M 167.
Mittwoch den 2\. Juli I9<2.
39. Jahrgang.
” fuldaer W Zeitung«
2. Statt.
Druck wnb Verlag der Kttdaer Actiendrnckerri in Zuld«.
Rertamen- und Auzeigeutett
das sag' ich net; aber — weil wenige Jahre jünger war, als er selber, dem die
.ytein, nein
grauen Locken auf die hohe Stirne fielen Es war
* Ein fünft des «englischen
* Aschaffenburg, 23. Juli 1912. In vergangener Nacht wurde von einem hiesigen Auto auf der Hanauerstraße, 3—400 Meter unterhalb des Bahnwärterhauses, ein Radfahrer überfahren und getötet. Ter Radfahrer, der ohne Licht fuhr, ist bis jetzt noch unbekannt.
*' Aus Franken, 23. Juli 1912. In Unter- franken soll nun auch mit der Verkoppelung der Anfang gemacht werden. Diese für die landwirtschaftliche Entwickelung so überaus wichtige Maßnahme mußte dem Frankenlande so lange vor- enthalten bleiben, weil wohl in keiner Gegend Deutschlands so große Schwierigkeiten der Flurbereinigung entgegenstanden, wie in Unterfranken. Eine Vertauschung von Grundstücken unter Berücksichtigung aller Forderungen der Gerechtigkeit ist hier so schwer, weil jedes Stückchen Land durch jahrhundertlange erstklassige Kulturarbeit einen besonderen Wert erlangt hat. Jetzt will man aber doch an die Arbeit Herangehen. In Würzburg wird vom 1. August an eine Flurvereinigungsabteilung für Unterfrankeu ins Leben treten. Die Staats» regierung gewährt einen Zuschuß von 30000 Mk.
Sö»g nach ihrem heimatlichen Dorf. Sie starben dann meist unterwegs oder bald nach ihrer Ankunft. Nach der Züchtigung mit dem Ochsenschwanz wurde den Unglücklichen meist noch etn Ohr, die Nase, ein Arm oder Bein, ja selbst die Zunge abgeschnitten. Männer und Frauen wurden an den Haaren gefaßt, mit dem Gesicht auf die Erde geschleudert und dann getreten und geschlagen, bis Gesicht und Körper eine blutige Masse waren. Mütter, deren Kinder nicht die verlangte Menge Gummi eingeliefert hatten, wurden bis aufs Blut gepeitscht, damit sie ihnen das Arbeiten besser beibrächten Bier junge Indianer wurden solange unter Wasser gehalten, bis ihre Bäuche und Eingeweide zum Platzen voll waren. Ein Weib wurde mit dem Kopfe nach unten an einen Baum gehängt; unter ihrem Kopfe wurde dann ein Feuer angezündet und so die Unglückliche bei lebendigem Leibe gebraten. Andere wurden mit Petroleum begossen und angezündet. Wenn die Beamten der Gesellschaft eine Orgie feierten, so nahmen sie mitunter einen Mann, der irgend etwas zu verbüßen hatte, aus dem Gefängnis, banden ihn an einen Baum und schoflen auf ihn wie auf eine Scheibe.
Der Bericht führt in allen Fällen den Ort an, wo diese Ungeheuerlichkeiten geschehen sind. Außerdem nennt er 16 der Scheusale, die sie verübt haben, mit Namen. Armando Normand, ein in England erzogener Bolivianer, wird als der Beelzebub in diesem Reiche der Teufel bezeichnet.
Was kann nun geschehen, um wieder Lebensfreude und Frieden in die Herzen der unglücklichen Indianer am Amazonenstrome Einkehr halten zu lassen?
Der hl. Baier Pius X. hat schon vor einem Jahre die geeignetsten Schritte getan. Mit der Bestrafung der Schuldigen allein ist nicht abgeholfen. Tas Christentum allein kann die Welt vor solchen Schaudlichkeiten bewahren und feine Lehre soll in jenen Bezirken dem Wunsch des Papstes gemäß verbreitet werden.
