M 189.
eumfag den 20. Aognft 1912.
59. Jahrgang.
* fultlaerM Zeitung
2. Blatt
« vr«ck und Verlag 6er Fuldaer Aetiendruckerel in Fulda.
Deutsches Reich.
— Tie Landtagsersatzwahl im Kreise Oppeln. §n der letzten Sitzung des Wahlkreiskomitees der reslauer Zentrumspartei wurde ein Zusammengehen mit den Poftn anläßlich der Ersatzwahl für den Landtagsobgrordneten Pfarrer K a p i tz a (Oppeln) abgelehnt. Mit Zustimmung des Komitees legte darauf Justizrat W o d a r z (Oppeln) ebenfalls sein L a n d t a g s m a n d a t n i e d e r. Die erst für die nächste Landtagswahl beabsichtigte Vereinbarung mit dem deutschen Wahlverein tritt nunmehr sofort in Kraft. Wodarz wird wiederum als Zentrums- kandidai ausgestellt.
* Die sozialdemokratische Presse über den Volksverein. Der durch den Volksverein für das katho- ische Deutschland geleisteten großartigen Organi- ations- und Aufklärungsarbeit, wie sie in dem auf einer Generalversammlung in Aachen veröffent- ichten Jahresbericht mit besonderer Deutlichkeit zum Ausdruck kommt, kann auch die sozialdemokratische Presse ihre Anerkennung nicht versagen. „Fast 9 MMonen Flugschriften sind", so wird hier eigens hervorgehoben, „im letzten Jahr: aus M.-Gladbach heransgegangen; an Organisationsmaterial, das der Werbung von Mitgliedern, der Unterweisung der Vertrauensmänner dient, sind 214 Millionen Stück ausgegeben worden; der Buchverlag hat fast 1 Million Schriften abgesetzt. Zieht man die mannigfachen Kurse in Betracht, die an der Zentralstelle und im Lande abgehalten werden, die Masse der Versammlungen und sonstigen agitatorischen V:r- ünstaltungen, dann muß man anerkennen, daß der Kathol. Bolksverein im Parteileben der ganzen Welt, was den Arbeitseifer und die agitatorische Leistungsfähigkeit betrifft, nicht zu unterschätzen ist." — Leider kann der Volksverein seit zwei Jahren nicht mehr mit Stolz bar« kwf verweisen, mit seiner Mtgliederziffer die der kozialdemokraftschen Parteiorganisation zu übertreffen. Hier das Versäumte nachzuholen, sollte in Ster Zeit Ehrensache des katholischen Deutsch-
! sein!
Ausland.
** Die Kacholikenbewegnng ft» Frankreich. Die lihten katholisch n Kundgebungen. Kongresse, Versammlungen und andere Veranstaltungen tragen einen ganz anderen Eharakter als ftüher und spielen sich mit ganz anderem Temperament ab als untiT der Zeit des Konkordates. Einer der angesehensten katholischen Führer des Landes, Senator 0 e Lamarzelle sagt:
„Seit der Trennung von Staat und Kirche steht der Klerus nicht mehr unter der Vormundschaft des ersteren. Nach und nach wird er sich seiner Unabhängigkeit und der enormen Kraft, die daraus hervor- geht, bewußt. Mit den Jahren wird er daraus noch besseren Gebrauch zu machen wisien. WaS kann man dagegen machen? ZwangSgesetze anwenden, die Geldstrafen oder Hast mit sich bringen? Diese kümmern keinen französischen Geistlichen mehr. Er g e h t den Weg deS Gewissens und sürchlet sich nicht we,en der Folgen. Die öffentliche Meinung in Frankreich hat übrigens aufgehört, auf der Seile der Verfolger zu sein. Ist Frankreich erst von dem Rehe lokaler Tyrannei befreit, in das es verwickelt war, und dieser erfreuliche Wandel scheint nicht mehr ferne zu sein, dann wird die Entwickelung des Katholizismus noch deutlicher werden.
