M 161.
Samstag -en 20. 3#li 1912.
59. Jahrgang.
* fuldatr» Zeitung
2. Man.
Vr,a usb Verlag der znldaer AetiendrnSerei in Znlda.
Parteien nicht gefestigt ist und wo ferne jjugntlk organisationen, etwa nach Art der katholischen Burschenvereine in Bayern, auf dem Lande besteh:». Es gilt also für die Katholiken ganz besonders, die Jugend auf dem Lande in solchen Vereinen zu organisieren, die einen Schutz wall >eg:n die Bestrebungen der Linksparteien bilden.
floaten, b. I). Staaten, in denen auch die Frauen zum Parlament wählen, nämlich Colorado, Idaho, Utah und Wyoming, mit den fünf benachbarten Männer st aaten, d. h. Staaten, m denen nur die Männer über das Stimmrecht zum Parlament verfügen, nämlich Kansas, Montana, Nebraska, Nevada und Oregon, verglichen und ist dabei zu olgenden Resultaten gekommen:
Di, B evö lkerunas,un ahme ist in den Frauen- staalen nicht besser als in den MSnnerstaaten.
Die Heiratsziffer in den Frauenstaaten ist nicht günstiger. ~
Me Ehescheidung ist in den Frauenstaaten ,um Teil erheblich höher als in den Männerftaate», da m ersteren alles mögliche als Scheidungsgrund gilt. Berüchtigt ist die „ScheidungSmühle" in Denon mi Fraurnstaat Eolorado, ein Gerichtshof, dn im Durch- chnitt 4V« Minuten braucht, um eine Ehescheidung "^Tie^Sch lilauSg ab en sind in den Männerstaatrn ^Auch in punkto öffentlich» Sittlichkeit leuchten di, Frauenstaaten den übrigen durchaus nicht voran. Freie Liebe gewinnt immer mehr Anhängerinnen, di, Rabl der unehelichen Geburten nimmt bedenklich ,u. Trunksüchtige Weiber gibt es namentlich in Denver. Von der Bestechlichkeit der weiblichen Abgeordneten und der Beamtinnen werden recht erbauliche Dmge er- zählt.
Somit zerrinnt der Glorienschein, dm man den politisierenden Frauen als Trägerinnen höherer Moral und tieferen Staatsweisheit angedlchiet hat, im Lichte der Wirklichkeit als optische Täuschung, hervorgerufen durch weibliche Selbstgefälligkeit auf der einen und unmännliche kritiklose ^achbeterrt und Lobhudelei auf der anderen Seite.
Ausland.
* Der Londoner Dockarbeiterstreik. Die Verhandlungen, die von dem Premierminister Asguith einaeleitet waren, um den Londoner Hafenarbeiter- streik zu beendigen, sind endgültig abgebrochen worden. Es heißt, daß die Hafenbehörde und die Arbeitgeber von Anfang an einmutig entschlosien gewesen seien, auf keine irgendwie gearteten Bedin- gunqen der Ausständigen einzugehen, ehe nicht die Arbeit wieder aufgellomrneu würde. Diese unnachgiebige Haltung spitzte sich schließlich zu folgendem Ultimatum zu: Alle Arbeiter sollen, ohne irgendwelche Bedingungen zu stellen, die Arbeit wieder aufnehmen und sich auf die Versicherung der Arbeitgeber verlassen, daß man chre Forderungen in Ci- Wägung ziehen würde. Dies haben^ die Arbiter selbstverständlich abgelehnt. Der Ausland der Dockarbeiter, der nunmehr einen Monat Wahrt, hat dm Arbeitern eilten Lohnausfall von insgesamt 32 J-utU Honea Mark verursacht. .