Untetbeifen hat aber auch schon in England unter dem Eindruck der veröffentlichten Grausamkeiten eine weitere private Aktion eingesetzt, an deren Spitze kein geringerer als der erste Vertreter der katholischen Aristokratie von England fick gestellt hat. Der He r z o g von Norfolk hat in der Times einen Aufruf erlassen, in dem er zu einem freiwilligen humanitären Eingreifen in Peru auffordert. Da nach der peruanischen Verfassung eine solche Aktion nur autorisiert wird, wenn sie unter dem Schutze der katholischen Kirche stattfindet, tritt er ein für die Entsendung einer katholischen Mission nach dem Puturnayodistrikt. Die Aufgabe dieser Missio- nare, so heißt es in dem Aufruf, bestehe bann zunächst weniger baren, religiöse Propaganda zu treiben, als vielmehr in humanitärer Weise an der Hebung der äußeren Lage der unglücklichen Eingeborenen zu arbeiten. Zum Schluß bittet der Herzog um die materielle Unterstützung dieser Mission, deren Kosten er auf 375 000 Franken berechnet. Wie das Reutersche Büro erfährt, wird diese Mif- fton, an deren Zustandekommen nicht zu zweifeln ist, ausschließlich aus britischen Untertanen und zwar vorzugsweise aus Franziskanern bestehen. So ist zu hoffen, daß wenigstens die noch übrig gebliebenen 10 000 Indianer im Putamaho- distrikt'gerettet werden. Die katholische Kirche zeigt sich aber Wiebe r von neuem durch die Enzyklika des Papstes und die Mission nach Peru als die allzeit bereite Helferin der Unterdrückten und Schwachen, auch wenn es nur arme, heidnische Indianer im fernen Innern Südamerikas sind. —
ein ernstes, fast strenges Gesicht, aber es ward gemildert durch den Glanz, der aus feinen Augen brach.
Steiner erkannte die Güte, die ihm da entgegen» quoll, faßte die Hand des Pfarrers und sagte stammelnd: „Herr Pfarrer, ich möcht' um Jesu Christi willen bitten, daß Sie meiner Tochter ein christliches Begräbnis geben! — Ich hab' ja ohnedies Jammer genug zu tragen — und das — Herr Pfarrer, das brächte mich unter den Boden! — Das Kind ist niemals nicht schlecht gewesen und hat mich aU ihren Vater geehrt und geliebt. — Nein, nein, eine bejjre Tochter hält' ich mir net wünschen können! — Bloß ein schweres Blut hat sie gehabt und ein tiefes Gemüt. Und wie sie in die J<chr gekommen ist, wo sie hält' heiraten sollen, da hat sie Unglück gehabt in der Lieb'! Und da fft sie ganz tiefsinnig geworden, Herr Pfarrer, und hat sich schier verkrochen. Ja, und allweil 'betet hat sie, und heut' in der Früh, wo sie fort ist, hat sie gesagt, sie wolle wallfahrten gehen in die Lerrgotts-Ruh'- Kapell'." —
„Sie ist auch dort gewesen, Steiner. Ich habe das bereits von den Leuten erfahren."
„Ja, um Jesu willen, wie hat sie nachher so was tun können? Das versteh' ich net! — Das ist ja so schrecklich von dem armen Kind!"
„Das Menschenherz, Steiner, ist voll von Rätseln, — und wer ergründet gar so ein heißes Mädchenherz, das in Liebe und Leidenschaft entbrennt? — Nur Gott allein, bir Herz und Nieren prüft, schaut auf den Grund der Menschenseele und kennt ihr letztes Wünschen und Sehnen, im Guten tote im Bösen. Darum ist er der Richter! An uns aber fft es, gütig, milde und barmherzig zu fein und zu verzeihen. Gott fft die Liebe, Steiner — und wenn er verzecht, dürfe« wir nicht verdammen. Ihre Tochter war krank, am Geiste und am Herze», das hat mir auch der Arzt bestätigt, und so muß man nach menschlicher Berechnung annehmen, daß sie die
Im Sommer gebotene Kinder machen de» Müllern oft Sorge, da die Kuhmilch in der helleu Jahreszeit leicht verdirbt. Die Ernährung mit „ttufete-, leine leichte Verdaulichkeit und feine Wirkung am die ft u« flockige Gerinnung der Kuhmilch verhindern die Darmgärungen und verhüten dadurch das Austreten von Magen-Darmkranlhkilen.
