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Erstes Blatt
Fulda, Mittwoch den 14. August 1912
.VS 185.
39. Jahrgang.
Teil bis auf den heutigen Tag geübte s y st Zur ücksetzung der Katholiken,
gern acht worden, aber durch seine Wiederholung wird i Bitterh.it!' Wir lesen e» heute in Hunderten von R-». er nicht wcchrer. —aß dre ÄetÄrgung des Menschen manen, wir hören es bon Ethikern und Kulturvhil»
rn ihr Zu___ , ---TL~ iu ruu^en öii rynen oen 22eg moralische Ve^unoyen, rorure uno Ate^ensirari ausg
— ein«? imse^moh;greifen« ur tk »UiHtt» BstrlfSschichten eröffnen. ^Wiederholter Beifall,) Wie leuuz rmur hoffe«, hzM
«scheint „glich mft AmmahM« der Sonn» «id Feiertage, viertel» szhrNcherSernyrprei» shne Sringerlehn und veveSgeldinzuldaso» Kia ansmäti? 1,50 HIL
sophen, bon Naturforschern und Aerzten, von «ist» reichen Essayisten und modernen Kranen, daß die christliche Moral einen lebensfeindlichen Zwang für bie zartesten Triebe bedeute, daß eine befreiend Reform nirgendwo so dringend not tue, wie auf sexuellem Gebiete. 8n5 den Grundsätzen dieser neuen Ethik über die sittliche und geschlechtliche Selbstherrlichkeit be» Menschen ließe sich nur e i ne „Reform" ableiten, die tatsächlich einen Rückfall in sittliche Unkultur, in heidnische Zuchtlosigkeit bedeuten würde. Die christlich« Auffassung de» Menschen betrachtet den Geschlechts» trieb nicht, wie man häufig behauptet, als etwas sündhaftes; der Schöpfer selbst hat die Fähigkeit und bat Trieb den Menschen eingepflanzt, aber auch das Gesetz beigegeben: „Die Begier soll unter dir sein und du sollst über sie herrschen!" Dem Menschen ati solchen geziemt die sittliche Selbstbewahrung, die Herr, schäft des Geistes über das Fleisch; daher gelten ht Dingen der Keuschheit dieselben strengen Gesetz« für den Mann wie für das Weib; zu keiner Zeit hat bie Kirche eine „doppelte Moral" gelehrt oder geduldet. Mann und Weib sind selbständig als geistige, persönliche Wesen; aber sie sind nach ihrer ganzen Anlage und nach der Einrichtung d.S Menschengeschlechtes auf einander hingewiesen, zur ehelichen Verbindung be- stimiut. Die Ehe als die natürlichst«, innigste Vereinigung der Geschlechter ist die Grundlage aller moralischen Ordnung des Geschlechtslebens. (Beifall.) Die Ehe ist nach dem Christentum die ein- 3'9< Form erlaubten Geschlechtsverkehrs; kein noch so poetisches Liebesgefühl, kein noch so elementarer Trieb gibt ein Recht zu freiem, vorehelichem AuSleben. Darin liegt eine Schranke der Freiheit, darin liegt aber auch die beste Schutzwehr der Freiheit. (Beifall.) Dieser Grundsatz bewahrt den Menschen vor der Herrschaft ungezügelter Laune und Leidenschaft. Er gibt dem Weibe den einzig wirksamen Schutz der Persönlichkeit und der sittlichen und sozialen Gleichstellung mit dem Mann; er bildet vor allem die unentbehrliche Garantie für das Leben der Familie, des fruchtbaren Gartens der Menschheit, von dem alle physisch« und moralisch« Gesundheit, Blüte und LebenKfimft auSgHt.
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Rotation »druck Monatsbellage: „Sulbaet Geschlchtsblätter" SetlendruckereNstnldch
Unsere industrielle und kommerzielle Entwickelung ist manchem — und eS gibt solche Kritiker nicht nur cm katholischen Lager — eia Greuel. Man erblickt
verant». Redaltenr L v.: «. IDeller;
, w»ch«i»-llag«: „Illustrierte Sonntagrzeistmg"
SS Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Aachen.
Dritter Tag — Dienstag.
X Aachen, 13. Aug. 1912.
