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M X56.

Donnerstag -en N- 5nU 1912-

39. Jahrgang.

* Tuldaer W Leitung«

2. Blatt.

druck unö vertag s«r XulOati Xdientnt(f<td in ZnlLa.

*M Der Kreis Fulda im Jahre 1911.

Wie alljährlich um diese Zeit liegt auch Heuer der Bericht des Kreisausschufses des Kreises Fulda über die Verwaltung und den Stand der Kreis« Kommunal-Angelegenheiten im letzten Geschäftsjahre vor. Danach hat sich die B e v ö l k e r u n g des Kreises im letzten Jahr« weiterhin vermehrt und zwar gegen 1910 um rund 0,28 Prozent. Während am L Dez. 1910 gelegentlich der Volkszählung im Kreise Fulda 63199 ortsanweseud« Personen festgesteüt wurden, betrug biete Zahl bei der Personenstands- aufnahme für 1912: 63 372 Personen. Auf die Stadt Fulda entfielen davon 22 485 Personen, auf den Landbezirk 40887 Personen. Zwei Drittel aller Personen im Kreise haben ein Alter über 14 Jahren, die weibliche Bevölke­rung überwiegt bedeutend. Während im ganzen Kreise die Kinder unter 14 Jahren 34 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, betragen sie in der Stadt nur 28 Prozent und erhöhen sich auf dem Lande auf 37 Prozent. Geboren mürben im Be­richtsjahre 1883. Es heirateten 454 (60 mehr wie in 1910). Es starben 1141. Nach dem Durch­schnitt der letzten 5 Jahre beträgt die Zahl der Geburten 1959, die der Eheschließungen 412, die der Sterbefälle 1121.

Bezüglich der Kreisinstitute und gemein­nützigen Einrichtungen wird u. a. bemerkt, daß der Anbau von jungen Bäumen jetzt nur noch in der vom Fiskus gepachteten einen Hektar großen Baumschule bei Eichenzell stattftndet. In diesem Herbste sind ungefähr abzugeben 500 Aepfel- und 100 Birnenhochstämme, 100 Pflaumen- und Zwetschen- bäume und 300 Stück Aepfel, Birnen und Kirschen in Buschform. Im Kreissiechenhause wurden nach der Rechnung für 1910 verpflegt 131 Personen und zwar 47 männliche und 84 weibliche. Für deren Verköstigung wurden insgesamt 18486 Mark ausgegeben. Bestritten wurden die Kosten in erster Linie aus dem Zinsaufkommen, dem Kreiszuschug und den Zahlungen der Pfleglinge. Be.üglich der landwirtschaftlichen Winterschule, die seit 1902 nicht mehr Eigentum des Kreises, sondern der Landwirtschaftskammer ist, heißt es, daß der Besuch der Schule aus dem Kreise Fulda noch besser sein könnte und müßte. Doch sind schon jetzt in fast allen Orten des Kreises einige Landwirte, die die Schule besucht haben. Volksbüchereien sind in deu letzten Jahren mehrfach ins Leben gerufen worden. Aus Staats« bezw. Kreismitteln wurden Beihilfen gewährt der Volkslesehalle Fulda (700 ültark), dem evangelischen Gemeindehalis Fulda (250 Mark), ferner 25 Landgemeinden des Kreises. Im ganzen wurden 2951 Mark gewährt. Die 27 Büchereien besitzen 5752 Bände. Im Sommer 1911 waren 47 Kinder in Ferienkolonien uutergebrachk, was die Summe von 2556,50 Mark kostete. Wir habe» in unserem Kreise 29 Darlehnskassen, deren Einlagen sich 1911 bezifferten aus 24 288 434,29 Mark und die am gleichen Zeitpunkt 20269 931,52 Mark ausgeliehen haben. Der Bauverein für den Kreis Fulda errichtete bis 1911:27 Gebäude in der Georgstraße dahier und stellte auch im Landbezirk zwei Wohnhäuser fertig.

