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« Tuldaer

Ämt Geisa und Nmaebnnq.

D Geisa, 26. Aug. 1912. Am Sonntag, den 25. August, hielt der Turnverein Geisa sein Som- merfest ab. Nach feierlichem Zuge durch die Stadt fand tnt Bereinslokal ein Schau- und Wettturnen statt, das sehr schöne Darbietungen zeigte und bei den zahlreichen Zuschauern viel Beifall fand.. Auch der Abend vereinigte eine sehr starke Anzahl von Freun­dinnen und Freunden des Turnsports im Festlokal. Eines aber möchten wir dem Verein für spätere Sommerfeste empfehlen: Bei seinen Umzügen Rück­sicht auf den Nachmittagsgottesdienst zu nehmen, da­mit die Christenlehrschüler auch ihrer religiösen Pflicht gut nachkommen können, was nicht so leicht ist, wenn der Umzug um 21^ Uhr, also gerade zur Zeit der Andacht, stattfindet.

* Bacha, 26. Aug. 1912. Infolge der reichlichen Niederschläge in den letzten Tagen führt die W erra Hochwasser und droht an niedrig gelegenen Stel. len aus den Ufern zu treten.

* Dermba», 26. August 1912. In der Flur Dermbach und in den angrenzenden Fluren tritt die Blattrollkrankheit der Kartoffeln ver­heerend auf, sodaß der Ausfall der Ernte bis zu 30 Prozent und mehr zu schätzen ist. Das einzige Mittel, ihr mit Erfolg enlgegenzutreten, ist die Wahl gesunden Saatgutes. Ueberall, wo die Krank»

heit in größerem Maßstabe auftritt, muß man neue? Saatgut aus Gegenden beziehen, in denen die Krankheit nicht vorhanden ist. Der Landwirtschaft­liche Hauptorrcin hat sich an sämtliche Zweigvereint des 4. Verwaltungsbezirks gewendet, mit der Sitte; die Ortefluren ihres Vereinsbezirkes zu besichttgen und zu berichten, welche Fluren frei von der Krank­heit sind. Diese werden nach eingegangener Er- Mittelung bekanntgegeben. Die Landwirte können ihren Saatbedars von dort beziehen.

?his -em Nackbarqebreie.

♦ Schlitz, 25 Aug. 1912. Infolge eines Schlag­anfalles starb gestern der 40 Jahre als Mangr- meister in der Langheinrichschen Leinenfabrik be­schäftigte, 66 Jahre alte Kriegsveteran Jo­hannes Gnieß. Er war einer aus der tapferen Schar, die einst unter Hauptmann Kattrein das Schloß Chambord stürnrte.

* Hersfeld, 26. Aug. 1912. Heute morgen fuhr an dem Bahnübergang am Peterstor ein mit zwei Pferden bespannter Wirtschaftswagen des W. Heil, auf dem der Kutscher und ein Arbeiter saßen, über die Gleise, als der von Hünfeld nach Hersfeld ver­kehrende Schülerzug heranbrauste. Dem Knecht und dem Arbeiter gelang es. noch im letzten Augen­blick von dem Wagen zu springen und so ihr Leben zu retten. Die Vferde wurden von der Maschine des Zuges ergriffen und eine ganze Strecke weit f o r t g e s ch l e u d e r t. , Ein Pferd war sofort tot, das andere erlitt leichtere Verletzungen. Wie

M 194.

»kn,leg Mn 21. Hngnft 1912.

59. Zadramg.

Handel und Industrie.

* Berlin, 26. Aug. 1912. Die Kaufgier de» Publikums trieb die Kurse der heutigen Börse nach oben. Die Stimmung war zuversichtlich. Auch der Kasfamartt hatte eine befriedigende Verfassung.

Märkte.

