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Zrettag -en 25. August 1912.

39. Jahrgang.

* Tuldaer W Leitung

2. viatt.

druck unb Verlag der Fuldaer Actiendruckerel i« Salbe.

dieser Angelegenheit auf b:m Spiele stehen. Die Geburtenbeschränkung ruiniert die sittliche Ordnung,

den Gewissensfrieden, das Familienleben, si: schädigt den müssen. Dazu kommen noch einige Tausend an- die höchsten Interessen der Menschheit, das Vater- I derer Ausgaben. Die Gegenüberstellung di.'ser Zis- land und die Kirche. Darum sollte kein Volksfreund I fern zeigt, welch „gutes Geschäft" der Staat mit der

mehr beansprucht. Außerdem muß der Staat von den 10 200 Franken an die Familie de Riart 1200 0 0 Franken zahlen, die ihr von g»-- i-ichtswegen für H p P o t h e k en zurückgezahlt wer-

Miislonb

** Interessantes vom französischen Klosterraub. Der „Temps" bringt einen interessanten Rericht aus Perpignan, wonach das Klosterder Trap- v i st i n n e n in Espia bei der Versteigerung um 10 200 Franken an einen Freund der aufgelösten Kongregation zugeschlagen wurde. Das Kloster ist infolge seiner Bauart eben nur für ein Kloster zu benützen, es hat aber eine Million Franken zu bauen gekostet. Mit den erlösten 10 200 Franken muß nun der Staat den Liquidator bezahlen, der nun schon seit Jahren seines Amtes waltet und viel

Deutscher Reich.

liebet die Gebührenordnung der Rechtsan, walte werden nach Zcitungsmeldungen voraussicht­lich im Laufe der nächsten Monate neue Verhand­lungen eingeleitet. Bekanntlich hatten die An­waltskammern vor einiger Zeit die Beantwortung der von der Rrichsregierung ihnen zugesandten Fragebogen über die Höhe des Einkommens der Rechtsanwälte abgelehnt, sodaß diese die Frage der Gebührenerhöhung selbständig in die Hand nahm. Die Präsidenten der Oberlandesgerichte in den ein­zelnen Bundesstaaten wurden zu gutachtlichen Aeußerungen aufgefordert, die sich im wesentlichen auf eine eventuelle Abänderung des § 9 der Ge­bührenordnung für Rechtsanwälte bezogen. DaS vorliegende statistische amtliche Material kann als eine geeignete Unterlage zur Entscheidung der Frage, ob sich eine Aenderung der Gebühren als notwendig erweist, nicht angesehen werden. Bei den neuen Verhandlungen wird es sich also darum handeln, geeignete statistische Unterlagen zu erhal­ten. Der deutsche Anwaltsverein hat jetzt zu diesem Zwecke mit der zuständigen Reichsbehörde Fühlung genommen.

* Sozialdemokratische Schülerausflüge. Der „Köln. iviro qeicyrreben: Einen neuen Zweig der Jugendbeeinflussung hat die Sozialdemokratie entdeckt. Hatte sie es bisher in der Hauptsache auf die Sammlung und Gewinnung der bereits aus der Schule Entlassenen abgesehen, so sucht sie nunmehr sich an die noch schulpflichtigen Kin­der heranzumachen. Als passende Gelegenheit hier­zu erscheinen ihr die Schulferien, indem sie für die­jenigen Kinder, denen es leider nicht vergönnt ist, die Großstadtluft mit einer besseren zu vertauschen, sogenannte Schülerausflüge veranstaltet, wie dies neuerdings in Wiesbaden und Frankfurt geschehen ist. Die Leitung derselben liegt in den Händen eini­ger tveiblicher sozialdemokratischer Vertrauensperso­nen. Bei dem neutralen Anstrich, den die Sozial­demokratie diesen Veranstaltungen zu geben versteht, und bei dem tatsächlichen Bedürfnis solcher Spazier­gänge für die Kinder der Stadt, ist es leicht erklär­lich, daß auch Nichtsozialdemokraten ihr: Kinder zu denselben schicken. Dadurch aber entstehen für diese außerordentlich große Gefahren, denn für den Ken­ner der Sozialdemokratie ist es selbstverständlich, daß sie diese Veranstaltungen in ihrem Sinne ausnutzt, die Kinder in sozialdemokratischem Sinne zu beein­flussen versucht, genau wie sie -dies auch in der Ju­gendbewegung überhaupt tut. Tatsächlich konnte man schon des öfteren beobachten, wie bei den so­zialdemokratischen Kinderveranstaltungen knallrote Fälmchen verteilt wurden, und wie von den älteren Schülerjahrgängen bereits Lieder gesungen werden, die ganz dem sozialdemokratischen Geiste entspre­chen.

