M 186.
Freitag den (6. August 19(2.
59. Jahrgang.
• Tuldaer M Zeitung
2. Blatt.
U vru« un» vertag der Mdaer ActiendntSereß in Zulda.
SS Generalversammlttng -er Katholiken Dentschlands in Aachen,
Vierter Tag — Mittwoch.
X Aachen, 14. Aug. 1912.
Ehrung für den Grafen Droste vischering.
Der um die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands so hochverdiente Präsident des Zentralkomitees Gras Droste Vischering feierte am Mittwoch sein 80. Wiegenfest. Aus diesem Anlasse war er am Mittwoch morgen der Gegenstand einer Reihe von Ovationen. Im St Foilan brachte Prälat Dr. Werthmann für den Grafen das hl. Meßopfer dar. Die Mitglieder des Zentralkomitees gingen während der Messe zur hl. Kommunion. Später der- Sammelte sich das Zentralkomitee im Saale des Hotel kuellens zu einer feierlichen Begrüßung. Fürst Alois Löwenstein gedachte in warmen Worten der Verdienste des Geburtstagskindes und überreichte dem Grafen ein Kunstwerk aus dem 17. Jahrhundert, eine in Holz geschnitzte Pieta. Im Auftrage der österreichischen katholischen Union sprach Fürst Lob- kowitz Glückwünsche auS. Im Auftrage der Stadt Aachen überreichte Oberbürgermeister Beltmann ein prachtvolles Blumenarrangement. Graf D r o st e dankte in warmen Worten und versprach, solange ihn Gott am Leben lasse seine Kräfte auch weiterhin dem Dienste der Generalversammlung zu widmen.
Der Mittwoch wurde eingelcitct durch ein Requiem für die verstorbenen Mitglieder der Eeneral- ver ammlung in der Michaelskirche.
Kurz darauf begann um 9l/< Uhr in der Festhalle die
aAgemeine Mijsisntvusammlnng.
Die verschiedenen Missionsvercine haben in früheren Jahren auf unserer Generalversammlung stets Sonderversammlungen abgehalten. Da die Aufgaben in der Mission gewachsen fini>, und die verschiedenen Missionsvereine am letzten Ende demselben Ziele dienen» haben der Franziskus Taderiusverein, das Werk der hl. Kindheit, der Ludwigsmissionsverein, der Afrikaverein, die Missionsvereinigung katholischer Frauen und Jungfrauen und die St. Petrus Claver- Eodalität in diesem Jahre eine gemeinsame Versammlung veranstaltet, um mit umso größerem Nachdruck die Notwendigkeit zur Unterstützung des Missionswerkes zu betonen. Auch diese Versammlung begegnete bei den Teilnehmern der 59. Generalversammlung einem derartig regen Interesse, daß die Festhalle ebenso stark besucht war, wie die öffentlichen Versammlungen.
Nach einer Eröffnungsansprache des Kaufmanns Alois Oster-Aachen übernimmt Abg. Fürst Löwenstein den Vorsitz. Er gedenkt des verstorbenen Oberhirten der Erzdiözese Köln als eines der treuesten und eifrigsten Freunde der Missionssache und läßt die Versammlung ein Ave Maria für die Seelenruhe des Kardinals beten.
