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wochenbeilaze! Illustrierte Sonntagszeitung" Momurbellage: „8«ldaer SeschichtrbMer"

Snzetaen: Oer Baro einer etnsp. Helene!« zeile, 47 mm breit, testet löpfg. HefUmta: ver Reum einer Sole« nelzril«, 74 mm breit, kostet 4» Psg. Sei wie, berhsiungen «abatL MrÄfferl- u Musfanflf anzetgen 20 pjg. extra.

Mstationsdru« a. Verla- Ser Lulda« ArtieuLluckerei uZuId« Lernsprecher llr. T

Erstes Blatt.

Fulda, Samstag den 27. Juli 1912.

39. Jahrgang.

Beruhiguugspulver.

Nachdem die Reden der englischen Regierungs- Rjänner int Oberhaus und Unterhaus in Deutsch­land Änige MiWmmürrtz hLroDrZrrtkftK hsj man 2s für zweckmäßig erachtet, durch den Premier­minister Asquith Deutschland freundliche Worte sagen zu lassen und die Versicherung der englischen Friedensliebe zu geben (vgl. die Letzten Nachr. in der gestrigen Ausgabe u. Bl.i Auch die daran anschlie­ßenden Auslastungen des Ministers des Auswärti­gen Grey verdienen beachtet zu werden. Sie be­deuten endlich einmal aus englisch offiziellem Munde das öffentlich ausgesprochene Znoeständnis, daß die deutsch: Flotte, diese „Lurnsfiotte" Churchills, einem „sehr einleuchtenden Grunde" ihren Ursprung ver­dankt, dem „Wunsche einer wachsenden Nation, mächtig zu sein", und daß damit nicht nottvendiger- weise auch Angriffsabsichten, zu ergänzen aitf Eng­land, abzuleiten sind.

Der .Kölnischen Zeitung' wird zu der Rede Äsquitbs aus offiziö cr Quelle telegraphiert:

Soweit sich die Ausführungen des Ministerpräsi­denten Asquith mit Deutschland'beschäftigen, so haben wir wohl keinen Grund, mit ihnen leben zu sein. Im Gegenleti, der freundliche @sunbton, auf den Herr Asquith feine Worte Über die gegenwärtigen beut;cl;»eng!iftben BEziehvngcn und die frühere Sendung Lord HttdaiicS und auch über die Persöntichkert unteres neue» Lood.ner Botschafters gesummt hatte, darf bei uns durchaus aus ein entsprechendes Echo rechnen.

Auch macht es einen srenudlichen Eindruck in der Rede de? Herrn Acqnilh, wenn er am Schluff« in Uebereinst mrnunq mit dein Marmeminister betont, daß nnlmtb iein Üebergetvicht zur See behalten müsse. Deutschland bat ja tvemal« Unklarheit darüber gelassen, daß es nicht dacrnt beutt und auch gar nicht denken tönnte, die Uebetlegeu'ieit zur See für sich zu beanspruchen, und die verantwortticheu Steife Englands gebeit sich auch, tpie die zweite Rede des Herrn C h u r- chikl bewies, über diesen Punkt durchaus keinen Befürchtungen hin; denn der Lhariueminifier schieß damals die Darlegungen fernes Programms jur die nächsten Jahre damti, daß er England als den Herrn der Lage bezeichnete und jeden Gruno zu Panik oder Äiarm w<rl von sich wies. Wtr sprechen den A ursch aus, daß man in England die Fürsorge für die demtche Flotte mir deurfetben Gleichmut und derselben E h r- iichkeit nnsihen müsse, wie wir es tm Hinblick aus bie englischen Fivtienrüstungrn tun.

In halbamtlichem Auftrage schreibt der.Tag':

Die Siede des englischen Premiermininers Acquilh und des Staatssekretärs Grey sind geeignet, die Ein­drücke der von Churchill über die eugliiche Flotten- Politik gemachten Ausführungen abzmchwächen. Sie werden daher auch in Deutichland demenliprcchender- iveife gewürdigt werden. Für alle Freunde einer deutsch» englischen Verständigung muß jedenfalls die Keststellung, die von autoritativer Seite im englischen Retchsver-

deutschen Bestrebungen fühü, das haben wir ja vorigen Sommer gesehen, als Sir Edward Grey tn so rücksichtsloser Weise sich in die deutsch-französischen Verhandlungen mischte, als ob kein Stück irdischen Landes ohne Englands Genehmigung seinen Be- sitzer wechseln dürfe.