Inmitten der sich auslösenden Autoritätsbegriffe steht, so sagt de Lamarzelle lueiter, die katholische Kirche voll unerschütterter Auwrität da, und auch die Blick: jener wenden sich ihr bewundernd zu, die nicht praktizierende Katholiken find. Vom Instinkt der Erhaltung getrieben, wird sich die moderne Gesellschaft wieder dem Katholizismus zuneigen, um von ihm das Heil in der schrecklichen Krisis zu verlangen, die sie gegenwärftg durchlebt.
Aus Kirche und Schule.
Q Groß-Auheim [Sir. Hanaus, 19. Aug. 1912. Zum Rektor und Ortsschulinspektor der hiesigen katholischen Volksschule ist der für das Rektorat geprüfte Lehrer Karl Dietrich in Erfurt ernannt worden.
Aus -em Nachbargebiete.
♦ Alsfeld, 20. Aug. 1912. Baron Kammerherr v. Schutzbar-Milchling auf Hohenhaus, Inhaber der hiesigen Tabakfabrik, hat dem Alice-Frauenverein für Krankenpflege 1000 Mark und zwei anderen wohltätigen Vereinen hier 250 Mk. bezw. 200 Mk. zur Förderung ihrer Zwecke überweisen laflen.
* Hanau, 19. Aug. 1912. Die Abhaltung der Viehmärkte in der Stadt Hanau ist jetzt wieder g e- ft a 11 et. ~ ,,
♦ Offenbach, 19. Aug. 1912. In der Frankfurterstraße wollte gestern das Automobil des Hotelbesitzers Hartmann einem Schulknaben ausweichen, und fuhr dabei gegen einen StraßenkandelaberDer Chauffeur wurde herausgeschleudert und erlitt außer verschiedenen äußeren Verletzungen eine schwere Ge-
M, 19. «u,. ,912. .3» d°- angeblichen Unregelmäßigkeiten bt: bei der Ziehung der Frankfurter Lotterievorgekom- men sein sollen, versendet der Verband deutscher Losebändler ein Rundschreiben, in dem mitgeteilt wird', daß die ganze Angelegenheit nur auf einen Racheakt zurückzuführen ist. Der Kollekteur Schäfer hat die Angelegenheit zur weiteren Verfolgung dem Staatsanwalt übergeben, auch wird mit einem Massenvorgehen gegen die Zeitungen gedroht, die die Affäre nachteilig besprochen haben.
* Höchst a. M., 19. Aug. 1912. Gegen Mitternacht erschien in einer hiesigen Wirtschaft der Ge- richtsvollzieber, um die vermeintlich wohlgefüllte Kaste zuPsände n. Der durch ähnliche Zwischenfälle schlau gemachte Wirt hatte aber vorsichtshalber seine Einnahmen anderswo in Sicherheit gebracht. Der Beamte fand nur eine gänzlich leere Kasse und zog unverrichteter Ding: wieder von bannen.
* Melsungen, 17. Aug. 1912. Zur Hebung des Korbmache r-Hanbwerkes im Streife Melsungen hatte die Staffelet Handwerkskammer Eingaben an das Kriegsministerium und an die Kgl. Artillerie- roertftätte in Spandau gerichtet und gebeten, die Korbmacherzivangsinnungen im Kreis Melsungen bei Lieferunaeu za berücksichtigen. Van beiden Instanzen find zustimmende Antworten eingetroffen.
* Aus Franken, 20. Aug. 1912. Der Prinzregent wird am 6. September mit Gefolge in As ch a s- f : n b u r g eintreffen und einige Wochen hier verbringen. — Die Oberin des Diftriktskrankenhauses in Fladungen, Frau Jukunda Herrmann (Orden St. Maria Stern), glitt dieser Tage auf der Treppe zum Hofe aus und stürzte die nur 6 Stufen hohe Treppe hinab. Infolge schwerer innerer Verletzungen ist sie gestorben. Die Verlebte war über 25 tätig. — Auf der Distriktsstraße L e u b a ch-F r a n- kenheim stürzte der ledige Basaltarbeiter Albin Stäblein so unglücklich vom Rade gegen einen Baum, baß er außer anderen Verletzungen mehrere Rippenbrüche erlitt und in das Distriktskrankenhaus Fladungen überführt werden mußte.
Amt Geisa und Umgebung.
