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Fulda, Donnerstag den 1. August 1912

Erstes Blatt

3.9» Jahrgang

jV6 174.

J£ Japan und die Türkei.

Beim Tode des Kaisers Mutsufik steht Japan, das während seiner Regierung modernisiert wurde, äußerlich groß und stark ba. Zur selben Zeit macht die Türkei, die einem ähnlichen Modernisierungs- Prozesse unlerworsen wurde, eine innere Krisis der gefährlichsten Art durch. Mas dort gelungen, scheint hier zu m-ßglücken.

Die wunderbare Umwanvlu igs- und Anpassung», iahigkeit, die das japanische Volk bewiesen hat, ist in der Türkei offenbar nicht in deniselbcu Grade vorhanden. Das erklärt sich offenbar zu einem guten Teile dadurch, daß in Japan eine nationale Einheit gegeben war, während die Türkei ein

dateska zu Saloniki gemacht worden, und die Gegen, revolution geht von der Soldateska zu Konstanti« nopel und Prischtina aus. Das Heer ist geipalten und zuchtlos geworden. Ganz anders in Japan, wo die Zentralgewalt sich fortdauernd aus die stramm disziplinierte Armee stützen konnte. Ein treues Heer und em geduldiges Volk, — die machen das Regieren leicht und ermöglichen sogar so aben­teuerliche Unternehmungen, wie die Umwandlung des alten japanischen abgeschloffcnen Feudalstaates in eine modernisierte Großmacht, die im Weltkonzert Platz nimmt.

Die Anhänglichkeit der Armee, das Ansehen der Monarchie und die patriotische Ergebenheit des last- tragenden Volkes wurden wesentlich gefördert durch die glücklichen Kriege, welche Japan während der .Wiedergeburt' führte. Erst gegen China zur Eroberung Koreas, dann gegen Rußland zur Siche­rung der koreanischen Beute und zur Anwartschaft auf die Mandschurei. Die Türkei ist freilich auch in einen Krieg verwickelt, aber eine verhängnisvolle Verkettung von Umständen verurteilt dort die Armee zur Unlätigkeit während des Krieges. Wenn die tapferen türlischen Soldaten sich regelrecht schlagen und Ruhm erwerben konnten, so würde das nicht allein zur Gesundung des Heeres, sondern auch zur Gesundung des ganzen Staatswesens wesentlich beitragen.

Ob in dem modernisierten Japan das Volk glücklicher geworden ist, erscheint sehr zweifel­haft. Aber der Staat hat offenbar an Macht und Glanz gewonnen bei der radikalen Umwälzung. In der Türkei haben von der Umwälzung bisher weder die Völkerschaften noch das Staatswesen profiliert. Was der eine vertragen kann, schlägt bei dem anderen schlecht an.

Erscheint tsanq mtt Hssnanm* wt Mitb fseiertoae vierten jjLbrNÄe'^em-'vrei? ohne Srinaerlohn and vefteüaelom-»«Ida so­wie auswärts ;LvMk.

verantw. Redaltenrr eg » «an iktdititrr

wochmdeiiase: ...illustrierte Somstagrzeitung"

Verwaltung und in der Armee auszufuchcn und an den erwählt'» Helfern treu und zähe festzuhatten.

In der Türkei ist die Revolution von der Sol-

Ausland.

.** Französische Demonstration gegen den Besuch Kaiser Wilhelms in der Schweiz. Wie der ,Züricher Tagesanzeiger' meldet, sind bei den schweizerischen Banken seitens der französischen Kapitalisten starke Einlagerückzüge vorgenommen worden. Diese Rück­ziehungen betragen bet einer Züricher Bank allein neun Millionen Franks. Man erblickt hier in diesem Vorgehen der Franzosen die Absicht, gegen den Schweizer Besuch des deutschen Kaisers zu demonstrieren. — Echt französisch!

