Fulda, Donnerstag den 11. Juli 1912.
39. Jahrgang.
Erstes Blatt
jß 156.
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Deutsches Keich.
* Auf der Nordlandfahrt.
Der Kaiser hat gestern in Swinemünde an Bord der „Hohenzollern" die Nordlandsreise angetreten. Die Ankunft in Bergen wird Donnerstag früh 9 Uhr erwartet.
* Der Reichskanzler in Petersburg.
Der deutsche Reichskanzler besuchte am Dienstag abend in Petersburg das Volkshaus Nikolaus III. und wohnte einem Akt der Oper „Pique Dame" bei. Beim Verlassen des Theaters wurde er vom Volke erkannt und freundlich begrüßt. Hierauf besichtigte der Reichskanzler unter Führung des Direktors die Speisehallen und die Küche des Volkshauses, wo man für geringes Geld gutes Esten erhalten kann. Der Reichskanzler zeigte großes Jntereste für die praktische Einrichtung und dia umsichtige Leitung des von der Regierung im Interesse der Temperenz» Bewegung betriebenen Unternehmens. Mittwoch arbeitete der Reichskanzler bis 11 Uhr vormittags und besichtigte dann das Winterpalais. Nach dem Diner in der deutschen Botschaft erfolgte abends die Abreise nach Moskau
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Momtzbeilage! „zuldaer Eefchichisblätter"
$ Berlin, 10. Juli 1912. Der Kaiser hat den Prinzen Eitel Friedrich a la suite des 2. Seebataillons gestellt. — Die .Petersburger Börsenzig.' behauptet zu wissen, Kaiser Wilhelm habe sich in Baltisch.Port besonders mit dem Kriegs« und Marinewinister unterhalten, wobei er dem Marineminister vorgeschlagen haben soll, einige Kriegs« schiffe auf deutschen Werften bauen zu lasten. „Sehen Sie meinen „Moltke" an* soll er gesagt haben, „wenn Sie wollen, bauen wir Ihnen sechs solche „Moltkes" in kürzester Zeit."
)( Wie wird die neue Besitzsteuer aussehen? Reichsschatzsekretär Kuhn ist in Urlaub gegangen; manche Blätter wollen daraus schliessen, daß er vor seiner Abreise zu einem gewissen Abschlüsse in der Frag« der Besitzsteuer gelangt sei. Dieie Vermutungen erhalten anscheinend eine Unterlage durch eine Mitteilung der,Berliner politischen Nachrichtens Diese berichten u. a.:
In den Vorschlägen, die das NeichSschahamt auf Brund der Besitzsteuer-Entschließung deS Reichstages den verbündeten Regierungen vorlegen wird, dürfte eine Dividenden st euer aus dem Grunde nicht sich finden, weil eine solche Lösung des Besitzsteuerproblems mit dem Grundgedanken jener EMschltetzung kaum vereinbar sei; so würde wahrscheinlich auch von der Berücksichtigung des Gedankens abgesehen werden, die Befitzsteuerfrage im Wege der Landesgesetzgebung unter gewissen reichsgesehlichen Richtlinien und der Erhöhung der Matrikularumlagen zum Ausdruck zu bringen. Das Befitzsteuerkompromiß von 1909, das einen ähnlichen Gedanken verfolgte, sei seinerzeit bekanntlich von den verbündeten Regierungen einstimmig abgelehnt worden. Man würde in der Annahme nicht sehlgeheu, daß das Reichsschatzamt den- verbündeten Regierungen den Entwurf einer Reichsv ermögens st euer mit verschiedenen Varianten (Vermögenszuwachssteuer und dergleichen), neben Entwürfen für die Einführung von Erbschaftssteuern zur Befchlußsastungunterbreiten wird.
Die Verantwortung für die Richtigkeit dieser Mitteilung muß natürlich den ,Berl. polit. Nachr.' überlasten bleiben.
