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J» |57.

grell«« de« 12. Juli 1912.

59. Zayrgang.

* fuldaer W Zeitung

2. Blatt.

« druck und Verlag der Mda« Actlendnlcknrl in Salbe.

* Die Konfessionen im Wirtschafts­leben.

Verfolgt man die Ziffern der jüngsten Berufs­und Betriebszählung von Juni 1907 hinsichtlich der Stellung, welche die einzelnen Konfessionen im deutschen Wirtschaftsleben einnehmen, so ist unver­kennbar, daß die Katholiken hier materiell zurückgeblieben sind. Das hängt nun nicht, wie die Gegner des Katholizismus zu behaupten pflegen, mit der Eigenart der katholischen Religion zusammen, die zu der „Inferiorität" führen müsse, sondern einer Reche von Erscheinungen aus alter und neuer Zeit, bje es hier nicht näher zu erörtern gilt.

Rach Dr. H. Rost: „Die wirtschaftliche und kul­turelle Lage der deutschen Katholiken" (Köln 1911, I. P. Bachem, 219 S. 5 Mk.) obliegt die katho­lische Bevölkerung Deutschlands in höherm Matze als die übrige Konfessionsbevölkerung den landwirtschaftlichen Berufsarten. Am 12. Juni 1907 gab es in Deutschland 38 374 648 Protestanten oder 62,1 Prozent, 22 540 485 Katho­liken oder 36,5 Prozent, 566 999 Israeliten oder 0,92 Prozent und 238 397 sonstige Religionsbe- kenner oder 0,38 Prozent, im ganzen 61720 529 Personen. Wenn wir nun diese Prozentanteilr mit jenen der Berufsabteilung A- Landwirtschaft, Gärt­nerei usw. vergleichen, so sind die Protestanten nur mit 55,6 Prozent an der Landwirtschaft beteiligt, Während ihr Bevölkerungsanteil 62,1 Prozent be­trägt. Sie sind also in dieser Berussabteilung nut 6,5 Prozent zu gering vertreten, während die Ka­tholiken mit 44,2 Prozent Berufsanteil und 36,5 Prozent Bevölkerungsanteil einen Ueberschuß von 7,7 Prozent in der Landwirtschaft aufzuweisen ha- b:n. Da die Katholiken mit 4 368 593 hauptberuf­lich erwerbstätigen Personen hier vertreten sind, macht dieses prozentuale Ucbergewicht eine ganz be­trächtliche Masse in der Gesamtbevölkerung aus. Diese größere Inanspruchnahme der Katholiken durch die Landwirtschaft zieht naturgemäß eine ge­ringere zahlenniäßige Vertretung in den übrigen Verufsabteilnngen nach sich. Die Israeliten mit 3746 oder 0,03 Prozent und die sonstigen mit 18 184 oder 0,19 Prozent landwirtschaftlich erwerbstätigen Personen spielen keine Rolle.

In der Berufsabteilung B. Industrie stim­men die Prozentzahlcn von Berufs- und Konfes- stonsbevölkerung bei allen Konfessionen ziemlich überein, soweit die Massen der in der Industrie be­schäftigten Erwerbstätigen in Frag: kommen.

Erhebliche Abweichungen finden sich dagegen in der Berufsabteilung C- Handel und Ver ke h r. Hier überragen die Protestanten ihren Bevölke- rungsanteil von 62,1 Prozent um 3,3 Prozent, die Juden ihren Anteil von 0,92 Prozent um 3,27, die sonstigen ihren Anteil von 0,38 Prozent um 0,15 Prozent, während dir Katholiken bei 36,5 Bevölke­rungsanteil um 6,6 Prozent zurückstehen. Es ent­spricht dies etwa dem Vorsprung, den die Katholiken in der lanwirtschaftlichen Berufsabteilung aufzu- weisen haben.

Die Katholiken haben ferner einen Fehlbetrag hit Vergleiche zu ihrem Bevölkerungsprozentsatz in der Berufsabteilung C-, im Militär-, Hof-, bürgerlichen und kirchlichen Dienst und ht den freien Berufsarten, wo ihr Anteil •nur 32,2 Prozent gegen 36,5 Prozent Bevölkerungs- anteil ausmacht, was einen Ausfall von 4,3 Prozent bedeutet. Auch in den übrigen Bernfsabteilungen ergeben sich Fehlbeträge, während die Israeliten und Protestanten ihren Bevölkerungsanteil über­steigen.

