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Erstes Blatt.

Fulda, Mittwoch den 10. Juli 1912.

39. Jahrgang.

+ TaS Mittelmeerproblem

Werden

-ti-

Aurland

Deutscher Reich.

* Dir Rordlandreift.

Lokaler.

Fulda, den 10. Juli 1912.

.♦ Personalien. Verliehen wurde der Ittel Ober» Postassistent dem Postafsistrnten Heeg er in Fulda. Versetzt ist der Postassistent Heidrich von Fulda nach Bromderg. — Generalkommiffions-Zeichner Walpert von der hiesigen Spezialkommiffion ist tum L Oktober an die neu zu errichtende Spezial» konnniffion III in Marburg versetzt. — Dem Eisen« bahnbetriebssekretär F l i e 8 zu Fulda wurde anläßlich sein« Pensionierung dar Verdienstkreuz in ®o!6

verliehen.

(]:[) ein VorbereitunsSkursu» auf die Meister. Prüsung soll bei genügender Beteiligung im Winter» Halbjahr 1912/13 in Fulda von der Handwerks« kämm« v«anstalt«t werden. Diese Kurse habeq hisher schon großen Nutzen gestiftet und zur Aust wärtsentwickelung des Handwerkerstandes wesentlich beigetragen. Gelehrt werden: Gewerbliche Buch« führung, Preis«, Prozent-, Zins«, Flächen« und Körperrechnen, Kostenberechnung, Geschäslstorrespon» denz, Wechsellebre, Arbeiterversicherungi-, Gewerbe« und Genossenschaftsrecht. In einer Anzeige unseres heutigen Nummer wird ruitgeteilt, daß Anmeldungen

• - - - • - 15. ’Himuft 1912 au Lerrs

dem die konstitutionellen Garantien aufgehoben worden sind. Wie auS Tuy gemeldet wird, halten sich die portugiesischen Royalisten immer noch in btt Umgegend von Valenca do Minho auf.

** Der Krieg um Tripoli?. Laut einer am Dienstag in Rom eingctroffenen Depesche des Generals Lamerana ist die Oase Mosurata von den Italienern am Montag erobert worden:

Der Kampf begann 4 Uhr morgen?. Die gesamt« verfügbare Artillerie der Italiener trat bald in Tätig« kett und beschoß sehr wirksam die feindlichen Schauren. Der Feind, der in stark befestigter Stellung am Ost» rande b« Oase von Mesurata stand, leistete erbitterten Widerstand. Der Kampf nahm alsbald den Umfang einer großen Schlacht an. Um 10 Uhr befand sich der Feind in voller Flucht. Erst nach der Einnahme des Dorfes, das durch wiederholte heftige Bajonett­angriff» genommen wurde, konnte der Vormarsch der Italiener, wenn auch unter Schwierigkeiten, bi? nach Mesurata fortgesetzt werden. Der Feind setzte fein» Flucht in das Innere des Landes fort Die Türken ließen ihr, Toten auf dem Kampfplatz zurück. Ihr, Verluste sind uo b nicht festgestellt; sie übersteigen «bet viele Hundert. Di» Italiener hatten 9 Tot» und 121 Verwundete, darunter 4 Askari.

Mesurata liegt im westlichen Teil der Großen' Syrte. ■

Aus Uirche und Schule.

=a Johannesberg b. Fulda, 9. Juli 1912. Der Lehrer Lippert zlr Johannesberg wurde vom 1. Juli ab zum Hauptlehrer für den Gesamtschul­verband Johannesberg ernannt.

