JVe 170.
Zamrtsg den 27. Juli 19(2.
59. Zayrgang.
* fuldaer S Zeitung
2. Blatt.
« »rw< «nb Verla- öer S*lb«er XdkRbrnAld m gelbe.
— Dar waren die Worte des Herr» Destree. Aich der Rechten hatte man den Eindruck, als. 06 bew schieden- Sozialisten für das Frauenrecht fttmme* würden, wenn das allgemeine Wahlrecht nicht ander» erreichbar wäre. Auch ließ Herr Destree durchblicke«, daß sich die Sozialisten der Aussassung des Senat» anschließen werden.
Ausland.
* Aus der belgischen Kammer. Seit dem 9. Juli ist die Kammer zu einer außerordentlichen Session zusammengetreten. Man glaubte zuerst, daß diese Session, in der es sich nur um die Bestätigung der Wahlen handelte, in 14 Tagen erledigt sei. Es zeigt sich aber, daß sie noch etwas länger dauern wird. Als es sich darum handelte, die erste Wahl für gültig zu erklären, hat die Oppsition eine Generaldebatte angeschnitten, bei der es sehr stürmisch zuging. Das Publikum schenkt der Debatte keine Aufmerksamkeit, da die Berurteilten und die Besiegten vonr 2. Juni nichts anderes zu tun wissen, als chre Richter zu schmähen. — Die Opposition machte zuletzt selbst den Vorschlag, die allgemeine Diskussion zu schließen. Vor Schluß hielt jedoch ein Parteiführer der äußersten Linken eine bemerkenswerte Rede, die durch ihre Mäßigung scharf gegen die derben Worte absticht, die bisher auf Seite der Linken die Debatte beherrschten. Er sührte aus: Die sozialistischen Deputierten wollen keinen Generalstreik, das wollen nur die Arbeiter. Wir beugen uns vor der Entscheidung des sozialistischen Kongresses. nehmen auch sie diese Entscheidung an, mit Rücksicht auf den Vorschlag der Verfassungsrevision. Dann können auch wir weiter verhandeln. Wenn es erwiesen ist, daß wir uns über ein neues Wahlsystem nicht einigen können, nun wohl, dann ist es immer noch Zeit, den Revisionsantrag zurückzu- wcisen. Die Sozialisten und die Liberalen sind sich allerdings über das wahlberechtigte Alter nicht einig. Die Sozialisten schlagen 21 Jahre vor, viele unter den Liberalen wollen 25 Jahre. Die Rechte kann sich ja mit den Liberalen zusammenschließen und so die nötige Mehrheit bilden, damit der Antrag auf 25 Jahre zur Annahme gelangt. Viele katholische Deputierte erklären, daß sie die allgemeine einfache Abstimmung nur dann zuließen, wenn man sie auch für die Frauen einröumte. Die Sozialisten haben diese Reform auf ihrem Programm. Aber verschiedene ihrer Mitglieder sind nicht dafür zu haben, das Frauenwahlrecht jetzt schon einzuführen.
Eines nur gcht auS den Auslastungen deS liberalen Blattes hervor: Es wünscht nichts sehnlicher al» eine Lösung der Ding», die dm.Berlinern" Master auf die Mühl« gießt. Der Wunsch, daß durch b« Berlinerei dem Katholizismus Wund« auf Wunde geschlagen werden mög^ ist dabei der Hintergedanke. Die Gegner der Kirche werden aber noch um manche Enttäuschung reicher werden.