In Bezug auf die Gesundheitsverhält- n r s s e heißt es, die Zahl der übertragbaren Krank­heiten habe im Berichtsjahre gegenüber dem Jahre 1910 nn Kreise erheblich abgenommen. Zn epide­mischer Verbreitung gelangten nur Masern, Noteln, Keuchhusten an einigen wenigen Orten, während Diphtherie und Scharlach, die in den beiden letzten Jahren besonders in der Stadt Fulda ziemlich stark herrschten, zurückgegangen sind. Diphtherie trat allerdings in manchen Ortschaften noch in größerer Zahl auf. Andere übertragbare Krankheiten kamen, abgesehen von Lungen- und Kchlkopftuberkulose, verhältnismäßig selten vor. Nur Unterleibstyphus trat in der Ottschaft Höf und Haid vorübergehend etwas gehäitst auf. Bon den 17 Typhltssallen stammten 15 aus Höf und Haid und waren mit einer Ausnahme sämtlich durch das Waffer eines Baches verursacht worden an dem oberhalb der Ort­schaft 2 zum Kreise Schlüchtern gehörige Mühlen liegen, in denen kurz vorher und auch gleichzeitig mehrere Typhusfälle vorgekommen waren. Im Kreise sind 13, 1 Dampf- und 12 Formalin-D es - infektionsapparate aufgestellt. Durch ersteren Apparat wurden 27 und durch letztere 307

Schlußdesinfektionen ausgeführt. Erstmalig ge­impft wurden 2112 Kinder, tviedergeimpst 1512. Am Schlüsse des Berichtsjahres praktizieren im Kreise 30 Aerzte, die sich auf 7 Wohnorte verteilten; 3 Zahnärzte und 3 Zahntechniker wohnen in Fulda. 32 Bezirks- und 12 freipraktizierende Hebammen habe zusammen im Kreise 1855 Entbindungen ge­leitet. Es sind vorhanden: 5 Vollapotheken, 2 Zweigapotheken, 1 Krankenhausapotheke und 2 ärzt­liche Hausapotheken, sowie 41 Drogen- und Gift­handlungen in 25 Wohnorten. Für 69 arme Geistes­kranke waren in 1910 an Verpflegungskosten zu zahlen: 15184,82 Mk.; Ende vorigen Jahres wa­ren außerdem 18 Geisteskranke in Familien unter« gebracht. Im Kreise sind 96 Krüppelkinder gezählt worden: der noch in diesem Monat zu eröffnende Krüppelheim-Neubau kostet 310 000 Mark.

Heber die Wasserversorgung sagt der Be­richt, daß jetzt 49 Wafferleitungen mit Quellwaffer und 3 mit Grundwasser im Kreise vorhanden sind. 30 weitere Gemeinden sollen durch ein Gruppen­wasserwerk versorgt werden. Gegen eine Versor­gung mit Wasser durch Einzelbrunnen sei daun nichts einzuwenden, wenn diese Art der Versorgung den von hygienischer Seite gestellten Anforderungen entspricht. Dies sei jedoch nur selten der Fall. Brunnen, die nicht ganz eintoanbfrei sind, bieten leicht eine Infektionsquelle für die Umgebung.

Bon den im Kreise geborenen Militär­pflichtigen wurden 185 bei das Heer und zwar ISO für Truppen mit 2jähriger, 4 für solche mit 3jähriger Dienstzeit, einer zum Dienst ohne Waffen und io für die Marine ausgehoben. Freiwillig sind 75 Dienstpflichtige eingetreten.

Unter der Rubrik „Kirchen- und Schul- angelegenh eiten" wird verzeichnet, daß in Künzell für die Gemeinden Künzell und Keulos eine katholische Pfarrei errichtet und ein neues Pfarrhaus erbaut worden sind. Zu den Kosten eines Schulneubaues in Döllbach bei Büchenberg wllrden aus der Gräflich Bose'schen Stiftung 10 000 Mk. bewilligt. In Horas und in Peters­berg wurden je eine weitere Lehrerstelle und in Neuhof und in Rückers je eine weitere Lehrerinstelle gegründet. Auf das in dem Bericht gegebene Bild von den wirtschaftlichen Verhältnissen des Kreises gehen wir später ein.