Will man den Flottenbau unter dem Gesichts­punkt des Wettrüstens betrachten und beklagen, so muß man wahrheitsgemäß hinzufügen, daß Eng­land diese Entwicklung v er s chuld et hat und daß England allein den Weg zur Abrüstung eröffnen kann, indem es auf die Rolle als Weltdiktator ver­zichtet und mit Deutschland auf der Grundlage „leben und leben lassen!" ein friedliches und freundliches Verhältnis sucht. Wenn die eng­lischen Politiker sich dazu nicht aufschwingen wollen oder können, so mästen die englischen Bürger die Lasten der Riesenflotte weiter tragen. Deutschland kann seine Portion Wehrlasten noch aushalten. Wir sind nicht so reich an Geld, wie England, aber wir haben doch genug für unseren Bedarf. Und an Mannschaften haben wir reicheren Vorrat als England, das um die Bemannung feiner wachsenden Flotte bereits in Verlegenheit ist.

teidigungsansschuß gemacht wurde und die in der Er­klärung gipfelte, der zwischen beiden Mächten geführte Meinungsaustausch erfreue sich einer fortgejetzten Offen­heit und Freundschaft, ein wertvolles Unterpfand für die günstige Weiterentwickelung des be­gonnenen Friedenswerkes sein. Unter diesen Bedingungen eröffnet sich aber auch für de.r Freiherrn v. Marschall, der demnächst seinen Urlaub antreten und im Frühherbst aus feinen Londoner Poste t zurückkehren wird, die Aussicht einer ersprießlichen Tätigkeit.

in die Voranschläge des Reichsetats für 1913/14 zur Unterstützung der Veteranen neue größere Forderungen eingestellt. Unabhängig hiervon finden auf Veranlassung des Kaisers gegenwärtig Erhebungen über eine durchgreifende Verbesse­rung der Veteranenfürsorge statt^ die sich, wie in der letzten Zeit dies verschiedene Falle, namentlich der Hungertod des Veteranen Drux, bewiesen haben, be- schämend unzulänglich erweist.

-f- Zur Reichstagsersatzwahl in Pfarrkirchen. Die Sozialdemokratie hat für die Reichs­tagsersatzwahl in Pfarrkirchen die Parole Stimm- «rnthaltung ausgegeben, jedoch hinzuaefügt, daß keine Stimme dem Zentrum zu geben fei. Dte Tak­tik, die die Sozialdemokratie hier einschlägt, ist nicht unklug. Bekanntlich versuchten Führer des Zen- trnrns und Führer des bayerischen Bauernbundes anfangs eine Verständigung zwecks einer gemeinsa- men Kandidatur herbeizuführen. Doch hatten di« Verhandlungen kein Ergebnis und beide Parteien stellten daraufhin ihre eigenen Kandidaten auf, trotz­dem die Stimmung für eine gemeinsame Kandidatur in weiten Kreisen beider Parteien sehr günstig war. Wenn nun die Sozialdemokratie von vornherein darauf verzichtet, mit in den Wahlkampf einzutre­ten, so entzieht sie damit den beiden bürgerlichen Parteien den Boden zu der früher geplanten Ver­ständigung Nun wird das Zentrum mit aller Kraft tn den Wahlkampf eintreten müssen, um den Wahl­kreis, den es früher bereits des öfteren besessen hatte, wieder zu erobern.

)( Keine MiNlfi-rrrifis ’m V-dkN- Die amtliche „Karlsruher Ztg." schreibt:

„DaS Gerücht von einer Mnisterkrisi» entbehrt, jeder tatsächlichen Begründung. Die Mitglieder deS StaatsministertumS erfreuen sich ohne ÄuSnahm« des vollen BertrauenS d eS Landesherrn. Weder jetzt noch auf die Zeit deS LandtagsfchluffeS ist daS Ausscheiden einzelner Minister zu erwarten."