* Ein« anmutige Gaunerei ist von der sozialdemokratischen und liberalen Presse in die Welt gesetzt worden, um den dösen „Agrariern" eins anzuhängen. Da soll in einer hannoverschen Zeitung eine Anzeige folgenden Inhalts gestanden haben:
„Erholungsaufenthalt auf dem Lande, etwa 14 Tage, finden sofort 15-20 erholungsbedürftige, junge Mädchen oder Kinder (Mädchen nicht unter 12 Jahren) aus rechtlichen Familien auf meinem Gute bei freier Station. Dieselben müflen dafür 8—10 S t und eu täglich Erbsen pflücken. Fleißigen Pflückerinnen wird außerdem nochBarverdienst gewährt. Bewerberinnen wollen sich Mittwoch, abends 7‘/i Uhr, Bahnhof, Wartesaal 3. Klaffe melden. Gut Holtau bei Celle.*
Es mag dahingestellt bleiben, ob sich Erholungsbedürftigkeit undErbsenpflückenmiteinander vertragen, und ob die frei« Station d.r richtige Gegenwert für die geforderte Arbeitsleistung bildet. Ader gerade diese Punkte hätten die Redakteure, die die angebliche Anzeige welterverbrritet haben, stutzig machen müssen. In welcher Zeitung hat die Anzeige gestanden? Die Angaben darüber schien, und wenn wirtlich irgendein Provinzblatt ein derartiges Inserat gebracht haben sollte, hätten sich die Herren doch das „Gut Holtau bei Sette" näher anfrhen müssen. Es existiert eben einfach nicht, wenigstens nicht in Hannover, nicht in Preußen, nicht in Deutschland überhaupt; es ist ein Phantasiegut, belastet mit den Schwindelhypotheken seines Ersinders und kein Ortsverzeichnis weist einen Ort oder ein Gut dieses Ramms auf. ES gehört zu dem Privateigentum des seligen Freiherrn v. Münchhausen.
Deutsches Reich.
** Tie Fuldaer Bischofskonferenz. Die liberale Köln.sch« Zeitung' (Nr. 831) schreibt:
Früher als sonst wird Heuer die hergebrachte Jahreskouferenz der preußischen Bischöfe in Fulda zusammentreten. Es ist nach dem, was vorheraegangen, kein Zweifel darüber möglich, welchem Gegenstände die Versammlung vom 7. August gelten wird. Die ver- schiedenartig redigierten Telegramme, die an die tn Frankwrt und in Berlin tagenden katholischen Arbetter- kongresse gerichtet worden sind, haben ein« Aufregung hervorgerusen, die den Vatikan nötigt, für eme Entspannung der Lage noch vor dem Katholikentage in Aachen zu sorgen, £>» bei aller Disziplin der in Betracht kommenden Verbände eine vollkommene Sicherheit dafür nicht gegeben erschien, daß die in den Worten Kölner und Berliner Richtung auSgedrückten Gegensätze dort nicht etwa au'einanderplatzen werden, falls nicht rechtzeitig Klärung aeschnfft wird. Die Entscheidung über die Frag«, ob die katholischen Arbeiter, die Mit- glieder der christlichen Gewerkschaften sind, durch die gleichzeitige Mitgliedschaft bei einem katholischen, konfessionellen Arbeiterverein hinlänglich gegen die seel- sorgerlichen Befahren eines allzu engen Zusammengehens mit nichtkatholischen Arbeitern gefeit sind, wird in Fulda zur Entscheidung stehen. Man wird mit der Annahme nicht fehl gehen, daß diese Frage bejaht werden und daß also die Mitgliedschaft bei einem katholischen Arbeiterverein ats genügende Schntzwehr gegen das Ein- relften religiöser Lauheit erachtet weiten wird. Daß die Entscheidung der zu Fulda versammelten Bifchöse für die Kurie eine Ueberraschung bringen wird, ist nut« geschlossen. Denn sie dürfte, durch die Erfahrungen der jüngsten Zeit gewitzigt, vor allem dafür sorgen, daß die wohltemperierte Stimmung, die für das Gelingen der Fuldaer Beschlüsse notwendig ich nicht durch den kötnseindlichen Eifer dec Bischöfe von Brcslau und Trier unliebsam geüörl werde. Der 7. August darf nicht den Abschnitt einer Entwickelung der Gewerlschaslsfrage, sondern et muß ihren zum mindesten theoretischen Abschluß bringen. Daß bet dieser theoretischen Lösung die Berliner Richtung mit ihren reinkonsessioneUen Grundsätzen bester abschneiden wird als die Kölner, sieht s r Kenner der Berhälln'sse heute schon außer Zweifel. Doch darf die Kölner Richtung und mit ihr die katholischen Arbeiter und Arbeiterverbände, die der christlichen Gewerkschaftsbewegung vabestehen, mit Bestimmtheit daraus rechnen, daß die Pille der moraltheologischen Ablehnung des Gewerkschaflsprinzips, wie sie ihnen von der Fuldaer Konferenz verabreicht werden wird, mit einer tröstlich starken Dosis Zuckers, tut gegebenen Falle mit dem Ausspruch praktischer Duldung und Anerkennung umgeben sein wird. Ob den Berliner Fa' nbteitungen dieser moraliheologische Sieg, der ihrer wartet, sehr auf die Strümpfe helfen wild, erscheint sragach. Denn wenn die bis jetzt noch beargwöhnte Mitgltedschast bei einer christlichen Gewerkschaft in Zukunft für katholische Arbiter als unbedenklich zu gelten hat, so wird der Golt, der nach dem alten Fritz mit den stärker» Bataillonen ist, auch mit den stärkern Kasten der christlichen Gewerkschaften sein. Der von den Führern der Berliner Richtung ertiänm!« Sieg wird dann allerdings einem Pyrrhussiege verzweifelt ähnlf h sehen. Es begreift sich bet dieser Sachlage, daß diese Kreise Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um den Sieg ihres Prinzips etwas weniger theologisch und etwas mehr prakltjch zu gefialten. Denn lediglich, um in Schönheit zu sterben, haben diese betriebsamen Elemente doch nicht alle die Schritte unlernommcn, die bisher zum Zwecke der Sprengung der christlichen Gewerkschaften in Rom geschehen sind.
