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59. Jahrgang.

* fuldaer M Zeitung

2. Blatt.

»tu« HK* Verlag der Zuldaer Aetteodnttkeret * in Lnida.

„Du mußt wissen," sagte er, „daß ich meinen Hof verkauft hab'."

„Ich hab' es gehört, Steiner, und mich sehr ge­wundert," erwiderte Baldwin. „Von einem solchen Hof, auf dem man sein Lebtag gesessen ist, geht man nur schwer."

„2lber noch schwerer geht man von seinem Kind, Baldwin," sagte Steiner. „Ich wär' dort droben auf dem einsamen Hof gestorben vor Heimweh um meine Rosel! — Da hab ich den Hof verkauft und bin ins Tal herabgezogen. Schau, da wohn' ich jetzt — im Ziegel-Haus."

Nahe dem Friedhof war früher eine Ziegelei ge- Wesen, die aber längst nicht mehr im Betriebe war. Der Ziegler, «ein wohlhabender Mann, hatte sich an der Straße zwischen der Kapelle und dem Friedhof ein stattliches Haus erbaut und betrieb die" Oeko- nontie im großen. Sein früheres Wohnhaus, das dem Gottesacker gerade gegenüber lag, hatte nun der alte Steiner gekauft und bewohnte es nebst einer alten Magd fett einigen Tagen. Es war noch gut erhalten und bot mehr als genügend Raum für den einsamen Mann.

„Warum habt Ihr Euch kein neues Haus ge- baut im Dorfe, mitten unter den Leuten?" fragte Baldwin, während sie die Treppe erstiegen. „Hier draußen ist es ja so einsam wie auf Eurem Hof."

Oben in der großen, niederen Stube zog der Stei­ner Baldwin ans Fenster und sagte: ,Hch will kein neues Haus, Baldwin! Alte Leut und alte Häuser gehören zusammen. Darum hab' ich das Ziegelhaus gekauft. Da g'fallt's mir. Und einsam bin ich net, schau nur, schau."

Er öffnete das Fenster und deutete hinaus. Da sah Baldwin die Kreuze des FriHhofs ragen und verstand den Alten. „Schau!" sagte dieser, während ihm die Tränen über die hageren Wangen liefen, „jetzt sind wir alle beisammen! — Dort droben liegt mein Weib, mein Sohn und mein Kind, meine Rosel! — Jetzt fehl' nur noch ich. — Und bis mich der Sensenmann holt, will ich halt geduldig warten! — Jetzt setz ich mich vom Morgen bis zum Abend ans Fenster und schau hinüber auf meiner Rosel ihr Grab! — Und wenn es Nacht wird, zünd ich ein rotes Lämplein an, bajs ihrer armen Seel ein Licht

leuchtet! — Morgens geh' ich in die Kapelle, da ist's gar net wett, und bet’ auf der gleichen Stell', wo meine Rosel zum letzten Male gekniet ist! — Die Stell' hab ich erfragt von den Leuten. — Jetzt sag, Baldwin, ich Habs net schön auf der Welt? — All sind wir beisammen — ich und mein Weib — und mein Bnb und mein Kind, die Rosel." Er schlug die Hände vor* Gesicht und schluchzte laut.

Erschüttert stand Baldwin neben dem alten, einsamen Manne, dem den Tod alle seine Sieben entrissen und ihm nichts gelassen hatte als seinen Reichtum. Und doch hätte er diesen freudig hin­gegeben, toetnt er damit das Leben seines Kindes hätte erkaufen können!

Menschlicher Trost war hier machtlos, darum schwieg Baldwin; aber er legte seinen-Arm um den Hals des Alten, chie es lieber und wärmer dessen eigenes Kind nicht hätte tun können, und sprach nach einer langen, schweren Pause: „Wenn Ihr jemanden braucht, der Euch beisteht, so ruft mich, Ich komme! — Ich will zu Euch stehen wie ein Sohn, weil Eure Tochter mir gut gewesen ist! — Ich will Euch lieb haben wie einen Vater — denn ich verstehe Euren Schmerz: ich habe ja auch alles verloren — die Heimat und den Vater!" —

Der alte Bauer umspannte Baldwins Arm mit seinen großen Knochenhänden und sagte: „Du kannst das leichter tragen als ich! — Du bist jung--

und ohne Schuld! Aber ich — ich! — Ich bin alt — und ich trage die Schuld an ihrem Tode — ich —"

„Aber Steiner!" schrie Baldwin auf, „redet doch nicht so entsetzlich! — Das spricht der Wahnsinn aus Euch! — Ihr tragt doch keine Schuld daran, daß Eure Tochter ins Wasier ging?"