Zwei fortschrittliche Blätter, di« „Franks. Ztg." und das „Berliner Tagebl.", hatten kürzlich gemel­det, der Kaiser habe sein rrzeit über den badischen Minister des Innern, Freiherrn von Bodmann, ein« abfällige, ja geradezu beleidigende Aeußerung getan. Der ebenfalls fortschrittliche „Badische Landesbote" bemerkt hierzu : „Wir glauben behaupten zu dür­fen, daß die ganzen Mitteilungen über die augebli- chen Kaiseräußerungen in Donaueschingen in daS Reich der Fabel zu verweisen sind." Die „Südd. Reichskorr. , die hierbei sicherlich offiziös inspiriert ist, sagt: „Wir sind überzeugt, daß der „Badische Landesbote" mit dieser Auffassung daS Richtige trifft."

♦ Konsessionkve Scheuklappenpolitik. Die Stadt­verordnetenversammlung der 15000 Einwohner zählenden rheinischen Stadt Mayen faßte einen langem Beschluß, auS dem wir folgende Sätze an­führen:

Die Stadtverordnetenversammlung nimmt mit tiefer Bekümmernis Kenntnis von der Entscheidung der Herren Minister des Kultus und des Innern, durch die der städtisch« Antrag auf Ver­legung deS Lyzeum- der Dominikanerinnen von Ärenberg nach Mayen ab gelehnt worden ist. Die Stadtverordnetenversammlung kann es nicht ver­stehen, daß ihrem, durch einen einstimmigen SBe»,' schlutz gestützten und von den übereinstimmenden Wünschen der ganzen Bürgerschaft getragenen Antrag« der Erfolg versagt wurde, obwohl für jeden Kenne» der Stabt Mayener Kommunal- und Schulverhältniff« kein Zweifel darüber bestehen kann, daß die Gewäh­rung des Antrages nicht nur der höheren Mädchen- bitdung, sondern auch der ganzen Stadt von allergrößtem Nutzen gewesen wäre, daß hingegen die Ablehnung des Antrages der Stadt nicht nur di« schwerwiegendsten kulturellen, sondern auch nicht minder wirtschaftliche Vorteile wegnimmt. In dieser Bezichnng glaubt die Stadtverordneten­versammlung au-drücklich zum Ausdruck bringen |u müssen, daß 1. die Stadt Mayen niemals zur Errich­tung eines zehnklafftgen Lyzeums, nicht einmal einer zehnklassigen höheren Mädchenschule finanziell imstande sein wüd, 2. schon eine kleine Mädchenschule mit drei

X Das Wettrüsten.

Im alten Gleis geht es weiter: England sucht seine übermächtige Flotte immer noch stärker zu machen, und die dortige Regierung begründet ihre neuen Forderungen nach wie vor mit dem Hinweis auf die wachsende deutsche Seemacht.

Im Jahre 1909 stellten die englischen Minister vor dem Parlament falsche Angaben auf über die angebliche Beschleunigung der deutschen Schiffs­bauten; sie waren rechtzeitig über die Unrichtigkeit dieser „Nachrichten" aufgeklärt worden, aber es wurde mit den falschen Behauptungen ruhig Weller operiert, bis der Augenschein zeigte, daß dte angeblich beschleunigten deutschen Schiffsbauten erst zu dem normalen Termin fertig wurden. Da ge­stand man notgedrungen die Wahrhell em; aber die brllischen Schiffe, die man als Sicherheit gegen angeblich« Ueberschrettung des deutschen Baupro­gramms gesordert hatte, waren inzwischen fertig geworden. . .

