die sozialdemokratischen und gelben Gewerkschaften.

Von Bedeutung ist ferner eine Resolution gegen das Jesuitengesetz, in der die Delegierten die „unge­hinderte Freiheit für die katholische Kirche um so nachdrücklicher reklamieren, je mehr sie besonders in den Großstädten tagtäglich mit eigenen Augen sehen, wie dringend notwendig die Entfaltung aller Kräfte der Kirche geboten ist, um das Volk vor den Berbeerungen der großstädtischen Unsittlichkeit und Korruption und vor der sich immer offener und ge- Waltsamer breit machenden Umsturzbewegung des Atheismus, Sozialismus und Anarchismus zu be­wahren."

Von besonderer Bedeutung für den Ausbau der Vereinsarbeit im besonderen wie für Erhaltung des religiösen Geistes erscheint uns eine Entschließung, die zur Zuwanderungsfrage angenommen wurde. Sie lautet: „Bei der großen Binnenwanderung in Deutschland ermahnt der Verbandstag auf das nach­drücklichste, die vom Katholikentage in Aachen ge­forderte Ueberweisung der abziehenden Mitglieder durchzuführen und die Zugezogenen unter Mithilfe des Vertraurnsmännershstems, das im kleinsten Verein eingeführt werden muß, für die Bewegung zu gewinnen." Alles in allem kann man sagen, wurde in Gmünd intensive Arbeit geleistet, Arbeit im Sinne des Frankfurter Kongresses des Kartell­verbandes katholischer Arbeitervereine Deutschlands, der auf eine immer größere Systematisierung und Zentralisierung der katholischen Standesvereine hin- drängt. Dazu kann man nur Glück und viel Erfolg wünschen.

der Monarch durch Händedruck vom Buudespräs^ deuten Forrer, dem Bundesrat, der deutschen Ge­sandtschaft, den Herren der Gesandtschaft, den übrigen Delegationen und vm deu chm bngegebenen Cffiiieren Von weitem salutierte und dankte der «aller noch lange zum Abschied. Um 9.3o Uhr üÄ der Hofzug ^unt-r den Klängen der National. Hymne und Salutschüssen über Zürich nach Schaff. Hausen, wo der Hoszug nm 2 Uhr nachts emtraf und bis heute 8 Uhr stehen blieb. Dann fuhr er nach Konstanz, von wo aus der Kaiser die Gelegen- heit zu einem Besuche der Großherzogin Luise von Baden auf der Insel Maiuau benutzen wird.

= Die Schweizer Kaisertage.

Nach einstündigcm Besuch des Landesmuseums in Zürich hat der Kaiser gestern um N Uhr 57 Mm. tne' Fahrt nach Bern angelreleu. . Vom ^andes- museum ging der Kaiser^zu -zuf; nacy dem Bahmiof. Der Kaiser dankte dem «staatspiaiidentcn ictebcroolt füt di« herzliche Aufnahme, die er in Zürich gefunden habe und spendete 5000 Mk.fürdie Züricher Armem

Im Bundespalais m Bern besichtigte der Kaiser den National- und Ständeratssaa. und luhr dann unter dem Jubel einer ungeheuren Menschen menge nach dem Münster, wo »ym eme R p duktion des projektierten Reformatwnsdcnkmals, sür das der Kaiser 10000 Mk. gespendet tat, wragüjrt

Äffe « SSASASiS winen Mitteln bestreiten werde. Nach einer halben Stunde verließ ec das Münster und fuhr nach dem Berner Hof. Nm 41/» Uhr begab sich der Kaiser m der deutschen Gesandtschaft, wo stch d:e Spitzen der deutschen Kolonie eingesunden hatten. Im Garten der Gesandtschaft begrüßte er die deutschen Rtieaetoereine. Nachdem die Krieger ein dreifaches Hurra auf den Kaiser ausgebracht hatten, führten ne einen Parademarsch aus. Viele der alten Krieger, besonders die mit' Kriegsauszeichnungen, wurden vom Kaiser angesprochen. Darauf wurde in den Räumen der Gesandtschaft der Tee eingenommen. Nm 6 Uhr empfing der Kaiser im Berner Hof die akkreditierten Chefs der Gesandtschaften.

