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qq. Erstes Blatt.

Fulda, Montag den 2. September 1912.

39. Jahrgang.

Zedanfeier nnV ZnfrieVtUhei^

Der Kaiser hat bei Gelegenheit eines Trink­spruches auf seine Provinz Brandenburg eme Mah- minq äui Zufriedenheit ausgesprochen. Er meint, ber Hinblick auf die früheren unruhigen Zeiten bringe and erst recht zum Bewußtsein, welch ein Glück für den Bürger es ist, wenn er in Frieden und Sicher­heit seiner Berufstätigkeit nachgehen kann.

Die Erinnerung an den hohen Wert des F r i e- d en s war recht zeitgemäß am Vorabend der Sedan­feier. Das deutsche Volk begeht den Gedenktag des Sieges von 1870 nicht in Lust an männermordende Kriege, sondern in dem Bewußtsein, daß der Sieg in dem uns aufgedrungenen Kampfe uns den ehren- tcllen und gesicherten Frieden verbürgt hat.

M o l t k e, dessen st r a t e g i s ch e Kunst den Kampf um Sedan zu dem entscheidenden Ausgang gebracht hat, sprach später im Reichstage seine po­litische Ansicht dahin aus, daß wir ein halbes Jahrhundert lang verteidigen müßten, was wir in einem halben Jahre gewonnen hätten. Von den: halben Jahrhundert sind jetzt schon 42 Jahre verflossen. Ob nach 8 Jahren bereits eine Wen­dung in der hochpolitischen Lage eingetreten sein wird, die uns die Verteidigungspflicht erleichtert, ist noch fchr zweifelhaft. Aber wenn wir auch die Rüstungslasten noch weiter tragen müssen, so sollen und wollen wir doch dem Himmel dankbar sein für das große Glück des langen Friedens, dessen wir uns jetzt schon mehr als vier Jahrzehnte erfreuen.

Trotz dieses großen Glückes ist freilich die Zu­friedenheit in Deutschland nicht so groß, wie sie sein sollte. Das hat zwei Gründe. Euerseits sind die Ansprüche fortwährend gestiegen, die das Volk an den Staat und das R e ich stellt. Früher be­gnügte man sich damit, von Staatswegen Schutz für die Person und das Eigentum, die Erhaltung des Friedens und der Ordnung zu verlangen. Jetzt fordern wir eine höchst ausgedehnte Wohlfahrts­pflege, eine vielseitige und tiefgreifende Sozial- und Wirtschaftspolitik. In Folge dessen wird die Re­gierung und die Gesetzgebung verantwortlich gemacht für eine Menge von unliebsamen Erscheinungen, die man früher als unabwendbares Verhängnis geduldig hinnahm. Diesen allgemeinen Zug der Zeit nach „Staatshilfe" beutet nun ihrerseits die Umsturzpartei in der raffiniertesten Weise aus, um das Volk un- jufrieden, begehrlich, aufsässig und vaterlandsfeindlich zu machen. Wie viel schlechter es in dieser Beziehung geworden ist, können die Ueberlebenden von 1870 am besten beurteilen, wenn sie sich an die d a m a - lige allgemeine patriotische Begeisterung er­innern und demgegenüber die Tatsache halten, daß jetzt einem großen Teil der Bevölkerung das natio­nale und patriotische Gefühl bereits ausgetrieben worden ist.

Diese traurige Erscheinung müßte für alle die­jenigen, die noch auf dem Boden der Gesellschafts­ordnung stehen, ein ^viugender Antrieb sein, sich »usarnmenzuschließen zur Verteidigung der hoben Güter, die in großer Zeit erworben worden sind. Aber was sehen wir? Blockpolitik, die den Sozialdemokraten Waffenknechte und Schleppen­träger aus dem liberalen Lager zuführt, und Kul­tur k am p f p o l i t i k, die zersetzend auf die staats- erbaltenden Kräfte wirkt!

