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»onnerslag ten 29. AuM 1911 59. Jahrgang.
«fuldacr ■ Leitung
2. Blatt.
vruck und Verlag der Zuldaer Actiendruckerri
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Literarischer
Dir
Brrfaffer dem Gebildeten wie dem Laien.
fett, Wetter zu arbeiten, falls die „Christen" nicht entlassen würden. Ta der Bau sehr eilig war, fühlte sich die Bauleitung veranlaßt, die christlich-organisierten Zimmerer tatsäch- lich zu entlassen. Diese riefen die Gerichte an. Das Schöffengericht sprach die darauf wegen Vergehens gegen die Gewerbeordnung angeklagten 13 Zimmerer frei. Die Strafkammer dagegen verurteilte zwei zu zwei Wochen und einen zu einer Woche Gefängnis. 10 Angeklagte wurden freigesprochen, weil sie anssagten, ihnen sei es ganz gleichgültig, mit wen: sie arbeiten, sie seien nur den Anweisungen der Baukontrolleure gefolgt. Die Aus- rede der Genossen bietet den besten Beweis für das Vorhandensein eines geradezu gemeingefährlichen Terrorismus. Die freigesprochenen Genossen haben bekundet, daß sie unter dem terroristischen Drucke ihrer Führer stehen, der ein fried- liches Zusammenarbeiten mit anders organisierten Leuten "unmöglich macht. Das ist nicht mehr Koalitionsfreiheit, sondern Koalitionszwang.
** Der Jesuitenpater Cohautz muß in der liberalen Pr'esse ob seiner erschütternden Aachener Rede Spießruten laufen, mau überschüttet ihn mit allen denkbaren Beinamen. Nur eines hat uns großes Vergnügen bereitet, daß man dem Pater „Welt- fremdheit" nachsagte und zwar in einem Blatte, das den Handelsinteressen besonders dienen will. Deshalb sei mitgeteilt, daß Pater Cohauß vor seinem Eintritt in den Orden der I n d u st r i e ang-hörte, daß er gerade in Handelskreisen sehr bekannt ist und vielleicht mehr Welterfahrung und Weltge- wandtheit besitzt als jene, die ihm dies absprechcn wollen. So geht es, wenn man nur blind darauf losschreibt.
haben, wurde der Vereiusdiener Friedrich Barth- manu in Hast genommen. Er hatte bei der Polizei selbst die Anzeige erstattet, in seiner Wohnung sei ein Schreibpult erbrochen und der Betrag gestohlen worden. Man glaubt, daß dieser Einbruch nur vorgetäuscht wurde.
* Lom Harz, 28. Aug. 1912. Dem Leiter des Kysshäuser Technikums (Polytechnisches Institut) Frankenhausen a. Kyffh. Direktor Huppert wurde der Titel .Professor" verlieben.
* Vom Eichsseld, 28. Aug. 1912. Ein gewaltiges Feuer brach in dem Dampffägewerk von Otto Dirk in Niederorschel aus. Die Werksanlagen wurden vollständig vernichtet. Ta das Werk auch die elektrische Energie zur Beleuchtung der Straßen und Privathäuser liefert, ist der ganze Ort jetzt ohne elektrisches Licht. •
Ans dem Nachbargebiete.
* Hcrsfeld, 28. Aug. 1912. Das bei dem Eisenbahnunfall am Montag morgen vor deut Peterstor verletzte Pferd des Holzhändlers W. Heil ist inzwischen verendet, sodaß nunmehr b ei d e Pferde, welche sich vor dem verunglückten Wagen befanden, dem Unfall zum Opfer gefallen sind.
* Brückenau, 28. Aug. 1912. Der Gendarmerie- Sergeant Rimcker in Geroda, der den auf der Autofahrt Kissingen-Brückenau im April dieses Jahres abhanden gekommenen Leibhund, einen russischen Wolfsspitz des Großherzogs von Oldenburg seinem Herrn wieder zubrachte, erhielt die silberneMe- d a i l l e „für unermüdliche Tätigkeit" als Anerkennung zugestellt.
* Hanau, 28. Aug. 1912. Unter dem Verdachte, 3000 Mark Vereinsgelder unterschlagen zu
Amt Geisa und Umgebung.