* Frankfurter Getreidem art: bericht vom 26. August. Es notierten: Weizen: hiesiger und Wetterauer. 21.40 bis 21.60 Mk., auf dem Lande abgeholt 20.85-21.00 Mk., kurhefsischer 21.40—21.50 Mk., norddeutscher 21.40—21.50 Mk., Manitoba 21.75 bis 22.50 M., Kansas 23.50—24.00 Mk., russischer Nicolajesf 23.50-24.00 M., Saxonska 23.75—24.00 3JL, Ulk«! 23.50-24.00 M., Anina 23.50—23.75 M., La Plata 23.25-23.75 M.. rumän. 24.25—24.50 Mark, Walia Wall» 00.00 -00.00 M. — Roggen: hiesiger, 17.50 bis 17.60 M., auf dem Lande abgeholt 16.90—17.00 Mk., Pfälzer 00.00—00.00 M. russischer 19.50—19.75 M., rumänischer 00.00-00.00 Mk. — Gerste: hies. 20.25 bis 21.00 Mark, Pfälzer 20.75-21.50 M., fränkische' 20.50—21.00 M., Riedgerste 20.25—21.25 M., ungarische 00.00-00.00 M., Futtergerste 00.00—00.00 M. — Hafer: hiesiger und Wetterauer 20.75—22.00 M, kurhess. 21.00-22.00 M., bayer. 20.75—22.00 SL La Plata 16.25-16.75 Mark, russischer 20.50-21.50 Mark. — Mais (Mixed) 00.00— 00.00 Mark, Donau­mais 15.00-15.25 M., La Plata 15.25—15.50 Math Tinqantin 17.50-17.75 M., russischer 00.00—00.00 Mark. — Alles per 100 Kilo netto, effektiv loko hier. —! Mehl: steigend. — Es notieren je nach Qualität: Weizenmehl, hiesiges, Nr. 0 31.75—32.00 M., südd, Nr. 0 31.75-32.00 M., hiesiges Nr. 1 29.75 -30.00 2JL süddeutsches Nr. 1 29.75 -30.00 M., hiesiges Nr. 8 26.75-27.00 M., süddeutsches Nr. 3 26.75—27.00 M- hiesiges Nr. 4 22.75-23 00 M., süddeutsches Nr. 4

vermischtes.

♦♦ Höhere Löhne im Ruhrkohlenrevier. Der Durchschnittsbergarbeiterlohn im Oberbergamtsbe- zirk Dortmund rst im zweiten Quartal dieses Jah­res auf 5 Mark pro Mann und Schicht gestiegen, von 4,83 Mark im vorigen Quartal und 4,66 Mark im gleichen Quartal des Vorjahres. Der Haner- lohn betrug 5,97 Mark. Der Lohn brr sonsttgen unterirdisch beschäftigten Arbeiter betrug 4,30 Mark und der Lohn der Arbeiter über Tage 4,16 Mark. Die Gesamtlohnsumme stellt sich auf 136 864 086 Mark gegen 129 221 820 und 118 474193 Mark.

♦ Zn Tode geschleift. Der 13jährige Sohn eines Wagenbauers in A s s e l n im Sauerland hatte beim Weiden einer jungen Kuh sich leichtfertiger­weise die Kette um den Leib geschlun­gen. Aus dem Nachhausewege wurde die Kuh wiltz und schleifte den Jungen zu Tode.

der Schrankenwärter behauptet, hat die ssignal- leitung, die das Herannahen des Zuges anlundcgt, nicht funktioniert; infolgedessen hat der Wärter dte Schranke nicht geschlossen.

♦ Sontra, 24. Aug. 1912. Der 31jährige Fried­rich Ewald, der augenblicklich bei seinen hier wohn­haften Eltern zu Besuch weift, passierte mit seinem Fahrrade die Straße Metzlar—Sontra. Als er an einer abschüfligen Stelle einem Fuhrwerke auswei­chen wollte, kam er zu Fall. Der Fuhrmann ließ den Verunglückten hilflos liegen. Später wurde er bewußtlos aufgefunden. Der Arzt stellte u. a. eine Gehirnerschütterung sowie Bruch des Nasenbeines fest.

* Hanau, 26. Aug. 1912. Die Verhandlungen zwischen Vertretern der Arbeitgeber und den in Kündigung stehenden Arbeitnehmern der Firma I. Brüning u. Sohu, Langendiebach, die schon seit Freitag unter dem Vorsitze des Oberbürgermeisters Dr. Gebeschus stattfinden, haben dem Vernehmen nach insofern einen günstigen Abschluß gesunden, als die Differenzen in Langendiebach als erledigt angesehen werden können.