„Rein, nein — so mein' ich's auch net," erwiderte Steiner und kroch auf seinem Stuhle förmlich in sich zusammen. „Aber auf dem Gewissen hab' ich sie doch — alle drei! — Ich habe eine große Sünd' begangen, Baldwin, und jetzt kommt die Strafe über mich! — Ja, es ist eine furchtbare, aber wahre Sach' — und alle Schuld rächt sich auf Erden! — Schau, ich will Dir eine Geschichte erzählen! — Ich bin mein Lebtag zu viel an Geld und Gut g'hängt, und wie wir zwei Kinder hatten, einen Buben und ein Mädel, hie Rosel, da hab' ich j»u

meiner Annemarie gesagt: Annemarie, wir wollen keine Kinder mehr haben, zwei ist genug! Sonst geht unser schöne Hof in zu viele Teile, und dann ist jeder nur ein Klembäuerlein! — Und so haben wir es gehalten und haben gemeint wunder wie klug wir wären, weil unser Wohlstand von Jahr zu Jahr Öm ist. — Aber es ist eine Sund' gewesen^ n, das seh ich jetzt erst ein, wo es zu spät ist! — Wie mein Nettester achtzehn Jahre alt ge­wesen ist, da hat ihn ein Baum erschlagen im Wald, und auf dem Schrägen hat man ihn mir ins HauS gebracht! — Was meinst, was ich da gejammert hab! — Aber nach einem Jahr hab ich auch das verwunden und hab gedacht: Du hast ja »och die Rosel! Die wird die reichste Bäuerin im Hinter­land! — Abe - da macht mir der Herrgott einen Strich durch die Rechnung: zuerst nimmt er mir mein Weib — und jetzt meine Tochter! — Schau, für die Sünd, für den Frevel, da trag ich jetzt die Straf! — Ich bin's net wert gewesen, daß mir meine Kinder am 2eben geblieben sind, darum hat sie mir der Herrgo»: genommen! — Die Sünd', die, muß ich büßen mein Leben lang — und ich trag die Buß, toei. ich sie verdient hab'! — Ach, Bald­win, wenn ich's doch der ganzen Welt zurufen könnt: Kindersegen — das tft Gottes Segen! —■ Jedes Kind, das der Himmel schickt, ist ein Engel, und jede Kindesseel' ist ein Himmelreich und bringt Glück und Segen und Freud in ein Haus, und wenn's noch so arm ist. Und wenn die Väter und Mütter ihre Kinder so erziehen, daß sie brave, tüch». tige und rechtschaffene Menschen werden, dann ver­dienen sie an ihne.: 's Himmelreich! — Aber über* jede Kinderseel, die Gott im Himmel erschafft, ver^ langt er auch Rechenschaft! — Und wenn nun f# eine Seel' verloren geht — und wenn der Herrgott fragt: „Wo ist Dein Kind?" — was soll bann solch ein Vater antworten? — O, Baldwin, wenn ich daran denk, das ist schrecklich! — Das läßt mir keiNß Ruh' bei Tag und Nacht!" —

Die Zerknirschung dieses Mannes war so fitofc daß Baldwin mit ihm weinen mußte. Und dieft Tranen fielen wie kühler Balsam auf bas ^uckendtz Herz des alten, einsamen Mannes unb tuweyc# seinen Schmerz!-- ,

EortsedunL-kM-^ . \ i t

, Erste und zweite Hypotheken.