* Vacha, 28. Aug. 1912. Wie verlautet, ist beabsichtigt, Hierselbst eine D r e s ch g en o s s: n- schaft zu gründen. Zu diesem Zwecke haben sich bereits ca. 20 Interessenten zusammeng-schlossen.
* Dermbach, 28. Aug. 1912. Nachdem der Nachbargemeinde Oberalba, deren katholische Schulkinder mit in der hiesigen neuen Bürgerschule untergebracht sind, ein ansehnlicher staatlicher Zuschuß in Aussicht gestellt worden ist, will die Gemeinde uun- mehr in aller Kürze eine eigene katholische Schule erbauen. Die Genehmigung dazu ist ihr bereits erteilt worden.
* Barsch, 27. Aug. 1912. Die Firma Gebr. Abel, Fabrik und Neparatur-Werkstätte landwirtschaftlicher Maschinen, beabsichtigt auf ihrem Grundstück eine Eisengießerei anzulegen.
* Occhfen, 27. Aug. 1912. Der gestrige Sturm nahm stellenweise eine derartige Gewalt an, daß an der Straße nach Gehaus drei große Pappeln entwurzelt wurden.
Ansland.
** Die Katholikenverfolgung in Portugal. Die portugiesische Schandrepublik geht in unerhörter Weise gegen die Katholiken und besonders gegen den Klerus vor. Man muß fast befürchten, daß bald kein Geistlicher mehr in Portugal amtiert, sowieso weilt schon kein Bischof mehr in seiner Diözese. 400 Geistliche sitzen in den Gefängnissen, eine fast ebenso große Anzahl ist in die Kolonien verbannt. Die Geistlichen werden beschuldigt, Rebellen gegen die Republik zu fein. Dieser Vorwurf genügt, um die friedlich ihrer Seelsorge nachgehenden Geistlichen den schwersten Angriffen und selbst Mißhandlungen auszusetzen. Die Geistlichen sind in diesen Verdacht gekommen dadurch, daß sie gegen die Verjagung der Bischöfe protestierten. Diese Opposition legte man ihnen als anarchistische Umtriebe aus, obwohl die Regierung ganz gut wußte, daß der Klerus sich bereits mit den bestehenden Verhältnissen der Republik abgefunden hatte, und die Proteste nur gegen das schreiende Unrecht, das man der Kirche angetan hat, sich richten. In allen Teilen des Landes werden täglich Hunderte von unschuldigen Personen verhaftet und ins Gefängnis eingeliefert. Kardinal Gibbons, Farley und O'Connel haben nantens der amerikanischen Katholiken eine Sympathiekundgebung an den Patriarchen von Lissabon geschickt, in welcher sie ihr Bedauern über die fortgesetzten Angriffe auf die katholifche Kirche und die Hoffnung ausdrücken, daß bald Friede und Freiheit zurückkehren möge.
vermischtes.
* Das Trauerspiel einer Frontmaner. Der in Hamm in Westfalen in der Widumstraße wohnhafte Invalide Senkfis hatte an seinem baufälligen Hause die morsche Frontmauer durch eine neue ersetzen lassen, ohne vorher die baupolizeiliche Genehmigung hierzu eiuzuholen. Da 'et den Flucht- linienplan nicht beachtet hatte, wurde ihm behördlicherseits aufgegeben, die neue Frontmauer wieder zu entfernen. Der in seinem Rechtsgefühl sich verletzt glaubende Invalide erhob gegen die Verfügung Beschwerde, wurde aber in allen Instanzen verurteilt, die schöne neue Frontmauer niederzureißen. Als er trotz mehrfacher Aufforderungen keine Anstalten traf, dem Urteil Rechnung zu tragen, erschien Plötzlich eine Anzahl städtischer
Verklärung auf Tabor in Litnrsie und ämmR, Geschichte ttnb Leben von Monsignore Dr. Anton de Waal. (Frankfurter zeitgemäß« Broschür««, Band 31, Heft 10. Preis 60 Pfg. BerlagS- buchhandlung Breer u. Thiemann, Hamm (Westf.i Ein eigenartiges und zeitgemäßes Schrtstchen an» der Feder des bekannten Prälaten vom (lampo Santo Teutonico in Rom. „Auf Tabor leuchtet di« Sound des Glaubens heller als in irgend einer anbetit^ Wundertat des Herrn. Ob daS Bild deS .verklärt«,^ Christus" bei unserer heutigen hm ent und äußern Missionsarbeit nicht mehr zu Verstand und Herzen spricht als daS des Gekreuzigten?" In kurzen ade, markante« Zügen erbringt der Verfasser den Beweis für diese feine Grundidee, di« sicherlich allseits Anerkennung finden wird. Auch sonstige sehr bemerkenswerte Gedanken bietet in dieser Abhandlung der greis«
Aus Gberhesfen u. den Hess. Aemtern.