(Fortsetzung des Berichtes aus dem dritten Blatte.) Die zweite geschloffene Versammlung
begann um 11 Uhr unter dem Vorsitz des zweiten Vizepräsidenten Weber. Es wuvde zunächst ein Antrag beraten, der die Beteiligung an den M i s- sionsvereinen als dringend wünschenswert bezeichnet, weil die gesteigerte Kolonialarbeit des Reiches auch die Entfaltung der religiösen Kräfte für den Kuliurfortschritt nötig mache. Justizrat Dr. C.
Gott hat den ErwerbStrieb in die Seele des Menschen gepflanzt. Freilich sind diesem Trieb Schranken gesetzt. Weltsucht, Habsucht, Unehrlichkeit, Au». Nutzung des Nebenmenschen find ihm verboten, aber diese Verirrungen sind doch nicht das Wesen des modernen Wirtschaftslebens. Also die Religion ist kein Hemmnis für unsere Betätigung, bie Kirche ist nicht kulturfeindlich. Umgekehrt ist eS:
gung von Glauben und Wissen. Unter diesem Zeichen wollen wir und werden wir siegen. (Lebh. langan- dauernder Beifall.)
Hierauf luncht ReichStagSabgeordneler Rechts- anwalt Dr. Mayer (München) über die Pflicht der Katholiken zur wirksameren Betätigung im wirtschaftlichen Leben.
Nach kurzer Beratung wird ein weiterer Antrag angenommen, der den deutschen Verein vom hl. La n d e empfiehlt und besonders zmn Eintritt in die Dlozesanverbände des Verbandes einladet. Abg. Gießler-Marmheim begründet alsdann einen Antrag brt Zentralkomitee», der -es für wünschenswert erklärt, daß in allen Orten, die von einer hinreichend großen Anzahl von Katholiken bewohnt sind, tunlichst aus den bestehenden katholischen Organisationen ein 6 e.m '*,n samer Ausschuß zur Vertretung «nd Förderung der katholischen Inter. Es f r» ß e 6 11 b e t wird, der insbesondere auch die Durchführung der vom Katholikentag gefaßten Beschlüsse nach Maßgabe der örtlichen Verhältnisse sich angelegen fein läßt. Apotheker Block-Bonn und P. Heinrich befürworreten gleichfalls den Antrag. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Hierauf schließt die Versammlung. Die
2. öffentliche Versammlung
in der wieder überaus stark besetzten Festhakle wurde um 5 Uhr durch den ersten Vizepräsidenten Graf Henckel von Donnersmarck eröffnet.
Der erste Redner war Eymnasialdirektor Dr. Werra (Münster i. 388.). Er behandelte das Thema: Wissenschaft tche Bestrebungen und Aufgaben der 6eu"'dicn Katholiken.
^5°?e nach den Bildungsbestrebungen der beut. teL o, J'JWyfen hat unsere Katholikenversammlungen K „^enk.baIb in dieser bald in jener Form beschäf. wi'b± ±e Antwort auf sie war bisKr noch stets wir erfreulichen Geständnis verknüpft, daß
UrtSs *£n dem nichtkatholischen Vollsteil Die Endung haben überflügeln lassen.