X Au» dem „parteilosen" Deutschen Lehrerveredt. Erst kürzlich hatten wir Gelegenheit, darzutun, daß b« Deutsche Lehrerverein auf katholische Lu» schauungen keinerlei Rücksicht nimmt. Die in Kassel erscheinende ,Heff. Schulztg/, die leider auch von vielen katholischen Mitgliedern bei Hessischen Volks« schullehrervereinS gehalten wird — jedes Mitglied muß sie halten — scheint es nun einmal nicht fertig zu bringen, eine Nummer erscheinen zu lassen, ohni gegen daS Zentrum ober die „Ultrarnontanen' loS« zuziehen. Da ist zunächst einmal di» von Ober» landesgerichtsrat Marx inS Leben gerufene „Schul» orgonifation*, die den begreiflichen Aerger der liberalen Lehrerschaft hervorruft Denn sie will dem Ziel des Deutschen LehrervereinS, Beseitigung der Konfessionsschule, Einführung der Simultan» schul» und der religionslosen Schule, wirksam ent» gegentreten. Da wird nun in der Lest. SchiHtg/ geredet von .ultramontaner Propaganda' in „kleri­kalen Blättern", von einem „wohldurchdachten Feld» zugSplan, bestimmt, den von Windthorst angeküu- digten Schulkampf in die Massen zu tragen', von Herrschsucht „der Ultramontanen (da» Wort Katho­liken kennt man scheintS nicht mehr), die noch immer mit den Fingern di» ganze Hand gewollt und auch genommen haben', man spottet über di» „Sach» und FachkenntniS mancher katholischer Schulinspek­toren im Nebenamt", indem man sich allerltt „ergötzliche' Geschichtchen auS Bayern melden läßt welches Land unter dem herrschenden Zentrum „verkterikaliftttt" wird u. a. Die Regierung in Bayern wird als „ein System der Unsicherheit und llnverautwortlichkeit bezeichnet da» aus jeden Fall di» Staatkautorilät nicht besonders stütze.' Groß» Sorge bereitet den Liberalen heut» schon der äuge» kündigt» RegierungSentwurf für Bayern, der cutf dem VerordnungSwege den Fortbildungsschulunter­richt regeln will. Daß darin auch der obligatorisch» Religionsunterricht Platz behalten soll, ist natürlich auch etwas, was der liberalen Lehrerschaft nicht paßt, denn „für Fortbildungsschulen kann niemals der klerikale Standpunkt maßgebend sein, für jede Art von Fortbildungsschule müffe Simultanprinzip und Fachaussicht verlangt werden.' Von dem Ent­wurf verspricht sich der LehrerliberaliSmuS nichts, wenn et auch nicht das „zentrümliche LandtagSfahr« «affet" passiert, da er doch den Wünschen d«r „Ullramontanen* angeglichen wurde. Selbstver­ständlich begegnet die Versicherung deS bayerischen Kulturministers, der Erlaß gegen die ®uitemplee» bewegung in der Volksschule sei ohne bischöflich» Beeinflussung veröffentlicht worden, einem Achsel» zucken, denn „es mutet eigentümlich an, daß dies« Erlaß geheim gehalten wurde und in hirtendrieflichem Ton und Stil gehalten ist." Wie sprach man dock in der Deutschen Lehtttversammlnng zu Berlins Da hieß »S, bet Verein sei kein politischer, et steh» im Dienste keiner politischen Partei, et sei auch kein Gegner bet Kirche, und sein Kampf richt» sich nicht gegen die Geistlichkeit Man vergleich» nun einmal dies» theoretische Formel mit bet geübten Praxis, und eS wird einem die ganze wohlbeabstch- tigie Heuchelei in ihrem ganzen Umfang» klar.

Der Kaiser ist gestern nachmittag in Beglei­tung deS Generalarztes v. Jlberg, deS Flügeladju» tauten Obersten v. Kleist und des Majors v. Dom» wes vom Bahnhof Pankow-Heinersdorf na h S w i n e« münde abgereist, um die Nordlandfahrt anzu- treten. Die Ankunft in Swinemünde erfolgt» um d»/, Uhr abends. Im Automobil begab sich der Kaiser sofort nach Ahlbeck und traf um 7 Uhr auf her „Hohenzollern" ein.

Ter Reichskanzler tu Petersburg.

