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J. PorzrLer in Fulda.

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ntotwtsbsiiage: „Fuldaer Geschichtsblätter"

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Botctlonsbtnf n. Verlag der znlda«U Lctl.ndr uckerei i-FnldO Fernsprecher Lr. »

jtf 157.

Erstes Blatt.

Fulda, Freitag den 12. Juli 1912.

39. Jahrgang.

zu behaupten. Gegenwärtig sei keine Aussicht auf irgend einen Streit mit einer andern Macht im Mittetmeer vorhanden.

Der Staatssekretär wandte sich dann den deutsch, englischen Beziehungen zu. Er erklärte, die Be- ziehungen England» zu Deutschland si-ien gegenwärtig ausgezeichnet und absolut frei von irgendeiner Frage, durch welche dir beiderseitigen Jntsreffen berührt würden. Er glaube, falls solche Fragen sich erheben würden, möge dir» nun im Zusammenhang mit den wechselseitigen In­teressen in Südafrika oder eventuül in Verbindung mit der Bagdadbahn geschehen, würden beit» Regie­rungen die UeberMgung hegen, datz ihre gegensei- tigcn Jnteresien ehrlich ausgeglichen wer­den können.

Weiter führte der Staatssekretär aus:

„Wenn wir Frankreich oder Rußland irn Einklang mit einer anderen großen europäischen Macht und in gutem Verhältnis mit ihr sehen, rote ei durch das Zusammentreffen de» deutschen und des russischen Kaisers geschehen ist, so haben wir allen Grund, uns selbst zu beglückwünschen.

Mit Bezug auf Deutschland kann ich nicht sagen, was ich nicht schon früher gesagt hab». Wir haben keinen Streit mit Deutschland undwirsuchen keinen Streit. Hier ist niemand, der nicht mit absolutem Widerwillen an einen Krieg mit Deutschland dächte, selbst wenn wir wüßten, daß wir in einem solchem Kriege siegreich sein würden. Jeder wünscht das beste Einvernehmen mit Deutschland. Niemand in England wünscht den Krieg. Ich bin sicher, daß ein Krieg auch nicht in deutschem Interesse liegt Deutschland kann sagen, was wir hier gesagt haben, daß das größte deutsche Interesse der Frieden ist ES ist für mich undenkbar, daß ein Krieg unter den gegenwär­tigen Bedingungen ausbrechen, an dem Deutschland beteiligt wäre, in den nicht auch ganz Europa verwickelt würde, und niemand könnte ohne die größte Besorgnis an eine solche Möglichkeit denken. Aber wenn jemand Srieg wünscht oder erwartet, so ist es doch Pflicht jeder Regierung, sich gegen einen möglichen Krieg zu rüsten. Ich glaube nicht, daß ich von Natur ‘ ein Alarmist bin, aber unsere Lage hat sich in den letzten 6—7 Jahren voll­ständig geändert. Die zweitgrößte Seemacht steht uns gegenüber, wenige Stunden von unseren Küsten. Ich glaube nicht, daß das, was ich sage, provozierend ist. Die Deutschen können mit gleicher Berechtigung sagen, daß unsere Flotte eine geladene Kanone ist, die auf sie gerichtet ist. Die Deutschen sind keine nervöse und schwächliche Nation und fürchten sich nicht, wenn man diese Tatsache konstat ert und rns Auge faßt. Es ist eine Tatsache, daß ein Angriff auf uns stets möglich ist. Ich sage nicht, daß wir uns in Gefahr befinden, unsere Lage hat sich verändert, und deshalb ist uniert auswärtige Politik von außer­ordentlicher Bedeutung."