Aus dem Nachbargebiete.

* Hanau, 10. Juli 1912. Zu den bisher zur Anzeige gekommenen Typhusfällen kamen heute zwei weitere Fälle.

* Offenbach, 10. Juli 1912. Der verstorbene Rentner W. Schramm hatte für die Errichtung eines Altersheimes testamentarisch 800 000 Mark hinterlassen, das nach den Plänen des Pro­fessors Eberhard nunmehr tm Südmesten der Stadt, dicht am Walde gelegen, errichtet werden soll. Rist den Bauarbeiten 'wird in der Kürze begonnen.

* Frankfurt, 10. Juli 1912. Der deutsche Schützenbund, der am kommenden Sonntag hier fein 50. Bundesschießen unter Veranstaltung großer Feierlichkeiten abhält, ist im Jahre 1861 in Gotha gegründet worden. Im folgenden Jahre, 1862, hielt er sein erstes Bundesschießen in Frank­furt ab. Der Bund verfolgte von Anfang an natio­nale Ziele im Sinne der deutschen Einheitsbe- strebung. Der Ehrenvorsitzende der Gothaer Tagung war Herzog Ernst von Kobnrg-Gotha. Auf dem ersten Frankfurter Bundesschießen war Herzog Ernst gleichfalls erschienen; als „Schützenkönig", wie man ihn nannte, ging er in der Schützentracht mit Joppe und Schützenhut umher, wie alle die andern Mitglieder des neuen Bundes. Noch einmal ver­sammelten sich die deutschen Schützen seit jener ersten vaterländischen Kundgebung in Frankfurt, 1887, um das 25jährige Jubiläum des Deutschen Schützenbundes und seiner Schützenfeste zu feiern. Und nun ist Frankfurt wieder Feststadt, da es gilt, das 50jährige Jubiläum zu begehen. Der Festplatz wurde schon eröffnet, der Frankfurter Schützenver­ein zog in Begleitung der Nachbarvereine durch die Stadt zur Festhalle. In dem Zug wurde auch die alte Fahne, das Geschenk der schweizerischen Schü­tzen aus dem Jahre 1862, getragen. Mit dem Probebankett, der Eröffnung 'einer historischen Aus­stellung und der Bergnügungsarilagen (namentlich

der hübschen Budenstadt „Alt-Frankfurt") wurden die 2 2 F e st t a g e e.iugeleitet. Die auswär­tigen Schützen werden am kommenden Samstag eintreffen. Der Zudrang der Frankfurter Bolks- kreif- zu dem prächtigen Schützenplatz auf dem städtischen Ausstellungsgelände bei der Festhalle ist jedoch auch ohne fremde Gäste schon ganz außer­ordentlich. An Stelle von Holzbauten, die man früher eigens für die Zwecke der Schützentagung 'er­richten mußte, ist jetzt das Riesengebäude der Fest­halle getreten. Die Schießstände, die ebenfalls durch ein Prvbeschießen ihrer Bestimmung über­geben wurden, liegen recht günstig für sich abge­schlossen hinter dem eigentlichen Festplatz; -eine elek­trische Bahn führt, ohne das Ausstellungsgelände verlassen zu müssen, unmfttelbar zu diesen Ständen hin.

* Kassel, 10. Juli 1912. Ein Schuhmacher Pfläging aus der Kohlenstraße geriet unter einen Motorwagen der Herkulesbahn. Der Kopf wurde ihm vom Rumpfe getrennt. Ein weiterer hiesiger Einwohner, namens Limmeroth, warf sich in selbst­mörderischer Absicht auf der Strecke Harleshausen- Obervellmar vor den v Zug und tvurve getötet

* Von der Lahn, 10. Juli 1912. In Lauren­burg bei Diez babeten vier Italiener in der Lahn. Drei be3 Schwimmens Unkundige gingen unter. Dem vierten gelang es, zwei zu retten. Der Bruder des Retters ertrank. — Das im Kreise Wetzlar gelegene Lahnstävtchen Leun hat die Feier seines 1000jährigen Bestehens gefeiert.