Alsdann fährt Fürst Löwenstein fort, um eine Orientierung über die verschiedenen Missionsvereine au geben. L Das Werk der Verbreitung des Glauben» (Franziskus Taveriusverein), daS bisher ungefähr 300—<00 Millionen Mark für die Zwecke der Glaubensverbreitung aufgebracht hat Die Jah- rekeinnahme beläuft sich auf 7 Mill. Franks, wovon 1 Million aus Deutschland stammt. In Bayern wird der Verein ersetzt durch den Ludwigs-Missiousverein. 2. DaS Werk der hl. Kindheit. Von Paris stammend ist es von Aachen aus über ganz Deutschland verbreitet worden. Es hat bisher rund 150 Millionen Mark gesammelt, und zu Ehren Deutschlands darf es gesagt werden, daß die deutschen Kinder hervorragend daran beteiligt sind. Kein anderes Land erreicht auch nur annähernd den Beitrag, den die deutschen Kinder für dieses ideale Unternehmen aufbringen. 3. Der Afrikaderein deutscher Katholiken. Gegründet als Antisklavereigescllschaft widmet er sich fetzt hauptsächlich der Zivilisation der Eingeborenen dnrch Bekehrung zum Christentum. 4. Die Beter Claver-Sodalität. Seit 1894 bestehend sucht sie das Interesse für die Missionen zu wecken durch Abhaltung von Versammlungen, Veranstaltung von Lichtbildervorträgen, Ausstellungen, Ausrüstung der Missionen mit Paramenten und anderen kirchlichen Gegenständen. 5. Nur in Deutschland und nur für das weibliche Geschlecht organisiert, aber für die Missionen der ganzen Welt bestimmt, ist die M i s- sionS Vereinigung kath. Frauen und Jungfrauen. Ihren Sitz hatte sie zuerst in Fulda, dann in Koblenz. Sie stellt sich mit Wort, Schrift, Gebet und Almosen in den Dienst der Mis- {teilen, besonder» aber auch durch die Verehrung und lnbetung des göttlichen Herzens Jesu im Sakramente. Sie kann jährlich rund 100 000 Mark für die Missionen «bliesern. 6. Die akademische Missionsver- »inrgung. Ihr Zweck ist nicht die Aufbringung
von Geldern, das würde den meist schwachen Geldbeutel der Studenten verbieten. (Heiterkeit.) Sie wendet sich an Verstand und Herz der Studierenden, die sie für die Missionssache gewinnen will. Der Redner hebt alsdann besonders lobend hervor, daß der katholische Lehrerverbanü auf seiner Generalversammlung in Erfurt den einhelligen Beschluß gefaßt habe, daß die Lehrer mit Eifer in ihrem Wirkungskreise für die Weckung des Missionensinnes tätig sein sollen. (Lebh. Beifall.) Die Lehrer und Lehrerinnen haben sich dadurch erneut den Anspruch auf die Dankbarkeit aller Missionsfreunde erworben. Namentlich der Kindheit Jesuvcrcin hätte nicht so viel erreicht, wenn nicht Lehrer und Lehrerinnen opferwillige Stpoftel des Werkes gewesen wären. (Stürm. Beifall.) Der Redner begrüßt dann das Präsidium des Katholiken- tages und den Präsidenten des Zentralkomitees, Gra- fen Droste Vischering. (Beifall.) Ich kann chn Ihnen als unser jüngstes Geburstagskind vorstellen. Er vollendet heute sein 80. Lebensjahr (Stürm. Beifall). Ich bin überzeugt, daß Ihr Beifall der Ausdruck sein soll für die großen umfassenden Wünsche, die wir beute ihm darbringen. (Beifall.) Möge ihn der liebe Gott noch recht lange in derselben Jugendfrische und Rüstigkeit erhalten, die wir heute an ihm bewundern. (Stürm. Beifall.)
Graf Droste Vischering dankt innig für die Glückwünsche und stattet dann dem Präsidenten dieser Versammlung, dem Mann, der an der Spitze der Missions- sach« steht, dem Fürsten Löwenstein, den Dank der Generalversammlung ab für die große Arbeit und für das hohe Interesse, das er der Missionssache entgegenbringt (Lebh. Beifall.) Er geht und toandelt damit nur die Wege, die sein hochverehrter Vater uns gewiesen hat. (Beifall.) Heute morgen noch hatte ich die Freude, ein Telegramm von dem hochwürdigen Pater Raimundus, dem Fürsten Löwenstein, zu empfangen. Er nimmt den innigsten Anteil an unseren Verhandlungen und wie wir hoffen, wird er in seinem Gebete der Versammlung gedenken. (Beifall.)
Alsdann spricht Bischof Geyer über das M isst o n s w e s e n.