Sebeuh nn9^ • ist weder aussichtslos, noch ihre M ht »ih, 8' Wenn die katholische Bevölkerung sich in Bildung und Wissenschaft nicht auf gleicher Hohe mit dem nichtkatholischen Volksteil zu hatten vermag, muß jte notwendig allmählich auch in ihrer formten Stellung und wirtschaftlichen Kraft zurück- geben. Der W eg zur Teilnahme an dem a'eiftiaen Lcb-n der Nation, zum Einfluß in der O-ff-ntlichkeU fuhrt nun einmal durch die höheren Schulen und Uni- berft täten hindurch, darum darf unter keinen Um- ständen bie Frage nach der Teilnahme der deutschen Katholiken an Bildung und Wissenschaft eher als gelöst
Entwickelung. Die Säkularisation vernichtete die selbständigen geistigen Fürstentümer und die katholischen Untertanen bekamen durchweg protestantische Fürsten zu Landesherren. Gleichzeitig fielen dem Sturm der Säkularisation die katholischen Universitäten, die Abteien und Klöster zum Opfer, die niemals aufgehört hätten, Stätten der Wissenschaft zu sein. Der materielle Schaden, der durch die Säkularisation dem Katholischen Volksteil in Deutschland erwachsen ist, läßt sich garnicht mehr feststellen; für Preußen allein ist er auf 1 Milliarde berechnet worden. Nimmt man dazu die in manchen deutschen Staaten jahrelang zum Teil bis auf den heutigen Tag geübte s y st ein a t l s ch e
im Diesseits seiner ewigen Zweckbestimmung unterzuordnen ist, das ist die logische Konsequenz eines jeden Glaubens an eine Vergeltung in der Ewigkeit. Das gilt für den gläubigen Protestanten und für den gläubigen Juden ebenso, wie für nus. Unsere Kritiker übersehen das geflissentlich. Ebenso verkehrt ist eS, wenn sie behaupten, daß die Religion eine Schlaffheit im Wirtschaftsleben bedinge, denn eS wird uns nicht gelehrt, wenig zu arbeiten, sondern im richtigen Geiste zu arbeiten. Bete und arbeite, sagt der christliche Sinnspruch und Pater Pesch hat ihn da- hin ausgelegt: Bete, als ob das Arbeiten nichts nütze, und arbeite, als ob das Beten nichts nütze! (Lebh. Beifall.) Auch auf die Gefahr des Reichtum» darf man nicht Hinweisen, diese bringt auch die Armut und
Zur ucksetzung der Katholiken, denkt man an die Schläge und Kämpfe, die der deutsche Katho- lizismus im Kulturkampf auszuhalten hatte, bann kann man sich wirklich nicht wundern, daß der materielle Wohlstand bei den Katholiken zurückbleiben mußte und damit von selbst auch ein Zurückbleiben auf dem Gebiete der geistigen Güter gegeben war. Eher muß man sich wundern über die zähe Kraft und Ar6- dauer eines Volksteiles, der trotz der Ungunst aller äußeren Verhältnisse aus eigener Kraft sich aufrecht erhielt und auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge glänzende Erfolge aufzuweisen hatte, daß er der Welt als leuchtendes Beispiel hingestellt zu werden verdient. In den letzten Jahrzehnten ist das „Bildungsdefizit" erheblich geringer geworden, aber es muß noch viel geschehen. Wollen wir ernstlich und schneller weiter, kommen, dann muß schon mit dem Besuch der höheren Schulen eingesetzt werden. Eine auffallende Erschei. NUN ist, daß die Katholiken das humanistische Gymnasium gegenüber den realen Anstalten bevorzugen. Eine völlig befriedigende Erklärung für diese Erschei. nung zu finden ist schwer. Es mag zum Teil daran Uegen, daß in Gegenden mit überwiegend katholischer Bevölkerung das humanistische Gymnasium seit alters vorherrscht. Ein weiterer Grund mag das fehlende RE ->"f das Studium der Theologie seitens der Reafichulen und Realgymnasien sein. Die einseitige Bevorzugung des humanistischen Gyimraslums muß aber auf die Dauer dem katholischen Volksteil auf wichtigen Gebieten des industriellen, sowie merken- tilen Lebens bedenklich ins Hintertreffen führen; sie hat allerdings auch