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39. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 31. Juli 1912.

Erstes Blatt

M 173

und einer bei Schichau gebaut. Danlit hörten zu- nächst alle Auslandsbestellungen an größeren Schis, fcn auf. Der Vulkan hat es zuerst vermocht, sich durchzusetzen, indem er 1910 für Uruguay einen kleinen, sogenannten Torpedokreuzer baute, 1911 für Rußland die Pläne für einen ähnlichen, aber schnei- ' leren Kreuzer lieferte, für den er (der Vulkan) toe* nigstens die Maschinen selbst einbaute. Bei dem neuen Panzerkreuzer für Griechenland soll es sich nach den bisherigen Nachrichten um ein dem „Geor­gias Awerosf" ähnliches Schiff handeln, also von etwa 10000 Tonnen Wasseroerdräagung. Der erste große Auftrag wieder. Möchten ihm noch manch« folgen!"

♦♦ Unter der sozialdemokratische» Fuchtel. Die Generalversammlung des sozialdemokratischen Wahl­vereins in Düsseldorf beschloß, gegen zwölf im Betriebe des Parteiblattes beschäftigte Genoffen, die sich weigerten, den Arbeitslohn vom 1. Mai an den Maifonds abzuführen, das Ausschlußverfahren einzuleilen. Selbstverständlich, die „Genoffen" haben einfach zu blechen, was die Parteimachlhaber vor­schreiben, dürfen dafür aber schreien über „Aus­beutung" durch Staat und Gesellschaft. In der Diskussion über den Antrag führt« ein Redner aus, die sich weigernden Genossen seien so gestellt, ta­ste von ihrem Lohn nichts entbehren konnten, wenn die Familie nicht leiden soll. Das machte bei den „Genoffen" aber keinen Eindruck. Die Sünder mußten .fliegen".

O Im elsässischen Reichstagswahlkreise Schlettstadt ist durch den Tod des Abg. Dr. Will eine Ersatzwahl erforderlich geworden. Bei de» letzten Reichstagswahlen vereinigte Dr. Will 8340 Stimmen auf sich, während sein sozialdemokratischer Gegenkandidat 4065 Stimmen erhielt. Unter de» sozialdemokratischen Stimmen befanden sich auch ungeiähr 2000 Liberale, da die Liberale» auf di» Ausstellung eines eigenen Kandidaten verzichtete». Der Wahlkreis ist dem elsaß-lothringischen Zentrum sicher. Es stellte dcn Chefredakteur Dr. H ägy vom .Elsäffer Kurier" als Kandidaten auf. Di« Sozial­demokraten haben den Gewerkschaftsbeamten Jmbt ausgestellt. Wie es heißt, wird auch di« Fortschritts­partei einen eigenen Kandidaten präsentieren.

♦* Nichtbestätigte sozialdemokratische Stadt:ite. Di» Regierung Reuß j. L. lehnte zum dritten Mal» die Bestätigung der zwei sozialdemokratischen Stadt­räte ab und droht bei glc.chartiaer weiterer Wahl! die kommiffarische Besetzung der Stellen an.

NonatrveUage: „Sulbaer GeschlchtZbMer"

jetzt über Neu-Kamerun geschrieben hat. Es ist betannt, daß die französische Kolonialverwaltung das Kongogcblet gänzlich vernachlässigt hat. Die deutsche Verwaltung wird das stcherkich nicht tun, und die Tüchtigkeit* ihrer Beamten läßt hoffen, daß mir aus dem Gebiet doch etwas anderes machen werden als die Franzosen. In der Kolonialver­waltung selbst ist man dieser Ansicht, wenn man auch von den .Reizen der anmutigen Kongoland- schaft" nicht gerade entzückt ist. Also etwas mehr Optimismus!

