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JVs 115.

Mittwoch den 5L 3hü 19U- 59. Jahrgang.

fuldaer

W Zeitung»

2. Slott.

druck unb verln' der Hn!-cer r'et-eickruckcr« in 5n!da.

[] I» Aachen.

Bon keinem der Bahnhöfe Aachens aus bietet der Zugang zur Stadt so vielfach belehrenden Aufschluß über den Charakter des Ortes wie gerade vom West­bahnhof.

Der Fremde, der zum ersten Mal von hier aus den ihm noch'unbekannten Boden betritt, sieht sich schon bald einem Bilde gegenüber, welches der Phan­tasie eines Meisters entsprungen zu sein scheint der auf engem Raume eine Reihe charaktertstuher Zuge zu einem einzigen eindrucksvollen, künstlerisch wir­kenden Gesamtbilde vereinigen wollte. • Von mehr prosaischem Standpunkte aus betrachtet, konnte man es eine von kunstsinniger Hand ausgeführte Re- klamedarstellnng großen Stils nennen, dazu be­stimmt, aller Welt die Vorzüge der Stadt anzu- prcisen.

■; Verraten dem Reisenden schon gleich beim Aus­tritt aus der luftigen, säubern Vorhalle die vor ihm auftauchenden Schlöte und Fabrikbauten die indu­strielle Betätigung der Einwohner, erinnern ihn dann, nachdem er an der langen Front des hütten­männischen Hochschulinstituts vorbeigeschritten, die beiden am Portale ausgestellten, derb realistisch auf- gefaßten Bronzesigurcn an die Pflege jenes Zweiges der Wissenschaft, der da der Träger unserer hochent­wickelten materiellen Kultur ist, so tritt ihm am Kreuzungspunkt der Wüllnerstraße und des „Am Pontwall" benannten neuen Promenadenzuges mit einem Male ein überraschend reizvolles, zusammen­hängendes Bild vor Augen, das ihm neuen Ausschluß über die Eigenart des Ortes zu geben vermag. Der grüne, dunkelbelaubte Hintergrund, aufsteigend von den dicht zusammengedrängten Baumreihen der Lud- wigsallee bis zu der scharfgezogenen Linie, wo die höchsten Baumspitzen des Löusberges den dunkel­blauen Himmel zu berühren scheinen; dazwischen in malerischer Gruppierung aus dem Dunkelgrün her­vorlugende Villen, so. freundlich und hellglänzend, als freuten sie sich ihrer bevorzugten Sage: Liegt nicht in diesem Anblick ein deutlicher Hinweis auf die wundervolle Lage Aachens mit dem mannigfal­tigen Wechsel von Tälern, Höhen und Wäldern, von reizenden Villen und freundlichen Landhäusern?

Und bann im Mittelgrund zur Rechten das altersgraue Brückentor so malerisch dahingelagert zu Füßen der dichtbelaubten Baumgruppen und seine wirkungsvoll gegliederte Längsseite mit Vorwerk, Brücke und Hauptburg uns zuwendend! Mit einem Schlage taucht vor dem Auge des Beschauers das geschichtliche Aachen empor, die gefeierte urbs re- galis, die mcmerumkränzte von stolzen Torburgen überragte freie Reichsstadt, die auserwählte Hüterin des Vermächtnisses Kaiser Karls. Die Mauern, an die jener trutzige Wehrbau noch erinnert, um­schlossen in Wahrheit historischen Boden, geweiht durch das Wirken der gewaltigsten Kaiserpersönlich­keit, deren riesenhafte Gestalt urplötzlich emportaucht ans dem Zcitenschoße zu alle germanische Fürsten vor ihm und nach ihm überragender Höhe.