Das Gesamtergebnis der beruflichen und kon­fessionellen Gliederung der erwerbstätigen Bevölke­rung Deutschland ist sonach für die Katholiken am wenigsten günstig, indem sie weit über ihren Be­völkerungsprozentsatz hinaus in der l a n d w i r t- s ch a f t l i ch e n Erwerbstätigkeit beschäftigt sind, dagegen viel zu gering an den lukrativen Berufs­arten an Industrie, Handel und Verkehr, an den höhern Berufsarten. Unter diesen Umständen ist es gewiß keine unberechtigte Forderung, wenn ge­rade auch von den begeistertsten Anhängern der ka- tholischen Weltanschauung und derm eifrigsten Ver­tretern das Verlangen erhoben wird, die Katholiken möchten in Zukunft auch den Dingen der materiellen Kultur mehr ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Um

so mehr werden sie dann auch in der Lage sein, zur Stärkung des katholischen Einflusses im öffentlichen Leben beizutragen.

Deutsches Reich.

* Wo ist der Geburtenrückgang am stärksten? Professor Julius Wolf (Breslau) veröffentlicht in der liberalen „Kölnischen Zeitung" eine Untersu­chung über die Ursachen des Geburtenrückganges in Preußen. Er kommt dabei zu folgenden Ergebnisien:

.Jnoem ich der geoaraphischeu Verteilung der Ge« buttsjrequenz über Deutschland und zumal Preußen nachging, kam ich zu Ergebniflen, die mir selbst über­raschend gewesen sind. Es ergab sich nämlich, daß — zunächst in Preußen — die Provinzen mit geringster Geburtenziffer diejenigen mit stärkster sozial­demokratischer Besetzung sind. Zwischen Ge­burtenziffer und Religionsbekenntnis besteht gleichfalls ein Zusammenhang. Die größten Geburtenziffern in Preußen haben (das katholische) Westfalen, Ober- schleflen, Westpreußen. Die Bezirke vorwiegend prote­stantischen Bekenntnisse? stehen zurück. Sozialdemokratie und Zugehörigkeit zum Zentrum bezeichnen also die zwei Extreme. ’ Die politische Partei- und Religionszu- gehörigkeit schien zu entscheidendem Einfluß auf die Geburtenireguenz berufen zu sein."

Soweit Professor Wolf, dem man für die inter­essante Feststellung nur dankbar sein kann.

* Karlsruhe, 10. Juli 1912. Für das im Murgtal vorgesehene staatliche Kraftwerk fordert die badische Regierung, wie aus einem so-, eben der Zweiten Kammer zugegangeuen Nachtrag zum Budget ersichtlich ist, als erst« Rate 3 Mill. Mark an.

][ Dresden, 10. Juli 1912. Gegenwärtig findet hier die starkbesuchte Tagung des Reichsverbandes der deutschen land wirtschaftlichenGenossen schäf­ten statt. Heine gab es lediglich Ausschußsitzungen. Wir entnehmen dem Jahresbericht, daß Deutschland Ende 1911 in?gesamt26t 26landw.rlschastlicheGenossen- schasten belaß, d. h. 1322 mehr als im Vorjahr, und daß von diesen 20435 dem Reichsaerband angehörten. Die Zentrailaisen hatten den Eeuoffenschasten Ende 1911 Kredite gewährt von rund 303 Millionen Mark, gegen 261 im Vorjahre. Die Zentral-Ein- und Verkaufs-Ge­nossenschaften setzten 19i 1 für 220 Millionen Mark land» wirtschaftliche Bedarfsartikel ab und für 25 Millionen Mark landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Ans dem Rachbargebiete.

