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40 165.
Fulda, Montag den 22. Juli 1912.
39. Jahrgang.
j? Die Krifis in Konstantinopel und oie Kanonade am Dardanellentor. sind vielleicht nur durch Zufall zeitlich zusannnm- gefallen; wenigstens fehlt bisher der Nachweis eines inneren Zusammenhangs. In der Einwirkung auf die öffentliche Meinung Europas ergänzen sich aber die beiden Vorfälle. Der eine wie der andere lehrt, daß nunmehr im Interesse der Menschlichkeit itnb der Friedenssicherheit endlich Schritte getan werden müssen, um dem unseligen schleichenden Kriege ein Ende zu setzen.
Das Ministerium Said und die gegenwärtige jungtürkische Kammer hatten uns eine wohlinfze- nierte Komödie vorgespielt. Als die großen Reden gehalten und das fast einstimmige Vertrauensvotum beschlossen wurde, hatte M den Anschein, als ob die Mämrrr vom Sawnikifchen Komitee noch die Kraft hätten, die Meuterei und die sor'.stigen aufsässigen Bewegungen niederzuhalten und die innere Ordnung zu machen. Doch als am folgenden Tage das „siegreiche" Ministerium Said vor dem Machtgebot der Militärliga zusammen- tlapptr wie ein angestochener Ballon, da war es, sofort klar, daß die Gegenrevolution den Trägern der ursprünglichen Revolution über den Kopf gewachsen war. Zum Ueberfluß hat nun noch (dies sei zur Ergänzung des Telegramms in der SanistagS-Rummer nachgetragen) der Sultan durch seine wohlgemeinte Proklamation an die Armee ausdrücklich vor aller Oessentlichkrit bescheinigt, daß „im Namen einiger Offiziere" die bekannten „Forderungen" auf Entlassung des Ministeriums, Auflösung der Kammer usw. Wirklich gestellt worden sind. Die väterliche Predigt des Sultans über die Unzulässigkeit der Osii- zierspolitik wird schwerlich Eindruck machen, da sich jeder sagt: dieser Sultan- verdankt seinen Thron ja nur den revolutionären Offizieren von Saloniki. Und währmd der Sultan in Worten gegen die Militärliga protestiert, niacht er tatsächlich dieser Macht Zugeständnisse, indem er die Entlassung Saids annrmmt und verspricht, daß die künftigen Minister „ftei von allen Einstüsseu", d. h. unabhängig vom jungtürkischen Komitee sein sollen. Wenn nun Tewsik Pascha das Gl^ßwesirat kühn übernimmt und wirklich selbständig regieren will, so kommt er schwerlich mit der gegenwärtigen Kammer aus, die durchaus eine Kreatur des jungtürkischen Komitees ist, und er wird dann doch Wohl zu Auslösung und Neuwahlen schreiten müssen, wie es die Militärliga verlangt hat. Zur weiteren Spannung zwischen den revolutionären und den reaktionären Elementen im Heere und im Bürgertum wird es kommen, wenn den Aufständischen in Albanien die zur Beruhigung notwendigen Zugeständnisse gemacht werden. Die Türkei befindet sich also in voller Gärung und Umbildung! auf die Revolution, die unter freimaurerischer Führung zu freidenkerisch und zu zentralistisch vorging, folgt der Rückschlag zu Gunsten der alten Ueberlieserun- gen und der Schonung der Eigenart der verschie- uen Reichsteile. Während einer solchen Mauserung ist der Staat nicht kriegsfähig. Dre Befreiung von dem Truck der Kriegsbereitschaft wäre eine Erlösung für die Völkerschaften im türkischen Reich und zugleich die Erlösung Europas von einer schweren Sorge. Wenn dort ein allgemeiner Bürgerkrieg ausbricht und den Zerfall des Reiches einleitet, so wird Europa in den Strudel der verhängnisvollen „orientalischen Frage" hineingerissen.