Hoch vom äußersten Ende der waldbelaubten Höhe im Hintergründe grüßt feierlich-friedlich her­nieder der Turm eines einfachen Gotteshauses, er­baut von Karls Sohn Ludwig dem Frommen. Reu verstanden aus seinem Zerfall, schaut es heute wie vor mehr denn einem Zahrünsend weit hinaus in die Lande ringsum als höchstragende Kultusstätte des Aachener Reiches, gleichsam das Wahrzeichen der Stadt zn seinen Füßen, die als berufenste Hüte­rin der Tradition Karls nicht zum wenigsten auch seine Glaubenstreue und feinen Glaubenseifer bis tn die Gegenwart bewahrt hat. Dori rechts vom alten Stadttore kündet der kühn und leicht empor­strebende stimmungsvoll gegliederte Glockenturm der neuen Kreuzkirche von dem religiösen Sinn der Be­wohner der alten Kaiserstadt.

So erscheinen in dem vor uns entrollte» Bilde Naturschönheit, ruhmgekrönte Geschichte und lebens­kräftiges Christentum mit einander zu harmonischem Dreiklang verbunden.

Zur Linken aber erhebt sich aus der »och rm- Bngst vom rastlosen Dampfroß durcheilten weiten Fläche int Vordergrund ein Hallenbau, breit aus­greifend, wuchtig und festgefügt, besten langgestreckte

Horizontalrichtung durch schlanke Türme und abge­rundete Giebel aufs glücklichste ausgeglichen er­scheint. Im Hintergrund vom dunkelgrünen Höhen­zug des Löusberges überragt, fügt der gewaltige Bau sich willig in den Rahmen des Gesamtbildes als Festhalle für die großartigen Kundgebungen katholi- schen Glaubens bei Gelegenheit der 59. Generalver­sammlung der Katholiken Deutschlands. Pros. B.

Aus dem Nachbargeblele.

* Hersftld, 30. Juli 1912. In Uutergeis brach gestern in der Scheune des Landwirts Tsttmar ein Brand aus, der sich mit großer Schnelligkeit auf das ganze Besitztum ausdehnte. Dank der sofortigen und energischen Tätigkeit der Feuer ivehren gelang es, wenigstens einen Teil des WohnharKs zu retten. Scheune und Stallung winden ein Raub der Flammen. Hebet die Entstehungsursache ist noch nichts bekairnt.

* Kassel, 30. Juli 1912. Nach den jetzt fest- stehenden Reisedispositionen trifft der Kaiser am 12. August 6,40 Uhr vormittags auf Schloß W i l« Helmshöhe ein.

* Mainz, 30. Juli 1912. Der Großviehhändler Nußhag wurde wegen betrügerischen Bankrotts ver­haftet. Die Passiven betragen über 90000 Mark. — Die Sektkellerei Kupferberg kaufte die Alexander- kaserne auf der Mathildenterraste mit einem Flächen­inhalt von ca. 10000 Quadratmeter für die Summe von 255000 Mark.

* Rasta»,29. Juli 1912. Bei Ausgrabungen im Burgverließ deZ im Lahntal gelegenen Schlosses Langenau sand man ein fast vollständiges mensch­liches Skelett und eine Anzahl eiserner Kugeln. Das Schloß ist von dem Wiedechersteller der Marks­burg und der Hohlönigsbura, Prof. Bodo Ebhardt, teilweise in Erbpacht genommen worden. Die Aus­grabungen werden noch fortgesetzt.

* Aus Franken, 30. Juli 1912. In Aschaf­fenburg schoß beim Spielen mit einem Revolver ein löjähriger Bursche seinen etwas jüngeren Kame­raden in die Brust. — Der Fachwerkbau in Würzburg kommt zu Ehren. Da und dort in alten Gasten und freien Plätzen wird bei Er­neuerungsarbeiten die vom Unverstand vergangener Zeit mit Mörtel überworfene reizvolle Fachwerk­architektur wieder freigelegt, nicht zum Schaden des echtfränkisch trauten Bildes der Stadt. — Unterhalb der Reicheichaller Hütte an der Nordwand der Hoch- stausen stürzte am Sonntag der 28jährige Ingenieur Alois Lohe aus Würzburg 300 Meter tief ab und wurde zerschmettert. Er war der hoffnungsvolle Sohn einer Beamtenwitwe. — Ein Geschäftsmann aus der Schweinfurter Gegend hatte in Co­burg 215 Mk. eingenommen. Unterwegs verlor er das Geld, das zwei Handwerksburschen fanden, die es gewiffenhaft ablieferten.