Aus Oberhefsen u. den heff. Aemtern.
△ Ma bürg, 22. Juli 1912. Die Ferienkammer verurteilte einen Schlosserlehrling aus Schlierbach, der in Hartenrod während der Christenlehre Störung gemacht und den Pfarrer Walter be»
Aus ötm Nachbargeblete.
!! Thaiden iRhörri,23. Juli 1912. Dem Krieger- verein Thaiden ist die Erlaubnis zum Führen einer Fahne erteilt worden. Die Fahnenweihe wird voraussichllich Sonnt ig, den 1. September/ stastfinden.
* Gemünden, 24. Juli 1912. Bekanntlich war die Vereinigung der Scherenburg-Fest- spiele in Konkurs geraten. Um das Spiel zu erhalte«, wurde eine Sammlung unter dm Bürgern emgeteitet. Es wird ein neuer Verein gegründet, der voraussichtlich das schöne Werk weiterführen wird.
Handel >r«d Jir uskrie.
* Berlin, 23. Juli 1912. Die heutige Börse, bei der Eisenwerte im Mittelpunkt standen, hatte eine feste Stimmung. Diese fand eine Stühe in dem weiter leichten Verlaus des Schiebungsgeschästes unk der leichteren Veranlagung des Geldmarktes.
Ami Geisa und Umgebung.
;; Geisa, 23. Juli 1912. Am vergangenen Sonntag fand im Rathaussaale die Gründung des katholischen Jünglingsvereins statt. Es meldeten sich gleich am ersten Abend 56 junge Leute als Mitglieder an. Zum Präses wurde Herr Kaplan Sehn ernannt. Am kommenden Sonntag wird der Verein bereits seinen ersten Ausflug aus den Rockenstuhl unternehmen. Ein recht herzliches »Glück auf!" dem jungen Verein.
* Geisa, 23. Juli 1912. Tie Großherzogliche Forstreviervcrwaltung wird am Samstag den 27. Juli die Gebäude der zum Forstrevier gehörenden beiden Hofraiten auf dem Hochrain (mit Ausnahme des früher Schuchertscheu Wohnhauses) auf Abbruch öffentlich versteigern und zwar vormittags 9y2 Uhr an der Saatschule auf dem Hochrain.
~X Schleid bei Geisa, 23. Juli 1912. Die Rocken st uhlge in einde feierte am Sonntag ihr Stiftungsfest im Saale des Herrn Fischer in Schleid, da leider der Regen die Feier auf dem Rocken- stuhle unmöglich machte. Aber trotzdem fanden sich recht » eie Mitglieder und Freunde der Gemeinde zur fröhlichen Feier ein, sodaß sich bald ein recht frohes Treiben im Saale entwickelte.
