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M 183.

Montag den 12. August (912.

39. Jahrgang.

* Waer

Leitung

2. Blatt.

vrack Mn» Verla, »er Luldaer adtertntAwR in $*l6a.

= Em roter Musterbetrieb.

Im Fabrikations- und Lagerbetrieb des „Er st en niederö st erreich ischen Arbei­te r k o n su m v e r e i n s" in Wien sind nette Zustände entdeckt worden, die bei den Kunden des Konsumvereins die größte Erbitterung hervor­riefen.

Natürlich bemüht sich die Konsumvereinsleitung im Vereine mit dem sozialdemokratischen Organ, den Skandal zu vertuschen und abzuleugnen. Am 2. August leistete sich die „Arbeiter Zeitung" eine Notiz, in der die bewußte Lüge wiederkehrt, daß die Kommission alles in bester Ordnung gefunden und sogar die Sauberhaftigkeit und Musterhastigkeit des ganzen Betriebes lobend hervorgeboben habe! Weiter wird behauptet, daß nur „ein kleines Fäß­chen" und von diesem „nur ein paar Stück" Fleisch als nicht tadellos befunden wurden.

Gegenüber diesen Äbleugnungsversuchen konsta­tiert die „Reichspost", daß die Verhältnisse in diesem Betriebe nichts weniger als sauber und musterhaft sind, wie die Protokolle über die Revision dartun werden. Sollte bei der ersten Revision wirklich nicht mehr Fleisch beanstandet worden sein, als das sozial­demokratische Organ selber zugibt, so wäre die Kom- niission im roten Konsumverein arg hintergangen worden. Als nämlich die Kommission in den Be­trieb kam und gleich einen eben ausfahrenden Wagen untersuchte, rochen die Macher sofort Lunte und ein Parteiführer lud eiligst das im Keller befindliche schlecht gewordene Fleisch in den Aufzug, der dann in die Höhe befördert wurde, bevor noch die Kom­mission das Fleisch im Keller untersuchen konnte. Im zweiten Stock befindet sich nämlich — die Feigenkaffee-Erzeugung und dort hatte die Kommis­sion natürlich nichts zu suchen. Um jedoch ganz sicher zu gehen, ließ man den Aufzug zwischen dem ersten und zweiten Stock stecken. Erft nachdem die Kommission die Wursterzeugung im vierten Stock­werk untersucht hatte, wurde das schlechte Fleisch in dieses befördert und dort später zu „Braunschwei­ger Würsten" verarbeitet!

Bemerkenswert ist auch der Umstand, daß der für diese Arbeit in Betracht kommende Vorarbeiter sich weigerte, das stinkende Fleisch zu verarbeiten, worauf diese appetitliche Arbeit vom Geschäftsführer verrichtet lvurde.

Es wurde jedoch von Käufern dem Marktamt nochmals Fleisch und Würste übermittelt, die einen derart bestialischen Gestank verbreiteten, daß nur starke Naturen vor Uebelkett bewahrt bleiben konn­ten. Auf gründ dieser neuerlichen, mit so über­zeugenden Argumenten belegten Anzeige hat vor einigen Tagen in dem roten „Musterbetriebe" neuerlich eine Revision stattgefunden, bei der auch gegen 480 Kilogramm „Braunschweiger Würste" mit Beschlag belegt wurden. Die „Reichspost" kann jedoch mit Bestimmtheit mitteilen, daß die Komis- sion auch diesmal wieder hinters Licht geführt worden ist, sonst hätte sie noch grö­ßere Mengen und zwar gerade die schlechtesten Sor­ten konfiszieren muffen. Am Sonntag abend nach der Konfiskation der 430 Kilo Braunschweiger soll­ten nun von den Gehilfen in aller Eile zum Ersatz 800 .Kilo fertiggestellt werden. Die Leitung des Konsumvereines traute jedoch ihren Selchergehil- fin nicht mehr und bestellte einen Kutscher des Betriebes, der zwar von der Selcherei nichts ver­ficht, aber ein strammer „Genofle" ist, als „Auf­sichtsorgan" über die Selchergehilfen. Dies ließ sich jedoch der Borarbetter nicht gefallen, weshalb er sofort die Arbeitsstelle verließ, und die übrigen sieben Gehilfen folgten seinem Bei­spiele. Da war natürlich die Leitung des Kon­sumvereins in größter Verlegenheit, da sie für die Selcherei keine Gehilfen bekommen konnte. Mit Automobilen wurde die Jagd auf Selchergchilfen gemacht — ob mit Erfolg, entzieht sich derzeit unserer Kenntnis.