In Nr. 169 der ,Fuldaer Zeitung' ist dir Frage der Beschaffung zweiter Hypotheken zur Sprache gebracht worden und dabei auf die auf A'"S»ng von Hausbesitzern in vielen Stadien Seschafferwn Einrichtungen der „Stabt. Hyvotheken-Anstalten hingewiesen worden. Es entsteht in der gegen­wärtigen Krisis des HypothekenkredttS die wichtige ftraae: Mit welchen Mitteln wird man am besten eine großzügige Organisation des Realkredits er­reichen und wie wird man den scheu gewordenen Pr,vatkapitalisten wiederum dafür gewinnen, daß tt fein bereitliegenbeg Kapital dem Hypothekensucher zur Verfügung stellt?

Die Erfolge der fiädt. Hypothekenanstalten sind gewiß erfteulich, und wir möchten wünschen, daß Me Stadtverwaltungen dem Beispiele der Städte Dresden, Rixdorf (Neukölln), Neuß usw. folgen und derartige Hilfsaktionen für die bedrängten Haus- Besitzer in Szene setzen. Wir möchten aber diese Anstalten nur als ein vorübergehendes Hilfs­mittel betrachtet wiffen und hoffen, daß oberstes Ziel doch die Schaffung von Psandbriefinstr- tuten nach LandschaftSart bleiben möge.

In ihrem Wesen sind Psandbriefanstalten und städtische Hypotheken - Anstalten entgegengesetzt, während erstere die Mittel zur Beleihung aus pn- orten Kapitalistenkreisen durch Ausgabe von Pfand- ' riefen gewinnen, also aus einer Quelle, die uner­schöpflich ist, steht der städtischen Anstalt nur em begrenztes, von den städtischen Körperschaften bewilligtes Betriebskapital zur Verfügung, über daS lokal verschieden schnell disponiert sein wird. Bei Neubewilligung von Mitteln für das Beleihungs- inftitut werden in den Stadtparlamenten Kämpfe entstehen, die geeignet sind, die Kluft zwischen Mietern und Vermietern noch zu erweitern. Erstere werden daraus Hinweisen, daß den Bodenbesitzern ungerechtfertigte Geschenke auS den Steuern der Allgemeinheit gemacht werden, da die Verzinsung und Amortisation der von der Gemeinde für die Hausbesitzer (!) aufgenommenen Anleihen von den Mietern gezahlt werden müßten. Die Hausbesitzer dagegen werden auf ihre schlechte wirtschaftliche Sage Hinweisen und eine durchgreifende mittelstandsfreund­

liche Politik verlangen.

Abgesehen von diesen, den sozialen Frieden in der Gemeinde gewiß nicht sö dernden Neben­erscheinungen der „Stadt. Hypotheken-Anstalten" hallen wtt diese auch deshalb nicht für geeignet, eine Besserung für Beschaffung zweiter Hypotheken herbeizufuhren, weil sich die Uebernahme von be» lichenen Objekten durch die Stabt im Wege bet Zwangsversteigerung für die Dauer nicht vermeiden laffen wird — eine Kommunalisierung und Ans- schaltung deS privaten Hausbesttzes läge aber höchstens im Sinne der Bodenreformer, deren Be­streben zu unterstützen wir aber für bedenklich halten.

Erfreulicherweise hat sich der Verfaffer des oben erwähnten Artikels gegen die von Hausbesitzerkreisen angestrebten „Ausdietungsgarantiegenoffenschaften" ausgesprochen. Auch diese an sich gute Idee, daß nämlich eine Genossenschaft dadurch das Privat­kapital zur Anlage an zweiter Stelle mehr interessiert, daß sie im Zwangsoersteigerungsfalle die Garantie für den Ausfall der Hypothek übernimmt, wird zu­nächst große Anhängerschaft finden, ob aber die Genoffenschaft für die Dauer wird bestehen können, ohne sich feftzulegen, ist eine Frage der Praxis. In Berlin, wo bekanntlich die zwenen Hypotheken nut noch mit 6—8% verzinslich und ungeheueren Nebenspefen erhältlich find, haben die Hausbesitzer in ihrer Verzweiflung zur Selbsthilfe gegriffen und eine Garant egenoffenschaft gegründet; wir wünschen ihr guten Erfolg; möge sie davor bewahrt bleiben, je einmal ein Berliner Miethaus, welches durch­schnittlich einen Wert von 160000 Mark darstellt. Übernehmen zu muffen, ihre Illiquidität wäre bald vorhanden, denn von der leichten Verkä flichkeit solcher Objekte, wie sie die Gründer der Genoffen- schast sich vorstelleu, können wir uns in der gegen- roärtigen Zeit bet Wertzuwachs- und Grundwert­steuer nicht überzeugen.