* Kass.l, 11. Juli 1912. Der Kultusminister hat durch Er'as; vorn 29. Juni ds. Js. seinen Ein­spruch gegen den Abbruch der Unterneustädter Mühle fallen gelassen und den Rcgierung-präsi- denten ermächtigt, die Genehmigung zum Ab­bruch zu erteilen, mit dem Ersuchen, darauf hin­zuwirken, daß die Gestaltung des Bootshauses und seiner Nebenanlagen im Einvernehmen mit d m Regierung-präsidenten erfolgt. Dieser hat nunmehr die Genehmigung zum Abbruch der Mühle erteilt und gleichzeitig den Magistrat ersucht, ihm die Bau- zeichmmgen über das projektierte Bootshaus vor­zulegen und eine perspektivische Ansicht beizulügen.

= Frankfurt a. M., 11. Juli 1912. Aus Anlaß des 17. Deutschen Bundesschießens sind drei offizielle Fe st Po st karten erschienen, die einen vorzügli­chen Eindruck machen. Die Entwürfe stammen von H. Landgrebe, Hermann Roth und Joseph Cor­reggio.

** Bad Kissiugen, 11. Juli 1912. Die Krie­gergräber in Kissingen naher und weiter Umgebung trugen gestern, am 46. Jahrestage des blutigen Gefechtes, in dem Deutsche gegen Deutsche kämpften, würdigen Schmuck. — Ein neuer Sprudel ist bei Kleinbrach gebohrt worden. Die ersten Bäder wurden heute verabreicht. Der Spru­del hat alle Erwartungen' übertroffen; ein so hoher Gehalt an Kohlensäure wurde noch bei keinem Mine­ralbad beobachtet. Das Wasser ist grünlich-blau und hat einen ausgesprochen salzigen Geschmack.

Amt Geisa und Umgebung.

* Termbach, 10. Juli 1912. Die Schlußab­nahme der neuen Schule fand heute durch dcn Bezirksdirektor Baron v. Groß und Baurat Jacnisch statt. Tie offizielle Einweihungsfeierlichkeit findet am 12. August statt.

* Osthrim, 10. Juli 1912. In einer gemein­schaftlichen Sitzung des Schulvorstaudes und Ge­meinderats wurde einstimmig der Bau einer neuen Schule beschlossen. Die Vorarbeiten hierzu sollen bis zum Jahre 1915 erledigt werden.

♦ Wölfershausen, 10. Juli 1912. Mehrere Jungen vergnügten sich am Flusse. Der etwa 9 Jahre alte Sohn des Bürgermeisters stürzte hinein und fand den Tod.

* Dankmarshausen, 11. Juli 1912. Die Nach­bargemeinde Divpach hat das dortige srühere Ritter­gut zum Preise von 70000 Mar! käuflich übernom­men. Da die Zahl der Schulender infolge des Aufblühens der Kaliindustrie ständig zunimmt, so macht sich bald die Errichtung einer dritten Schul­klasse nötig. Die Gemeinde will dann alle drei Schulklassen in dem geräumigen Gutsgebäude unter­bringen.

Aus Gberhesssn u. den Hess. Läutern.

* Franke,»berg, 11. Juli 1912. Die Gründung eines Berkehrsvereins ist für unsere Stadt in Aussicht genommen.

[:] Neustadt, 11. Juli 1912. Die Familie des Jos. Balzer hier erhielt aus Altena in Westfalen die Unglücksnachricht, daß der Vater und Er- nährer einem Schlaganfalle plötzlich erlegen ist. All­gemein ist die Teilnahme, welche der so schwer be­troffenen, in dürftigen Verhältnissen lebenden Familie entgegengebracht wird. — Gestern morgen wurden von hiesiger Station ungefähr 40 Tauben des ^Militä,-Briestauben-Vereins Kassel" im Auftrage des Fabrikanten Bergheiser aufgelassen. Den Orientierungsflügen nach zu urteilen, waren die Tiere ihrer Sache nicht ganz sicher, da es lange dauerte und verschiedentlich Abzweigungen und Rück­flüge erfolgten, ehe die Hauptricl lung zur Heimat eingefchlagen wurde. — Die städtische Behörde hat in ihrer letzten Sitzung dem Anträge auf Verkoppe­lung bezüglich des Gemeinde-Etgentnms zugeslrmmt. In gleicher Sitzung wurden auch die beiden Stadt­verordneten H. Gies und H. Nees, deren Wadl angefochten, vom Bezirksausschuß jedoch für gütig erklärt worden war, tu thr Amt eingeführt. — Aus dem Gautun fest in (Sie0en wurden auch drei Mit- alteder des hiesigen Turn-Bereins, H. Faber, Th. Schmittdiel und A. Lemmer, durch einen Preis ausgezeichnet.

