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59. rahrgon-.

fuiaaer U Zeitung

- 2. Blatt.

»rack «bi »erlag der Mdaer Aetteadrucktret i» 5*16«.

4- Steuern auf Vorrat?

Srit Wochen schon wird in der Presie das B s i tz st e u e r p r o b l e m lebhaft erörtert. Daß eine Besitzsteuer kommen müsse, erkennt man^un allgemeinen an. Nur die konservative Presie steh auf dem Standpunkt, das, es mcht vonnoten ffi, nach einer neuen St-ucrauelle pl suchen, denn die »Tihen Reichsfinanzreformen oon 1909 und 1911 f en die Reichsfinanzen oollstandH zur Gesundung «bracht. Eine Besitzsteuer zu chafftn, set mcht 'm- unnötia sondern direkt schädlich, denn dadurch Hürden der Regierung Steuern auf Vorrat be­willigt.

„Steuern auf Vorrat" zu bewilligen, dazu wird Wohl keine Partei geneigt sein, schon deshalb nicht, "oeil das Stenernbewilligen immer eine unpopu­läre Sache ist. Aber abgesehen davon wären Steuern, die incht unbedingt notwendig sind, schon deshalb zu verwerfen, weil sie einer gesunden Fi­nanzwirtschaft des Staates widersprechen. Würden nun aber die Einnahmen, die eine zu schaffende Besitzsteuer dem Reiche bringen wird, solche sein, für Äe das Reichsschatzamt feine dringende Ver­wendung hat? Gewiß ist es richtig, daß die Reichs- kinanrreformen von 1909 und 1911 den erwarteten Erfolg gehabt und die Reichsfinanzen auf eine ge- jrinbe Grundlage gestellt haben.

Aber das allein darf nicht maßgebend sein 4tr die Beantwortung der Frage, ob wir uns nicht für die Zukunft doch noch nach einer neuen Steuer- Quelle umseben müsien. Hierfür ist vielmehr der Bedarf des Reiches an Einnahmen entscheidend. Der Bedarf aber hat sich, was man im vorigen Kahre noch nicht voraussehen konnte, nicht un- zvesentlich vergrößert. Bolle Deckung haben die in diesem Jahre geschaffenen Wehrvor­lagen noch nicht gefunden. Soweit sie aber «dockt sind, geschieht das der Hauptsache nach durch Forterhebung der Zucker st euer in ihrer bis­herigen Hohe. Mehrmals schon hat der Reichstag mit großer Majorität den Beschluß gefaßt, die Zuckerftener herabzufetzen.

Auch in dem Antrag Basiermann-Erzberger wird das verlangt und sogar ein Termin angegeben, bis zu dem das geschehen fein mutz. Die Regie­rung erklärte sich bekanntlich damit einverstanden. Der Bedarf des Reiches wird sich aber noch mehr derfchiebru, wenn man die notwendige Herab- Jetzung der Altersgrenze und die Beteranen- ü r f o r g e in Angriff nehmen wird. Hierfür braucht das Reich Mehreinnahmen. Auf die sehr fraglichen Ueberschüsie des Etats darf man sich nicht verlassen. In einem sehr guten Erntejahr !i. B., wie wir es jetzt haben, ist es sehr leicht mog- ich, daß durch den Ausfall an Getreidezöllen usw. die Gesamteinnahmen des Reiches hinter den Er­wartungen zuriickbleiben.

Uns will scheinen, als blicke man auf konser­vativer Seite bei der Beurteilung der Steuerfrage Sfthr nach rückwärts und zu wenig nach vorwärts, e Konservativen sollten bedenken, daß ihre Frak­tion heute die einzige ist, die die Notwendigkeit einer Besitzsteuer verneint. Selbst ihre nächsten Nachbarn, die Freikonservativen, stehen auf dem Standpunkt der überwältigenden Majorität des Reichstags.