Inhalt und Ton dieser Rede sind durchaus er­freulich; erfreulicher jedenfalls als die Minifterreden über das gleiche Thema, die in den letzten Jahren jenseits des Kanals gehalten wurden. Ein engli­sches Blatt meint, die überaus optimistische Kenn­zeichnung der Lagt durch Grey sei der erste Erfolg des Frhrn. v. Marschall in London. Andere sind der Ansicht, daß die Kaiserbegegnung in Baltischport die­sen Umschwung in der Stimmung Englands Deutsch­land gegenüber herbeigeführt habe. Jedenfalls hat man in England ««sehen gelernt, daß die freund­nachbarlichen Beziehungen Deutschlands zu einem von Englands Bundesgenossen nicht eine Spitze ge­gen die Entente haben müssen, sondern im Gegen­teil dazu beitragen können, in dem Verhältnis der beiden Großmächte zueinander eine günstigere Wen­dung vorzubereiten. Gewiß wird die Zusammen, kunft nichts an den alten Bündnissen ändern, und Sir Grey betonte ja auch, was eigentlich selbstver. stündlich ist, daß die Grundlage der englischen Politik die Bündnisse mit Frankreich und Rußland bilden. Aber gerade in der Befestigung der Freundschaft auch mit Detltschland liegt eine Gewähr für den Frieden. Daher ist es erfreulich, wenn Sir Edward Grey be­tont, daß England allen Grund habe sich zu der Zu­sammenkunft in Baltijchport zu beglückwünschen.

Gibt Greys Rede dem Politischen Gedankengange seiner Landsleute die Richtung, so wollen wir gern und gut damit zufrieden sein.

Deutsches Reich:

*• Berlin, 11. Juli 1912. Die „Hohenzollern" mit dem Kaiser an Bord ist nach guter Fahrt heute abend 7% Uhr vor Bergen eingetrosfen. An Bord ist all ts wohl. — Die K a i s e r i n soll be- absichtigen, im Frühherbst dieses JahreS England zu besuchen. Die Reise, die durchaus privaten Charak­ter tragen wird, soll der Erholung gewidmet sein. Die Kaiserin wird voraussichtlich an einem Orte der Südküste Aufenthalt nehmen. — Der Reichs­kanzler besucht: am Donnerstag Moskau und kehrte abends nach Petersburg zurück. — Wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, soll im Jahre 1913 mit der Bildung einer dritten Torpedo- bootsdiviswn begonnen werden. Der Stand- ort der neuen Division ist noch nicht entschieden, doch soll Kuxhafen die besten Aussichten haben. — I« Meppen trafen aus Berlin 50 Offiziere der Arnl- lerieschießschule ein, um den Schießversuchen mit neu en Geschützen ans Ballonkanonen auf dem Kruppschen Schießplatz beizuwohnen. —Die Reichstagsersatzwahl im Nicderbaherischen Wahlkreis P f a r r k i r ch e n für den verfwrbenen Abg. B a ch- m e h er vom bayerischen- Bauernbund wird am 15. August stattfinden.

)( Reichs - Luitschiffahrtsgesetz. Sht vorläufiger Entwurf für ein Reichsgesetz zur Regelung der Ver­kehrs mit Luftfahrzeugen ist vom Reichsamt de» Innern und Reichsjustizamt sertiggesteüt. Der Ent­wurf soll im nächsten Herbst mit Sachverständigen durchberaten werden.

(♦) Seminare für Landwirte. Wie man einem Berliner Blatte schreibt, haben sich di« di» jetzt von der landwirtschaftlichen Verwaltuna eingerichtet«

Seminar« für Landwirte oder Güterdeamtenschulen, wie man sie nach ihrem Zweck auch nennen kann, gut bewährt. Es ist daher nicht ausgeschlossen, falls di« Erfolge weiterhin anhalten, daß die Er­richtung noch einiger weiterer Seminare in Aus­sicht genommen wird. Der Zweck der Schulen ist, Güterbeamte und bester vorgebildete Landwirte, di« später ihren eigenen Bchtz zu übernchmen haben, auszubilden. Es ist eine Zwischenstufe zwischen den niederen Fachschulen und den höheren Lehranstalten, die den Söhnen deS bester situierten Bauernstandes und den künftigen Beamten größerer Betriebe eine gute und dabei nicht teure Gelegenheit zur Erlan­gung einer gründlichen Fachausbildung verschafft.