Amt Geisa und Umgebung.

* Dermbach, 10. Juli 1912. Nach dem kürzlich erschienenen Jahresbericht der Bergamts­bezirke des Großherzogtums waren im Jahre 1911 im Ganzen 10 Kalibergwerke, 2 Sa­linen, 4 Erzbergwerke und 2 Flußspatbergwerke int Großherzogtum int Betrieb. Von den Kaltbergwer­ken waren 7 in regelrechter Forderung, während bei den übrigen 3 die Schächte erst im Abteusen be­griffen waren. Die Belegschaft in den 5 Bergämtern belief sich beim Jahresschlüsse auf 3087 gegen 1971 int Vorjahr. Betriebsunfälle kamen 183 (1910: 125 > zur Anzeige. Davon waren 114 (109) leich­terer Natur, 17 (9) hatten eine Erwerbsunfähigkeit von mehr als 13 Wochen, 6 (7) den Tod zur Folge. Infolge des starken Anffchwunges des Kaliberg­baues machte sich vielfacher Arbeitermangel bemerkbar. Gezahlt wurde an Arbeiter ein Durch­schnittslohn unter Tage von 3,15—5,50 Mk., über Tage 3,18—4,10 Mk. Die Salinen zahlten 3,10 Mk., die Flußspatbergwerke 3,00—3,90 Mk. Die Nachfrage nach Arbeitern tm Kalibergbau wird im lanf’nben Jahre ebenfalls stark fein, da neue Werke in Forderung zu treten gedenken.

* Ttefenbach, 9. Juli 1912. Eine blutige Fa­milientragödie spielte sich hier ab. Der Bergmann Wilhelm Cornelius, ein dem Trünke er­gebener Mensch, ging während eines häuslichen Streites mit gezücktem Messer auf seine Frau los. Der 18jährige Sohn, der zum Schutze feiner Mut­ter dem Wüterich entgegentrat, erhielt dabei einen lebensgefährlichen Stich in die Lunge. Der Täter wurde vechaftet.

Ans Oberhessen n- den Hess. Aemtern.

* Kirchhain, 10. Juli 1912. Einem hiesigen Einwohner wurden vor einigen Nächten 13 Enten durch Füchse teils geholt, teils totgebissen. Eine Nacht darauf einem Nachbarn 3 Gänse. Man stellte Fallen auf und hatte die Genugtuung, 3 Füchfe, einen alten und 2 junge, zu fangen.

* Homberg (Efze), 10. Juli 1912. Sicherem Vernehmen nach wird demnächst die zwischen hier und Wabern dreimal täglich verkehrende Personeu- fahrpost eingehen, da an ihre Stelle eine P o st - automobilverbindung mit viermaliger Hin- nnb Rückfahrt im Anschluß an bie tn Wabern haltenden Eisenbahnzüge treten soll. Nach der be­vorstehenden Eröffnung der neuen Eisenbahnlinie Hersseld—Schenklengsfeld wird dort der Postauto­verkehr eingestellt, und die dort überflüssig werden­den beiden Postautos werden für Vermittelung des Verkehrs zwischen hier und Wabern Verwendung finden. .

* Docken, 9. Juli 1912. Gestern wurde bi« schon wieder ein Einbruch verübt. Ein Dieb drang in das Haus des etwas schwerhörigen Schmiedes Rosenkranz und erbeutete 50 Mark in bar und ein Sparkassenbuch über 275 Mark. Leider hat man keinen Anhaltspunkt, um den Täter et* mittel» zu können. I

vermischtes.