# Geisa, 19. Aug. 1912. Unglück hatte gestern eilt auswärtiger Geschirrsührer, der eine Reisegesellschaft zur Bahn fahren sollte. Beim Einbiegen in dir Bahnhofstraße vor dem Gasthause „Zum Stern* brach plötzlich ein Rad. Die Insassen wurden herausgeschleudert und mußten, da glücklicherweife keiner besondere Verletzungen erlitten, sich zu Fuß nach der Bahn bequemen.
A Geisa, 19. Aug. 1912. Gestern sand die erste Versammlung der MarianischenJungfrauen- Kongregation statt. Milden Neuangemeldeten beläuft sich die Mitgliederzahl bereits auf 87. Hoffentlich finden sich bald alle Jungfrauen Ge sas unter dem lichten Marieubanuer ein. Verfammlungs- ort ist wie auch früher die Lateinschule.
* DöngeS, 16. Ang. 1912. Die Gewerkschaft Heiligenroda teilt mit, daß sich der Reinverdienfl im 2. Quartal 1912 auf 89 69! Mark beläuft Der Fabrikbau bei Dorndorf schreitet rüstig voran. Mit den eigentlichen Abteufarbeiteir wird in wenigen Wochen begonnen werden können. Nachdem die Gewerkschaft »Dönges* die Tagesanlagen ihrer Schachtanlage l, die auch gleich definitiv errichtet wurden, fertiggestellt halle, wurde mit dem Teufen des Schachtes 1 am 1. Juli d. I. begonnen. Der
Schacht hatte am 1. August eine Teufe von 52 Meter und stand in trockenem Bundsandstein. Mit der tz^richtung der TageSanlagen für Schacht 2 ist man zurzeit dort noch befMftigt.
* Termbach, 19. Aug. 1912. Der neueWin- terfahrplan der Feldabahn, der jetzt im Entwurf vorliegt, bringt eine dankenswerte Verbesserung bet Verkehrsverhältnifse. Es werben zw:i Personenzugpaare mehr eingelegt, sobaß im Ganzen jetzt täglich sechs Personenzugpaare verkehren werben, wodurch ein glatter Anschluß in ber Richtung Eisenach unb umgekehrt erzielt wirb.
Aus Gberheffen u. den heff. Aemtern.
# Ziegenhain, 19. August 1912. Am Samstag abend fand in der Hebell'schen Wirtschaft eine Besprechung betreffs Gründung einesZiegen- zuchtvereins statt, die indessen nur schwach besucht war. Als provisorischer Vorstand wurde ge- wählt Schuhmachermeister Rehbein, Bahnhofsvorsteher German und Salllermeister Ihle. In 14 Tagen soll eine zweite Versammlung statlfinben. Tie Zahl der Besitzer, die sich anschließen wollen, ist auf 70 gestiegen. — Der Knüllklub hat auf dem Mosenberg bei Homberg eine Schutzhütte erbauen lassen, die gestern nachmittag unter starker Teilnahme von Mitgliedern und Freunden aus der ganzen Umgegend eingeweiht wurde.
* Treysa, 19. Aug. 1912. Die Anstalt Hephata dahier läßt gegenwärtig ein großes Kinderkrankenhaus erbauen.
A Ans dem Kreise Marburg, 19. August 1912. Seit einiger Zeit sind Verhandlungen im Gange, im westlichen Teile des hiesigen Kreises einen Truppenübungsplatz anzulegen. Tas hierfür in Betracht kommende Gelände, eine mit Bergen und Schluchten durchzogene Landschaft, liegt bei dem Dorfe Cyriaxweimar.
!! Amöneburg, 19. Aug. 1912. Die für den 17. d. Mts. vorgesehene Zusammenkunft ber Turn- unb Spielvereinigung im Kreise Kirchhain ist auf ben Mittwoch dieser Woche zurückgestellt worden. Hauptgegmstand ber Tagesordnung ist der für ben 2. September festgesetzte Schülerwettkampf. Diese Sache wurde schon in voriger Zusammenkunft eingehender Erörterung unterzogen, die nicht zum Abschluß kam.