** Belehrung über Spionage in der Jnstruk- tionsstnnde. Die vielen Spionagesälle, die in letzter Zeit bekannt geworden sind, haben, wie der „Vost. Ztg." (Nr. 347) von militärischer Seite geschrieben wird, dazu geführt, auch im Heere selbst die notwen- digen Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Nicht selten hat eZ sich ergeben, daß sich die Spione an Soldaten herandrängten, um in anscheinend harmloser und unauffälliger Weife irgendwelche Einzelheiten über die Bewaffnung des Heeres, sowie über andere für Spionage in Betracht kommende Dinge zu erfahren. Die Soldaten werden darum nach den eigens dafür aufgestellten Grundsätzen über das Wesen der Spionage und über das Verhalten belehrt, das sie in allen derartigen Fällen zu beobachten haben.
** Zum Tod« Hobrechts. Der Familie Hobrecht- sind eine große Reihe Beileidskundgedungen zugegangen, auch vom Kaiser und vom Reichskanzler. Der Nachruf des Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses P 0 r s ch erinnert an die kaum verklungene Klage über den Tod des Präsidenten Frhrn. v. Erst« und" hebt hervor, daß der Entschlafene den vaterländischen Parlamenten seit nahezu einem halbe» Jahrhundert angehört hat. Als Vorsitzender des Seniorenkonvents habe Hobrecht Gelegenheft gehabt, im Abgeordnetenhaus durch sein liebenswürdiges Wesen vermfttelnd und ausgleichend zu wirken. Das Gedächtnis des ehrwürdigrn Nestors werd« allen kommenden Geschlechtern in Preußens Volksvertretung gesegnet sein. — Eine parlamentarische Trauerfeier für Hobrecht ist von der national- liberalen ifKirtei für den Herbst nach dem Wieder- zusammentritt der parlamentarischen Körperschaften in Aussicht genommen.
* Eine angenehme Enttäuschung. I« der ersten diesjährigen Sitzung des preußischen Landes-Oeko- nomie-Kollegiurns konnte, der Tägl. Rundschau zufolge, der Landwirtschastsminister Frhr. v. Schor- lemer-Lieser an der Hand vorläufiger Ermittelungen der letzten Viehzählung vom 1. Dezember 1911 mit der an sich erfreulichen Tatsache überraschen, daß der Bestand an Rindern und Schweinen gegenüber dem Vorjahr eine normale Steigerung erfahren habe, obwohl die Schweineschlachtungen im Jahre 1911 beträchtlich zugenommen hätten. Nach Maßgabe der vnbefrie- digenden Futtererute de- vorigen Jahres und der außerordentlichen Steigerung der Futtermittelpreise mutzte man allgemein nrit einem Rückgänge der Viehbestände rechnen und in weiterer Folge mft einer bedenklichen Fleischknappheü und Fleischteuerung, deren Eintritt etwa um den Beginn des Frühling» vorausgesagt wurde. Au» den Ziffern der Stcttistik schöpfte nun der Landwirtschaftsmimster die Hoff- mutg, daß wir im kommenden Frühjahr und Sommer eine Kletschnot nicht 8* befürchte.
haben, und dariü wurde er vom Bors, des San« des-Oekonomie-Kollegiums Grafen v. Schwerin- Löwitz bestärkt.