Die Schießerei am Dardanellen ei n- a a n g, die in ihrem Ursprung und Verlauf so andauernd verschleiert wird, verstärkt die Besorgnisse. An der abermaligen Schließung der wichtigen Wasserstraße sind wir ja diesmal noch glücklich vorbn- gekomrnen. Aber man sieht doch, daß der Hebet» eifer eines kühnen Kommandanten oder ein Ränke- fpiel von höherer Stelle oder mrch ein Zufall Zwischenfälle von großer Tragweite auslösen kann, welche die Ruhe Europas, den Handelsverkehr und di; Friedenssicherheit gefährden.
Wir können die beiden Gegner, die sich dort in einander verbissen haben, nicht auf unbegrenzte Zeit in der bisherigen unvernünftigen Weise weiter wursteln lassen.
Neuerdings hat der italienische Abg. Eirmeni in einem österreichischen Blatt einen Artikel über die Frage veröffentlicht, welcher bestätigt, daß gewisse „Privatgespräche" zwischen italienischen- und türkischen Persönlichkeiten von Einfluß stattgefunden haben. Cirmeni stellt auch seinerseits FriedenSbe- dingungeu auf, die sich auf der bekannten Linie be- wegen: Annexion, aber unter Schonung deS türkischen Selbstbewußtseins und unter Leistung einer beträchtlichen materiellen Enffchädigung. Cermmi ist nicht so zuverlässig, daß man aus seinen Darlegungen ohne weiteres auf die WillenSmeinung der italienischen Regierung fchließen könnte. Aber sein Artikel bekräftigt doch, waS wir über die Selbstver- ständlichkeit der Grundlagen des Friedens ausgr- führt haben.
Leider kann weder die italienische noch die türkische Regierung cmS eigener Initiative den selbstverständlichen Ausgleich in Vorschlag bringen. Wahrscheinlich würde man aber hüben und drüben zugrelfen, wenn die fünf Großmächte in Rom und in Konstantinopel einmütig erklärten: „Auf dieser Grundlage müßt ihr euch vertragen!"
Ist denn das bischen Einigkest nicht zu erzielen?
Die Beschießung der Dardanellen.
In Rom hotte man zuerst andauernd behauptet, nichts von einem Kampfe italienischer Torpedoboote bei den Dardanellen zu wissen. Die Dieldungen darüber wurden geradewegs als unsinnig erklärt. Allmählich hat man sich dort aber doch bequemt, den Ueberfall zuzugeben. Danach handelt es sich Vicht um einen wohlvorbereiteten Angriff auf die Dardanellen, sondern um eine kühne ErkundigungS- fahrt der Italien scheu 2orpebobootäflottiUe, die allerdings die Italiener hätte teuer zu stehen kommen können. Der amtliche italienifche Bericht bezeichnet selbst de» beim heftigsten Küftendombardemenl voll
zogenen Rückzug der italienischen Boote als »eine Fahrt auf Tod und Leben*. Er meldet:
Infolge dringender wiederholter Informationen, die dem Oberkommando der italienischen Seestreitkräfte zugegangen waren und die besagten, daß die türkische Flotte beabsichtige, emen Heber- fall auf unsere Schiffe im ägäffchen Meere zu versuchen, wurde in den letzten Tagen angeordnet, die Kreuzfahrten stattfinden zu lassen. Dre Torpedo- bootsflotttlle fuhr, vielleicht während sie die feindlichen Torpedoboote verfolgte, oder in der Absicht, eine Erkundigung vorzunehmen, mit bewundernswerter Kühnheit und in vollkommener Ordnung u n b e - merkt in die Dardanellen ein. Die Tor- pedoboote gelangten bis etwa 20 Kilometer einwärts. Trotzdem sie von zahlreichen Scheinwer- fern entdeckt worden waren und von vielen Forts an beiden Ufern sowie mit Gewehren und Maschinen- gewehren beschossen wurden, gingen sie doch weiter vor, bis sie festgestellt hatten, daß das feindliche Geschwader sich in einer wirksamen Vertei- digungsstellung befand und durch Sperrkette geschützt war, und entschlossen sich dann erst zurück- zugehen, da fie' feststellten, daß es vollständig unmöglich sei, Angriffe auf die verankerten feindlichen Schiffe auszuführeil. Dieser Rückzug ging in voller Ordnung vor sich. Obschon sich die Fahrt bei dem sehr lebhaften Feuer aller Forts der Dardanellen und der Schiffe zu einer Fahrt auf Tod und Leben gestaltete, gewann doch das ganze italienische Geschwader das Acgäische Meer wieder, ohne daß die feindlichen Torpcdobootszerstörer auch nur gewagt hätten, es zu verfolgen. Dank der mari- timen und militärischen Geschicklichkeit der getroffenen Maßnahmen und infolge des mangelhaften Zielens der Feinde, verließen unsere Torpedoboote vollkommen unbeschädigt und ohne Ver- luste an Menschenleben die Dardanellen. Auf diese Weise konnte eine sehr kühne Erkundung ausgeführt werden, die der königlichen Marine zur Ehre gereicht und eine Probe darstellt von der bewundernswerten Fähigkeit und Kühnheit der Kommandanten, sowie von der Disziplin und Kaltblütigkeit der Besatzung.