♦ Vom Krieg gegen die Krankenschwestern. In einer kleinen franziff. Gemeinde in der Nähe von Lorient hat die Verhaftung einer katholischen Kran- kenschwrster großes Aufsehen hervorgerufen. In der Gemeinde gibt es weder Arzt noch Apotheke. Die Schwester Pflegte die Armen und Kranken und wurde vor einiger Zeit wegen verbotener Ausübung der Hcilkunst zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie be­zahlte nicht, weil sie nichts hatte und sollte deshalb von Gendarmen abgeführt werden. Die Gendarmen wurden aber von der Bevölkerung schlecht empfan- gen und mußten das erste Mal unverrichteter Sache abziehen. Jetzt, nach mehreren Monaten, find sie beim Morgengrauen im Automobil in das Dorf zu. rückgekehrt und haben die Schwester auf dem Wege zur Kirche abgefangen und in dem Kraftwagen nach Lorient gebracht, wo sie sich in Haft befindet.

Gemisch der verschiedenartigsten Völker- schäften bilde!, deren politischer Zusammenhang nur aus Neberlieferung uns Gewohnheit beruht uns sür die cm religiöser Zusammenhang nur in den muhainebamschen Volkskrepen gegeben ist.

In Japan ging die Umwälzung des Slaates und der Volkswirtschaft vom Tycone aus; in der Türkei dagegen von einem neurrungs- und herrsch­süchtigen Komitee, das aus militärischen und zwi- lift-schea Verschwörern sich zusamniensetzt. Dort eine Revoluiion von oben, hier eine Revolution von unten. In der Türkei wurde der bis dahin absolutistische Monarch erst ohnmächtig gemacht, dann vollends entthront und durch eine Puppe der Revolutionäre ersetzt. Damit war die Autorität gebrochen. Dos Parlament, das man sich als Ver­körperung der Autorität gedacht halte, erwies sich völlig unfähig zu öiejet Aufgabe. In Japan blieb der Thron der feste Punkt m der Erscheinung n Flucht. Innere Kämpfe und Bruderkriege gab es auch da, aber es handelte sich um den Kamps der zentra.istischen und fortschrittlichen Monarchie gegen den partikular!stischen und konservatlren Kleinadel, und als die Streitkräsle des Monarchen die.Reaktion' niedergezwimgen hatte, stand die zentrale Autorität est und sicher da, wie ein Fels im Meer. Der Erfolg war nicht etwa der genialen Bega: ung oder den persönlichen Heltentaten des verstorbenen Kaisers zu verdanken, sondern vielmehr feinem Geschick, die rechten Männer für die leitenden Stellen in der

* Zum Tode des Herrn Kardinals * Dr. Fischer.

Ujber die letzten Tage des verstorbenen Kardi- nals und Erzbischofs berichtet die „Kölnische Volks- zeitung" u. a.:

In Montjoie hatte sich der greise Kirchenfürst auf einer schwierigen Firmungsreise nach einem ehr heißen Tage mit darauffolgender kühler Nacht eine leichte Erkältung zugezogen, die ihm einige Unpäßlichkeit verursachte, so daß er schließlich sich ür vorzeitigen Abbruch seiner Reise entschied. Am Samstag vorvoriger Woche kehrte er wach Köln zu­rück, mit dem Vorhaben, in dem Franziskanerinnen­kloster Maria Hilf in Bad Neuenahr, wo er seit vier bis fünf Jahren Gesundung von den An- trengungen seiner apostolischen Tätigkeit suchte und auch fand« Erholung zu suche«. Am vorigen Dow-

veutsches Neich.

** Berlin, den 31. Juli 1912. Miltwoch vor­mittag erfolgte die Abreise des Kaisers nach ®er» gen. — Der .Reichsanzeiger' gibt bekannt: Der königliche Hof legt heute für den Kaiser von Japan eine einwöchige Trauer an. — Prinz Waldemar von Preußen, der 23jährige Sohn des Prinzen Hein­rich, der dieser Tage von einer sechsmonatigen Reise nach Oftasten heimkchrt, tritt am 1. August als Referendar beim Amtsgericht in Gettorf zu der üb­lichen neunmvnatlichen Ausbildung ein. Die Nach­richt d.r ,Braunschw. Landesztg/, daß bereits Schritte von der deutsch. Regierung unternommen worden seicn um die Auszahlung einer Sühnefumme und die Bestrafung der Mörder des Deutschen Opitz herbei- zuführen, eilt den Tatsachen voraus. Wie einem Berliner Blatte von amtlicher Seite mitgeteilt wird, können erst, nachdem die Ermittelungen beendet und man genau darüber orientiert sein wird, auf welche Weise Opitz ums Leben gekommen ist, eventuell Schadeneisatzansprüche gestellt werden.