Die Hausbesitzer werden gut tun, ihre ganze Straft für die Gründung von Pfanvbrieianstalten

für erste und solche für zweite Hypotheken einzu- setzen. Wenn dieses Ziel auch nur mit vieler Mühe zu erlangen sein wird, so bars boch nicht davon ab- gestanden werden. Besteht in einer Provinz erst ein­mal ein Pfandbriefamt für erste Hypotheken, d. h. eine Anstalt, welche unkündbare, amortisterbare Darlehen durch Ausgabe mündelsicherer Pfandbriefe gewährt (z. B. brandenburgisches Pfandbriefamt- Berlin), bann wird auch die Angliederung eines solchen für zweite Hypotheken erleichtert. Der Absatz auch dieser Pfandbriefe durch die Börse wird nicht so schwer werden, wie man öfters anzunehmen pflegt. Jedenfalls wird ein Kapitalist eher geneigt fein, eine zweite Hypothek zu geben, ro nn vorher eine amortisierbare steht, die dazu nur vom Schuldner, nicht aber vom Gläubiger (Anstatt) gekündigt werden kann. Daß diese Art der Organisation des Real- kredits eine aussichtsvolle werden kann, zeigen die Erfolge in Dänemark und Schweden, wo die „Hypo- ti)etenoeteinc" glänzendes geleistet haben.

Dr. Kramer-Spandau, z. Zt. Herbstein.

Deutsches Reich.

= Zum Streit über den Charakter des Zentrums ist es nicht unintcreffant, daß auch die „katholische Partei" in Belgien sich trotz ihres Namens als nichtkonfesstonelle Partei betrachtet und al8 solche auch angesehen wird. Der Staatsminister Helle­putte sagte in einer Rede am 2. Juni, in der er anerkannte, daß viele liberale Wähler vom Kartell mit den Sozialisten sich loSiagten und der Rcgtc- rungspartei sich zuwandten, sie wurden allezeit will­kommen sein; „denn unsere Partei ist keine kon- sessionelle Partei, sondern eine in der Ver­fassung wurzelnde politische Partei, die jedem guten Bürger offen sieht". Die ganze Rechte zollte langen und lauten Beifall. In derselben Weise hat sich Woeste bei einem früheren Anlaß geäußert. Auch der belgische Ministerpräsident be Brocque- ville hat sich nach dem Luzerner.Vaterland' in einem Interview wie Herr Hellputte ausgesprochen. Er sagie:

„Die katholische Vartei Belgiens — so nennt fie sich — ist keine konfessionelle Partei. Sie ist eine poli­tische Partei, die sich keine Bevormundung durch die kirchliche Oberbehörve gefallen ließe. Wir wachen so­gar eifersüchtig über unsere volle politische Unabhängig­keit. Aks Kardinal Goe:ens mich einst zu sich kommen ließ und mich in meiner politischen Stellungnahme zu teeinflussen suchte, antwortete ich: „Sie wiffen, wie sehr ich Sie Hochschätze und verehre, aber meine Politik bleibt dieselbe wie bisher." Und sie blieb es auch. — Auf die Frage, ob auch der belgische Großrabbiner in die kathol. Partei eintreten könnte, antwortete der Kabinettschef: „Warum nicht ‘i Uebrigens hat er uns seine Glückwünsche zu unseren Wahlerfolgen entboten, ebenso der protestantische Pastor Rochedieu. Der eine wie der andere weiß recht gut, daß sie bet uns volle Gerechtigkeit und generöseste Gleichheit finden. Wir sind keine konfessionelle Partei, tragen aber den unbestreitbaren Tatsachen Rechnung, daß das religiöse Empfinden in hohem Maße zur Wohl­fahrt der Völker beiträgt." /'