x)u Dieser Darstellung fällt das reichliche Selbstlob unangenehm auf. Die in deut amtlichen Bericht enthaltenen Vehaupttmgen werden sicherlich nicht unwidersprochen bleiben. Vorläufig werden sie als nicht ganz zulreffend tiachgewieseu von den — Italienern selbst. Der obigen Darstellung, die Samstag abend verbreitet wurde,so!gtenämlich eineaus Rom vom Souulag Datierte amtliche Meldung, die sestftellt, daß cs unmöglich gewesen sei, die türtischen KneMchiffe zu erkennen oder auch nur eine annähernde Feststellung ihrer Lage vvrzunehmen. Weiter werden auch geringe Beschädigungen der italienlschen Torpedoboote zugegeben. T:e Meldung besagt:
Vizeadmiral Via le meldet mittels Fuuken- spruchs von Bord des Linienschiffs „Regina Elena" vom 20. Juli: In der Mitternacht vom 18. auf 19. Juli gelang cS einem Geschwader, das aus den Hochseetorpedobooten „Spica", „Centauro", „Astore", „Elimene" und „Perseo" gebildet war, durch List in die Dardanellen Mündung hineinzufahren. Das TorpedeBoot „Astore", das am Ende des Geschwaders dampfte, wurde bald entdeckt. Sofort eröffneten die Bakterien der beiden Küstenufer das Feuer auf das Schiff. Die Wachen, die am Ufer zahlreich in geringer Entfernung auf- gestellt waren, gaben daS Alarmsignal weiter. Die TorpedobovtSflottille, stets von ungefähr einem Dutzend Scheinwerfer beleuchtet, verfolgte kühn in enger Formation mit einer Geschwindigkeit von 21 Knoten ihren Weg und hielt sich sehr dicht an der europäischen Küste. Als ungefähr Kilidbahr erreicht war, wurde das Feuer lebhafter. Das Torpedoboot „Spica", das die Spitze der Fkotille bildele, rannte gegen eine Stahltrosse. Nachdem es losgekommen war, dampfte es toeiter und stieß wiederum mit einer Trosse zusammen, von der es ebenfalls loskam, indem es Volldampf setzte. Jenseits Kilidbahr und Tschanak war die Wasserfläche durch Scheinwerfer von der Küste und den türkischen Kriegsschiffen her vollständig hell beleuchtet. Vom Lande und den Schiffen aus wurde sie durch heftige? Artilleriefeuer bestrichen. Die sich kreuzenden zahlreichen Lichtkegel und Scheinwerfer machten es unmöglich, die türkischen Kriegsschiffe zu erkennen oder auch nur eine annähernde Feststellung ihrer Lage vorzunehmen. Daher hielt es der Kommandant Millo für unnütz, einen Angriff zu unternehmen, der den Verlust der meisten Torpedoboote zur Folge gehabt hätte. Da er sich weiter sagte, daß die ErkundutigSfahrt im übrigen vollständig geglückt sei, gab er den Befehl zur Rückfahrt, die in Ruhe und Ordnung vorgenommen wurde. Obgleich das Feuer der türiischen Batterien an Stärke zunahm, haben die italienischen Torpedoboote nur geringe Beschädigung erlitten.