Als der Gottmensch Jesus Christus, in einem Meere körperlicher und seelischer Leiden schwimmend, den Leib von der Geißelung zerrissen, das Haupt von der Dornenkrone durchstochen, Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt, von den Feinden verhöhnt, von den Jüngern verlassen und vom himmlischen Vater sich selbst preis- gegeben, wie ein zertretener Wurm vor unaussprechlichem Wehe sich krümmte, und im Kampfe mit dem Tode verblutete, da war es, daß er ausrief: „Mich dürstet!" Wohl dürstete ihn leiblicherweise, mehr aber lechzte er nach den un st erblichen Seelen, für welche er litt und starb. Das war die hehre Feierstunde des gottmenschlichen Seelencifers. Da ward die Weltmission im blutigen Kreuzestode begründet. Liebe zu Jesus und Gehorsam gegen seinen Befehl bilden das Wesen der Heidenmission. Den Seelendurst Jesu zu stillen, die Zahl der Verehrer Jesu zu mehren, kurz, die Liebe zu Jesu im Heile der Seelen, ist die Triebfeder der Weltmission. (Beifall.) Der Redner schilderte dann anschaulich die Tätigkeit des Missionars von seiner Ankunft im Heidcn- tande an. Zunächst muß er das ganze Gebiet in Augenschein nehmen, für die Station den geeigneten Ort auswählen, und dann die Landessprache ^studieren. Mit Hilfe der Eingeborenen wird die Station errichtet. Der Missionar muß selbst mit angreifen. Sein Beispiel bleibt nicht unbemerkt. Die Schwarzen sehen den weißen Mann arbeiten und arbeiten schließlich mit. Sie bekommen Kleidung und Schmuck. Die Leute sehen, daß sie gerecht und liebevoll behandelt werden, und das Mißtrauen macht Achtung und Liebe Platz. Inzwischen verbreitet sich der gute Ruf der Arznei, und täglich kommen Kranke zur Mission oder werden in den Dörfern besucht. Spitalhütten werden erbaut und sterbende Kinder, die der Missionar taust, toerden fürbittende Engel im Himmel. Bald ist dort, wo der Urwald stand, eine Stätte reger Tätigkeit geworden. Inzwischen lernt der Missionar die Landessprache kennen und nun beginnt der Unterricht. Langsam hebt der Missionar die Anschauung des Volkes zu sich empor. Die Kinder wirken wie Apostel in ihrer Familie. Die Begierde nach der Taufe regt sich. Oft gehört bei den Heiden ein heroischer Mut dazu, die verschiedenen entgegenstehenden Bedenken zu überwinden. Nun kommt der Tag, wo die ersten Neugetauften als Erstkommunikanten an den Altar treten, geheim oder öffentlich, je nach Umstünden. Die Verfechter des Heidentums suchen ihre Landsleute von den Christen abzuschrecken, sie einzuschüchtern. Die Bekehrten finden hiergegen Stärkung in der öfteren Kommunion. Es kommt der andere Tag, da das erste christliche Brautpaar sich für das Leben bindet. Damit beginnt die Erlösung der Frau und die Erneuerung der Familie. Die Frau hört auf, Sklavin zu fein, der Mann wird zum arbeiissamen Vater. Die Neugetausten bilden die ersten Hilfskräfte der Missionare. So liegen die Verhältnisse in Afrika. Bedeutend schwieriger gestaltet sich der Gang des Mis