)( Der Ertrag der Börsenfteuer. Die Börsen­steuer hat im ersten Viertel des laufenden Rech­nungsjahres 22,4 Millionen Mark eingebracht. Da­von kamen 14,3 Millionen auf den Stempel von Wertpapieren, 1,8 Millionen auf die Talonsteuer und 6,3 Millionen auf die Kauf- und sonstigen An- schaffungsgeschäfte. Wertstempel und Talonsteuer sind für das ganze Jahr in den Etat mit 62,9 Mil­lionen Mark, der Stempel für Kauf- und sonstige Anschaffungsgeschäfte mit 24,7 Millionen Mark ein- gestellt. Bride Stempelabgabengruppen haben also in ihren bisherigen Erträgnissen den auf sie gesetz­ten Erwartungen entsprochen, haben sogar in etwas die Staatsanschläge überschritten.

** Aufhebung der Weihnachtsgratifikationen der Eifenbahubeamten. Nach einer Verfügung des Ministers der öffentltchen Arbeiten, von Breilenbach, kommen die bisher allgemein gezahlten Weihnachts­gratifikationen der Eilenbahndeamten, deren Ver­teilung zu vielen Klagen Veranlassung gegeben hat, künftig in Wegfall. Die Verfügung über die am Schlüsse des Rechnungsjahres noch nicht veraus­gabten Mittel aus dem Fonds für außergewöhn­liche Vergütungen behält sich der Minister vor.

-h Auf zur Revolution! Die .Leipziger Volks­zeitung' veröffentlichte aus Anlaß des Gewerk­schaftsfestes einen Begrüßungsaufsatz, dem wir folgende Sätze entnehmen:

„Die Stunde der sozialen Revolution ha! geschlagen. Die Erkenntnis für den Inhalt und den gewaltigen Ernst der Zeiten, die wir jetzt erleben, ist es, die den Arbeitern not tut. Die gewerkschaftlich orgamsierken Arbeiter aber müssen sich von dieser Er­kenntnis ganz besonders erfüllen lassen, sind sie es doch, die die Keintruppen der kommenden Massen- kämpfe bilden werden, sind sie es doch, von deren revolutionärer Tatkraft und Entschlossenheit das Schicksal der kommenden Jahre in erster Linie ab- dangen wird . . . Darum soll und muß der Arbeiter, der Geiverklchajtler in erster Linie, sich ganz erfüllen lassen von dem re volu tionären Glulhauch, der durch unsere Zeiten weht. Er soll wissen, daß die kommende» Kämpfe Männer brauchen, die für ihre Klasse, ihre Organisation, ihre Partei einstehen mit dem letzten Hauch ihrer Kraft."

.Stunde der sozialen Revolution', .Kernlruppen der kommenden Massenlämpfe', „revolutionäre Tat­kraft', „revolutionärer Gluthauch' — wie mag das den liberalen Politikern in den Ohren klingen, die auf die Sozialdemokratie ihre ganze Hoffnung für die Zukunft setzen? Was sagen insdefondrre die liberalen .Erzieher' der Sozialdemokratie, vorab Herr Rebmann dazu?

)( Deutsche Kriegsveteraueu gibt es zur Zeit noch zirka 425000, von denen 231000 durch staatliche Mittel dauernd unterstützt werden. Außerdem werden jährlich rund 25000 Unterstützungsgesuche an den deutschen Kriegerbund gerichtet.

