M 160
Dienstag -en 16. Juli 1912.
59. Jahrgang.
* fuldaer M Leitung
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2. Blatt.
druck «eb Varls; bet gelöeer UdieabradtNi in Zrlda.
des
♦ Geschäftsbericht Volksvereins-Sekretariats z« Fulda für das Jahr 1911
Mit nachfolgendem Geschäftsbericht wendet sich das Sekretariat an die Oeffentiichkeit, um allen För- derern, Freunden und Gönnern des Volksvereins Re- chens-baft über seine Tätigkeit abzulegen. Der Bericht läßt erkennen, daß das Jahr 1911 arbeitsreich war. Je mehr der Sekretär durch seine Vorträge in den Versammlungen den Mitgliedern persönlich bekannt wird, desto mehr steigert sich auch die Nachfrage um Uebernahme von weiteren Vorträgen und der Zuspruch auf dem Sekretariat und damit naturgemäß auch dessen Arbeiten. Das Bedürfnis nach Rechtshilfe ist bei den überwiegend ländlichen Bewohnern des Sekretariatsbezirks besonders groß, und die einzelnen Streit- und Rechtsfälle sind oft sehr schwierig und verwickelt, sodah sic einer sorgfältigen Prüfung und Bearbeitung bedürfen.
Auskunftserteilung und Rechtsbesorgung.
Es wurden im Berichtsjahre an 1908 Personen, davon 1378 Volksveretnsmitglieder, 2426 mündliche Auskünfte erteilt und 1463 Schriftsätze angefertigt. Auskünfte und Schriftsätze verteilen sich auf die einzelnen Rechtssachen wie folgt: Krankenversicherung 157 Auskünfte, 96 Schriftsätze, Unfallversicherung 388 ßegto. 393, Invaliden Versicherung 274 bezw. 74, Steuer 251 bezw. 71, Dienst- und Arbeitsvertrag 91 bezw. 26, Miete und Pacht 118 bezw. 6, Zivilrecht einschl. Armenrecht 529 bezw. 57, Erbschaft, Testament und Teilung 158 bezw. 22, Vormundschaft 16 bezw. 13, Privatversicherung und Haftpflicht 63 bezw. 43, Schule 18 bezw. 5, Militär 52 bezw. 36, Armenunterstützung und Alimentation 12 bezw. 6, Verwaltungsrecht 87 bezw. 16, Polizei- und Strafsachen 60 bezw. 15, Sonstiges 152 bezw. 584.
Es wurden 61 auswärtige Sprechtage abgehalten, die zum Teil sehr gut besucht wurden. Mit den Versammlungen wurden vielfach auch noch Sprechstunden verbunden.
In Zivilprozetzsachen beschränkte sich das Sekretariat auf die Erteilung von niündlichen Auskünften und verweist seine Klienten in schwierigen Fällen an den Rechtsanwalt, den es nicht ersetzen will.
Da in Streitfällen oft beide Parteien das Sekretariat in Anspruch nehmen, so ist es diesem möglich, vermittelnd einzugreifen und den einen oder andern Teil von der Unhaltbarkeit feines Anspruchs oder der Unrichtigkeit seiner Ansicht über den Streitgegenstand zu überzeugen. Durch diese frieden st iftende Tätigkeit hat schon mancher Prozeß und damit Aerger, Haß und Feindschaft verhütet werden können.
Manchmal wird das Sekretariat auch von Landwirten in Anspruch genommen, deren Anwesen von sogenannten Güterschlächtern unter Anwendung
von ganz raffinierten .Manövern“ angetauft worden waren. Die Landwirte waren dabei fast immer die Gefchröpsten. Es kann ihnen daher nicht dringend genug an geraten werden, sich nicht mit Güterschlächtern einzulassen, und ihre etwa zum Verkauf stehenden Anwesen einem Darlehnskassenverein oder anderen, ortsansässigen Reflektanten zum Verkaufe anzubieten. Sehnliche Erfahrungen machte das Sekretariat mit sol- chen Personen, die von Reisenden auswärtiger Firmen allerlei entbehrliche Sachen zu ganz ansehnlichen Preten geteuft hatten. Vielfach waren sie von dem Rei- enden dazu veranlaßt worden, einen mit vielen Be- timmungen und Klauseln versehenen Bestellschein zu unterschreiben, ohne überhaupt zu wissen, daß sie eine Bestellung gemacht hatten. Es ist daher dringend zu empfehlen, nut in Bedarfsfällen und auch dann nur bei Kaufleuten am Orte oder in nächster Nähe zu kaufen. Dort teuft man besser, meistens auch billiger und setzt sich nicht so leicht der Gefahr aus, .über'S Ohr gehauen" zu werden. Auch beim Abschluß von Lebens-, Unfall-, Haftpflicht-, Vieh- und Ernteversiche- rungcn mit unbekannten Agenten ist größte Vorsicht geboten. Man erkundige sich erst bei fach- und rechts- kundigen Personen.