sionswerkes dort, wo der I S l a m feine düsteren Schatten auf das Heidentum geworfen, wie dies in einem großen Teile Afrikas der Fall ist. Nördlich vom zehnten nördlichen Breitegrad ist er schon längst die herrschende Religion. Von Norden nach Süden und von Osten nach Westen bringt er stetig vor. Er verlangt wenig, verspricht viel, und seine Sendlinge drücken auch noch ein Auge zu inbezug auf die Zahl der vom Koram erlaubten gesetzmäßigen Frauen, den Fastenmonat Ramadan und das Verbot geistiger Getränke. Eine andere und nicht geringe Schwierigkeit ist die religiöse Gleichgültigkeit und Kälte sowie sittliche Minderwertigkeit mancher europäischer Landsleute. Gott und dem christlichen Europa sei es geklagt! Unsere Kolonial- Politik ist ein wichtiger und wirksamer Fakwr zur Ausbreitung des Christentums. Die Erfolge der Missionare in den Schutzgebieten sind glänzend! (Beifall.) Gemeinsamee Nationalität der Kolonialregierung und der Missionare ist das Ziel einer Mission. Aber wir dürfen uns auf unsere Kolonialgebiete nicht beschränken, denn eine wesentliche Eigenschaft unserer Kirche ist die Katholizität, die All- gemeinheit. Ueberall in der Welt wirken deutsche Missionare, Brüder wie Schwestern. Unter den nicht- deutschen Kolonialgebieten sind die englischen diejenigen, wo sich die katholischen Missionen am wohlsten befinden. Der Missionar genießt dort die größte Freiheit, und wer daher den Frieden zwischen England und Deutschland fördert, wird zum Apostel des Weltfriedens und der christlichen Weltmission. (Beifall.) Was sind aber 12 500 Missionare, 5000 Brüder und 20 000 Schwestern gegenüber einer Milliarde Heiden? Für Tausende von Missionaren ist noch Arbeit vorhanden. Es kommen noch andere Gründe hinzu. Ich nenne den kulturellen Gährungsprozeß bei den nichtchristlichen Kulturvölkern in Japan, China, Korea, Siam, Jrttien, Persien, Türkei, wo man teils in der Annahme der westlichen Kultur, teils in der nationalen Absonderung, teils in der Wiederbelebung des Schintoismus, Konfuzionismus, Buddhismus, Hinduismus und Islam die Zukunft sucht. Außerdem gibt es Positionen von strategischer Wichtigkeit, wo die Zukunft des Katholizismus entschieden wird und rasches Handeln der katholischen Mission notwendig ist. So in Japan, wo ein hochbegabtes Volk in Gefahr steht, seinen Fortschrittsdurst an den Lagunen entchristlichter Kultur zu stillen. Aehnlich in China. Auch Indien mit seinen 315 Millionen, die dem Islam und Hinduismus ausgesetzt sind, benötigte viel mehr Missionen. In Zentralafrika, wo der Kriegsruf erschallt: Hie Christus, hie Mohammed! wäre der erste Schritt zur Bekehrung der Neger, ihre Rettung vor dem Islam. In anderen Positionen dringt die katholische Mission sieghaft durch, aber sie muß zu Hochburgen des Katholizismus ausgebauk werden. So in Uganda. Wenn hier die Fortschritte der letzten 2 Jahrzehnte noch einige Jahrzehnte anhalten, so wird dieses herrliche Land ein Bollwerk gegen den Islam und zur Eroberung des afrikanischen Heidentums. Ein Volk allein kann die Aufgabe der Mission nicht lösen. Ich möchte daher alle katholischen Völker des Erdkreises zu dieser Aufgabe auffordern. Aber wenn auch nur die deutschen Katholiken sich mit Opfermut der Sache annehmen, so ist schon viel gewonnen, denn gerade die germanischen Völker sind zur Mission besonders geeignet. Man klage nicht, daß die Ideale geschwunden seien, es gibt noch viele Idealisten. Knaben, Jünglinge, Jungfrauen suchen nach einem Lebenszweck. Hier ist er: die katholische Weltmission! Neben den Missionskräften ist Geld notwendig, denn nach Ansicht aller Missionare ist die Bekehrung in erster Linie eine Geldfrage. Ohne Geld wird das Werk gehemmt. Zu beiden muß hinzutreten das Gebet. (Beifall.) Ohne Gebet gibt es nicht die Gnade, die zur Ueberwindung der vielen Schwierigkeiten notwendig ist. Wie wir für die armen Seelen int Fegfeuer beten, so müssen wir beten für die