* Der Diogenes von Kleinschachwitz. In Kl e i n< schachwitz bei Dresden liegt, ganz vergraben im Schatten der mächtigen Kastanienbäume, ein ein­stöckiges Häuschen, das den Eindruck des Unbewohnt« seins macht. Tie Haustür ist Tag und Nacht ge­schloffen, und selbst nach eingetretener Dunkelheit bleibt es in dem Häuschen finster. Der Eigen­tümer bewohnt von seinem Hause nur dm Keller. Auch seine Gattin, als sie noch lebte, teilte diese Lebensführung mit ihm, die auf feiner philosophi­schen Lebensanschauung beruht. Er predigt und lebt der Bedürfniswsigkeit, genau wie sein griechischer Kollege Diogenes. Daß er dieses Leben nicht nötig hätte, weiß nicht nur das ganze Dors, sondern auch die Verbrecherwelt. Hat er sich doch selbst mit einem Jahreseinkommen von 8000 Mark eingeschätzt. Was Wunder, wenn sich Leute fanden, die chm die Sor­gen um den von ihm verachteten- Mammon abneh­men möchten. Bereits vor drei Jahren wurde ein Ueberfall auf den Greis unternommen, ohne daß es damals gelungen wäre, die Verbrecher zu ermitteln, und am 1. März d. I. wurde wiederum ein Raub- mordversnch gegen ihn verübt. Diesmal gelang es der sächsischen Landeskriminalpolizei, die Verbrecher zu ergreifen, die sich jetzt vor dem Dresdener Schlvurgericht zu verantworten hatten. Wie aus der Verhandlung hervorging, hatten sich die drei Einbrecher in den Keller des Schieferschm Hauses eingeschlichen und lauerten hier dem Greise auf. Als er eintrat, forderten sie sein Geld, und als er wahr­heitsgemäß beteuerte, daß er nur wenig Geld im Haus: habe, schlugen sie ihn mit einem Knüttel nie­der. Die Tat trug ihnen tatsächlich nur wenige Mark ein. Schiefer erholte sich jedoch wieder und erschien als Zeuge in bet Verhandlung gegen bas Verbrecherkleeblatt, bas zu hohen Zuchthausstrafe« verurteilt würbe. ..

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Gottesdienstordnung.

Freitag, 12. Juli. Fulda. Nonnenkirche, Vi9 Uhr Hochamt.

Handel «nd Industrie.

* Berlin, 10. Juli 1912. Der feste Grundto« beS Spekulationsmarktes behauptete sich auch heute.1 Besonders zeigte sich für heimische Jnbustriewert« große Kauflust.

Märkte.

* Kirchhai», 10. Juli 1912. Zu dem gestern hie, abgehaltenen Rindvieh» und Schweinemarkt warea aufgetrieben 281 Stück Großvieh, 141 Kälber und 496 Schweine. Saugferkel kosteten 30—50 Mk., Läuferschweiue 60—90 Mark das Paar, je nach Qualität. DaS Rindvieh wurde im Vorverkauf fast völlig umgesetzt.

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WarrernöLuk.

86] Roman von Felix Nabor.

Und manchmal überlegte er minutenlang, ob er ihn nicht fallen lasten sollte. Aber das erschien ihm wie Schwäche, wie eine Schmach — und um sich feinen Mut und seine Kraft zu bewahren, griff er Immer wieder zum Weinkruge und trank, bis das Blut i« seinen Adern brauste, bis sein Gesicht glühte Und die Adern unter dem Druck bei roten Lebens­stromes zu bersten brohten.

Draußen erstand bet goldene Herbsttag und blickte über bie Gelbveigleinstöcke hinweg, bie Frau Regine mit besonderer Liebe pflegte, durchs Fenster in die Stube hinein. Heller Sonnenschein lag über dem weiten Hosraum, die Tauben tranken aus dem Brunuentrog, schritten gurrend übet den Sand und schwangen sich in schlankem Bogen hinauf zum gold- gesäumten Dachfirst. Der tiefe Klang einer Glock: tönte vom Dorfe herauf, die langschwingenden Ton­wellen zogen feierlich durch die Lust und mahnte» bie Menschen, daß toieber eine Stunde verronnen war.

Der Wilbhofer sah unb hörte von all bem nichts. Er staub vor dem Bilde des Ahns und sprach mit ihm, als ob Franz Adam lebend und atmenL vor ihm stünde.