Je. Tie Politik auf der Kanzel. In Deggen- darf in Bayern ist vor der Strafkammer ein Prozeß zwischen dem Redakteur des liberalen Maidboten' und dem katholischen Pfarrer Poiger aus March verbandelt worden, bei dem der bekannte Domkapftular F. X. Kiest als Sachverständiger für Poiger eintrat. Dr. Kiest äußerte nebenbei — Jbenn der Prozeß betraf keine politische Angelegenheft — daß es einem Geistlichen nicht erlaubt sei, auf der Kanzel politische Agitation zu treiben. Ein nationalliberales Blatt (,Lahrer Zeitung' Nr. 150) schließt seinen Bericht über diesen Fall mit den entzückten Worten: Wie auch der Fall hier hegen mag, es ist auf alle Fälle von Bedeutung, daß von so autoratioer Seite (Dr. Kiest ist einer der angesehensten Dogmatiker Deutschlands) die politische Agitation auf der Kanzel grundsätzlich verurteilt worden ist. — Offenbar hält der Artikelschreiber diese Auffassung für neu und überraschend. Und sie ist so alt. So enthält das Kölner Provinzialkonzil vom Jahre 1860 folgenden ganz bestimmten Befehl: „daß man sich (auf der Kanzel) von weltlichen Dmgen — a causis profanis — wozu ganz sicher auch die Politik gehört, vollständig enthalte, das gebieten wir unter Androhung sogar von kirchlichen Strafen auf das bestimmteste." Das war der Wille der Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz, der heute noch maßgeblich ist, und vom katholischen Klerus, vor allem auch von den besten Politikern in seinen Reihen gewissenhaft zur Richtschnur genommen wird. Wenn manche liberale Herren soviel vom politischen Mißbrauch der Kanzel zu erzählen wissen, so erklärt sich das am leichtesten daraus, daß sie seltene Predigtgäste sind. Sie mögen alle Furchtsamkeit ablegen; ihrem politischen Gewissen wird auf der Kanzel niemand zu nahe treten, wohl aber den religiös- liberalen Anschauungen, die mit der Lehre Christi allerdings nicht harmonieren wollen. Wenn gleichwohl hier und da — nicht im Falle Poiger — eine Entleisung vorgekommen fein mag, so beoarf es zur Verurteilung nicht erst des liberal religiösen Zart« sinn es; die katholischen Kirch engesetze genügen. Jedenfalls sind diese Angriffe auf eine entgegen« gesetzte z. B. liberale politische Ueberzeugung in katholischen Predigten, die nur religiös-sittlich fein sollen, viel, viel seltener, als die ungezählten feinen > und groben Vorstöße gegen die entgegengesetzte religiöse Ueberzeugung, die von liberalen Rednern und ihren angeblich rein politischen Versammlungsreden gewagt werden.
* 9lur fest auf die Zesmteu gelogen! Die falsch belehrten Protestanten glauben leider alle die Lügen, die ihnen ihre Blätter vorsetzen, und so ist leihet wenig Hoffnung, daß die Vorurteile gegen katholische Einrichtungen, vor allem gegen die Jesuiten, schwinden. So schrieb unlängst die berliner Volkszeitung' unter dem Titel: „Die Versumpfung der Jesuitenfrage",
bei einer Jesuitenmisfion in Mariazell in Steiermark habe kürzlich ein Pater auf ein Faß mit Jgnatius- roaffer neben dem Hochaltar hingewiesen und den Gebrauch allen empfohlen, die sich als Mutter fühlten oder Mutterpflichten zu erfüllen hätten: ei« Glaser halte Flaschen zum Verkauf bereit
Nun erhält Die ,Germania' auf Anfrage über den Sachverhalt folgende Zuschrift:
Es ist unwahr, daß Jesuiten vor kurzem im Wallfahrtsort Marrazell in Steiermark eine Mission gehalten haben. Es ist unwahr, daß ein Jesuitenpater dort über die Wirkungen des Jgnatiuswassers für Mütter eine Predigt gehalten hat. Es ist unwahr, daß in der Kirch» zu Mariazell neben dem Hochaltar ein Faß Jgnatiuswafler steht Es ist unwahr, daß neben dem Faß ein Glaser feine Flaschen zum Verkauf bereit hält. Es ist unwahr, daß ein Kirchendiener dem Glaser hilft, die Zahl der Mütter festzustellen, die sich nach der Predigt zum hl. Wasser drängen. Es ist unwahr, daß man an dem großen Opferstock vorbei muß, um zum Faß zu gelangen. Wahr ift von der ganzen Geschichte nur das eine, daß es einen Wallfahrtsort Mariazell in Steiermark gibt Joh. Bapl. Wimmer, Provinzial der 6fiert. Provinz der Gesellschaft Jesu.