ärmsten der Seelen: für die Heiden! (Lebh. Beifall.) Wir sind hier im königlichen Aachen. Sein Name hat für uns Deutsche einen hehren Klang. Zu Aachen gehört der Name Oster. (Beifall.) Dieser bedeutet die Mobilmachung der deutschen Kinder für die Weltmission. Mit solchem Erfolg, daß unsere blondköpfigen und blauäugigen Nachkommen die Siegespalme unter den Kindern des Kindheit-Jesu-Ver- eins errungen haben. (Lebh. Beifall.) In der Zeit der Kreuzzüge sprang die Lohe der Begeisterung aus der Männerbrust in die Kinderherzen über und riß 20 Tausend kleine Deutsche zum Kreuzzug hin. Warum sollte sich das Wunder nicht umgekehrt erneuern, daß aus den Millionen deutscher Kinderherzen die Flamme nach oben schlage und die Brust von Millionen deutscher Männer in Brand setze! (Großer Beifall.) Ilnsere Frauen und Jung, fronen sind ja schon eifrig tätig am Missionswerk. Im Namen ihrer heidnischen Genossinnen in Afrika sei ihnen der Dank ausgesprochen. An ihnen mögen sich die Männer, namentlich die finanzkräftigen, ein
Beispiel nehmen. Möge, tote einst von Aachen de» Großen Karl die Begeisterung der Nachbarvölker aus» ging, vom heutigen Aachen der 59. Generalversammlung die Begeisterung des deutschen katholischen Volke» für unser Missionswesen ausgehen. Als ich auf meiner Reise nach hier beim hl. Vater war, da freute er sich, daß ich hier über die Mission sprechen wolle und er beauftragte mich. Ihnen seinen Segen zu spenden. Die Art, wie er das tat, ließ mich seine Liebe zu den deutschen Katholiken erkennen. (Beifall.) Erwidern wir ihm diefe Liebe, halten wir stets Herz und Sinn gerichtet auf diesen von Gott gesetzten Markstein, auf den Leuchtturm in allen Fragen unserer Religion. Und fo erteile ich Ihnen den Segen des Heiligen Vaters! (Lebh., langanhaltender Beifall. Die Versammlung empfängt knieend den Segen.)
Volksschullehrer Heinrich Janssen - OhligS spricht hierauf über die Pflege de» Missionsgedankens beiderJugend.
Der Missionsgedanke bricht sich siegreich Bahn. Soll aber die Mission Volkssa le im vollen Umfange sein, dann muß auch die Jugend mehr als bisher für sie gewonnen werden. Ich kann mir schlecht eine katholische Familie mit warmem, religiösen Pulsschlag ohne lebendiges Interesse für die Mission vorstellen. Gegenüber dem Eigennutz der Welt senkt die Mutter Sinn für Barmherzigkeit und Wohltätigkeit in daS junge Herz. Es ist eine Tatsache, daß katholische Fa- milien, die ein warmeS Herz und eine offene Hand für die Missionen haben, sich und ihren Kindern den katholischen Glauben lebendig erhalten. Mit der Belehrung verbindet sich das Gebet in der Familie. ES ist kein blinder Zufall, daß au» jenen Familien, in denen eifrig für die Missionen gebetet wurde, viel fach Missionare hervorgegangen sind. Mit der Familie vereint wirkt die Lehrerschaft. Der katholische Lehrev- verband Rheinland mit seinen 6000 Mitgliedern hat in diesem Jahre zu Bonn und der Gesamtverband Deutsch- lands mit seinen fast 25 000 Mitgliedern zu Pfingsten in Erfurt den Beschluß gefaßt, die Pflege des MisswnS- gedankens mit Eifer zu fördern. Da» Wort des Heilandes: Lehret sie alles halten, was ich euch gesagt habe — gilt auch von der Mission. Gerade im Regi- gionsunkerricht muß Inhalt, Bedeutung und strenge Verpflichtung dieses Befehles wirksam bargelegt werben. Der Religionsunterricht ist nun einmal für un» bie hellstrahlenbe Sonne im Schulleben, und diese Schulsonne soll und wird niemals