' Sollen wir den Mut sinken lassen angesichts dieser innere» Irrungen und Wirrungen? Und kann der Mut die weitere Belastungsprobe aus­halten durch den Anblick der sta r k e n B e d r o h u ng von außerhalb, der gefährlichen Gruppierung der Mächte?

Tröstlich ist die frische Erinnerung an die ernste Probe auf die Friedenssicherheit, die im vorigen Jahre um die Sedanzeit herum gemacht wurde. Die Gefahr eines Kriegsausbruches war damals wirklich groß; aber sie ist doch glücklich vorübergegangen. Diesen Erfolg in sehr kritischer Zeit, den wir haupt­sächlich dem Respekt vor der deutschen Wehrkraft verdanken, berechtigt zu der Hoffnung, daß wir auch die etwaigen künftigen Krisen glücklich überstehen werden, wenn auch die Bundesgenossenschaft von Rußland und Frankreich, mit den Nachfolgern von Sedan, noch so bedrohlich aussieht. Der Bestand der Triple-Entente legt uns Rüstungslasten auf, aber er stört nicht unser Sicherheitsgefühl und unsere frische und fruchtbare Erwerbstätigkeit. Zum Se­danstage wollen wir uns recht bewußt werden, daß die schwersten Rüstungslasten federleicht wiegen im Verhältnis zu den Opfern, die ein Krieg fordert, so­gar ein glücklich verlaufender Krieg, und daß wir an­gesichts des bereits 42 Jahren währenden Friedens vollen Anlaß zur Zufriedenheit haben, wenn auch hier und da uns etwas weh tut.

c? DaS Pluralwahlrecht in Hessen.

Bei der Reform dc4 hessischen Wahlrechts, die im vorige» Jahre nach wiederholtne ergebnislosen Versuchen endlich zustande kam, gelang es, dem Vorbild anderer süddeutschen Staaten folgend auch in Hesse» dem direkten Wahlrecht jum Sieg zu ver­helfen. Diefe Neuerung im Verein mit einer ge­rechteren Neueinteilung der Wahlkreise bedeutet für das Großher-rgtum Heffen eine wichtige poli­tisch« Errungenschaft, die auch von den Anhänger« bürgerlichen Parteien als solche eingefchätzt *D1r6‘ beider konnte aber die Einführung des direk- $en «.ahlr-chtz in Hessen nur um den Preis einer werden, die als eine recht uner- wun,chte B«g»be des Reformwerkes angefe^m wer- Lm muß. Der Bauernbund, der imheffischen L^Nti^^Erisch bedeutsame Rolle spielt und

Krchlges f««e Kultimmmn- mm

** ^rrch seine Fraktion sred» «Hären, daß « die Bor- “i*, wen» nicht durch die illung de- Pluralwcchlrechts gewisse

Kantelen gegen 'eine Znrückdrängung des politischen Einflnffes der älteren und seßhaften Wählerschaft gesetzlich festgelegt würden. Es liegt auf der Hand, daß ein jedes Pluralwahlrecht von vornherein das gleiche direkte Wahlrecht einschränkt, ja bis zu einem gewissen Maße verneint, und tatsächlich weist das Programm der Zentrumspartei von jeher die Forderung des gleichen Wahlrechts unter Ausschluß jeder für einen bestimmten Wählerkreis verlangten Bevorzugung auf.

9htn verlangte der Bauernbund keineswegs etwa den Ausbau des Pluralwahlrechts nach belgischem Muster, wo bekanntlich Bildung und Besitz ein er­weitertes Wahlrecht in Anspruch nehmen. Die hes­sischen Agrarier begnügten sich vielmehr mit der Forderung eines doppelten Wahlrechts für diejeni­gen Wähler, welche das 50. Lebensjahr zurückgelegt haben. Und in dieser beschränkten Ausdehnung wurde denn auch mit Zustimmung der Regierung und der beiden Häuser des LanÄags gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und des Freisinns das Plrrralwahlrecht in Hessen eingeführt.