** Das Pöbelregiment i« Lissabon. Den neuesten portugiesischen Zeitungen ist zu entnehmen, daß in Lissabon wieder die Pobelherr- s chaft ausgerichtet worden ist, tote fte jur 3«t oer Revolution in Schwung war. Der Pobel ubt die Polizetgewalt aus und nimmt nach Belieben die Verhaftung verdächtiger Personen vor, die,er m ba» Gefängnis schleppt und ernkerkern laßt. Das Blatt Dtario di Noticias" berichtet mit der gleichgültig- (ÄX bon bet Bell“ein V-IU»auf« le. vor die Wohnungen des Kaufmanns Mendes in der Rua de Carme und des Kaufmanns Ferrera de Sonsa in d:r Rua Victor Cordon gezogen, habe sw nachts aus den Betten geholt und «ach dem Geiänanis geschleppt, weil sie Monarchisten seien, von denen geglaubt tottb, sie hatten die Bewegung im Norden mit Geld unterstützt. Rwei der Verhafteten wurden unterwegs von den Revolutionshelden schwer verletzt De» Prior der Stiftung von Alcantara, Mons. Pm- heiro Marques, wurde das Opfer eines anderen Ueberfalles auf dem Chmdoplatze. Er gtng ruhig seines Weq^, als ein Pobelhaufe thn an- fiel und ihn, wie der „Seculo" meldet von Straße zu Straße jagte, weil die Erregung über die Vor, gänge im Norden so groß ist. Der Prior flucht-, e sich zuerst in das Haus Havaneza, dann ut das Restaurant Fortes. Vor dem Restaurant sammelte sich der Pöbel an und forderte ine Auslieferung des Geistlichen. Eine Patrouille Polizei verhaftete schließlich den Prior und transportierte ihn nach bem Gefängnis. Die Menge begleitete den Transport mit Johlen und bewarf den Gefangenen mit Schmutz. Seit einigen Tagen finden m Lissabon Demonstrationen gegen die beiden Blatter »Dia und „Nacao" statt, die zur Opposition gehören. Bei - der „Dia" wurden alle Fenster et n g e to o t« : fen. Das Haus selber ist stark verschanzt. Nach - den berühmten Beispielen früherer Monate darf : man aber ernstlich für die Druckerei des Blattes . „Nacao" fürchten. Vor ihm wurden um Miltes ; nacht bereits zwei Petarden zum Platzen gebracht- : Die Polizei setzt dem Pöbel nur geringen Wider- : stand entgegen. Die katholischen Zeitungen werden . übrigens auch von der Regierung drangsaliert. Da» : Amtsblatt hat ein Dekret veröffentlicht, das znn» * Teil die Pressefreiheit unterdrückt: Jede Zeitung, = die das republikanische Regime kritisiert, wird - beschlaanahmt. Hat man je in der Geschichte - schon blutigeren Hohn erlebt? Die Pressesrcih.it . aufgehoben! Ist das im Sinne des Liberalismus, - des Sozialismus, der Anarchie und der internatto- i nalen Freimaurrrklique nicht das größte Verbrechen
würde.
lieber die Kämpfe zwischen Monarchisten und republikanischen Truppen in Portugal sind in den letzten Tagen jegliche Nachrichten ausgeblieben, oder richtiger gcsagl, von der portugiesischen „Regie- ruria" uniert riidt worden. Die republikanischen Machthaber haben nämlich die Preßfreiheit aus- gehoben. Außerdem ist in mehreren Orten das Standrecht verkündet worden. Diese beiden Maßnahmen besagen, daß die Republik der Unruhen lange noch nicht Herr geworden ist, und daß die an» sanglichen Siegesnachrichten der Regierung nur Sand in die Augen Leichtgläubiger waren.