So elwas schreibt man, wenn man nichts weiß, aber so tun möchte, als ob man elwas wüßte.
ist die MinisterktffiS überwunden und »och manchem Hin und Her endlich ein neues Ministerium gebildet worden. I» Albanien geht nach tote vor alles drunter und drüber. Das neue Minffterium will auf dem Wege der Güte Ordnung schaffen.
Der Krieg um Tripokrs nimmt den gewohnten Fortgang. Die Italiener habe» in Itv polis wieder einige kleine Fortfchrrtte gemacht und auch ihre Flotte bat durch eine kühne Fahrt, d« aber auch nicht den geringsten Erfolg hatte, von sich reden gemacht. Es war nämlich fünf ttalienischeu Torpedobooten gelungen, 20 Kilometer in die Dardanellen hineinzufahren, bis sie von den türkischen Forts entdeckt und zur Umkehr gezwungen wurden, faktisch ist die ganze Sache nicht vom Fleck gekommen. Ein Ende dieses bis jetzt ziemlich unblutigen Krieges ist noch nicht abzusehen.
Wochen-Uundschau.
Fulda, 26. Juli 1912.
Tas größte Interesse für uns Deutsche hatten in dieser Woche die Beratungen des englische» Unterhauses, das sich mit dem F l o t i e n « ergänz nngsetat befaßte. Die fch"^ ,®r* ledignng des letzten deutschen Heeres- und Martne- etals hat die Engländer nervös gemacht. Dte englische Presse ruble nicht eher, als bis der Marme- miuister Churchill zu deut schon früher ge- nehiniaten ytottenctat einen Rachtrog einbrachte. Zunächst sind jetzt 1500 Mann zur Verstärkung deS ZNannfchaftsbchcindes bewilligt worden. Dieser sollte eigentlich 150 000 Mann betragen, doch fehlten daran in den letzten Jahren durchschnittlich 6000. Der eilgkifchc Marineminister begründete die Mehr- fordcrung von 1500 Mann u. a. damit, daß das nette deutsche Flottengesetz vier fünftel der gesamten deutschen Flotte dauernd in Kriegsbereitschaft halte, was in der bisherigen Praxis moderner Seemächte feht Beispiel finde. Die deutsche Kriegsflotte, die 1898 erst 25 000 Mann Besatzung zählte, verfüge jetzt über 66 000 Offiziere und Mannschaften. In naher Zukunft werde Deutschland 25 Schlachtschiffe haben, denen England nur 33 entgegenstellen könne. Was Wunder, daß die Forderung bewilligt wurde. Was Lord Churchill im Unterhause am Montag begonnen hatte, das setzte am Dienstag im Oberhause Lord S e l b o r n e fort. Aber wenn der erste Lord der Admiralität eine Flöte benutzt hatte, um sei» Lied vorzutragen, so bediente sich das Oberhausmitglied einer Posaune. In Form und Inhalt seiner Rede schlägt er den Rekord. Churchill verlangte nur eine Erhöhung der vollbemannten Schisse um fimf, von 28 nut 33, Selborne dagegen außer dieser Vermehrung noch den Bau eines ganzen Geschwaders in Größe von acht Schiffen. Wie nicht anders gu erwarten, muhte zur Begründung der Forderung wieder Deutschland herhalten, das durch feine Rüstungen England in eine Zwangslage bringe. Zum Beweise ihrer Behauptungen operierten übrigens beide mit Angaben, deren Uebertreibungen handgreiflich sind. Lord Churchill hatte für Deutfch- land mit einem Bestand im Jahre 1915 gerechnet, den es frühestens 1920 erreichen wird, und fein, Sekundant versteigt sich sogar soweit, zu erklären, Deutschland sei völlig schlagbereit. Die Formalität Set Kriegserklärung werde zu einer reinen Höflich- keitssache, weil mit einer Flotte von einer solchen Bereitschaft gleichzeitig mit der Kriegserklärung ein Schlag ausgeführt werden könne.