durch neu-malthusische.Timgschlüsse ober burch ma­terialistisch: Einseitigkeiten sich abhalten lasten, ent» schieben an bem Abwehrkampfe gegen biefe schlei- chenbe Krankheit teilzunehmen. Wir halten es mit ben Mahnungen auf bem A a ch e n e r K a t h o l i- kentag und nicht mit dem befangenen Sta­tt stiker aus Sachsen.

K U ber Sie Geburtenabnahme spricht sich der Direktor deS kgl. s ä ch s i s ch en Sta- ttstischen Landcsamtes Dr. Würzburger m einer Weise aus, die entschiedenen Widerspruch her- ausfordert. , t . ......

Während alle einsichtigen Volksfreunde den Rück­gang der Geburtenziffer beklagen, Null Herr Dr. Würzburger „f l a ü m ach e u . Er halt einen rcla» tiven und sogar einen absoluten Rückgang de^ Ge­burtenüberschusses für nicht gefährlich, furchtet da­gegen die Ueberbevölkerung. Daß seine Darlegungen nicht wissenschaftlich, sondern tenden­ziös sind, "ersieht man daraus, daß er im Punkte b:r Ueberbevölkerung auf das Königreich Sachsen hinweist. Ein Geburtenüberschuß von 40 Köpfen auf 1 Geviertkilometer im Laufe eines Jahrzehnts erscheint ihm beängstigend groß. Ja, das Königreich Sachsen gehört zu den bichte st bevölkerten Teilen Deutschlands; dort wo •/» der Bevölkerung von Handel und Industrie lebt und nur V„ von der Landwirtschaft, sitzen allerdings schon viele Leute auf 1 Geviertkilometer. Aber Sachsen ist doch nur ein Stück von dem deutschen Reiche, das einen ein­heitlichen Wirtschaftskörper bildet. Wenn in Sachsen recht viele gesunde Menschen zur Welt kom­men, so haben wir für diese in Deutschland noch Wohn- und Arbeitsplätze genug. Mit demselben Recht ober vielmehr Unrecht könnte ein Berliner Statistiker sagen, baß bort jebe Geburt ein schädli­ches Ereignis sei.

Ferner meint Herr Würzburger, der Ausfall an Geburten würde zum großen Teil eingebracht durch die Abnahme der Kindersterblichkeit. Es ist richtig, daß jetzt verhältnismäßig mehr Kin­der dem Leben erhalten werden. Aber der sächsische Statistiker ist wieder tendenziös, wenn er behauptet, die verbesserte Pflege der Neugeborenen und die da­durch herbeigeführte Verminderung der Kindersterb­lichkeit sei der verringerten Kinderzahl zu verdanken. Nein, die Abnahme der Sterblichkeit ist nicht auf die Säuglinge beschränkt, sondern erstreckt sich auf alle Altersklassen. Deshalb muß auch eine allge­meine Ursache zugrunde liegen, und die ist offen­bar zu suchen in der Verbesserung der Lebenshal­tung, die sich bis auf die breitesten Schichten der Be­völkerung erstreckt, in der Vervollkommnung der hygienischen Einrichtungen, in den Wirkungen der sozialpolitischen Schutz- und Versorgungsanstalten, in den Fortschritten der ärztlichen Kunst, in der ge­steigerten . Benutzung der Krankenhäuser usw. Der Aufschwung der Gesundheitspflege kommt natürlich den Säuglingen in hohem Maße zugute. Aber die schwächlichen Kinder, die gerettet werden, liefern we­der in der Qualität nochinderZahl einen aus­reichenden Ersatz für die kräftigen Kinder, die uns infolge der modernen Unsitte der Beschränkung der Geburten vorenthalten werden.