untergehen, so lange es noch Katholiken in unserem Vaterlande gibt, weder für bie Eltern noch für bie Lehrerschaft unb erst recht nicht für bie unschulbigen Kinderseelen. Ohne diese Schulsonne würden Schulräume und Kinderherzen in bezug auf Willens- und Charakterbildung bald eine öde, unfruchtbare Wüste. Darum werden katholisches Jugenderzieher auch niemals die herrlichste Seite ihre»' Berufes verabsäumen, die christliche Erziehungsarbeit' an bet Jugend und damit die Förderung des Mission»-, interesses. Unb wie erzieherisch und belebenb wirkt der Missionsgedanke im Unterricht, tote erhebend bas Vorbild heldenmütiger Glaubensboten, die unerschütterliche! Treue auch der Märtyrer unserer Tage auf das empfängliche Kindergemüt! Wie lernt man Die Kirche als sittliche unb kulturelle Macht schätzen, wenn man: tiefer in bas Heibentum hineingeblickt hat! Wie wird man die einheitliche Gottes- und Weltanschauung de»! Christentums anders bewerten gegenüber dem Wirr-: wart und der inneren Haltlosigkeit des Heidentums. Wie dankbar würdigt man die tröstlichen Wahrheiten! von der Hoffnung auf ein seliges Jenseits nach den Mühen unb Röten dieses Lebens gegenüber der Trost- unb Hoffnungslosigkeit des Heidenwahnes. Der Mis» fionsgedanke weitet Auge und Herz für bie Gesamtinteressen bet Menschheit und ist somit ein Faktor von hoher erziehlicher unb bilbenber Bebeutung. (Lebh. Beifall.) Zur Ehre meines Standes sei e» gesagt,: daß es heute noch viele Lehrer und Lehrerinnen gibt, bie für das Missionswerk großen Eifer an den Tag legen. Und mit Erfolg! So legten in einer Schule die Kinder ihrem Lehrer zu seinem Namenstage auf bekränztem Katheder eine eine Geldsumme nebst Zettel mit der Aufschrift: „Für ein Heidenkind, zu taufen auf den Namen des Herrn Lehrers." In einer Lehrerfamilie Würbe für jede» Familienmitglied ein Heiden- kind gekauft und zu jeder Kommunionfeier eines Kindes für Eltern und Kinder einem bekehrten Neuchristen die Vorbereitung zur Erstkommunion ermöglicht. (Beifall.) Es ist schade, daß Leute von solcher ©efinnung nicht immer Millionär find. Besonders der Eifer mancher Lehrerinnen muß lobend hervorgehoben werden. Sie lassen durch die Kinder ganze Mengen von Freimarken, Staniol ufto. sammeln, oder fertigen Kleidungsstücke für Missionsanstalten an. (Beifall.) Wüt», schenswert wäre eS, wenn die Kätigfeit von Familie unb schule in Kirche und Gemeinde durch einen sog. Missionssonntag gekrönt würde, wie er schon mancherorts besteht. Dieser würde den MisfionSgedanken in Häuser unb Herzen trogen. 40 Mark werden nach der Stattstik auf den Kops unserer Bevölkerung für Alkohol und 20 Pfg. für bie Mission auSgegeben. Laßt un»
WauernöMt.
69] Roman von Felix Nabor.
„Wasser hierher!" rief Baldwin. „Auf die kreppe! Sonst komme ich nicht durch!"
Ein dünner, aber starker Strahl zischte ihm entgegen, schlug chm ins Gesicht, überspritzte seine Kleider und dampfte für Augenblicke das Feuer zu seinen Füßen.
Langsam stieg er dir ächzenden Stufen herab; mtt der linken Hand umklammerte er das Geländer, um wenigstens ein bischen Halt zu haben, obwohl er sich dabei die Finger verbrannte.
„Mehr Wasser!" schrie er, da bh Glut auf seinen Kops und auf seinen Vater niederrieselte. Aber der Strahl war nicht ausgiebig genug. Während er in der Hohe löschte, jüngelten unten auf den Stufen die Flammen empor, der Raum um« wirbeltzr Baldwin, daß er beinahe erstickte. „Vater", fragte er, „lebt Ahr?"