Dte heillose Furcht vor Deutschland, die in England tagtäglich die seltsamsten Blüten treibt, wirkt allmählich lächerlich. Die Engländer sollten sich von dieser Furcht, die unbegründet ist, befreien oder wenigstens nicht so oft von ihr reden. Die Deutschen wissen anch, was sie von England zu halten haben; hon einer Englandfurcht ist aber nichts zu merken.
Die Reife des japanischen Fürsten und früheren Ministerpräsidenten Katsura nach Petersburg ist diel erörtert worden. Es steht ziemlich fest, daß Rußland und Japan sich über die Abgrenzung ihrer Jntereffen verständigt haben. Rußland erhält die Vorherrschaft in der Mongolei, Japan in der Mandschurei. Fürst Katsura soll wahrscheinlich mit den russischen Staatsmännern die näheren Abmachungen treffen. Um aber den offensichtlich politischen Charakter der Reise zu verschleiern, soll Fürst Katsura auch Wien besuchen. Oesterreich hat in Ostasien selbst keinerlei politische Jntereffen. Dann wird der Fürst »ach Tokio zurückkehren.
Einen politischen Anstrich hat auch die Zusam- rnenkunft des Zaren mit dem König von 6 ch w e d e n in den Schären; denn auch die beiderseitigen Minister des Aeußern wohnten dieser Zusammenkunft, die vom 23. bis 25. Juli dauerte, bei. Der deutsch-feindliche Teil der russischen Presse betont, der Zweck der Zusammenkunft fei gewesen, Schweden dem deutschen Einfluß zu entreißen und zur alten Freundschaft mit Rußland zurückzuführen. Was daran wahr ist, läßt sich natürlich einstweilen Nicht feststellen.
Im Wetterwinkel Europas, auf dem Balkan, speziell in der Türkei, rumort es weiter. Zwar
totales.
Fulda, de» 27. Juli 1912.
F. Der Bsrfiaad der Bereungmtg ehemaliger SOtt bittet all« Mitglieder der Vereinigung, bezw. all« diejenigen 80er, welche noch keiner Vereinigung an«, gehören und gewillt sind, dieser beizutrrten, mög. lichst ihren Jahrgang und Kompanie (für neu hinzukommende Mitglieder noch Vor« und Zuname' Stand und Wohnort) schriftlich oder mündlich bei bem Schriftführer Herrn Eug. Ehret, Buttlarstraße4, zu melden, damit die namentlich« Liste der Bereinigung baldigst dem Regiment eiugereicht werde« kann. In einem cm die Vereinigung gelangte» Rundschreiben wird u. a. mitgeteilt, daß durch bie. Festlichkeiten für die einzelnen Teilnehmer Nnkostm nut in geringem Maße entstehen, da die Teilnehmer Gäste der Regiments sind und für unmtgeUliche Unterbringung Sorge getragen wird, Nach den vorläufigen Bestimmungen wird bie Feier in ben Tagen vom 7.-9. Juli 1913 in Wiesbaden, am 10. Juli in Homburg v. b. Höhe stattfinden. Es ist beabstchtigt, in Wiesbaden demnächst eine Sitz»»« der Vorstände aller gegründeten Vereinigungen abzu-i halten, um die Wünsch« der einzelnen Vereinigunge»i kennen zu lernen und ihre Erfüllung ins Auge fasse») zu können.