Die Zmtrumsfraktion des hessischen Landtags lvar von der Forderung des Bauernbundes wenig erbaut. Ihr Programm wies, wie bereits bemerkt, von Beginn der ersten Berfassungskämpf: an das strikte Verlangen des gleichen und direkten Wahl­rechts auf und mit Recht betonte der Zentrumsfüh­rer Abg. Tr. Schmitt namens seiner politischen Freunde, daß die Aufnahme des Pluralwahlrechts ein Schönheitsfehler sei, auf dessen Beseitigung man in der Zukunft bedacht sein müsse. Aber dem Zen­trum, dem in jener Frage die Entscheidung über das abermalige Scheitern der Reform nach Sage der Partnverhältnisse zusiel, war es kein Leichtes, die Entscheidung zu treffen. Lehnte es das Pluralwahl­recht ab, so war damit zum vierten Male und damit auf unabsehbare Zeit die Wahlreform in Hessen zum Scheitern gebracht; hatte doch Großherzog Ernst Ludwig bei verschiedenen Anlässen auf das Bestimmteste erklärt, daß wenn auch dieser Vwsuch ergebnislos bleibe, unter seiner Regierung niemals mehr dem Landtag eine Wahlrechtsvorlage unter­breitet würde.

In dieser Zwangslage und in der Absicht, dem hessischen Volk endlich das feit Jahrzehnten er­strebte direkte Wahlrecht zu sichern, biß das Zen- t r u m in den sauren Apfel und gah unter Wahrung seines prinzipiellen Standpunktes dein Verlangen der Banernbündler nach. Es konnte nicht ausblei­ben, daß Sozialdemokratie und Freisinn bei den Wahlen die Sachlag: agitatorisch gegen die Mehr­heitsparteien. der Zweiten Kammer ausschlachteten und in ihrer bekannten Manier über den „Verrat an Bolisrechten" zeterten — allerdings mit wenig Erfolg. Das Gros der Wähler sagte sich, daß der Vorteil des Pluralwahlrechts schließlich dem An­hänger einer jeden Partei zukomme, der das 50. Lebensjahr erreicht und daß somit die Bevorzugung bestimmter politischer Parteien damit nicht geschaf­fen werde und schließlich leuchtete Vielen auch das Argument der Banernbündler ein, daß der Wähler im vorgerückteren Alter auch ein reiferes Urteil be­sitze.

Immerhin hatte das Zentrum die Aufgabe, im Wahlkampf fein Verhalten zu rechtfertigen und es gelang ihm dies auch unter dem Hinweis auf die Zwangslage, in der es sich befunden hatte. Mit Recht konnten die Abgeordneten des Zentrums mit denjenigen der Nationalliberalen hervorheben, daß lvenn sie die Alles- oder Nichtspolitik der Linken gleichfalls befolgt hätten, dann das elende indirekte Wahlsystem mit seinen vielen Mängeln und Un­gleichheiten auf Jahrzehnte hinaus in Hessen fort- bestanden hätte. Die hessische Wählerschaft regte sich denn auch über die nicht erwünschte Beigabe des Pluralwahlrechts wenig auf und die Physiognomie des neuen Landtags hat sich nicht zu Gunsten der Linken geändert.

Neuerdings hat nun in dem „Archiv des öffent­lichen Rechts" Arthur Lion-Main; eine Unter­suchung darüber angestellt, in welchem Maße das Pluralwahlrecht bei seiner 'erstmaligen Anwendung den einzelnen politischen Parteien genützt oder aber Abbruch getan hat. Hat die Untersuchung Anspruch auf Richtigkeit und Beweiskraft, so hatte der Bauernbund die meisten Pluralstimmen zu verzeich­nen, während die übrigen bürgerlichen Parteien ihm in kurzen Abständen folgen und die Sozialdemokra­tie einen verhältnismäßig recht geringen Prozenffatz an Pluralwählern aufweist. Der Verfasser bestrei­tet, daß diese Erscheinung auf die geringere Lebens­dauer der Arbeiterschaft ausschließlich zurückzuführen sei; er ist vielmehr der Ansicht, daß der sozialdemo­kratische Wähler in reiferen Jahren sich vielfach von der Sozialdemokratie abwendet, und er erblickt in der ZuriüDrängung der Sozialdemokratie durch das Pluralwahlrecht 'einen erheblichen politischen Vor­teil.