Was die Regierung anbelangt, so hat sie sich bekanntlich zu dem Antrag Bassermanu-Erzberger, daß dem Reichstag bis zum 30. April 1913 der Ent­wurf eines Gesetzes vorzulegen ist, „welches eine allgemeine den verschiedenen Besitzformen gerecht werdende Besitzsteuer vorschreibt", zustimmend ge­äußert. Eine Besitz st euer wird also kom­men. Wie sie aussehen wird, steht heute natürlich noch nicht fest und darüber braucht sich heute schon am wenigsten die Preise den Kopf zu zerbrechen. Der Reichstag wird sich erst dann darüber schlüssig werden müsien, wenn die Regierung mit positiven Vorschlägen gekommen ist In seinem Antrag ver­langt er eine allen Arten des Besitzes gerecht toer- deuoe Steuer. Das wird die Grundforderung fein, die man an die Stenervorfchläge der Regierimg zu Bn hat. Daß diese Grundforderung von der er vorgeschlagenen Erbanfallsteuer nicht erfüllt , braucht kaum erwähnt zu werden.

0 Der Spielteufel.

Schon wieder find zwei Säule« der „besseren" Berliner Gesellschaft geborftex. Berlin W. hatte wieder für einige Tage Unterhaltung. Der Justiz­rat und Notar Michaelis hat fern von Berlin, im Herzen Frankreichs in bee Fluten der Seine bei Paris den Tod gesucht «ud gefunden, und der Rechtsanwalt Paul Bredereck sit mit Hinter- lasiung von 100 000 Mark Schulden ans der Reichshauptftadt geflüchtet. Beide waren leiden­schaftliche Spieler.

Der „Fall Michaelis" beuchtet blitzgrell die Moral oder richtiger gesagt die Unmoral eines gro­ßen Teiles der Berliner sogenannten besieren Ge- slllschaft und zugleich auch der Berliner Presie. Der unverdorbene Provinzler schlägt ^die^ Hande überm Kopf zusammen, wenn er den „Fall" näher verfolgt. Besagter Justizrat und Notar war seit 30 Jahren Rechtsanwalt in Berlin, Sein Ein- kmmnen betrug in den letzten Jahren durchschnitt­lich 100 000 Mark, 1911 versteuerte Michaelis so­gar ein Einkommen von 13)000 Mark. Früher muß fein Einkommen noch höher gewesen sein. Denn Berlinw Blätter melden, daß er in den letzten Jahren durch jüngere Kollegen etwas beein­trächtigt wurde. Der Notar war verheiratet, aber die Ehe war kinderlos. Kein Sohn, der vielleicht als Leutnant und flotter Kavalier Schulden ge­macht und den Herrn Papa schwere Gelder gekostet hätte, kein Sohn, der als schneidiger Korpsstudent in Sans und Braus gelebt und Vaters Portemon­naie bedeutend erleichterte. Kein Schwiegersohn, dessen Schulden zu decken waren, oder der große monatliche Zuschüsie beansprucht hätte. Nichts von alledem. Ein kinderloses Ehepaar mit über 100 000 Mark Einkommen. Da kann man herrlich mit leben, noch einen schönen Batzen auf die Bank bringen und bald Millionär sein, so denkt der biedere Provinzler. Anders denkt und handelt man in Berlin W. Ter Notar Michaelis befand sich trotz seines Rieseneinkommens in „finanziellen" Schwie­rigkeiten" (!), in „drückenden Geldsorgen, und das nicht nur zeitweilig, sondern ständig. Schon vor zehn Jahren war er, wie die Berliner Presse so rührend schildert, von lieben Freunden „saniert" ober tote ein anderer in Berlin W. geläufiger Aus­druck lautet, „rangiert" worden. 180 000 Mark hatten es die Herren sich kosten lasien, um den teu­ren Freund vor dem finanziellen Zusammenbruch und vielleicht noch Schlimmerem zu behüten. Eine Weile ging es gut. Aber nach sechs Jahren mußte der Herr Notar zum zweiten Male „saniert" und „rangiert" werden. Wieder sprangen gute Freunde in die Bresche, halb war ein Fonds von 70000 Mark zusammen, und der „teure^Freund Michaelis war zum zweiten Male glücklich gedeckt.