* Offenbach, 26. Aug. 1912. Durch Selb st- entladung eines Revolvers, den die Zigeu­nerin Margarete Weingärtner gestern abend aus der Tasche ihres Mannes nehmen wollte, ging plötz­lich der Schuß los, der die Frau in den Mund traf. Die Kugel blieb in der Zunge stecken und die Frau wurde schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht.

* Frankfurt a. M., 23. Aug. 1912. Die Eigen­heim-Baugesellschaft Weinberg, Wolz u. Co., die seit vier Jahren etwa 150 Landhäuser für den Mittelstand — mittlere Beamte, Lehrer, Pri­vatbeamte und besser bezahlte Arbeiter — int wei­tern Umkreis bon Frankfurt errichtet hat, ist zah­lungsunfähig geworden.

* Jena, 26. Aug. 1912. Im Schillergar- t e n, der bekanntlich wertvolle Erinnerungen an Jenas große Zeit birgt, sind in letzter Zeit Ver­änderungen vorgenommen worden, gegen die jetzt wieder in der Lokalprefle lebhaft protestiert wird. Durch. Anl-grmg eines Eingangs nach der Ernst Haeckel-Straße, Beseitigung eines großen Baumes und Köpfttng dreier jüngerer Bäume ist das Idyll des Steintisches, an dem Goethe und Schiller „so manches gute und schöne Wort" ge­tauscht haben, last völlig zerstört. Ein Artikel, der auch darauf hinweist, daß es erst vor einigen Jah­ren des Protestes der ganzen deutschen Prefle be­durft hatte,- um den für die gebildete Welt so kost­baren Schillergarten zu erhalten, schließt: „An der traurig entblösten Bank vor dem Stein wird hin­fort keiner Gefahr laufen, allzulange hängen zu bleiben und über dem stillen, ernsten Raunen der Vergangenheit das laute, hastende Ringen der Gr- genwartssttmde zu vergessen. Die Jena lieb haben, trauern darum und fragen: „Wer hilft das Ge­schehene abwenden?"

Dwitf(bes Neich

München, 26. Aug. 1912. Als in der baye­rischen Kammer der K r i e g s m i n i st e r den über­raschend schroffen Ausfall gegen den Zentrumsabg. Frhrn. v. Francken stein machte, stand alsbald in zahlreichen liberalen Blättern zu lesen, der

Aus cvderhesien e. den Hess. Aemtern.

△ Marburg, 25. Aug. 1912. Das hiesige I ä- gerbataillon hielt gestern auf seinen Schieß, ständen sein diesjähriges Königsprämienschießen ab. Tie besten Schießleistungen erzielte wieder die 2. Kompagnie, deren Angehöriger, ein Rekrut namens Zacharias, neben anderen Auszeichnungen auch den Ehrenhirschfänger erhiell.

A Marburg, 27. Aug. 1912. Vergangene Stacht wurde hier bei einem Lehrer ein Einbruchs- d i r b st a h l begangen. Auch dem Pfarrhause in Oberweimar statteten vergangene Nacht Diebe einen Besuch ab. In beiden Fällen wurden Eßwaren und Kleidungsstücke entwendet.

* Mendorf (Kr. Kirchhain), 26. Aug. 1912. Dem bisherigen Bahnunterhaltungsarbeiter Peter Wei­tzel zu Allendorf wurde das Allgemeine Ehrenzei­chen verliehen.

* Fritzlar, 26. Aug. 1912. Dem Arzt Dr. August Gaßmann in Fritzlar wurde der Charakter als Sauitätsrat verliehen.