X Für Steuerhinterziehungen ist in Baden vor einiger Zeit eine Art Generalpardon erlasten worden. Wer bei der diesjährigen Steuererklärung sein richtiges Einkommen und Vermögen angab, wurde für frühe.« Steuerhinterziehungen nicht be­straft und brauchte auch nicht nachzuzahlen. Ueber den Erfolg bringen jetzt badische Blätter genaue Mitteilungen. Danach hat der Generalpardon allein in Pforzheim den Erfolg gehabt, daß bisher an­geblich über 80 Millionen Mark neue Steuerwerte an Betriebsvermögen und Renten­kapitalien angemeldet worden sind. Im übrigen Lande seien die Ergebniste, wenn auch nicht in dem Maße, ebenfalls günstig. — Pforzheim ist der Haupt- industrieort der deutschen Edelmetallindustrie. Die Steuerfcheu ist also nicht eine spezifische Krankheit der ,9Iataiiet*.

* Pharisäertum. Der sozialdemokratische „Vor­wärts" hat jetzt, nach dem Ableben des Staats­ministers a. D. Hobrecht, noch einmal die humor­volle Schilderung des Herrn v. Tiedemann abge­druckt: Wie Hobrecht Minstter wurde. (Herr v. Tie­demann suchte spät abends Hobrecht auf, um chm im Auftrage Bismarcks das preußische Finanzpor­tefeuille anzutragen. Er traf ihn nicht an und war­tete. Schließlich kehrte Hobrecht angeheitert von einer Ballgesellschaft heim und beschiü», nachdem er sich in die Situation gefunden hatte, Herrn v. Tiede­mann dahin „Wenn ich morgen im Kater noch so denke, wie jetzt in der Besoffenheit, nehme ich an.") Die Geschichte ist ja recht lustig und die Wieder­gabe wäre an sich ganz hübsch vom „Vorwärts", aber er will mit der Geschichte auch etwas beweisen. Seine Nutzanwendung lautet nämlich: „Für die Art und Weise, tote im Kulturstaate Preußen Mi­nister berufen werden, ist diese Erzählung höchst charakteristisch." Natürlich stimmt das ganz und gar nicht, denn einmal ist die Geschichte nur heiter, ihre Pointe liegt in zufällig zusammentreffenden Um­ständen, und sodann bildet sie nur einen einmaligen Fall. Die „Germ." erinnert den „Vorwärts" aber an eytgn anderen Fall, der nicht so ausschließlich lustig fft. Ein sozialistischer Parteigetoaltiger und Parteivorstandsmitglied kam nach einer schönen west­deutschen Stadt, die noch schöner wäre, wenn infolge der starken Kohlenerzeugung ihre Behausungen nicht einen rußigen Anstrich hätten. Er wollte in einem Parteigeschaft, das eine „Arbeiterzeitung" heraus­gibt, und damit eine Buchhandlung verbindet, die Bücher revidieren. Nicht die seilgehaltenen, etwa auf revisionistisches Gift hin — vielmehr war der Revisor selbst Revisionist, was man vielleicht ganz natürlich finden wird —, sondern die Geschäf ts- bücher. Man servierte ihm einen ff. Kognak, noch einen Kognak und noch einen Kognak . . . Die Revision unterblieb, der Parteigewaltige bestätigte ohne weiteres, daß die Bücher in Ordnung und keine Fehler erkennbar gewesen seien, und fuhr wieder nach Berlin ab. Als spater ein Angestellter des Ge­schäfts ausschied und feinem Nachfolger bie Bücher übergeben sollte, stellte sich heraus, daß die Bü­cher gar nicht exi st irrten. Aber der „Vor­wärts" bleibt dabei, daß „so etwas" wie die Ge­schichte von der Berusung Hobrechts „charakteristisch" sei für den Staat und seine leitenden Kreffe, ganz undenkbar aber in der Welt der Genossen. Das ist seine Methode, durch die in den Genoffen ein Pharisäertum großgezogen toorben ist, das an sich den deutschen Arbeitern völlig fremd fft.