In der Türkei hat das Kabinett nun doch seinen Rücktritt erklären muffen, da es nicht gelungen ift, eine Verständigung über die Bedingungen für die Uebernahrne des Kriegsministeriums durch Mahmud Muktar herbeizuführen. Zu den von Mu klar gestellten Bedingungen gehört u. a. dre sofortige Einstellung der Feindseligkeiten gegen Al- bauten und die Räumung Albaniens von den mobilisierten Truppen sowie eine Amnestie für Alba- nien. Ferner forderte Mahmud Muktar die Ein- setzung eines permanenten Ausschusies für Albanien mit einem Generalgouverneur an der Spitze, der
Die ganze Bewegung ist aus den Vereinigten Staaten von Amerika zu uns h'erüberge- drungen. Der erste Staat der Welt, der den Frauen das Stimmrecht Lab, war das Territorium Wyoming in den Vereinigten Staaten. Der Bezirk zählte damals — es war 1869 — nur wenige tausend Seelen, überwiegend Männer. Um nun Auswanderer und vor allem Frauen anzulocken, wurde allen über 18 Jahre alten Frauen das Wahlrecht verliehen. Wyoming erreichte seinen Zweck. Dann führten die Staaten Utah (1870) und Washington das Frauenstimmrecht ein, aber 1887 bezw. 1883 wurde auf Beschluß des Obersten Bundesgerichts den Frauen dieser Territorien das Wahlrecht wieder entzogen. Später haben sie es aber in Utah wieder erhalten. Eine. Reihe von Staaten Nordamerikas ist diesem Beispiele gefolgt; in sechs weiteren Staaten der Union steht die Einführung des Frauenstimmrechts in aller Kurze bevor. Die Zahl der zu den Vereinigten Staaten gehörenden Bundesstaaten, in denen nur die Männer wählen und wählbar sind, schmilzt immer mehr zusammen.
Eine intereffante Studie „Frauenstimmrecht" hat jetzt Profesior Dr. S. Sigismund herausgegeben. Er hat vier nordamerikanische Frauen«
Deutsches Reich.
* „Freie" Burschenvereine. In Bayern geht man an die Gründung „freie r" Buischenvcreme. Sie füllen, wie die „Franks. Ztg." mitteilte, ein Gegengewicht gegenüber den katholischen Äur- schenvereinen in Bayern bilden und sich über Bayern hinaus auf ganz Deutschland verbreiten. Als vor einem Jahrzehnt die katholischen Burschenvereine in Bayern gegründet wurden mit dem Zweck, Glaube und Sitte, Berufstüchtigkeit und Heimatliebe, Frohsinn und Scherz unter der männlichen Jugend auf dem Lande zu erhalten und zu ordern, da regte sich die fast gesamte Linkspresse ürchterlich auf. Bis auf den heutigen Tag suchen ich diese Blätter in der Verdächtigung der katho- ischen Burschenvereine zu überbieten und sie werden dabei von ihrer Hilsstruppe, den „Witzblättern" Jugend, Simplizissimus und Wahrer Jakob unterstützt. Hätte es eines Beweises bedurft, daß die Sammlung der katholischen männlichen Landjugend eine Notwendigkeit ist, das Verhalten jener atheistischen und sozialistischen Kreise hätte ihn erbracht. In Bayern bestehen jetzt 369 katholisch: Burschenvereine mit 13 097 ordentlichen und 6731 außer- ordentlichen Mitgliedern. Auch im übrigen Deutschland sehen die Katholiken allmählich die Notwendigkeit derartiger Vereine auf d:m Lande ein, die bereits in Oesterreich in mehreren Kronländern in erfreulich großer Anzahl nach dem bayerischen Atuster gegründet worden sind und gleichfalls segensreich wirken. Politik ist durch die Vereins- statitten ausgeschlossen. Daß die Vereine aber dem Vordringen des liberal-sozialdemokratischen Gedankens auf dem Lande entgegenwirken, hat man längst auf der Gegenseite eingesehen, und da Verdächtigungen und Beschimpfungen nichts geholfen haben, vielmehr die Vereine an Zahl und an Stärke gewachsen sind, Will man jetzt zu der Gegenmaßregel der Gründung „freier" Burfchenvereine übergehen. Wie aus dem Statutenentwurf sich ergibt,, sollen di: Vereine eine Jugendtruppe für die Linksparteien fept, lind da man gerade in der Fortschrittlichen Bolkspartei die Sozialdemokratie liebevoll in die Arme geschlossen hat, werden sie tatsächlich eine Parteiorganisation des Rotblocks bilden. Sie Freien Burfchenvereine werden überall da Eingang finden- wo die Stellung der rechisstchenden
wochen-Rundschau.
sss Fulda, 19. Juli 1912.