Von den Rat- und Hilfesuchenden waren 526 Ar- beiter, 318 Handwerker oder Gewerbetreibende, 575 Landwirte und Beamte und 232 weibliche Personen. Daraus ist zu ersehen, daß das Sekretariat das Vertrauen aller Stände genießt. Wenn vereinzelt noch etwas Zurückhaltung beobachtet wird, so ist das darauf zurückzuführen, daß die Tätigkeit des Volksvereins und des Sekretariats nicht richtig erkannt wird und daß von gewisser Seite, statt selbstlos mitzuarbeiten, aus kleinlicher Selbstfüchtelei Mißtrauen gesät wird. Diese Saat gedeiht jedoch nicht, denn sobald die Tätigkeit des Volksvereins und des Sekretärs richtig erkannt worden ist, schwindet die Zurückhaltung von selbst. Der Sekretär ist stets bemüht gewesen und wird auch fernerhin bestrebt sein, getreu dem Programm des Volksvereins, soziale Arbeit für alle Stände zu leisten. Daß bei einer so weit verzweigten und vielseitigen Tätigkeit sich auch das Sprichwort: „Es recht zu ma- chcn jedermann, ist eine Kunst, die niemand kann" bewahrheitet, ist nur allzu begreiflich.
Po st verkehr.
Es gingen ein: 495 Briefe, 86 Karten, 145 Druck- fachen, 25 Pakete, 17 Geldsendungen, 4 Telegramme; zusammen 772 Sachen. Es gingen aus: 753 Briefe, 238 Karten, 531 Drucksachen, 57 Pakete, 22 Geldsen- düngen, 3 Telegramme; zusammen 1604 Sachen. Der Ein- und Ausgang beträgt somit 2376 Sachen. Um diesen Pcstverkchr zu erledigen, muhten 2100 Seiten geschrieben und 1388 Seiten kopiert bezw. vervielfältigt werden. Die schriftlichen sowie alle anderen Arbeiten des Sekretariates werden vom Sekretär allein erledigt.
Organisation und Agitation.
Obwohl die Auskunftserteilung und die damit verbundenen schriftlichen und sonstigen Arbeiten eine ganz ansehnliche Arbeitsleistung für eine Person darstellt, so wurde doch die Organisation und Agitation eifrig gepflegt. Der Sekretär besuchte 130 Versammlungen und hielt 65 Vorträge. Davon entfallen auf den Volksverein 51 Versammlungen und 42 Vorträge, auf Männer-, Gesellen-, Arbeiter-, Arbeiterinnen-Vereine und christliche Berufsverbände 79 Versammlungen und 23 Vorträge.
Neu- bezw. wiedergegründet wurde der Volksverein in Soden, Zella, Rönshausen, Ulmbach, Dietershausen und Sannerz, wobei 493 Mitglieder gewonnen wurden; auf dem Büro und in Versammlungen wurden 66, also zusammen 505 neue Mitglieder ausgenommen.
Im November wurden in Fulda, Hünfeld, Geisa, Eiterfeld, Hilders, Schmalnau, Neuhof und Großenlüder D e k a n a 131 o n f e r e n 3 e n abgehalten. In diesen berichteten die Gefchästsführer und Vertrauensmänner der einzelnen Dekanate über den Stand deS Volksvereins in ihren Orten und gaben praktische Winke und Ratschläge für die künftige Volksvereinsarbeit. Diese wurde durch entsprechende Vorträge deS Herrn Dr. Zitzen von der Zentralstelle und des Se- kretäcs neubelebt. Die in den nachfolgenden, von Männern aus fast allen Orten der Dekanate besuchten Versammlungen gehaltenen Vorträge waren der staatsbürgerlichen Bekehrung und Schulung gewidmet. Konferenzen und SRerfami;Jungen waren gut besucht und werden in diesem Herbst wiederholt werden.