„Es darf nicht geschehen," rief er, „daß der letzte Wildhofer fo untergeht! — Daß er fällt wie ein Baum, an den man bie Art legt! — Das laß ich net zu! — Ich bleib' ber Herr! — Ich steh' fest wie eine Eiche — nein, Franz Adam: ich wank net! *— Ich ring' mit bem listigen Bruder, der keinen Tropfen Bauernblut in feinen Adern hat! — Und ich werd' Herr über ihn, das darfst mir glauben! *- Der Wildhoser darf net fallen und der Wildhof net in ander: Hand' kommen! Ehnder muß der andere, der mir ihn nehmen will, sterben! — Um den Wildhof zu retten, tu ich alles, Franz Adam, alles — alles!"

Seine Augen traten wie Bälle hervor, seine Musklln spannten sich wie die eines Raubtieres, daS sich auf fein: Beute stürzt, Und leise und röchelnd fuhr er fort: „Wenn er kommt, der andere, wenn er Besitz nehmen will von meinem Hof, bann lock ich ihn weg — hinauf zum Wilbbach im Walde — ober hinunter an ben Fluß — unb ba erwürg ich ihn — unb werf ihn ins Wasser! — Die Hypothekenbrief, bie nehm' ich ihm vorher ab — unb verbrenn' ft: — unb kein Mensch weiß, wo sie hingekommen finb — unb wie sich's zu'tragen hat!" — Stolz richtete er sich auf. „So, Franz Adam, so rett’ ich meine Ehr' unb meinen Hof!"

Er trat ans Fenster, trank ben Krug leer unb starrte durch die Scheiben.

Da ging mit einem Male ein leises Zittern durch seinen Leib, so wie der Wipfel eines Baumes zittert, wenn ihm die Säge ins Mark schneidet. Draußen auf frei Ebene kamen vier Männer auf den Wildhof zu — ber Amerikaner, zwei stäbtisch gelleibete Her­ren unb ber Gerichtsbiener.

Rasch trat er vom Fenster weg unb schrie: „Franz Abam — er kommt! — Aber net allein! Di: Ge­richtsherrn smd bei ihm! — Was tn ich? Was tu’ ich jetzt? — Franz Abam — ich erwürg' ihn boch!"

Mit kurzen, festen Schrttten ging er ans bem Haufe tmb über ben Hof. Fünf Schritte von bem Hoftor blieb er stehen. „Was — was wollen bie Herren auf meinem Hof?"

„Die Siegel anlegen."

„Sie — Siegel? — Das bulb’ ich net! —■ Ehn­der — erwürg’ ich den Grauen dort! — Den Hals­abschneider, ber sich meinen Bruder nennt!"

Er erhob bi: Arme, kralfte bie Finger unb machte einen Schritt, baß Mister Henry erschrocken zur Seite sprang.

Aber Abam Hochgrnber schlug bie Finger nicht um ben Hals seines Bruders. Er griff mit ben Hänben in bie Luft, bie Abern an seinem Hals unb an seiner Stirn: schwollen an wie blaue Stricke, ein kurzer, rasselnder Schrei kam aus seiner Kehle — und dann schlug er blitzschnell zu Boden unb lag

langgestreckt auf bem weißen Sanbe, wie ein erschla­gener Riese.

Entsetzt wichen bie vier Männer zurück; aus bem Hause aber stürzten mit lautem Schreckensruf Frau Regine nnb Ev, unb von der Scheune her humpelte der alte Wilm. ,

„Jesus Maria! —- Der Schlag hat ihn getrof­fen!" rief Frau Regine und nahm sein mächfiges Haupt in ihre Arme. Er rührt: sich nicht; der Atem kam pfeifend aus seiner Brust, bas Gesicht war blau, bie Augen geschlossen.

„Rasch, faßt an!" gebot Frau Regine, „wir tra­gen ihn ins Bett — wir waschen ihn mit kaltem Wasser — unb Du, Wilm, Du fährst zum Doktor — ober reitest — so schnell bas Pf erb laust!"