Weitere offizielle Meldungen von türkischer Seite liegen noch nicht vor. Den türkischen Blattern zufolge wurde das italienische Geschwader von dem in der Meerenge kreuzenden türkischen Torpedoboot ,Fftitalsia" bemerkt, das sich unter den Schutz der Festungen flüchtete. Da italienische Torpedoboote den „Kulahia" angreifen wollten, erwiderten die Festungen das Feuer, an dem sich der „Kutahia" beteiligte. Außer den zwei gesunkenen Torpedobooten feien an zwei anderen die Masten und Rauchfänge zerstört worden. Von der Vernichtung der Torpedoboote ist in den italienischen Meldungen keine Rede-
Klar sieht man also auch heute noch nicht. Wenn man auf richtige Informationen Wert legt, muß mau sich in Geduld fassen. Weiß man doch heute, nach drei Monaten, noch nicht einmal, was bei dem ersten Dardanellenbombardement vom 18. April herausgeloniluen ist, ob damals, wie die Türken aussagten, auf türkischer Seite nur ein Pferd und ein Hund umS Leben gekommen sind und auf italienischer Seite ein Linienschiff schwer beschädigt wurde, oder ob, wie die Italiener behaupteten, die ganzen türkischen AußenfortS zusammengeschossen wurden und die italienische Flotte ohne die geringste Schädigung davongekommen ist.
Wichtiger als die Suche nach den Einzelheiten, dir Vorläufig doch vergeblich bleibt, ist der Umstand, daß der Zwischenfall anscheinend ohne Folgen bleiben wird, daß die Pforte zwar die Fahrstraße in den Dardanellen durch eine neue Minenlinie verengen lieft, jedoch die Durchfahrt von Handelsschiff»« nicht verhmdert wird.
Die, Albanesenbewegung.
Die Lage in ytorbalbanien ist außerordentlich drohend geworden. Die vereinigten albanesischen Stämme marschieren gegen Skutari und Prizrend. Die Garnison von Prizrend sympathisiert nut der albanesischen Bevölkerung. Ein heftiger Kampf fand statt zwffchen Mitrowitza und Buciterne. Die Aufständischen waren 3—4000 Mann stark. Der Kampf wurde mit Todesverachtung geführt, da außer der großen Anzahl der gefallenen Mannschaften auch sechs Offiziere fielen. Die Aufständischen, die einen Angriff auf Mitrovitza beabsichtigten, hatten sich auf den Hügeln an der Straße Mitrovitza— Novi-Bazar konzentriert, von wo sie mit großem Anlauf das Milttär angriffen. Die Regierungstruppen begannen zu Wanken, als aber die Artillerie in Aktion trat, und Verstärkungen eintrafen, gelang es, die Aufständischen aus ihren Stellungen zu verdrängen. Hierauf gingen die Truppen zur Offensive über und drangen mit großer Wucht ins Dorf Boletini ein, das fie dem Erdboden gleichmachten.
* Konstantinopel, 21. Juli 1912. Tewsik soll die Bildung des Kabinetts unter der Bedingung übernommen haben, daß er in der Wahl der Mitglieder freie Hand behalte. — Die jungtürkis ch e Partei ist zu einer Beratung über die Lage zusammengetreten. In der Partei besteht eine starke Strömung, jedes Kabinett Tewsik, selbst ein solches mit Kiamil und ohne einen einzigen jung- , türkischen Minister, anzunehmen, sich jedoch der > Kammerauflösung zu widersetzen.