Deutsches Reich.

= Die Kaisermanöver.

Anläßlich der großen Manöver fand am Sams­tag abend im Weißen Saale des königlichen Schlos­ses die übliche Festtafel für die Provinz Brandend urg statt, an der mit dem Kaiser auch die Kafferin teilnahm. Geladen waren neben den in Berlin anwesenden Prinzen, Prinzessinnen und sonstigen Fürstlichkeiten die Spitzen der Zivil- und der- Militärbehörden, der Reichstagspräsident Dr. Kaemvf, der Oberbürgermeister Kirschner, der Bürgermeister Dr. Reicke, der Zweckverbandsdirek­tor Dr. Steiniger, viele Vertreter der hohen Finanz, der Industrie ufto. Bei der Tafel brachte der Kai­ser einen Trmffpruch aus, der durch de» hohe» Schwung der Worte an jene Tischrede» erinnerte, die er m den ersten Jahren seiner Regierung als Brandenburgs Markgraf bei festliche» Zusammen­künften mit den Brandenburgern zu halten Pflegte. Der Kaiser begrüßte in seiner Rede in feinem und der Kaiserin Namen dir Brandenburger herz- lich in dem Schloß seiner Väter, aus dem Grund

und Boden der ersten kurfürstlichen Hohenzollern- burg, und sagte dann folgendes:

Ich hoffe. Sie sind gern und leichten HerzenS gekommen und nicht wie jene Abgeordneten der Mark zu Raiter Sigismund mit begründeten Klagen und Bitten um durchgreifende Abhilfe. Denn ich meine, wir können mit den heurigen VerhLllmfsen trotz der Unvollkommenheiten, die nun einmal allem Irdischen anhasten, zufrieden sein. Vor feind­lichem Nebermut und kriegerischen Uebersällen durch ein schlagfertiges Heer und eine wachsende Flotte geschützt, kann in unserem geordneten Staatswesen der Landmann seinen Acker bestellen, der Kaufmann, Fabrikant und Handwerker seinem Geschäfte nachgehen und der Arbeiter seines wohwerdienten Lohnes gewiß sein; sie alle können sich der Früchte ihrer Arbeit und der Gaben unserer Kuliur erfreuen. Wer aber glaubt, Grund zu Klagen zu haben, oder wer neue Kraft und Freudigkeit zu weiterer Arbeit, sei eS für den eigenen Herd, sei es für das Gesamlwohl, sucht, der mache nut mir hin und wieder auf seinem Wege halt und schaue zurück auf die Zeilen, w» es nicht so wie jetzt in unserem Vaterlande aussah. Zu solchen Rückblick bietet das Jahr 1912 mit seinen Gedenktagen gute Gelegenheit. Il es doch 500 Jahre her, daß Burggraf Friedrich von Nürnberg seinen weltgeschichtlichen Zug in dis Mark unternahm, um auf Geheiß seines kaiserlichen Herrn zunächst als Verweser wieder Ordnung in die durch Eigennutz und Willkür verfahrenen Verhättn'fse zu bringen und die Mark vor dem Untergänge zu retten. Wahrlich eine Aufgabe, deren Lösung nut einem Manne anver­traut werden konnte, der, rote Friedrich klug, gerecht, energisch und zielvewußt war und sich in Treue zu Kaiser und Reich bewährt hatte.