Kriegsministrr sei einer von den beiden Prote­stanten, dir dem Ministerium angehörten. — Wir für unfern Teil hatten gar nicht daran gedacht, die Erklärung des unliebsamen Zwischenfalls auf dem konfessionellen Gebiete zu suchen. Wir hat­ten uns einfach gesagt: der Kriegsminister hat ossrn- bar die Ausführungen des Abg. v. Franckenstein mißverstanden und ist infolge der Mißver- standnisie in Erregung geraten. Wer das parla­mentarische Leben und Treiben länger beobachtet hat, der weiß ja, daß man in den Fluten der Be- rÄ>samkeit leicht nervös werden kann. Auch^em Kriegsminister, der int Pulverdampf und Geschotz- hagel die größte Kaftblüttgkeit bewahren wurde, kann auf dem Seflel im Parlament die Ruhe verlieren. Am nächsten Tage hat ja auch der bayertsche Krtegs- minister selbst eingestanden, daß er im Etfer Be» par­lamentarischen Gefechtes zu weit gegangen war, er hat offen anerkannt, daß er dem Abg. v.^ra"° ckenstein Anrecht getan habe, er habe thn ntcht ruh- Ha verstanden. Diese einfache Erklärung und Er­ledigung des Zwischenfalles will man bei unseren Gegnern nicht aelten lassen, sondern vtelmehr thn aus beut en nach Menschenmöglichkeit zum Vor­teil der eigenen Parteibestrebungen und zum Scha- d e n des verhaßten M i n i st e r i u m s H e r t l in g. Daher der krampfhaft gesteigerte Beifall, mit dem die Blocklinke die unbegründeten Ausfälle des Kriegsntinisters begrüßten. Daher auch die Hervor­hebung der protestantischen Konfession des Ministers in der liberalen Prefle. Wenn die Er­klärung für das Auftreten des Ministers und seine Zugehörigkeit zum protestantischen Bekenntnis ge­sucht wird, so kann man mit dem verstorbenen Sa- bor sagen: das läßt lief blicken! Wir meinen nicht etwa einen Einblick in das Denken und Wollen des Ministers, sondern vielmehr in den Gedanken- gang und die Bestrebungen jener liberalen Blätter, die sich an ihn herandrängen wollen. Sie entbüllen ihr Inneres, und der Anblick ist nicht schön. Sie setzen voraus, daß der bayerische Kriegs- minister auch bei seinem amtlichen Auftreten sich von seinem konfessionellen Bewußtsein als Protestant leiten läßt. Darin suchen sie die Er­klärung dafür, daß er den Zenttumsabgeordneten mit viel größerer Schärfe behandelt, als die Wort­führer der Linken. Gegen uns erhebt man fört- während den Vorwurf, daß w ir das konfessio­nelle Moment in die Politik hineinzögen. Aber wer zieht denn tatsächlich die Konfessionen in den politischen Streit? Und das sogar in einer Ange­legenheit, die mit religiösen Gesichtspunkten gar nichts zu tun hat! Ob die Armee von der sozial­demokratischen Agitation und ob das Offizierskorps von der gefährlichen Simpliziflimus-Stimmung be­droht ist, das ist doch eine Tatfrage, die alle Vater- landsfreunde, mögen sie katholisch oder protestantisch sein, mit gleicher Gewissenhaftigkeit prüfen müflen. Und ebenso werden sich in dem Bestreben, die Wehr­kraft des Vaterlandes rn schützen, alle wohlmeinen­den und einflchttgen Bürger ohne Unters - Bekenntniflcs zusammenfinden. Es gehört doch wahrlich eine große Portion Verblendung und Selbstsucht dazu, nm in eine derarftge nationale Frage von entscheidender Bedeittung den konfessio- nellen Gegensatz hincinzubringen.

X Dr. Eugen Jäger.

Ein hochverdienter Zentrumspolitiker, der RetchK- tagLabgeordnete Dr. E u g e n 9 (uer,UTt§tag. begeht heute, 27. August, fernen 70. Gebuttst^ Als entschiedener Soztalpoltttker, r.J g. ber Wohlsahrtspflege.und bei on ^at jft er in ganz Wohnungsfrage verdtent gemach Be-

Teutschland ^schätzt- - Zentrum, zu deflen be» SeIS”be" Familie Jäger M ein gutes Stück Ge­schichte der Zentrumspartet m der bayerischen Pfalz uukuuvst Der Vater Dr. Jagers, der praktische Artt Dr. Johann Lukas Jäger, gründete nämlich m der Hochflut des Aufruhrs im Jahre 1849 als kon­servative Gegenwirkung die „Pfälzer Zei- t u n g", die sich rasch in der ganzen Pfalz ausbrei­tete. Nach 'einer gründlichen wissenschaftlichen Aus­bildung übernahm Dr. Eugen Jäger 1874 die Lei­tung der „Pfälzer Zeitung"; 1877 wurde noch ein Speyerer Lokalblatt, das jetzige „Rheinische Bolks- blatt" gegründet.

