ldaer W Zeitung
39. Jahrgang
Fulda, Montag den 15. Juli 1912.
159.
momrtsMage: „Zuldaer Geschichtsblätter"
rX Der Kampf «m die Wahlreform.
In Frankreich hat das Ministerium Poin. earö die Wahlreform in der zweiten Kammer durch, gedrückt; aber nun kommt die Sache an den Senat, und dort haben bereits die Linksrepublckaner unter Führung von Combes und Clemenceau den Kampf bis auf das Mefler organisiert. Herr Clernen, ceau Hot einen fulminanten Aufruf an die republikanischen Wähler erlassen, in dem es heißt:
Die Verhältniswahl ist ein Attentat auf das allgemeine Wahlrecht. Die Regierung ha', um die Reform durchzusetzen, die Milarbeil der Feinde der Republik angenommen. Wird dre Hand aut das allgemeine Wahlrecht gelegt, dann wird das Majori- lätsprinzip in allen politischen Versammlungen von den .siegreichen Minoritäten" überwunden werden, und der Unwille der Bevölkerung wird sich instinktiv zu jenen Leidenschaften steigern, die die französische Geschichte kennzeichnen. Was ist von einem Lande zu erwarten, das nur zwischen Despotismus und Anarchie zu wählen hat! Wir wollen durch Aufrechterhaltung des Grund- satzcs der Volkssouveränität den revolutionären Royalisten, Bonaparlisten und Kleritalen die ihnen in Wirklichkeit gebührende Minorität wieder zuweisen. Die Verhältniswahl würde uns bringen die Zerreibung der Republik zwischen „der mächtigen Organisation der römischen Kirche und der Umsturzpartei, die sich gleichfalls nach dem Muster der streitbaren Kirche organisiert hat."
Ter fchwungvoll abgefaßte Notschrei kommt entweder zu spät oder zu früh. Zu spät, um die Beschlußfassung der zweiten Kammer noch zu beeinflussen, zu früh, um nachhaltig auf den Senat zu wirken. Der letztere geht nämlich jetzt in die Ferien und wird erst im Oktober die harte Nuß zwischen die Zähne nehmen.
Wir möchten wünschen, daß die Macht der Kirche und der „klerikalen Partei" wirklich so groß wäre, wie Herr Clemenceau sie hinstellt. Aber was wir bisher auf dem Gebiete der Wahlagitation und Preßläligkeit in Frankreich beobachtet haben, scheint uns die Befürchtungen Clemenccaus
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deutsches Reich.
r Berlin, 14. Juli 1912. Die „Hohenzollern", mit dem Kaiser ist Samstag abend 93/* Uhr bei nebligem Wetter in Molde eingetroffen. Sonntag vormittag hielt der Kaiser auf der „Hohenzollern" Gottesdienst ab und machte nachmittags einen längeren Spaziergang. — Der Reichskanzler trifft von seiner russischen Reise Montag früh wieder in Berlin ein.
X Luftschiffe für die deutsche Marine. In der vor zwei Monaten vom Reichstage verabschiedeten Flottennovelle ist eine Summe von 1 600 000 Mark zum Erwerb eines Geländes zu Versuchen für Luft- schiffe für die Flotte eingestellt worden. Gerüchtweise verlautet, daß die Marineverwaltung bei Neumünster in Holstein ein größeres Gelände angekauft habe, das zu diesem Zwecke bestimmt ist. Auf diesem Gelände soll in kurzer Zeit mit dem Bau von Luftschiffhallen begonnen und weitere Ge- bände errichtet werden, die für aeronautische Versuche notwendig sind. Ferner sind zwei Millionen für die Beschaffung von Luftschiffen und Versuche mit ihnen bewilligt worden. Davon wird eine halbe Million für den Ankauf des Zeppelin-Kreuzers „Viktoria Luise" verwendet. Weiter interessiert sich die Manne- Verwaltung für den Ankauf eines geeigneten Wasser- Aeroplans nach dem Muster der neuerdings bei der englischen Marine eingeführten Waffer-Aeroplane. Die Reichsmarineverwaltung hat sieben Offiziere und Ingenieure nach Johannisthal kommandiert, deren Aufgabe es ist, die Flugzeuge bezüglich ihrer Verwendbarkeit zu Prüfen und entsprechende Vor- schlüge zu machen. „ . ....