11 Stuttgart, 27. Juli 1912. Das liberale Wahl­abkommen in Württemberg hat die National- l i b e r a l e n in eine ganz fatale Situation gebracht. Sie ntöctrten gern die Tatsache, daß sie für den er­sten Wahlgang sich zur Errichtung einer Scheide­wand gegen rechts binden ließen, vertuschen; denn sie müssen jetzt fürchten, daß die Konservativen sich für diesen Schritt im zweiten Wahlgang rächen werden. Am meisten aber haben die Nattonallibera- lcn Angst vor einem Bündnis zwischen Zentrum und Konservativen. Die nationalliberale Presse will — fälschlicherweise — aus entern Artikel, der in würt- tembergischen Zentrumsblättern erschien, denWnnsch des Zentrums nach Abschluß eines solchen Bündnis­ses herauslesen. Um den Konservativen eine etwaige Absicht, das Zentrum um Wahlhilfe anzugehen, gleich von vornherein zu verekeln, schürt der ge­nannte Schwarzwälder Bote die konfessionel­len Leidenschaften. Man braucht sich also nicht mehr darüber den Kopf zu zerbrechen, wo die eigentlichen konfessionellen Hetzer sitzen: im liberalen Lager sind sie immer zu finden! Die Nationallibe-

ralm greifen zu diesem Mtttel, well es in der Tat um sie schlimm steht. Im bisherigen Landtag hatten sie 12 Mandate. Davon sind 3 in ihrem sicheren Be­sitz. Die übrigen 9 sind in das liberale Abkommen aufgenommen. Bon diesen ist aber nur ein Man­dat: Ulm?Stadt, sicher, während 5 andere (Blaubeu­ren, Brackenheim. Hall, Künzelsau, Mergentheim) kann der Bauernbund, größtenteils mit Hilfe des Zentrums, erobern. Von den 22 neuen Bezirken, die den Nationalliberalen in dem Abkommen über­lassen werden, sind 3 Mandate im Besitz des Bau­ernbundes: Herrenberg, Weinsberg, Nagod. Die beiden ersteren sind weniger gefährdet; in Nagod dagegen sind dieAussichten für die Liberalen günsti­ger. Auf jeden Fall kann den Nationalliberalen nichts unerwünschter, sein, als wenn die Zentrumswählerschaft den Kandidaten der Rechten unterstützt. Außerdem sind in dem freisiunig-na- tionalliberalen Abkommen den Nationalliberalen 12 Zentrumsbezirke zugewiesen, darunter aber nur 2 mit einiger Aussicht auf Gewinn: Weißlingen und Rottweil. Nur bann, wenn die Wähler der Rechten dem Liberalismus diese beiden Mandate in die Hände spielen wollen, sind sie für das Zentrum ernstlich gefährdet. Daraus ergibt sich:' Der Libe­ralismus hat das größte Interesse daran, daß Zen­trum und Rechte bei den kommenden Wahlen ge­trennt marschieren. Schon eine Unterstützung rechtsstehender Kaildidaten durch die Zentrumswäh­lerschaft fürchtet er ungemein, von einem Abkommen zwischen Zentrum, Konservativen und Bauernbünd- lerrt gar nicht zu reden! Es ist dir Angst vor der eigenen Schwäche, die der liberalen Presse einen schwarzblauen Block für die württembergischen Land­tagswahlen jetzt schon als Gespenst erscheinen laßt.

Ausland.

** Die Hetze gegen die katholischen Iren. Auf den Werften von Belfast sind katholische Ar­beiter seit mehreren Wochen so terrorisiert worden, daß die große Firma Harland und Wolff ankündigt, sie fei genötigt, mehrere Werkstätten zu schließen. 400 geschulte Arbeiter, die nicht zu er­setzen sind, werden durch die Furcht vor dem pro­testantischen Pöbel von den Arbeitsstätten ferngehal­ten. Zunächst sind dadurch 1500 andere Arbeiter mitbetroffen, doch sagt die Leitung der Werst voraus, daß sie, wenn die Unruhen fortbauern, nach und nach zur Einstellung des gesamten Betriebes gezwungen sein werde. Ans der Werft von Workmann und Clark in Belfast kam es seit dem 12. Juli, dem Ge­denktage des Sieges Wilhelms von Oranien am Bohneflusse über die Irländer, zu schweren Prü­geleien. Die Orangisten sollen 1500 katholische Arbeiter dieser Werft aus der Arbeit ge« trieben hab en. Viele wurden so geprügelt, daß sie das Hospital aufsuchen mußten. In der Nacht von Samstag auf Sonntag kam es auf den Bel­faster Straßen zu einem schweren Krakehl. Dran« gistische Hausen drangen in eine katholische Straße ein. Man schlug sich mit Stöcken und Eisenstangen. Eine Anzahl Menschen wurde verwundet. Trotz diesen Zuständen haben die Führer der konservativen Partei, an ihrer Spitze Bonar Sato, am Samstag in einer großen Massenkundgebung in Blenheim, dem Landsitze des Herzogs von Marlborough, im Falle der Einführung der Home Rule den Aufstand in Ulster wieder offen empfohlen. Daß unter solchen Umständen, wie wir gestern berichteten, in der katholischen Bevölkerung die Erregung zunimmt, ist erklärlich.