An der Ende des Berichtsjahres einsetzenden Reichstags-Wahlagitation beteiligte sich der Sekretär in seiner Eigenschaft als Staatsbürger und Weltanschauungsmensch. Der schon lange vorher einsetzenden Hetze auf politischem Gebiete begegnete er frühzeitig durch aufklärende und belehrende Vorträge. In fast allen Versammlungen wurden die bekannten, guten und billigen Volksvereinsschriften zur Anschaffung empfohlen und gerne gekauft.
Die Ende 1910 begonnenen Unterrichtskurse wurden bis April 1911 fortgesetzt. Auf Betreiben des Sekretärs wurden in den Herbstferien von Universttäts- studenten und Abiturienten „Heimatliche Ferienkurse"
X Bour Aachener Katholikentag.
Die Finauzkommifsion ist dabei, die bestellten Karten zu verienden. Es wird manchem Besteller, Oer bereits ungeduldig sich erkundigt hat, ob die Milgliedskarte i och nicht bald „tarne“, eine Bor- Jreuöe bereiten, wenn die folgenden feilen ihm eine Skizze der zu erwartenden künstlerischen Genüsse pielen. „
Die Mitgliedskarte, entworfen vom Kunstmaler Hermann Krahforst, stellt sich ihren Vorgängerinnen würdig an die Seite, ja übertrifft .nanche von ihnen durch die vollendete stilgerechte Schönheit, die sich gleich weit von historischer" Nachahmungssucht wie von der Aufdringlichkeit der profanen Reklame fernhält, mit jener aber die Würde, mit dieser die praktische Verwendbarkeit teilt. Der gelbliche pergamentartige Ton des Papiers erinnert an die ehrwürdigen Blätter wert voller Urkunden. Schwarz und Gold, die Farben der Stadl Aachen, stimmen prächtig zu dem Blau, das Kaiser Karls Bildnis umgibt Des Herrschers Brustbild ist jener Medaille nachgebildet, welche von den zu seinen Lebzeiten geprägten Münzen ihn am treffendsten zeichnet. Antlitz, Krone, Lanze und Kreuz über dem Modell des von ihm gestifteten Münsters zeigen dieselben streng historischen Formen. Unter dem Bilde deS „Imperator Augustus“ reihen sich aneinander das Wappen der Diözese soas schwarze Kreuz in Weitz), der Reichsadler und der Aachener Adler, „ürbs Aqaensis, urbs regalis, regni sedes prineipalis, prima regum ouria* („Aachen, Kauerstadt ohn' Gleichen, Königssitz, dem alle weichen, aller Königshöse Zier“) ist der Anfang der herrlichen Hymne, welche an des Kaisers Kirchensest sein Verdienst um Christentum und Deutschtum preist. Die geschickt entworscne Ornamentik zieht auch die eigentliche Aufschrift und den Namen des Mitgliedes mit hinein in das glücklich gelungene Gesamtbild. Jeder wird an ihm seine Freude haben.
Anr dem Uachbargebiete.
♦ Vom Bogeksberge, 15. Juli 1912. Eine Berliner Korrespondenz schreibt: Ms vor einiger Zeit hat es in Hessen eine Gemeinde gegeben,_ bette Einwohner sämtlich — Nachtwächters gewesen sind, wenigstens der männliche Teil. Di« Sache Heck solgende Bewandtnis: Der Bürgermeister und ausnahmslos alle Gemeinderäte waren bo» der durchaus ehrenwerten Gesinnung aller Otts« einsassen derart überzeugt, daß sie beschloffen, das Geld für einen Nachtwächter zu sparen. Es handelt sich um die kleine Guneinde Helpershain bei Ulrichstein, allwo es nächtlicherweile weder Diebstahl noch Raubmord, nicht einmal Radau gibt. Der Nachtwächter wurde also — abgeschasst. So ohne weiteres ging das freilich nicht; denn die Vorgesetzte Behörde, das Kreisamt, verlangte eigenfiunraer- weise. daß der vakante Nachtwächterposten besetzt werde, sintemalen dies immer so gewesen und alldieweil es auch überhaupt und so „vorgeschrieben“ sei Der löbliche Gemeindevorstand von Helpershain beharrte auf seinem Standpunkt und verteidigte ihn durch — hartnäckiges Stillschweigen dem Kreisamt gegenüber; die ganze Einwohnerschaft stand hinter ihm. Da tat die Vorgesetzte Behörde das einzige, was ihr übrig blieb; sie verordnete, daß in Ermangelung eines Nachtwächters sämtliche tauglichen männlichen Einwohner von Helpershain in der Weise die Nachtwache zu versehen hätten, daß je zwei Mann abwechselnd den Rundgang $h_ machen, eventuell Stellvertreter zu berufen hätten. Tatsächlich wurde der Nachtwächterdienft auf diese Art gewiffenhaft versehen, ganz umsonst, denn die jungen Leute machten sich einen Spatz daraus, mit; Stange und Horn durch die dunklen Straßen gu' wandeln. Es gab nicht einen, der nicht wenigsten« einmal Nachtrat gewesen sein wollte. Erst als dieser Ehrgeiz gründlichst, aber auch allergründlichst be*; friedigt war, erwog man im Gemeinderat die 5rege,i ob man nicht am Ende doch wieder zu einem Be- rnssnachtwächter zurückkehren solle. Es soll einer" bereits auserwählt sein, und hoffentlich HM je» die bekannte „heilige Ordnung“ mit einem kräftigen „Hört, ihr Leute, und laßt euch sagen, ....** ihren Einzug im Dorfe der Nachtwächter, in Helpershain.