Deutsches Reich.
r Berlin, 20. Juki 1912. Der Kaiser besuchte die englische Jacht „Rovenska", die ebenfalls vor Baissand vor Anker gegangen ist. — Prinz Waldemar von Preußen ist mit dem Torpedoboot „Woiskowoi* bei der russischen Kaiser-Jacht „Standart" eingetroffen und vom Kaiser und der Kaiserin von Rußland empfangen worden. — In Camenz wurde die Prinzessin Agathe von Preußen, die Gemahlin des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, von einer Tochter entbunden. Prinz Friedrich Wilhelm ist der dritte Sohn des Prinzen Albrecht von Preußen, des früheren Regenten von Braunschweig. Er ist Landrat in Frankenstein. — Staatssekretär Dr. Sols ist von Swakopmund nach Kapstadt abgereift.' Auf einer Festlichkeit, die in Swakopmnnd stattfand, sprach er der Stadt seine Anerkennung aus, werk sie aus einer Sandwüste einen Gatten gemacht habe.
* Der Fahneneid der H-rbftnettfotmationen. Dir am 1. Oktober dieses Jahres neu zu bildenden Bataillone der Infanterie und der technischen Truppen und die neuen Futzariillerie-Regirnenter erhalten, wie di; „Mil.-Pol. Korrespondenz" meldet, ihre Feldzeichen erst im nächsten Jahre. Die Rekruten 6er Reufonnationen müssen daher in diesem Herbst auf den Degen eines Offiziers vereidigt werden. Die Rekruten der Feldartillerie leisten den Cid auf das Geschütz. — Für die Fliegertruppe wird eine besondere Eidesformel vorbereitet, wir fie für die „Treue zu Lande, zu Wasser und i n d e r L u f t" schon im türkischen Heere, seit Anfang d. I., besteht.
)( Ein unter Beitrag zur BrrelendmigSthrorte. In einer der letzten Nummern der,Metallarbeiter- Zellungh dem Organ des sozialdemokratischen Melall- arbeiterverbandes, wird unter der Rubrik „VerbandS- anzeigen" unter „Stuttgart" folgendes mitgeteilt:
„Samstag, 10. August, beginnt ein mehrtägiger Ausflug mittelst Gxtraznges nach Tirol. Hinfahrt: Abfahrt Stuttgart über Friedrichshafen, Boden'ee, Bregenz, Innsbruck; Rückfahrt: über Kufstein, München. In Tirol Führung zu verschiedenen Touren ins Gebirge. In München eintägiger Auf» enthalt. Fahrpreis |fir dir gante Tour 19 Mark, für eine Fahrt hin oder zurück 9,50 Mark. Die Teilnehmer werden gebeten, sich umgehend zu melden."
Gewiß ist den Arbeitern diese Erholung zu gönnen. Aber rote paßt diese Vergnügungsreise zu dem Märchen von der „Verelendung der Massen" ?
= Rudolstadt, 21. Juli 1912. Nachdem die letzten Wahlen in den Rudolstadter Landtag wieder eine sozialdemokratische Mehrheit gebracht haben, die sich bereits früher gegen, eine Erhöhung der Beamten- und Lehrergehälter ausgesprochen hat, verfügte, wie schon knrz "gemeldet, die Regierung von Schwarz- burg-Rudolstadt ohne vorhergegangene verfassnngs- nläßige Zustimmung des Landtages die Hergabe eurer Teurungszulage in Höhe von 8 Proz. des Gehaltes an sämtliche Staatsbeamten und Volksschullehrer des Landes. Tiefe Zulage ist angewiesen für das laufende Jahr; fie erfordert eine Aufwendung von rund 130 000 Mk. Die Verfassung des Landes stellt den Erlaß der Verordnung ohne vorherige Zustimmung des Landtages nur bann frei, wenn infolge Auflösung oder au3 sonstigen Gründen überhaupt kein Landtag da ist. Das trifft nicht zu, da der vorhandene Landtag nach den Bestimmungen der Verfassung zu einer außerordentlichen Tagung ;um Zwicke der Verabschiedung der Vorlage eiuzu- berufen war. Die erforderliche nachträgliche Geneh- migr.ng durch den Landtag ist natürlich auch ausgeschlossen. Die Sache läuft also auf einen neuen »Konflikt zwischen Regierung und Landtag hinaus.