Hieran schloß sich das Festmahl im „Berner ßof". Die Tafel zählte 85 Gedecke. Der Bundes- Präsident Dr. Forrer begrüßte den Kaiser in einer herzlichen Ansprache, worin er hervorhob, daß die Schweiz stch ungetrübt freundschaftlicher Be­ziehungen zu allen Nachbarstaaten erfreue. Diejenigen mit dem Deutschen Reiche seien die umfangreichsten. . .

Das erste Mal seit der Durchreis« tm Jahre 1893 wellt das Kaiserlich« Oberhaupt des Deutschen Reiches wieder unter uns. Wir erblicken in diesem glücklichen Ereignis, so betont« der Redner, den zuverlässigen Beweis, daß auch deutscherseits der entschieden« Wille besteht, die Bande der Freundschaft mit uns immer enger zu lnüpsen. Hierfür und insbesondere sür dr« überaus freundliche Gesinnung, die Eure Majestät bei jeder stch bietenden Gelegenheit sür die Schweiz an oen Tag legen, sprechen wir bei dem heutigen feierlichen Anlaß unseren tiefgefühlten Dank aus. Jnsbesonders erfüllt er unS mit Genugtuung, daß Eure Majestät unserem Wehrwesen so sympathisches Jnrerene «ntgegenbringen. Wir besttzen den bestimmten Vorsatz, unsere Unabhängigkeit gegenüberiedem Angnste auf dieses unser höchstes Gut zu schützen und> unsere Neutralität gegenüber jedem, der sie nicht respektiert,. zu wahre». Ein notwendiges und zweckdienliche- Milte, hierzu bildet eine mächtige und schlagfertige Armee. UnS eine solch« zu sichern, ist eine unserer vornehmsten Staatsausgaben, für deren Erfüllung wir alle Kräfte

Deutsches Reich.

)( Bundesrat und Flrischteuerung. Neber die Fleischtcuerung sind laut „Landeszeitung für beide Mecklenburg" dem Bundesrat eine groß- Anzahl von Eingaben aus allen Teilen des Reiches zuge­gangen. Der Bundesrat wird sich mit diesen in einer seiner nächsten Sitzungen befassen.

+ Erhebungen zur Durchführung des HaukarbeitS- gesrheS find vom Reichsamt des Innern im Gebiet der thüringischen Hausarbeit veranstaltet worden. Bekanntlich ist der Teil des Hausarbeitsgesetzes, der sich auf die Verpflichtung zur Auslage von Lohn« Verzeichnissen ober zum Aushängen von Lobntaseln bezieht, noch nicht in Kraft gesetzt, weil zunächst die- jenigeu Gewerbezweige und Betriebsarten festgestellt werden sollen, für welche auf Antrag Beteiligter Ausnahmen von der Verpflichtung gewährt werde,l können. Zur völligen Klarstellung aller in Frage kommenden Einzelheiten wurde mit Fabrikbesitzern, Meistern und Hausarbeitern verhandelt.

O Verbesserung der Lohnbezügs der Elfenbaha- Sedientesten. Die Effcnbahuverwaltung hat in einer neuen Verfügung vom 23. August bestimmt, daß den am 30. Juli d. IS. oder später in den Staats­eisenbahndienst neu eingetretenen oder eintretcnden Arbeitern, die ihrer Militärpflicht vor dem Eisen­bahndienst genügt haben, die gesetzliche Militär­dienstzeit aus das Lohndienstalter anzurechnen ist, wenn sie sich während oder sogleich nach be­endeter Militärdienstzeit um Beschäftigung im Eisen- bahndienst beworben haben. Auf die bereits vor dem 30. Juli d. Js. eingetretenen Arbeiter, die ihrer Militärpflicht vor dem Eintritt in den Eisen- bahndienst genügt Haden, findet diese Bestimmung keine Anwendung; ihr Lohndienstalter ist nut jür den Fall zu verbessern, daß sie nicht durch später bei derselben Dienststelle eingetretene Arbeiter, die unter die neue Bestimmung fallen, im Lohn über­holt werden.