den einen Vorzug, daß die Zahl der katholischen Studeiiten eine erfreuliche Zunahme Zeigt, die zum Teil auf die segensreiche und erfolgreiche Wirkung des A l b e r t u » M a g n u s v e r e i ns zuruckzuführen ist. Ueber das Frau en stu di um mag man denken wie man will, das eine müssen wir Katholiken uns klar vor Augen halten, wir ' dürfen auf diesem Gebiete nicht zurückbleiben. Wenn von den besonderen Veranstaltungen die Rede ist, die auf katholischer Seite zur Förderung wissenschaftlicher Bestrebungen ins Leben gerufen sind, dann versteht es sich eigentlich von selbst, daß immer wieder unserer trefflichen G ö r r e s g e s e I l sch a f t gedacht wird. Man darf ohne Uebertreibung sagen, daß mit und durch sie die katholische Wissenschaft in Deutschland zu neuem Leben und neuer Tätigkeit erwacht ist. Ich möchte nicht unterlassen, einem Einwande zu begeg- nen, der nicht selten gegen unsere Bemühungen, die Zahl der katholischen Studierenden zu erhöhen, et. hoben wird. Man weist hin auf die von Iaht zu Jahr steigende L>ahl der Studenten und als Folge davon auf die Uederfullung fast aller akademischen Berufe. Man hat nicht ganz mit Unrecht das Wort vom „studieren»
Proletariat geprägt. Gewiß, die Ueberfüllung ist vorhanden, dennoch mürben wir Katholiken falsch und töricht handeln, wollten wir für uns allein die Heilung des Uebels dadurch versuchen, daß wir unseren Nachwuchs oom Studium zurückhalten. Solange die Nichtkatholiken trotz der Ueberfüllung ihre Söhne mit größeren Opfern den Weg zu den akademischen Berufen beschreiten lassen, so lange müssen auch von uns die Opfer gebracht werden, nicht so sehr im Interesse einzelnen Studierenden, als im Interesse der ka- tholi;chen Gesamtheit. Für unsere akademische Jugend ober h«,ßt es, letzt erst recht, mit aller Kraft und mit allem Eifer arbeiten, es allen anderen zuvorzutun, durch ein glanzendes Examen die eigene Tüchtigkeit zu beweisen, um als Sieger aus dem Konkurrenzkampf hervorzugehen. Wir Katholiken dürfen es uns nicht verhehlen, daß wir ceteris paribus immer den Kür- zeren ziehen; nur wenn wir Hervorragendes leisten, wird man uns nicht übersehen und übergeben können. Zum Schluß muß ich noch kurz der Bemühungen ge- denken, die darauf abzielen, die Ergebnisse der wissen, schatflichen Forschung durch populär-wissenschaftliche Vorträge in weite Kreise des Volkes zu tragen. Die Popularisierung der Wissenschaft ist ein berechtigtes, durchaus modernes Unternehmen. Darum wollten und durften hier auch die Katholiken'nicht zurückbleiben. Möge der hier entfaltete Eifer weiter wachsen, blühen und gedeihen! Bleitt mis auch noch viel zu tun übrig, die Rückständigkeit in Bildung und Wissenschaft auf katholischer Seite zu beseitigen, die freudige Gewißheit haben wir, es geht vorwärts. Da- rum soll uns keine Arbeit verdrießen, kein Opfer zu groß sein, bis wir endlich auf dem Gebiete der Ml- düng und Wissenschaft un» bett Platz erkämpft haben, der uns gebührt. 1600 Jahre sind verflossen, seitdem da» Christentum nach SOOjährigem Kampfe unter dem Zeichen des Kreuzes den Sieg über bas Heidentum errang. Wenn wir der Fahne der Wissenschaft im katholischen Deutschland folgen, bann soll auch sie bas Zeichen des Kreuze» tragen, al» Symbol der Vereini-