Im Deutschen Reiche herrschte auch diese Woche huf dem Gebiet der Politik mehr oder minder sommerliche Ruhe. Nur die Ablehnung des badischen Budgets durch die sozialdemokratische Fiktion des badischen Landtages ist als Anzeichen emer bevorstehenden Aenderung der politischen Verhältnisse in Baden ausführlich erörtert worden. Die Budget- Verweigerung sollte ein Mißtrauensvotum für das Ministerium Dusch-Bodmann sein und die Erklärung, die die sozialdemokratische Fraktion in der 2. Kammer vor der Abstimmung abgeben ließ, war eine förmliche Kriegserklärung an die Regierung. Wer " die badischen „Genossen" kennt, wird diese Kampfansage freilich nicht allzu ernst nehmen. So- At cs auf die „Genossen" ankommt, würde nach kurzer Zeit zweifellos „alles wieder gut" fein. Eine u.4?Wc Frage ist, ob der Regierung nicht die Lust | verengen ist, mit dem Großblock, in dem die Sozialdemokratie der ausschlaggebende, fast möchte man jagen, der allein maßgebende Faktor ist, die Ge- jchäfte des Landes weiter zu besorgen. Die Zetten, da ein großherzoglich-badischer Minister die Sozialdemokratie als „großartige Bewegung" bezeichnen durfte, sind vorüber. In der Zwischenzeit hat. die badische Regierung die Sozialdemokratie von emer anderen Seite kennen gelernt. Aus ihrer anfänglich bescheidenen Zurückhaltung ist die badische Sozialdemokratie allmählich herausgetreten. Bezeichnend ist das Wort ihres Führers. Kolb aus dem Offenburger Parteitage: Nur noch im engsten Einvernehmen mit der Sozialdemokratie soll künftighin die badische Regierung chre Politik machen dürfen. Das dürste den Schlüssel zu manchem bieten, was in der letzten Zeit in Baden vorgefallen ift. Es war zweifellos nicht „im Einvernehmen" mit der Sozialdemokratie gehandell, wenn der Minister sich weigerte, aus dem für Turnvereine vorgesehenen Fonds auch den sozialdemokratischen Turnvereinen Unterstützungen zukommen zu lassen. Zur Strafe dafür wurde dieser Fonds überhaupt gestrichen. Und um zu zeigen, daß man die Frattion der Herren Frank und Kolb unbedingt nötig hat, um in Baden regieren zu können, wurde auch der Münchener Gesandtschaftsposten, auf dessen Beibehaltung die badische Regierung den größten Wert legte, gestrichen. Das alles wäre nicht möglich gewesen, hätten nicht Freisinnige und Nationalliberale die Rolle der getreuen Vasallen der Sozialdemokratie gespielt. Selbst in liberalen Kreisen ist der Unwille über die letzten Vorkommnisse äußerst stark. Sollten sie dazu beitragen, die Strömung in der nationalliberalen Partei, die den Anschluß nach rechts befürwortet, zu verstärken, so wäre das sehr zu begrüßen: umsomehr, als dadurch zweifellos der Regierung der endgültige Bruch mit der Großblockpolitik sehr erleichtert
0 Das Frauenstimmrecht.
Das attive und passive Wahlrecht bet Frauen zu den politischen Körperschaften kennen wir in Deutschland noch nicht. .
Finnland, Norwegen und Dänemark sind bis jetzt die einzigen Staaten Europas, die den Frauen das Wahlrecht gegeben und die weibliche Abgeordnete in ihren Parlamenten sitzen haben. In E n g l a n b sehen wir die streitlustigen Suffragettes schon seit Jahren den Kamps um die völlige Gleichstellung mtt den Männern bezüglich des Wahlrechts führen, anfangs mit recht lächerlichen, allmählich aber mit gefährlichen Mitteln; sogar die Bombe hat vor einigen Tagen zur Erlangung des Wahlrechts für die Frauen mittoirlen sollen; glücklicherweise entdeckte der Minister Mac Kenna die Bombe, die chm gegolten, noch rechtzeitig. Das englische Parlament, das eine Mehr- hett aus Liberalen und der Arbetterpartei besitzt, hat trotz feiner für das Frauenstimmrecht günstigen Zusammensetzung gleichwohl jegliches Wahlrecht für die Frauen — das aktive wie das passive — mtt großer Mehrheit abgelehnt. Die Abgeordneten, die ja schon des öfteren im Parlament selbst die Zügellosigkeiten der Suffragettes mitansehen mußten, verzichten mit Recht auf die Gesellschaft dieser „Mannweiber".
der albanesischen Sprache mächtig fein muß. Die meisten dieser Forderungen wurden von den alten Ministern für unannehmbar gehalten.