A Marburg, 28. Aug. 1912. In der Nähe des Elisabelhhofes "st ü r z t e eine junge Dame beim Brombeersuchen in ei n e S ch l u ch t und erlitt anscheinend einen Beinbruch. — Die Polizeiverwaltung macht bekannt, daß die S r t t e des S ch e r- benwerfcns an Polterabenden zlrr Unsitte geworden und deshalb von jetzt ab unter Strafe gestellt sei. Veranlassung zu diesem Vorgehen der Polizei gegen diese alte Marburger Sitte gab ein Fall, worin ein hiesiger Bürger mit der Begründung, daß alte Blecheimer, Gießkannen und sonstiges Gerümpel keine „Glücksscherben" seien, die Säuberung der Straße der «Stadt zukommen ließ.
* Unaedanken, 28. Aug. 1912. Ein begehrenswertes Objekt scheint die hiesige Gemeindejagd zu sein. Bei der diesjährigen Ausbietung der Jagd wurde ein Pachtzins von über 800 Mark erzielt.
* Fritzlar, 27. Aug. 1912. Seit 30 Jahren ist Herr Klaus von hier auf dem hiesigen Bahnhof als Güterschuppenarbeiter tätig. Aus diesem Anlaß wurde ihm für seine treuen Dienste seitens der Eisenbahnverwaltung eine Gratifikation von 60 Mk. ausgehändigt' eine gleich: Vergütung wurde dem Güterschuppenarbeiter Joseph Fuhrmann von hier zuteil, der bereits 20 Jahre auf dem hiesigen Bahnhof tätig ist.
Arbetter, die den Auftrag hatte, das so hartnäckig verteidigte Heim des asten Invaliden seiner Vorderfront zu berauben. In wenigen Stunden war die Frontmauer niedergelegt, und nun steht das Häuschen da, durch schwere Balken vor dem Einsturz geschützt, mit allen seinen Intimitäten den neugierigen Blicken der Straßenpassanten ausgesetzt. In den drei Wänden aber sitzt noch immer der stolze Besitzer des Häuschens, erbost über die Schlechtigkeit der Welt, insbesondere der städtischen Bauämter, und erklärt, daß er nicht weichen werde! Die Lage des Invaliden ist übrigens nicht ganz so mißlich, toi: es scheinen möchte; denn die Stadt hat sich bereit erklärt, sein Besitztum käuflich zu erwerben. Hierauf hat der hartnäckige Besitzer noch keinen Bescheid gegeben.
* liebet eine nette Herausforderung zum Zweikampf wird der „Wormser Volksztg. geschrieben: ,^Jn einem hiesigen gut besuchten Bierlokale fühlte siel) am Dienstag ein stark illuminierter Musensohn durch einen Herrn fixiert. Einige wütende Blicke, dann aber erhob er sich schwerfällig und wanderte auf den Herrn zu: „Herr, Sie haben mich fixiert. Wollen Sie mal herauskommen?!" „Ich denk: nicht daran." „So, na dann werden Sie von mir hören. Hier meine Karle." Damtt langte er aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte heraus, die er dem Geforderten übergab. Der las erstaunt „Emma. . . ." und meinte dann sehr trocken: „Bedauere sehr, mit Santen schieße ich mich nicht." Der Museusoh» hatte ihm die Karte seiner Liebsten gegeben."