* Gelogen wie gedruckt. Der.Bayerische Kontier' vom 18. Juni macht unter diesem Titel auf eine Zuschrift aufmerksam, diedie,BerlinerV olkszeitung' (Nr. 270) von einem liberalen bayerischen Beamten, wahrscheinlich aber von einem skrupulösen Mitarbeiter, erhalten hat:
„Aus dem Königreich Hertling stammt der folgende Stoßseufzer eines liberalen Beamten: Wer zur Oster- zett in Bayern eine römisch-katholische Kirche besucht kann von bet Kanzel folgende „christliche" Ermahnung hören: In meinem Kirchenfprengel gibt es noch Beamte und Lehrer und andere, welche die unter einer schweren Sünde vorgeschriebene öffentliche Beichte noch nicht abgelegt haben. Ich fordere sie hiermit auf, ihrer Pflicht in 8 Tugen nachzukommen, da ich sonst ihre Namen bekannt geben müßte. Acht Tage später: Die Herren N. N. haben meine väterliche Ermahnung noch immer nicht befolgt Sollte dies binnen 8 Tagen nicht geschehe», so bin ich genötigt bet ihrer vorgesetzten Behörde die Anzeige zu erstatten. Das ift deutlich. Der hl. Antonius v. Wehner, der Vorläufer des Jesuitenlieb- lings, politischen Messias und Staatsretlers Georg v. Hertling tut den Ausspruch: Wer immer mit seiner kttrche in Konflikt gerät, ist ein schlechter Staatsbürger.... Heut» wird d»r von der Klerisei verfolgte Sünder, der Frau und Kinder zu erhalten hat, disziplinarisch aus Ami und Brot gejagt. Darum steigt infolge starker Nachfrage der Kurs deS Beichtzettels."
Wem wirds da nicht gruselig! Schließlich werden auch in Preußen, wenn das Zentrum noch einige Fortschritte macht, alle Beamten, vielleicht auch die freien Geister auf der Redaktionsstube der Berliner Volkszeitung gezwungen, eine Osterbeichte abzulegen, und einmal im Jahre bei den Jesuiten Exerzitien mitzumachen oder barfuß nach Kevelar oder BUöttmg zu pilgern. Ta ist es wirklich allerhöchste Zett, gegen den deutschen „Ultramontanismus" mit solchen verlogenen Artikeln — denn der Zweck wird doch ein wenig die Mittel heiligen — cmzu- kämpfen. Der „Bay-rische Kurier" erwidert auf den Jammevarf der berliner Volkszeitung' tteffend also:
Wann und wo ift solches vorgekommen? Einen solchen Biffen ließen fich wahrlich „Augsb. Abendztg." und „Münch. Neueste" nicht entgehen. Derartige Behauptungen aufzuftellen, genirren sich sogar dies« Blätter, denn im Lande selbst kann man die Tatsack» nicht solcherart auf den Kopf stellen, ohne selbst bei manchen Liberalen Kopffchüttekn zu erregen. Wenn übrigens diejenigen liberalen Beamten, die ihrer Oster- pflicht nicht Nachkommen, aus dem bayerischen Siaats- dientt entlassen würden, es gäbe ein riesig-S Beamtensterben . . . Aber mit sochen Lägen wird Stimmung gemacht.
* De« Volksverein für das katholische Deutschland widmete der Hochw. Bischof von Paderborn Dr. Karl Jos. Schulte in Gelsenkirchen Worte vollster Anerkennung. In einer Volksocreinsver« fammlung führte er u. a. ans:
„Sie haben sich nun zusammengeschart in dem großartig entwickelten VolkSverein für das kalholische Deutschland. Da möchte ich Sie beglückwünschen, da» Sie dem Verein beigetreten sind. Dieser Verein, die Erbschaft Windthorsis, hat unS Katholiken erböhtts Ansehen und größeren Einfluß in der Oeffentlichkcit verschafft. Uni» wieviel Segen ist von diesem Verein ausgegangen in alle anher en Vereine, soziale, kirchliche und charitative. In fast alle katholischen Vereine ist durch ihn neues Seb eit, neue Wärme, neue Lebendigkeit gekommen. Durch seine aufklärende und belehrende Arbeit ist von ihm so Hervorragendes für die Verteidigung des katholischen Glaubens geleistet worden, daß es gerechtfertigt ist, wenn der Bischof das in der Milte der Mitglieder seiner Diözese mit Begeisterung, freudig uns offen anerkennt. Sie dürfen sicher fein, daß ich, der ich schon in meiner Jugend vertraut war mit Ihren Bestrebungen, der ich als Student Ihren Versammlungen gern beigewohnt und als Priester art der Spitze in Vereinen gestanden habe, als Bischof Ihr Vereiusleben gewiß nicht unterschätzen werde."