Das Wirtschaftsleben erreicht gar nicht die kulturellen Höhen, bie unser Glaube als Ideal erscheinen läßt. (Lebh. Zustimmung.) Zur Zeit der Glaubenseinheit haben sich doch die Katholiken bedeutend hervorgetan. Ich erinnere an Venedigs Blütezeit, an bie Fugger, bie Hansa, ich erinnere an das heutige katholische Belgien, an Holland. Und haben wir nicht auch in Deutschland eine Anzahl tüchtiger Katholiken in führenden industriellen Stellun- gen? Aber zugestanden muß werden: Vielfach macht sich bei uns eine gewisse Indolenz gegen »eue. xungen wirtschaftlicher Art geltend. Was uns Bor allem nottut ist, mit dieser Indolenz zu brechen. Wenn e» eben geht, sollen wir unseren Söhnen höhere Bildung gewähren. E» braucht nicht immer da» Ghmnasium zu fein. In einer Zeit, wo alle Belehrtenberufe überfüllt find, verdient die reale Bildung vielfach den Vorzug. Zeigen die Söhne mehr praktisch« Veranlagung, so müssen wir ihnen den Weg
dürfen nicht die Hände in den Schoß legen, wenn die materiellen Güter der Gegenwart und Zukunft verteilt werden. (Beifall.) Verkehrt ist die Ansicht, als ob an dieser Rückständigkeit die katholische Religion schuld fei. Der Vorwurf der Weltfremdheit ist den Katholiken schon in den ersten Zeiten deS Christentum»
tung ins Auge, so ergibt sich die auffallende Tatsache, daß die Katholiken von allen Konfessionen den kleinsten Prozents atz an Selbständigen stellen, dagegen den tveitaus größten Prozentsatz der Gesellen und Arbeiter. Wir haben es hier mit einer überaus schmerzlichen Erscheinung zu tun. WaS soll man dazu sag,en daß bet katholische Volksteil hinter allen Konfessionen bebeutenb zurücksteht, wo höhere Bildung und Unternehmungsgeist erforderlich ist) In den kaufmännischen und in industriellen Mittelschichten und in der Gruppe der Selbständigen. Der Einnahmeausfall hieraus beträgt für das katholische Volk seit der Reichsgründung bereits mehrere Milli a r d e n M a r k. Es ist dies sicherlich bie wichtigste Ursache des Rückganges der Katholiken auch in bet Vermögensbilbung. Bedauerlich ist diese Tatsache, aber nicht entmutigend, denn sie ist unabänderlich. Auf jeden Fall ist es erfreulich, daß der große Auf. s ch w u n g unserer Zeit wesentlich der politischen Arbeit bet deutschen Katholiken zu b an» fen ist, aufgrund der von ihnen unterstützten Wirtschaftspolitik. Diesem Umstande ist eS zu danken, daß in den letzten Jahrzehnten sich eine, wenn auch lang- same, doch st e t i g e Besserung der wirtschaftlichen Lage der deutschen Katholiken geltend gemacht hat. Die Prophezeiungen der „Münchener Neuesten Nachr." au» dem Jahre 1896, es würden die Katholiken allmählich verarmen, ist widerlegt. Immer- hin ist die Vermögensverteilung für die Katholiken auch heute noch recht ungünstig. Zahlt doch in Preußen der katholische Volksteil nur ein Siebtel bi» ein Sechstel der gesamten Einkommensteuer. In der Stadt Düsseldorf, die zur Hälfte katholisch ist, zahlen bie Katholiken nur etwa ein Drittel der Steuern, in Frankfurt a. M. treffen an Steuern pro Kopf auf den Katholiken 59 Mk„ auf den Protestanten 121 Mk., auf den Israeliten 427 Mk. Angesicht» solcher Zahlen beherrscht uns, glaube ich, alle die Empfindung, wir müssen endlich aus dieser Rückstän- digkeik herausl (Lebh. Zustimmung.) Wir
erschüttern lassen. Gewiß ist auch früher viel gegen bie Gesetze gesündigt worben, die Natur und Christen- tum für bas Geschlechtsleben ausgestellt haben; Boa tetner Zeit aber gilt in dem Umfange, wie von der heutigen, das Prophetenwort: „Wehe denen, bie da» Böse gut nennen und das Gute böse, die Finsternis zu Licht machen und da» Licht zn Finsternis, bie bat Bittere in, Süßigkeit verwandeln unb das Süß« hl