Die konservative Partei, die sich unter Führung von D. Lukas Jäger aus Protestanten und Katho­liken gemeinsam gebildet hatte und in der „Pfalzer Zeitung" ihr Organ besaß, war durch den Kultur­kampf vernichtet, die konservativen Protestanten widmeten sich fast mit größerem Eifer wie die Lr- beralen der Huldigung vor dem „proteftanttschen Kaisertum und machten den Kulturkampf leiden­schaftlich mit. bis auf wenige ältere besonnenere Männer, die bald ausstarben. Dr. Jäger leitete damals die Zeitung und die Pfälzer Katholiken zum Zentrum hinüber, stand dabei anfangs fast allein, bis allmählich andere Persönlichketten ihm zur Seite wuchsen, die mit chm in die Führung der Partei sich teilten.

Nachdem der inzwischen verstorbene Dr. Julius eiben 1906 wegen Krankheit von der Spitze der Partei zurückttat, wurde Dr. Jäger durch Wahl der Vertrauensmänner auch mit dieser Stellung beauftragt. Zum Mitglied des Stadtrates! von Speyer wurde et 1884 gewählt, 1887 schickte ihn der schwäbische Wahlkreis Dilliugen in den baye­rischen Landtag, nachdem 1886 das väterliche Geschäft in sein Eigentum übergegangen war. Im Jahr- 1898 wählte ihn der Wahlkreis Dillingen auch in den Reichstag, er behielt das Toppel- mandat, bis er bei der Landtagsauflösung von 1911 auf die Wiederwahl zum Landtag verzichtete, und für den Reichstag 1912 wieder gewählt wurde. Neben der Redaktion der Zeitung widmete sich Dr. Jäger noch einer reichen literarischen Tätigkeit. Er chrieb: „Der moderne Sozialismus" (1873), „Die oziale Bewegung in Frankreich" (1876 und 1889), ernet Schriften über Viktor A. Huber, über das Genossenschaftswesen und das Agrarwesen, eine „Kurze Geschichte des deutschen Bauernstandes" und eine Reihe polttffcher Schriften. Am bekann­testen ist fein hervorragendes Werk über die Woh­nungsfrage (1902).

Als Abgeordneter int Reichstag und im baye­rischen Landtag hat sich Dr. Jäger besonders aus sozialpolitischem Gebiete hervorgetan. Durch seine Anträge im bayerischen Landtag ist er­ber Zentrumspartei in einer Reihe von sozialen Fragen zum Wegzeiger geworden, ein Verdienst, das ihm nicht hoch genug angerechnet werden kann. Was in Bayern auf dem Gebiete der Wohnungs­reform geschehen ist, entspringt seiner Anregung. An den Anträgen zur Wohnungsfrage im Reichstag war Dr. Jäger ebenfalls hervorragend beteiligt. Papst Leo XIII. zeichnete den hervorragenden Mann 1888 durch Verleihung des Ehrenkreuzes pro eccle= sia et pontifice aus. Dem wackeren Veteranen der Zentrumspresse und der Zentrumsfraktton im Reichs- und bayerischen Landtag entbieten auch wir die herzlichsten Glückwünsche zum 70. Gebuttstag.