Heute arbeitet die englische Regierung wieder mit Unrichtmkeiten, nur nicht in derselben groben Weise. Die Wirkungen des neuen deutschen Flotten­gesetzes werden in übertriebener, tendenziöser Weise geschildert. Und was bei der neuen Formation unserer Flotte errungen wird, hat Churchill in greller MlellchttrnS Ssrgrsührt,. aber fpas auf ge­geben wird, z. B. an der bisherigen Neserveslvtte, hat er nicht in Gegenrechnung gestellt. Die vor­hergegangenen Novellen zu unserem Flotten­gesetz wurden von neuem aufgeführt, obschon Eng­land schon jedesmal darauf mit einer Verstärkung seines Flottenbauens geantwortet hat. Wo es sich zu Vergleichen für ein bestimmtes Jahr bequemte, da griff es gerade ein solches Jahr heraus, wo Eng- land in der Ziffer der Neueinstellung zufällig etwas rurückbleibt, bewahrte aber über das nächste Jahr, das die Zahlen zum Vorteil Englands verschieben wird, ein diplomatisches Stillschweigen. Von dem Zuwachs, den die deutsche Flotte bis 1920 zu er­warten hat, sprach er so, als ob diese Schiffe bereits heute zum Angriff auf die Themsemündung bereit- ränden. Ein Jonglieren mit Bergangenheits- lesetzen und Zukunftszahlen, das in der englischen Bevölkerung die Angst vor der „deutschen Gefahr" und den Haß gegen den angeblich so bösartigen Widersacher stets von neuem beleben muß. Dieses Gebühren wird wahrlich nicht erbaulicher, ivenn der Marineminister nach dem langen tendenziösen Be­richt über die deutschen Flottenstärke mit sanftem Augenauffchlag versichert, er wolle keinen „Ber- ?leich" anstellen, da ein solcher gehässig und heraus­ordernd wäre.

Fürst Bismarck hat bekanntlich einmal die „Politische Heuchelei" zu dem üblichen Handwerks- ^1)61 Staatskunst gerechnet. Wie werden natür- bie englische Politik von ihrer Vorliebe für dieses Hilfsmittel nicht abbringen können; aber die Methode muß beleuchtet werden, damit nicht arglose Deutsche in den Glauben versetzt werden, die Schuld an dem unseligen Wettrüsten liege auf unserer Seite.

Wer ohne Vorurteil und mit Verstand die Lage der Dinge betrachtet, kann doch keinen Augenblick die Ansicht haben, daß Deutschland seine Flotte zum Zwecke eines Angriffes aus England ausbane. Aber wer die Vorgänge vom letzten Sommer versolgt hat, muß mit der Möglichkeit rechnen, daß England im Verein mll einer oder mehreren Kolonialmächten Deutschland angreife. Auch die englischen Staats­männer wfffen ganz gut, daß Deutschland zu einem Angriff weder geneigt noch fähig ist. Aber wenn sie trotzdem mll einem kriegerischen Zusammenstoß rechnen, so liegt das in ihrer Neigung, die britische Seeüberlegenhell auszunutzen zu einer Bedrückung und Schmälerung der deutschen Entwicklung, sowohl in der hohen Politik als auf dem Weltmarkt. Wie sich die englische Regierung als Schiedsrichter tn der Welt und als geborener Widersacher der

Deutsches Reich.

** Berlin, 26. Juli 1912. Der R e i ch s et a t für 1913 soll, wie die „Voss. Ztg." gehört haben will, dem Reichstag gleich bei seinem Zusammentritt am 26. November vorgelegt werden. Die erste und zweite Lesung sollten noch vor Weihnachten erledigt werden. — Nach Zeitungsmeldungen trägt sich der Staatssekretär K r a e 11 e bestimmt mit der Absicht, im Mai oder Juni nächsten Jahres nach Verabschie­dung der Postscheckordnung und Posthaushaltes fei­nen Abschied zu nehmen und eine Weltreise anzutre­ten. Hoffentlich wird sich auch diese neue Meldung über Rücktrittsabsichten des Staatssekretärs Kraetke noch als erheblich verfrüht erweisen. — Der Ver­band für internationale Verständigung wird seinen ersten Verbandstag in der Zeit vom 5. bis 7. Oktober in Heidelberg abhalten. Referate Ipgrfym u. a. die Professoren Geheimrat Zorn-Bonn, Martin SpcHi-Äräßbukg, KM LamMcht-Leivzia, RiPPold-Franksurt, Pilaty-Würzburg, »Saftet Schlt- cking-Marburq und Marttn Rade-Marburg hatten.