betrachtet werden, bi» wir auch hier den Platz an der Sonne un» erkämpft Haben, der un» gebührt. Die Rückständigkeit der Katholiken liegt sebstverständlich nicht in einer mangelnden Veranlagung begründet, auch kann aus katholischer Seite von einem Mangel an geistigen Interessen nicht gesprochen werden. Unsere Gegner behaupten selbst, bie Ursache ber Rückständigkeit liege in der katholischen Religion mit ihrem Jenseitscharakter, im Katholizismus als Weltanschauung begründet. Da» ist natürlich gründ- falsch. Wer hat begeisterter und eindringlicher di« Beschäftigung mit der Wissenschaft empfohlen, al» gerade unser mit Unrecht al» Gegner ber Wissenschaft so viel verlästerter hl. Vater Pins X. (Lebh. Beifall.) Nein, auch heute noch ist die katholische Kirche da», was sie durch die Jahrhunderte hindurch gewesen ist, bie beste, die aufrichtigste Förderin der Wissenschaft. Die Gründe für die Rückständigkeit ber Katholiken auf dem Gebiete der Bildung unb Wissenschaft ist anderwärts zu suchen. Sie sind sehr mannigfacher Art, die hauptsächlichsten ergeben sich auS der geschichtlichen
Bachem betonte in der Begründung des Antrags, daß die Kolonialpolitik nur dcümrch ihre innere Berechri- gung erhalte, daß sie auch auf bie Christianisierung ber Heidenvölker Wert lege. Wenn wir kolonisieren, bringen wir den eingeborenen .Stämmen einen Verlust der Freiheit und Selbständigkeit. Wenn wir das Recht haben wollen, die Völker zu beherrschen, müffen wir ihnen höhere Güter bringen als sie verlieren, das sind die Güter unserer Kultur und bk kann nur eine christliche sein. Im Gouvernementsrat unserer größten und wichtigsten Kolonie in Ostafrika ist aus dem Munde des offiziellen Regierungsvertreters über 'das Verhältnis zwischen der christlichen Mission und dent Islam ber Ausdruck gefallen: „Der Senat ist der geborene Heide! (Pfuirufe') Der Staat muß über den verschiedenen Missionen stehen!" Gegen diese Auf- Eimg muß mit aller Entschiedenheit protestiert wer-
.. (Lebh. Beifall.) Der Staat ist kein geborener Heide, Preußen unb wohl alle anderen Bundesstaaten Ebenso, hat in seiner Verfassung die Bestimmung, daß den Einrichtungen des Staates bie christlichen An schaumigen zugrunde gelegt sind Das deutsche Reich ist ein christliches Reich und soll es bleiben. (Beifall.) . Deshalb haben wir ein Recht, gegen den Satz zu pro- tiefticren, daß der Staat ein geborener Heide sei. Wie sollen die Eingeborenen unserer Kolonien dazu kommen, Christen zu werden, wenn eine solche Auffassung herrscht. Das bedenklichste war, daß jener Ausdruck gerade dem Islam gegenüber gebraucht worden ist. Jeder weiß, daß dieser dte schwerste Gefahr für die MissionSarbeit ist und daß es sehr schwer ist, ein Volk noch für das Christentum zu gewinnen, wenn es erst dem Islam verfallen ist. Abg. Frhr. v. Dall- wick, der alS Pflanzer in den Kolonien tätig war, wies darauf hin, daß nur ein christliches Kolonialvolk ein Vaterlands treues sein werde. Nach Ansicht hervorragender Sachkenner sei der Islam kulturhemmend. Er unterdrückt die Neger unb stachelt ihre sinnliche Natur auf. Keine Religion entzündet mehr den Fa- natismus als der Islam. Würden unsere Kolonien tSlaniinsch, so würde ein Aufstand unabsehbare Fol» Si'i haben. Ein Beispiel ist der Krieg in Tripolis und Marokko. Die britischen Ansiedler aus Europa muffen mit den Missionen in freundschaftliche Beziehung treten. Deren feindliche Haltung hält die Eingeborenen von der Annahme der christlichen Religion ab. Rentner Eickholt-Münster: Für die Missionen müffen alle Opfer bringen. Glücklich der Vater, der seinen Sohn in die Miffionen schicken kann, auch für Beamte und Ansiedler bieten die Kqlonien eine Zukunft. Metes _Knnte den Miffionen zugewendet werden, was unnütz und verschwenderisch ausgegeben wird. In jeder Familie müßte -eine MiffionSsparkasse ausgestellt werden. (Sehr gut unb Heiterkeit.) Fürst Löwenstein meint, nicht nur Leute, bte ein bischen um die Ecke gegangen find, fonbern frische Kräfte rn die Kolonien. Abg. Erzberger (stürm, begrüßt) betont, daß bi« Bekämpfung bes Islams der Kardmalpunkt nnferer Kolonialpolitik fit unb macht SKtttetlungen über die Ansiedlung katholischer Bauern - rZt «5$ k'e guten Erfahrungen, bie sie er. fielt haben Wir als Kacholiken müffen das Miffions. werk in der ganzen Welt unterstützen, vor allem in fi^an und China. Wenn unsere besitzenden Klaffen ^"'ielbe Jntereffe zeigten, wie bte unteren, dann wä-