* Buttlar, 24. Juli 1912. Der Grubenvorstand der Kaliwerk-Gewerkschaft Buttlar versendet ein Zirkular, in dem es u. a. heißt: Während man vorher angenommen hatte, daß man die großen Turbinen und die elektrischen Pumpen erst beim Durchteufen des Dolomits nötig haben würde, machten die großen Wasferzuflüfle im Schacht ihre Inbetriebnahme schon jetzt erforderlich. Mit den vorhandenen Dampfpumpen war leider nichts mehr zu erreichen. Wir haben den Ausbau der elektrischen Zentrale nunmehr schnellstens so weit vollendet, daß wenigstens eine 1000-K.-W.- Turbine seit etwa 14 Tagen arbeiten kann und die elektrische Kraft für eine große Abteufsenkpump r von 5 Kilometer minütlicher Leistung liefert. Die anderen Turbinen werden in etwa 14 Tagen betriebsfertig fein. Ebenso geht die Montage der zweiten Fördermaschine ihrer Vollendung entgegen. Inzwischen haben wir den Schacht mit den vorhandenen Provisorien auf die Tiefe von 207,5 Meter gebracht und vollständig mit eisernen Tübbings ausgekleidet und betoniert. Das durchteufte Gebirge besteht aus mildem, grobkörnigem, rotem Buntsand- ftein mit Lettenlagen. Bei dem Anfahren weiterer Lettenlagen ist mit aller Wahrscheinlichkeit mit wasserfreierem und trockenerem Gebirge zu rechnen. Es ist dann auch mit Rücksicht auf die demnächst zur Verfügung stehenden Reserven in der Zentrale und unter Zuhilfenahme der zweiten Fördermaschine sicher ein flotteres Abteufen zu erwarten.
vermischtes.
seltsamer Schissspaflagier. Bei der An- Amerika-Dampfers „Majestic" in dem Hasen Plymouth mußte die Polizei Mannes annehmen, der sein Gedächtnis
sich eines ,
vollständig verloren hatte und nicht wußte, wer er war und woher er kam. Der Mann, der sehr gut gekleidet ist, war in Newyork mit einem anderen Manne an Bord gekommen und hatte seine Fahrkarte vorgezeigt, als das Schiss längst unterwegs war. Er erregte die Aufmerksamkeit der Schisss- paflagiere durch sein seltsames Benehmen. Es ergab sich, daß Die Taschen seines Rockes herausgeschnitten waren, und die Hosentaschen enthielten nur eine bescheidene Summe baren Geldes, doch kein Papier, und nichts, was Aufschluß über den Mann hätte geben können. Der Mann wußte nicht einmal, ob er Passagier zweiter oder erster Klaffe war, und da auch seine Fahrkarte verschwunden war, sä quartierte man ihn in der zweiten Klasse ein. Bei der Ankunft in Liverpool wurde ihm ein Koffer gezeigt, den kein anderer Passagier als sein Eigentum beanspruchte. Der Mann glaubte, daß der Koffer ihm gehöre, woraus man ihn öffnete, in der Hoffnung, aus dem Inhalte Aufschluß über die Persönlichkeit des vergeßlichen Passagiers zu erhalten. Aber auch das war vergebens. Man hat jetzt den Mann ohne Namen und Gedächtnis, der sonst aber ganz vernünftig erscheint, vorläufig in einem Hospital in Plymouth untergebracht.
leidigt hatte, zu 1 Woche Gefängnis. — Die hiesig« Studentenschaft bringt am Donnerstag dem Gehe Reg.-Rat Professor Dr. Cohen, der kürzlich seinen 70. Geburtstag feiert«, einen Fackelzug.
♦♦ Frankeuderg, 23. Juli 1912. Die Gebäud« mit dem dazu gehörigen Land der Domäne Wollersdorf sind bis auf die Scheune an der Sttaße von dem bisherigen Besitzer Herrn Pflügner, an fünf Landleute vereinzelt worden. — Wohnhaus, Stallung und Scheune des Kolonialwarenhändlers Sage! hier wurden ein Raub der Flammen. Ter beim Löschen tätige Mechaniker Rumpf hatte das Unglück, den rechten Unterschenkel infolge eineS Sturzes zu brechen.
* Gudensberg, 23. Juli 1912. Im hiesigen Steinbruch gerieten die beiden Arbeiter Schmidt und, Bohne aus dem benachbarten Obervorschütz so un« glücklich unter einen Kippwagen, daß dem S. der Brustkasten eingedrückt wurde, so daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird; B. zog sich einen schweren Beinbruch zu.
das Kind doch ins Wasser gegangen ist —"
Ein Frost schien ihn zu schütteln; ein flehender, erbarmungsvoller Blick traf den Doktor. „Doktor — wenn Sie ein gutes Worte! einlegen wollten —"
„Lieber Steiner — ich darf dem Priester nicht borgreifen. Er weiß besser als ich, was er zu tun hat. Gehen Sie nur und reden Sie ganz offen."