** Drei Kinder verbrannt. In dem westpren- ßischen Dorfe Groß- Kommorsk sind drei Kinder des Tischlers Grochalski verbrannt. Durch die Explosion einer Petroleumlampe entstand in den Grochalskischen Hause ein Brand. Gr. selbst war abwesend, da er auswärts arbeitet, seine Frau erlitt eine schwere Rauchvergiftung, drei Kinder sanden den Tod.
* Vergrabene Schmucksachen. In Kulmbach in Badern stieß man bei Ausschachtungsarbeiten zu einem Neubau auf eine Reihe von Goldsachen, die wahrscheinlich während des 30jährigen Krieges vergraben wurden. Die Sachen solle» einen Wert von 30 000 Mark haben.
* linier dem dringenden Verdacht der Spionage zugunsten Frankreichs wurde in W amt e in Westfalen der bei der Tiefbaufirma Moll angestellte Polier Heinrich A e u ß n e r verhaftet. Aeußner, Zer ftüher Diplomingenieur war, ist bereits vor 'einigen Jahren wegen versuchter Spionage verurteilt worden. Ter gegen ihn erhobene Verdacht der Spionage fand in aufgefaitgenen Korrespondenzen seine Bestätigung.
* Eine Mörderbande. In Petersburg wurden Mitglieder einer Diebesbande verhaftet, die nicht weniger als 35 Einbrüche oder Raubanfälle verübte, bei denen insgesamt 18 Personen von den Verbrechern getötet wtrrden. Durch diese Verhaftungen wird eine Reihe bisher geheimnisvoller Verbrech m aufgeklärt. Fichrer der Baude war der ehemalige Seminarist Kamhschkin. Viele Mitglieder der Bande kannte« ihren Führer nicht einmal, und eß ist anzunehmen, daß die bisherigen Verhaftungen dem Treiben der Bande ein Ziel noch nicht fetzert Bei dem Führer der Bande fatrb man em genaueß Verzeichnis der bisher verübten Verbrechen sowi« eine Liste derjenigen Personen, die in de« nächster? Tagen ausgeraubt werden sollten.
Veutsches Reich.
* Di« Reise des Prinzen HetarichnachKiaut- schou. Wie offiziös geureldet wird, durfte sich Prinz Heinrich von Preußen, der vom Nasser Äs Vertreter des deutschen Reiches zu den Versetzungsset..- lichkeiten in Japan bestimmt worden rst, nicht, tote belichtet tourte, nur einige Tage, s-mdern gemaß den letzten Bestimmungm er n t g e Wo ch en tu K i a u t s ck> o u aufhalten, um stcy über den Stand der Dinge tn diesem deutschen Schutzgebiet emgehend ru orientieren, wobei auch die wirtschaftliche Lage tm Schutzgebiet besondere Berücksichtigung finden soll Der Prinz beabsichtigt vor allem mit der angesessenen Kaufmannschaft in Fühlung zu treten, um deren wirtschafttiche. Wünsche und Bedürfnisse kennen zu lernen, wobei auch Fachleute zu Rate gezogen werden sollen. Sein Eintreffen in Kiaut- schou dürfte 'etwa am 25. September erfolgen.