!e ®rifftonare mit einem Male ihre Sorgen los. bu L- 50’1 Erzbischof Jürgens von Bombay er-
iLl r WiffionSarbeit in Indien das Gebet der deutschen Katholiken. Der Boden des Herzen? der Indier sei stemhart. Die Miffion gewinne nur bie armen Leute. Mancher, ber Christ geworden, hat : «lies verloren. Die ganze Familie, selbst bie Frau ' jagt sich oft von ihm los. Hier können wir nur durch Debet helfen. Der Antrag betr. Heidenmiffion wird angenommen. -
den einseitigen D i e s s e i iS k u l t u r, die nicht aufwärts, sondern abwärts führe. Andere berauschen sich an der neuen Entwickelung als einem direkten Gegensatz zur Lehre des Christentums vom Zwecke de» ErdendaseinS als Vorbereitung für das Jenseits. Ein ernstes Studium dieser Frage lehrt, daß beide Unrecht haben. Ein Land, wie Deutschland, das jährlich einen Bevölkerungszuwachs von über 800 000 Menschen aufweist, muß entweder Waren exportieren ober Menschen. Ohne die moderne industrielle und kommerzielle Entwickelung würden viele Millionen Deutscher Haus unb Heimat verlassen müssen, unb sich in das Ausland begeben. - Wer den Bevölkerungszuwachs als Zeichen eine» sittlich gesunden Volke» betrachtet, unb wer in der Auswanderung von Millionen ein Unglück für den Einzelnen und da» Volksganze erblickt, der totrb unsere moderne Entwickelung als eine Notwendigkeit für das Volks- wohl ansehen. Die Berufsgliederung des deutschen Volkes hat sich in wenigen Jahrzehnten schnell ver- schoben. Wie hat sich der katholische Volksteil gegenüber dieser Aenderung verhalten? Schon lange vor der Berufszählung von 1907 wußte man, daß die deutschen Katholiken in den einträglichen Erwerbsarten — in Industrie und Handel — hinter ihrem Bevölkerungsprozentsatz zurückstehen. Al» eine dieser Ursachen hat man schon immer bie geographische Verteilung der Katholiken Deutschlands an- erkannt. Da sie hauptsächlich in ackerbautreibenden Gegenden ansässig sind, ist es einleuchtend, daß sie in der Landwirtschaft ihren Bevölkerungsprozentsatz überragen und daß dieser Ueberschuß die Beteiligung an den anderen genannten ErwerbSarten von selbst schmälern muß. Eine andere Ursache war die shstema- tische Zurücksetzung der katholischen Beto e i b e i auch in privaten Berufen. Hinzu kam bie Säkularisation, durch die den Katholiken über eine Milliarde Mark Vermögenswerte verloren gingen. Tie Berufszählung hat weiter ergeben, daß, wa» bie felbftänbigen Landwirte anlangt, die Beteiligung bet Katholiken gerade noch ihrem Bevölkerungsanteil ent« spricht, während sie auf der anderen Seite also bedeutend mehr ländliche Dienstboten stellen, al» ihnen prozentual zukommt. Eine ähnliche Tendenz nach unten zeigt sich auch in ber Industrie. Nimmt man hier alle Erwerbstätigen zusammen, so entspricht die Beteiligung der Katholiken ebenfalls ungefähr dem Bevölkerungsantell, faßt man aber bie soziale Schich-
■ Das gilt besonders für die Katholiken, die in bex I Städten und Jndustriegegenden wohnen. Vor allem ■ aber auch vermehrte Berücksichtigung der t e ch n i - t scheu und kaufmännischen Berufe bei der Be- 1 rufswahl! Mir ist au» ber letzten Zeit bekannt, wo ■ ein katholischer Industrieller einen Bauernknecht hin« ■ ter dem Pflug entdeckte und studieren lieh. Schon : als Einjähriger schrieb der ehemalige Bauernknecht ‘ ein meisterhaftes Werk über die Finanzierung einer ; unserer bedeutenden Industrien, in die er nun wohl bald selbst eintreten wird. Solche Leute gibt