Muttchen. 21. Juli 1912. Für die in liberalem Sinne verhetzte Lehrerschaft Bayerns ist eS ein Glaube» Ssatz, daß von dem Zentrum für die Lehrerschaft nichts zu erwarten ist. Wie e5 damit in Bayern wirklich gewesen ist, konstatierte der Abg. Dr. von Orte rer m der Kammersitzung vom 15. Mai 1896:
Die Lehrerau fbesserunaen fangen gerade da an, wo daS Zentrum tm Landtag vir Mehrheit bekommen hatte, während, so lange die Liberalen (1S63—1369) die unbeschränkten Herren in der Abgeordnetenkammer waren, in der politischen Geschichte nicht - von einer Lehrerausbesserung zu lesen ist.
Am 31. Juli 1908 bemerkt, Abg. Dr. Heim in gleichem Sinn« r
„Wir könne« sage«, daß mit dem Jahre 1870/71 mit der vottttschtn föefietuna Deutschlands auch nach
anderer Richtung hin eine Befreiung für viele Stände gekommen ist, mit dem Erwachen unserer (6e3 Zentrums) Bewegung und mit dem Wachsen des Zentrums. Dr. Heim nannte den Lehrerstand und die materielle Hebung desselben. Als »867 die erste Lehrerauf- befferur g erfolgen sollte, wurde sie von dem herrschend e Liberalismus mit der Durchführung kullurkämp eri cher, liberaler Ideen auf dem Schul» gebiete verquick. Die Reichsratskammer wurde dadurch zur Adlet rum gezwungen. Das Zentrum verlangte sofort die ttt»bringung einer gesonderten Vor» läge, die aif sein wiederholtes Drängen hin 1871 erfolgte. $teje erste Lehreraufbefserung ist somit eine Aktion des Zentrums gewesen.
Ausland.
** Dir antirepMiüurIsche Bewegung lu Portugal. In Evora ist eine Militärverschwörung entdeckt worden; die Anführer wurden verhaftet. Im Lande herrscht Ruhe. So behauptet dis Regierung.
♦* Dir rasenden Wahlweiber von Dublin Das Dubliner Wahlweib, das das Beil in den Wagen des Premierministers Asquith warf, wurde von der Menge selbst sofort energisch verprügelt; sie erschien bei der Verhandlung mit sehr beschädigtem Gesicht- Die Angeklagte fragte einen Zeugen, den Schutzmann, der sie verhaftet hatte, ob er zugebe, daß er für den Zustand ihres Gesichtes verantwortlich fei. Unter allgemeiner Heiterkeit erklärt; der Schutzmann: „Teilweise ja!" Er fügte hinzu, die Meng» fei so erbittert gewesen, daß, wäre die Angeklagte feine Frau gewesen, sie heute kaum noch lebendig wäre. Die Wut der Dubliner Bevölkerung machte sich auch am Freitag abend wieder Luft. AIS Mr. Asquith in dem Theater Royal, demselben, wo tag» vorher die brennenden Gegenstände geworfen wurden, sprach, hatten sich zahlreiche Franenrechtlerin- nen vor dem Gebäude angesammelt. Die Vorsich-ts- maßnahmen waren diesmal so stceng getroffen worden, daß nicht ein einziges von den WahlrrchtSwei- bern Einlaß fand. Dafür aber griff die Menge dir Frauenrechtlerinnen an. Mehrere vo« chnen wurden windelweich geprügelt, sie mußten sich schließlich in das Generalpostamt flüchten, wo eine starke Polizeiabteilung sie solange beschützte, bis sich die Menge verlaufen hatte. In einer Nebenstraße hei dem Theater kam es in später Nachtstunde zu noch wüsteren Ausschrrttungeu, denn dort versuchte der Mob, einige Frauenrechtlerinnen, denen man dieKleidervomLeibegerifsen hatte, in den Liffneyfluß zu werfen. Im letzten Augenblicke erschien auch hier als Helfer in der Not di; Polizei und befreite die Frauenrechtlerinnen aus den Händen des Pöbels.