Unzulänglich ist ferner der Trostspruch Würzbur­gers, daß der allgemeine Rückgang der Sterblichkeit anbauere, also eine allgemeine Verlängerung ter Lebensdauer die Süden füllen werde. Gewiß, >ie stärkere Besetzung der höheren Altersklassen ist chön; doch wenn die Bevölkerungs-Pyramide oben ich verbreitert, so darf sie unten erst recht nicht chmäler werden. Sonst werden wir zu einer grei- enhaften Nation, in der das jüngere, beweg- iche, unternehmungslustige Element zu knapp ver­treten ist. Zur vollen Gesundheit und Leistungs­fähigkeit des Volkskörpers gehört der kräftige Nach­wuchs, der allein das erforderliche „frische Blut" zu liefern vermag.

Was nun die Wehrfähigkeit anlangt, so .ist es ja richtig, daß wir in den n ä ch st e n Jahren noch Rekruten genug haben. Aber wenn die Unsitte sich weiter entwickelt, so kommen wir nur zu bald in dieselbe Verlegenheit um junge Männer, wie sie in Frankreich schon herrscht.

Darum ist es vom nationalen Standpunft aus zu beklagen und zu tadeln, wenn ein Statistiker so tendenziöse Ausführungen macht, die dort, wo sie Anklang finden, das Uebel nur verschlimmern kön­nen.

Ganz unbeachtet gelaflen hat der Statistiker die ungeheuren idealen und moralischen Werte, die in

Liquidation dieses Trappistinnenklosters gemacht. Diese Ordensleute, die infolge ihrer strengen Or­densregeln für keinen Menschen, auch nicht für den wildesten Antiklerikalen einen Anstoß bilden konnten, wurden in blindem Eifer vertrieben, und dafür müs­sen die französischen Steuerzahler noch Hundert­tausende aufbringen!

Aus dem Rachbargebieie.

* Bad Orb, 20. Aug. 1912. Das Gerücht, daß infolge der Anlegung eines Truppenübungsplatzes für das 18. Armeekorps eine Nebenbahn von Jossa nach Orb nötig und erbaut werde, gewinnt immer breiteren Boden. Hoffentlich entspricht das Gerückt den Taitachen.

• Vom Tamms, 22. Ang 1912. Landwirte, die sich zum Fruchtschneiden begeben wollten, fanden in einer Wiese bei Wörsdorf in der Nähe von Sangen« schwalbach ben 20jähr gen Wilhelm Mantel mit einem Schuß in der Brust. Sie schafften den Schwerverletzten ins Dorf, wo er bald verstarb. Jnzwiscken wurde auch die 21 jährige Sina Schmerr, welche mit bem Plantet ein Liebesverhältnis hatte, von ihren Angehörigen vermißt. Nickts gutes nhnend, machten sich die Leute auf die Suche und fanden die Leiche des Mädchens an bem Walbe nach Esch. Das Mädchen war durch einen Schuß in die Brust getötet wo ben. Das Amtsgericht Idstein erschien bald an bem Tatort und nahm eine Besichtigung vor. Es ist anzunehmen, daß Mankel feiner Geliebten ben tödlichen Schuß bei« brachte, daß also kein Selbstmord deS Mädchens vorliegt.

* Würzburg, 22. Aug. 1912. Tot aufgefunden wurde in seiner Wohnung der 67 Jahre alte Schneider und Ansichtskartenhausierer DanielSchraut. Es handelt sich um einen Kriegsveteran, der Ritter deS Eisernen Kremes war. Er gehörte auch zu den auserwählten Dekorierten, die — von jedem Regi­ment drei Mann — beim Einzug in Berlin das aeeinte Deutsche Reich symbolisierten. Sein Sehen nach dem Friedensschlüsse war dürftig und schlicht. Sechsmal wurden seine Gesuche um Beihilfe abge« ichlagen, erst seit 1895 bezog er aus bem Dispo­sitionsfonds 10 Mark monatlich.

Amt Geisa und Umgebung.