• Zur Schulparität in Westpreußen. Vor Jahresfrist hatte das Danziger ,Westpreußische Volksblatt' eine Schule ans dem Kreise Berent also geschildert:
Die Schule teinklaffige) wird von 65 Schülern besucht. Davon sind 4l)katholifch und 15 evangelisch. Dieses Verhältnis besteht schon über zehn Jahre. Der Lehrer aber ist stets evangelisch. Den kalholtschen Religionsunterricht muß der Lehrer von Olpusch wöchentlich zweimal erteilen, wodurch der Gemeinde eine jährliche Ausgabe von 24'f Mark entsteht. Wenn das Volksschulunterhaitun-rsgejetz vom 28. Juli 19015 in Westpreußen Geltung hätte, müßte die Stelle längst mit einem katholischen Leist er besetz! sei». Hat man Westpreußen etwa eigens deshalb von der Geltung des Gesetzes ausgenommen, um solch« Ungerechtigkeiten zu konservieren? Erledigt war diese Stelle in den letzten drei Jahren schon zweimal. Uni wie steht es mit dem Schulvorstand? Selbstverständlich sind die Mitglieder feit einem Menschenalter ständig evangelisch gewesen. Ist denn kein Kaiholtk dazu fähig oder finbet sich keiner, der dieses Amt übernehmen möchte? Wenn ein ein; geS katholisches Mitglied im Schulvorstand wäre, so hätte dieies Mitglied, glaube ich, bestimmt gegen die Einführung und Vereidigung des Schulamtsanivärlers Becker, der als Vertreter hierher geschickt worden ist, am Fronleichnamsfest protestiert. . . .
Nunmehr veröffentlicht das genannte Blatt folgende Zuschrift aus Neukischau:
Im ,Weftpreußischen Volksblatt' (Nr. 137, 1911) waren die Schulverhältnifse in Neukischau genau beleuchtet. Ni wts ist bis heute zur Abhilfe geschehen. Es hat anscheinend nichts geholfen. Heute sieht die Schule aber noch anders aus, 44 Kinder sind katholisch und nur 13 evangelisch. Em evangelischer Besitzer und eine evangelische Witwe wohnen im Orte selbst. Auch dieser Besitzer hat fchon seine Besitzung dem Forstfiskus angeboren. Vom 1. Oktober ab werden nur sieben evangelische Kinder die hiesige Schule besuchen. Zwar ist die Schulstelle im letzten Jahre' noch nicht erledigt gewesen. Es müßte aber sür die Regierung leicht sein, dem hiesigen Lehrer eine andere angemessene Stelle zu geben. Sollen vielleicht die Katholiken auf den Tob deS jetzigen evangelischen Lehrers warten? Der Schulvorstand setzt fich noch immer aus nur evangelischen Mitglieder« zusammen. Auf das Verlangen durch das ,Westpr. Bolksblatt' vom 19. Juli 1911 ift es der Kgl. Regierung nicht eingefallen, eine Antwort zu geben. Sie hat sich nicht dazu geäußert. Sind das nicht Sachen, die die Gemüter der Katholiken wirklich erregen müssen? VicVichl äußert sich jetzt die Schulbehörde hierzu.
'^tr glauben kaum, schreibt das „Westpreußisch« VolkÄ-latt" dazu, baß die Behörde ihre Schwerhörigkeit aufgeben wird. Wir wollen den Fall dem Herrn Abg. "Marx mitt'ilen. Beiläufig gesagt: ES scheint uns an der Zeft zu sein, daß die westpren- ßischen Katholiken fich der vom Abg. Marx begründeten und geleiteten Organisation zur Verteidigung der katholischen Schule anschließen. Wenn die Katholiken irgendwo, dann haben es die wrstpreußische» nötig, daß sie sich zu einem georbneten und planmäßigen Vorgehen zur Abstellung ihrer zahllosen Beschwerden zusammenschließen.