* Ter erste große Auftrag wieder. Zu der Nach­richt, daß der Stettiner Bulkanwerst nun außer dem Torpedobootsauftrag für di- griechische Regierung auch dec Auftrag für einen Panzerkreuzer erteilt ist, schreibt man dem „Berl. Lokalanz.": „Zweifel an der Gleichwertigkeit der Seiftungen der deutschen Kriegsschiffswerften mit denen des Auslandes haben nie bestanden. Leider spielt aber das meist nicht die ausschlaggebende Rolle. Politische und namentlich kapitalistische Rücksichten beeinflussen die Entschei­dung stark. Kleine oder industriell unentwickelte Staaten sind es ja ausschließlich, die die Kriegs­schiffe nicht im eigenen Lande bauen. Bei kleinen -Staaten ist die Abhängigkeit von großen Finanz- grnppen leicht erklärlich. Bei großen, industriell nicht genügend entwickelten Staaten wiegen die poli­tischen Freundschaften vor. Unfer Krregsschiffsbau für fremde Staaten hat, abgesehen von Torprdofahr- zeugen und einigen Unterseebooten, seit dem Jahre 1900 ganz gestockt. Von Mitte der neunziger Jahre bis jetzt wurden für Japan ein Panzerkreuzer, für China zwei geschützte Kreuzer auf der Vulkanwerft, für Rußland ein Kreuzer auf der Germaniawerft

yeutsches Reich.

** Berlin, 30. Juli 1912. Der Reichskanz­ler empfing am Montag den Besuch des österrei­chisch-ungarischen Botschafters Grafen von Szö- gysny. — Die Reichsregierung hat, wie die Braun­schweigische Landeszta. ans Berlin hört, beschlossen, die marokkanischen Behörden für die E r m o r d u ng des Deutschen Opitz in vollem Umfange haftpflich­tig zu machen, die strenge Bestrafung der Schuldigen und die Auszahlung eines angemessenen Schadener­satzes bezw. einer Sühnesumme zu fordern.

O Verstärkte Mittel zur Förderung des Obst- und Gemüsebaues. Dem Vernehmen nach dürste der nächste preußische Etat verstärkte Mittel zur Förde­rung des Obst- und Gemüfcbaues fordern. Der Landwirtschastsmimster hat bereits in der Budget» lommission des Abgeordnetenhauses anerkannt, daß eine Verstärkung der für Unterstützung des Obst­und Gartenbaues ausgesetzten Staatsmittel not­wendig sei.

4- .Tie Reize der anmutigen Kongolandschasten* beschäftigen zurzeit die alldeutsche Presse, die in den Mitteilungen der Denkschrift des Kolonial­amtes eine Bestätigung ihrer früheren Aeußerungen über unsere Neuerwerbungen zu sehen glaubt. Das Kolonialomt war zu der Zeit, als die Marokko» ftage akut war, der Ansicht, daß wir vom Kongo­gebiet die Hände weglaffen sollten. Daß seine Denkschrift die .Kongolandschasten" nicht gerade rosig malt, ist begreiflich. Damit soll natürlich keineswegs gesagt sein, daß die Denkschrift nicht mit dem nöligen Streben nach objektiver Darstellung verfaßt worden sei. Aber mau sollte sich doch da­vor hüten, die Verhältnisse in unserem neuen Gebiete noch schwärzer darzustellen, als di s in der Denkschrift bereits geschieht. Der Wunsch, daß wir bei dein vorjährigen Handel ein besseres Stück Neuland bekommen hätten, ist gewiß löblich. Wir sind aber nun einmal nicht in der glücklichen Lage und 'müssen uns darin schicken, im Kongogebiet das Feld für kolonisatorische Tätigkeit und unternehmungs­lustigen Wagemut zu haben. Die Unternehmungslust wird aber beim deutschen Kaufmann nicht gerade aestcigert, wenn N.»-Kamerun von einer gewissen Presse Tag für Tag als ein .geradezu mörderisches' Gebiet geschildert wird. So schlimm ift es nun doch nicht, dafür zeugt schon die Tatsache, daß zahl­reiche französische Gesetlschasten sich in dem jetzt deuts! en Gebiet betätigen und es durchaus nicht begrüßten, daß die französische Regierung daS Land an uns Deut che abirat. Wenn die Regierung in absehbarer Zeit kommen wird — und das wird sie sicher — nm sür die Schiffbarmachung eines Stromes in dem reuen Kolonialgebiet auch nur eine kleinere Summe »om Reichstag zu verlangen, dann wäre es von dem Standpunkt, den unsere alldeutsche Presse bis jetzt einnimmt, nur konsequent, die Forde­rung rundweg abzulchncn. Wir glauben, das wird unsere alldeutsche Presse sicher nicht wollen. Sie wird sich aber nicht beklagen können, wenn gegen etwaige Forderungen für das neue Gebiet von sozialdemo­kratischer Seite inaßloie Hetze einfetzcn wird; die sozialdemokratischen Blätter brauchen sich bann nur auf eas zu berufen, was die alldeutsche Presse bis