Wie mit dem Geld« der armen Arbefter, welche glauben, daß sie in den Zeiten der Teuerung besser ihr Auskommen finden, wenn sie einem roten Kon­sumverein beitreten, gewirtschaftet wird, illustriert auch die Taffache, daß erst kürzlich im obengenann­ten Betriebe 1500 Kilogramm Fleisch zerkleinert und in den Kanal geworfen werden mußten, weil dasselbe durch die Schuld der maßgebenden Faktoren gänzlich verdorben war. Der

erste Sekretär des Vereins, „Genosse" Exner, äußerte sich zum Geschäftsführer der Selcherei wörtlich: „Wenn sich einer rührt, so nchmen Sie chn beim Ohrwaschel und bringen Sie ihn zu mir, dann gebe ich ihm ein paar Ohrfeigen und schmeiß ihn über die Stiege hinab." Und dieser Herr kandi- dierte nicht nur nn 10. mährischen Wahlkreise bei den letzten Reichsratswahlen als Arbeitervertreter, sondern er strebte auch das freigewordene Mandat auf der Landstraße an, unterlag jedoch der Kon­kurrenz.

Deutsches Keich.

-T- giu viel beklagter Mißstand. Zwischen der preussischen und holländischen Regierung sind, wie eine Nachrichtensirlle hört, Verhandlungen einge- leitet, um durch ein Staatsabkommen dem Miß­stände abzuhelfen, daß preußische Arbeiter, die zwar im holländischen Kohlengruben Arbeit nehmen, aber auf deutschem Gebiet wohnen, sowohl von der holländischen wie von der preußischen Regierung zur Einkommen steuer herangezogen werden, während holländische Arbeiter die auf preußischem Ge­biet arbeiten, keinerlei Steuer in Preußen zahlen, dagegen aber alle Vorteile, der Unfall-, Inva­liden-und Altersversicherung genießen, wie die deut­schen Arbeiter.

O Beihilfen an Pensionäre der Eisenbahn. Im ReiLsetat ist ein Betrag von 60000 Mk. enthalten ju Beihilfen an bedürftige Pensionäre der Reichs­essenbahnen, deren Ruhegehalt hinter 300 Mark zurückblerbt, sowie zu Beihilfe» an bedürftige Hinter­bliebene von Beamten und Pensionäre zum Aus­gleich dafür, daß ihnen die Vorteile der neueren Versorgungsgesetzgebung nicht zuteil werden. Es handelt ,idj hierbei also um eine Klasse von pen- sivuierten Beamten und deren Hinterbl.ebenen, die im bejonderen Maße als hilftbedücfsig anzusehen sind. Trotzdem, so sehrecht eine Berliner Korrespondenz, ist die auffallende Tatsache feflzustellen, daß dieser Fonds in den letzten Jahren niemals auch nur an­nähernd in seinem ganzen Umfange in Anspruch genommen wurde. Im Jahre 1910 war der Fonds nur etwa zur Hälfte zu Beihilfen verwendet und im Jahre vorher in noch geringerem Umfang. Wenn man die wiederholten Bestrebungen der All­pensionäre aller Verwaltungen im Reiche und in Preuk'N zur Erlangung besserer Beriorg.mze bedinguiigen berüäsichligt, so ist es schiver verständlich, daß bei der Reichseisenbahnverwaltung die zur Unterstützung gerade besonders hilf^bedürft-ger Kreise vorhandenen Mittel nur in so geringem Grade zur Verwendung gelangt sind. Für die Verwendung des Fonds besteht natur­gemäß der Grundsatz, bas" bie Bo villigungen nur auf Grund von Anträgen geschehen.