Aber der große Schuldenmachrr mit dem hohen Einkommen saß halb wieber in der Klemme. Ein Bekannter streckte ihm 120 000 Mark vor, ein zwei­ter 80 000 usw. Schließlich drückte eine Schulden­last von mehreren Hunderttausend Mark den Ver­treter des Rechts. Am 1. August war ein Wechsel von 80 000 Mark fällig. Michaelis hatte aber nur 40 000 Mark in Händen. Er nahm das „Bündel Tansendmarkfcheine" und ging nach Bad Nauheim ins Bad. Seine Gattin schickte er nach Karlsbad. Bon Nauheim fuhr er mit dem Gelbe nach Paris, begab sich in das nähr gelegene Enghien-les-Bains und suchte die berüch!: stcn Spielsäle auf, um „einen großen Schlag zu machen". Aber er verlor; am ersten Abend 15 000 Mark, den Rest an nächste Tagen. Mittellos trat er auf die Straße. Da trifft er eine bekannte Dame, sie leiht ihm 3000 Francs; der leidenschaftliche Spieler kehrt in den Spielsaal zrrrück und — verliert. Nochmals wendet er sich an die Dame, die sogar ihren Schmuck ver­setzt, um dem lieben Freund beizustehen. Ruch die­ses Geld verliert er. Er telegraphiert an Bekannte in Berlin, erhält 4000 Mark und verspielt sie. Abermals telegraphiert er um Geld nach Berlin, aber diesmal bleibt das Geld aus. Der von der Spielwut Befallene stürzt sich verzweifelt in die Seine und wird nach zwei Tagen tot aus dem Wasser gezogen: in feinem Portemonnaie befinden sich noch — 2,20 Mark. So endet ein Mann, der jährlich 125 000 Mark zu verzehren hatte, der aber in bett Berliner Spielklubs jährlich mehr verlor als er verdiente. Berlin W. ist an solche Fälle ge­

i wohnt. Der Witwe wird man nicht darben lasien. | Die, welche von dem Notar im Lause der Jahrr I die Hunderttausende gewonnen, werden ihr eine ; jährliche, nicht zu knavp bemessene Rente an-setzen.

DaS ist in Berlin W. und seinen Spielklubs nun einmal Brauch. Michaelis wird als Ehrenmatiu bart in gutem And ritten gehalten.

Das ist eben die Moral dieser Gesellschaftskreise. Und davon ist auch die hauptstädtische Presse infi» ziert. Kein Wörtchen hat man gelesen, das diesen Herrschaften einmal den 'Text läse; di sie« Klubmen» scheu, die Tausende und abermals Tausende an einem Abend aufs Spiel setzen rmuitten einer Stadt, wo Veteranen Hungers ft erben, wo Tausende viel­köpfiger Familien in menschenttnwürbigeu Räumen wohnen und viele sich durchhungrrn müsien Die Presie wußte nur zu erzählen von dem „geachteten", „liebenswürdigen", „bedauernswerten" Anwalt, dem „heiteren und geistreichen Gesellschafter", von dem „freigebigen Gastgeber" und nicht zuguterletzt von dem tüchtigen „Spezialist für Ehescheidungen".

Herrschaften, Gott läßt seiner nicht spotten!

Deutsches Neich.

** Dem ,.katholischen Geistlichen" der,llrenistg.' widmet ein latboüfd er Geistlicher in der ,Schles. Volksztg/ folgende Worte:

»Auch die Jesuiten find kacholische Geistliche — und nicht die schlechtesten. Wenn ein katholischer Geist­licher, er mag sonst älter die Jesuiten denken wie et will, in nichtkatholisch en Blättern als Gegner ihrer Wiederuulassung anftritt, fo tut er etwas, was {. B. in Offizierskretsen kaum denkbar wäre. Der Korpsgeist würde es dort verbieten. Denn was für einen Borwurf kann der Herr den Jesuiten machen? Nur, weil diese den Gegnern verhaßt sind; sollen sie in der Verbannung bleiben! Warum packt denn der »katholische Geistliche" nicht auch seine Sachen; weiß er nicht, daß wir katholischen Geistlichen den Gegnern auch sehr verhaßt sind, und daß man mit »manche« manchmal" schön tut, blos weil man ihn gerade braucht? Das müßte er eigentlich aus Liebe zum Bater- lande tun! Denn dann würde ja doch wohl ein un­geahnter süßer Friede ins Vaterland ziehen, wenn alle katholischen Geistlichen und Orden das Weite suchten. — Wenn die Mitglieder der Gesellschaft Jesu durch ihre Verbannung schlimmer als die größten Feinde deS Vaterlandes, schlimmer als die radikalsten Nihilisten und Sozialisten behandelt werden, lediglich weil man vor den Jesuiten, d. h. vor ihrer allseitigen Tüchtigkeit, Gewissenhaftigkeit und erstaunlichen Gelehrsamkeft und Rührsamkeit im Lager der starken „Friedenshekden" vom Evangelischen Bund und Konsotten Angst und Bange hat, so ist es ganz unbegreiflich, wie ein »katholischer Geistlicher" gegen die Aushebung eines so schreienden Unrechts, wie des Ausschlusses der Jefuiten- nieberlnffiutgen von unserem Vaterlande fein kann — und dafür noch gegnerische Blätter benützt. Wer hetzt wohl mehr, die Jesuiten ober der Evangelische Bund mit Anhängseln? Warum weist man btefe Leute um des lieben Friedens im Baterlande willen nicht auch hinaus? Oder muß immer und ewig einzig und allein auf die Nichtkatholiken Rücksicht genommen werden? Also, Gerechtigkeit, lieber Herr! Warum reibt man sich stets an den Katholiken? An allen Ecken und Enden kann man sehen, wie man den Katholiken durchaus nicht hold ist. Der katholikenfeindliche Geist ist es, der auch die Jesuiten fernhalten will — alle anderen Gründe sind nur em Vorwand. Das sollte sich doch auch der „katholische Geistliche" der .Kreuzztg/ vor Augen halten, von dem weder die Jesuiten — trotz des ihnen angetanen Unrechts — noch wir „andern katholischen Geistlichen" uns in der Vaterlandsliebe übertreffen lassen, wenn wir auch dieses Wort nicht immerfort im Munde führen und in gegnerischen Blättern unterstreichen, und wenn wir auch dafür noch keine Auszeichnung erhalten haben. Jedenfalls wird daS Vaterland auch nach Zulasiung bet Jesuiten nicht ins Wanken kommen."

c. Eine Grammatik der Eingeborenensprache. Vom Hamburgischen Koloniaiinstttut ist eine sür die prak­tischen Zwecke der Verwaltung, des Handels und der M siwn im Schutzgebiet Kamerun schr bedeut­sames Werk herausgegeben, eine Grammatik und Wörterbuch der Sprache der Basa in Kamerun, ein Werk, das auch in wissen schaftlicher Beziehung von großem Interesse ist. Die Basa-Sprache umfaßt ein Gebiet in Kamerun, dem gegenüber das Dnala- gebiet beinahe verschwindet, das überhaupt alle anderen Sprachgebiete der Küstenländer an Aus- dehnung weck übertrifft. Der Versaffer deS Werkes ist der inzwischen verstorbene Missionar Georg Schür le, der dis zum Jahre 1908 elf Jahre lang

in Kamerun tätig war. Er hat in dieser Zett ie jahrelanger mühsamer Arbeit die Grammattk bei Basa erforscht und zu Lehrzwecken dargestellt.

ri- Vor dem sozialdemokratischen Parteikarre». Die Ungeniertheit, mtt der die Tatsache bee sozialistischen Hegemonie im Großblock auf bete bayerischen sozialdemokratischen Parteitag zum Aus­druck kam, ist geradezu erstaunlich. ®enoffe| 91 u et; etu Mitglied des Landesvorstandes, sagte mit dürren Worten: »Wir haben da die bürgerlichen Parteien, die mit uns gingen, an unfern Karren gespannt." Genosse Müller-München, einer der Väter bei Kompromisses, sagte zur Rechtfertigung der von der Opposition getadelten allzu engen Arbeilsgemein- schüft mit den Liberalen: „Sollten wir etwa im Landtag sagen, wir verbitten uns von den Liberalen, daß sie die Frechheit haben, für unsere Anträge zn stimmen?" — Tie Deutsche Tageszeitung meint dazu, derartige „Anerkennung" müsse doch den liberalen Blockbrüdern recht wohl tun.