** Sozialdemokraten als Verwaltungsbeamte Heber die Behandlung französischer Gememdebeam- ten veröffentlicht ein Pariser Blatt ein Beispiel, das in mehr als einer Hinsicht Interest: bietet. Es han- beit sich um die Gemeinde C ar m a u x, die in dem Wahlkreise des bekannten Sozialistenführrrs Jules Jaurös liegt, und deren Bürgermeister ein bekann­ter sozialistischer Bonze namens Calvignac ist. Als dieser vor zehn Jahren ans Ruder kam, glaub­ten die darbenden Inhaber der kleinen Gemeinde­ämter, die für ihn gestimmt hatten, daß nun das goldene Zeitaltet für die Bedrängten anbrechen würde. Als Beispiel für die Lage der Unterbeamten tverden die der städtischen Maut angeführt. Sie er»

Sprach» und schwieg und tiefe Stille herrschte für einen Augenblick int Hause. Man dürfte das Gefühl gehabt haben, daß diese Jagd für den Grasen Tör- ring unglücklich ausgegangen war, daß er, wie man sagt, erschossen war. Aber noch war die Sache nicht ju Ende. Nach kurzen Bemerkungen des Reichsrats v. Schnur dein, der sich u. a. hmsichtlich der Nicht­bestätigung sc^ialdemokratischer Bürgermeister auf den Standpunkt der Regierung stellt, kmn zum Wort Prinz Georg, der Sohn des Armeeinspekteurs Prinzen Leopold. Er führte aus: Ich teile die Stel­lung der Staatsregierung in der Jesuitenfrage voll­kommen und ich gehöre zu den Bayern, welche die Rückkehr der Jesuiten als begrüßungs-' wert betrachten. Ein derartiges Vorgehen, wie das deS Grasen Tvrring, die Unterstützung der Reichs­leitung auzurufen, ist unerhört. Ich halte es für tief bedauerlich und unbegreiflich. Ein derartiges Wort ist in der bisherigen Geschichte des hohen Hauses noch nicht verzeichnet.

Reichsrat Schanz wiederum beurteilte den Je- als einen großen taktischen Fehler und mißbilligte besonders die Erbscbastsauslcgung, laut deren Hertling di- Sache vom vorigen Ministerium übernommen habe. Graf Crailsheim, der vorige Ministerpräsident, beftätigte, daß es sich bei den Vorgängen im Ausschuß nicht um ein Mißtrauens- votum für die Regierung, sondern um die Konstatie-

Einer Meinungsverschiedenheit gehandelt habe, ^^lanlich sei er mit dem Programm des Minister­präsidenten im ganzen einverstanden, wenn er auch den Jeiuitenerlaß nicht lebt.

_ Mit dem Grasen Tvrring setzte sich auch Fürst - o w e n st e i n - W e r t h e i m noch wirkungsvoll aus­einander. In Berlin werde man sich wundern, daß man in Bayern so bescheiden geworden sei, gegen öte eigene Regierung an die Reichs-

*unfl,SU appellieren. Als der Redner den 3"omnR auf die „offenkundige Tatsache" hin.

wo — zahlreiche Jesuiten auf allen Gebieten ßer_ st fen schäft ausgezeichnet, nickte Dr. v. Schanz mehrfach bejahend zu, besonders bei Erwähnung des JiamcnS Waßmann. Wenn die Behauptung des ®ra«

^’e 3efuitcn kämen als Seelsorger mehr für die höheren Steife als für dir Massen in Betracht, gutreffen sollte, so mühte man die Jesuiten mit Extra- rügen ins ~anb hereinbringen. Fürst Löwenstein sprach wiederholt mit großer Schärfe von dem „ge- hass'gen Ausnahmegesetz- und erklärte, nicht um die Bedrohung des konfessionellen Friedens handle es sich, g<aße' °b dieses Gesetz durch eine Untor brn Ä”8 verschärft werden soll, unter den Katholiken möge es ja sonderbare Käuze

?16 Mehrheit betrachte das Gesetz als eine Schmach und verlange seine Aufhebung. Das gleiche wünsche auch er, erwartet aber, daß bis dahin keine Verschärfung eintrete.

Erzbischof Tr. v. Bettinger knüpft an die Wendung deS Grafen Körting von der angeblichen Mehrheit der Katholiken und deS Klerus an, die an- geblich seiner Ansicht sein sollten. Im ganzen deut­schen Reiche dächten derart kaum zehn Geistliche, die Bischöfe dagegen seien einstimmig für die Jesuiten. Die Ansicht des Grafen Torring sei vielleicht zurück­zuführen auf eine Aussprache mit dem einen oder anderen Geistlichen, der sich einbildet, die Massen hinter sich zu haben, während er in Wirklichkeit allein steht auf weiter Flur.