* Frankenberg, 19. Aug. 1912. Zur Verbesserung ber Verkehrsverhältnifse zwischen Frankenberg itnb Medebach einerseits, zwischen Medebach und Eorbach andererseits sowie zwischen Corbach und Dalwigsthal übet Rhadern ist angeregt worden, die jetzigen zwischen diesen Orten verkehrenden Posten auf Landwegen aufzuh eben und durch Kraftwagenverbindungen zu ersetzen. Diesem Vorschläge zufolge hat die Ober- Pvstdirektion, die ein derartiges Unternehmen gern unterstützen wird, Borermittelungen darüber ange- stettt, in welcher Weise die Fahrten einzurichten sein würden und wie sich eine Rentabilftät des Unternehmens erzielen läßt.
♦ Borken, 18. Aug. 1912. Der Besitzer des Elektrizitätswerkes Hausmann wurde von seinen Angehörigen bewußtlos am Schaltbrett aufgefunden. Starke Verbrennungen am Kops und ein: Muskel- lähnmng des Armes deuten daraus hin, daß Herr .Hausmann mit der Starkstromleftung in Berührung gekommen ist.
vermischtes.
* Infolge von Unregelmäßigkeiten bet einer von ihm geführten Konkurssache hat sich ber Rechtsanwalt Frankenberger in Eltmann bei Nürnberg erschossen.
* Auflösung eines Spielsaales. Im Kursaal von Ost ende erschien vorgestern int Spielsaal eilte Gerichtskommission ans Brügge mit zehn Gendarmen. Der Spielsaal wurde aufgelöst, die Einsätze und das Material wurden beschlagnahmt.
* Ein Wind« als Alpenkraxler, das ist das neueste auf dem Felde der Touristik. Von Sagwitz aus hat ein Blinder mit dem Bergführer Hänsele und von ber Ablersruhe aus mit noch einem Gehilfen ben Großglockner bestiegen. Beim Ausgang über die Schneid vom Kleinen zum Großen
Glöckner wurden dem Blinden die Füße Schritt für Schritt von dem ihm folgenden Führer gesetzt unb die Gesellschaft ist gleichwohl ohne Unfall nach Kais gelangt.
* Beim Einsturz eines sechsstöckigen Neubaues in Petersburg wurden 15 Personen tot und 30 schwer verwundet unter den Trümmern hervor- gezogm. Ein Feuerwehrmann wurde bei den Auf- räumungsaebeiten schwer verletzt.
* Desertionen auf einem französischen Kriegsschiff. Als der ftanzösische Kreuzer „Marseillats':", der im .Hasen von Antwerpen lag, um das belgische Königspaar zu begrüßen, zur Abfahrt die Anker lichtete, desertierten 33 Matrosen von Bord. Die Deserteure insultierten die Schiffsoffi- ziere unb rissenihnrn bie litt iforrnvom S ei b e. Das Publikum nahm gegen bie Deserteur: Stellung, bie schließlich überwältigt wurden.
* Wegen Beleidigung eines Pfarrers hatte sich der Maurer Friedrich Käsehagen vor dem Schöffengericht in Essen zu verantworten. Der Angeklagte hatte im März ds. Js. auf einem Neubau einigen Kameraden erzählt, der Pfarrer der Marienkirche habe sich an einem Mädchen vergangen. In der Verhandlung vor dem Schöffengericht wurde Käfe- hagen recht kleinlaut. Er gab zu, für seine Behauptungen irgendwelche Beweise nicht erbringen zu können. Der Amtsanwalt bezeichnete das Ver- halten des Angeklagten als unverantwortlich und gemeingefährlich. Mit Rücksicht auf die überhand- nehmende Verleumdungssucht gegenüber der katholischen Geistlichkeit empfehlen sich exemplarische Strafen, um der Untergrabung der priesterlichen Autorität entgegenzutreten. Er bean- tragte drei Monate Gefängnis. Unter Berücksichtigung der bisherigen Unbescholtenheit des Verleumders erkannte das Schöffengericht auf zwei Monate Gefängnis.
* Der Kinematograph als Zeuge. Zum ersten Male in Amerika wird ber Kinematograph bet einer Gerichtsverhandlung eine Rolle spielen. Em Kampf, ber vor einiger Zeit in Los Angelos gelegentlich eines Streikes zwischen Ausständigen unb Polizisten stattgefunben hatte, war zufällig von einem Kmema- tographenoperateur mit seinem Apparate ausgenommen worben. Das Gericht hat jetzt die Vorführung des Fllms im Gerichtssaale ungeordnet, um von den Vorgängen ein genaues Bild zu gewinnen.