)( Das Schleppmonopolgesetz wird dem preußi­schen Landtag bei seinem Zusammentritt vorliegen. Bis zum 1. April 1914, bis zu welchm Termin der Rhein-Weser-Kanal fertiggestellt sein wird, müssen alle Vorbereitungen für die Einführung des Schlepp­betriebes beendet sein. Die Vorlage wird die Aus­dehnung des Schleppmonopols aus den ganzen Ka­nal, also auch auf den Dortmund-Ems-Kanal, in Vorschlag bringen.

* Ein russisches Geschwader, bestehend aus zwei Kreuzern und zwei Panzerkreuzern, wird morgen Reval verlaflen, um den deutschen Häsen einen Besuch abzustatten. Für den Aufenthalt der Schiffe in deutschen Gewäsiern ist eine Dauer von zehn Tagen vorgesehen.

* Alljährliche Aufnahme des deutsch-polnischen Besitzstandes. Wie wir in der „Post" lesen, soll auf Anordnung des Landwirtschaftsministers um einen allgemeinen Ueberblick über die Verteilung des ländlichen Grundbesitzes auf die deutsche und polnische Hand zu gewinnen, in Ergänzung der vom Statistischen Landesamt bearbeiteten Besitzwechsel- statistik am 1. Mai eine alljährliche Auf­nahme deS gesamten deutschen und polni­schen Besitzstandes in allen Landgemeinden und Gutsbezirken bei platten Laubes erfolgen.

(*) Polizei»er«rdnungen. Wie wir in Berliner Blättern lesen, hat der preußische Minister des In­nern die „aebgeerbnelen Behörden darauf hinge, wiese,', die im Wege der Polizeiverordnung zu regelnden Angelegenheiten auf das unbedingt not­wendige Maß zu beschränken;- ferner sollen die Regierung? - Präsidenten die bestehenden Polizeioer­ordnungen in Bezug auf Gesetzmäßigkeit, Notwen­digkeit und Zweckmäßigkeit nachprüfen und ver- aitete Verordnungen außer Straft setzen. Ferner sollen künstig sämtliche Entwürfe zu Polizeiverord- nungcn zunächst der Aussichls - Behörde zur Vor­prüfung emgereicht werden, um die Einheitlich­keit der beim Erlasse von Polizeiverordnungen 'zu befolgenden Grundsätze herzusteüen und gleichzeitig in allen Fällen dir Entscheidungen der höchsten Ge­richt shöse zur Berücksichtigung zu bringen, um die UnaüUigleits. Erklärung von Polizeiverordnungen zu uerhüten.

(*) Verbesserung der Veteranenfürsorge. Wie die Braunschweigische Landeszeitung erfährt, sind

McruernMrtt.

62] Roman von Felix 91 ab ot.

(.Entsetzung au3 dem 2. Blatt.)

Cben aber, auf der Hohe hinter den schützenden Büschm, erschien ein vettöeintes Mädchengesicht, und zwei schwarze Augen sahen dem Davongehenden nach. Und je Weller Hans fang, um so mehr hellte sich Evs Gesicht auf, und als es jetzt jubelnd her­aufschallte: _ v

„Mein Maidle hat Herzle, Des könnt net lieber sei —",

da sagte sie: „'s ist halt doch ein lieber Mensch, der Han»! — Vielleicht bin ich ein bißchen z'hart gegen ihn gewesen, aber die verrncktr Ziebschachtel, die hat mich schon ganz narret g'macht! 's nächste Mal geb’ ich km Hans ein paar gute Wort — und nachher ist alles wieder gut!"

Mit diesem Vorsatz kehrte sie auf den Rabenhof zurück und zeigte ihren Hausgeiwssen wieder ein fröhliches Gesicht.