gk Das Ende eines Verleumdungsfeldzuges. Am 6. Juli kam vor dem Landgericht in Duisburg ein Beleidigunpsprozeß in zweiter Instanz zur Ver­handlung, der von der Leitung des Zevtralverbandes der christlichen Staats-, Gemeinde« und Verkehrs, arbeitet, den Herren Oswald, Tremmel und Harter, gegen den früheren Angestellten des ge­nannten Verbandes, Johanne- Wolf, anhängig gemacht war. Wolf hatte seinerzeit nach Entlassung aus seiner Stellung eine Schmähbroschüre gegen die Leitung deS genannten christlichen Verbandes her- ausgegeben. Die Broschüre wurde von sozial­demokratischer Seite zu einem Verleumdungsfeldzug gegen die christliche Arbeiterbewegung ausgebeutet. In der Gerichtsverhandlung erster Instanz vor dem Schöffengericht Ruhrort am 23. und 24. Oktober 1911 blieb Wolf den Wahrheitsbeweis für seine Behauptungen schuldig und wurde zu 400 Mark Geldstrafe und Tragung sämtlicher Kosten verurteilt. Die von Wolf veranlaßte Berufungsverhandlung nahm nach längeren Darlegungen zwischen dem Gericktsvorsitzenden und dem Privatbeklagten Wolf einen unerwartet schnellen Ausgang, indem Wolf feine Berufung zurückzog, weil er einsah, daß er da» Spiel endgültig verloren hatte. Am meisten ent­täuscht sind von diesem Ausgang de» Prozeffe» die Sozialdemokraten, die als Meiftinteressterte bei der Aktion des Herrn Wolf nicht auf ihre Rechnung gekommen sind.

* Der Mohamedanismus in den Kolonien. In Daressalam feierte die evangelische Mission das L5 jährige Jubiläum ihrer Tätigkeit in Deutsch-Ost­afrika. Wir lesen darüber in der »Deutschen Post" vom 6. Juli:

»Diese Mission Halle von den ersten Tagen an mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Erfolge waren aber wenn auch bescheiden, so doch stetig wachsend, so daß die evangelische Mission heute 12000 Anhänger zählt. Entschiede« Beachtung verdient da» freundschaftliche Verhältnis zwischen der evangelische« und katholischen Mission, dte, schon seit de» 60er Jahre» tätig, 43000

Anhänger hat. Dies Verhältnis sand seinen offen­kundigen Ausdruck dadurch, daß katholische Patres an dem Jubiläumsfeste ihrer evangelischen Kollegen teil- nahmen. Dieses friedliche Handinhausarbeiten ver­diente roeiteste Nachahmung! In Deulsch-Ostasrika ist eS doppelt not, da der gemeinsame Gegner, der Is­lam, dte kleinen christlichen Gemeinden in ihrem Bestände bedroht. Derselbe hat innerhalb weniger Jahre eine gewaltige, von niemand im voran» Shrtte Ausbreitung genommen. Was das christ- e Deutschland zur Erschließung und kulturellen

Hebung des Landes getan hat, kommt niemand mehr zugute, alS dem Islam. Ja, es hat sich sogar bei den Negern die Meinung festgesetzt, dte Zugehörigkeit zum JSlam bedeute auch in den Augen der Weißen einen Vorzug. Wenn unter solchen Ver­hältnissen der stellvertretende Gouverneur, Geh. Rat Methner, auf dem Miffionsfeste in seiner An sprach« hervorhob,daß der Staat, al» geborenertzeide, „über den religiösen Parteien" stehen müsse, daß di« Kaiserliche Regierung von jeher dafür gesorgt habe, daß auch in Deutsch-Ostafrika jeder nach seiner Fasson selig werden könne, so daß auch der fanalischst« Mohamedaner sich niemals über Störung in seiner Religionsübung habe beklagen können, so kann man diese Worte nur als eine höchst bedenklich« Entgleisung bezeichnen, die dadurch nicht beseitigt wird, daß Herr Methner nachher sagt, mit der christlichen Mission sei die Regierung allerdings durch ein besonderes enge? Band verbunden. Die An­sicht des stellverlretenden Gouverneurs ist von Grund auf eine irrige: Noch ist der deutsche Staat ein christ­licher Staat und als solcher hat er den christlichen Missionen die weiteste Unterstützung angedeihen zu lassen gerade gegenüber der Flut des Islams, besten sittliche Auffassung zum christlich-germanischen Geiste in tiefstem Gegensatz steht. Gerade die Regierung hat es in der Hand, dem Vordringen des Islam einen Riegel vcrzuschieben, indem sie nach Möglichkeit Misfionsschüler als Beamte anstellt. Die Kultur, dte wir in unseren Kolonien verbreitet wissen wollen, ist die christliche, nicht aber die mohamedanische. Und deshalb ist es Pflicht des Staates, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern, daß die Be­völkerung unserer ostafrikanischen Kolonie dem Islam ausgeliefert wird."