Vorsichtig richteten sie ben Riesenkörper auf. Frau Regine unb Ev faßten ihn um bie Brust, Wilm half an ben Füßen nach. Sie keuchten unter ber schweren Last. Einer ber Herren wollte helfend zugreifen, aber Frau Regine blitzte ihn zornig an: „Zurück! — Keiner rühr' ihn an — Unb wann er stirbt, fo hat ibn ber bort auf bem Gewissen — ber graue Teufel — sein Bruber!"

Ti: Gerichtsherren wichen zurück, flüsterten zu­sammen unb zogen ab.

Frau Regine griff mit bei einen Hanb in bas beengenbe Hemd unb riß es am Halse nut einem Ruck entzwei. „Ev, hol’ Waffer!" rief sie, „ich halt' ihn schon allein!"

Ev flog zum Brunnen, zog wie rasenb am Schwingel, füllte bie hohlen Hände mit bem kühlen Naß unb schüttete rs bem Bewußtlosen ins Gesicht. Mit ben nassen Hänben rieb sie seine Schläfen, netzte sie ben erblaßten Mnnb.

„Jetzt in Gottesnamen — faßt an!" sprach Frau Regine, unb sie trugen ben Wilbhofer unter vieler Mühe auf sein Lager. Fran Regine bettete fein Haupt hoch, löst: ihm bie beengenbe« Kleiber unb lauschte auf feinen Atem.

Wilm galoppierte auf bem Rappen zum Dokwr, unb Ev ftanb zitternd auf ber Schwell: unb blickte eschen unb furchtsam auf ben stillen Manu.

Frau Regine fuhr zärüich über die mächtige Stint des gefallenen Riesen, und chre heiß:« Traue« fielen auf das zu Stein erstarrte Gesicht des stolze« und mut so armen, gestürzten Bauernkönigs.

Zehntes Kapitel.

An einem trüben Novembertage verließen die Wildhoferleute die alte liebe Heimat; grauer Nebel lag über dem Lande, ein feiner, kalter Regen rir« feite nieder, und die Wett sah so trostws auS, wie bie Zukunft, die Frau Regine mit Bange« und Sorge erfüllte.

Schwere Wochen lagen hmtn ihr.

Der Wilbhofer war nicht tot. Das Bewußtsei« war langsam zurückgekehrt — aber er war auf ber linken Seite gelähmt; di: Zunge vermochte nur noch zu stammeln, und zeitweise verwirrten sich seine Ge­danken. Das war für den stolzen, starken Mann fast schlimmer als der Tod. Hilflos wie ein Kind, war er ganz auf die Fürsorge seiner Frau angewie­sen, und die schreckliche Gewißheit, nie wieder die alte Kraft zu erlangen und noch weniger seinen ver­lorenen Besitz je wieder $urütferob:nt zu können, stand wie ein drohendes Gespenst vor feinen Augen.

Der Arzt verordnete absolute Ruhe, verbot den Genuß von Alkohol, versuchte die gelähmten Glieder durch spirituöfe Einreibungen, Massage und Elektri­zität wieder zu beleben, aber an dieser menschlichen Ruine scheiterte seine Kunst. Er riet zum Aufent- balt in einem Warmbade, zu einer Reise nach dem Süden; aber daran war bei den beschränkten Ver­hältnissen nicht zu denken. Von dem ganzen stolzen Besitz waren dem Wildhofer kaum zehntausend Mark geblieben. Auch wollte der Kranke unter keinen Um­ständen die Heimat, die er so heiß liebte, verlassen, ebensowenig ging er auf ben Vorschlag ein, im Ra- benhos Unterkunft zu suchen. Wenn auch sein Kör­per gebrochen war, sein stolzer Sinn Ibar ihm ge­blieben, unb keinesfalls nahm er von beut, eine Hilfe an, ben er aus feigem Hause vertriebe« hatte. , s/ - !

' (Fortsetzung folfltj' ' ' ' »