+ Eine internationale Regelung deS Auslieserungtz- verfahrens ist von der delg. Regierung bei der deutschen Rerchsregiernng angeregt worden. Falls diese An­regung zu einet internationalen Vereinbarung führen sollte, würde eine reichSaesetzliche Regelung des ge­samten Ausliefernngsverfahrens herdeigesührt werde«, oie wiederholt vom Reichstage erstrebt, aber bisher noch nicht durchgeführt ist. Denn gegenwärtig Haden sowohl das Deutsche Reich, wie die meisten größere« Bundesstaaten Avslieferungsverträge mit fremden Staaten abgeschlossen. Reichsverlräge bestehe« zur Zeit mit Italien, Großbritannien, Spanien, Schwe­ben, Norwegen, Uruguay, Serbien, Korea, Kongo» staat, Kolumbien, Japan, Holland, Griechenland und Bulgarien. Ten Abschluß eines Vertrages mit bee Vereinigten Staaten hat bie Reichsregieruug vor einiger Zeit angeregt. Daneben haben alle größere« Bulchesstaaten eine Reihe von Ausliefcrungsverttäqe« mtt fremde« Staaten adgeschloffen, die zum Teil nicht einmal die Zustimmung der Parlameute ar» funden Haden.

Ausland.

** Die Türkei gegen die „politischen" Offiziere. Die türkische Regierung macht mit ihrer Forderung, daß jede politische Agitation den Offizieren verboten ist, ernst. Sie hat ihnen nicht nur für bie Kammer­wahlen in diesem Herbst jede aktive Teilnahme untersagt, sondern auch die Schüler der Mili­tärakademie feierlich schwören laffen, daß pe als Osfiziere keinerlei Politik treiben wollen.

** Der Attentäter ZukiS ist in Agram wegen seines Revolveranschlages auf den BanuS von Kroatien zum Tode verurteilt worden.

** Marokko. Die Abdankung deS Sul­tans Mulep-Hasid kann als vollendete Tat­sache betrachtet werden. Die franzöfifche Regierung hat dem Sultan gewiffe Bedingungen für diese Ab­dankung auferlegt, die er erfüllt hat. Der Sultan hat dem General Lyautey ein Schreiben überreicht, in dem er erklärt, daß er nur einer Krankheit wegen dem Thron entsage. Er empfiehlt barm, einen einer Brüder zu seinem Nachfolger z« ernennen. Die ftanzöfische Regierung hat beschlossen, bte Nach­folgerschaft dem Prinzen Mnley Jussuf, der gegenwärtig Kalif in Fez ist, zu übertragen. Der ubgtbanhe Sultan hat bereits gestern feine Reift nach Vichy in Südfrankreich ongetreten.

** Die Albanesen beruhigen fich; der türkisch« Ministerrat bewilligte 1 300 000 türkische Pfund sm die „Beruhigung" Albaniens, d. h. ber Friche Wich durch Bestechung der Rrbellenführer erlauft.

Aus -em Rachbargebleie.

* HerSfe», 12. Aug. 1912. Der letzte Kurans- arr der HerSf. Brunnengesellschast weist die Acht 2045 der verausgabten Kuriarten auf. In voriger Woche trafen auswärttge Kurgäste in größerer An- zahl ein. — Ein wertvolles Dokument wurde in einem Hause in der Weinstraße beim Aus­räumen aufgefunden. ES ist dieses ein Zunft bries der Hersfelder Schreiner-Innung, der aus ban 1684 stammt und auf Pergament geschrir-

* Hamm, 12. Aug. 1912. Die Stadtverwaltung hat eine Anleihe von 2 Millionen für Sielbauten

WauernLflut.

58] Roman von Felix Rabor.

AchtzehnresKapitel.

In seiner Freude, ein so wohltätiges Werk ge­tan und die Kapellenfrage endlich gelost zu haben, vlieb Baldwin noch eine halbe Stunde mit dem Dokto» und dem Förster allem, nachdem die andern den „goldenen Hirsch" bereits verlassen hatten. — Wege« 10 Uhr machte er sich auf den Heimweg. Das Dorf lag still, nur bas Bellen eines Hundes klang durch die Nacht.