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Aufschwung genommen wie nie zuvor. Den Glanz­punkt seines kirchlichen Wirkens bildete darum der erhebend und prachtvoll verlaufene internatwnalr Eucharistische Kongreß in Köln vom Iah« 1909, des­sen Veranstaltung wesentlich ferner Forderung und Initiative zu verdanken war. Pms X., der Wreder- holt seine hohe Befriedigung über den Verlauf des Kongresses ausgesprochen hat, gab in einem eigenen Breve an den Kardinal Fischer seiner großen Zu- fnedenheit und Freude über „diesen Triumph der christlichen Religion und dieses glänzende Schauspiel des Glaubens" Ausdruck.

Vor zwei Jahren hat Kardinal Fischer unter der freudigen Anteilnahme des katholischen Deutsch­land seinen 70. Geburtstag begangen. Die Wünsche, die damals dem Kirchenfürsten dargebracht wurden, daß er noch viele Jahre seines hohen AmteS malten möge, sind leider nicht in Erfüllung gegangen. Die letzten Nachrichten aus Neuenahr ließen eine Hoff­nung auf Erhaltung seines Lebens nicht mehr zu In der vergangenen Nacht hat ihn Gott zu sich berufen, um ihm den Lohn für fein Irenes Wirken ur gewähren. Von uns geschieben, wird er auch im Jenseits bas katholische Dentschland nicht ver­gessen und uns ein eifriger Fürsprecher am Throne Gottes fein.

W. Neuenahr, 31. Juli 1912. (Telegr.) Am Sterbelager des Kardinals Fischer befand sich gestern abend vor dem Tode des Kardinals der Bischof von Kopenhagen, van Euch.

Durch die inneren Reformen war Japan mehr und mehr zu einem kapitalistischen Jndustrisstaate geworden. Das Jnselreich ward zu eng und es folgte die Epoche der imperialistischen Ausdehnung. In den Eroberungskriegen gegen China (1895) und ge­gen Rußland (1904) wurde der Inselstaat zu einer auch auf dem Kontinent beheimateten Macht. Korea, die Liaotunghalbinsel, die Südmandschurei, auch Formosa, sind der Machtzuwachs der letzten achtzehn Jahre.

Die Zeit Wutsuhitos ist für Japan so eine Pe- riobe eines rapiden nationalen Aufschwunges gewe­sen. Ein weitausgreifender, chauvinistischer Im- perialismus hat die Ration aber auch bis an dir Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit getrieben, vielleicht über diese hinaus.

Tie Thronbesteigung des neuen Kaisers Hoshihito ist bereits amtlich verkündigt worden. Der Kronprinz leistet- gestern im Palast in Gegenwart der Minister den feierlichen E i d auf die Verfassung. Der Hof legt auf ein Jahr Trauer an. Für die Nationaltrauer sind außer dem Sage der Bestat- tungsseierlichkeiteir drei Tage vorgeschrieben.