** Mehr Jugendpflege tn den Winterschulen. I» der letzten Sitzung des Vorstandes der Landwirt«, schafts-Kammer kam ein Schreiben eines Marburgers Herrn zur Verlesung, in dem daraus hingetviesen! wird, daß an den Winterschulen zu wenig für bwi Jugendpflege geschehe. Es müffe wöchentlich minde» | strns eine Stunde theoretischer Unterricht in Jugend«' spott und Jugend-Organisation erteilt, und außer»! dem müsse zwei Stunden praktisch Sport getrieben] werden. Bei der Besprechung bet Angelegenheit war man allgemein der Ansicht, daß die praktisch««; Hebungen nur an den Winterschulen mit Intern naten möglich seien. Hebet bie Zweckmäßigkeit« ihrer Durchführungen gingen bi« Meinungen auseinander. Es wurde beschlossen, bie Angelegenheit dem Zentral - Kuratorium für die Winterschulen z«j überweisen. . .
* Vermehrter Ernteurlaub. Aus mmistetielkki Anordnung wird in diesem Jahre der militärische Ernteurlaub umfangreicher denn je gewährt. De» Mangel an Sanbarbeitem macht sich in diese« Sommer ganz besonders bemerkbar. Die Truppe»« kommaudeure sind angewiesen, bis zu 200 Man», die sich freiwillig melden, zu beurlauben.
* Kaiserpreis des 11. Armeekorps. Die 1. Kompagnie des Jnfanterie-Regim ents Rr. 71 in Erfurt, K ompagniechef - Hauptmann Becker, schoß im Wettbewerb mit der 8. Kompagnie des Jnfanterie-Reaß- ment Nr. 32 am 22. d. M. den KatserpreiS des 11, Armeekorps.
[t Sommertheater. Im Hinblick aus die morgen nachmittag 4 Uhr in Szene gehende Märchenaufsührung .Sneewittchen und bie sieben Zwerge" müßen wir noch einmal betonen, daß unserer Jugend noch nie so gute Vorstellungen geboten worden find, wie gerade oom Ensemble Redlich; der Besuch ist also sehr $n empfehlen. — Abends 8V«. Uhr wird bie Operette »Der Tanzteufrl" gegeben. In Berlin am «hem. Zentral« Theater ist dieses Werk über SOOrnal aufgesührt worden mit allerstärkstem Beifall, und der wird morgen abenbi ebenfalls nicht ausbleiben. — Einen äußerst genußreichen Theaterabend wirb unser Publikum am Montag verleben, steht doch daS herrliche, gemütvoll« Volks« ftück »Mein Leopold" auf dem Epirlplan. Wer dieses Werk schon gefeben hat, der wirb eS gern Wiedersehen willen, und wer eS nicht kennt, der sollte dies« Aufführung nicht versäumen; st« wirb ihm unvergeßlich bleiben.
p.T?
Unpolitische Zeitlaufe.
N. Swinemünde, 24. Juli 1912.
(Nachdruck verboten.)
Als wir am Montag abend in beschaulicher Ruhe »och einige Portionen abgekuhlte-: Luft geuoflen, fing mit einem Male der Donner an zu grollen und Blitze leuchteten von der See her. Es wat aber kein Gewitter aus klarem Himmel, fondetu eine nächtliche Schießübung Vorn Fort an der Swinemündung wurde mit Scheinwerfer» und scharfen Geschossen gegen schwimmende Ziele in See so kräftig gearbeitet, als wenn die englische Flotte zu einem Handstreich in der- Dunkelheit herangeschwonnnen käme. Tie Badegäste, die noch mit einem Fuß außerhalb des Bettes gewesen waren, standen dichtgedrängt auf dem Strande und auf der Seebrücke, um mit Ohren und Augen die kriegerische Vorstellung zu genießen. Erst von rechts der Blitz beim Abseuern des Geschützes, dann das Aufleuchten beim Einschlag und Platzen des Geschosses, und nun noch mehrere Sekunden Ruhe, bis dann endlich der Donnerschlag der Entladung, das Surren des durch die Luft sich bohrenden Geschosses und der Knall von doni Einschlag sich hören ließen. Die Sekunden wurden gezählt, und strebsame Pennäler verfnchten ans dem Zeitunterschiede zwischen Licht und Schall die Entfernung zu berechnen.