Tatsächlich haben aber derartige Anträge nicht in einem Umauge vorgelegen, der zu einer voll- kommeneil Verwendung der Mittel Anlaß geboten hätte. Diese Erscheinung ist zweifellos nur aut Unkenntnis über das Bestehen des Fonds zurück­zuführen.

+ „Liberale Arbeiterkonserenz*. Die unter dieser Firma nach Leipzig einberufene Ver'antinlung, als deren Zweck schließlich die Gründung e ne§ fort­schrittlichen Arbeitervereins sich herausstellte, ist, wie wlr bereits miiteilten, in der Nationalliberalen Korrespondenz abaeichüttelt worden. Dazu schreibt die,Kreuzzeiiung':

«Das waren die Nationalliberalen, die anfänglich das Leipziger Unternehmen unterstützt uub .ihre" Arbeiter zur Beteiligung an der Konferenz anfgeiorderl batten, sich selbst schuldig. Aber gleichwohl roetben sie — die von ihren wrlschrittlichen „Stammesbrüdern" fortwährend Düpierten — keine Leine aus diesem Vor­gänge ziehen. Wie ost hat Eugen Richter die betrieb­same Freisinnige Vereinigung, die w-t Vorliebe sich des .liberalen" Köders bediente, um in den Gewässern der freisinnigen Volkspartei zu siichen, des unlauteren Wettbewerbs beschuldigt. Die Rationalliberalen „warnen", das ist alles. Sie protestieren nicht einmal, wie es wenigstens der verfloffeue Denttche Bundestag unablätsig getan Hal. Und den unlauteren Wettbewerb der Fortichrittler, der natüttich ebenso heimlich wie das rote Sttchwahlablommen betrieben wird, nehmen sie resigniert hin."

* Was ist freisinnig? In dem Buche „Ernstes itnb Heiteres" von C. Frei befindet sich, wie wir dem „Reichsboten" entnehmen, folgendes schöne Gespräch: Ein Oesterreicher und ein Berliner Freisinniger kommen zwischen Bodenbach und Dres­

den miteinander ins Gespräch. „Na, wen haben Sie denn gewählt?" — „I bitt' schön, i hob gar nöt g'wähtt." — „Das ist ja eine Sünde; warum ha­ben Sie nicht gewählt?" — „I bitt' schön, wen soll i nacha Wahlen?" — „Na, den Freisinnigen natürlich. — „San Sie vielleicht freisinnig?" „Mtt Herz und Seele." „I bitt' schön, was ist eigentlich freisinnig?" — „Freisinnig? Hm, ja, also, näm- lich, wenn einem die Regierung nicht direkt paßt, und wenn einem die Gesetze nicht dirett passen, und wenn einem die konfessionellen Verhältnisse nicht direkt passen, überhaupt, wenn einem der ganze Staat nicht direkt paßt, dann ist man eben freisinnig, verstehen Sie?" — I bitt' schön, ich dacht', dann ist man Sozialdemokrat." — „Hm, ja allerdings sozu­sagen; aber wenn einem dann die Sozialdemokratie nicht direkt paßt, sehen Sie, dann ist man eben freisinnig."

Ausland.

♦* Wie echte Republikaner Wahlen machen. „Wer für uns stimmt, der braucht keine Steuern zu zahlen." Nach diesem Grundsätze verfuhr der republikanische Gemeinderat von Saint-Genest-Lerpt (Loire:, indem er von den 1184 Steuerzahlern der Gemeinde 819 als mittellos von der Steuer befreite, llrter diesen Mittellosen befanden sich mehrere Guls- besitzer und alle Lehrer der Gemeinde. Dagegen wurde keine Frau für mittellos erklärt, weil die Frauen in Frankreich nicht abftimmen. Da die Gemeindesteuer im' ganzen die gleiche bleibt, so wurden dafür die 365 übrigen Bewohner um so stärker belastet. Diese wandten sich zunächst an den jPräfekten der Lowe, aber wahrscheinlich aus politischen Gründen erklärte der Präfeklurral die Maßregel des Gemeiuderats für gesetzlich. Anders urteilte jedoch der Staatsrat. Da die Mittellosigkeit in den meisten Fällen nicht nachzu­weisen sei, so widerspreche die Steuerbefreiung dem Gesetze. Es wurde sogar dem Urteil rückwirkende Kraft beigekgt, so daß die.überarbeiten Steuer­zahler wieder zurückerhalten werben, was sie zuviel bezahlt haben, um die Freunde und Wähler des Gemeinderats zu mtlaftcn. Dieser aber bleibt im Amte!