das Ofizierskasino in Kumamoto. Der General­major Taueda und viele seiner Kameraden wurden ermordet, und am anderen Morgen mußte sich das moderne Infanterieregiment, das die Garnison der Stadt bildete, in seiner, Kaserne den Rebellen erge­ben. Im Jahre darauf erhob sich der Ritter Saigo Takonori an der Spitze von 40 000 Gegnern des neuen Regiments gegen den Kaiser. Aber in einem langen, blutigen Feldzuge blieb die Regierung sieg­reich, und seitdem hat der alte Adel keinen Auf­stand mehr gewagt. Auf den Rat Jws bildete der Kaiser im Jahre 1885 ein Ministerium nach europäischem Muster; ,1888 wurde die Städteord­nung gegeben und schließlich, im Jahre 1889, die mit Spannung erwartete japanische B e r s a s s n ng. Am 29. November 1890 konnte Mutsuhito in feier­licher Form das erste japanische P a r I a m e nt er­öffnen. Die Erfolge, di- Japan auf dem Gebiet der auswärtigen Poliffk erst China, dann Rußland ge­genüber errang, sind allgemein bekannt.

Obwohl der Kaiser selbst niemals persönlich in den Vordergrund getreten ist, hat er den richtigen Blick für die Männer gehabt, in deren Hände er die Geschicke Japans legte. Marquis Ito, der schon als Knabe heimlich auf einem Segelschiff nach (Europa geflüchtet war, wurde Ministerpräsident des ersten Kabinetts und in Gemeinschaft mit Jnonpe, Okobn und Sfamagata der hervorragendste Ratgeber des Kaisers. Der Erfolg seiner Poliffk ließ auch nicht lange auf sich warten. Mit Staunen gewahrte Europa bei der Pariser Weltausstellung von 1878 die Wandlung des ohnmächtigen mittelalterlichen Feudalstaates zu einem modernen Kultur- und Mttitärstaate.

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«eile, 47 nm >«•#, kostet 15pfg. ReDaiaen: per Saum einer Cole* neheite, 74 nun breit, kostet 40 pfg.

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O Zttm Regierungswechsel i« Jupa-k.

Dem verstorbenen Mikado Mutsuhito widmet ter Meichsanzeiger' einen Nachruf, in dem es heißt;

„Dem Heimgegangenen Monarchen war cs beschieden, Über d>e Geschicke des japaniichen Volkes in oer be- oeutsamen Zeit zn walten, wo sich die Umwandlung Japans ans seiner alten Staatsform, in eine moderne Großmacht vollzog. Mit dem deutschen Reiche hak der Kaiser freundschaftliche Beziehungen unterhalten. An der Trauer, in die das japanische Volk durch sein Hin'cheiden veruht wurde, nimmt auch Deutschland aufrichtigen Anteil."

Der Hinweis auf die Umwandlung Japans in eine moderne Weltmacht hebt die wichtigste Bc» sonderheit der Regierung deH verstorbeiten Kaisers hervor. In der Tat hat kein Monarch der Gegen­wart in feinem Reiche so gewaltige Umgestaltungen erlebt, wie Kaiser Mutsuhito, der 161. Sproß der £ pnastie Dchium Tenn, die bereits 2000, nach den Behauptungen einiger Gelehrter sogar 2500 Jahre über Japan herrsch?.

In der Frühzeit seiner Regierung lebte er unter dem die weltliche Macht ausübenden Schogun noch in einer Art streng tr Klausur und die Großen des Reiches empfing er nur in einem Zelte, das noch durch einen dichten Vorhang abgeschlosien wurde, da­mit nur ja kein Sterblicher das geheiligte Antlitz des „Sohnes des Himmels" erblickte. Aber es dauerte nicht lange, bis Kaiser Mutsuhito sich von der Herr­schaft des Schogun, des Inhabers der geistlichen Ge- walt, befreite und dem die ganze frühere Geschichte Japans beherrschenden unheilvollen Gegensatz — hier der zum bloßen Popanz gewordene Mikado, dort der alle Regierungsgewalt in seiner Hand vereini­gende, vom Usurpator allmählich zum wirklichen Machtl vVl- gestiegene Schogun — ein Ende machte, yhttftt.". > trat damit aus der bisher traditionellen Weltabgeschiedenheit seiner Vorfahren heraus. Am 5. Januar 1869 empfing er in seiner neuen Resi­denz Tokio, das an di- Stelle des historischen Kioto trat, zum ersten Mal die Vertreter der fremden Staaten. Damit war tatsächlich für Japan die neue Zeit angebrochen. Der alte Feudalismus wurde nach und nach gänzlich beseitigt und an seiner Stelle erstand ein zentralisticher Beamtenstaat. Tas erste denkwürdige Dekret, das Kaiser Mutsuhito am 17. Juni 1869 erließ, hob mit einem Schlage sämt­liche 270 Kleinstaaten und alle Vorrechte des Adels auf. 1870 wurde die Justiz von der Verwaltung getrennt und der Telegraph eingeführt. 1871 folgte die Schöpfung einer modernen Armee, der Reichs- Post und eines neuen Münzsystems, 1872 die allge­meine Schulpflicht und die erste Eisenbahn von To­kio nach Jokohama, 1873 die allgemeine Wehrpflicht und die Annahme des gregorianischen Kalenders. Aber bald wurde die Entwicklung durch neue Stuf’ stände unterbrochen. In der Nacht vom 24. zum 25. Oktober 1876 überfiel eine Schar des alten Adels