Amt Geisa und Umgebung.

* Geisa, 30. Juli 1912. Der hiesige Gewer­be v e r e i n beging auf dem Gangolfiberg das Fest seines 50jähr. Bestehens. Bezirksdirektor Baron v. Groß beehrte das Fest durch seine Anwesenheit. Der derzeitige Vorstand des Gewerbevereins, Bäckermei­ster Otto Günther, hieß die Mitglieder und Gäste willkommen und Bürgermeister Vrehler gab einen kurzen Rückblick über die Gründung und Tätigkeit des Vereins. Der Herr Bezirksdirektor wünschte eine rege Betätigung int Verein und im Handwerk, wo­durch die innere Erstarkung herbeigeführt werde. Ein Ball im Rathaussaal beschloß die Feier.

* Vacha, 30. Juli 1912. Der Bienenwirt « schaftliche Hauptverein Thüringen dessen Verbreitungsgebiet sich über sämtliche Thüringer Staaten erstreckt und dessen Bestand sich zur Zeil auf 88 Vereine mit 2700 Mitgliedern beläuft, hält, wie schon kurz gemeldet, in diesen Tagen seit seinem 35jährigen Bestehen zum ersten 9Jiale Einkehr in der herrlichen Rhön, und hat sich das sreundliche Vacha zum Ausstellungsort und znm Tagungsort

seiner Hauptver ammlung erkoren. Nachdem in mehreren Versammlungen entsprechende Vorträge gehalten waren, fand am Montag die Prämiierung der ausgestellten Erzeugnifse statt. Der Besuch der Ausstellung von feiten der Stadt- und Landbewohner war außerordentlich rege. Als nächstjähriger Aus­stellungsort soll e>ne Stadt im Altenburger Kreise oder im Reußischen Oberlande in Aussicht genommen werden.

* Dermbach, 30. Juli 1912. Der neue Schul­st a u ist soweit fertiggestellt, daß nach den Sommer- ferien der Unterricht in ihm ausgenommen werden kann. Der Bau, der einen Kostenaufwand von 100 000 Mark verursacht hat, ist eine Zierde für den ganzen Ort.

* Buttlar, 30. Juli 1912. Gemeinsam mit dem Vachaer Verein hält der Geisaer Landwirtschaftliche Verein kommenden Sonntag, nachmtttag 3 Uhr, -eine Versammlung im Felsenkeller zu Buttlar ab. Auf der Tagesordnung stehen folgende Punkte: 1. Grün­dung" einer Ebmchaltungsgenossenschast- 2. Vortrag des Generalsekretärs Oekonomierat Link-Weimar und 3. Geschästllches.

* Stadtlengsfeld, 29. Juli 1912. Gestern platzte auf dem neuen Schachte int Menzengraben bnm Hochwinden des Schornsteines im neu erbauten Kes­selhaus der Flaschenzug, der Haken fiel herunter und traf zwei Platzarbeiter. Der etwa achtzehnjährige Reder aus Wiesenthal wurde so unglücklich getrof­fen, daß er bewußtlos zusammenbrach. Der schwere Haken hatte ihm die Schädeldecke bedenklich verletzt. Glimpflicher ist der ritoa 20 Jahre alte Börner ans Stadtlengsfeld davongekommm. Er erlitt nur leichte Verletzungen am Kopfe.

* Kaltennordheim, 30. Juli 1912. Der Gemeinde­rat hat die Einrichtung einer Säuglingsbera­tungsstelle im Ratbause beschlossen.

* Tiefenort, 30. Juli 1912. Die zwei neuen Schächte der Gewerkschaft 'Kaiserode bei Merkers be­kommen wegen zu starken Wasserandrangs Ze­rn e u t f ü ll u n g.