** Das erste Opfer des englischen Versicherungs- qesetzes ist ein 70Mriger Mann namens Hurlock, der Inhaber emes großen Hutgeschäftes. Hurlock kämpft feit feiner Volljährigkeit in den Reihen der liberalen Partei. Er lehnt aber jede Unterwerfung unter das von feinen Parteigenossen ausgearbeitete Versicherungsgesetz ab. Seine 100 Angestellten, die einen mehrfachen Wochenlohn ausbezahlt erhielten, haben bis jetzt noch keine einzige Marke in ihrer Versicherungskarte eingeklebt. Die Strafe für diesen Widerstand beträgt 200 Mark, im zweiten Falle 500 Mark, im dritten wird die Gefängnisstrafe verhängt. Hurlock erklärte: Ich werde nicht davor zurückichrecken, ins Gefängnis zu gehen. Dieses Gesetz hat ein tiefes Loch in die liberale Partei gerissen. Schaut nach Manchester und auf die kommenden Wahlen!

** Sine ägyptisch - englische Flotten - Station. Be- kanntlich bat die englische Admiralität kürzlich be' chlossen, in den Hafen von Alexandria eine Tor' nebo» Station einzurichten. Die ägyptische Re- gierung, die an diesem Projekte interessiert ist, will mm selbständig eine lokale Flottille schaffen, was für den britischen Schatzkanzler eine wesentliche Er­sparnis bebrütet. Die neue Flottille soll Untersee­boote, Minenlager und ein Mutterschiff, wahrscheii • lich einen großen Kreuzer, erhalten. Die Schiffe werden mit englischen Offizieren t ernannt werden.

2ln$ dem Nachbargebleie.

* Hammelburg, 10. Aug. 1912. In Diebach wurde der Kaufmann Karl Trips auf ter Jagd non einem Jagdgenossen ins Kni e geschossen. Er wurde in das Juliusfpital nach Würzburg trans­portiert, wo er an den Folgen der Verletzung ge- torben ist.

* Göttingen, 10. Aug. 1912. Die Barbier- und Friseur-Innung hat beschlossen, den 8

Uhr-Ladenschluß rinzuführen. Nur SamstagZ solle» die Geschäfte bis neun Uhr geöffnet sein.

* Breitenbach a. Herzberg, 11. Ang. 1912. Gestern früh erschoß sich in feinem Bette oer vor einigen Tagen hierher versetzte Eisenbahn - Assistent P., der mit der Bauleitung der neuen Strecke Niederaula« Alsfeld beauftragt war. Der Grund zu der un­seligen Tat ist nicht bekannt.

* Friedberg, 11. Aug. 1912. Die h efige Han­delskammer beschloß hn Einverständnis mit der Gießener Kammer die Bestellung emes Sachver­ständigen für die Textil-Jndustrie der Provinz Oberheffen.

* Darmstadt, 10. Aug. 1912. Freifrau Elf« Laura v. Wolzogen, die Gattin des Dichters E.nst Freiherrn v. Wolzogen, machte einen Ausritt. In der Nähe von Ludwigshöhe scheute das Pferd und warf die Reiterin ab. Freifrau v. Wolzogen erlitt erhebliche Verletzungen an Kopf, Schultern und Armen.

* tzeiligenstadt, 10. August 1912. Ein Groß­feuer äscherte heute nacht die Mühle von Curts ein. Der Brand verursachte einen sehr bedeutenden Schaden.