* Treysa, 10. Juli 1912. Welche Vorteile einem Gemeinwesen aus der Z u s a m m e n l e g u n g^von Grund st ücken erwachsen, sieht man in der hie­sigen Wiefenfllir, deren Wieseuertrag überaus reich ist. Am ausfallendsten tst jedoch der Unterschied gegen frühere Jahre bei der Stadtkaffe, die für die Verpachtung städtischer Grasnutzungen in diefem Jahre 4600 Mk. gegen 400 Mk. im Vorjahre löste.

* Zimmersrode, 11. Juli 1912. Heute morgen uni.y25 Uhr brach aus noch unaufgeklärte Weife in der Gastwirtschaft „Zur Aue" (Besitzer Maurer) Feuer aus, das schnell um sich griff. Gegen 8 Uhr vormittags waren sämtliche Gebäulichkeiten des Gasthauses niederaebrannt. Der entstandene Scha­den wird durch Versicherung gedeckt.

* Gudensberg, 10. JuU 1912. Eine recht, er- greuliche Entwickelung hat in den letzten Jahren das hiesige Bafaltwerk genommen. Zur Zeit wer­den ungefähr 120 Steiurichter hier beschäftigt. Es kommen ea. 20 Waggon Steinpflaster täglich zum Versand.

* Fritzlar, 10. Juli 1912. In der gestrigen Stadtverordnetenversammlung wur­de der 1. Beigeordnete der Stadt, .Kaufmann Karl Dietrich, dessen Amtszeit abgelaufen war, wieder- gewählt. Im übrigen hatte die Sitzung den Zweck, die mit der Militärverwaltung wegen der durch Zu- legttng einer 2. Batterie nötigen Erweiterung der Kasernenbauteu zu beraten. Zu den Neubauten sind 370 000 Mark nötig, die erborgt werden müs­sen; die Versammlung genehmigte den dahin gehen­den Magistratsbeschluß. — Vom schönsten Wetter begünstigt, nahm der 48. Pferdemarkt heute seinen Anfang. Der Auftrieb von Pferden war groß, zum Teil besseres Material, aber der größte Teil waren mittlere Arbeitspferde; es mochten wohl 300 Stück aufgetrieben sein. Der Handel war schleppend. Die sonst zahlreich erschienenen Zigeu­ner fehlten heuer auf dem Markte.

vermischtes.

* Ter verschuldete Nationaldichter. Der italienische Nationaldichter Gabriele d'Annun zio, der wegen seiner Schulden außer Landes geflohen ist, hat jetzt mit seinen Gläubigern einen Vergleich zu Stand« gebracht. Diese haben sich verpflichtet, den Dichter gegen eine einmalige Abfindungssumme von vierzig Prozent unbehelligt zu lassen.

* Eine Turmuhr gestohlen. Aus Temesvar wird gemeldet: In der nur von Rumänen bewohnten Gemeinde St. Andrä bei Temesvar ereignete sich der ungewöhnliche Fall, daß in der Nacht zum letzten Sonntag unbekannte Diebe die große Uhr hoch vom Kirchturm herab stahlen und davon­schleppten. Als am Sonntag die Bewohner zur Kirche gingen, sahen sie zu ihrem Erstaunen, daß die Uhe weg war. Von den Dieben hat man noch keine Spur.

* Weltausstellungen in Antwerpen und Genf. In Belgien hat sich ein Komitee gebildet mit der Ab­sicht, im Jahre 1917 in Antwerpen eine Welt­ausstellung zu veranstalten. Die Regierung hat fitz bereit erklärt, das Protektorat zu über­nehmen. In Gent findet im Jahre 1913 eben­falls eine Weltausstellung statt, zu der die Haupt­gebäude im Rohbau bereits fertig gestellt sind.