Aber er erhielt keine Antwort. Die Anne des alten Mannes lagen fest wie eiserne Klammern um seinen Hals und drobten ihm die Kehle zuzudrücken. Eine entsetzliche Angst packte ihn. Das Feuer nicht achtend, stieg n über die brennenden Stufen hinab, erreichte die Tür und wankte hinaus. Seine Klei-
Wien Feuer gefangen, und abermals rief er: „Wasser!"
S>r Feuerwehrmann folgte ihm und über« sprühte ihn mit Wasser, daß das Feuer an seinem Le,be gelöscht wurde und eine Dampfwolke wie eine weiße Säule über ihm emporstieg.
Draußen erhob sich lautes Freudengeschrei. „2>a fcmnö bet Baldwin! — Er trägt seinen Vater! — Lebt er — oder ist er tot?"
Zwanzig Hände griffen nach dem Wildhofer, scher feine Ärme lösten sich nicht.
„Ein Bett für meine» Vater!" keuchte Baldwin.
Zwanzig Schritte vom Hause entfernt lag ein Haufen Betten, du aus de« Erdgeschoß gerettet Morde» waren.
Zwei Feuerwehrmänner stützten Baldwin und führten ihn zu deni niederen Bühl, wo er mit seiner Last zu Boden sank.
Alan löste des Wildhofers Hände von seinem Halse, bettete den Bewußtlosen auf das weiche Lager und deckte ihn zu. Sobald Baldwin frische Luft hatte und atmen konnte, kehrte auch seine Willens- kraft zurück.
„Wo ist meine Mutter? Wo ist Ev?" rief er.
Er wollte sich erheben, aber seine Knie zitterten vor Aufregung und Anstrengung, und er brach neben feinem Vater zusammen.
„Da bringen sie Deine Mutter, Baldwin!" antwortete man ihm.
Vier Frauen brachten Baldwins Mutter, die mit wankenden Füßen ging. Baldwin streckte ihr die Hände entgegen: „Mutter! Mutter!"
Frau Regine lächelte schmerzlich. „Nun hat uns das Unglück wieder vereint!" sagte sie und kniete neben ihrem Manne nieder, wusch ihm mit der Schürze das geschwärzte Gesicht und richtete seinen Kopf empor. „Du hast ihn gerettet, Baldwin", sagte sie, „nun muß alles gut werden."
„Aber das Haus, Mutter — das ist verloren!"
„Darum weine ich nicht, Baldwin, weil es uns nie eine Heimat war Wir find stets Fremde darin gewesen. Daß der Vater am Leben geblieben ist, das ist mehr wert als Haus und Habe."
„Und Du, Mutter, wie bistDu gerettet worden ?"
„Ich bin unten in der Kammer eingeschlafen", erwiderte Frau Negine. „Weil Dein Vater noch gelesen hat und nicht gestört sein wollte, habe ich mich in den Kleidern aufs Bett gelegt, um später nachzuseheu, ob das Licht gelöscht sei. Aber ich muß die Zeit verschlafen haben. Wie ich erwachte, da war alles um mich her voll Rauch, und ich fand keine Türe — und da muß ich ohnmächtig geworden sein. Hans, der Schmied, hat mich gefunden und aus dem Hause getragen."
„Gott sei Dank! Jetzt fehlt nur noch die Ev! Ach, da bringt sie der Schmied, schau! Er trägt sie auf den Armen! — Ev! Ev! — Hierher!"
| Der Schmied ließ seine Last zu Boden gleiten und wischte sich das Blut vom Gesicht. Ein stürzender Stein hatte seinen Kopf gestreift und ihm eine Wunde gerissen, aber sonst war er unversehrt.
Ev war blaß wie eine Leich: und zitterte an allen Gliedern. „Hans, o Hans, halte mich, ich fürchte mich!" jammerte sie.