Ausland.

** Hetze gegen die katholisch«» Ire«. Nach einer Meldung der ,Chroniele^ au8 Belfast nimmt die! Erregung unter der katholischen Bevölkerung oon; Belfast immer mehr zu. Die Geistlichkeit hat [bi« größte Mühe, sie von Angriffen auf die Orangeme» die fortwährend Spottlieder auf den Papst und di« Kirche singen, abzuhaften. Man befürchtet die Er­neuerung der vorjährigen Ausruhrszenen. Di« Ge­schäftsleute von Belfast weigern sich, durch di« Drohungen seitens der Orangemen gezwungen, de» Katholiken etwa? zu verkaufen. Die von einige» irischen Bischöfen begonnenen Sammlungen, die z» gunsten der Arbeitslosen bienen sollen, weisen gut« Ergebnisse auf. Eine hervorragende Persönlichkeit Englands, deren Namen nicht genannt wird, hat allein 1000 Pi and gestiftet.

♦♦ Wiederaufnahme der Arbeit ie London. Der verlängerte Ausstand ist schon bald zusammen« gebrochen. Gestern morgen erfolgte die allgemein« Wiederaufnahme der Arbeit in de» Docks. Viele nichtorgamsicrt« Arbeiter sind infolgedeffen emlaffen worden. Der Wiedereinstellung der Streiten« den scheinen sich gegenwärtig keine Schwierigkeiten entgegenzustellen. Wahrscheinlich ist der normal« Zustand bald wieder hergestellt.

** Die Unabhängigkeit des portugiesische« Richter« standes gehört nunmehr der'Geschichte an. Ein Dekret der Regierung sieht die Einsetzung eines obersten Rates und drei von der Regierung be« fiimmten Richtern vor. Die Regierung hat jetzt vollständig die Richter in ihrer Gewalt. Anlaß zu dieser befremdenden Maßregel gaben di« vielen freifprechenden Urteile, die von den Richtern gegenüber angeblichen Verschwörern gefällt wurden.

** Sturm in der türkischen Kammer. Gestern trat das neue türkische Kabinett vor die Kammer mit einer R egierungserklärung. Die Abgeordneten sowie ganz Konstantinopel befanden sich in größter Spannung, galt es doch als feststehend, daß der Mi- nifterrat beschlossen habe, die Kammer aufzulösen. Zum Schutz der Kammer waren 150 Mann Trup­pen am Eingang des Parlamentsgebäudes aufge­stellt wordm. Alle Mitglieder des Kabinetts Ware» anwesend. Der Großwesir verlas sodann die R e- gierungserklärung. Die Regierung habe die Macht inmitten großer Schwierigkeiten übernom­men. Die Ursache der Schwierigkeiten seien di« ungesetzlichen Eingriffe der Behörden bei den Parla­mentswahlen und die Teilnahme der Regierung an der Politik. Die Regierung habe eine Untersuchung der Wahlen angeordnet. Ferner werde sie die Armee und Beamten an der Einmischung in die Politik hindern. Sie werde die provisorischen Gesetze be­seitigen. Bezüglich des Krieges sagt die Erklä­rung: Die Regierung werde die Verteidigung des Landes fortsetzen, bis eine dem Recht, der Ehre und der Würde der Regierung entsprechende Grundlage für den Frieden gefunden fein werde. In der äuße­ren Politik werde die Regierung die bis zum Januar 1909 eingeschlagene Politik fortsetzen. — Nach Ver­lesung der Regierungserklärung begann eine leb­hafte Debatte zur Geschäftsordnung. Die Jung- türken beantragten, dieDiskussiou zu vertagen. Na­mens der Regierung wurde erflärt, daß sie auf der sofortigen Erörterung bestehen müffe, weil sie ange­sichts der gegenwärtigen Schwierigkeiten nicht war­ten könne. Talaat Bey sagte, es heiße, daß auf die Forderung einig:r Revolutionäre die Kam­mer aufgelöst werde. Die Partei werde mtt reinen Händen vor die Nation treten. Zunächst sei es nötige