— Die Treibereien gegen das Zentrum sind nichts neues unter dec Sonne. Wie aus den in den .Stimmen aus Maria Laach' erfolgten Veröffentlichungen hcrvorgeht, schrieb Windthorst am 29. Dezember 1889 an feinen Vertrauten, Proseffor Reuß in Trier, der in Rom gute Bezi.hungen unterhielt, u. a.:
Es ist ein peinliches Gefühl, zu wissen, daß von einer gewissen Seile keine Gelegenheit unbenutzt bleibt, die Zentrumssraktion in Rom anzuschwar. zen, es ist schwer, richtig zu gehen, wenn man weiß, daß der Gegner im Rücken angrrist. In der schweren Schlacht, in der wir stehen, können wir nur aushalten, wenn der Rücken gedeckt ist. Auch in »rüheren Stadien des Kulturkampfes haben bezahlte und freiwillige Agenten versucht, in Rom ein Vorgehen gegen die Zentrumsfraktion zu erwirlen. Autouelli hat di» Herren jederzeit höflich, aber entschieden zuruckgewiesen. Ich nehme an, daß dies noch jetzt geschehen wird."
So Windthorst vor 23 Jahren. Wer erinnert sich beim Lesen dieses Brieses mck,t an gewisse Vor- gänge der letzten'Zeit ?
Ausland.
* Ein internationaler Bergarbeiterkongretz tagt in Amsterdam. Besondere Aufmerksamkeit erregen seine Verhandlungen nicht, einige Beachtung findet nur feine Diskussion über den internationalen Generalstreik. Die Debatte verlief ziemlich ungewöhnlich. Es wurde, der „Germ." zitfolge, von einem belgischen Anträge Kenntnis gegeben, nach welchem ein Komitee die Möglichkeit des allgemeinen internationalen Ausstandes und die Mittel zu seiner Durchführung prüfen soll. Darauf begründete namens der Antragsteller Herr Dejardin — nicht den Antrag, sondern feine Absetzung von der Tagesordnung. Er hielt die Sache für noch zu wenig geklärt. Dann sprach Herr H u e gleichfalls für die Absetzung, weil man so ernste Dinge im kleinen Kreise behandle, ganz wie die Unternehmer, keinesfalls aber durch eine öffentliche Besprechung den Gegner mit Informationen versehe. Anregungen und Mitteilungen zu diesem Gegenstände möge man dem internationalen Komitee übersenden. Und so beschloß der Kongreß. Die Belgier haben demnach
und die Hoffnungen der Antirepublikaner nicht zu rechtfertigen. Mag die neu einzuführrnde Listenwahl und die Berücksichtigung der Minderheiten bei der Verteilung der Mandate auch noch so große Vorteile gegenüber dem bisherigen Verfahren haben, so ist und bleibt doch die Grundbedingung deS Erfolges, daß man eine beträchtliche Zahl von Wählern aufbringt. Die Verhältniswahl gibt der Minderheit nicht mehr, als ihr int Verhältnis zu der aufge- brachten Stimmenzahl gebührt. Ja, nach der vorliegenden Fassung deS französischen Gesetzes wird bei der Verteilung der Beute die Mehrheit (also in den meisten Fällen die republikanischen Parteien) noch bevorzugt aus Unkosten der schwächeren Minderheitsparteien. Nun sollen künftig die rechtsstehenden Elemente zunächst die bisherigen Mandate, die sie auf Grund der Mehrheitswahl in den einzelnen Kreisen errungen haben, behaupten, und dann noch auf Grund der Verhältniswahlen in den anderen Landesteilen bi« trächtliche Eroberungen machen. Kann man die dazu erforderliche Anzahl von Wählern, die sowohl dem freimaurerischen als dem sozialistischen Cmflasse zu widerstehen vermögen, aus dem Boden stampfen? Wir haben keine Illusionen mehr, seitdem die Gewalttaten gegen die Klöster, die skandalöse Ver- schleuderung der Klöster und Kirchengüter, die Beraubung der Geistlichen und der ganze übrige Kulturkampf in ihrer ausrüttelnden und sammelnden Wirkung versagt Haden.
Trotzdem kann man nur lebhaft wünschen, daß ein Wahlverfahren zustande kommen wöge, damit etioas frische Luft und frisches Blut in die ver- rottete Volksvertretung eingesührt werde.
Die Wahlreform wird in Frankreich gerade von den konservativ gerichteten Volksteilen erstrebt. Wenn der dortige Senat wirklich seiner Aufgabe entspräche, so müßte er für die Reform eiutreten. Aber es scheint, als ob die radikalen Macht- und Beutepolitiker die Kammer der „Alten" «och strammer beherrschen, als die Kammer der Abgeordneten.