. Ter kommende Morgen brachte wieder neue Ar­beit. Baldwin und Wilm zogen einen Berieselungs- schial gegen Osten und hatten es so eilig, daß sie sich nicht. einmal Zeit nahmen, zum Morgerchrot nach Hause zu gehen. Jörg, der Weißkopf, sollte es thnen bringen; allein dieser hatte den Auftrag über feinen musikalischen Hebungen auf der Harmonika bergegeff und kam richtig um eine Stunde zu spät, -^asur erhielt er von Wilm eine Ohrfeige und von «oautoin als schmerzstillendes Mittel eine Butter- weil er ihm einen Brief brachte, den der abgegeben hatte.

baffem ^m aus Nizza, duftete nach Rosen, *ltnaiS Strafporto gekostet und war von letner fcvuuue Lizzie Cooper.

r., "Ungenügend frankierte Briefe sind wahrschein- ltch eine Lpezialllat von Millionarstöchtern — oder tte gehören zum guten Ton," dacht« Baldwin und las de» Bries. Lizzie schrieb:

„Grand Hotel «Ängleterre, am Jardin Publik, JRföa, God by, lieber Cousin, was ich nicht aller

erlebt habe! Die Saison in Paris, den Fasching in München, die neueste Oper in Monte Carlo, und — last not least! — den Frühling in Nizza! — wundersull!"

Baldwin hielt inne; der starke Dust, der dem Papier entftrömte, erinnerte ihn lebhaft an die sen­sible blaße Miß, die eines Tages um ihn geworben hatte. Er schüttelte den Kopf, verzehrt behaglich eine Scheibe Wurst mit Butterschnitte und dachte: Wir beide hätten zusammengepaßt wie ein italieni­sches Windspiel und eine Ulmer Dogge! — Ich esse Butterbrot und sie schlürft Austern mll Sell; ich arbelle mit dem Grabscheit und sie spielt mit dem Sonnenschirm; ich rieche aust>ringlich nach Schlamm und Humus, sie duftet nach Rosen unb Veilchen; ich trage Loben, sie geht in Seide! — Den Göttern Dank, baß ich damals so vernünftig war. Sonst müßte ich deutscher Bär jetzt am Ende in der Sonne bes Südens braten und meiner Gebieterin die Schleppe tragen. Nein, da steh ich lieber auf beut« schein Boden, wenn auch einen Schuh tief lln Sand!"

Er nahm einen iüchttgen Schluck aus bem Kruge mit Apfelwein und las weiter:

^Jn Monte Carlo habe ich zwei deutsche Leut- uants kennen gelernt, die dort chr bißchen Geld los werden wollten. Das ist chneii auch gründlich ge­lungen; ich glaube, sie, haben zum Schluß meine Zose angepumpt. Uebrigens charmante Leute, vor- nchm, elegant, rassig, blaublütig, o Yes! — Der eine, Baron Hagelwitz, ist ein Berliner mit großem Schnabel und überall vorn dran, der andere ein Schwabe, ein wenig dickköpfig und schwerblütig, aber er ist blau von Ang und blond von Haar, und seine Ahnen gehen bis auf die Kreuzzüge zurück. Jeder hat ein Schloß, der eine in der Mark, der andere am Neckar, und Hypotheken darauf, daß sich die Bal­ken biegen und die Steine vor Angst aus den alten Mauern springen. Mein Agent hat das alles haar­klein herausgebracht.

Dumm sind die beiden nicht, sondern haben feine Nasen. Hatten auch bald weg, daß ich 30 Millionen „schwer" bin — natürlich hat er ihnen mein Agent, der Spitzbube verraten — und nun sind sie mit

rührender Sorgsalt um mich bemüht, und wollen den Goldfisch angeln. Oooo mon Cousin, man hat es schwer mit so viel Geld! Welchen von den zwei soll ich nun nehmen? Den Blonden oder den Braunen? — Schulden haben beide so viel als Haare auf dem Kopf, das heißt, der Hagelwitz hat noch mehr, weil sich seine Haarkrone lichtet, aber der andere — Pardon, er heißt Graf Steineck — (feudal, nicht?) — hat breitete Schultern und kann die Last leichter tragen. Nun, wie es auch sei, ich werde voraussichtlich meinen Lebenszweck darin finden, daß ich einen deutschen Leutnant glücklich mache. Das bin ich schon ans Patriotismus schuldig, beim auch meine Großmutter war eine Deuffche — eine Metz­gerstochter aus Rosenheim, well!