Und Hans nahm sie aufs neue in seine Arme und sagte „Sei nur still, Everl! Schau, ich bin bei Mr und geh' nimmer von Dir! Dein Leben gehört mir, geh? Ich hab' Dich aus der brennenden Kammer geholt, durch's Feuer getragen und dem Tod entrissen — und jetzt gehörst mir für's Leben! Glaubst es jetzt, Everl, daß ich Dich lieb hab'?"
„Ja, ja, Hans! Ich dank' Dir auch tausendmal! Und ich will Dir alles vergelten durch mein: Lieb'! Ich will Mr das Leben schön machen und Dir alles Liebe und Gute tun, wenn Du mich nur haben willst zu Deinem Weibe!"
„Aber das fit ja mein einziger Wunsch, Everl! Und schau, jetzt bin ich so glücklich, daß ich's gar net sagen kann! Jetzt möchi' ich fast das Feuer segnen, wenn's keine Sund' wär' — weil cs uns zusammengeführt hat für's Leben!" —
„Aber Hans", rief Ev, „Du blutest ja! Grad übrr's G'sicht herunter läuft Dir das Blut wie em Brünnlein! Ja, was ist denn geschehen, mein lieber Hans?"
„Ach, eine kleine Schrammen halt!" erwiderte er. „Das macht nix.
Ev war aber doch in Sorge. Sie preßte ihr Tachentuch auf die Wunde und hielt feinen Kopf in ihrem Arm. „Hast Schmerzen, Hans?"
„C nein, kein bisserl, Ev! Ganz gut ist mir! Ach, fo leicht ist mir, wie einem Vogel, der fliegt! Jetzt hebt rin neues Leben an, Everl, jetzt kommt das Glück auch zu uns!" —
Die donnernde Stimme des Kommandanten schreckte sie auf. „Alle Mann zurück!" brüHte dieser und gab ein schrttles Signal. „Das Sparrendach stürzt zusammeul Der Giebel wankt! Der Kamin neigt sich!"
Auf allen Setten sprangen die Feuerwehrleute zurück. Eine Mnute später ging ein Krachen, Prasseln und Donnern durch dre Lust, als ob ein Berg geborsten wäre; ein Funkenwirbel schoß mit lautem Knall aus dem rauchenden Krater und dann schlugen auf allen Setten die Flammen empor.
Bei diesem Knall schlug der Wlldhofer die Augen auf; die Besinnung kehrte zurück, aber die Sprache versagte ihm.
„Was—ser!" kam es wie ein schweres, röchelndes Lallen aus seiner Kehle.
Eine der Frauen eilte zum nächsten Brunnen und kehrte mtt einem kleinen Eimer voll iLasier zurück. Man richtete ihn auf, und er trank wie ent Verschmachteter. Nun belebten sich seine Züge, der Atem ging ruhiger, die Stimme wurde kräftiger, seine Sprache verständlicher. Er sah das zerstörte Haus, blickte auf sein Weib und stteß in k tmn, abgerissenen Lauten empor: „Wo — ist — $<u —« Win?" •
Baldwin richtete sich auf und sagte: .Hier, Vater!"
Die Augen des alten Mannes überquollen von Tränen, sein gesunder Arm schlang sich um Baü>- wins Hals, und in schluchzenden Lauten rang eS sich aus seiner Kehle: „Mein — Bub —■ mein lic—ber — Bub!"
Baldwin erkannte dr- Größe dieses Augenblickes: Der eiserne Panzer, der die Brust feine» Vaters umschlossen hatte, war unter dem Feuer bet Kindesliebe, die das eigene Leben einsetzte, geschmolzen, der Fluch war von seinem Haupte genommen. Zorn und Trotz, Haß und Feindschaft waren ausgelöscht — der Friede war in ihre Herze« eingekehrt! —
Vater und Sohn waren versöhnt unb hielten sich in Liebe umschlungen. —> —
An dem Hause war nichts mehr zu retten; da» rasende Feuer verzehrte es bi» auf den Grund. Die Flammen sanken in den Feuerherd zurück, al» dir Manern ausgebrannt waren, die Hitze ließ «ach» die Nachtkühle fetzte ein.