Es drängt sich ein Vergleich mit der p r e u ß i f ch e n Wahlrechtsbewegung auf. Die Stelle des Senats lüUt hier das Herrenhaus aus, und bekanntlich hat unser Herrenhaus den vorigjährigen Versuch einer preußischen Wahlresorm zum Scheitern gebracht. Allerdings nicht durch ein direktes und offenes Nein, wndern durch die Annahme eines Abänderungsan. träges, der von der Regierung wie eine Dynami.- patrone in das Kompromiß der Rechten mit dem Zentrum eingeschoben wurde. Der Zwischenfall be- tätigt aufs neue, daß die Wahlresorm nicht vom Abgeordnetenhause auf eigene Faust gemacht werden kann, sondern daß man ste.'s mit dem Herrenhaus« rechnen muß, und zwar nicht allem mit deffen eigener Wiüensrichtunz, sondern auch nut der Möglichkeit, daß die Regrerung das Herrenhaus für ihre abweichende Taktik in Bewegung setzt.
Taktische Künste finden kein besseres Feld der Betätigung, als bei der verzwickten Aufgabe der Wahlresorm, wo man einerseits die schönsten Grundsätze und Theorien, anderseits die realen Interessen der verschiedenen Parteien und Stände gegen einander ausspiclen kann. Wahrscheinlich werden die Linksrepublikaner int französischen Senat, nachdem ihr großmündiger Ausruf verpufft ist, auch in der Taktik ihr Heil suchen und den Entwurf so ver- schlimmem laffen, daß er in der Deputiertenkammer keine Mehrheit mehr findet. Nach unserer Ansicht tst es sehr zweifelhaft, ob überhaupt in Frankreich eine Wahlreform zustande kommt. Die christlich und konservativ gerichteten Elemente sollten sich lieber nicht auf die Wahlresorm verlassen, sondern all» Kräfte auf die Werbung und Organisation von Anhängern im Volke richten, namentlich auch auf die Verbreitung ihrer Presse.
In Preußen und Deutschland ist glücklicher Weise die Zentrum spartet so organisiert, daß sie bei jedem Wahlrecht sich zu behaupten vermag.
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gleichberechtigt ansehe. Die Ablehnung des Budget- sei daher für die Sozialdemokratie ein Gebot der ^Duß^Re" Sozialdemokratie, die doch auch in Baden die monarchische und aesellschaftluhe Ordnung im Prinzip bekämpft, von der Reaterung verlangt, „gleichberechtigt" behandelt zu werden, ist eine Anmaßung, zu der sie nur dadurch kommen kann, daß sie jahrelang sowohl von der Regierung wie von bürgerlichen Parteien umschmeichelt wurde. Bei der Abhängigkeit, in der sich der Linksliberalismus der Sozialdemokratie gegenüber begeben hat, ist es Weller nicht verwunderlich, daß die linksliberalen Sprecher in der Kammer die Haltung der Sozialdemokratie für durchaus verständlich halten und die Regierung dafür verantwortlich zu machen suchen, daß die Sozialdemokraten gegen das Budget stimmten.
Der 12. Juli, an dem die Sozialdemokratie das Budget verweigere, dürfte Wohl em Wendepunkt in der inneren Politik Badens bedeuten.. So wett es auf die Regierung ankommt, scheint es nicht an Bereitwilligkeit und Entschlossenheit zu fehlen, mit dem bisherigen Kurs zu brechen und eine Politik zu treiben, bei der der Rechten etwa der Einfluß eingeräumt werden dürfte, den bisher die Sozialdemokratie ausqeübt hat. Nur kommts noch auf die N a t i o n a l t i b e r a l e n an. Werden sich die Nationalliberalen entschließen können, den Großblock zu verlassen und zusammen mit Zentrum und Konservativen eine Arbeitsmehrheit zu bilden? Das ist die Frage. Wie die Verhältniffe in der nationalliberalen Partei Badens liegen, dürfte sie nicht so einfach gelöst werden. Bisher läßt sich nur das eme sagen, daß die Strömung n a ch r e ch t s hin im Lager der badischen Nationalliberalen int Anschwellen begriffen ist und durch die Ereignisse der letzten Tage dürfte sie nur noch verstärkt werden.
) Die politische Lage in Baden.