* Die Frage der Handhabung der Reichsgesetze ist anläßlich der öffentlichen Diskussion über die Ausführung des I esui t :n g es etz es in der liberalen Presse in den Vordergrund gedrängt worden. Zwar ist es unrichtig, wenn behauptet wird, der baverische Jesuitenerlaß verstoße gegen das Jesuitengesetz; der Erlaß verstößt auch nicht gegen den Bundesratsbeschluß vom 5. Juli 1872, sondern es handelt sich einzig und allein um eine Auslegung des Begriffes „Ordenstätigkeit" einer- eits und der „Konferenzen" anderseits. Statt die- en Streitpunkt aber klar und deutlich zu bezeichnen, pricht die liberale Press: fort und fort von einer Verletzung oder Umgehung eines Reichsgesetzes. Auch die „demokratische" Presse, die doch sonst nichts Weniger als Achtung vor der Autorität bekumdet, zeigt hier plötzlich eine höchst verdächtige Achtung vor der Autorität des Gesetzes. Sie will eine entschiedene Gegnerin des Jesuitengesetzes, als eines Ausnahmegesetzes sein, aber sie will es nicht dulden, daß in der Handhabung des Gesetzes, worüber jedoch nicht allein der Bundesrat, sondern auch die Landespolizeibehörden zu bestimmen haben, eine mildere Praxis eintritt. Das erinnert lebhaft an die Worte aus der Passionsqeschichte des Heilandes: „Ich finde keine Schuld an ihm" —1 „Wir haben ein Gesetz, und nach diesem muß er sterben." Wie ist es aber vielfach mit der H a n d h ab u n g der Reichsge - setze bestellt? Die „Germania" erinnert in dieser Beziehung zunächst an das Verbot des Duells im Strafgesetzbuch, dem die militärischen Ehrengerichte ein Gebot des Duells entgegenstellen; ferner im Hinblick auf die Verfehlungen der jüngsten Zeit, die auf die Rennwetten zurückzuführen sind, daran, daß das Gewerbe der Buchmacher auf den Rennplätzen durch § 284 des Strafgesetzbuchs verboten und mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bedroht ist, aber bis in. die letzten Tage hinein unbehelligt von der Polizei geduldet wurde. Das Blatt erinnert ferner daran, daß der Kuppelei -Paragraph des Strafgesetzbuches noch zu Recht besteht, daß aber tat Gegensätze zu demselben die polizeilich reglementierte Unzucht geduldet wird. Es stetzm sich wohl noch andere Beispiele anführen, aber diese dürften genügen, um die Gegensätze erkennen zu lassen. In der für Volk und Vaterland wohltätigen Wirksamkeit der Jesuiten erblickt Man eine Verletzung oder Umgehung des Gesetzes, obschon eine solche nicht vorlieqt — die Uebertretung jener Gesetze aber, durch welche die unsittlichen Lei- venschaften gepflegt und die ethischen und moralische« Eigenschaften unseres Volkes verderbt werden, diese Uebertretung wird stillschweigend geduld»t und sogar polizeilich gestattet. Ans Kreuz Mtt der Pflege der Religion durch Jesuiten, der Barrabas der Korruptton aber wird freigelassen!
* „Erst rot, dann Brot". So lautet, wie der Abg. Giesberts in seiner Rede auf dem Aachener Katholikentage ausführte, die Parole der So- zialdemokratie in den Werkstätten und auf den Arbeitsplätzen. Die nicht organisierten oder die christ- lichorganisierten Arbetter werden mit allen Mitteln des Terrorismus gezwungen, den sozialdemokratischen Organisationen, mindestens aber der sozialdemokratische« Gewerkschaft beizutreten. Ein besonders bezeichnender Fall wird jetzt ans Hamburg g> Meldet. Hier waren bei einem Bau 80 Zimmerer beschäftigt, unter denen stvei christlich-organisiert: Ware«. Man suchte die beiden zunächst zu „bekehren". Als das nicht half, weigerten sich die Genos-
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82] Roman von Felix Nabor.