Anj dem Kriegsschauplatz in Tripolis haben die Italiener einen neuen Erfolg errungen durch die Besetzung Sidi Saids. Der Kampf forderte auf Heiden Seiten zahlreiche Opfer. Daß der Krieg für die Italiener nicht so leicht ist, geht u. a. daraus hervor, daß in den letzten Tagen zwei Schiffe mtt je 750 Verwundeten und Kranken ans Tripolis in Neapel eingetroffen sind. Im Aegäischen Meere dürften die Italiener ihre Unternehmungen in den nächjten Tagen ebenfalls fortsetzen. .An Frieden ist trotz einer gewissen Kriegsmüdigkeit auf beiden Seiten und trotz angeblicher Schritte der Großmächte vorläufig nicht zu denken,, da die Tiirkei unter keinen Umständen die Souveranttat über Tri- polis aufqcbett will, andererseits aber Italien das Bretts von der Kammer angenommene Einverleibungsdekret nicht zurücknehmen kann und will.
China hat jetzt, seitdem es Republik ist, bereits die zweite Kabinettskrise hinter sich. Vier Minister, die sich beim Abschluß der Milliardenanleihe ihre großen Taschen füllen wollten, aber auj den Widerstand der Mächte stießen, haben chre Aemter niedergelegt, aber beretts Nachfolger gefunden. Vielleicht haben diese „Ehrenmänner" mehr Glück,
Unpolitische Zeitlaufe.
N. Swinemünde, 17. Juli 1912.
(Nachdruck verboten.)
Die Wassersucht ist eine ansteckende Som- merkrankheit. Ich bin ihr auch wieder einmal zum Opfer gefallen; darum sitze ich hier am Strande der Ostsee.
Ist die Sehnsucht nach dem Wasser eine gefährliche Krankheit? Das kommt auf ihren Grad an. In leichteren Fällen wird ft: nur dem Geldbeutel gefährlich; in schwereren Fällen kann sie aber auch zum Tode führen. In den Zeitungen lese ich z. B. Tag für Tag neue Unglücksberichte über den Untergang einzelner Personen oder ganzer Familen beim Baden. Die Opfer der Badelust sind feit letzten Sonntag auf drei Dutzend geftiegen. Der Drang nach dem Wasser wird gefährlich, wenn er uns in das feuchte Element hinein treibt; er verliert feine Gefährlichkeit, wenn man sich nur bis an das Wasser locken läßt und vom festen Ufer aus oder meinetwegen auch von einem sicheren Schiffe aus die Flüssigkeit genießt.
Die Badefex: sagen, der Genuß fange erst beim Eintauchen an, und tatsächlich bildet sich in der modernen Welt eine immer größere Badewut aus, wie die zahlreich cnsstehenden „Freibäder" zeigen. Ich halte aber an der „rückständigen" Ansicht fest, daß der Mensch kein Fisch ist und nicht andauernd im Wasser herumzuplantschen braucht. Hin und wieder einmal den Körper abspülen, ist für die Reinlichkeit und die Hautpflege gewiß gut; aber wer im Sommer an keinem Gewässer Vorbeigehen kann, ahne sich hineinzustürzen, und in der andauernden Waffertreterei das einzige Hellmittel gegen di: Hitze stch gegen die Ordnung der Natur auf.
Menschen haben keine Kiemen, feine Schuppen unö keine Schwimmhäute; wir gehören ins Trockene, und wir werden auch an heißen Tagen ganz gut auf bem ^roctenen fertig, wenn wir nur eine vernünftige Lebensweise führen.