abgehalten, in denen junge Handwerksgesellen und f Arbeiter in wichttgen Fächern der Volksschule weiter»' gebildet und belehrende Vorträge geballen wurden. Diese Einrichtung trägt dazu bei, daß beide Teile von ihr profitieren und daß die jungen Gebildeten schonf früh mit den Söhnen des Volkes zusammen kommen, s das Volk in feinem Denken und Fuhlen kennen und verstehen lernen, wodurch eine Milderung der sozialen l Gegensätze äuge bahnt wird. ;
Der vorstehende Bericht, in dem nur die Haupt» arbeit, nicht aber die vielen Kleinarbeiten wiederge-f geben werden konnten, dürfte erkennen lassen, daß ■ gearbeitet worden ist. Gerne würde der Sekretär noch! mehr geleistet haben, doch auch der menschlichen Kraft sind ihre Grenzen gesetzt. Wer wollte leugnen, daß, die geschilderte Tätigkeit eine staatserhaltende, allen Ständen dienende, christliche Arbeit sei? Ist auch> die Arbeit manchmal recht beschwerlich, so gewährt doch das Bewußtsein, im Interesse der Kirche, des Vater» taubes und der leidenden Mitmenschen gearbeitet yr haben, hohe Befriedigung und Genugtuung. Dieses trifft umsomehr zu, als die Arbeiten sowohl hinsichtlich" der Organisation und Agitation, als auch der AuS» kunftserteilung und Reckstsbesorgung von Erfolg be»i gleitet waren. Der finanzielle Erfolg, den daS Se» kretariat für seine Klienten erzielen konnte, bezifferti sich nach Tausenden. An diesen Erfolgen haben alle' diejenigen Anteil, die den Volksverein für daS kath. Deutschland als Geschäftsführer, Redner, Vertrauens» männer, Mitglieder und sonstwie unterstützen. Ihnen' sei hiermit verbindlichst gedankt. Mögen sie als Pioniere des Volkes unermüdlich Weiterarbeiten und dir noch Fernstehenden für ihre Ideale begeistern und zur Mitarbeit gewinnen. Denn in unserer bielbetoegteaj Zeit bedarf es der Zusammenfassung und Anspannung aller Kräfte.
Mögen sich Freunde und Gönner finden, die des Volksverein, der die Kosten deS Sekretariates trägt, auch materiell unterstützen, damit er feine hohe Mission erfüllen und ausdehnen und sich weiter entwickel» kann, der ersten Million Mitglieder zu.
Das walte Gott!
Fulda, im Juli 1911.
Wilhelm Frank, Sekretär be3 Volksvereiul.
** Hollands Küstenverteidigung.
Die niederländisch: Regierung halt — trotz aller in den letzten Wochen aufgetauchten französisch-bel- aischen Darstellungen, wonach der Bau eines Forts bei Vliffingen holländischerseits nicht mehr beabsichtigt fein sollte — an seinen Küftrnvertei- digungspläneu fest. Stur will man die Sache verbilligen und die Kosten von 40 auf ungefähr 11 Millionen Gulden herunterbringen.