,^Jch war mich kalt und herzlos, Baldwiu", er- foiberte fie ernst. „Ich habe nur an mich gedacht! Aber br: Liebe hat mich ttmgetoandest — ich bin sehend geworden! Ich weiß jetzt, wieviel Not und Unglück es in der Welt gibt, und seit Paoas Tod Mein Herz erschüttert hat, weiß ich auch, was Mitleid ist! —Der Reichtum verpflichtet ebenso wie der alte Nitterspruch: „Noblesse oblige!" — und ich werde von nun an Gutes tun, Träne« trockne«, Schmerzen fttllen und Not lindern, wo ich nur kann. Dann wird sich der Fluch, der auf dem Mammon ruht, in Segen verwandeln. Es ist so schön, Gutes zu tun, es macht so viel Freude, es läßt das Herz höher schlage« —"
Baldwin nickte. ,^Ja, Du hast recht, Lizzie." sagte er. „Jede Guttat, in Liebe getan, ist eine Sprosse zur Himmelsleiter! — Was aber wirst Du fetzt beginne«? — Kehrst Du nach Kairo zurück?" _ „Rein — ich habe das Reisen satt. Rolf ist fast hergestellt und kehrt in einigen Wochen in die Heimat zurück. Ich aber denn ich muß immer etwas zu tun haben! — ich werde das Schloß Steineck von Grund aus modernisieren lassen, daß es blank und hell in der Sonne steht. Und da ich doch nicht wohl in dem Schlosse meines Bräutigams wohnen kann, miete ich mir für den Winter eine Villa in der Residenz und fahre recht ost hinaus nach der alten Ritterburg. Rolf hat nämlich eine Mutter, die ich schon lieb gewonnen habe. Von ihr, dieser vornehmen und edlen Dame, muß ich noch vieles lernen — vor allem deutsche Sitte und deutsche Art! — Denn ich will eine d e u ts ch e Schloßfrau werden und mir alle Tugenden aneignen, welche die deutschen Frauen zieren. —- Das ist mein Ziel! — Man soll mir sagen: Sie ist eine echte deutsche Frau, die ihren Gatten beglückt und ihm und anderen zum Segen lebt! — Schau, Bald- .wnx, bisher habe ich aeglaubt, jeder Mensch sei nur
seiner selbst wegen da. Aber das kann ja nicht sein, sonst müßte die Welt zugrunde gehen. Und jetzt kenne ich die Wahrheit: wir sind alle Brüder und Schwestern! Wir müssen mit- und für einander leben! Andere glücklich machen, das ist das schönste im Leben! Das will ich jetzt tun. “ Di: deutschen Frauen haben es mich gelehrt!"
Baldwin empfand immer mehr Bewunderung für dies seltene Mädchen und als sie von einander schieden, geschah es in aufrichtiger Freundschaft und Liebe, denn sie waren, wenn auch in Zukunft Rang und Stand ein Untwschied bedingte, im Grunde doch eines Blutes! —
Bei Lizzies Abreise erlebte diese eine Ueber- raschung, die sie ebenso erfreute wie rührte. Am Eingang des Dorfes standen Kinder, Frauen und Männer, so daß die Straße gesperrt wax und der Chauffeur anhalten mußte. Un„ da drängten sich alle herzu und streckten ihr die Hände entgegen, die Äinber aber, die mächtige Sträuße von Herbftblu- men trugen, warfen sie ihr in. den Wagen, so daß er aussah wie ein großer Blumenkorb, in dessen Mitte sie saß.
Es war nicht die Art dieser schlichte« Dorfbewohner, Reden zu halten und die junge Dame als Wohltäterin zu Preisen — sie zollten ihren Dank auf ihre Weise! Und es war nicht allein des Goldes wegen, das Lizzie und ihr Vater dem Dorfe geschenkt hatten, daß sie sich um ihre Wohltäterin scharte«, das fühlte und erkannte Lizzie klar; sie hatte vielmehr durch ihre Güte die Herzen dieser Menschen erobert. Das erfüllte sie mit Freude und Stolz. Sie lächelte und drückte die dargereichleu Händ:, so hart und braun auch manche warm. Und als ein kleines blondes Mädel auf das Trittbrett kletterte, um auch ein Sträußchen zu werfen, da geschah das Unerhörte, das sie früher nie für möglich gehalten hätte: sie hob die jauchzende Klei«: empor und küßte sie auf Mund und Wangen —-
Donnernder Jubel brach los, der nicht enden wollte. Der Schmied brülltettvie ein Stier: „Hoch! hoch! hoch! —" und Ev küßt» der blassen Dame die
Hand und dankte noch einmal für das reiche Hoch- zettsgeschenk. „Ich werde für Sie und Ihren Vater beten", sagte sie und Lizzie nickte ihr zu und sagte: „Tue das, Ev! — Und nimm von diesen Blumen da soviel Du fassen kannst und schmücke damit das Grab meines Vaters."