Während die politische Lage im Reich augenblicklich nichts Neues bietet, spielen sich drunten in Baden Dinge ab, die auch außerhalb der badischen Grenzpfähle die größte Aufmerksamkeit verdienen.
Von jeher war das „Musterländle" Baden auch das Land der politischen Experimente. Die badische Regierung war auch die erste, die den Versuch macht^ mit einem liberal-sozialdemokratischen Großblock die Geschäfte des Landes zu besorgen.
Eine Zeit lang ging das leidlich. Anfänglich hatte» noch die Nationalliberalen die Führung tnt Großblock, weil die Sozialdemokraten es für taktisch klug hielten, nicht gleich zu Beginn schon von der Macht, die sie als die stärkste Partei des Großblocks hatten, Gebrauch zu machen. Die Sozialdemokraten ließen es ruhig geschehen, daß die liberalen Führer im Landtag die nationalliberale Partei stolz als den „Kern", als die ,Frone" des Großblocks bezeichneten, und die sozialdemokratischen Häuptlinge Frank und Kolb gönnten dem Herrn Oberschulrat Rebmann, dem Chef der nationalliberalen Fraktion, gern das Vergnügen, daß er sich seiner „Erzieherrolle" an der Sozialdemokratie rühme. Tatsächlich waren indessen die Sozialdemokraten von Ansang an schon der ausschlaggebende Faktor im Großblock, mit dem auch die Regierung rechnen mußte, wenn sie mit dem Großblock regieren wollte.
Herr Frank, der „Großblockdtrektor", hielt es für klug, erst allmählich die Zügel straffer zu ziel en. So brachte er es dahin, daß die Nationalliberalen und Freisinnigen in kürzester Frist nur noch nach seiner Pfeife zu tanzen wagten, und daß vom Regicrungstisch aus das bekannte Wort von der „großartigen Bewegung" fiel, wie der Minister des Innern v. Bodmann die sozialdemokratische Parteibewegung bezeichnete. Nun war die Zeit für die Sozialdemokratie gekommen. „Wir wollen, daß in Baden überhaupt keine Regierung mehr denkbar ist, die nicht weitgehende Rücksichten auf die Sozialdemokratie nimmt", so sprach bekanntlich Kolb auf dem Offenburger fozialdemo- kratischen Parteitag und es dauerte nicht lange, bis die Herren Sozialdemokraten der Regierung zeigen wollten, daß ohne sie nicht mehr auszukommen sei. Das war natürlich nur möglich, wenn sich die So- zialdemokraten auf die Gefolgschaft des Freisinns und der Nationalliberalen verlassen konnten. Und
■ konnten es.
Zunächst wurde (wir haben darüber eingehend berichtet), tnt Budget der Beitrag, den die Regierung vaterländ. Turnvereinen zukommen lassen wollte, vom Großblock gestrichen, weil nicht auch die sozialdemokratischen Turnvereine eine Unterstützung erhielten. Der Münchener Gesandtschafts- p o st e n, auf deffen Erhaltung die badische Regierung den größten Wert legte, gefiel den Herren von der Sozialdemokratie ebenfalls nicht mehr und mit Hilfe der liberalen Gefolgschaft wurde auch dieser Titel gestrichen. Die Sozialdemokraten behaupteten und die Liberalen sagten es ihnen nach, daß die Streichung der Gesandschaftspostens nur aus Spar- somkeitsrücksichten geschehen ist. In Wirklichkeit aber warett es nicht Sparsamkeitsrücksichten, was die Soztaldemokratie veranlaßte, gegen den Münchener Gesandtschoftsposten vorzugehen. Die Sozialdemokraten hatten keinen anderen Beweggrund als den, aus dem heraus sie am vergangenen Freitag auch das gesamte Budget verweigerten.
Bisher hatten bekanntlich seit der Bildung des Großblocks in Baden die badischen sozialdemokratischen Landtogsabgeordneten immer für das Budget gestimmt zum großen Aerger der norddeutschen Ra- oikalen. Jetzt ist die badische sozialdemokratische Fraktion dem Beispiel ihrer Parteigenossen im Reichstag sowie in anderen deutschen Parlamenten i>efolgt und hat das badische Budget abgelehnt und ie begründeten dies damit, die badische Regierung labe bewiesen, daß sie die Sozialdemokraten nicht als
WctuevnkMI.
39] Roman von Felix Nabor.
„Wenn Dich nun aber Hanne freigibt?"