Wie er die ihm von der Vorsehung zugewiesene Mission erfüllt und welche Bedeutung der erste Fuß- tapfen eines Hohenzollern auf märkischem Boden für unser Land hatte, das tritt uns heute klar vor Augen, wenn wir auf die Geschichte des brandenburgisch» preußischen Staates und des Deutschen Reiches blicken, deren gemeinsames Fundament fest auf märkischem Boden steht. Markgraf Friedrich aber rote die nach ihm klunmenden Heroen seines Geschlechts hätten ihre segensreiche Lebenswerke nicht vollenden und das Staatrschiff nicht so sicher durch Brandung, Sturm und Wogen führen können, halten sie nicht chre Märker hinter sich gehabt. Diese Haden, nachdem das anfäng­liche Mißtrauen gegen den fremden Herrn Über­wunden, mit Gut und Blut treu zu ihren Markgrafen gehalten und ihnen aus ihrer Mitte Männer von echtem Schrot und Korn gestellt, die wie die märkischen Erchen Sturm und Wetter widerstanden und eine feste Stütze in Kriegs- und Friedenszeiten boten. Auch in Zukunft werben — des bin ich gewiß — die branden­burgischen Mannen, wenn König und Vaterland rufen, als erste sich stellen mit weithin schallendem ,Hie guet Brandenburg aöroege!". Daß solche Männer mir stets und meinem Hause erstehen mögen, und daß der mär­kischen Eichen, der märkischen Kiefern und des mär» lifchen San-es nie alle werden möge, darauf leere ich mein Glas. Es lebe die Provinz Brandenburg! Hurra! Hurra! Hurra!

Ans Anlaß der bevorstehenden Herbstmanöver, die vorwiegend in der Provinz Brandenburg sich ab« spielen werden, ist ein reicher Ordensregen über Berlin und die Provinz Brandenburg niederge­gangen. Oberbürgermeister Kirschner erhielt den Kronenorden L Klasse, Geheimrat Dove, zwei­ter Vizepräsident des Reichstages, den Roten Adler­orden 3. Klaffe mit Schleife und der Schriftsteller Sudermann den Kronenorden 3. Klasse.

Gestern sand mittags um 12 Uhr auf dem Tem­pelhofer Felde Feldgottesdienst statt, zu dem schon am frühen Morgen durch die Straßen der Stadt die Truppen von allen Seiten anmarschierten. Etwa 30 000 Mann waren versammelt. Dem Kaiser, der sehr wohl anssah, wurden, als er am Kronprinzenvalais das Auto bestieg, um zum Tem­pelhofer Felde zu fahren, lebhafte Huldigun­gen vom Publikum dargebracht. Die Aufsichtsbe­amten vermochten das Publikum nicht zurückzndrän- gen, sodaß das Auto des Kaisers nur im Schritt vorwärts kam. Auf dem Tempelhofer Felde hatten sich inzwischen die eingeladenen Fürstlichkeiten - und das Hauptquartier versammelt. Der Kaiser ritt die Front ab. Das niederländische Dankgebet eröffnete nach dem Tromntelwirbel den Gottesdienst. Nach dem Gemeindegefang und der Liturgie hielt der Feldprobst Dr. Wölfling die Predigt. Nach dem Feldgottesdienst nahm der Kaiser 'einen Vorbei­marsch ab und fuhr dann in offenem Wagen nach dem Schloß zurück. Das Automobil des Prinzen August Wilhelm stieß heute, als sich dieser nach dem Tempelhofer Feld ;unt Feldgottesdienst begab, mit einem Straßenbahnwagen zusammen. Der Zujim- ntenstoß war nur leicht. Der Prinz konnte nach kurzer Unterbrechung feine Fahrt fortsetzen.

*♦ Berlin, 1. Sept. 1912. Der Reichskanzler trifft am 7. September in Buchlau beim Grafen Berchthold ein. — <£tn Luftflottengesetz mit erhöhten Forderungen für Luftschiffe soll nach einet Berliner Korrespondenz in den nächsten Etat einge­gliedert werden.

0 Der Reichstheatergesehenkwurf ist, soweit er sich mit den sozialpolitischen Verhältnissen der Bühnenangestellten tmb Direktoren besaßt, im weseut- lichen fertiggestellt. Hierzu gehört u. a. die Dauer der Arbeitszeit, die Ruhepausen usw. Die ein­schlägigen Bestimmungen, die hier in Betracht kommen, liegen auf dem Gebiete der Fleischgewerbe, orbnung. Dagegen schweben noch Erwägungen über die Regelung des EngageWentSvertrageS, für die die Bestimmungen deS Bürgerlichen Gesetzbuches über den Dienstvertrag im wesentlichen als Grundlage dienen. ES dürste noch einige Zett vergehen, ehe die zwischen dem Reichsjustizamt und dem Justiz­ministerium eingeleiteten Verhandlungen zum Ad- schlnß gelangen.