* Die brasilianische Kaiserkrone geraubt. Im; Schloss: des Grafen von Eu im Departement Seine- Jnsörieure wurde seit einiger Zett das Fehlen von. drei kostbaren Edelsteinen au3 ber brasilianischen, Kaiserkrone sowi: von drei werivollen Ringen be-j merkt. Der Graf, ber ber brasilianische Thronprä- trndent ist, hatte ber Polizei von bem Diebstahl sofort Mitteilung gemacht, boch waren bereu Bemühungen nach ber Ermittelung des Diebes bisher vergeblich. Am Sonntag fanb nun auf bem Schlöffe ein Diner statt, als plötzlich einer der Hunde de» Schloßherrn anschliig. Prinz LouiS von Orleans und Braganza begab sich hierauf auf bi: Galerie des Schlosses. Hier bemerfte er einen Mann, brr gerade entfliehen wollte, aber von dem Prinzen fest- gehalten werben konnte. Zum größten Erstaunen t ber Anweftnben entpuppte sich ber Mann als ein ehern al iger flamm er bi en er des Grafen von Eu. In einem Paket, das er bei sich trug, fand man bie brasilianisch: Kaiserkrone sowie eine zweite goldene Krone, bie aus ber Kaiserkrone ausgebro- chenen Diamanten unb bie gestohlenen Ringe. Der Einbrecher, der sofort der Polizei übergeben wurde, hatte zwei geladene Revolver und zwei Dolchmeffer bei sich.
Märkte. A
• Frankfurter Getreldemarttbericht vom 19. «ufluft. Bet starkem Angebot war Weizen und Roggen gegen die Vorwoche billiger erhäftlich; Gerste in guter Ware knapp und gesucht. Hafer ebenfalls gut behauptet, für neue Waren werden noch sehr hohe Preise verlangt. Mairuhig. ES notierten: Weizen: hiesiger u. Wetterauer 21.25 bis 21.40 ML, auf dem Lande abgehott 00X10—00.00 Mk., kmchefsischer 21.25—21.40 Mk., norddeutscher 21.25—21.40 Mk., Manitoba 92.00 bis 24.00 M., Kansas 23.50—24.00 Mk., russischer Nicolajeff 23.50-24.00 M., SaxonSka 00.00-00.00 Ulla 00.00-00.00 M., Azima 00.00-00.00 M., Sa Plata 23.50-24.00 M., tumän. 00.00—00.00 Mark, Walla Wallo 00.00-00.00 M. — Roggen: hiestger, 17.30 bis 17.40 M., auf dem Lande ab geholt 00.00—00.00
ohne Erbarmen! — Auch mich hat diese Sphinx getötet; sie hat mir meine Seele genommen, ft: hat mir das Herz aus der Brust gerissen —"
Er atmete rasch, unb wahrend er sich zu Lizzie hinüberbeugte, sagte et flüsternd: „Denn ich liebe Sie, Lizzie! — Ich liebe Sie rnft rasender Glut und könnte jeden töten, der bie Hand nach Ihnen ausstreckt. Dies: Liebe lobert wie ein brennendes Feuer in mir und verzehrt mich! — Nach Ihrem Gold, nach Ihren Millionen frage ich nichts! — Verschenken Sie den Mammon, kommen Sie als Bettlerin auf mein Schloß — und ich will Sir mit Jubel willkommen heißen und zu meiner Gat- tin machen! — Ich werde arbeiten wie rin Roß, um uns eine Existenz zu schaffen, ich toiB nur Dich, Lizzie! Deine Seele will ich unb möchte sie erlösen aus bem goldenen Kerker, in bem sie gefangen ist. Ich möchte ihr die Sonne geben: bie Frmde und die Liebe! Dann würden Deine blaffen Wangen sich töten wie die Blatter ber Rose, unb Du würdest das Lebe« wieder mit hellen Kinderaugen ansehen — und lächeln unb fröhlich sein unb Dich von ganzem Herzen freuen über bie Schönheit der Wett unb b:s Lebens! Denn das frohe Lächeln hast Du verlernt! Du stehst wie ein steinernes Götterbild auf einem Biedestahl von Gold und läßt Dich anbeten! — Unb bas tue ich nimmermehr! — Ich liebe Dich unb mochte Dich zum Leben erwecken! — Aber ich vergaß, daß sich 'Itarmor nicht beleben läßt, daß kein warmer Lebensfunke in der steinernen Brust ber Götter schlummert! — Darum ist all mein Sieben unb Hoffen fruchtlos — und ich gehe, um nie wied:r vor Dich zu treten! — Aber dieses Geständnis meiner Liebe mußte ich Dir machen, damft Du mich nicht für einen ehrlosen Spekulanten, für einen berechnenden Millionenjäger hältst. Das Blatt hat sich gewendet: aus dem frivolen Spiel ist bitterer Ernst eirden. Das Spiel ist zu Ende — bie Tragik des
118 beginnt! Leb Wohl — Lizzie!"