~ Aus dem nationallibrralen Lager. Das

behaupten möchten. Denn gleich ermaßen wie cs absurd ist, Deutschland Absichten auf die Schweiz zuzuschreiben, so ist es dies im Hinblick aus Italien. Jedenfalls ist der Besuch Kaiser Wilhelms sür die Schwei; ein Beweis seiner loyalen Absichten gegen diese, sowie der warmen und aufrichtigen Freund- schaft Deutschland und seines Herrschers für das helvetische Land und Volk derart, daß die Kaiser­reise eine noch größere Intimität der beiden Staaten und Völker zum Ergebnis haben inuß. Darin wird auch sür Italien das erfreuliche Moment an dem Besuch des Deutschen Kaisers in der Schweiz be­

sehenen Gelehrten Gelzer, der di« Orden nicht bloß vom Hörensagen und auS Hintertreppenromane» kannte, sondern auf seinen archwalischen Forschung reisen reiche Gelegenheit gehabt hat, das kathonsita Ordenswesen kennen zu lernen, pnb«t sich der köst­liche Aussatz „Pro monachis“. In mannhafter Gesinnung wendet sich Gelzer gegen die brutal» Vergewaltigung der Orden durch die Manner d«4 Aufklärungszeit mit ihren lächerlichen Polizei schikanen. Gelzer schreibt:

„Ueberhaupt sollen wir uns allmählich klar toeiben,. daß die engherzigen Staatsgesetze, welch« die Kloster», gemeinschaften teils streng bevormunden, teils unter-' drücken wollen, einer vergangenen Epoche <mge- hören. Sie entstammen der Periode des aufgeklärte» Despotismus, der Zeit eines Pombal, eine» Arnada, eines Joseph II. Die bei allem RadikaliS- mus oft recht altfränkischen Schweizer sind ber liebes» zeugung, mit ihrem Jesuitengesetze Großes geleistet zu haben. Jedenfalls aber hätten sie einem Kultur- staate wie Deutschland nicht als Vorbild' dienen sollen, und der Deutsche Bundesrat könnte Besseres tun, als entgegen dem ausgesprochenen Wil­len der weit überwiegenden Mehrheit der Volksver. tretung den Damm gegen „die furchtbare Gefahr bet, schwarzen Internationale" immer noch aufrechtzuer- halten. Meint man benn wirklich bie Fortschritte de« Ültramontanismus hemmen zu können, wenn ma» ein paar der Gesellschaft Jesu angehörenden deutsche Staatsbürger von dem Betreten des Heimaibod«»» abhAt? Solche homöopathischen Polizeimittelchen finV eines großen Staates unwürdig; sie ent­sprechen nicht dem modernen Staatsbegriffe, welche^ eine freie und ungehinderte Bewegung feiner Staat»» bütger in den Grenzen der Ordnung und guten Sitte, erzielen will. Die Klosterfeindlichkeit ist ein Heber» bleibsel aus den verschwundenen Tagen der Auf. Hüning. Aber der größt« Genius jener Epoche hat erklärt, daß in seinen Staaten jeder nach feinet Fasson selig werden dürfe, und hat diese« Wort auch zur tatsächlichen Wahrheit gemacht. Es toirb nickst Deutschland Schaden fein, wenn e« da« Andenkest des großen Friedrich auch nach diefer Seite hi« heilt» hält" (S. 176).

So urteilt ein deutscher, wirklich vor»«hm denkender protestantischer Gelehrter über die StellvUG, Deutschlands mit seinem Jesustengesetze, diesem vorsündflutlichem Zustand: Deutschland i» bet Weit hintendrein! ,

& Mimchm, 6. Sept. 1912. DaS Finanzmini, sterium beantragte bei der Kammer der Abgeord­neten einen Kredit von drei Millionen als erst» Rate für di« Maiakanalisation von Ha»»» nach Aschassrnburg. — Di« bayerisch« Ad. Seordnetenkammer hat heute nach zweitägiger Der», andlung die Einführung des Unterstützu««»^ Wohnsitzes mit großer Mehicheit gegen bte, Stimmen der Sozialdemokraten und einer Teilet der Liberalen angenommen. Seit 1871 hat Bayer» an seinem Reservatrecht des eigenen Heimatgesetz^,. nach dem die Heimatgemeind« allein unterstütznugH», pflichtig ist, festgehalten.