*7 Al f il H A 2. Blatt

tivimiiy vk«ck und Verlag der Mdaer Actiendrnckerel

Auf seine Frage erfolgte keine Antwort: das Schweigen des Todes lag über dem lichterfüllten Raume. —

Da schien sein letzter Rest von Kraft zu zerbre­chen und wie ein Wimmern klang es von seinen Lippen: „Ein Krüppel! — Blind! — und den Tod in der Brust! — So bin ich also verloren, kann mein großes Werk nicht vollenden! — Mer ich will es vollenden! — Doktor, geben Sie mir nur ein Jahr Frist! — Nur ein halbes! — Nur einen Mo­nat! — Retten Sie mich! — Ich gebe Ihnen mein Gold, all mein- Millionen gebe ich Ihnen — aber macht mich gesund, daß ich lebe, lebe —"

„Herr Cooper — und wenn Sie uns alle Reich­tümer der Welt geben würden: wir könnten Sie nicht rett-n! —"

„Also sterben, sterben?" schluchzte er. „Wie- lange — dauert es noch?"

„Das weiß Gott allein! — Herr Cooper, machen Sie Ihre Rechnung mst dem Himm-l! — Ich habe bereits nach dem Priester geschickt —"

Draußen erklang der helle Ton eines Glöckleins. „Da ist er schon, Herr Cooper! — Und Baldwin kommt auch mit! —"

Die Aerste entfernten sich und ließen den Prie­ster eintreten, der seines Amtes waltete —

Die Türe schloß sich. Ein reicher armer Mann öffnete das Schuldbuch seines Lebens, eine zer­knirschte, von Reue gefolterte Seele nahm ihre Zu­flucht zu ihrem Gotte, den sie ein Leben lang ge­mieden hatte —

Sie zittert- vor ihrem strengen Richter. Mer wie kühler, erquickender Tau fiel das Wort in das Herz des Todwunden: „ . auch int Himmel

wird Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, so der Buße nicht bedürfen! —*

Die haben Aerzle aus der Stadt gingen und Haller gab ihnen das Geleste bis zum Wagen —

Baldwin blieb allein in der Stube zurück; nach ein paar Minuten traten auch Hanne und der Dok­tor ein und sie standen stumm beisammen am Fenster.

Als der Kranke das Himmelsbrot empfangen hatte, lag er ganz füll. Seine Augen waren er­loschen, aber in seiner Seele ging ein strahlendes Licht auf —

Er schien zu schlummern, nur einmal griff feine Hand in die Lust und er fügte: ,Mzzrr — bist Du da?" —

Hanne beugte sich über ihn. „Ich bin es, Herr — die Hannes

„Setz Dich zu mir", bat er. „Du bist mir so lieb wie mein eigenes Kind! — Und grüß mir Liz­zie, wenn sie kommt! — Ich wünsch ihr alles Glück — sie soll bald Hochzest machen mst dem. Grafen, daß sie nicht allein steht in der Welt! — Es ist furchtbar, allein zu stehen — wenn der "Tod kommt! — Man ist vor ihm' arm wie ein Bettler — und alle Schätze der Welt nützen nichts vor chm, dem Unerbittlichen! — Nur wer ein treues Herz sein eigen nennt, ist nicht ganz verlaffen —"

Nun schlief er. Hann- blieb an ferner Seite. Baldwin saß draußen in der Stube und schrieb einen ausführlichen Bericht an Lizzie, den man ihr von der Billa Quisisana in Baden-Baden aus nach- senden sollte. Der Doftor ging, versprach aber, auf dir Nacht wieder zu kommen.---

Am Abend stellte sich bei dem Kranken heftiges Fieber ein, so daß der Doktor die ganze Nacht blieb und abwechselnd mst Baldwin die Wache übernahm. Hanne hatte er schon um neun zu Bett geschickt, ka­mst sie ruhen und Kräfte sammeln konnte für den kommenden Tag.

Erst gegen Mitternacht wich das Fieber. Der Arzt flößte dem Ermatteten einen schmerzstillenden Trank ein und er schlief nun bis gegen Mittag.

Dann war er bei klarem Bewußtsein, verlangte nach dem Notar und seinem Bruder, war mit erste­rem, sowie Doktor Haller und dem Hirschwirt, die als Zeugen dienten, fast eine Stunde beisammen. Er diftierte dem Notar mit matter aber klarer Sttmme seinen letzten Willen und schrieb mst fester Hand feinen Namen unter das Schriftstück —

Inzwischen hatte Baldwin seinen Vater stt der Chaise herbeigeholt: er reichte ihm den Arm und

Jauern ßl'ttf.