4- Sine kräftige Abfuhr haben sich die Gegner deS Ministeriums ßertlmg geholt. Ihr neuester Trick, der gegenwärtigen bayerischen Regierung Schwierigketten zu bereiten, bestand darin, daß sie Gerüchte über eine Verstimmung deS Prinzregenten Luitpold über das Ministerium Hertling ausstreuten. Außerdem faselte man von einer „Lerchenfeldkrise". Der bayerische Botschafter in Berlin sollte feine Stellung unter der Politik de« Ministeriums Hert­

ling zu beschwerlich gesunden haben und angesichts) der Notwendigkeit, ungünstige Berichte au« Berlin liefern zu müssen, die Vertrauensfrage gestellt habens Hiergegen ivendet sich die offiziöse München« „Korrespondenz Hoffmann" in einer geharnischten Erklärung. Die Meldungen der Hertlmg feindlichen Blätter bezeichnet sie <

als „dreiste Erfindungen". Als getabq»; ungeheuerlich müsse bezeichnet werde», was diese Aus­lassungen über den bayerische» Gesandten am Berliner Hofe zu erzählen wiffen. Die weiteren Kombinationen, in denen sich alle die angeblich auf zuverlissigen In­formationen beruhenden Artikri er>hen, seien hinfällig und schlecht erfunden. .Schließlich möge noch daran erinnert werden, daß er außer der bis zum Ueberdruß aufgebauschten Jefuitenfrage sehr viele andere und wichtigere Dinge gibt, in denen sich die Interessen Bayerns mit denen des Reichs berühren. Von einer Störung des guten Einvernehmens zwischen dem Reiche und Bayern kann nicht die Rede sein, aber auch von der Jefuitenfrage ist eine solche nicht zu befürchten, nachdem die bayerische Regierung die­selbe dem Bundesrat unterdrettet hat."

Die,Tägl. Rundschau" mag nicht unrecht haben, wenn sie die Auslassungen der offiziösen Korrespon* deuz ein Verttauensvotum für das Mimstermm Hertling nennt. Die ,Voff. Ztg/, die als echt frei­sinniges Blatt natürlich den Kampf gegen bk bayerische Regierung noch schärfer führt als di» ,Tägl. Rundschau', will aber trotz der scharfen Zurückweisung an dem Klatsch über daS Ministerium Hertling sesthalten und meint, ei befinde fich „in übler Sage". Der Freisinn will sich mit feinen Wühlereien gegen die bayerische Regierung offenbar noch weiter blamieren.

+ Zur Einjährig-Freiwilligen Frage. Der kon­servative ,Reichsbote' empfiehlt die Abschaffung des Einjährig-Freiwilligen-DiensteS und macht den nicht mehr ganz neuen Vorschlag, daß jedermann dienen müsse. Wer sich durch besondere Tüchtigkeit hervortue, könne im Saufe dieser Jahre zum Offtc zier befördert werden. Im einzelnen schreibt «r

Das erste halbe Jahr wohnen alle ht der Kasern» Alsdann können Soldaten, die in jeder Beziehung nag Tüchtigkeit, Bildung und Lebensstellung sich zu OM zieren eignen, zu Gefreiten ernannt «erden und auf ihren Antrag die Erlaubnis erhalten, außerhalb bei Kaserne zu wohnen und fich selbst et beköstigen. St» erhalten dann die Schnüre, die st» nicht «ehr al» Gin- jährige, sondern all den Reserveoffizier An strebend« kennzeichne». Nach je einem Bierteijabr tontet fit Unteroffizier, Bizefeldwebel, Offizier werd«. I» den beiden letzten Dienstgraden erhalten fi» ihr« dienstlich« Komvetenzen. Ebenso ist es bei der Kavallerie, ter Tüchtige, der es dort zum Reserveoffizier gebracht hat, braucht nur zwei Jahre zu dienen. D« Meichsbot» verspricht sich von der Verrott ktichrma feine» Vor­schlages, daß die für den Offizjersgrao in Betracht kommenden Kreise viel weiter gezogen würde«. #eb« einer ganz unerläßlichen allgemein« Bildung und Lebensstellung, wie man sie vom Offi^er verlang«, würde allein di« dienstlich« Tüchtigkeit zm» Gradmesser für das Aufsteigen zum Offizier gemacht, ein Umstand» durch den das Heer nur gewinne« könne. ,!