Diese plötzliche Verbilligung wird vielen als ein Rückzug Vorkommen. Das ist aber keineswegs der Fall. Die verbilligten Küsteuverteidigungspläne der Niederlande tragen nur den jeweiligen Finanz- Verhältnissen und dem allgemeinen Bolkswillen der Holländer mehr Rechnung. Die niederländische Regierung ist nämlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß, wie die Berhältniffe in Holland nun einmal liegen, die Küstenverteidigung nicht einem besonderen Marinekorps, sondern der Landmacht übertragen werden soll. Alles, was daher auf die Ausarbeitung des Marinematerials Bezug hat, kann in dem ursprünglichen Küstenvrrteidigungsentwurf, wie der frühere Marineminister Wentholt ihn eingebracht hat, gestrichen werden. Es bedeutet das eine Ersparnis von 13 290 000 Gulden.
Was dagegen dir eigentlichen Seebefestigungswerke anbelangt, wofür ursprünglich 25 080 000 Gulden ausgesetzt worden waren, so glaubt die Regierung daran feschalten zu müffen, „weil sie für' das niederländische Bertndigungs- wesen von allerhöchster Wichtigkeit sind und früher oder später doch zur Ausführung kommen müssen. Sie haben aber nicht alle das gleiche Maß der Dringlichkeit . . ." Mit anderen Worten also, sie können nach und nach sertigggestellt werden. Die Regierung wünscht sich daher vorläufig zu beschränken: 1. Auf den Bau eines Forts bei VIissin- geu; 2. ine Verbesserung des Forts K u y k d u i n; 3. eilte bessere Armierung und größere Geschützausbreitung in den bereits bestehenden Panzerforts am H o e k van Holland, bei Amuiden und auf den Harsse nks. Die Gesamtkosten werden geschätzt auf 10 850 000 Gulden. Nach Ansicht der niederländischen Regierung darf mit der Ausführung der jetzt von ihr vorgestellten Küstenverteidigungsvor- lage nicht länger gezaudert werden. Sie rechnet bestimmt darauf, bereits in 1913 beginnen zu kön
nen und würden alsdann die wirklich« Ausgaben auf die Jahre 1913—16 verteilt werd«, da immerhin bis zur Fertigstellung 4—5 Jahre vergehen dürften. Sie meint, wenn in 1913 1U Millionen Gulden verbaut würden, würden jährttch 600000 Gulden nötig fein, um den Restbetrag, zu 8% Prozent verzinst, in 25 Jahr« tilgen zu tonnen.
Heber die Gründe, die es nötig gemacht haben, dem Bau eines Forts bei Vliffingen allem andern den Vorrang zu geben, verweist die Regierung auf ihre bereits früher erlassene „Note betreffs der Küstenverteidigung", worin deutlich genug gesagt ist, „warum die Anlage eines kräftig bewaffneten, elbständigen und sturmfreien PanzerfortS bet Bilfingen unvermeidlich ist."
Tie Neutralität der Niederlande auf der Weller- scheide maß gehandhabt bleiben und das Einlaufen einer fremden Flotte in den strategisch wichtigen Ha en und die Ree e von Vlissiugen verhindert werden können. Weil unsere Maime dazu aber nicht imstande iit, diele Aufgabe auch nicht unseren lebendigen Stteitträften u Lande anoeilraut werde» kann, muß der Bau einer starken Festung darin vorgesehen werden."
Diese Regierungsnote befestigt den bereits früher von uns vertretenen Standpunkt, daß die niederländische Regierung sich von niemanden dreinreden lasten und Herr im eigenen Hause bleiben will. Gerade der Widerstand, den man von französischer und englischer Seite dem beabsichtigten Bau eines Forts bei Vliffingen entgegengesetzt hat, hat die Holländer verstimmt. Tie Aussichten dieser „verbilligten Küstenverteidigungsvorlage", die hauptsächlich wohl das Verdienst des forschen Kriegsministers Colijn ist, sind bedeutend günstiger, als die der seinerzeit eingebracht; „Vierzigmillionennota" des früheren Marineminister Wentholt.
^ßauernßßut
40] Roman von Felix Nabor.
,Zch kann's nicht glauben. — Ihre Konstitution — aber schließlich gibt es vwschiedene Mittel fegen dieses Leiden."
„Oooo no! — Gibt nur ein Mittel!"
„Aah! — Welches denn?"
„Heirat!"