Literarisches.

Wer je in den römischen Katakomben geweilt, der roiib es als bochdedeuisame, n reli­giöser wie kultureller Vezichuna prei-würdige Tat »u werten wiffen, daß in Valkenbürg i^oDantj auf de- greuztem Raum in einer hochuuercssanlen Auswahl und tabeUo.cr Nachbildung eine ganze Anzahl der wichtigsten Stätten dieser ehrwürdigen unlerirdischen Welt nachgebildet ist. Tiefe eigenartige, fesselnde Schöpfung beleuchtet ein lesenswerter, prachtvoll illustrierter Artikel in der neuesten Nummer der illu­strierten Wochenschrift ,Die Welp (Verlag der ,Ger- maniatz Berlin C. 2, Stralaucr-irtraße LS) vom 28. Juli 1912, Auch der übrige Inhalt des Heftes ist von hervorragendem Interesse. Wir nennen nur noch in Kürze: Eine interessaiUe Gruppenaufnahme der kaiser­lichen Familie in den Uniformen ihrer Regime Mer. Leo Tepe van Heenistede lzum 70. Geburtstage . Die Erhaltung der Frankfurter Altstadt. Jubetsest des Deutschen Schützenbundes in Fran'surt o. Origi­nelle Wegweiser. Arbeiten bei der Anlage eines Unter« grundbahnhofes. Bilder aus der Umgegend von Tripo­lis. Bilder aus beirt unruhigen Albanien. Maler« winkel am Königssee. Dazu ein reichhaltiger belle­tristischer Teil: Zwei Romane voll Leben, Farbenpracht und Spannung. Handarbeiten, praknsche Winle, Küchenzettel u. a. m. für die Frauenwelt. Rätsel und Aufgaben. Preis 10 Pfg.

Gottes-ienstorönung.

Donnerstag, 1.August. Fulda. Frauenberg. Nachm. Vi5 Uhr feier!. Vesper mit sakrament. Segen. (Heute von mittags 12 Uhr bis morgen Mitternacht 12 Uhr können alle Etäubigen nach Empfang der hl. Sakramente so oftmal einen vollkommenen Ablaß ge­winnen, als sie die Klosterkirche besuchen und in der­selben eiwas für die Anliegen der Kirche beten. Ge­legenheit zum Beichten ist heute von 2 Uhr nb.l

Freitag, 2. August. Fuida. Frauenberg. (Portiunkula. Herz-Jesu-Freitag.) Um 5 Uhr Aussetzung und Anbetung des Allerheiligsteu bis zum Schluß des Hochamtes. Hl. Messen von V-5 bis 8 Uhr, 9 Uhr Festpredigt, Umgang und Levitenamt. Nachm. 2 Uhr feier!. Vesper, abends 6 Uhr Schlußandacht.

Aus Oberhsfien u. den Hess. Aemtern.

A Marburg, 30. Juli 1912. Am 14. Mai d. I. wurde in Mendorf an der Eder das zweijährige Söhnchen der Familie Wolf dort von einem Holz- snhrwerk aus Battenberg überfahren und getötet. Der Fuhrknecht Born aus letzterem Orte, der den Wagen begleitete, hatte sich deshalb heute vor der Ferienkammer des hiesigen Landgerichts wegen fahrlässiger Tötung zu verantworten. Er machte zu seiner Entschuldigung geltend, daß er nach Möglichkeit den auf der Dorfitraße spielenden Kin­dern ausgewichen sei, den unglücklichen Knaben, der ihm gerade in die Pferde hineingelaufen sei, habe er nicht bemerken können. Das Gericht kam nach Ver­nehmung einer ganzen Anzahl Zeugen zu einem frei- sprcchenden Erkenntnis.

!I Kirchhain, 31. Juli 1912. Die Stadt Kirch­hain leidet seit mehreren Jahren an Wasser­mangel. Es soll nuumchr der Erweiterung des Wasserwerkes uähergetreten weiden. Die technischen Arbeiten hierfür wurden dem Zivilingenieur I. Köhl in Fulda übertragen.