Auch an der See wird nach meiner Ansicht zu tote! gebadet. Die nervösen und blutarmen Stadt- S' dl- hierher kommen, wollen die Erfrischung L^-wit Gewalt w kurzer Zett ergingen £ betrachten sie wie einen Jungbrunnen,
m den man sich Hals über Kops so oft als möglich hinemsturzen muß. Tas übermäßige Baden dient
(aber mehr zur Reizung, als zur Beruhigung, wirkt mehr aufreibend, als stärkend. Die Hauptsache in einem Seebad: ist nicht die Abspülung der Haut, sondern vielmehr das Baden der Lunge in der reinen, frischen Meeresluft. Der Seewind wirkt auch wohltätig auf die Haut und erfrischt damit den ganzen" Körper. Darum halte ich es mtt dem Spruch: Baden im Sa n d: am Meeresstrande!
O, der weiße Sand, der warme Sand, — das ist meine Passwik, und die teile ich mit den Kindern, die dort den schönsten Spielplatz haben, den man sich denken kann. Die Klemen können nach Herzenslust buddeln; die Großen sitzen oder liegen herum und genießen erquickende Luft nebst Aussicht auf das Weltmeer. Für dieses Lust- und Sonnenbad braucht man sich nicht besonders anzuziehen oder auszuziehen; wer da in der Kleidung Nacktkultur treibt, ist ein Geck oder hat krankhafte Triebe. Die gewöhnliche SommerNeidung läßt genug Lust und Sonnenschein durch, und wenn ein: frische Brise naht oder die Abendkühle kommt, so kann man einen wärmenden Umhang oft ganz gut gebrauchen.
Ten Stadtvätern im Binnenlande möchte ich den guten Rat geben, daß sie ihre Gesundheitspflege nicht ausschließlich auf die Herrichtung von B ä d er« zuspitzen, sondern mehr auf die Anlage von Saudplätzen für die Kinder und deren Begleiter bedacht sind. In Berlin z. B. hat man neuerdings den sog. Kleistpark auf dem Gelände des alten Botanischen Gartens eingerichtet. In den Parkanlagen, die an sich ganz nett sind, finden sich zwei Sandbassins von ein paar Meter Durchmesser. Die sind vonk Morgen bis zum Abend überfüllt von .Kindern; sie reichen nicht im mindesten aus für den Nachwuchs der dichtbewohnten Gegend, der frische Luft und Bewegung so notwendig hat, wie das tägliche Brot. Etwas weniger Rasen" und weit mehr Sandhaufen, das wäre nicht bloß nützlicher, sondern auch billiger.
Wenn ich nun den Sand so Preise, so könnte einer glauben, ich hielte das Wasser oder gar das Meer für eine gleichgültige Zutat. O nein, wenn ich auch kein Seefisch werden will, so schwärme ich doch für die See. Die wirkt auf alle fünf Sinne vortrefflich ein.
Das Auge betrachtet den Wogengang und die Grenzenlosigkeit der Wassermasse; dabei erbaut sich der Geist an der Unendlichkeit des toettumfaffmben
Meeres, das in feiner Größe und Kraft die Allmacht des Schöpfers und zugleich die Winzigkeit des Menschen so eindrucksvoll bekundet.
Das Ohr lauscht dem Meeresrauschen, das bald wie ein sanftes Wiegenlied von der Krippe von Bethlehem, bald wie ein erschütterndes Vorspiel zum Jüngsten Gerichte klingt. Das ist die schönste Musik, und ich ärgere mich immer, wenn am Meeresstrande die Fiedler und Bläser das erhabene Konzert der Natur stören.
Die Nase, das Stiefkind unter den fünf Sinnen und doch ein sehr nützliches Glied der Familie, genießt am Meeresstrande nicht bloß die Frische der Luft, sondern auch deren salzige Würze.
Das Gefühl am ganzen Leib wird ebenfalls sowohl durch den Luftzug, als durch den Salzgehalt der Lust angenehm angeregt.