□ Kardinal Fischer f.

Köln, 31. Juli 1912. Ter Erzbischof von Köln, Kardinal Fischer, ist heule nacht 11 Uhr 30 Almuten in Neuenahr gestorben.

Kardinal Fischer ist am 30. Mai 1840 in Jülich «ls Sohn eines Lehrers geboren, hat somit ein Alter von 72 Jahren erreicht. Er besuchte das Pro- gymuasium zu Jülich, wo der spätere Erzabt der Beuroner Benediktmer Maurus Wolter aus Bonn sein Religionslehrer war, und machte am Friedrich- Wi!he!m-Oymnasium zu Köln sein Abitnrienten- Examen. Hierauf studierte er drei Jahre in Bonn und ein Jahr in Münster Theologie. Am 2. «ep- terrt er 1863 empfing er die P r i e st er w el h e und am 23. Januar 1864 wurde er zunächst als vorläu­figer Religionslehrer am Gymnasium zu Essen be­schäftigt, welche Stelle er sodann 25 Jahre lang bekleidete, bis er am 19. November 1888 zum D o m- kapitular in Köln ernannt wurde. Im Jahre 1886 promovierte Fischer an der Universität Tü­bingen mit der Schrift: lieber das Heil der Ungläu­bigen, zum Tottor der Theologie. Aus Vorschlag des Professor Scheeben vom Kölner Priesterseminar machte ihn Erzbischof Krementz, nachdem sich eine Kandidatur Fischers als Professor an der Bonner Universität zerschlagen hatte, zum Hilfs-W eihbi - s ch o f, und so wurde er am 14. Februar 1889 als Titularbischvf von Juliopolis ernannt und am 1. Mai 1889 im Kölner Dom von Erzbischof Krementz geweiht. Nach dem viel zu frühen Tode Erzbischof Simars wurde der bisherige Weihbischof Fischer zum Erzbischof gewählt in der Bischofswahl vom 6. November 1902. Am 19. März 1903 im Kölner Dom inthronisiert, mehrten sich rasch und in kurzer Aufeinanderfolge die Ehrungen des bisher in der Sfflle und in bescheidener Zurückgezogenheit leben­den Bischofs. Beretts am 22. Juni 1903 wurde er um Kardinal ernannt und nahm bald darauf am Konklave zur Wahl Pius X. teil. Der Kaiser überreichte ihm den Kronen-Orden 1. Klaffe, berief ihn auf Lebenszeit ins Herrenhaus und verlieh ihm den Adler-Orden 1. Klaffe.