80] Roman von Felix Nabor.

Cooper betastete die Augen und sagte: ,Die Lider sind geschwollen — und ich sehe nichts. Es ist wohl stockdunkle Nacht —"

„Es ist Tag, Herr Cooper —*

»Das kann ja nicht sein! — Freilich, das Fen­ster ist klein — aber so machen Sie doch Licht! — 290511 sind denn die drei eleftrischen Flammen da oben an der Decke? — Das ist mein Werk, Doktor: Bas Licht habe ich ins Dorf gebracht. Also — bitte, kmpsen St- an —"

"Herr Cooper, die Lichter brennen schon —"

„Was? — Sie — bren--neu? —" Meß

Cooper hervor. „Das - ist - nicht möglich! -

— ich seh sie mcht! — Wo sind Sie denn, Dok­tor? -—Ich — seh — Sie — nicht! — Ich sehe gar nichts — nicht einmal meine Hand' — Was__■

Sei’ ®efid’1 »

d-r Au--N»r,l: „$ert <£»»«. faftm tote sick! Tragen Sie das Unglück wie ein Manu —*

^Aber warum sehe ich nichts? —" fr LbeT Augennerv ~ zerstört ist! —"

«x erfassend" die Tragweite dieses Wortes nicht tnnSalenbIinbT^eT Nne « auf: .Ich btn - Brich" ^Jch^hab'Tang sich aus seiner nun ch m^ das eiaene & Fracht", rief er. „und nickt sein - ick /loschen! - Das darf

Hand fuhr nach der^Bmst u?d ttallw gck bnnnen brennt es wie Feuer, Doktors-Was^st

„Ich fürchte, es ist eine innere Berl-tzuna — „Und — muß man daran---.

L'LlsZU""'mi*km a“si»-Ven.fc,

führte ihn tn die Stube und an das Lager de- Kranken. Das ging langsam und des Wildhofers Füße streiften bei jedem Schritte mit schlürfendem Geräusch den Boden. Schwer aufatmend sank er endlich auf den Srffel, den Baldwin für ihn neben das Bett gestellt hatte. Er mußte erst Atem schöp­fen, ehe er reden konnte.

Der Kranke horchte auf die schweren, näher» kommenden Schritte, und streckte die Hand aus: „Bruder! — Bruder! —"

Da -ergriff der Wildhofer diese kalte Todeshand, hielt sie fest und betrachtete das Marterbild. In seinen ehernen Zügen wühlte es, wie wenn Erz im Feuer geschmolzen wird, ein heißes Mitleid mit dem Todgeweihten erfaßte ibn und dann brach es wie ein erlösender Schrei aus seiner Brust: „Heiner! — armer Seiner! —"

Ihre Hände ruhten fest ineinander, daß sie das Blut fühlten, das in ihren Adern rann, aber keiner sprach ein Wort! —

Es war, als scheu- sich jeder, feine Gefühle za offenbaren, sein Herz sprechen zu lasten, zu zeigen, daß Has; und Rache, Zorn und Trotz von den zer­malmenden Steinen des Schicksals zu Staub zer­mahlen worden waren. — Es beugte sich jeder vor der ftirchlbaren Macht, die zwischen sie getreten toar und ihrer Rache Halt geboten hatte. And jeder war in seinem Innern zerknirscht, voll Reue und bereit zur Verzeihung und Versöhnung. Es war, als fei rin Lichtstrahl vorn Himmel herabgefahren, der chre Herzen berührte, der alle irdische Liebe darin auslöschte und ein heiliges Feuer in ihnen entzündete: jene heilige Heimatslieb:, die nicht Haß noch Rache, nicht Zorn noch Kampf kennt —> die den Frieden auf Erden verkündet! —

Cooper war der erste, der sprach„Ich mutz mich beeüen", sagte er, ,chenn es währt bei mit nicht mehr lange. Ich habe viel Anrecht gettm —* an Dir, an Baldwin, an der Gemeinde — aber ich will alles gut machen — Bruder, verzeih! —f*

(Fortsetzung folgt.)