Minister deS Innern Frhr. v. Soden wandte sich mit besonderer Schärfe gegen den „Appell" des Grafen Törring. Das sei ein unerhörter Vorgang, der zudeui um so überflüssiger gewesen fei, als die bayerische Regierung sich selbst an den Bundesrat ge- wandt habe. Soden schilderte dann, welch ungeheuere Entrüstung entstanden wäre, wenn man auf Grund deS Wehnerschen August-Erlasses etwa einen Jesuiten von der Kanzel heruntergeholt hätte. Der Präsident deS protestantischen Oberkonsistoriums, B e z z e l, glaubt, die wissenschaftliche Tätigkeit der Jesuiten objektiv würdigen zu können. Auf protestantischer Seite aber sehe man in den Jesuiten die Gegen­reformation. In diesem Worte seien alle Sorgen, Aengste und Nöte enthalten, die seine protestantischen Glaubensgenossen im Hinblick auf die neue Wendung der Dinge hegten.

Ministerpräsident Frhr. v. Hertling erklärte, es sei selbstverständlich, daß seitens der Regierung alles hintangehalten werde, was geeignet sei, den kon­fessionellen Frieden zu stören. Wir wollen als christ- lich gesinnte Männer im deutschen Vaterland friedlich und freundlich zusammenstehen. Der Jesuitenerlaß wird ganz gewiß nicht dahin führen, diese Hoffnungen und Wunsche zu vereiteln.

Im Schlußwort zur Generaldebatte gibt Reichsrat Frhr. v. Cramer-Klett noch einmal der Hoffnung Ausdruck, daß der Ruf nach der Reichsregierung in diesem Zusammenhang zum ersten und letzten Male in der Reichsratskammer laut geworden sein möge.

= Eine Jesuiteudebatte in der Kammer der Reichsrüte.

In der bayerischen Ersten Kammer gab cs gestern bei der Generaldiskuflion über den Etat des Innern eine Debatte über den Jesuitenerlaß der Regierung, die zu einem scharfen Aufeinander« platzen der Meinungen führte.

Graf Moy bestritt gegenüber der liberalen Presse, . daß die letzte in der Presse vielerörterte Ausschuß- sitzung in ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung ausgeklungen sei. Für seine Person bringe er dem vom Landesherrn ernannten Ministerium sein vollstes Vertrauen entgegen. TaS hindere aber nicht, ge­gebenenfalls einzelne Maßnahmen zu bekämpfen. Die eingeschlagcne konservative Richtung werde sicherlich die völlige Billigung aller Mitglieder des hohen HauseS finden.

Diese ziemlich gründliche Zerstörung der Phrase ->on den „oppositionellen Reichsräten" hielt den Gra­sen Tötring nicht ab, noch schärfer, aber nicht ge­schickter als im Ausschuß, gegen die Regierung vorzu­gehen, der er vorwars, sie habe in der Jesuitenfrage einen Bock geschossen, habe Bayern einen schlechten Dienst erwiesen usw Er behauptete auch wieder, im Namen der Mehrheit des Volkes und des katholischen Klerus zu sprechen, nahm sich bann des „konfessionel­len Friedens" an und krönte seine im ganzen merk­würdige Leistung durch einen noch merkwürdigeren Appell an die Reichsleitung: sie möge diejenigen, in deren Namen er sprach — wer in diesem Falle die „wir", von denen er redete, sein sollen, ist nicht recht klar — gegen die bayerische Regierung in Schutz nehmen.