Der tiefste Friede und das ernste Kriegswerk mischen sich hier durcheinander. An der einen Seite der Flußmündung liegt der Weiße Badestrand, auf dem ein vergnügtes Publikum alle Tage Sonntag und Kirmes feiert. An der andern Seite liegt zu Füßen des Leuchtttirmes das Festungswerk mit der großen Artillerie, die bald am Vormittag, bald am dunklen Abend zu bem benachbarten Strandidyll eine fehr kräftige und anch sehr kostspielige Mnsik macht. Dazwischen gleiten die Fracht- und Persouenschiffe und die Fischerboote aus und ein; wenn aber die Flagge aufgezogen ist, die das Scharfschießen cm-
so muffen sie erst abwarten, bis die Artillerie eme Pauje macht. Die Behaglichkeit wird durch die donnernden Geschütze und die surrenden Geschosse nicht im mindesten gestört, vielmehr angenehm gewürzt. Ein wahres Bild vorn bewaffneten Frieden.
gewissermaßen auch ein Spott; nach einer Friedens-
Periode von mehr als 40 Iahten tritt der bittere Ernst bet Kriegsübungen etwas in den Hintergrund und wir achten mehr auf die Vorteile, welche das
Schließlich werde ich hier noch ganz militärisch gestimmt. In einem Badeorte, wo keine ernstlich Leidenden, sondern lauter erholungssüchtige Personen verkehren, riecht es etwas nach Capua. Bekanntlich war Capua das Nest, wo die siegreichen Soldaten Hannibals zu lange vorzügliche Quartiere fanden und im Nichtstun und Wohlleben ihre Tüchtigkeit einbüßten. Wenn man unter dieser Masse von Leuten lebt, die vom Morgen bis zum Abend nichts weitet zu tun haben, als sich die Zeit möglichst angenehm zu vertreiben, so kann das Gefühl auftauchen, es gehe einem Teil der Menschheit zu gut, weil er zu wenig Arbeit und Sorge, zu viel Geld und freie Zeit habe. Freilich muß bei der Betrachtung des hiesigen Lebens und Treibens in Betracht gezogen werden, daß es sich bei den meisten nur um eine zeitweilige Ausspannung, um eine Ausnahme von der Arbeitsregel handelt. Aber trotzdem bleiben doch Anzeichen genug für die an- wachsende Vergnügungssucht und Ueppigkeit. Diese Anzeichen beschränken sich auch keineswegs auf die sogenannten höheren Kreise ober den besseren Mittelstand, welche die Badeorte bevölkern, sondern auch in der breiten Schicht wird die Neigung zum Wohlleben vielfach sichtbar. Wer schon ein Schock Jahre auf dem Rücken hat, kann lehrreiche Vergleiche anstellen zwischen der Lebensführung um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, und den Ansprüchen, die heutzutage gestellt und befriedigt werden. Die „Fortschritte der Kultur" bringen die Gefahr der Verweichlichung, der Vergnügungssucht, der Heppigkeit, des allgemeinen Capua. Das würde zweifellos noch in höherem Maße eintreten, wenn wir nicht den Militärdienst für unsere männliche Jugend hätten und die Militärlaften auf unfern Geldbeutel spürten.
Als Heilmittel gegen die Verweichlichung preist man heutzutage den Sport an. Gewiß, der Sport hat sein Gutes, wmn er mit Verstand und Maß betrieben wird; aber er zeigt manche Auswüchse und Fehlgriffe, die feine erziehetifche Wirkung schädigen, und öfter wird dieses Hilfs- und Heilmittel aerobe
Die Wehrkraft kostet, viel Geld, viel Arbeit, viel I dort, wo es am notwendigsten wäre, nicht cmge- Opfer; aber es ist keine erdrückende Last, wie das \ wandt. Der Wehrdienst und die Wehrlasten sind frifdje und flotte, vergnügliche und stellenweise fogar üppige Treiben auf der bürgerlichen Seite zeigt.
Ktiegsspiel auch in friedlichen Zeiten (gleichsam nebenbei) dem Volke bringt. Und da mögen nun die blauen Friedensschwärmer oder die roten Anti- militariften sagen was sie wollen, ich möchte den nationalen Sport der Kriegsbereitschaft nicht missen, so lange nicht ein anderes wirksames Mittel zur Auffrischung der Volkskrast erfunden ist. Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen, sagt, schon Goethe vor mehr als hundert Jahren. Jetzt gilt das in noch viel höherem Grade. Der Krieg dient auch zur Auffrischung, aber das ist eine Pferdekur. Der unblutige Wehrdienst und die fortlaufenden Militärlaften bilden eine Medizin, die zwar nicht süß schmeckt, aber doch genießbar und heilsam ist.