„Dann in Gottes Namen denn!"
Er tvankte weiter, dem Pfarrhause zu, vergaß sogar, die beiden zu grüßen.
„Baldwin," sagte der Doktor, „der Mann trägt schwer an seiner Last! Und steht nun allein in der Aselt! Wenn Du ihm befftchen »nd ihn heute aus feinen Hof bringen wurdest, daß :r ein wenig zur Ruhe kommt — was meinst Du? — Schau, das wäre ein gutes Werk!"
„Das tu1 ich gern, Doktor! Ich erwarte ihn vor dem Pfarrhaus und bringe ihn heim. Gleich geh' ich hin! Und wenn Sie der Hanne einen Gruß sagen wollten — und meiner Blutter —bloß daß sie wissen, wo ich bin —"
„Gern, Baldwin! Aber jetzt muß ich gehen! ES ist noch so viel zu ordnen zu der Beerdigung, und dann muß ich auch mein ärztliches Gutachten schreiben — also, Adim, Baldwin!"
„Adieu, Herr Doktor!"
Baldwin folgte dem alten Steiner und sah, wie ei die Glocke am Pfarrhaus zog und eintrat.
Der Pfarrer hatte ihm selber geöffnet und führte den alten Bauern in sein Amtszimmer. „Es ist ein großes Unglück über Sie gekommen, Steiner," sagte er. „Aber Sie dürfen glauben, daß mit mir das ganze Dorf Anteil an Ihrem Schmerze nimmt und daß wir Ihre Tochter aufrichtig betrauern. Wenn Sie das Weh übermannt, so muffen Sie Ihre Augen zum Himmel richte« und denken: Herr, Dein Wille geschehe! — Tenn ohne feinen Willen fällt fein Sperling vom Dache unb' kein Haar von unserem Haupte!"
Der alte Bauer, der vor Schwäche auf einen Stuhl gesunken war, hob den Kopf und blickte in ha4 blasse Aszeteugesicht des Priesters, der nur
unselige Tat in einem Zustand von Geistesverwirrung getan hat!" —
„Ja, ja — so ist es! So ist es — es kann ja gar net anders sein!" nickte der Alte eifrig.
„Wir wissen nicht, was Schweres dies arme Herz zu tragen hatte, wie diese arme Seele gekämpft und gerungen, was sie gelitten und geduldet hat, bis endlich alles über ihr zusammenbrach und sie keinen Ausweg mehr sah — bis sie, ohne sich dessen bewußt zu sein, welch große Sünde sie beging, den letzten traurigen Sßjg betrat. — Und nun steht diese arme Seele vor ihrem höchsten Richter! Er wird das Gute und das Böse abtoägen und das Urteil sprechen. —< Möge er ihr gnädig fein und ihr verzeihen, wie auch wir'ihr ihre Schuld vergeben!"
„Und — mein Kind, meine Rosel," stammelte der Bauer, „soll sie begraben werden, wie ein richtiger Christenmensch? — Nist dem Pfarrer dabei —i und Kreuz und Fahne — und Beten und Weihwasser? — Herr Pfarrer, so sprechen Sie doch, •—• ich zitt're ja vor Angst!"
Ein mildes Lächeln ging über das blaffe Gesicht des Geistlichen „Hören Sie, Steiner!" sagte er.
Der Bauer hob den Kopf und lauschte. Eine Glocke klang — dumpf und schwer — und fang ihr Totenlied.
Steiner hob die Hand empor und legte sie ans Ohr. „Das — das ist ja--die Scheidungs
glocke?" stammelte er.