' Petersburg, 9. Juli 1912. Her Reichs« w e 1 besichtigte am Dienstag in Petersburg ben Neubau beS deutschen Botschaftshotel«, bet ihm unb darauf die berühmtesten Kirchen der Stadt. Dann begab er sich nach dem Frühstück zu Waffet nach Peterhof. °

* Petersburg, 9. Juli 1912. Die Blätter fahren fort, die Zusammenkunft in Baltisch Port «n besprechen. ,Nowose Wremja' spricht ihre Freude darüber aus, daß die Freundschaft bet beiden JMcnardbenJfo aufrichtig Wtd herzlich wie früher fei.

** Berlin, 9. Juli 1912. Wie das „Pilsener Tageblatt" erfährt, erwartet Prinz Adalbert von Preußen, der vorgestern zum Kurgebrauch in Ma­ri e n b a b eingetroffen ist, in drei Wochen den Be­such seiner Mutter, der deutschen Kaiserin und seiner Schwester, der Prinzessin Viktoria Luise. — Der italienische Botschafter in Berlin, P a n s a, wird vorläufig noch auf seinem Posten bleiben, da ein Botschafterwechsel in Berlin vor der Erneue­rung des Dreibundes im Jahre 1194 und vor dem Abschluß der tripolitanischen Affäre nur Verwirrung Hervorrufen würde. — Das Kriegsministerium hat, wie die „Post" erfährt, einen Erlaß an die General­kommandos wegen Besetzung von Beamtenstellen bei den Versicherungsämtern durch verabschie­dete Offiziere erlasien. Wie es in dem Erlaß heißt, ist in Aussicht genommen, „einige mittlere Be­amtenstell en bei den Reichsversicherungsämtern mit geeigneten verabschiedeten Offizieren zu besetzen". Es werde sich hierbei um Stellen handeln, mit denen die Berttetung des Vorsitzenden des Versicherungsam­tes verbunden ist. Hierzu ist eine Borbereitungszeit von etwa 2 Jahren und die Ablegung einer Ab­schlußprüfung erforderlich. Die ihnen vorbehaltenen Stetten müssen also zunächst anderweitig besetzt wer­den, sodaß die geprüften Anwärter nicht in allen Fällen sofort mit ihrer Verwendung im Menst einer Versicherungsanstalt rechnen können. — Fürst und Fürstin Bülow sind zu dem gewohnten längeren Aufenthalt in Norderney eingetroffen.

** Staatssekretär v. Kiverlen-Wächter begeht am heutigen Mittwoch feinen 60 Geburtstag. Er wurde 1853 in Stuttgart geboren, machte 1870/71 als Freiwilliger bett Krieg mit unb ftubierte von 1872—76 in Tübingen, Leipzig unb Straßburg Jura, worauf et in ba§ Auswärtig» Amt eintrat. Im Jahr» 1881 wurde er Sekretär an bet Botschaft in Petersburg, 1888 begleitete er ben Kaiser auf besten offiziellen Antrittsbesuchsreisen nach Peters­burg, Stockholm und Kopenhagen. Er würbe barauf bis 1894 Vortragender Rat im Auswärtigen Amt, dann Gesandter in Hamburg, ein Jahr später in Kopenhagen, woran! er 1900 nach Bukarest kam. Die Fa .ili--Kidcrlen-Wächtcr entftainmt einer Ulmer Färberfamitte Kwerlen, und erst um das Jahr 1850 erlangte ein Klderten durch Heirat mit einer Freim von Wachter den Namen von Kiderlen-Wächter

)( Botschafter Marschall von Bieberstein über seine Ausgabe in London. In London fand am Montag ein von dem Deutschen Dr. Schuster ver­anstaltetes und von rund 100 Landsleuten besuchtes Diner statt, zu dem auch der deutsche Botschafter Frhr. Marschall von Bieber st ein erschie­nen war. In einer kurzen Ansprache drückte der Botschafter seine Befriedigung über die schön: und große Aufgabe aus, die ihm zuteil geworden, die deutsch-englischen Beziehungen zu pflegen. Er be­tonte, daß es sich darum handle, die eigenen Inter essen zu wahren und die Interessen anderer nicht anzutasten, und er gedachte in Worten warmer Anerkennung, die von der Versammlung mit Enthusiasmus ausgenommen wurden, der Tä- ttakeit seines Vorgängers des Grafen Wolff-Metter- mch, die die Grundlage bill>e, auf der er weiter zu hauen habe.