+' Dermbach, 21. Aug. 1912. Zu dem Kon« eisionsgesuch der A. E. G. auf Erteilung eines Nonopols zur Benutzung der Staats« ll raß en im 4. Verwaltungsbezirk, das in der Üezirksausschußsitzung vor kurzem gemäß einer Notiz aus Spahl behandelt wurde, wird uns folgendes geschrieben:

Ein ähnliches Gesuch hatte die Allgem. ElektrizitSis- 'esellschafl schon vor ca. 2 Jahren einmal bei der Gcoßh. Staatsregierung in Weimar behufs Erlangung nnes Monopols für alte Straßen des Großherzogtums qefteUt. Nach genauer Informierung batte jedoch die Regierung die Erteilung eines solchen Monopols ein für allemal abgelehnt. Auch im Weima« rischen Laudta g wir kurz darauf die Angelegenheit sur Sprache gekommen. Alle Redner hatten entschieden Protest gegen Erteilung eines Mono­pols an die A. E G. auch nur auf einen Teil der Staatsstraßen im Gioßherzogtum eingelegt. Ein Redner betonte damals noch: Man müsse sich, wenn man den Wortlaut des angebotenen Vertrages durchlese, mehr als verwundern über die Naivität, mit welcher die aesuchstellende Firma bei der Großherzogl. Staats­regierung die krasseste Unkenntnis in Geschäftssachen und die arößte Fahrlässigkeit in der Preisgabe der vitalsten Interessen des eignen Landes vorausgesetzt haben müsse. Bei Erteilung eines solchen Monopols würde die Regierung nicht nur einen Rattenkönig von Schadenersatz heischenden Prozessen der im Lande be­reits bestehenden zahlreichen lieberlandzentralen, wie derjenigen von Oberweimar, Gispersleben, Buttftätt :c. die mit einem Feder rich sozusagen in der Luft ge­hangen hätten, sich an den Hals geladen haben, son­dern sie würde auch die eigene Steuerkraft und die Entwickelung im eigenen Lande unterbunden haben, indem sie die Ausnittzung der reichen, noch bisher un­benutzten Wasserkräfte unmöglich gemacht und ebenso den Kraftbezug unserer wichtigsten Industrie, der Kali­bergwerke, von der Gnade und Ungnade der Allgem. Ele tristtäts-Ge ellschast abhängig gemacht haben würde. Zustände, die nicht einmal im Lande der Trusts —

Amerika — heute denkbar wären! — Wie der BeriA des Bezirksausschußes von Spahl auch schon bemeiit, haben die zufällig anwesenden Herren Vertreter der Kalibergwerke Hattorf, Buttlar und Kaiseroda ein Veto gegen die Erteilung eine? solchen Monopols eingelegt, zunächst im eigenen Interesse, da sie ja sonst ebenfalls teinerlei Staatsstraßen für ihre eigenen Werkleitungen benutzen oder auch nur kreuzen durften, anderseits auch, um zu zeigen, laß im Jolande selbst schon ausreichende Kraftquellen vorhanden sind. Bei einer ernsthafteren Behandlung dieses Gegenstandes hätten selbstverständlich bann auch noch die bereits be­stehenden Zentralen von Dermbach, Weilar- Lengs selb unb Geisa in Rücksicht gezogen werden müßen, die zum Test schon zu Ueberlont^entraten aus­gebaut sind, oder noch auegebaut werden sollen. — Sollte die Angelegenheit der Bezirksausschuß noch ein­mal behandeln, so ist es jedenfalls selbstverständlich, daß auch der Bezirksausschuß des 4. Verwaltungsbe­zirkes, genau wie es vor 2 Jahren derjenige des 3. Ver­waltungsbezirkes getan hat, handeln wird, nämlich daS Geiuch glatt ablehnen wird. Daß endlich eine solche Monopolertetlung für bet betreffenben Landes­teil nichts weniger als eine Veibiütgung des Strom­preises bedeuten wurde, hat zur Genüge die Entwicke­lung im Herzogtum Gotha sowie die diesbezüglichen Verhandlungen in Eiienack aus's deutlichste a-tetgt.