Handel und Industrie.

* Berlin, 11. Juli 1912. Die heiße Witterung hat die Böisentätigkeit erheblich herabgemindert, und das wirkte heute auf die Tendenz einigermaßen un­günstig ein. Infolgedessen bröckelten heute einige Montanwerte ab.

Märkte.

* Marburg, 11. Juli 1912. Auf dem heutigen Schweinemarkt bewegten sich die Preise in steigender Richtung. 4—6 Wochen alte Ferkel kosteten 24—32 Mk., 8—12 Wochen alte 35—50 Mk^ 4 Monate alte Läufer 70—90 Mk. und größere Ware 100—120 Mk. pro Paar je nach Größe und Qualität. Der Handel ging flott. Die Zufuhr betrug rund 1300 Stück.

WM ans h?!l Registern des Standesamts Fulda

vom 5. big einsckll. 11. Juli 1912.

(Anmeldestunden: An Werktagen zwischen S und 12 Uhr vormittags; an Feiertagen zwischen 11 und 11 Uhr vormittags nur für Totgeburten und

Sterbesäüe.)

Aufgebote. 9. 3 ult. Sauf mann Joseph Lomb und Sophie Will, beide von hier. 9. Lackierer a. B. Johann Haag und Maria Laudenbach, beide von hier.

Eheschließungen. 9. Juli. Kaufmann Karl Krtcka« von Seligenstadt und Josephine Flach von hier. 10. Pflasterer Valentin Habermehl und Anna Müller, betbl von hier. 10. Kgl. Katasterlandmesser Klaus Schneid« von Elchtveae und Nanny Manteuffel von hier.

Geburten. 2. Juli. Maria Luise, T. des Tag« löhners Berthold Untheim. 3. Joseph Gustav Heinrich Nikolaus, S. des Schristsetzers Leo Vonderau. 6. Elisabeth, T. des Kgl. Schutzmanns Hermann ®roft. 7 Justus, S. des Tagelöhners Konrad Borschel. 8. Oskar Rudolf, S. des Maurers Karl Schäfer.

Sterbefälle. 4. Juli. Kaufmanns-Witwe Eva Höfling, geb. Schmitt, 72 I. 11 M. 12 T 5 Sieb- machers-Witwe Philomena Sitzmann, geb. Retth, 711. 5. Marie, T. des Arbeiters Karl Fuchs von Hinter­steinau, Kreis Schlüchtern, 3 M. 22 T. 7. Pnval- sekretär Peter Höhl, 47 I. 9 M. 2 T. 8 Bahnhofs- Vorsteher a. D. Anton Rieger, 60 I. 6 M. 7 T. 9. Tagelöhners-Witwe Natalie Ziegler, 58 I. 7 M. 8 T,

Gottesdienstordnung.

Samstag, 13. Juli. Fulda. Nonnenkirch» 7s9 Uhr Hochamt.

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Hlauernbl-ut.

87) Roman von Felix Rabor.

So wurde denn ein Ausweg gesucht, der wenig­stens die Aussicht bot, in Ruhe leben zu können. Un­ten im Dorfe, abseits von den übrigen Bauernhö­fen, wurde um zweitausend Taler ein Haus erwor­ben, dessen Besitzer schon lange in die Stadt über­siedeln wollte. Von seinen Fenstern aus erblickte man zu jeder Tagesstunde den Wildhof auf feiner stolzen Höhe, und bei Nacht sah man das Licht blitzen. Hier, im beständigen Anblick seines verlore­nen Erbes, wollte Adam Hochgruber leben und dem Tod entgegenharren, hier wollte er träumen von der einstigen Größe und Herrlichkeit seines Geschlechtes. Das, so glaubte er, würde ihm das Leben und seine furchtbare Sage erleichtern. Daran dachte er freilich nicht, daß dieser Anblick die alten Wunden immer wieder aufreißen nutzte, daß er ihn beständig an feine Schuld mahnen und eine Sühne sein würde für das, was er in seinem Leben gefehlt hatte.