)( Für weitere Flottenrüstungen. Im Anschluß an den Abgeordnetentag der deutschen Marinever- Äne, der dieser Tage in Düsteldorf stattfand, wurde die 14. Hauptversammlung des geschästsführenden Ausschusses deS deutschen Flottenverein s für die Rheinprovinz abgehalten. Auf dieser Tagung hielt Großadmiral v. Köster eine bemerkenswertr Rede, an deren Schluß er erklärte:

„eine der Größe deS Deutschen Reiches entfpredjenbe Vertretung der Flagge sei nicht vorhanden. Deshalb werde der Flottenverein dafür eintteten, daß neben dem festgelegten ostasiatischen Geschwader eine Art fliegender Geschwader geschaffen wird, das dort, wo es iiottut, erscheint. Das ganze Streben des Flotten- vereinS gehe dahin, eine starke Vertretung der deutschen Flagge auf dem ganzen Erdenrund sehr bald herbei- fuführen. Der Flottenoeretn halte unentwegt an diesem einem Programm fest.'

Einstweilen hängt die Verwirklichung all dieser uferlosen Wünsche vom Reichstage und da wieder vom Zentrum ab, und dieses wird seine Maßnah. men nicht in KriegervereinssesteSsttmmnng treffen, sondern auf Grund nüchternster Erwägungen an der Hand der Weltlage und ihrer Rotwrndigkäten.

*„ Innere Kolonisation fordert bat preußisch« LandeSökonomie.Kollegium in einem Be­schluß, der dem preußischm LandwirtschastSministtt unterbreitet wurde:

„Da» Landesökonomie-Kollegium bittet die König!. Staatlregtenmg wiederholt, eine energischer» Jmtiatw« zur Mehrung de» Klein» und Mittelbesitze», besonder» auch unter ausgedehnterer und angemessener Verwendung de» Domänenbesttzes, ergreife» zu wollen.'

Der Uederreichung beS Beschlusses hat der Vor­sitzende noch folgend» Begründung hmzuaesügt:

„Der vorstehend» Beschluß bewegt fich bnrchan» in der Richtung der von dem Lande»ökonomie-Kolleg'nm zu wiederholten Malen vertretenen Auffaffung, daß für viele Teile der preußischen Monarchie die Mehrung des bäuerlichen und Kleinbesitzer ein» unbedingt« StaatSnotwendigkelt ist. Wie namentlich au» den Aus­führungen des Herrn Hauptberichterstatter» hervorgeht, wird eine ungesäumt», verstärkte KolonisationStätrgkeit immer dringlicher, da andernfall» die Gefahr besteht, daß bei der gegenwärtigen Preisentwickeluna für den landwirtschaftlich genutzten Boden und anderseits durch

Die Frage, wie England seine Stellung im jDlittelmeer in Zukunft sichern unb verstärken soll, bildet bereits seit geraumer Zeit einen Gegen­stand ernst:: Erwägung^ in den britischen Regie- fcungskreifen.