Organ der Pommerscheu Ncckionalliberal-n, die „Pommersche Rundschau", wird vom 15. September ab als Halbmonatsschrift in einer Auflage von 15 000 Stück erscheinen. Der Vorsitzende der natio­nalliberalen Partei Pommerns, Geheimrat Lude­wig, begründet diesen Entschluß u. a. damit, daß die „Nationalliberale Korrespondenz" in den letzten Partnstreitigkeiten versagt habe. Zu dieser merk- würdigeu Begründung schreibt die „Süddeutsche Nationalliberale Korrespondenz" unter der Spitz­marke „Der Fuchs ist aus dem Loch": Damit ist der Zweck der Gründung mit einer geradezu zyni­schen Offenheit gekennzeichnet: Die Bekämp­fung des altnationalliberal. Reichs- Verbandes um jeden Preis. Interessant für weitere Kreise wird es sein, zu erfahren, wer im wesentlichen geneigt ist, dem schätzenswerten pom- merschen Unternehmen seine Unterstützung durch Mitarbeit zu leihen. Ta finden sich in trautem Verein die Herren Bassermann, Beck, Arning, Cas- selmann, Junck, Roland-Lücke, Metger, Marwitz, von Richthojen, der früher- freikonservative rote Prinz und die unvermeidlichen Wachhorst und Wamhoff. Mit diesen Namen ist die Richtung, bie da am Werke ist, genügend gekennzeichnet. Es sind ausnahmslos die Vertreter des linken Flügels. Be­sondere Erwägung verdient noch ein Passus aus dem Schreiben des Herrn Ludewig an die führenden Parteifreunde, wo betont wird, daß Herr Dr. Strr- semann der Sache sein besonderes Interesse ent­gegenbringe. Der kundige Thebaner wird wissen, daß hier statt „Dr. Strcsemann" richtiger „der H a n s a b u n b" zu lesen ist. Und daß Herr Dr. Stresemann nicht umsonst in dessen Direktorium sitzt, beweist die Tatsache, daß die neue Gründung bereits mit 50 000 Mark finanziert ist.

□ Die Rvbniker Duellforderung. Die „Bres­lauer Zeitung^ bestätigt, daß Hauptmann K a m m- l r r, der heute noch dien st tuender Offizier ist, vom Ehrenrat veranlaßt wurde, Amtsrichter Knittel eine Fordermtg zuzustellen. Den Beteilig­ten fft strengste Verschwiegenheit, auferlecst. Drr gesamte Presse ohne Ausnahme der Partei verur- tettt das Vorgehen des Ehrenraws.

♦ Ein protestantisches Urteil über bas Zcftlitru» grfetz. In d« .Kleinen Schriften* her, hochange-

△ Zwei bedeutsame Tagungen innerhalb der christlich-nationalen Arbeiterbewegung fanden in der letzten Augustwoche in der württem- bcrgischen Stadt Schwäbisch-Gmüiid statt: die Kon­gresse des Verbandes süddeutscher katholischer Ar­beitervereine und des Verbandes süddeutscher katholischer A r b ei t e r i n n e n v e r e i n e, die zu- sanimen über 120 000 Mitglieder zählen, wovon auf bei» im Jahre 1891 begründeten Arbeiterver­band allein 100 000 Mitglieder treffen.

Die Arbeiterin nenbewegung ist noch jüngeren Datums, aber auch sie beginut sich in Deutschland zu festigen, wie die Tage von Gmünd bewiesen.

Beide Verbände befaßten sich mit dem so wich­tigen und in der Zukunft immer ernster werdenden Problem der F r a u e n f r a g e. Bei den Arbeitern lautete das Thema: Arbeitervereine und Frauen- frage, ivährcnd die Arbeiterinnen mehr ins Spe­zielle gingen und auf ihrer Tagung das aktuelle Thema: Die Frau im Handwerk behandelten. Drei Referenten, darunter eine Frau, sprachen auf dem Arbeiterlage, zwei, darunter wieder eine Frau, auf der Arbeiterinnentagung. In beachtenswerten Leit­sätzen itnb Resolutionen wurde der Inhalt der Re­ferate herausiriftallistert: Zusammenschluß der er­werbstätigen Frauen in katholischen Standesver- cincn, gegenseitige größere Fühlungnahme dieser Vereine untereinander, Verbindung von Arbeiter­vereinen und Arbeit-rinnenvereinen zu größerer Schlagfertigkeit unter Wahrung der vollen Selbst­ständigkeit. Auf dieser Grundlage ist eine plan­mäßige Agitation zugunsten der Frauen in allen Berbandsbczirken zu entfalt m.