Und der Geschmack? Der kommt wohl zu kurz, weil das Seewaffer unzweifelhaft schlecht schmeckt? Aber da gibt es doch einen Ausgleich. Was uns bei der Hitze besonders beläftigt, ist die Austrocknung der Schleimhäute im Munde und im Rachen. Dieses quälende Durstgefühl stellt sich in der feuchten Seeluft auch an heißen Sommertagen kaum ein. Dagegen wird der Appettt gehoben, und so kommt denn auch der prosaische Geschmackssinn an der See auf seine Rechnung.
Ruhe und Bewegung, Veharrlichkett und Kraft, ®rbe und Sonne, Welt und Himmel, Zeit und Ewigkeit, Vergänglichkeit und Unendlichkeit, Ohnmacht der Geschöpfe und Allmacht des Schöpfers — bas kommt nirgends so schön, so packend, so harmonisch, so erbaulich zum Ausdruck und zum Bewußtsein, als an dem Rande des Weltmeeres.
Störend in dieser Poesie können die Mensch en massen wirken. Aber da mutz man sich vorsehen. Entweder geht man in ein stilles, leeres, abgelegenes Seebad, oder man wählt sich in einem größeren Badeorte den äußersten Flügel ans, wo der Zusammenfluß der Badegäste und Passanten auf» hört. Abseits vom großen Trubel läßt sich eine wirkliche Ruhestätte, eine Oase des Frieden» und ber Beschaulichkeit finden. —
Wenn ich nun ben meinem gegenwärtigen Seefrieden berichte, fo möchte ich nicht denen, die zu Hause bleiben, das Herz schwer machen. Ich bin auch schon manchen Sommer zu Hause geblichen und habe gefunbm, daß es sich auch da m den heißen
Wochen ganz leidlich leben läßt, wenn man es nut vernünftig anfängt. Einige behaupten sogar, daß sie d a h e i m sich die beste und die biffigfte Sommer, frische zu schaffen vermöchten.
Für die städtische Bevölkerung (und leider wird die Menschheit immer mehr städtisch!) ist der schlimmste Quälgnst die Hitze. Da hat nun ein Pariser Gesundheitsprofessor für den Kampf gegen die Hitze 10 Gebote aufgestellt, die in Kürze fo lauten:
1. Am Morgen sich tüchttg abwaschen.
8. Recht weite, bequeme, leichte, weiße Kleidet tragen. (Ich möchte hinzusetzen, daß mau die Leichtigkeit nicht übertreiben soll, da sich das Wettet oft schnell ändert; die Hauptsache ist die Durchlässigkeit der Kleidung, damit die Haut ausdünsten kann.)
3. Im Schatten gehen, und zwar recht langsanu
4. Mchts essen, was irgend einen „Wildgeruch hat.
5. Kein Wasser trinken, was nicht zuverlässig rein ist, auch beim größten Durst nicht.
6. Nur wenig trinken, um nicht übermäßig M schwitzen. (Man kann aber häufig kleine Schlucke nehmen.)
7. Bei Tag die Fenster geschlossen halten. (Wenig- stens während der heißen Stunden und an der Sonnensette; schlechte Luft ist noch schum- mer als heiße Lust. Zeitweiliger Durchzug ist gut.)
8. Nachts die Fenster offen halten. (Mit Bor. sicht, soweit jeder eS vertragen kann.)
9. Rur eine leichte Bettdecke. (Auch da ist Alt w, Gewöhnung und Temperatur zu berücksich- tigen. Die Nächte werden manchmal überraschend falt.)
AIS zehntes Gebot führt der Pariser das Aus- toenbigleren der neun vorhergehenden Gebote auf. Ich möchte dafür setzen: 10. Der Alkohol ist >4 vermeiden Auch Bier soll man nicht vor dem Aden» -eines heißen Tages trieben.
Ferner ist zu beachten, daß man an heißen Tag« die schweren Arbeiten einschränken mutz, namentlich während der Gluthitze am Mittag. Sonst treibt man Raubbau an der Körper kraft. Endlich ssr noch die Bedeckung von Kops und Racken gegen b* Sonnenstrahlen zu empfehl«.