Die Arbeit, die Kardinal Fischer sowohl als Weih- bischof wie auch als Erzbischof von Köln geleistet hat, nt bedeutend. Wohl kein Kölner Erzbischof hat so ferne Diözese gekannt wie gerade Fischer sie kannte. Hunderte von Kirchen und über tausend Altäre hat er kousekriert, Hunderttausende gefirmt, einer großen Schar von Welt- und Ordensgeistlichen die Priester- werhe erteilt, und über zehn Bischofskonsekrationen vorgenommen. Eine Herzenssache waren für ihn von jeher die K l ö st e r, die er gern besuchte und auf klösterliche Zucht und Vollkommenheit überwachte. Der Aufbewahrung der Reliquien und der Heiligen­verehrung wandte er eine solche Sorgfalt und Mühe zu, wie kaum ein anderer. Bei der Erziehung der jungen Theologen am Bonner Konvikt setzte er ie'nen Geist durch. Kirchliche Vereine und Kon- g regationen waren seine Lieblingsschöpfungen in den einzelnen Gemeinden. Auch den übrigen katholischen Vereinen bracht: er lebhaftes Interesse entgegen. Bei zahlreichen anderen Gelegenheiten hat er die Not­wendigkeit der sozialen und charitativen Bereini­gungen betont, die Organisation der Standesvereine, kathol. die Gesellen oereine, den Angusffnusverem, den Katholischen Frauenbund und ganz besonders den V o l k s v e r e i n für das katholische Deutsch­land durch ermunternde Worte in chrer Wirksamkeit unterstützt oder gegen ungerechte Angriffe und Ver­leumdungen — wie er e- selbst bezeichnete — ge­schützt und verteidigt. 'Nachdrücklich empfahl er die Unterstützung und den Bestrttt zum Albertus M agnus-Verein und zur G ö r r e s g e s e li­sch af t, well die beste Widerlegung des alten Schlag­worten von einem Gegensatz zwischen Wiffenschast und katholischem Glauben die tatsächliche Pflege der Wissenschaft von katholischer Seite sei.

Den sozialen Bestrebungen hat sich Erz­bischof Fischer in den letzten Jahren besonders zu- gewandt, und seine erste große Tat war eine Zen­tralisation aller charitativen und sozialen Bestrebun­gen unter der Leitung seines Sekretärs Dr. Ober- dörffer zu Köln. Schon in Essen hatte der damalige Religionslehrer Fischer den Arbeitern eine warme Sympathie und eine liebevolle Sorge entge­gengebracht, wie überhaupt allen auf den wirtschaft­lichen Frieden gerichteten Bestrebungen ein tätiges Interesse gewidmet und durch eifrige Mitbetätigung in der Seelsorge sich wie mft den Bedürfnissen aller Stände, so besonders der handarbeitenden Klassen vertraut gemacht. Gleich in seinem ersten Hirten­schreiben vertrat er auf Grund der Enzykliken Leos XIII. die Forderungen der sozialen Gerechtig­keit^ und ihre Erfüllung unter der staatlichen Bei­hülfe. Bekannt ist seine Stellung gegenüber den christlichen Gewerkschaften, die er wiederholt für be­rechtigt und notwendig erklärte. Tatsächliche Be­weise dieser Auffassung von der Bedeutung der christlichen Gewerkschaften gab er u. a, als er im Winter 1905, da der Bergarbeiterstreik im Ruhr­gebiet ausgebrochen war und viele Arbeiterfamilien in Not gerieten, dem Gewerkverein christlicher Berg­arbeiter in Altenessen eine größere Geldsumme zur Unterstützung notleidender Bergleutefamilien über­wies. Für die Förderung der K u n st in der Köl­ner Diözese ergriff Kardinal Fischer selbst die not­wendigen Maßregeln, die bisher von einer Kommis­sion besorgt worden waren und stellte den Dom­kapitular Dr. Steffens an die Spitze des Diözesan- Museums. Noch kürzlich hat er einen kunstwissen­schaftlichen Kursus für Geistliche in Düsseldorf ver­anstalten lassen, bei dessen feierlicher Eröffnung er selbst anwesend war.

, Besonders muß noch gedacht werden des nach­drücklichen Eintretens des Kardinals für die Erhal- tung und Förderung des Friedens unter den Kon f e i s io n en unseres Vaterlandes. Kardinal ^rffcher hat sich nicht zuletzt damit als warmherziger Patriot gezeigt und das Märchen von der bürgerli­chen Intoleranz des Katholizismus widerlegt.

Das religiöse Leben hat unter bet Regierung des Kardinals Fischer in der Kölner Diözese eine» i