Die Arbeiterinnenvereine werden nun, so hat ihr VerbandZtag beschlossen, in eine planmäßige Werbearbeit unter den Handwerkerinnen (Schnei­derinnen, Modistinnen usw.) eintr?ten und die Ver­einsarbeit in manche« Dingen auf diese Berufs­kategorie ausdehnen. Nachdem diese handwerks­mäßigen Arbeiterinnen sehr unter den ungünstigen fachlichen Ausbildungsverhältnissen zu leiden haben, »st vor allem eine bessere Berufsbildung das er­strebenswerte Ziel, nicht nur vom Vereinstech- nischen, sondern auch vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus. Zu diesem Zwecke soll an die Schaffung von Berufsberatungsftellen für Eltern und Vormünder gegangen und eine Lehrstellenver- mittlung ins Leben gerufen werden, ferner durch Kurs- und Vorträge die Liebe zum Handwerk ge­weckt, finanzielle Besserstellung aus Grund guter Lehrplätze erstrebt, zur Ablegung von Gesellen- und Meisterprüfilngen angeregt und sittliche und mora­lische Festigung und Ertüchtigung des ganzen Stan­des erzielt werden.

Eine Resolutwn, die zu diesem Gegenstände von dem Arbeiterinncntage angenommen, ersucht die Zentrumspartei des Reichstages, dahin zu wir- ken, daß für das Wahlrecht der Frauen bei hand­werklichen Körperschaften eingrtreten wird, um so die erwnbstuchtigen Handwerkerinnen auch gesell- schastlich und staatsbürgerlich zu hebe«, ,Jw toek

Ausland. .

* AnS einer franzSfischen JustraktlonSstund«. Dk» Zahl der fiarrzösischen Soldaten, die weder lese» noch schreiben können, ist beträchtlich. Die Press« hält sich auch dieses Jahr dabei aus, wie scho« seit einigen Jahren. Bor zwei Jahren war «5 beifpWi. weife die „Action*, vie einige Proben auS bet summarischen Prüfung der Rekruten mtiteOttf Hier eine kleine Blütenlese, die wir dem ,Elsäfler' entnehmen:

„Wer ist die Jungfrau von Orleans? — Gin» Königin von Frankreich, bie von bat Preußen 1871 verbrannt würbe. — Was weiht tm von Austerlitz?! — Das war ein Gesanbter RapolecmS. — 8leertet«t — Das ist ein Lanb bet ben Zuaven. — Victor Hugo?. — War ein Advokat unb Musiker, der bie Schutz­impfung gegen bie Pocken erfand. — Gambetta? —. Ein Gelehrter, her ben Staatsstreich von 1789 machte." — So ging eS fort seitenlang, eine Antwort komischer als bie andere. Die Presse sprach allerdings von eme« Schande. „Die nationale Ehre," schrieb der ,®a»j lots", „erheischt es, bah ein jeher Sohn Frankreichs in aller Kürze sagen kann, toaS «S mit ber Jun^ran von Orlean, Napoleon, Gambetta unb Victor Hny» für ein Bewenden hat."

Das Blatt legte bar, das neue Schnlprogramn» fei zu überladen mit Sachen, die de» elemeutarfte» Bedürfnissen nicht augepaßt sind. Dann sind auch bie Lehrer rächt, was sie sein sollen. .Die Republik hat aus dem Lehrer einen Politiker gemacht. Diese doktrinären, humanitären, freidenkerischen, sozialistischen, internationalistischen Lehrer, die stch was daraus zu gut tun, bie Erweck» ein» neuen Gesellschaft zu sein, kümmern sich nur nebenbei noch um ihren Beruf, der Nnlerricht muß barunt» leid«»: Einstweilen läuft die Kamm» üb» von Verkünd«« eines Zukunftsstaates nach ber Methode ber Jako­biner, bie das Budget des öffentlichen Unterrichts um 250 Millionen vermehrt haben unb dessen sich rühmen.*

* Di« Klassifizierung der französischen Kathedralen. Das Dekret über bie Klassisizierng ber französischen Kathebralen unb ihre Unterstellung in gewisser Hi», sicht unter beS Departement ber schönen Künste Wirtz in ben rnaßgebenben Kreisen bei katholischen Kirche verschieben beurteilt. In einigen Diözesen haben bie Bischöfe sich gegen bas Dekret ausge­sprochen. So finben sich im Diözesanblatt be8 Erz­bischofs von Reims eine ganze Reihe von sehr int» ressanten und, noch mehr, einleuchtenden Einwände»^ Der Minister selber gibt zu, daß bisher kein Gesetzt und kein auf ein Gesetz sich gründendes Reglement bestand, das die" Kathedralen dem Departement btt schönen Künste überwiesen hat. Warum wird da» nun auf dem sehr bestreitbaren Wege eines Dekrete» getan? Die 11 Übertragung an das Departement bet schönen Künste bedeutet eine Art von Mitbesitz, der sehr zahlreiche und unauflösbare Schwierigkeiten n» Gefolge haben kann. Bisher war Artikel 5 des <£«* setzes vom Jahre 1907 für baS Recht der Gläubige» in ben Kirchen maßgebend. Die Gerichte haben ihax dies anerkannt, daß bie rechtgläubigen Katholiken «l» ausschließliches Recht an ben Kirchen hätten, feta kann auf Umwesev durch baS DevarteEt.