Als man den Kranken auf einer Bahre über die Schwelle des Wildbofs trug, rang sich aus seiner Brust ein unnatürlicher Schrei, der dem Stöhnen »eines todwunden Tieres glich. Doktor Haller, der die Ueberführung ins nette Heim leitete, trat besorgt an eine Seite und sprach ihm Trost zu. Aber er wußte elbst, daß dies nutzlos sei, er fühlte, was der Bauer itt. Hinter ihm lag ein verlorenes Königreich, — vor ihm eine trostlose Zukunft, ein Leben in Sorge, Krankheit und Armut. Denn die paar tausend Ta­ler, die übrig biteben, reichten ja kaum für »rin paar Jahre zum Leben aus. Alles UeberMffige, sogar das Rappengespann, war verkauft worden, und nur das Allernotwendigste wurde behalten. Der alte Wilm zog auf den Rabenhof und nur Ev blieb bei Frau Regine, um das kleine Hauswesen zu be­sorget.

Es war »ein trauriger Zug, der sich durch den stkÄbel zum Dorfe hinab bewegte. Die Tragbahre, auf der der Kranke lag, war auf einen schmalen Ka- penwagen gesetzt worden, den man hierzulande „Ber-

nerwägelchen" nennt. Mit Kissen, Tüchern, Tep­pichen war eine Art Mauer um den Kranken »er­richtet, in der er wie in einem Grabe nibte, und da die Begleiter zu Fuß nebenhergtngen, fo sah das Ganze einem Leichenzuge ähnlich.

So hielt der alte Bouernkönig seinen Einzug in sein neues Reich — in das Reich der Armut, der Leiden und der Sorgen! Zum Glücke empfand er in dieser Stunde nichts von dieser Erniedrigung und Schmach, weil er das Bewußtsein verloren hatte. Um so furchtbarer wühlte der Schnrerz in Frau Re­gimes Brust. Alle Sorgen und alles Leid, alle Ar­beit und alle Last ruhten jetzt auf ihren Schultern^ und sie brach darunter fast zusammen. Aber mit der steigenden Rot wuchs auch ihr Mut und ihre Kraft. Ihr festes Gottvertrauen stützte sie in den schwersten Stnnden ihres Lebens; doch vermochte sie es nicht zu verhindern, daß sie die Schwelle ihres neuen Heims bei ihrem ersten Eintritt mit ihren Tränen netzte. Der Dottor sah es und empfand es wie eine Weihe des Hauses — denn heilig ist der Ort, der durch die Träuen eines sorgenden Weibes geweiht ist. Er drückte der tapferen Frau die Hand und sagte:

„Frau Regine, vor Ihnen zieh' ich den Hut! Was Sie getragen und gelitten haben, darunter wäre eine andere znsammengebrochen. Und, ob arm oder reich, das ist mir egal: ich bleibe der treue Freund Ihres Hauses! Für mich sind Sie stets die Bäurin vom Wildhof, und der Mann dort, der ist mir auch jetzt noch, obwohl er seine Krone verloren hat, der große Bauernkönig!"

Nachdem er so gesprochen hatte und nachdem der Kranke wohlgebettet und in'guter Hut war, ging er, setzte sich auf das Bernerwägelchen und fuhr mit seinem Goldfuchs und der kreuzlahmen „Fanny" des Försters, die heute einträchttg und gemessenen Schrittes nebeneinander gingen, nach Hause.

In dem weißen Hause aber, in dem nun Frau Regine waltete, blieb die Sorge zurück, hob tn stum­mer Klage die Arme »empor und stellte sich an die tränenbenetzte Schwelle. r—i —i —> fe-y ea s t—a m

Wie ein Sieger hielt Mister Henry schon am andern Tage seinen Einzug auf dem Wildhof. In feinem Trütmphgefühl ließ »er sogar am Giebel des Hauses das Sternenbanner aushängen. Lizzie fand das zwar geschmacklos, und erklärte es für eine Be­leidigung der deutschen Heimat, weil sich darin der Sieg des Amerikanismus übers deutsche Bauerntum ausdrücke; allein der Amerikaner ließ sich durch diese Einrede nicht irre machen. Er freute sich über fer­nen neuen Besitz und über seine Rache und ging eifrig durch die Stuben des Hauses, bis hinauf zur Giebrikainmer, von bereit Fenster aus er den gan­zen Besitz, sogar das Tal und das Dorf überblicken konnte. Und bi? Hand ausstreckend, rief er: „lieber all dies bin ich der Herr! Mein Ziel ist erreicht!"