Der Doktor lachte unbändig. • Als er aber sah,
Miß Cooper ihren Ernst bewahrte, sagte er: „Verzeihen Sie — aber dann sind Sie nicht $tmt rrcht?n Arzt gelaufen. Ich kann Sie leider nicht heiraten — ich könnte ja fast ihr Großvater sein. Sind denn so große Hindernisse da? — Wer ist's denn? — Und warum will er nicht? — Das muß ja ein richtiger Esel sein?"
„O no! Er ist sehr klug und sehr schön und gut!" Sie deutet; mit dem Kopfe nach der Richtung, wo sie den Radenhof vermutete und sagte kangfam: „Es ist mein Cousin — der Balt!" —
,T)onnerw . . entfuhr es dem Doktor. — „Das ist ja eine schöne Geschichte! Den Baldwin wollen Sie heiraten? Aber der ist ja bereits verlobt!"
„Leider! — Ich will mit seiner Braut reden. Deshalb bin ich hierher gekommen."
„?lber Miß Cooper — das geht doch nicht."
. „-Ich will mit Hanne reden! Das dürfen Sie mnc nicht verwehren! — Bitte, sagen Sie mir, wo ste stt."
Der Doktor rieb sich heftig den Schädel. — „DaS ist eine verdammte Geschichte!" knurrte er. „Da kann ich mir eine schöne Suppe rinbrocken! Wissen Sie denn auch, wie all das — zwischen Hamte-upd chrer Mutter, zwischen chrem Vater und dem Dild- hofer zufammenhangt?"
„All right! — Alles weiß ich!"
„So? — Und der Baldwin?“
„Der weiß es auch!“
„Und trotzdem kommen Sie zu — zu Hanne?" m£) geS! — Das weist, der Balt auch!“ •—
„Tann will ich ein Mondkalb sein, wenn ich die Geschichte verstehe."
„Wenn nur ich sie verstehe, Doktor! — Und jetzt schicken Sie mir die Hanne! — Ich tu ihr nichts! — Ich habe nur eine kleine Bitte an sie."
„Hm. Da muß ich wohl die Hanne rufen. — Aber kurios ist die Sache doch, ganz kurios."
Wenige Minuten später trat Hanne ein. Unter Lizzies forschenden Blicken errötete fie, und zaghaft kam es von ihren Lippen: „Sie wünschen mich zu sprechen?"
Lizzie antwortete immer noch nicht. Sie betrachtete die anmutige Gestalt Hannes, fah ihr blondes, glänzendes Haar, das weich wie Seide auf ihrem Scheitel lag, sah das liebliche Madonnengesicht, die blauen Augen, den roten, frischen, feingeschnittenen Mund — und da gestand sie in aufrichtiger Bewunderung: „Sie ist viel schöner als ich! — Jetzt versteh ich wohl, warum Balt sie liebt! — All meine Millionen wollte ich hingeben, wenn ich wäre wie sie!"
Ein Seufzer hob ihre Brust. „Ich will Sie nickt lange belästigen," sagte fie endlich. „Eben komme ich von Balt und will ein paar Frag« an Sie richten. Nicht wahr. Sie lieben Balt?"
Ein Lächeln verklarte chr Gesicht. „£)b ich ihn liebe? — Er ist mein alles!"
Lizzie nickte. „Ich liebe ihn auch! Ich will chn zum Manne. Er sitzt jetzt im Unglück, er hat Arbeit und Sorgen — ich will chn herausreißen und reich und glücklich machen."
Hanne blickte die blaffe Miß mit großen, verwunderten Augen an. „Arbeit und Sorgen sind ja doch kein Unglück!" sagte sie. „Die mach« ja gerade das Leben groß «nd weit! Die geben chm Weihe und Tiefe!"
„Run, darüber kann man verschiedener Ansicht sein. So wie jetzt die Verhältnisse lieg«, wird er nie auf einen grünen Zweig komm«, sondern zugrunde gehen. Ich gebe ihm meine Hand, ich rette thn — geben Sie ihn frei! Geb« Sie ihm chr Wort zurück!"
Hanne trat einen Schritt zurück; ein tiefer Ernst, eine feste Entschloflenhett sprachen auS ihren Zügen,
„Nein," sagte sie, „ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich ihn liebe! Ich habe ihm mein Wort gegeben und halte chm Treue, solange ich lebe!"
„Und dabei werdet Ihr beide zugrunde gehen! Sehen Sie denn »das nicht ein? Ich will doch mir Ihr Bestes, ich biete Ihnen alles, was Sie wollen — aber geben Sie Balt frei!"