„Ja, das ist die Scheidungsglocke, Steiner! Sie fordert die Gemeinde auf für die Heimgegangene Schwester zu beten Sie sagt den Christen, daß die Kirche auch dieser Toten eine liebende Mutter ist!"
„Und — Herr Pfarrer —■ haben Sie —■ die Glocke läuten lassen?"
„Ja!"
Da sank der alte Bauer auf die Knie nieder, faßte die Hand des Priesters und wollte sie an seinen Dknnd führen. Aber dieser wehrt: ab. „Nein, nicht w!" —
„Gott vergelt' es Ihnen tausendmal! — Ach, di« Scheidungsglocke! — Mein Kind bekommt ein christliches Begräbnis!" —- Er lauicht» wieder.
X Die Greuel in Peru.
. Die Greueltaten in Peru, die in den gestern gemeldeten Graufamkeiteu am Amazonenstrom ein trauriges Gegenstück gefunden haben, wecken mit Recht in der ganzen gesitteten Welt Entrustung. Mit Unrecht hat man aber die Schuld au ^"schrecklichen Vorkommnissen England beigemcsien. Die Gummi- gesellschaft „Arana Brothers , der die Grausamkeiten nacba’faat werden, ist nur dem Warnen nach eine enchssche Gesellschaft, die Aktien sind fast ausschließlich in den Händen von Peruanern, und auch die Aussichtsbediensteten der genannten Gesellschaft finö Peruaner Die Verantwortlichkeit über all die Tausende von Menschenleben, die da profitgierigen, herzlosen Kapitalisten zum Opfer fielen, hak einzig und allem die peruanische Regierung zu tragen.
Vor fünf Jahren schon war ihr das unmenschliche Treiben dieser Gesellschaft bekannt, und zwar be- iannt durch peruanische katholische Missionare. Dem Justizminister wurde damals offiziell uritgeteüt, daß zwei katholische Missionar: versucht hatten, im Putumahogebiete eine Mission zu errichten, daß das Unternehmen aber fehlgeschlagen habe, denn, sagte der damalige Bericht, „es ist nicht möglich, im Putumahogebiete eine Mission zu errichten, und zwar wegen der Mißhandlungen der „Cau- cheros'' gegen die Indianer, welche sie ohne Grund martern und ermorden".
Im Jahr: 1907 hat bann der apostolische Präfekt des Distriktes von San Francisco, de Ucayali, in einer längeren Eingabe die peruanische Regierung erneut auf die Martern der Jndianerbevölkerung durch die Gummigewinnungsgesellschaft aufmerksam gemacht. Der Präfekt begab sich trotz der Beschwer- lichkeit einer solchen Reffe persönlich in das Putu- mahogebiet, um die Sprache der Eingeborenen zu lernen, mußte aber dabei die größten A n f ei n- > u n g cn der Gesellschaft ertragen. Ein Jahr vor- ser hatte der Papst bereits eine Enzyklika an ;ic Erzbischöfe und Bischöfe Südamerikas ergehen lassen und sie gebeten, alles, was in ihrer Macht steht, zu tun, den Indianern zu helfen. Die perua- nffche Regierung aber, die von all den Greueltaten wußte, t a t n i ch t s. Erst im April des vergangenen Jahres setzte sie eine Kommission ein, um einen „allgemeinen Reformplan" auszuarbeiten. Getan hat diese Kommission aber bis jetzt noch nichts. Bis der Reformplan einmal ausgearbettet und dann zur Durchführung gebracht ist, würde bald der letzte Indianer unter den Peitschenhieben oder Revolverku- gelit der „Arana Brothers" und ihrer Trabanten sein armes Leben ausgehaucht haben.