* Schwarzenborn am Knüll, 28. Juli 1912. Im Hinblick auf die vielerlei Vorteile, welche die Zu- sammenlegung der Grundstücke den betreffenden Gemeinden und Städten bietet, hat sich unsere Stadtbehörde jetzt mich zur Zusammenlegung unserer über 6000 Morgen großen Gemarkung ent­schlossen. Die Ausführung ist der Spezialkommisston in Homberg übertragen worden. Die Arbeiten werden schon bclb in Angriff genommen werden.

* Fritzlar, 30. Juli 1912. Der Kanonier Rückert bei der hiesigen 1. Reitenden Batterie des Feldariil- lerie-Regirnents Nr. 11 hat im März 1906 unter er­heblicher eigener Lebensgefahr ein achtjähriges Mäd­chen in St. Johann vorn Tode des Ertrinkens er­rettet. Für die tapfere Tat bekam Ruckeri eine Be­lobigung mit der Aussicht auf die spätere Verleihung der Rettungsmedaille am Bande. Durch Allerhöchste Kabinettsorder vom 16. 7. 1912 ist ihm diese nunmehr verliehen worden.

Handel nnb Ittdnslrie.

* Berlin, 30. Juli 1912. Die Börse schwimmt im Haussefahrwaffer. Ihre Zweifel an der Kon« jnnktur sind geschwunden, sie ist überzeugt, daß die Kurve unserer wirtschaftlichen Entwicklung nach oben gerichtet bleibt und daß, angesichts der her­vorragenden Ernte, eine ungünstige Wendung fürs erste nicht befürchtet zu werden braucht. Die Spe- kulattou gestaltete sich aus diesem Grunde äußerst rege. i

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Reklamen- und Anzeigenteil. . „

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1814

Kindemehl.

Tausendfach bewährte '

Nahrung beilp

Brechdurchfall,1 - Diarrhöe,"

-Krantatast. Darmkatarrh,etc. -

HsauernM'rtt.

55] Roman von Felix Nabor.

Die Worte des Pfarrers machten tiefen Ein­druck auf die Zuhörer; sie alle teilten seine Mei­nung und gaben dies durch freudige Zurufe zu 'er­kennen.

Der Amerikaner erkannte, daß er einen schweren Stand hatte, aber das bestärkte nur seinen Wider­stand. Er hatte schon schwierigere Hindernisse über­wunden und war gewohnt, daß sich alles seinem Willen beugte. Sein Reichtum war der goldene Schlüssel, der ihn alle Türen öffnete* Daß gerade diese simplen Bauern und ein armer Dorfpfarrer ihm, dem mächtigen Goldfürsten, zu trotzen wagten, fand er geradezu lächerlich. Mit denen wollte er noch fertig werden: sie mußten sich beugen, ob sie wollten oder nicht!

Und so sagte er denn im Tone kalter, spöttischer Ueberlegenheit: „Was Sie sagen, ist extrem — auf die Spitze getrieben! — Niemand will dem Volke seine „Heiligtümer" und seine „heiligsten Güter" nehmen! Vielmehr will ich das Volk beglücken, zum Wohlstand führen, ihm neue Kulturwerie erfchlie- ßen. Aber dazu brauche ich just diesen Platz — und darum muß die Kirche fallen. Das ist ein uraltes Weltoesetz: Das Alte muß dem Neuen Weichen —"

»Nicht immer!" — Nur wo es eine Naturnot- n^nbigkit ist", sagte der Pfarrer. „Aber ist Ihre patmt oder was Sie immer hier errichten wol- len eine Naturnotwendigkeit für das Dorf? Ich age Nein! Zum mindesten muß es nicht gerade , E? , y! i^in, den Sie für Ihr Unternehmen Wahlen, ^hr L-atz bon der Berechtigung des Neuen gegenüber dem Alten ist eine Hyperbel! — Sonst konnten Sie ja am Ende von mir verlangen, ich mutzte meine Kirche im Dorfe abbrechen, damit Sie ein Warenhaus oder ein Theater oder ein Restau­rant errichten konnten —" 1