Entrüstet rief Hanne: „Wie — Sie wollen chn mir abkaufen? Tas ist schändlich!"
„Nein, nicht so! Sie verstehen mich falsch! Von Geld ist habet gar keine Rede! Ich biete Ihnen eine sorgenlose Existenz an in irgendeiner reichen Familie, wo Sie ein neues Leben beginnen können. Sie sollen die Freuden des Lebens, seine Genüsse, seine Schönheit kennen lernen, Sie sollen reisen, die Welt sehen —"
„Aber ich will ja gar nicht fort von hier!“ erwiderte Hanne. „Die weite Welt lockt mich nicht! Dieses Tal und diese Hügel genügen mir — denn sie find meine Heimat! Und hier habe ick ein Heiligtum zu hüten: das Grab meiner Mutter."
„Nun denn: so bleiben Sie eben hier! Auch hier kann ich Ihnen das Leben schön und angenehm machen — ganz so, wie Sie es wünschen. Sie brau» chen es nur auszufprechen, und ich erfülle Ihnen alles, alles —"
Hanne schüttelte den Kopf. „Stuf alle Fälle bliebe es ein Handel, ein Schacher um Leben und Liebe," sagte sie, „und dazu gebe ich mich nicht her!"
„Aber wenn ich Sie nun bitte, wenn ich Sie an» flehe, den Mann freizugeben, den ich liebe?" Sie verschlang die Finger, hob die Hände bittend 'empor und rief: ,Mehen Sie, fo bitte ich Sie, so flehe ich Sie an: geben Sie chn frei!"
Fast schien es, als wollte fie auch das Knie beug« vor dem armen, schönen Mädchen. Aber Hanne kam chr zuvor. Sie umfaßte Lizzie mit beiden Arme« Mttb zog sie empor an ihre Brust. „Um Gottes willen, was tun Sie?" rief fie. „Das ist Sünde! Halt« Sie ein, Miß! Ich kann doch mein Wort nicht brechen, das wäre schändlich und niedrig!
— Und ich will es auch nicht! Es gibt nur eine Möglichkeit, die mich zlvänge, zurückzutreten —*•
„Und die wäre?"
„Daß Baldwin mir mein Wort zurückgibt ", „Glauben Sie, daß er es tut?"
Hannes Lächeln wurde sieghaft. „Nein, daß glaube ich nicht! Er liebt mich und hält mir die Treue, wie ich chm!"
„Aber wenn chn die Berhältniffe zwing« —*
„O, er ist stark und klug! — Er läßt sich nicht niederwerfen — im Gegenteil, er zwingt die Verhältnisse! Wir beide werten ausharren und Sieger sein: die Liebe macht uns stark und mutig. ~ Wenn Sie mit Baldwin gesprochen haben, so müssen Si< das wiffen. Und wenn er Ihn« gestattet hat, mit mir über die Sache zu reden, fo wird er Ihnen, M* voraus gesagt haben, wie meine Antwort lautet"
Lizzie fühlte, wie chre Knie bebten; fie setzte sich auf einen Sessel und sagte, indem fie das Haupt senkte: „Jo, es ist so! Er sagte mir zum voraus, daß mein Weg vergeblich fein würde. Aber kann es immer noch nicht fassen: solche Liebe, solch« Treue! Bedeutet für Sie und Balt das Geld, bet Reichtum, den ich ihm biete, gac nichts?"
,Aas sage ich nicht; aber solch ein Geschenk ist gefährlich und vermag nicht zu befriedigen. Nur dasjenige Glück ist rein und von dauerndem Bestand das wir uns selber in Arbeit und Sorgen, in Schmerz und Not erkämpfen."
Da erhob sich Lizzie und reichte Hanne. bte Hand. „Es war vielleicht Unrecht von mir, Sie dr Versuchung zu führen; aber Sie müffen bedenken: auch ich kämpfte-für meine Liebel — Doch jetzt ist der Kamps zu Ende. Ihre Liebe und Treue hab« mich besiegt — ich werde Sie und Balt nie wieder beunruhigen. Leben Sie wohl — und verzeihen Sie mir!"
Rasch ging sie davon.- Die Schleppe der kleids über den Arm geschlagen, ergriff ite oe« Goldfuchs am Zügel und ging rasch zur Muhle,
(Fortsetzung folgt)