Fast unbewußt schlug er den Weg em, der an ber ,-Jnfel" vorbei und dann hinaufführte zum Wildhof. Das war zwar ein Umweg, allein es kümmerte ihn nicht; es war der alte, liebe Pfad, »en er früher so ost gegangen war. Die Erinnerung begleitete, die Heimat grüßte chn! Es war immer noch bie Heimat, wenn sie auch verloren war, und pe schien ihn mit taufend heimlichen Stimmen zu grüßen. Aber sein Herz antwortete ihnen nicht, vnd er war bedrückt und unglücklich, weil ihm der harte, grausame Alaun, der nun als Herr auf dem Wildhofe faß, fern Liebstes entreißen wollte: das Mädchen, das er liebte!

--Ich möchte sie wohl einmal sprechen", dachte kr. „„Vielleicht kann ich sie mir doch noch g-win-

da fiel ihm ein, daß ja die Ev zu Besuch auf bem Wildhof war und vielleicht seines Schutzes bedürfe auf dem Heimwege. Aber gleich darauf verwarf er den Gedanken. Die Ev war gewiß ^angst zu Hanse, denn Frau Regine hielt auf strenge Ordnung.

■ lag still und dunkel vor ihm wie

em schlafend« Riese. Er wandte fich ab — nein, Men Apblick konnte er nicht ertragen, da- toax »re verlorene Henllat! —

Er lenkt« seine Schritte seitwärts, dem Raben- ßofe W, und warf, als et bie höchste Hügelkuppe er­reicht frufc, amx Blick hmah ins Tal.

Da stockten ihm Fuß und Atem! — Da unten färbte rote Glut den Himmel, eine Weiße Rauch­wolke blähte sich in der Dunkelheit und triumphie­rend schwang das Feuer seine rote Fahne in der Luft.

„Feuer!"

In rasendem Laufe eilte et hinab ms Dorf, von banger Ahnung, von gräßlicher Angst erfüllt. Die Worte feiner Mutter fielen ihm ein, daß fein Vater bis tief in die Nacht hinein lese. Wenn nun die brennende Kerze das Bett entzündet hatte! — Der Angstschweiß drang ihm ans allen Pore«.

Als er dem Torfe nahe wat, begänne« die Glocken Sturm zu läuten, in der Ferne erklang ein Horn, das die Feuerwehr alarmierte.

Aits den Häusern eilte« schlaftrunkene Men­schen, rieben sich die Augen, starrten nach der roten Glut, die den Himmel blutrot färbte und riefen: „Wo brennt es? — wo?"

„Im weißen Haufe!"

„Jesus Maria!" schrie Baldwin und stürzte auf der Straße dahin. „Mein Vater! — Meine Mut­ter!"

Da prallte er mtt einem Menschen zusammen, packte ihn mit beiden Fäusten und schrie: „Sag mir, wo brennt es? wo?"

„SBalbtoin!" rief der andere, „®u? — Komm mit! Ich bin der Schmied! — Ich hab eine Axt und schlag' die Türe» ein! — Ach, meine Ev! meine Ev!"

Sette an Sette eilte« sie weiter, der roten Glut entgegen, die wie eine riesenhafte Esse aus der Dunkelheit hervorleuchtete.

Und nun war kein Aveisel mehr: Das weiße Haus stand in Flammen! Zn allen Dachluken hin­aus schlug das Feuer. Die Fenster des Oberge- schoffes glänzten, als ob tausend Kerzen hinter den Scheiben entzündet wären; mit einem donnernden Krachen barst baS Dach, ein Fmrkenregen schoß tote ehre feurige Fontäne in die Luit empor, toie glühende Eisenschieuen leuchtete» bie Dachsparren, und der Samin ragte empor wie eine flammen« umwogte Säule.

Der Schmied schlug mtt wahnsinniger Hast seine Axt in die Türe und rief dazwischen: „Ev! — Ev! — Feurio! — Feurio!"

Aber nichts rührte sich drinnen. „Sie find er- sttckt!"

Baldwin riß eine Latte vom Zaun und schlug die Fenster em. Dicker, gelber Rauch wirbelte ihm entgegen. „Blutter!" schrie er, „Mutter!"