3>ie{er drastische Vergleich verblüffte sogar den gegebenen <tmcrifanec, die Zuhörer aber lachten und riefen dem Pfarrer Beifall zu, wie dem Redner einer Volksversammlung. Sie fiihlten, daß er für j»e, für das Volk sprach, daß er ein Herz für sie

1 hatte, während der Gefchästsmann dort ihnen nur fein kaltes Geld bot — und dabei gewiß nicht zuletzt ? an feilten eigenen Vorteil dachte.

Mister Henry machte eine wegwerfende Gebärde und sagte: „Tas ist auch eine Hyperbel —"

»Nein — es ist nur die letzte Konsequenz, die ich aus Ihren Prinzipien ziehe."

„God bamn, die Geschieht wird mir zu dumm," ries Blister Henry. „Ich will die Sache zum Klap­pen bringen. Also, daß Sie es nur wissen: ich will ja gar keine Fabrik bauen — sondern ein großzügi­ges Elektrizitätswerk —"

„Das kommt auf dasselbe heraus! — Warum stellen Sie dieses Werk nicht auf die andere Seite des Flusses? — Neben Ihrem Sägewerk? —"

„Dazu hab' ich meine Gründe! Well! — Und nun sag ich Ihnen mein letztes Wort: Die Kapelle muß ich haben — und werde sie auch haben! — Wenn es nicht in Güte geht — dann also mit Ge­walt! — Dann aber soll sich die Gemeinde auf einen Kampf gefaßt machen, bei dem sie ihr Blut lasten muß, bei dem sie ruiniert werden kann. Das sage ick, Mister Henry Cooper, der bisher noch alles durchgesetzt hat, was er wollte, well! — Und wenn alle Stränge brechen, so tu’ ich das letzte: so muß die Regierung cinschreiten, so wird dir Kapelle als baufällig, als gemeingefährlich erklärt und ihr Ab­bruch im Zwangswege verfügt. Heute noch geht dem Pfarramt mein Kaufantrag schriftlich zu — und die Herren mögen dann beschließen. All right!"

Er grüßte kurz und herrisch und ging rasch da­von.

„Und das will der Mann sein, der seine Heimat begliuft!" sagte der Pfarrer schmerzlich bewegt und ging mit seinen Begleitern dem Dorfe zu. Er ahnte, daß ihm schwere Kämpfe bevorstauden, aber er wußte auch seinen Weg, und daß er zum Hirten dieser Gemeinde bestellt war.

Der Antrag des Amerikaners und sein Projekt, anstelle der Kapelle eine Fabrik oder ein „Licht­werk'’' zu errichten, bildete in den nächsten Wochen den Gesprächsstoff der Dorfbewohner und erregte di« Gemüter. In der Mehrzahl waren die Bauern dar.

über einig, daß die Kapelle dem Volke erhalten iverden müsse,' aber es gab doch auch solche, die von dem Bau einer Fabrik oder einer Eisenbahn die goldene Zeit erhofften und dir Anhänger des Ameri­kaners schürten diese Meinung, wie man ein Feuer schürt.

Der Stiftungsrat hatte über den Anttag Mister Henrys wohl schon einmal Beratung gepflogen, aber noch keine Entscheidung getroffen. Auch hier gab es einige, dir für den Amerikaner ein traten, sodaß cs unter den „Räten" zu einem heftigen Zusammen­stoß kam. Der Pfarrer wollte erst die erhitzten Ge­müter sich verkühlen lassen, ehe er in einer so wich­tigen Sache zur endgültigen Absttmmung schritt. Er wußte, daß die Mehrheit auf seiner Sette stand, aber er unterschätzte auch nicht die Macht des Gol­des, die ihm im Kampfe gegenüberftanl», und über­dies wollte er erst diö Antwort des Ordinariats ab- warten, dem er über den Fall Bericht erstattet hatte.