d? Darmstadt, 10. Juli 1912. Die Erste Kammer trat heute zur Verabschiedung der Beamten- und Lehrerbesoldungsvor- läge zusammen. Der Ausschußreferent Fürst Jsenburg-Birstein empfahl die Vorfchlägr des Ausschusses, nach dessen abweichend von den Beschlüssen des anderen Hauses Den Beamten Provisorisch für 1912 nur 90 Proz. der in der Regie- ruugsoorlage vorgesehenen Aufbesserungen und den Volksschullehrern 11 Proz. statt der von der Zweiten Kammer bewilligten 15 Prvz. Erhöhung ihrer Bezüge gewährt werden solle. In der Debatte sprachen mehrere Redner ihr Bedauern aus, daß manche Wünsche zurückgestellt werden müssen, um das Zustandekommen des Ganzen nicht zu gesähr- den. Finanzminister Dr. Braun erklärte namens der Regierung, daß sie im Jnterefso des Zustandekommens des Gesetzes den Vorschlägen des Finanzausschusses ihre Zustimmung umso lieber gebe, als dieselben aus die vorhandenen Deckungsmittel Rücksicht nehmen. Die Regierung werde auch in der Zweiten Kammer für diese Beschlüsse eintreten. Hierauf trat das Haus unter Ablehnung von Abänderungsanträgen den Beschlüssen seines Ausschusses bei. Nunmehr gehl die Vorlage in der von der Ersten Kammer angenommenen Fassung an Die Zweite Kammer zurück. Ob und inwieweit eute Verständigung zwischen beiden Häusern erfolgt, sieht dahin, — In der heutigen Sitzung der Zweite»
X^uabetf let 5o m- u.sZet«tt<igevi-ttei- jödrUcht'Vr-Eprerr ohne Srimrerlohn und vcsteSgelomMdas«,- wie auswärts 1.50 IHL
je* An die große Wendung vom Ende der siebziger Jahre
erinnert der Tod des ehemaligen Finanzministers Hobrecht. Auch er gehötte zu den Opfern des Kurswechsels, den damals Fürst Bismarck vornahm. Er war freilich nur ein kleines Opfer im Vergleich zu dem Kultusminister Falk, der ebenfalls über Bord ging.
Hobrecht war keineswegs als liberaler Partei- maiui in das Ministerium berufen worden. Er war ein Lückenbüßer, ein Berlegenheitsminister,den Bismarck zu seinem „Kollagen" machte, wen er sonst keinen repräsentablen Mann für die Erbschaft Camphausens finden konnte. Ein nationalliberaler Parteiführer fft Hobrecht erst nach seinem Rücktritt in das Privatleben geworden. Die Entscheidung über bk Liberalisierung" des Ministeriums knüpfte nicht an die Person Hobrachts an, sondern wurde in den bekannten Verhandlungen nift Bennigsen geschlossen. Bennigsen hätte das Ministerium des Innern erhalten können, wenn er nicht die Forderung gestellt hätten, daß zugleich die Herren von Forckenbeck und v. Siaufsenberg vom litt« fcn Flügel der nationalliberalen Partei mit ihm in das Staatsministerium einziehen sollten. Bismarck sagte, dazu sei die Zustimmung des alten Kaiers nicht zu erlangen. In Wirllichkeit war er e 16 ft g gen eine solche Liberalisierung des Mini- teriums, da er sich nicht von einer Partei abhängig machen, sondern alleiniger Herr int Hause bleiben wollte. Er hatte vor wenigen Jahren erst einen grimmigen Strauß mit der konservativen Partei ausgefochten, um frine Unabhängigkeit von seinen früheren Genossen, von den ganzen „Junker- und Landratsmächten" klar zu stellen. Wie sollte er nun Lust verspüren nach der liberaten L i v r ö e?