Ev griff mit beiden Händen zu und schritt zum Friedhof — und da wußte Lizzie, daß ihres Vaters Grab nicht einsam sein würde, daß tausend Gebete wie kühler Tau auf dasselbe nieberfielen —
Auch sie selber hatte die Menschen und das Land lieben gelernt — und grüßte noch einmal mit der Hand: „Lebt wohl! —■ Ich komme wieder!" —
Dann winkt: sie, den Weg freizugeben, und das Auto.sauste mtt seiner Herrin davon. “ "
Am gleichen Tage noch hielt Adam Hochgruber seinen Einzug auf dem Wildhof. Frau Regine, mit schneeweißem Haar auf dem Scheitel, saß lächelnd an seiner Seite: im Fond der Kutsche, und Baldwin lenkte di: Rosse. Vor dem Hause war das ganze Gesinde des Hofes versammelt, um die neue Herrschaft zu begrüßen. Baldwin nahm sie an Stelle feines Vaters in Pflicht und Dienst, gab ihnen einen freien Mittag und abends einen kleinen Schmaus. So erhielt der Tag den Charakter eines Festes und Knecht: und Mägde rühmten den neuen Herrn.
Baldwin geleitete seinen Vater in die Stube, wo dieser, sich aufatmend, niederließ und sagte: „Baldwin, ich kann Dir gar nicht sagen, tote froh ich hin, daß ich Dich hab! — Ich brauch eine Stütze für meine alten Tage —- und das bist Du mir. Ich bin zu nichts mehr nütze. Uebernimm Du bm Hof und regiere nach Deinem Willen."
„Nein", erwiderte Baldwin, „das tu ich nicht! Der Hof gehört Euch, Vater! —Ich hatte unrecht, als ich nach meiner Rückkehr in die Heimat Euch die Zügel aus den Hände« nehmen wollte. Die Kinder haben kein Recht, ihre Elter« von Haus und Hof zu verdrängen, solange diese rüsttg sind. Und so sage ich Euch: herrschet ans dem Hof, solange Ihr lebt! Erst wenn Ihr die Augen schließt — und darüber möge Gott noch viele Jahre vergehen taf
fen! — erst dann toitt ich das Erhs übernehmet und -es hüten und mehren in Kraft und Treue."
Der alte Wildhofer war überwältigt von, der Größe und dem Edelmut seines Sohnes und reichte ihm zu festem Drucke die Rechte. „SBalbtota", sagt« er mit ferner schwere« Zunge, „jetzt verstehen wir uns, jetzt find wir eins! — Das alte starke Bauernblut fließt auch in Deine« Adern. Du weißt, waS Tu willst, und wirst es vollbringxn. Mer schau, ich allein kann den großen Hof nicht verwalten und ich versteh auch die neue Bewtatschastung, nicht. Mutter aber kann ich nicht entbehren, sie muß immer um mich fein!" — Er legte bei diesen Worten bte Arme um die Schultern seines Weibes, daß sie lächelte und errötete wie ein Kind. ;— „Und so mußt Du hin und wieder nach dem Rechten sehen, daß nichts verlottert und nichts verdirbt. Denn eine Musterlvirtschaft soll es sein und bleiben, das bi» ich dem Andenken meines Bruders schuldig."
„Das will ich gerne tun", erwiderte Baldwin, „je mehr Arbeit, desto lieber!"
„Daran wird es Dir nicht fehlen, Baldwin. Wenn Du auch noch die „Säge" und das „Lichtwerk" überwacher, mußt, so hast Du Arbeit genug! Und welchen Einfluß, welche Macht hast Tu! Du bist jetzt der erste Bürger im Dorfe! Und wenn der alte Gemeindevm-stand'stirbt, so wirst Du sein Nachfolger. Tann bist Du der Held des Tages, der Herr dieser kleinen Welt! •—" •
„Ja, das bin ich! Ich werde meinen Einfluß dazu verwenden, daß das ganze Dorf zu Wohlstand und zu Glück gelangt und daß unserem Volke seine teuersten Güter erhalten bleiben: Glaube und Heimat, gute Sitten und Tugend, vor allem aber, daß Friede herrsche in unserem Tale!"
„Baldwin'" rief der alte Bauer, „so wie Du ist keiner! Auf Dich kann ich stolz fein! Du bist ein würdiger Erbe unseres Namens und unseres Blutes: der Bauernkönig einer neuen Zeit! Ter Herr der Erde!"
(Schluß folgt)