Aber seine Freude war nicht ungetrübt. Das alte Haus war wie ausgestorben, lag wie tot, schien zu trauern um seinen Herrn! Die kahlen Wände grinsten ihn an, die helleren Vierecke, über denen früher die dunklen Bilder hingen, erzählten von ver­blichener Bauernherrlichkeit, und „Franz Adam", zu dem auch er mit einem gewissen Respekt ausge­schaut hatte, war verschwunden.

Doch ging er, der kalten Blutes über Leichen schritt, über derartige Sentimentalitäten rasch hin­weg, und sein heimliches Unbehagen wich, als schon am THttag eine Schar von Handwerkern aus der Stabt erschien, welche bett alten Bau »erneuern soll­ten. Schwere Wagen mit Möbeln unb Geräten fuh­ren an und würben einstweilen in ber Scheune ge­borgen, ein Hämntern, Pochen, Schlagen und Stampfen ging burch bett alten Bau, baß Lizzie ent­setzt aufschrie: ,^ier bleibe ich nicht!" erklärte sie.

„Well, fo geh' inzwischen in bie Stabt unb lebe nach Deiner Manier!" sagte ihr Vater. „In ein paar Wochen ist bie Hauptarbeit getan, bann geht es ruhiger zu. Ich laffe bas Haus von Grunb aus reparieren; hier unten wohne ich, unb alles soll in bem alten Bauernstil eingerichtet werden, wie es ftcüher war."

„Ich finde das komisch," sagte Lizzie. „Du spielst Dich immer auf »einen Bauern hinaus und bist

doch keiner; Du bist vielmehr ber geriebene gantet, wie er im Buche steht."

„Well, kannst recht haben," lachte Mister Henry: „aber ich will nun einmal hier wie »rin Bauer leben! Ich führe eine Musterwirtschaft ein — erstklassiges Vieh und Rosse. Der magere Beben wirb künstlich gebüngt und bie Erträge auss Doppelte gesteigert; well, bie Deutschen sollen mal sehen, was eine ame­rikanische Farm ist! Rote Eentlemen unb Vaguero- gibt es hier lewer nicht, unb bas ist schabe! Es war doch ein höllisches Vergnügen, bie Büchse ans eine freche Rothaut anzulegen."

„Unb was soll ich hier, Pa?"

„Tu? — Nichts sollst Du, o Yes! = Leben, wie's Dir Paßt! Jagen, reiten, fischen — hm, Flir­ten meinetwegen, essen, schlafen, Tmlette machen —"

„Für wen, Pa? Für bie Bauern?"

Mister Henry lachte. „Werben schon kommen, bie eleganten jungen Herren, wenn sie von bem schweren Golbfisch hören: Offiziere, Gutsbesitzer, Ba­rone, Grafen — o Yes! Du sollst oben im erste« Stockwerk wohnen wie eine Prinzessin. Ich laß Dir Salon, Bonboir, Schlafzimmer, Bab fo fein einrichten, wie es keine Gräfin hat, o Yes, ich bin bet Mann bazu! Du kannst bie Cercle halten."

Lizzie schüttelte untoiHig bett Kopf. „Ich finde es lächerlich, Pa, baß Du bies Bauernhaus zu einem Palais machen willst! Das ist birett —« shocking!"

„Shocking ober nicht — ich setze meinen Willen burch, well! Hat es jemanb schöner als Du? Kannst auf bem Laube leben ober in ber Stabt, wie es Dir paßt! Kannst reiten ober fahren, meinetwegen auch fliegen! Ich kaufe Dir ein Lustfchiff, Lizzie, bas rfl ein schöner Sport!"

Sie wanbte sich entrüstet ab, ließ sich ihren Gold­fuchs satteln und ritt, wie sie. es in letzter Zeit oft« getan hatte, auf den Rabenhof, nm ihren „Kusin Bolt" zu besuchen.

(Fortsetzung foIfllX