Trotzdem er fast mit Gewißheit wußte, daß er in diesem Kampfe Sieger fein werde, war er von Sorge erfüllt. In seine bisher so friedliche Gemeinde war mit einem Male ein Kampf hineingetragen worden, der ihr verderblich werden konnte. Die Gier nach Gold war in vielen erwacht und ließ sie bergeff en, daß es höhere und kostbarere Güter gibt als den Mammon. Von dem Manne, der über so unermeßliche Reichtümer verfügte, erwarteten auch sic goldene Berge und ein Lebenin Lust und Freude. Das war ein gefährliches Gift, das ins Blut des Volkes geträufelt wurde, das war wie fteffendes Feuer, das in das dürre Gras des Waldes geworfen wird: es steckte den Wald in Brand.

Mit Strenge und Härte war hier nichts zu er­reichen, nur Milde, Mahnung und Gottvertrauen konnten hier retten und die Liebe, die große, hei­lige Siegerin, vermochte das Weltgift zu bezwin­gen, das der Dämon „Gold" dem Volke ins Blut spritzte.

Am folgenden Sonntage kam auch Baldwin in das Dorf und erfuhr von der Sache. Er schämte sich, daß fein Onkel ein Sprosse seines alten Bauern- gcschlechtes, einen solchen Kampf heraufbeschworen hatte, war aber zugleich fest entschloffen, ihm ent- gegenzukrete« imb alles zu tun, um dessen Plan zu vereiteln.

Mit dem Doktor und einigen angesehenen Bür­gern begab er sich nach dem Gottesdienste hinaus zu der Kap-lle und besichtigte die schadhaften Stellen.

„Von einer Gefahr für die Besucher kann keine Rede fern," entschied der Doktor, „aber eS kann auch die Baufälligkeit nicht wohl geleugnet werden. Und wenn dieser Mister Cooper an die Regierung appel­liert, so kommt in die Sache ein Haken. Denn einerseits will die Regierung dec Gemeind« nicht zu nahe treten, andererseits aber möchte sie eine so be­deutende kommerzielle Kraft, wie sie der Amerika« ner ist, dem Lande erhalten, zumal, wenn er mit sei­nen Plänen herausrückt und seine Millionen von Amerika in unser Land disloziert. Es kommt bann ganj auf die Persönlichkeit des Sachverständigen an, den die Regierung mit der Untersuchung der Kapelle betraut; auf fein Haupt wälzt sie die Verantwor- hing ab und wäscht sich in Unschuld die Hände — wenn der Amerikaner reüssiert."

, »Das wäre freilich schlimm", erwiderte Bald­win, und sehr zu bedauern. Zank und Hader, Haß und Feindschaft würden da emporschietzen wie

„Ich habe nur die eine Hoffnung, daß die Regie­rung die Sache auf die lange Bank schiebt. Zeit gewonnen — ist für uns alles gewonnen. Wir können inzwischen handeln. Nur heißt es da klug sein!"

„Ich wüßte Wohl einen Weg", sagte Baldwin. „Wenn der Pfarrer gezwungen ist, den Kampf allein zu führen, so hekonimt die Sache ein schiefes Gesicht. Dann wird man im Lande draußen von ägyptischer Finsternis, Rückständigkeit und anderen Dingen re­den und alles ihm in die Schuhe schieben. Das soll nicht sein Vielmehr müssen wir an feine Seife treten. Mann für Mann, das ganze Dorf. Von unten, vom Volke aus muß die Bewegung gehen, die sük di« Erhaltung des Gotteshauses eintritt und zwar nicht nur aus religiösen, sondern auch histo­rischen, künstlerischen und ästthetische« Gründen, so­wie aus Gründen.der 9Setat Ich denk also, daß wir Männer aus bem Volke für vir gute Sache wer­ben, eine Petition aufsetzen ünb unterzeichnen und an das Ordinariat und an die Regierung ein rei­chen," ..

fSottiefeuna folat,!