Die „große" nichtkatholische Presse hatte von der päpstlichen Hilfsaktion weiter keine Kenntnis genommen, wohl deshalb, weil die Nachrichten von katholischer Seite stammten und den Papst in seiner rnild- tätigen Nächstenliebe zeigten. Die Grausamkeiten mußten erst von nichtkatholischer Sette bestätigt werden, ehe auch sie in ihren Spalten davon Notiz nahm. Nachdem aber die Anklagen nicht verstummten und sich gegen die in London sitzende Kautschuk-Kom- pagnie richteten, wurde Sir Roger-Casement zur Untersuchung hinausgeschickt. Die Ergebnisse der Untersnchungskommifsion hat er, wie wir schon berichtet haben, in einem Buche veröffentlicht.
Sir Roger sagt unter anderem, daß in den letzten zwölf Jahren 4000 Tonnen (80 000 Ztr.) Gummi aus Putumayo nach England gegangen seien, die 30000 Indianern das Leben ge ko st et batten.« Man habe diese armen Sklaven entweder Hungers sterben lassen, geköpft und erschossen oder gar bei lebendigem Leibe verbrannt, nachdem man sie vorher den teuflischsten Torturen unterworfen hatte. Um manche der Faktoreien lagen die menschlichen Knochen in so dicken Haufen, daß man glaube, ein Schlachtfeld zu sehen. Daß Indianer, Männer, Frauen und Kinder, die nicht genug Gummi einlieferten, bis aufs Blut gepeitscht wurden, ist kaum erwähnenswert neben all den anderen zum Tnl kaum nennbaren Grausamkeiten, die von den Henkern dieser Gesellschaft an ihnen verübt wurden. In dem Berichte sind einige Beispiele von Hunderten aufgefuhrt, tn denen junge Weiber derartig geschlagen wurden, daß die Wunden nicht mehr heilen könnt m; der Brand trat ein. und es bildeten sich Würmer in dem faulenden, wunden Fleffche. Manchmal ließ man sie bann erschießen, öfter aber trieb man sie aus den
Mauernblfttt.
«i Roman von Felix Nador.
„Du' kannst ruhig sein, Baldwin", erwiderte her Doktor, „Du bist nicht schuld an ihrem Tod. Es ruht ein Geheimnis über dem Leben dieses armen Menschenkindes, aber die Rosel nimmt es mit ins Grab."
„Doktor!" schrie Baldwin auf.
„Still!" sagte dieser. „Frage nicht! Das Grab ist stumm — und manchmal müssen es auch di: Menschen sein! Das arme, heiße Herz hat endlich Ruhe gefunden. Aber schau, da kommt der alte Steiner, der Vater der Toten. Wir wollen ihm die Hand drücken, daß er sieht: er steht nicht allein."
Der alte Steiner kam wankend auf der Straße daher — mit :mgelnidten Knien, hängenden Armen, wirren Haaren und starren Augen. Er schüttelte immerfort den Kops und murmelte: „Ich kann es Met glauben — ich kann es net glauben, daß mein Lind tot ist! Meine Rosel, mein Kind!"
Tie beiden traten zu ihm, drückten ihm die Hand, Und der Doktor jagte; „Es ist nun nichts mehr zu ändern, Steiner! Sie müssen sich in das Unvermeidliche fügen! Daß es Ihnen schwer geht, das glaube ich — aber als Mensch wie als Christ müssen Sie sich in Gottes Willen schicken. Das Mitleid, das man Ihnen entgegenbringt, mag Ihnen eia Trostsein —"
e'Ja — schon! Aber das gibt mir mein Kind net v AH.' meine Rosel. mein Kind! Und jetzt er.,- ,~enJ^^erften Gang — zum Pfarrer! Ich gab solche Angst, Herr Doktor! Jffus Maria, wenn, das Kind kein ehrlich-« Begräbnis bekommt? Kein Rreut und keine ttobne und kein geweihtes Wasser »nd fein Gebet und gar nichts? Wenn man's ein- jrabt am Abend, wie eme —- Er stöhnte entsetzlich. »Ja, was fang tch denn cm? Ja, was tu' ich den« nachher?"
Doktor Haller nahm ihn bei der Hand „Warum machen Sie sich Sorgen? Reden Sie mit dem ßernt Pfarrer. <-r ist doch kein Unmensch!"