-8- Vom EichSfelde, 10. Aug. 1912. Auf der Landstraße in der Rahe des Dorfes Wingerode (Kreis Heiligenstadt) wurde gestern das zweijährige Kind eines Bauern von einem beladenen Wagen überfahren und sofort getötet. Den Leuker des Gefährts soll keine Schuld an dem Unglück treffen.

Ami Geisa und Umgebung.

* Dermbach, 11. Aug. 1912. Bezirksarzt Dr. Stapff hat die Gemeinde Dermbach wegen des nächt­lichen Anschlagens der neuen Schuluhr verklagt. (!) Auf den Ausgang dieser Angelegen­heit darf man gespannt sein.

* Dorndorf, 11. Aug. 1912. Der Bau der chemischen Fabrik macht gute Fortschritte. Die Erdarbeiter: sind zum größten Teil bewältigt. Von der Größe der Fabrik legt schon der im Bau begriffene Schornstein ein beredtes Zeugnis ab.

* Unterbreizbach, 11. Aug. 1912. Der Gemeinde­rat hat die Errichtung einer Säugliugsbrra- tungsstelle im Gemeinderatszimmer beschlossen.

* Heringen (Werra), 11. Aug. 1912. Kaum hat ich das Grab über dem bei der Ueberlandzentrale getöteten Monteur Ortlosi geschlossen, hat sich aber­mals auf dieselbe Weise ein schreckliches Unglück er­eignet. Der kaum 19jährige Schmiedegeselle Moritz Rudolf kam der Hochspannung zu nahe und wurde tofort getötet.

* Gerstungen, 10. Aug. 1912. Die Bruuneube- itz:r in Dankmarshausen erhalten von der Gewerkschaft Alexaudershall für ihre versalzenen Brunnen eine Entschädigung von 16000 Mark.

Aus Oberheffen u. den heff. Aemtern.

△ Marburg, 11. Aug. 1912. Die Fleischer« Innung beschloß, eine Erhöhung drr Flersch- > reise eintreten zu lassen. Es kostet jetzt Ochsen- und Rindfleisch 98 Pfg., Bratenstücke 1 Mk. und Kotteletts 1,10 Mk. per Pfund. — Das kürzlich hier enthüllte Denkmal zur Erinnerung au den Marbur­ger Chirurgen, Geheimrat Roser, kostet rund 6745 Mark. Die Bausumme wurde durch Sammlungen aufgebracht.

* Frankenberg, 11. Aug. 1912. Der städtische Schul ha usneuban am Ortenberg, welcher von Herrn Bauunternehmer Droste ausgefuhrt wird, ist soweit gefördert, daß voraussichtlich noch in ine« er Woche das Richten des Dachgebälkes beendtt wird.

* Ziegenhain, 11. Aug. 1912. Bekanntlich soll eine Nebenstelle deS Laudgestütes in Dillenburg in einer Kreisstadt im Regbzk. Kassel errichtet werden. Es find in erster Linie hierfür Ziegenhain und Kirchhain in Aussicht genommen. Donnerstag nachmittag traf nun eine Kommission, bestehend aus Vertretern deS Ministeriums und der Regierung zu Kassel sowie dem Landssallmeister auS Dillenburg hier ein, um unt r Führung deS Kgl. Landrat» Kammerherrn v. Schwertzel und des Bürgermeister- Bertram das in Betracht kommende Gelände zu besichtigen. Das Gelände soll den Herrn aufs beste

Wauernötul.

66) Roman von Felix Rabor.

Die schlichte Größe dieses Mannes fiößte ihm beinahe Furcht ein, und sie zeigte ihm, welch mächtt- ger Gegner ihm gegenüberstand; um ihn zu bezwin­gen, scheute er nun kein Mittel mehr und führte den Kampf mtt einer Rücksichtslosigkett, vor der ihm manchmal selber graute. Er verhängte den Boykott über daS Dorf, verbot seinen Arbeitern den Verkehr mit dem Hofgesinde, in den Wittshäusern und mit den Geschäftsleuten, bezog alle Lebensmittel und Waren aus der Stadt, machte Vorstellungen bei der Regierung, ersuchte unt rasche Erledigung seiner An­gelegenheit, setzte alle Hebel in Bewegung, um sein Ziel zu erreichen. —

Im Dorfe herrschte Bestürzung. Die Geschäfts­leute vermißten die starke Goldquell:, die sich aus dem Hause des Amerikaners in ihre Kassen ergossen hatte, und murrten. Manche verlangten, daß man nachgeben sollte, um diesen reichen Mann nicht vor den Kopf zu stoßen.