Das sollte ihm schlecht bekommen. Sofort erhob sich Ministerpräsident Frhr. b. Hertling, um in meisterhafter Rede dem Grafen Körting eine Abfuhr zu bereiten, wie sie Wohl kaum in diesem Hause noch einer übet sich ergehen lassen mußte. Et kennzeichnete kurz und klar die-Situation, die die neue Regierung vorfand. Der Ausgangspunkt der ganzen Sache fei der Wehnersche Augusterlatz gewesen, der ohne erkennbaren Anlaß die Ausfüh- rungsbestimmungen verschärfte. In der katho­lischen Bevölkerung sei darüber große Erregung ent­standen. Wenn das Jesuitengesetz ein odioses Aus­nahmegesetz sei, das seinerzeit ohne zwingende Ver- antassung als Kampfgesetz zustande gekommen sei, wenn bet Reichstag sich mehrmals für die Aufhebung ausgesprochen, toetrt der §2 aufgehoben und das Gesetz zu einer lex imperfecta geworden fei, wenn das, was verboten sein soll, im Gesetz nicht ausgesprochen sei, wenn der BundeSrat selbst keine Auslegung gegeben habe, sei es dann ein so großes Verbrechen, wenn eine Bundesregierung das nachzuholen suchte? Als die Erregung entstand, handelten wir loyal, indem wir den Schiedsspruch deS Bundesrates anriefen, der, gleich­viel wie et auSfälll. keine Blamage bedeuten farm. Dann wandte fick bet Ministerpräsident dem Appell an die ReichSleitung zu, über den er sein Befremden aussprach. So groß sei doch die Gefahr ,«r die Jesuitengegner nicht, wenn die Jesuiten nicht nur im Wirtshaus, sondern auch auf der Kanzel Vorträge halten dürften, daß die Jesuitengegner sich deshalb um Schutz an die Reichsleitung wenden müß­ten. Und was den konfessionellen Frieden angehe, was seien denn die Beschwerden gewesen, die in dieser Richtung im Jahre 1872 vorgebracht wurden? Eitle Befürchtungen, genährt durch Abneigung. Die Be- toegung für das Gesetz sei ausgegangen vom Protestan- tenoerein, was doch eher eine Gefährdung des kon­fessionellen Friedens gewesen sei. Wenn ein großer Keil der Katholiken die Rückberufung der Jesuiten wünscht, so ist daS keine Friedensstörung. Denn nicht der ist der Friedensstörer, der wieder verlangt, was ihm genommen und toa» er ohne Gefährdung des Friedens früher befaß. Zum Schluß kam der Minister noch auf den „Vock" zu fprechen, den die Regierung geschossen haben soll. Sollte e8 wirklich so sein, meinte er, — nun auf bet Jagb kommt allerlei vor!

freuten sich damals des fürstlichen Gehalts von 7 9 Frankenmonatlich, d. i. 63 Mark, und hatten dafür noch die Bureauräume zu stellen. Dagegen mußten sich die Empfänger in diesem Berwaltungs- zweige mit nur 58 Franken, also etwas über 46 Mark, begnügen. Wiederholte freundschaftliche Vor­stellungen bei dem emporgekommenen „Genossen' Calvignac hatten keine Wirkung, und als die Aerm» sten sich einmal erkühnten, den Ovtsgebieter eine zwanglose Vorstellung über ihre Lage zu machen, verwies er sie kaltblütig auf den Instanzenweg. Die Beamten mußten sich sagen, daß Geld in der Ge­meindekaffe sei, denn Calvignac hatte sich eine Ent­schädigung von 1800 Franken jährlich zusprechen las- sen, die der Gemeinderat seither noch um einiges erhöht hat. Bor zwei Jahren erhoben die beteiligten Unterbeamten einen lauten Notschrei, und alle Blätter des Umkreises traten warm für sie ein, mit Ausnahme des sozialistischen Blattes von Carmaux, das unter der Leitung des Herrn Bürgermeisters selbst steht. Die Klage aber hatte die Wirkung, daß den sämtlichen Gemeinde­beamten, die der Maui einbegriffen, im vergangenen Jahre eine Zulage von 50 Franken gewährt wurde, worauf für das laufende Jahr die fürstliche Gehalts», erhöhung von 100 Franken jährlich für jeden folgte, mit Ausnahme der armen Mautempfänger zu 58 Franken monatlich, die nur 50 Franken mehr er» hielten. Dafür tun sie Tag für Tag vierzehn Stunden D i e n st, ohne wöchentlichen Ruhetag, indes hat man ihnen fett Anfang dieses Jahre­alle vierzehn Tage einen freien Tag zugesagt, auf den sie aber immer noch warten. Unter den eben geschilderten Umständen ist auch keine Alters- oder Hilfskaffe für die Beamten vorhanden. — Larmau; ist nur ein Beispiel für viele in Frankreich.