* Occhsrn, 21. Aug. 1912. Es ist möglich, baß bis zum kommenben Frühjahr bie beiden Schächte abgeteuft sind, da nach dem Durch- bruch des Dolomit bie Arbeit im Salzlager rasch fortschreitet. Zur Zett wirb am Querschacht ge­arbeitet unb zwar in einer Tiefe von 450 Meter von hüben Vevtikalschächten aus. Die Hälfte (ca. 150 Meter) ist bereits burchbrochen. Wegen bei geringen Raumumfanges bes Querschachtes entwei­chen bie Gase nach bem Sprengen sehr langsam: infolgedessen ist schon sehr ost Unwohlsein bei ben Arbeitern eingetreten, einige sinb schon bewußtlos ans Tageslicht befördert worben.

* Kaltcnnorbhcim, 22. Aug. 1912. Die Uhr über bem Amtshaus-Eingang, welche 15 Jahre lang stillgestanben hat, wirb jetzt repariert und bemnächst'in Gang gesetzt werben. Auch wird bie« selbe mit Schlagwerk versehen.

Aus Gberheffen u. den hesi. Aemtern

* Schröck, 21. Aua. 1912. Gestern brach in btt Behausung bes KauftnannS Glitsch Feuer auS, bas glücklicherweise sofort bemerkt unb im Entstehe« erbrückt würbe. Würbe bas betreffende Anwefen ia Flammen aufgegangen sein, so wäre ein ganzer Dorfteil in höchster Gefahr gewesen.

* Frankenau, 21. Aug. 1912. In bem bet Stabt gehörigen Steinbruch an der Chaussee nach Wildlingen ging ein Sprengschuh vorzeitig los. Der Pächter bes SleinbrucheS, F. Müller aus Löhlbach, würbe burch ben Schuß an den Augen, tat Gesicht unb an brr linken Hanb stark verletzt. —« Zurzeit werben im Auftrage beS Eisenbahnministe- riumS zu Berlin bie Vorvermesiungen für bie MX erbauende Eisenbahnstrecke Gemiinben a v. Wohra—Frankenberg vorgenommen. Gute« Vernehmen nach kommt biefe Strecke im nächste« Frühjahre im Abgeorbnetenhause zur Vorlage. Nach Fertigstellung ber jetzt im Bau begriffenen Streck« Kirchhain—Gemiinben soll mit bem Bau begönne« werben.

vermischtes.

* Ein Monat Gefängnis für ein« »Mergetzlich- kett". Wegen Vergehens gegen baS Krankenver­sicherungsgesetz halt: sich ber Bauunternehmer Wil­helm Stolze in Berlin vor bem Strafrichter zu ber- antworten. Der wegen beS gleichen Vergehen- schön einmal mit einer Gelbstrafe vorbestrafte An­geklagte hatte ben von ihm beschäftigten Personen insgesamt etwa 160 Mark KrankenkasfenbeitrSg« abgezogen, bieses Gelb aber bann für sich verbraucht. Ein Zivilprozeß, in bem auf Rückzahlung der Bei- trage geklagt würbe, war aussichtslos, da es sich herausjtellt», baß Stolze ben OffenbarungSeib ge­leistet hatte. Vor Gericht behauptete ber Ange- flagte, baß er bie Abführung beS Betrages an bi« Kaffe lediglich vergeßen habe. Da biefe „Vergeh- lichkett" jedoch bis zum heutigen Tage gebauert, er­kannte bas Gericht auch mtt Rücksicht auf bie Vor»

Mctuernblfttt.

76 Roman von Felix Nad or.

Ein Arzt war um ben Verunglückten beschäftigt, wusch ihm bas Blut vom Gesicht unb legte einen Notverbanb an.

Eine gasfenbe Menge umstanb bie Bahre, Worte der Neu gier, bes Bebauerns unb Mitleibs erklangen.

Unbekümmert um bie erstaunten Leute brängte sich Lizzie burch bie Menge unb warf sich mit einem lauten, burchbringenben Schrei über ben Bewußt­losen. „Rubolf! — mein Rolf! — erwache!" —

Sie umschlang ihn mit ihren Armen, achtete nicht bat auf, baß ihr kostbares Kleib ben Staub des Bobcns fegte, riß ben Hut, ber ihr hinderlich war, vom Kopfe unb warf ihn von sich. „Rolf! — mein Rolf!" —

Ihre zuckenden Lippen preßten sich auf seinen kalten, stummen Munb, als ob sie ihn burch bie Glut ihrer Küsse zum Leben erwecken wollte.