e» unter uns zu Tausenden. Jedenfalls sind sie nicht seltener als unter den Angehörigen irgend einet anderen Konfession. Es gilt nur die herauszuholen. Dazu aber bedarf es neben den Eltern der beratenden und vermittelnden Tätigkeit auch unserer Geistlichen. Der Verband der katholischen kaufmännischen Vereinigungen muß es zuwege bringen, durch sein Stellenvermittlungsbüro dem Handel unb der Industrie hervorragend tüchtige, mehrere Sprachen beherrschende kaufmännische und möglichst, auch technisch« Kräfte dauernd zur Verfügung zu stellen. Der Alber- tus-Magnus-Verein muß noch mehr al» bisher auf die industrielle und kaufmännische Laufbahn hinlenken. Eine große Aufgabe erwächst auch der katholischen T a g e » p r e f f e. Wir haben erst wenig« Blätter, die auch wirtschaftlich gut bedient und in ihrem Handelsteil auf der Höhe sind. E» ist dringend notwendig, daß die katholische TageSpresse sich mehr al* bisher dieser Fragen annimmt, und damit auch daS Verständnis für Industrie und Handel in die Kreis« ihrer Leser hineinträgt. Nur so können wir den Platz erobern, der uns zukommt. Es wird Jahrzehnte dauern, aber an Kräften fehlt es un» nicht. Wir werden siegen, eingedenk be» Wortes des heiligen Paulu»; Alle» ist Euer, Ihr aber seid Christi! (Lebhafter, an» dauernder Beifall.)
Erster Vizepräsident Graf Henkel v. Donner»««» dankt dem Redner für seine gtänzenben Ausführungen und macht ber Versammlung Mitteilung von dem neuen schweren Unglück, da» heute da» Dortmunder Revier heimgesncht hat. »Die Generalversammlung ist durch btejen Unfall in tieft Trauer versetzt, handelt t» sich doch um unsere Brüder." Der Präsident fordert bi« Versammlung auf, ihrer Trauer dadurch Ausdruck zn geben, daß fi« sich von ihren Eitzen erheb«. (Die» geschieht.) .Ich empfehle die Seelen der Verunglückten Ihrem Gebete." (Die Versammlung betet darauf den Engel be» Herrn und ein Vaterunser für die Verstorbenen.)
. Da» Thema von Pros. Dr. Mansbach (Münster L W.), der von der Versammlung stürmisch begrüßt wird, lautet: Der Kampf gegen di« moderne Sitten« lofigteit, eine Kulturaufgabe de» deutschen Volke».
Es find genau 4 Jahre, daß die deutschen Bi« schüfe vom Grabe bei hl. Bonifatius einen tief, ernsten Mahnruf zum Kampfe gegen die unheimlich wachsende Macht der Unsittlichkert erlassen haben. Seit jener Zeit — daS läßt sich nicht leugnen — haben die Symptome und Folgen der sittlichen Erkrankung zu einer gesunden Reaktion der Volksseele, zu einer heilsamen Erschütterung de» öffentlichen Gewissens geführt. Die Verein« gegen die Ünfittlichkeii find an Zahl, Bedeutung und rätiaiitte gewachsen; au» der Literatur und Presse erhob sich kräftiger Widerstand gegen bie Verbreitung des Schmutze», der höchste Gerichtshof be* Reiche» bringt auf energischere Handhabung ber bestehenden Rechtsmittel; durch parlamentarische und internationale Verhandlungen wird bie Bekämpfung der schlimmsten Schaden, z. B. bei Mädchenhandels und der Pornographie auf eine breite Basis gestellt; bie neue Zentralstelle zur Bekämpfung mffittlicher Bilder und Schriften in Berlin hat schon mit fester Hand in manches Nest giftigen Ungeziefer» hineinßegriffen; die Frauenwelt erhebt lautet unb nachdrülÜicher ihr Stimme gegen bie schändliche Ausbeutung ihrer Geschlechtsgenossinnen und ermattet nicht in der hingebenden Arbeit, Gefallene zu heben. Gefährdete zu retten. Aber alle diese lobenswerten! Änftrengungen sind doch nut erfreuliche Vorboten ober Hnläufer zu einer Besserung; sie haben auf der Gegenseite um so schärfere und tun fo intensivere Arbeit im Dunkeln hervorgerufen, während ernt breite Mittelschicht von Durchschnitts- und Gewohnheitsmenschen sich in öfter Ruhe unb Genußseligkeit gar müht