Umsoweniger, als damals Bismarck bereits das Fiasko des Kulturkampfes erkannte, jenes Kulturkampfs, der zwar in seinem Ziele ihm Persönlich sympathisch war, dessen Durchführung im einzelnen, namentlich in der Gestaltung der Maigesetze, er aber dem Kultusminister Falk, den liberalen Kirchenrechtsprofessoren uni) dem „alles beweisenden" nationalliberalen Abg. Dr. Gneist üb ^lassen hatte. Wie Fürst Bismarck spater deutlich genug bekundet hatte, schob er für das Fiasko des Kulturkampfes von vornherein die ganze Schuld auf die „liberalen Doktrinäre", die angeblich seinen schönen Plan verpfuscht hätten. Das war eine selbst- gefällte Ungerechtigkeit; denn Fürst Bismarck wäre mit seinem Rezept der diskretionären Vollmachten auch nicht zur Bezwingung des passiven Widerstandes der Katholiken gelangt. Aber die Tatsache steht fest, daß durch den erfolgreichen Widerstand der Katholiken im Lande und durch die Bildung und dio Tätigkeit der großen Zentra mspartei im Parlament das Ansehen und die Macht des Liberalismus eine entscheidende Schwächung erlitten.
Dieser Tage warf der Karlsruher Stadtrat Dr. Weill die Frage auf, warum denn das „l i b e- rale B ü r g 0 r t n m, das fönst in allen Kulturländern die .Herrschaft errungen, gerade in Deutschland nicht zur Macht gelangt sei. Der liberale Mann war ehrlich genug, um einzugestehen, daß der K ul tu rkampf die katholische Wählerschaft vom Liberalismus abgesprengt und dadurch dessen Parla- menkarische Macht geschwächt habe. Er erkannte tertier an, daß die 'S ch u tz z 0 l l s r a g e verhängnisvoll auf die Machtstellung des Liberalismus gewirkt habe.
Gerade diese Schutzzollsrage schob sich bereits 1878, als Hobrecht Finanzminister wurde, aus die Tagesordnung. Fürst B i s m a r ck erkannte die Notwendigkeit einer durchgreifenden Wirtschafts- und Steuerreform, und fofort mußte ihm der Zweifel aussteigen, ob diese Staatsnotwendigkeft mit Hilfe der L i be r a l e n durchzuführen fei. Die national« liberale Partei hatte damals ebenso bereits ihre zwei Flügel, wio sie jetzt noch vorhanden sind. Auf Den linken Flügel, den Basker, Forckenbeck, Stauf« fenberg führte, konnte sich Fürst Bismarck als Witt- schastsrefornier nicht verlassen. Er handelt: also nicht bloß aus Rachsucht, sondern auch in staatsmännischer Voraussicht, als er die Attentatsstimmung benutzte, um bei den Wahlen „die Nationalliberaleu an die Wand zu drücken", d. h. sich die Möglichkeit einer zweiten Mehrheit aus der Rechten und dem Zentrum zu schaffen.
Daß diese zweite Mehrheit im Jahre 1879 zur maßgebenden Wirklichkeit wurde, war das weltgeschichtliche Verdienst des klugen W i n d t- h 0 r st und des tatkräftigen Frhrn. v. Franken- st e i n. Sie traten für die Schutzzölle ein, bewilligten auch trotz der Persttmmung wegen des Kulturkampfes die erforderlichen Steuern und erreichten dadurch einerseits die bekannten förderalisti- schen und konstitutionellen Garantien, sowie andererseits die A u s s ch a 11 u n g des bis dahin für unentbehrlich gehaltenen Liberalismus.
Obschon die Fortschrittspattei in den achtziger Jahren viel Wahlglück hatte und die nationallibe- rale Pattei in Heidelberg durch Miquel „faniert" wurde, so vermochte doch der Liberalismus niemals wieder so nahe an die Macht heranzukommen, wie in den siebziger Jahren. Das Kattell von 1887 brach ebenso schnell zusammen, wie der Block deS Fürsten Bülow von 1907. Es gibt jetzt keine allein regierende Pattei ober Patteiverbindung, sondern nur mitarbeitende Patteien im freien Spiel der positiven Kräfte.
Wenn jetzt die Großblockspekulanlen den Libero- ttsmus mit Hilfe der übermächtig»« Sozialde-
,r “ t ie zur „Herrschaft" bringen wollen, so 1ieot das mehr nach Selb st mord als nach Ber- matft aus. -