Der Pfarrer blieb fest. Er klärte die Leute so­weit auf, daß sie erkannten, welche Gefahr dem Torfe drohe; von dem schimpflichen Antrag, den ihm Mister Henry gemacht hatte, schwieg er einstweilen. Aber er sah auch die Notwendigkeit ein, jetzt ganz energische schritte zu tun, um die Gefahr abzuweu- den. Und so berief er aus den Sonntag abend eine Versammlung in den „goldenen Hirsch", in welcher bte Kapellenffage endlich gelöst werden sollte.

Baldwin begab sich, ehe er die Versammlung besuchte, zu fein:r Mutter, um sich über das Be­finden sernes Vaters zu erkundigen. Dem Wildhofer ging es be|fer. Er konnte jetzt mit Hilfe des Sto­ckes langsam tm Zimmer auf- und abgehen. Aber sehen wo.Ite :r niemand, er glich einem entthronten König, der sich scheut, sich foem Polle ohne Krone auf dem Haupte zu geige«. Nur den Steinhofer ließ er hin und wieder zu sich. $er er.5jlte ihm, was im Dorfe gftchah und rühmte dabei den Baldwin

als den klügsten und fleißigsten Bauern im ganzen Land.

„Das ist doch zuviel gesagt," erwiderte Baldwin darauf. „Was sagt der Vater dazu?"

„Nichts! — Aber ich sehe es am Aufleuchten seiner Augen, daß er es gerne hott, wenn der alt: Steiner Dein Lob singt. Dann habe ich immer die stille Hoffnung, daß sich sein harter Sinn erweicht, und daß es doch noch gut Witt»! — Auch lieft der Va­ter jetzt wieder viel in der Bauernchronik des Wild­hof, die Du geschrieben hast. Bis in die Nacht hin­ein lieft er, und manchmal schläft er beim brennen­den Lichte ein, sodaß ich oft in Sorge bin."

„Laß ihn gewähren, Mutter! — Was ich da nie­dergeschrieben habe, das muß auf ihn wirken, das ntuß an feine Brust klopfen, daß die Liebe erwacht! — Uub bann, Mutter, wenn es so wett ist, wenn er meiner begehrt: dann rufft Du mich!"

„Ja, Baldwin — dann ruf’ ich Dich!"

„Und ich werde kommen, fei es bei Tag — fei es bei Nacht! Ich hungre nach seiner Liebe, ich dürste nach einem guten Wotte aus seinem Munde — nach einem Wotte der Verzeihung! — Denn ich stehe ja nun ganz allein, Mutter! — Alle haben mich verlassen, alle —"

Frau Regina lächelte unter Tränen. „Alle?" sagte sie. „Das ist nicht wahr! — Ich stehe zu Dir, so lange ich das Leben hab'."

„Ja, Du! — Du!" rief er in überquellender Freude. „Du bist mein Sorgentrost und mein Wun­derglaube! — Denn Deine Liebe, Mutter, ^ver­scheucht die Sorgen und macht jede Stunde, die ich bei Dir verbringe, zu einem schönen Wunder des Lebens'"

Er küßte fl: innig auf die Stirne und ging, da bon oben die laut- Stimme des Wildhofers klang, der nach Frau Regina verlangte.

In dem kleinen Gärtchen vor dem Haufe traf Baldwin mit Ev zusammen, die einen Strauß Som­merblumen pflückte und leis: ein Lied vor sich hin- summte. Er glaubte, als er tauschend stehen blieb, die Wotte zu vernehmen:

„Die Liebe ist ein Rosenstrauch, Er blüht m meinem Gatten--"

„Rnn^Schwarze," rief er, „Du bist ja gut bei Laune. Steht das Liebesbarometer auf „gut Wet­ter"?"