Als wir kürzlich im Saude lagen und klug redeten, meinte einer, der bewaffnete Friede sei eine unsinnige Verschwendung von Kraft und Geld. „Sie haben ja sooo recht," entgegnete ein Graubart und zeigte auf die buddelnden Kinder. „Sehen Sie mal diese kindliche Kraftverschwendung an. Die Kleinen mühen sich ab um nichts und wieder nichts. Verbieten Sie ihnen doch diesen „unsinnigen" Verbrauch von Körperkraft und Zeit. Sperren Sie die tobende Jugend in das Studierzimmer oder in eine Werkstatt und lassen Sie sie nur fruchtbringende Arbeit leisten. Das wäre sehr „verständig", aber ebenso dumm wie grausam. Wenn wir dagegen ruhig abwarten, bis die Kinder groß und klug werden, so lasten sie von selbst von der spielerischen Tätigkeit ab und halten ihre Kräfte für die Nutzbarkeit zusammen. Betrachten wir nun die Menschheit als ein Ganzes, so fragt es sich, ob die Menschheit schon aus der spielerischen Kindheit oder aus den sport- füchtigen Flegeljahren heraus ist. Ick glaube nicht, daß die Menschheit bereits ausgewachsen ist, denn so ungeheuer viel in dem menschlichen Leben und Treiben kommt mir kindisch und albern oder burschikos und flegelhaft vor. Die Menschheit ist noch nicht vernünftig, aber ich hoffe, daß lie langsam an.
Vernunft zunimmt. Geduld gehört aber in jede Kinderstube, auch in die Weltstube. Er wird noch dahin kommen, daß der Krieg nicht mehr in die Well paßt, und also auch der Wehrdienst »nd die Wehrlasten überflüssig werden. Wenn unsere Nachkommen soweit sind, so werden sie auch soviel Lebens»! klughest, Gesundheitspflege und Erzrehungskunst gelernt haben, um ohne Schaden die guten Tage bei ewigen und kostenfreien Friedens genießen zu können. Bis dahin mag die Zuchtrute des Krieges hinter dem nationalen Spiegel stecken.
Ob der weiffichtige Redner recht hatte, mag der Leser entscheiden. Ich für meine» Teil möchte nut vor der Unzufriedenheit warnen. Wir haben ja Lasten zu tragen, nicht zu knapp; aber habe« unser« Vorfahren nicht noch viel Schwereres zu tragen gehabt? Denken wir an die Kriegszeiten, die Revolutionen, die Hungersnöte, die Seuchen der Vergangenheit, so müflen wir dem Himmel danken, daß er uns in diese Zeit des bewaffneten Friedens ge»i setzt hat, die uns freilich zu tüchtiger Arbeit zwingt, aber doch uns etwas Butter aus das tägliche Brot beschert.
Gewisie Volksredner sage», die Unzufriedenheit fei der wirtschaftliche Hebel des Fortschritts. Das erinnert an die alte Reisemethode, als man die Pferde zu Tode hetzte, um schnell vor- wätts zu kommen. Die Leute, die sich in die Un- zufriedenheit hineinhetzen lasten, sind fianonenfutte» des sogenannten Fortschritts. Ich halt« es mit der Zufriedenheit, die den einzelnen Menschen glücklich macht und zugleich die ruhige, langsame aber sichere Entwicklung zum Bestem befördert. Die Zufriedenheit am häuslichen Herde kann trotz aller Steuerlasten, Militärlaften und sonstigen Laste» blühen und gedeihen, wenn nur der Friede erhalten bleibt, einerseits der Bölkerfriede» und andererseits der Seelenfrieden. De» letztem wünsche ich mit besonderer Herzlichkeit alle» Lesern und mir selbst, wenn ich hier am Meeresstrande unter dem Geplätscher der Wellen an die Unendlichkeit denke und an die Allmacht deS Schöpfers, der das Weltall nach seinem Willen und das Menschengeschlecht nach seinem Ebenbild« gestaltet hat.