einsetzen. . _

Mit dem innigen Wunsche, es möge das befreundet« Nachbarreich unter dem Zepter seines Kaisers, unseres erhabenen Gastes, auch sürderhm blühen und gedeihen, trank ber Bundespräsident aus da» Wohl de» Kaisers, der kaiserlichen Familie, der deutschen Regierung und des deutschen Volkes.

Der Kaiser dankte für die freundlichen Worte des Bundespräsidenten in längerer Rede, worin er hesonders darauf hinwies,

daß, als am Ausgang deS MiüelalterS der Glanz de« Rittertums erblaßte, eS die tapferen Erd- genossen gewesen sind, welche vorbildlich wurden für die Schöpfung, bie Ausrüstung unb Ausbildung der Landsknechte, der ersten deutschen Fußsoldaten. Denn allbekannt ist eS, baß bas «rbgenossische Fuß­volk auf zahlreichen Schlachtfelbern hohen Ruhm ge­erntet hat unb baß bie jetzigen Eidgenossen, dieser ruhmreichen Geschichte eingedenk, als tüchtige Soldaten in den Fußstapfen ihrer Vorfahren wandeln. Das zu sehen, hat einem Soldatenherz wohlgetan. Die beiden Manövertage haben mich erkennen lassen, daß im schweizerischen Heereswesen von allen Seiten mit außerordentlichem Eifer gearbeitet wird, daß der schweizerische Soldat große Anstrengungen aus Siebe -um Vaterland mit Freudigkeit erträgt, unb baß bas Schweizer Heer getragen toirb, von bei Siebe des ganzen Schweizer Volkes. Nachdem sodann ber Kai­ser seinem Bebauern Ausbruck gegeben, daß er es Sauf ärztlichen Rai versagen müsse, den Firnen Berner Oberlandes und den lieblichen Gestaden des Vierwaldstättersees den geplanten Besuch abzu­statten, hob er hervor: Mit einzigartiger Naturschön- heit auSgeftattet, auf militärischen, wissenschaftlichen, künstlerischen, industriellen, technischen und wirtschaft­lichen Gebieten fleißig vorwärts strebend, hat der in­mitten Europas gelegene schweizerisch« Staat allge­meine Achtung und Anerkennung sich erworben. Ein großer T«:il der Schweiz hält am deutschen Geistes- und Gemütsleben fest, und der Austausch ideeller und materieller Güter zwischen der Schweiz unb Deutsch- lanb ist in ber Tat ebenso umfangreich wie natürlich. Sie verehren wie wir — um nur an eines zu er­innern — in Schiller einen Siationalbichter, ber Ihrem Volke wie kaum ein anderer aus der Seele gesprochen hat. Andererseits sind die Werke Ihrer Geistesheroen, wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer, Gemeingut auch unseres Volkes geworden. Es ist daher begreiflich, daß die Schweiz und das deutsche Reich bei aller Eigenart ihrer staat­lichen Einrichtungen und ungeachtet der Verschieden­heit ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht nur durch Austausch ihrer Produkte, sondern auch dura- ihr geistiges Leben unb Schassen mit eiuanber eng verknüpft in herzlicher, vertrauensvoller Freundschaft nebeneinander leben wollen. Seit bald 25 Jahren bin ich stets ein guter Freund der Schweiz gctoes«» unb so soll es, was au mir liegt, auch bleiben.

Indem der Kaiser für den ihm bereiteten herz­lichen Empfang dankte, widniete er seinen Trink- spruch dem schönen Schweizerland und dem treffli­chen Schwcizervolk.

t Gegen ’/ilO Uhr verließ der Kaiser den „Berner Hof* unter den Hochrufen einer großen Volksmenge. .Die. Straßen zum Bahnhof waren glänzend rllumi- pi»t. Auf dem Bahnsteig stand eine Ehrenkom­pagnie, die btt Kaiser unter ben Klängen des Hohen- WÜerumarscheS abschritt. Dann verabschiedete sich