„Kann fchon fein," lachte Ev. „Was machen die Immen?"

„Die tragen Honig ein! — Aber sie haben Heim­weh nach Deinen fröhlichen Liedern und nach der Harmonika des Schmieds! Und offen gesagt: ich auch!"

Ev wurde rot, was ihr sehr gut stand. „Ach, geh!" sagte sie. „Nebttgens — daß Du's «fit weißt: der Hans macht jetzt keifte solche Bettelmufik mehr. Er hat ein Klavier und der junge Lehrer bttngt ihm das Spiel bei! —

Du — das klingt sein! — Nun ja, eine Freud' muß der Mensch doch haben, net? — Und der Hans, der kennt halt keine größere Freud' als die Musik! — Ja, ganz solid ist er geworden, der Hans — und man sieht ihn nur noch tu guter Gesellschaft — bei dem jungen Lehrer und dem Forstgchilfen —"

„Tas freut mich, Ev! — Schau, der Hans wird am Ende doch noch ein ganzer Mann —"

„Er 'st's schon, Baldwin!"

„Und da bringst ihm wohl nun das Sträußchen — als Lohn für feine Solidität und Mannhaftig-, leit, ja?" - -

Wieder ergoß sich eine Blutwelle über Evs hüb­sches Gesicht. „Nein," sagt: sie lachend, „der Strauß kommt auf den Wildhof."

BaUftvin trat einen Schritt zurück. „Auf den Wildhof? — Was haft denn Du auf dem Wildhof $u schaffen, Ev?"

„Run — die Hanne hat mich auf heut abend . eingclaben! — Der Amerikaner ist in die Stadt und kommt erb morgen zurück — da will sie mir all die Herrlichkeit zeigen. Tas muß ja so fein ausfehen wie in einem Schloß! — Und dann, weißt — dann wol­len die Hanne und ich auch wieder einmal mitsam­men plaudern — man hat doch auch seine Sorgen, net? — Und jedem mag man 'S Her^ auch net aus- fchütteu —"

„Ich wünsch' viel Vergnügen, Ev!" sagt: Bald­win kurz.

„Tank schön! — Soll ich der Hanne einen Gruß ausrichten?"

„Nein!" rief Baldwin im Unmut und ging mit finsterem Gesicht davon. —

Als Baldwm in die Versammlung nn „goldenen Hirsch" kam, war man schon mitten in der Debatte. Zwar hatten sich einige Stimmen erhoben und ver­langt, daß mar die Kapelle dem Amettkaner über« lass-n sollte, aber die Mehrheft hielt daran fest, die Wallfahttskirche dem Volke zu erhalten.

„Wir stehen vor einer Kttsis," erklärte der Pfar­rer, „und sie wird nur dann glücklich verlaufen, wenn wir an die Regierung mit festen, bindenden Vorschlägen und Plänen herautreten. Wir müssen Opfer bringen! — Wir müssen der Regierung er« Hären: wir verpflichten uns, die Kapelle von Grund aus zu reparieren und zu renovieren, wir baue« einen Damm, der sie für alle Zeiten gegen Wasser« gefahr schützt, und wir haften mit unserem Eigen­tum für die erforderlichen Summen."

In d:m großen niederen Saale wurde es toten« still. Dieser Appell wirkte wie ein Notschuß; bei den Bauern ist bar Geld zu dieser Zett nicht viel zu finden

„Wie groß — ist die Summe?" klang eine Frag« in die Stille hinein. Das klang wie ein Hammer- fchlag.

„Dreißigtausend Mark!" —

„O weh, das bringen wir in Eiligkeit nicht zu­sammen!"

„Ich hab: an eine Hauskollekte gedacht," sagte der Pfarrer.

»„Jetzt? — In der Erntezeit? — Wo das Geld fo knapp ist? — Das bringt keine tausend Mark ein!"

Dem Pfarrer wurde das Herz schwer. „Dan« weiß ich keinen anderen Rat," ertoiberte er, „all die Summe zu entlehnen."

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