** Berlebung im Znrenhause. Die Verlobung der russischen Großfürstin Olga, der ältesten Tochter des ZarenpaareS, mit dem Großfürsten Dimitri, einem Neffen des Zaren, Sohn deS Großfürsten Paul Alexandrowitsch, fall bevorsteben. Großfürstin Olga steht im 17. Lebensjahre. Großfürst Dimitri wird demnächst 21 Jahre alt. Gelegentlich der Zusammenkunft in Baltisch-Port wurde bekanntlich die Meldung verbreitet, die Großfürstin Olga werde sich mit dem Prinzen Adalbert verloben.
** Revolution in Portugal? Der Orensrr Korrespondent des „Universa übermittelt rin aus B;rm stammendes Telegramm, nach dem in Oporto und Lissabon die Revolution auSgebrochrn sein soll. Die offiziellen spa- nsschen Kresse sind ohne Nachricht.
** Die Revolution in Mexiko. Nach aus Mexiko einaelroffenen Telegrammen wurden 600 9tebetlen westlich von Madeira auf einem schmalen Pfad von ungefähr 1000Ioqui-Jn di auern Überfallen. 400 Revolutionäre sind getötet worden, de» übrigen 100 gelang es, zu entkommen. Im Staat« TadaSco find neue Unruhen ausgebrochen. Eine Abteilung Rebellen hat sich der Stadt Jaftri bemächtigt. Die Behörden wurden getötet, alle Häuser geplündert. Die Regierung hat Truppen abgesandt^ um die Ordnung wieder herzustellen. Die Luftflotte der BuudeSarmee ist um zwei Aeroplane französischen TypS vermehrt worden.
* Schwere Erkrankung des Kaisers von Japan.
Der Kaiser von Japan soll schwer erkrankt sein. Bei dem hohen Alter des Patienten — er zählt fast 60 Jahre — ist da» ärgste nicht ausgeschlossen.' Anscheinend banbelt es sich um TyphuS.
Kaiser Mutsuhito ist am 3. November 1852 geboren. AIS Nachfolger seines VaterS Komet beflieg, er — ein lljähriger Knabe — 1867 den Thron der MikadoS. Die Geschichte seiner Regierung ist auch zugleich die Geschichte des modernen Japan.
W. London, 21. Juli 1912. Nach einer Reuter- Meldung war daS Befinden des Kaisers gestern abend unverändert. Der Zustand deS Kronprinzen, der die Windpocken hakte und stch auf dem Wege der Genesung befand, nahm durch die Nachricht von, der Erkrankung des Kaisers eine Wendung zum Schlimmeren. Auch nn Befinden des Kaisers zeigt sich eine Wendung zum Schlimmeren. Dis Zunge ist trocken und die Fiederphantasien dauern an. Krämpfe und anbett schwere Symptome Haden sich eingestellt.
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3S. Kongreß der kathol. Kaufleute.
o. Koblenz, «0. Juli 1912.
Der letzte BerhandlungStag war noch sehr arbeite« ! reich. Nachdem zunächst in öffentlicher Sitzung' noch zu wichtig«; StandeSfrage» Stellung genommen war, wurde eine geschlossen e Sitzung abgei)u.ttn, in der vornehmlich über den Ausbau des Verbände- beraten wurde. An den heutigen Beratungen nahmen noch btt RtichStagSabgeordneten Dr. Marcour tmd Trtmdor« teil. Letzterer rich-- tete eine mit großem Beifall ausgenommen» Ansprache an den Kongreß. Er betätigte dem Verband, daß die Parlamente attf seinen Rethen schon manche wettvout Jnwr.aarian« erhalten haben und versicherte, daß insbesondere die rheinische Zentrumspartei, beten Vorsitzender er ja ist, stekS bemühk sei, dit Zahl der »er., tretet der praktischen RaufmannSroelt tnnerytu» WL kkraktto« m vermehren. Redner eriuäte. vor roic