Unter solchen Umstünden wirst Du es mir ver­zeihen, lieber Batt, wenn ich alle Sentimentalität über Bord werfe und vor Anker gehe. Denn offen gestanden: die Jungens gefallen mir sehr, aber die Wahl ist schwer. Nord — oder Süd? — Blond — oder braun? All right: ich gebe einem davon meine Harü> — mein Herz bleibt auf dem Rabenhof! — Im Sommer wollen sie beide Pa besuchen und sich ihm vorstellen. Er wird seine Freude haben, er ist ja immer für blaues Blut gewesen, und ein Adels­titel wiegt ihm dreißig Millionen aus. Für die Rennen in Baden-Baden haben wir ein Rendez­vous verabredet; ich schwärme für den Rennsport. Das kommt, glaube ich, daher, weil ich doch em paar Tropfen Bauernblut in mir habe. Aber es ist fair.

Nun Schluß, ich habe jetzt keine Zell mehr — die beiden Trabanten kommen! Auf Wiedersehen, Cousin! Deine Lizzie."

Baldwin steckte das Schreiben gedankenvoll ein. „Es ist daS beste so," dachte er. „Und daß mir LiWe all das mtiteUt und so viel Vertrauen zu mir hat, das ist doch schön von ihr! — Nun bin ich bloß begierig, welcher von den beiden Rennreitern das Rennen gewinnt!" —

Er machte sich wieder an die Arbell. Der Pickel flog auf und nieder, daß ihm der Schweiß von der Sttme rann, und er gewahrte nicht, wie Mtat

über der kleinen Schlucht, jensellS des Wildbachs, der Amerikaner stand und ihn betrachtete.

„Well, ein tüchtiger Boy," brummte Mister Henry. „Drüben auf einer Farm hätte der seinen Mann gestellt und ei« Königreich erobert, aber hier im alten Europa ist all seine Mühe vergebens — er wird sein Leben lang em armer Teufel bleiben. Ja, wenn er nicht der Sohn von — von meinem Bruder wäre! Aber so — no, no, no! — Ich muß meinen Weg gehen — und wenn er über Leichen führt!"

Er stieß den Hut in den Nacken, stellte sich breü- fourig an das Ufer des Wildbachs, spuckte in weitern Bogen aus, steckte die Hände in die Hosentaschen und rief: „Halloh, Boy — komm mal ein paar Schritte näher. Hab mit Dir zu reden, well!"

Baldwin schaute auf und fah seinen Onkel. Er trat aus feiner Grube heraus, ging hinüber zum Wildbach, der nur wenig Wasier hatte, und ant- toortete:

„Guten Tag, Mister Henry! Was wünschen Sie von mir?" Er dachte: „Vielleicht ist das der erste Schrllt zum Frieden! — Wenn der Amerikaner aber Kampf will — so bin ich auch dazu bereit!"

„Well," rief der Amerikaner, kannst schon „Du" zu mll sagen, bin doch Dein Uncle!"

„Davon habe ich bis jetzt noch verdammt wenig bemerft," erwiderte Baldwin. „Aber mir kcmn'S recht fein — sagen wir also Dn! Was willst Du. Onkel?"

„Dir ein wenig den Dickschädel waschen, Bohl Aes! — Das also ist Deine sogenannte „Farm", von der die Leute im Dorf so viel Wesen machen? Pshaw! — ’ne Handvoll Land, über das man mit der Rase Wegblasen kann!"

„Das ist erst der Anfang! — In fünf Jahren sieht'S anders aus! Da ist alles um und um ftuaü' bares Land, da sichst Du wogende Fruchtfelder, grüne Weiden." — , „ „__,__

„Bin verdammt neugierig darauf, Boy, unter­brach ihy Mister Henry. „Wer aber hat Dir er- Nt|bt, den See abzugraben, he?"