Die Klagen über Begünstigung des Islams in bett brutschen Kolonien mehren sich.

# Karlsruhe, 11. Juli 1912. Einen bebeut- samen Beschluß hat heute bie babische Zweite Kam­mer gefaßt. Sie hat bie Etatsforberung für bi» babische Gesanbtschaft in München ge­strichen. Die Kammer hatte bas bereits am 9. Mai b. I. getan. Am 14. Juni stellte aber bie Erste Kammer bie Forderung wieder her, und es fehlte nicht att Bemühungen seitens bet Regierung, bie Zweite Kammer umzustimmen. Das ist nicht gelungen. Die Mehrheit, bestehend aus National­liberalen, Fortschrittlern unb Sozialbemokrctten, hat gegen bie Stimmen bes Zentrums unb bet Konser­vativen bie Forderung für die badische Gesandtschaft in München erneut abgelehnt. Staatsminister v. Tusch gab seinem lebhaften Bedauern über diesen Beschluß Ausdruck; er betonte, es handle sich hier nicht um eine innerbadische Angelegenheit, sondern die Frage berühre die Beziehungen zu den Nachbar­staaten; die Gesandtschaft habe gerade in dieser Rich­tung Gutes gewirkt. — Die Sozialdemokraten haben es ihren getreuen Vasallen, den Nationalliberalen, nicht erlaubt, für die Gesandtschaft zu stim­men, also mußte sie fallen. „Wir wollen, baß in Baben überhaupt keine Regierung mehr, denkbar ist, bie nicht weitgehenbe Rücksichten auf bie Sozialde­mokratie nimmt." So sprach der sozialdemokratische Führer Kolb auf dem Offenburger Parteitage! Die Möglichkeit, dieser Anmaßung Nachdruck geben zu können, liegt in bet Bereitwilligkeit bet National- liberalen, dem Oberkommando der Sozialdemokra­ten sich z» fügen. In diesem willigen Gehorsam liegt die ganze politische Bedeutung der Aktion.

* München, 10. Juli 1912. Herr Müller-Mei­ningen und Konsorten haben sich int bayerischen Landtag bei der Beratung des Kultusetats wieder mächtig aufgeregt über den „unmoralischen* Zwangsgottesdienst für Schüler, der in Bayern wöchentlich einmal stattfindet. Man lese unb staune l In einer Allerhöchsten Verordnung vom 18. April 1911 betreffend bie höheren staatlichen Lehranstalten im evangelischen Sachsen-Meiningen heißt es;

,Es findet täglich vor Beginn des Unterricht» gemeinsamer SDlorgengotteSbienft statt, sofern nicht die Einrichtung von sogenannten Kurzstunden dem entgegensteht; wo die» der Fall ist, soll eine gemein­same Morgenandacht am Montag abgehalten und an den übrigen Tagen in jeder Klaffe von dem Lehrer, der bie erste Morgenstunde hat, zu Beginn ein Gebet gesprochen werden. Schüler, die nicht dem evangeli­schen Bekenntnis angehören, sind zur Teilnahme an der Morgenandacht nicht verpflichtet."