Lizzie blickte starr in die Luft. Ihr Gesicht war weiß wie Marmor, ihre Züge waren unbeweglich, kein Zucken der Wimper verriet, welche Gedanken hinter dieser blassen Franenitirne arbeiteten-
^auernßlitf.
73 Roman von Felix Nabor.
Der Graf fuhr dann fort: „Aber was wollen Si:: wir sind Kinder unserer Zett, wir handelten sozusagen aus Notwehr, wir mußten Rettung suchen, ehe wir ganz untersanken in unserer Schulden Meer! — Das ist bie einzige Schuld, bie ich Ihnen gegenüber habe, Miß Cooper — unb ich habe sie Wochrlich hart genug gebüßt Seit sechs Slonaten warm nicht Sie der Fisch, ber an der Angel zappelte, — sondern ich war es! Sie haben — bildlich gesprochen — mich bald an der Angel emporgezogen, daß ich in ber Luft unb in ber Sonne schnalzte, bald ins Wasser getaucht, bald auf ben trockenen Sand geschleudert — kurzum, alle Ihr: Laune» fühlen lassen! Am einen Tag haben Sie mir Hoffnung auf Ihre Hand gemacht, am andern mich durch Ihre Kälte von sich gestoßen und einen anderen bevorzugt, xlfu Anfang machte mir bas Spaß, ja ich amüsierte wich ein paar Wochen lang ausgezeichnet bei diesem Flirt! — Aber dann wurde aus dem heiteren Spiel eme Oual, ein brennendes Weh, das sich mir wie fin glühendes Mester in die Brust senkte. — Sie mit ein Rätsel, Miß Cooper, und ich hatte tTUr,™ Aufgabe gestellt, es zu losen! Ja noch mehr! " Glaubte nicht an bie kalte, farblose Maske, die Sie stets zur Schau trugen; ich vermutete viel- mehr, daß unter dieser Eisdecke ein heißer Funke breviie, und ich wollte diesen Funken, der manchmal wie em Shfc aus Ihren Augen zuckte, zur Flamme anfachen, zur lodernden Liebesflamme, die uns beide einhüllen und vereinigen sollte. Aber heute glaub’ ich nicht mehr an solch rin Lebenswunder, heute M ich annehmen, daß Ihr Gesicht dos Bild Ihrer Seele wiederspiegelt, ein Bild, kalt wie Eis, hell wie Kristall unb von einem glänzenden Goldrah'men umschlossen! — Es ist mir nicht gelungen, der toten Svlünr Leben unb Liebe einzuhauchen. Sie ist für mich bie grausame Würgerin geblieben, deren jungfräulicher Leib in ben Rumpf des Löwen mündet, Sie jede» Vorübergehenden tötet — obne DÜtleid,
Graf Steineck sah sie betroffen an. „Miß Cooper", sagte er, „haben Sie gehört, was ich zu Ihnen sprach?"
„Ja — ich habe es gehört!" kam es in kaltem Stahlklang zurück.
„Und Si: haben mir nichts zu sagen?"
„Was soll ich sagen? — Ich verstehe Sie nicht — und noch weniaer verstehe ich in diesem Augenblick — mich selbst!"