Ans Uirche und Schule.

* yiainj, 31. Juli 1912. Der Hochw. Herr Bischof hat den Prälaten Dr. Franz Joseph Heinrich Selbst tum Generalvikar ernannt.

♦ Täglich 100 Uebertritte zum Katholizismus. Nach dem Bericht des Apostolischen Miffionshanses wurden im Jahre 1911 in den Vereinigten Staaten 33 247 Konvertiten in die katholische Kirche aufge­nommen. Diese Zahl ist eher zu niedrig, als zu hoch

^griffen, da viele Konversionen, der Umstände hal­ber, nicht bekannt gemacht werden konnten. Di« Zahl von 33 247 Konvertiten dürfte sicher um 10 000 mehr betragen haben. Die meisten Uebertritte er« olgten vom Protestantismus. In Amerika finden alle Tage zirka 100 Uebertritte von Konvertiten jutm Katholizismus statt.

Aus dem Nachbargebrete.

♦♦ Frankfurt a. M.. 31. Juli 1912. In der gestrigen Sladlvrrordnelenfitzung kam man auf die schlechten Erfahrungen zu sprechen, die btt' Stadt Frankfurt mit Eingemeindungen ge­macht hat. Frankfurt hat am 1. April 1910 den ganzen Landkreis eingemeindet. Nachdem man vorher einen genauen Finanzplan nicht aufgestellt Halle, findet man jetzt mit Erstaunen, daß die Stadl alb’ jährlich große Summen für die eingemeinbelen Vor­orte auszuwenben hat, denen Mehreinnahmen nicht gegenüberstehen. Namentlich die Versicherungen der > Gemeinden, daß ihre Straßen und Wege in bester Ordnung seien, haben sich zum Teil al8 unzutreffend herausgestellt. Dadurch mußten Aus-' Wendungen gemocht werden, mit denen man nicht' gerechnet hatte. Nach Abzug aller Steuern und. Gebühren, die in den Vorortgemeinden eingingen,: betrug der Zuschuß der Stadt 1910 791830 Alk., 1911 737 680 Mk. und 1912 743 650 Mk. Eine Reihe von Aufwendungen für Schulen, Straßendahn- verbindungen usw. sind noch zu machen. Dem. Bevölkerungszuwachs, der sehr gering ist, da es fid); um fast lauter Dörfer hantelte, stehen Ausgabe» gegenüber, die ans Steuermitteln gedeckt werden müssen, und vorderhand die Lust zu weiteren Ein­gemeindungen benommen haben.

♦ Rinteln, 30 Juli 1912. Eine für chter-, liche Tat ist gestern im Dorfe Kemnade bei Bo­denwerder verübt worden. Ter Arbeiter Hermann. Dehne, ein Mann von wenigen 30 Jahren, hat in einem Anfälle plötzlicher geistiger Umnachtung fein kleines Töchterchen von 5 Jahren in Abwesenheit der Eheftau getötet und darauf Selbstmord verübt. Dehne hat dem Kinde und sich selbst mit einem Rasiermesser die Kehle durchschnitten. Er war fett einiger Zett ohne Arbeit und Verdienst.