„Sie gibt mich nicht frei?"
„Weißt Du das so sicher?"
„O ja! Ein deutsches Mädchen wie die Hanne: die hält die Treue bis zum letzten Atemzuge!"
Lizzie krampfte die Finger ineinander und schob die Arme über den Tisch. „Du machst es mir so schwer, Dich aus Deiner Armut herauszureißen!" sagte sie. „Ich möchte Dir doch helfen, siehst Du das mcht? Ich - - sag', Balt: hast Tu mich denn sicht em wenig — lieb?"
Ihre Augen hingen bittend an den seinen; ein feines, kaum wahrnehmbares Rot stieg ihr in die Wangen. Sie hielt den Atem an, während sie auf Baldwins Antwort wartete.
Ganz offen erwidert: er: „Als Du zum ersten Male hierherkamst, da habe ich Dich gehaßt — um Deines Vaters willen! Als ich dann aber erkannte, daß Du seinem Treiben sernstehst und daß Du es gut und ehrlich meinst, da hegte ich ausrichttge Sympathie für Dich. Heute kann ich Dir sagen, daß ich Dich recht wohl leiden mag."
„Nun also, Balt, warum willst Du dann nicht?"
„Was denn?"
„Diese Hand festhalten fürs Leben", sagte sie und streckte ihm ihre Rechte han. „Bedenk — es liegen dreißig Millionen in dieser kleinen Hand!"
„Lizzie" schrie Baldwin, „bist Du von Sinnen? Das Gold lockt mich nicht! Ich wüßte nichts anzu- 'v**? ' mit all dem Reichtum —"
schon. Balt! Aber ich biete Dir ja nicht allem das Gold an, sondern auch mich selbst. Bin ich Dir denn nichts? Findest Du mich so wenig begehrenswert? Sieh, da bin ich ganz anders! Ich möchte Dich zum Manne, Balt! Du bist so ganz anders als die Herren im Frack und Smoking! Du bist ein ganzer Mann — und ich hab Dich lieb!"
Baldwin schüttelte den Kopf. „Es geht nicht.
Lizzie", sagte er. „Aus Dir redet das Mitleid! Du möchtest mir helfen, möchtest mich herausreißen aus dem Sumpfe!" Er drückte ihre weiße Hand. „Das ist edel, das ist girt, Lizzie! Dafür danke ich Dir! aber diese kleine schöne Hand kann ich nicht annehmen. Ebensowenig wie sie zu meiner großen Bärentatze paßt, ebensowenig passen wir beide, ich meine unsere Herzen, unsere Seelen zusammen! Sieh, ich könnte mich niemals in die Kreise hineinleben, in denen Tu zu Hause bist und Dich wohl sühlst. Denn obwohl ich eine höhere Schille durchlaufen habe: im Grunde bin ich doch ein Bauer geblieben, der mit heißer Liebe an der Scholle hängt. Das habe ich nie deutlicher empfunden als in den fünf Jahren, da ich in der Stadt lebte. Es war ein beständiges Heimweh in mir, ich war unglücklich, ich fühlte: hierher gehörst du nicht: Dein Platz ist in der Heimat, auf einem freien Hofe, wo du keinen Herrn über dir hast als den Herrgott im Himmel! Mit jedem Blutstropfen gehörst du der Heimat, bist mit ihr verwachsen wie das Kind mit seiner Mutter."
„Dann bleibe ich bei Dir, Balt! — Dann setze ich mich mit Dir in diesen Hof."
„Tu wärest Dein Leben lang unglücklich, Lizzie! Du gehörst in die große Wett, wo das Leben seine hohen Wellen schlägt. Hier würdest Du zugrunde gehen. Deine ganze Erziehung, Deine Lebensge- wohnheiten und Lebensanschauungen, Dein innerstes Sehnen und Wünschen — all das ist so verschieden von dem meinen, daß aus unserer Verbindung das größte Unglück enfftehen würde."
Lizzie zog langsam ihre Hand zurück, und ihr Gesicht tvurde um einen Schatten blässer. „Du magst recht haben", sagte sie, „aber was Du sagst, das tut so weh!"
„Die Wahrheit ist oft bitter, Lizzie! — Und der Arzt muß manchmal brennen und schneiden, wenn er heilen will. Ich möchte Dich Hellen, Lizzie."
„Du hast einen so harten Kopf, Batt! — Aber Du bist em guter Mensch!"