„Dann weiß ich meinen Weg! — Dann sehe ich Sie zum letztenmal: denn morgen werde ich siegen — od:r fallen! Leben Sie wohl!" —
Lizzies Lippen öffneten sich zu einem leisen Schrei. „Graf Steineck —?"
Aber er hörte den Ruf nicht mehr; er ging schon mit raschen Schritten davon und entschwand ihren Blicken.
Miß Lizzie hielt die Hände im Schoße gefaltet und dachte über bie Worte nach, bie sie soeben vernommen hatte. —
Nach fünf Minuten wurde sie gestört. Baron Hagelwitz kam rasch auf sie zu, begrüßte sie lebhaft und küßte ihre Fingerspitzen.
„Entschuldigen Sie die Verspätung," sagte er, „ich hatte noch manche mit meinem Trainer zu besprechen. Das muß eben sein, gnädigste Miß! Tja — dafür wirb aber morgen mein „Greif" auch Sieger fein."
„Wissen Sie das so sicher, Baron?"
„Natürlich, Miß Lizzie! — Ich kenne boch die andern „Schinder" genau. Bah. — mein „Greis" ist allen „über". Der fliegt, sobald man nur das Geheimnis kennt. Die Hauptsache ist — nicht nervös werden! — Und im Aufgalopp nicht gleich loslegen! Die Kräfte schonen, bei viertausend Meter nut Dampf voraus — bei fünftausend Volldampf! Ra, das machen wir! — Den großen Preis hab ich so sicher wie ber Teil feinen Apfel!"
„Sie nehmen die Sache leicht, Baron!"
„Wozu so viel Erbenschwere mit sich herurn- schleppen!" entgegnet: Hagelwitz und bestellte em Din« und eine Flasche „Mumm". „Das finde
ich höchst unpraktisch — beim Rennen —■ unb int Leben! Hoch zu Roß — allen unnötigen Ballast abgeworfen — in flottem Ritt durchs Leben: da- ist mein Prinzip!" \
„Das ist allerdings eine billige Weltanschauung, Baron."
„Aber eine bequeme, finden Sie nicht? —■ Wer immer den Sorgenpack auf seinem Rücken mit sich schleppt, kommt nie ans Ziel und swlpert üb« Stock unb Stein!"
„Da ist freilich Ihr Freund Steineck anderer Meinung! Er sieht das 8eb:n nicht so rosig an —"
„Tja — ber! — Hat zu schweres Blut, trägt zuviel Ballast mit sich herum: Arbeit, Pflicht, Moral und solch: Sachen! — Tja — unb bann macht ihm sein „Pascha" viel Sorge. Ich glaube nicht, baß er Chancen hat — armer, guter Kerl!"
Er ließ sich vom Kellner bas Seftglas füllen und erhob es gegen Miß Cooper: „Ich trinke auf Ihr Wohl — unb auf eine schöne Zukunft! —"
Sie neigt: banfenb das Haupt. „Sie werben also morgen 30 000 Mark in ber Tasche tragen —"
„Vielleicht auch das Doppelte!" gab er zurück. „Denn nach dem Si«, verkaufe ich „©reif" —• ich hab das Rennen satt."
„Ah! — Was werden Sie bann beginnen mit soviel Geld?"
„Ich werde die Rennrefterei abknöpsen unb mich v::heiraien! — Mit dem Geld zahl' ich zunächst die schreiendsten Brummer — den Rest verwende ich zu meiner Hochzeitsreise! —" Er haschte nach ihrer Hand und sagte lächelnd: „—wobei ich herzlich hüten möchte, daß Sie mich auf derselben begleiten!"
Lizzie war üb« diesen kühnen Antrag so erstaunt, daß sie Hagelwitz erst ein paar Augenblicke anftarrte, eh: sie in lautes Lachen ausbrach. „Sie sind kühn, Baron!" — ,
„Muh ein echter Reitersmann immer fern, Miß Lizzie! — Immer stramm Attacke reiten, die Festung im Sturme nehmen! —..Welche HimtnrlSnch- tuna würden Sie vorziehen für bte Hochzeitsreise^ — Mrd ob« Süd?" (Fortsetzung folgt)^