Der Arzt legte ihr bie Hanb auf bie Schulter. „Gnädiges Fräulein — Sie sollten sich nicht so «chauffieren —"

Lizzie hob bie trärt2tterfüllten Augen zu ihm em« ter. „Ist er — tot?" fragte sie mit zitternber Summe.

... ~‘ nur bewußtlos! — Aber ich fürchte, <*3

Hi eine schwere.Gehirnerschütterung! — Dazu bie Qpntuftonen am Kopfe! — es ist immerhin eine be­denkliche Sache unb ber Kranke braucht vor allem Sptta/bringen werde ihn sofort in das

EN," wehrte Lizzie ab. „Nicht in das Spital. ^n eine Privatklinik ober in ein Sana- tormm -tch werde alle Kosten auf mich nehmen. Aber machen Sie ihn gesund, Dokwr! - machen Si: ihn aesunb! —"

Der Arzt sah bie Angst, bie sie erfüllte, und sagte: „Ich will tun, was ich kann! —"

Der Sanitätswagen kam unb Graf Steineck tourbe hineingehoben. Lizzie, in staubigem Rock,

ohne Hut, stieg ein, setzte sich an bie Seite bes Kran- ken unb nahm seine Hanb in bie ihre.

Der Arzt reichte ihr ben weggeworfenen Hut, gab bem Kutscher seine Weisungen unb setzte sich ihr gegenüber.

Fast geräuschlos schloß sich ber Schlag, bie Rosse zogen an unb ber Wagen rollte davon. —

Gegen Abend saß Lizzie in dem Hause Doktor Sandls in einem stillen, nach dem Garten gelegenen Zimmer neben dem Bette des Kranken und wartete voll Sehnsucht auf sein Erwachen. Ihr Herz war aus langem Schlafe erwacht und jubelte dem Manne entgegen, der da so still unb bleich in ben Kissen lag In ber Stunde höchster Angst unb groß, ter Not hatte ihr Herz jene laute unb heuige Sprache gefunden, welche nur bie Lieb: spricht. Während | sie bie Hand bes Kranken zärtlich streichelte, flüsterte sie: »Ich liebe Dich! — ich liebe Dich mehr als alles auf ber Welt!"

Unb voll Ungebulb wartete si: auf ben Augen­blick, wo er aus seiner Betäubung erwachen würbe, wo sie ihm ihre Liebe jubelnb bekennen unb ihm ihr Herz zu Fußen legen konnte —

Der Arzt trat letse ein unb sagte: „Es ist »in Herr im Wartezimmer, ber ben Kranken sehen unb Sie sprechen will. Herr Baron Hagelwitz! — Zu bem Kranken bars ich ihn mit Rücksicht ans beffen - besorgniserregenden Zustanb nicht laßen — wenn Sir aber ben Herrn Baron empfangen wollen, Miß Cooper, so steht Ihnen mein Salon zur Verfügung.

Lizzie schüttelte ben Kopf. „Nein — ich wüßte nicht, wozu," ertoiberte sie.

Doktor Sanbt ging, um bem Baron ihre Ant­wort xu überbringen, kehrte aber sogleich wiebcr zu­rück, inbem er berichtete: „Baron Hagelwitz läßt sich nicht abweisen. Er sagt. Sie hätten ihm auf heute abend eine bestimmte Antwort zugesagt unb er besteht darauf, daß Sie Ihr Wort einlösen, Miß Cooper "

Lizzie fuhr sich mit der Hand über die Stirne. „Eine bestimmte Antwort? — AH so, ja — jetzt fällt es mir ein! —■ Bitte um Papier und Schrcib- jeug/'

Der Arzt zeigte auf den kleinen, eleganten Schreibtisch in der Ecke unb knipste bie rotbeschirmte elektrische Stehlampe an.

Lizize nahm einen Briefbogen unb schrieb mtt fester Hanb:

„An Herrn Joachim Baron v. Hagelwitz!

Ich kann Ihre Frau niemals werben, weil ich einen anberen liebe

Hochachtenb

Lizzie Cooper."

Sie faltete ben Bogen, steckte ihn in ein Kuvert unb schloß dieses.