Die ,Vosfische Zeitung' meint, daß über Mtf« Vorschlag sich reden lass«. Die ^Deutsche Tage»« zeitung' ist anderer Ansicht. Der Gedanke habe manches für sich, er würde ab« einen so schiätt» und rabilalen Eingriff in di« jetzig« Verhältnisse bedeuten, daß tr von vielen al» btt schwerst« Bis lästigung empfunben werbt« müßte. Insbesondere würbe bas in Kreisen bei gebildeten Mittelstand«» der Fall sein. . F-'

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Ausland

*♦ Revolutionäre Umtriebe in Spanttik. D8 Speca' berichtet aus Barcelona, daß btt xtee» lutionären Vorbereitungen in dies« Stadt und «m der katatonischen Grenz« fortbauern und daß di» Regierung sich beständig von dem Zivil-Gouvernmr Berichte über die Lag« senden läßt. ES w«d« einige Regimenter, die bereit» zur Abreis« bw stimmt waren, zurückbehalten und au» Saragossa und einigen Garnisonen von Navarra Verstärkung« herbeigezogen. <«' \

** Neber die türkisch-italienischen Friedensvechm^ lungen meldet die offiziöse,Tribuna", daß Italien niemals daran denke, auf den kleinsten Teil von Souveränität über die Cyrenaika zu verzichten.' Sie fügt hinzu, daß eS der Wahrheit zuwid« ist, wenn man behauptet, das siegreich« Italien werd«; an die Türkei eine Kriegsentschädigung bezahle». Auch iu Konstantinopel lauten btt letzten Nach­richten bet oltomanischen Friedensdelegierten sehr pessimistisch. Die Feinbseligkttt« soll« im Archtpel roieber beginnen. Man rechnet auch auf rin Ein­greifen der türkischen Flotte. Jlali« soll von d« Türkei voll« und unumschränkt« Anerkennung bei Aunexionsbekrttes verlangen.

** Dynamit als Waffe bei den amerikanisch« Lohnkämpst«. Aus Boston wirb gemeldet: Im Zusammenhang mtt dem Selbstnwrde eines der Zeugen im Dhnamitprozeß in Lawrence (Massachu­setts) ist ein Arbeitgeber des Baumwollgewer­bes hier unter der Beschuldigung verhaftet worben, an einer Verschwörung zur Berteilung von, Dynamit teilgenmnmen zu haben. Die w äh reich des Generalstteiks in Lawrence im vorigen Winter erfolgte Dynamitexplofion war nämlich zuerst d« Streikenden selbst zugeschrieben worben, aber bie seitherigen Beweisaufnahmen lassen barauf schließen, daß das Dynamit von der (Gegenseite herftammt, bi» auf diese Weise den Strett in Mißkrebtt bring« wollte. Der Angeklagte namens Wood bestrettet die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen. Wie fer­ner gemeldet wirb, sind noch drei weitere hervor­ragende Perfonen unter Anklage gestellt. Der vor kurzem erfolgte Selbstmord des Bauunternehmers Pittman» wird bie Ifoch darauf zurückgeführt, datz Pittmann sich der Vernehmung übet die in Law­rence gelegentlich des Weberausstandes gemacht« Dhnamttfunde entziehen wolle.

* Der englische Einspruch gegen die Bcs«tzm»g Tibets. Der englische Gesandte hat gegen ba» Sm* rücken chinesischer Truppen in Tibet VerwahruM