„Bist Du mir böse, weil ich Dir die Wahrheit sagte?" ,
„Nein! — Niemand kann fein Herz zwingen, zu lieben, wo es keine Liebe sühlt. — Du liebst mich Mcht."
„Ich bin Dir gut tote einer Schwester."
„Schon diese Liebe würde mir genügen! — Ich will noch einen Versuch machen, um Dich zu gewm- nen: ich toill Deine Braut bitten, Dich — freizugeben —"
„Lizize!" rief Baldwin erschrocken, ,chas — darfst Du nicht!"
„Warum nicht? — Bist Du Deiner Braut so wenig sicher?"
„O nein — ich baue auf sie wie auf einen Felsen. Aber sie konnte dadurch irre an mir werden." —
„Ich werde ihr die Wahrheit sagen, Balt!" „Dann ist Dein Weg vergeblich."
„Ich werde sie bitten, Dich freizugeben, Balt! Die Millionärin wird bittend die Hände zu dem armen Bauernmädchen erheben!"
„So sehr glaubst Du mich zu lieben?"
„So sehr liebe ich Dich!"
Baldwin erschauerte unter diesen Worten. — Dieses äußerlich kalte Mädchen schien die Glut eines Vulkans in ihrer Brust zu tragen. Er erhob sich, trat auf sie zu und faßte ihre Hände. „Lizzte", sagt: er, „Du dauerst mich! — Ich habe nie gewußt, wie weh verschmähte Liebe tut — jetzt glaube ich es zu erkennen. Verzeihe mir, daß ich nicht anders kann! — Laß Dir mehre Freundschaft genügen! — Führe mich nicht in Versuchung! — Zwinge mich nicht, den Eid der Treue zu brechen, den ich Hanne geschworen habe! — Es würde neues Unheil daraus entstehen, noch größeres vielleicht, als damals, wo mein Vater seinen Schwur brach! — Laß uns als Freunde, als gute Kameraden auseinandergehen."
„Wer weiß denn, ob wir auseinandergehen? *— Ich habe ja noch einen Weg zu machen."
„Saß es! — Es führt zu nichts!"
„Doch, Balt: es bringt volle Klarhell! Und das tut mir vor allem not!"
„Dann möge Gott Deinen Weg segnen, Lizzie!"
Sie blickte ihn lange an und sagte leise: „Du schöner Mann! — Du starker, Du treuer. Du lieber Mann! — Ob unsere Wege nun zusammenfichren oder auseinanderlaufen: gewähre mir nur einmal eine Bitte!" .
„Wenn es mir möglich ist — mtt Freuden!
Ihre Hände lösten sich aus den seinen und erhoben sich in neuer bittender Gebärde. „Küsse mich einmal — Lieber! — Nur ein einzigesmal!'
Baldwin trat einen Schritt zurück. „Aber Lizzte, das geht doch nicht!" rief er. „Das wäre gegen alle Sitte! — Ein echter deutscher Mann küßt nur das Weib, das er liebt!" ,
„Was gehen mich Deine deutschen Sitten an? rief sie. „Ich bin eine freie Amerikanerin und frage nichts nach Euren Gesetzen. Ich raube mir, was ich nicht durch Bitten erlangen kann!"
Und ehe es Baldwin zu hindern vermochte, htng sie an seinem Halse und küßte chn, daß ihm fast der Atem verging. _ .
„Nun hab' ich Deinen Mund geküßt. Du Sieber," flüsterte sie, „und meine kranke Seele ist wieder ge- _ sund! Nun gehe ich zu Hanne."
Sie lächelte ihm zu, ging rasch hinaus, bestieg mit Hilfe Wilms ihr Pferd und ritt davon.
Baldwin sah ihr nach, bis sie hinterm Hügelhang versckwand. „Armes Herz!" sagte er. — „Armes Herz!"--
Dsktor Hall« wax nicht wenig erstaunt, als er: die elegante Reiterin vor seinem Hause hatten sah. Trotz seines Embonpoints wollte er den galanten Kavalier spielen, ging hinaus und half ihr beim Absteigen. Dann führte et sie in sein Empfangszimmer und fragte: „Sie sind doch nicht krank, Miß Cooper?"
„Doch," sagte sie. „Schwer krank."
„Wirklich? — Na, so gefährlich wird'S nicht srin-c Vielleicht ein bißchen Bleichsucht —"
„No —- da sitzt's!" Sie beutete auf ihre lut«. Brust.
herzkrank?" '
„Yes! Sehr herzkrank!^