* Großkrotzenburg, 29. Juli 1912. Der 21 Jahre alte Maurer Ludwig Hain von hier ist gestern beim Baden im Main vor den Augen feines Bruders ertrunken. Er sprang an einer tiefen Stelle ins Wasser, wurde jedenfalls von einem Krampfanfall betroffen und versank.

* Schlangenbad, 31. Juli 1912. Die Gemeinde, Schlangenbad hat eine Polizeiverordnung erlassen, wonach das Einfangen und Töten fowie der Ver­kauf nichtgiftiger Schlangen verboten ist. Zuwider» Handlungen werden bestraft. Das Bad will bft Tiere schützen, nach denen eS einst seinen Namen, erhielt.

* Aus Franken, 31. Juli 1912. In Aschasfeni bürg wurde der Weichensteller Friedrich Möget von dem Frankfurter Zuge überfahren und getötet' Es wurde ihm der Kops vom Rumpfe getrennt—. Abg. Gerstenberger in Würzburg beging heute fein 25jähriges Priesterjubiläum. Er ist geboten am 19. April 1864, somit 48 Jahre alt. Die Priester- weihe empfing er mit 23 Lebensjahren am 31. Juli 1887. Dem Reichstag und Landtag gehört er feit 1895 an; Chefredakteur des.Fränkischen Volksblatte^. ist er seit dem Jahre 1903. Dem wackeren Volks« mann widmeir die Freunde zu seinem Ehrentag die herzlichsten Glückwünsche!

Amt Geisa und Umgebung.

* Dermbach, 31. Juli 1912. Mit dem heutigen Tage hat Postverwalter QuaS aus Pößneck die Lettung des hiesigen Postamts übernommen.

* Hklmershausen, 81. Juli 1912. Am gestrigen nachmittag wurde die hiesige Wasserleitung, welche die Firma I. Zettler-Erfurt gebaut hat, durch Baurat Jaenisch aus Dermbach abgenommen und die gesamte Anlage für gut befunden.

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56] Roman von Felix Nabor.

Der Doktor klopfte ihm auf die Schütter. — „Bravo, Baldwin," sagte er, „bas ist ein brillanter Gedanke. Er zeigt, baß noch ein gesunder Kern im Volke steckt, baß bas Blut des Bottes nicht dünner und schwächer geworden ist, sondern in alter Kraft fließt. Das ist's: Das Vott muß sich selbst helfen! Auf diese Weise wird uns die Kapelle erhalten blei­ben! Freilich, die Fabrik und bas „Lichtwerk" — die werben boch kommen "

Baldwin nickte. „Das sag' ich auch! Mer ich sehe keine allzugroße Gefahr in der Sache. — unser Volk ist gesund und krätfig und nicht so leicht umzubringen, besonders wenn die nötigen Vorsichts­maßregeln getroffen werden. Uebrigens plant mein Onkel zunächst ein „Lichtwerk" und in Verbindung damit eine Bahn — und diese soll uns allen will­kommen sein."

Er führte seine Begleiter zum Ufer des FluffeS und sagte: „Mein Onkel muß einfach fein Werk auf dem anderen Ufer erbauen. Das ist für ihn erheb­lich teurer, aber seinen Zweck erreicht er boch. Wir aber haben bann einen doppelten Vorteil: zum ersten bleibt uns die Kapelle erhalten, zum andern wird die Waffergefahr für dieselbe vermindert oder gar aufgehoben. Denn der Kanal, der die Turbinen des Werkes treibt, wird die Wassermenge derart ab­sorbieren, daß das Wasser zum anderen Ufer ge­lenkt und das Ufer bei der Kapelle entlastet wird."

Das leuchtete den Männern ein, und sie ver­sprachen, eifrig für die gute Sache zu werben. — Baldwin wollte im Laufe der Woche die Petition schreiben, für den nächsten Sonntag eine Versamm- .^6 einberufen und die Petition zur Unterschrift zrrkutteren lassen. Mit diesem Versprechen trennten ft« sich.

®a Baldwin nun doch einmal in der Nähe war, oollte er das Grab Rosels und der alten Gret be­uchen. Als er seiner Pietät Genüge geleistet hatte tiefe er am Tor auf den alten Steiner, der ihn Teubig begrüfete und ihn mit sich nahm in fein Laus,