** Der englische Katholikenjührer Marquis of Ripon ist schon seit einigen Tagen schwer erkrankt. Bei dem hoben Alter des Patienten erachten di« Aerzt« eine Katastrophe nicht für ausgeschlossen.

*♦ König Alfons hat Madrid verlassen, um fich nach Paris und dann nach London zu begeben. Er wird am 8. August wieder nach Madrid zurück­kehren.

* Ein Vertrauensvotum für das türkisch« Kabinett. Das neue türkische Ministerium hat den ersten Sturm erlebt. Es hat sein Programm der Kamm«» vorgelegt und trotz de- Widerspruch», der sich, wir gestern berichtet, bei der Debatte erhob, ein voll­ständiges Vertrauensvotum erreicht. Mit 118 gegen 45 Stimmen bei 9 Stimmenthaltungen wurde das Vertrauen ausgesprochen. Dieses Ergebnis ist auf einen Beschluß der Jungtürken zurückzuführen, der im letzten Augenblick gefaßt wurde, nachdem di«' Partei bis dahin entschlossen war, der Regierung ihr Mißtrauen auszudrücken und sie dadurch zu Fall zu bringen. Da die Regierungserklärung ein«, formelle Anklagerede gegen die Jnngtürken bildet»/ herrscht über den Beschluß der Partei Erstaunen/ — Gestern nachmittag erschien daS gesamte Robinett,’ mit Ausnahme von Kiamil und Nazim Pascha, und! übergab dem Präsidenten einen Dringlichkeit-»! antrag auf Acnderung des Artikels 7 der Ver- sassung, betreffend daS Recht des Sultans zur! Auflösung der Kammer. Die Regierung oe». langt darin, dem Sultan das Recht zu geben, bie- Kammer, falls ungewöhnliche Umstände vorliegend auf zu lös en, nachdem der Senat sich gleichfalls' dafür ausgesprochen hat.

! Die Tardanellenfahrt der Torpedoboote. Jetzt erst wird von den Italienern zugegeben, daß bi« Türken bei der Fahrt italienischer Torpedoboots durch di« Dardanellen nicht so schlecht geschossen haben, wie sie behauptet hatten. In einem amt-j lieben Berichte, den der Kommandant Mill» übet den Angriff der italienischen Torpedoboote gegen bte Dardanellen einsandte, wird mitgeteilt, baß auf bet Rückfahrt aus ben Darbanellen bas Torpedoboot „Spica" von zwei türkischen Geschossen ge-! troffen würbe. DaS Torpebodoot „Ehimon»' erhielt von den türkischen Festungswerken sechs Kugeln, die erheblichen Schaben anrichteten. Auf ben Torpebobooten „Persco' unb „Aftore" würben burch einen Schuß kleine Beschäbi« gungen verursacht. Der .Spica' trug ferner noch eine Beschäbigung des WellbaumeS und einen Schraubenbruch davon. J

* Amerika verlangt Orbunug in Mexiko. Staats«, ekrelär Knox hat bem Führer bet mexikanischen Rebellen, General Orozco, mitt eilen lassen, baß bie! lebetfäUe und Angriffe auf Amerikaner unb ameri-1 anischeS Eigentum in Nordmexiko sofort aufhören > müßten, oder die Vereinigten Staaten würben vor« beugenbt Maßregeln ergreifen. Präsident Madero erklärte, er habe bereits Truppen nach bem Norben Mexikos abgesanbt, um bie Unruhen zu unterdrücken. Ein Eingreifen mit Waffengewalt beabsichtigen bie Vereinigten Staaten nicht. — Nach einer Meldung aus Mexiko findet seit drei Tagen zwischen Regierungstrnppen unb Aufständischen 45 Mellen von der Hauptstadt entfernt ein Kampf tatt. Die Verluste der Regiernngstruppen sollen’ 5 bis 150 Mann betragen.

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