Unter den Pflichten der Klaffenlehrer ist aufge« führt: „Anwesenheit und Mitwirkung bei den Morgenandachten für diejenigen Lehrer, bie in der darauffolgenden Stunde Unterricht zu erteilen haben." — Wie wir wissen, besteht dieser tägliche Schulgottesdienst, der für die Schüler des evange­lischen Bekenntniffes obligatorisch ist, in Gesang, Gebet und Vorlesen eines Abschnittes ai»s der Hei­ligen Schritt und findet in der Aula statt. Keinem Menschen fällt es ein, auch nur ein Wort der Miß­billigung für diese löbliche Einrichtung zu finden. Auch Müller-Meiningen hat sich auffallenderweis» noch nicht beschwert. Aber eine Frage: Welcher Entrüstungssturm würde durch den bayerischen libe­ralen und sozialdemokratischen Blätterwald brausen, welche Szenen wüiöe das Abgeordnetenhaus erleben, würde in Bayern eine tägliche liturgische Feier für die Schüler eingeflhrt?

Die Erledigung der hessischen Besoldungsvorlage.

— Darmstadt, 1L Juli 1912. Die erneute Be­ratung in der Ständekammer Über die Beamten« Besoldung-vorlage begann heut« vormittag mit der Sitzung des Finanzausschusses der Zweite» Kammer, der sich indessen. erst gegen 1 Uhr darüber verständigen konnte, daß man der Erhöhung bei Beamtenbesoldung di» zu 90 Prozent der Regierung-« Vorlage zustimm«, aber daran sefthaU«, be» Lehrern einen Zuschuß von 18,5 Prtyent zu gewähre». -< Die Zweite Kamme» dejchloH_tzrmeMWM>M

[] Sir Edward Grey über die aus- wärlige Politik.

Im en g l i s ch e n U n t er h a u s e hat am Mittwoch Staatssekretä- Grey in ausführlicher Rede über die Beziehungen Englands zum Aus­land gesprochen, wobei das Verhältnis zu .Deutschland im Mittelpunkt der Auseinander­setzung stand.

In seiner Rede beschäftigte sich der Minister zu­nächst mit den persischen Angelegenheiten, sodann mit der Mtttelmeerfrage.

Im Sölittelmeer müßte England entweder eine genügende Streitmacht haben ober in kurzer Zeit dort­hin entsenden, um jedem dort möglicherweise ein« tretenben Ereignis begegnen zu können. Ihm drohe augenblicklich feine Gefahr. Es sei nicht nötig, eine Streitmacht im Mittelmeer zu unterhalten, die in jedem Augenblick imüanbe fei, sich gegen alle andere» Flotte»

X Tie kommende Sienervorlage

Ueber bie kommenbe' Steuervorlage sinb bin» benbe Beschlüsse noch nicht gefaßt. Das geht aus einer halbamtlichen Mitteilung hervor, baß bie bun- besstaatlichen Finanzminister zur Beschlußfassung über bie Einzelheiten ber in Aussicht genommenen allgemeinen Besitzsteuern nicht vor Oktober, wahr­scheinlich aber erst Anfang November zusammen- «reten werden.

Den „Bert. Pol. Nachr.", die gestern dem Reichs­schatzamt nachsagten, baß es ben verbünbeten Regie­rungen ein ganzes Bukett von Besitzsteuern vorlegen werbe (vergl. Nr. 156 dieses Blattes), wirb demnach Wohl ein kleines Mißverstänbnis unterlaufen sein. Es mag schon stimmen, baß bas Schatzamt verschie­dene Pläne ausarbeitet; aber wenn diese umfassen­den und mannigfaltigen Vorarbeiten beendet sinb, so kann man boch nicht einfach ben ganzen Wust bem BunbeSrat überreichen mit ber bequemen Einladung, er möge sich selber das passende aus­suchen. Der Schatzsekretär würbe seine Aufgabe ber ßielbewußten Leitung ber Reichsfinanzen unb ber Reichskanzler seinen Beruf zur Verantwortlichen Oberleitung ber gesamten Reichspolitik in subalter­ner Weise verkennen unb herabbrücken, wenn sie sich nicht auszusc^vingen vermöchten zu einem be« stimmten Antrag beim Bundesrat. Das von •eit Geheimräten gesammelte Material muß boch erst an ber Verantwortlichen Stelle burchgeprüft unb Ausgewogen unb in seinen brauchbaren Teilen zu einem regelrechten Entwurf verbichtet werben. Wollte man ein ganzes Bünbel von Steuerplänen auf- tischen, so müßte ja erst im Bunbesrat ober in dessen Ausschuß bie Sichtung unb Verarbeitung bes ganzen Stosses von vorne angefangen werben.