„Bitte, Herr Doktor — hier ist bie Antwort!" sagte sie. „Wollen Sie bie Güte haben ttttb sie bem Herrn Baron übergebön?"

Der Doktor na nm ben Brief unb verließ ba8 Krankenzimmer. Lizzie aber erhob bie Arme unb flüsterte: So — nun ist bir Entscheibung gefallen unb ich weiß meinen Weg! — Er führt an ber Seite bieses oeliebten Mannes burchs Leben — er führt bem Glück entgegen! —"

Unb sie trat zu bem Kranken, küßte ihn zärtlich unb setzt: sich toicber an seine Seite, um zu war­ten, bis er bie Augen aufschlug. — Diese lieben Augen, bie ihr fortan burch bas ganze Leben leuchten sollten!

Balbwin hatte in ber Zeitung eine kurze Notiz gelesen, burch bie er ben Sieg bes Barons Hagelwitz unb b:n Sturz bes Grafen Steineck beim Rennen in Baben-Baben erfuhr. So sehr er bem Baron seinen Sieg gönnte, so leib tat ihm Graf Steineck, für ben er bei besten Besuch auf brm Rabenhofe rasch Sympathie gefaßt hatte. „Wie seltsam bas Schicksal mit ben Menschen spielt," bachte er. „Den einen wirft :s aus bem Sattel, ben anberen trägt es glatt ans Ziel. Nun wirb auch Lizzie ihre Wahl getroffen haben unb ber Berliner Baron wirb wohl von sich sagen können: „Wer Glück hat, führt vie Braut heim"!"

Doch hatte er nicht allzuviel Zett, solchen Ge- banken nachzuhänßen^ die Arbeit brängte von allen

Seiten, baß er beinahe unter ber Last zusammen­brach. Die Felber mutzten bestellt, bie Wiesen ge­räumt, bie Herbstsrüchte eingebracht werben; ei fehlte an Hänben unb vor allem an Gelb. _ Er halt» wicber begonnen, ein großes Stück ber Wüste urbar zu machen, vermochte aber nicht genügenb Arbeiter einzustellen, sobaß bie Arbeit nur langfam voran« schritt. Das bauert: feinem Ungestüm zu lange; er hätte am liebsten bie ganze Wüste auf einmal ge- robet, allein ba er nicht über bie nötigen Mittel ver­fügte, waren ihm bie Hänbe gebunben.

Wilm las ihm bie Sorgen von ber Stirne ab. „Dir Weibe ist so gut bestellt," sagte er ihm,_ „bah wir noch ein halb Dutzend Rinoer unb fünfzig Schafe haben sollten."

Da lachte Balbwin. „Du hast ben Ehrgeiz, ei« Großbauer zu werben," sagte er. „So rasch geht bas nicht, mein guter Alter. Bei ber Arbeit wie im Leben gilt ber alte Bauernspruch: Zeit lasten —< unb nichts übereilen!" — Dein Wunsch ist gut ge­meint, aber leiber nicht zu erfüllen, benn wenn ich recht gesehen habe, ist auf bem Grunb meiner Gelb- truhe nur mehr ein einziger Hunbertmarkschein z« sinben."

,,$tan sollte eben ben Königsschatz finben," er­toiberte Wilm, „bann toär: uns allen geholfen!"

Balbwin bewegte bie Arme im Bogen. „Ich hab ihn boch schon gefunben," sagte er. „Da —« unb — ba! — Laß mich mit bem Märchen in Ruhe!"

„Man sollte aus ber Wüste Gelb herausholrn, statt welche? hineinzustecken," beharrt: er.

„Das wirb schon kommen, Wilm! Auf ben ersten Oktober zahlt bie Bau-Gesellschaft ben vierteljährli­chen Pacht für ben Steinbruch mit 500 Mark. Da­ist »in schönes Stück Gelb."

,^Ja — unb wenn Du bett Prozeß mit bem Ame­rikaner verlierst — bas kostet Dich einen orbcntli- chen Batzen."

Baldwin kraute sich ben Kopf. „Das wäre srctt sich eine fatale Geschichte," gestaut» er. „Aber ich werbe ihn eben nicht verlieren —*

Ifiortießuna toigt.).