„Die Türe weicht!" schrie der Schmied. „Geh Du nach oben — ich suche Deine Mutter und die Ev!"

Mit Riesenkraft schlug er das Schloß entzwei, hob die Türe aus den Angeln und warf sie in de« Garten. Dann stürmte er in das Haus.

Baldwin folgte ihry und tastete fich die Treppe empor. Alles war mit Qualm erfüllt, daß er fast erstickte. Mtt dem Lattenpfahl, den er noch in der Hand hielt, schlug er das Fenster deS OehrnS ent- zwei, ein frischer Luftzug strömte herein und trieb den Rauch zurück, aber zugleich fachte er das Feuer an — eine blendende Helle brach von der Boden­treppe herab, ein Teil der Decke stürzte nieder und fetzte die Treppe in Brand.

Baldwin wußte hier nicht Bescheid. „Bccker!" schrie er mit aller Kraft seiner Stimme, „wo bist Du? — Ich bin hier — Baldwin — und will Dich retten!"

Er glaubte ein dumpfes Stammeln zu hören und riß die nächste Ture auf. Bei dem Anblick, der fich ihm bot, drohte ihm baS Blut in den Adern zu erstarren.

Rote Glut erfüllte das Zimmer; ringsum leckten schon die Flammen, die Rückwand, die wohl das Schlaszimmer von der Stube trennte, war schon geborsten, die Decke darüber neigte sich und em feuriger Regen riefelte nieder.

Der Wildhofer faß mitten m einem Flammen­herd auf einem Stuhl, in einen braunen Schlaf­rock gchullt. mtt berfengtem Haar und Gesicht. Er verfechte, sich zu erheben und bem Feuermeere zu entrinnen, aber er vermochte eS nicht; immer, wenn er auf den Füße« stand, sank er wieder auf de« Stuhl zurück. Er wollte um Hilfe rufen, aber bie

schwere Zunge verfügte b-u Dienst unb nur ei» dumpfes Lallen entrang fich seiner Kehle. Er sah den Tod vor Augen und konnte ihm nicht entfliehe». Sein GefiH glühte, bie Adern auf seiner ©tme drohten zu zerspringe«, der Mund rang nach Ati».

Baldwin schlug die Fenster entzw« und beugte fich hinaus. „Eine Letter!" rief ex. „Den Stet» tungSschlamh!"

Aber man schien seinen Ruf nicht zu höre». Er hörte Sttmmengewrrr und dann kam ein bim» ner Wasserstrahl geflogen. Aber et erreichte bot brennende HauS nicht. Die Schläuche toareu zu kurz unb ehe sich vom Fluß herüber eine Menschen» kette gebildet hatte, um Waffer im bie Spritze M schaffen, konnte das HauS zusammenstürzeu.

Aber nein — da kam Hilfe. Eine schwere Seite« erhob sich in bie Luft, neigte sich herüber uub fiel dumpf wider bie Mauer. Doch daS Feuer ha«» schon zu verheerend gewirkt: die Wand brach zn» jammen, die Leiter sank und sank. —-

Jetzt gab eS nur noch einen Weg ber RettungS über die brennende Treppe.

Baldwin sprang ht die Stube, beugte seine» breiten Rücken und schrie: „Sater, legt den Ar» um meinen HalS — ich trag Euch hinaus! —■ Abe» rasch, rasch!"

DaS verstand der Wildhofer. Er umklammert» seinen Sohn und hing schwer wie ein Riese aus dessen Rücke«. Baldwin keuchte unter der Last, griff mit der einen Hand nach bem Fuße seines BaterS und kam glücklich durch Rauch und Flau» men auf den Oehrn. Aber hier stand die ganM Bodentreppe bereits m Flammen. Das Gelandör der Haupttreppe bräunte ebenfalls, und auch Ml Stufen hatten schon Feuer gefangen.

„Waffer! — Waffer!" schrie Baldwin. Hut» schien der Ruf gehört worden zu fein.

„Ich komme!" antwortete eine Stimme. Feuerwehrmann, den Messinghelm auf bem Kovf^ den Schlauch einer Handspritze haltend, trat l» baf Flur. „Wo ist Gefahr?" » y «4

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