Die »Berliner Pol. Nachr/ glaubten ferner behaupten zu können, baß ein Stenerplan bereits von den Vorarbeiten im Schatzamt ausgeschlossen worden sei. Man habe, heißt es, davon abgesehen, „die Besttzsteuer im Wege ber Lanbesgesetz- gebung unter gewissen reichsgesetzlichen Richtlinien und der Erhöhung der Matrikularbeiträge zum Ausdruck zu bringen." Für diesen Verzicht seien grundsätzliche Fragen finanzpolitischer unb finanz- technischer Natur maßgebenb. Es wirb bann noch im besonderen ausgeführt, daß rin ge Bundes­regierungen nicht die Sicherheit hätten, ob ihre Landtage auch einer derartigen Vermögenssteuer zu­stimmen würde". Eine sehr schiefe Darstellung, hinter der offenbq^ine vorgefaßte Willensmeinung stecktl So leichthin darf man doch das wichnge Problem einer Verbindung der Vermögenssteuer des R e i ch 8 mit der Vermögenssteuer desSta ates nicht bei Seite schieben wollen! Wenn wir einen deutschen Einheitsstaat hätten, so würde man gewiß die Frage einer allgemeinen Vermögenssteuer zu losen suchen. Wir haben nun freilich keinen Ein­heitsstaat und wollen auch die Einzelstaalen in der eigenen Ausnutzung der direkten Steuerkraft nicht ungebührlich beschränken. Aber läßt cs sich dann mit der verfassungsmäßigen Selbständigkeit der Bunde-staaten und mit ihren Finanzinlereffen wirk­lich nicht vereinbaren, daß ber Besitz zugleich vom Reiche und den Einzelstaaten besteuert wird? Es ist gar nicht nötig, baß die Reichsabgabe von ber Zustimmung jedes einzelnen Landtages abhängig gemacht werde; der Landtag mag über die einzel­staatliche Besitzabgabe beschließen, bie als Zu- schlag zur ReichSsteuer oder auch als felbftänbtg- LandeSsteuer gedacht werden kann. Ganz irrig ist die Annahme, daß der Reichsanteil von der Ver- rnögenssteuer in Form von erhöhten Matriku« larbkiträgen abaeführt werden müsse. Im Gegen- teil: sobald wir eine® eranlag ung des Vermögens nach einheitlicher Methode haben, besitzen wir einen besseren Maßstab für die Reichsumlage, als die Kopfzahl, nach der bisher die Matrikularbeiträge erhoben wurden. Eine zweckmäßige Vereint- gung deS Reiches und der Einzelstaaten in ber Besteuerung des Besitzes würbe vielmehr zu einer Herabsetzung der Matrikularbeiträge, unter Um­ständen sogar zu deren Beseitigung führen können. Letzteres natürlich nur unter ber Voraus- setzung, baß die neue Steuerform vollwichtigen Ersatz böte für die konstitutionellen unb bie föderativen Garantien, die in ben Matrikular- beiträgen stecken.

Also wenn das Schatzamt für ein ganzes Bukett von Steuerplänen die Vorarbeiten leisten will, so möge es vor allem auch die Kombination von Reichs- und Landes-Vermögenssteuer in Betracht ziehen. Es könnte sonst dahin kommen, daß schließlich der Reichstag oiesen voreilig aus­geschalteten Gedanken wieder aufgreift. Der Schatz- fekretär und der Reichskanzler sollen alles prüfen und für alle Möglichkeiten das Material bereit­stellen. Sie sollen dann für las beste, was sie gefunden haben, klar und bestimmt cintreten, aber dabei nicht leichtfertig die Wege verlegen für den Fall, daß von den gesetzgebenden Faktoren doch noch eine andere Lösung der verzwickten Frage vorge­zogen würde. Die Erinnerung von 1909 muß doch davor abschrecken, daß man sich auf eine einzelne Steuerform unbedingt verbeiße.