Die Besprechung, die vor kurzem vom englischen Premierminister, dem Chef der Admiralität und Lord Kitcheuer auf der Insel Malta gepflogen Wurde, ist noch in aller Erinnerung. Ein nettes Licht wird nunmehr durch einen Artikel der „Daily Graphic" auf das Mittelmeerproblem geworfen. Darnach will die englische Regierung nicht nur mit militärischen, sondern auch mit diplomatischen Mit­teln ihre Stellung iin Mittelmeer stützen und ist .ereits mit den Regierungen in Paris und Rom t Verbindung getreten, um 'durch ein neues förm­liches Abkommen zwischen England, Frankreich und Italien Sen Fortbestand des jetzigen Besitzstan­des im Mittelmeer zu gewährleisten. Nach lieber» einhmft zwischen Sir Grey und dem französischen Botschafter Cambon über das Schema des Abkom­mens soll der britische Botschafter den Vertrags­entwurf auch der italienischen Regierung vorgelegt haben und für den Fall der Billigung die Aner­kennung der italienischen Annexion von Tripo­lis in Aussicht gestellt, gleichzeitig aber auch dar­auf hingewiesen haben, daß jeder weitere Land­erwerb und nantmtlich die ständige Besetzung der ägäischen Inseln durch Italien nicht gebil­ligt werden könne.

i Der häufig al» offiziöses Sprachrohr benutzte „Ternps" bezeichnet die Darstellungen des „Datly Graphik" als nicht ganz unrichttg, aber doch als zum .Teil irrig. Ein Vertrag zwischen England, Frank­reich und Italien habe schon aus dem Grunde nicht Ubgefchloffen werden können, weil keinerlei formelle Berhand««p».n stattgefunden hätten. Richttg da­gegen sei, daß die e n g l is ch e und f r a n z ö s i s ch e Regierung Maßnahmen getroffen hätten, um den Besitzstand im Mittelmeer zu garan- jier en. Richtig fei e» auch, daß die französisch- englische Diplomatie sich bemühe, die schon seit etwa 10 Jahren bestehende Entente zwischen Italien Einerseits und Frankreich und England andererseits M befestigen.

( DaS Bestreben Englands, sein: Stellung tm Mittelmeer auf alle Fälle zu sichern, ist leicht verständlich und wenn man sich in London E'cht dazu entschließen kann, die strategisch zweif:l-

8 wichttgste Positton Englands in der Nordsee zu- gunften der britischen Interessen im Mittelmeer um einige Schiffe zu schwachen, so ist die englische Re- gierung allwding» darauf angewiesen, feine Stel­lung im Mittelmeer entweder durch die Abschließung »ine« festen Bündnisse» ober durch die Verpflichtung zur Neutralität zu festigen. Ob aber Italien <8 für klug finden wird, in irgend einer der bind.'N angedeuteten Weisen sich England und Frankreich gegenüber zu verpflichten, dürfte doch zweifellos er» Keinen. Bemaß England früher die Stärke seines Mitt-lmeergeschwaderS nach der Größe bet fran­zösischen Flotte, so blickt e» heute mit Besorgnis auf jede» italienische und österreichisch: Schiff, das vom Stapel gelassen wird. Englands ganzes Streben flehte heute darauf hinaus, die Stoßkraft und das Gewicht de« Dreibund« ut überwiegen, sowohl in der Nordsee wie im Mitttlmeer. Gelänge es darum England, Italien für sich zu gewinnen, fo hätte e» de mit einen nicht zu unterschätzenden Erfolg erzielt.

Italien Wick e» sich aber Wohl überlegen, ob es -ie dargebotene englische Hand ergreifen soll. Das, was ihm al» Gegenleistung von englisch-französischer Seite geboten wird, ist von sehr wenig Belang, denn die Anerkennung der Annexion von Tripolis rst vorderhand noch von wenig Bedeutung und kann ihm von sein:m Verbündeten ebenso gut gewährt werden. Auch dürften die Italiener noch nicht ver­gessen haben, daß gerade von englischer und fran­zösischer Seite au» ihnen in der Kriegsführung mehr als einmal Hemmniffe in den Weg gelegt wor­den sind. Bor allem aber dürste Italien zur Ab­weisung des angetragenen Bündnisses durch die Er- Wägrrng geführt werden, daß ein Paktteren mit England und Frankreich mit seinen Dreibundpflich» len nicht gut vereinbar wäre, zumal da» neue Bünd­nis ihm nichts zu bieten imstande wäre, was ihm nicht bereits durch feine jetzigen Verbündeten ge­währleistet wird. Nicht zu übersehen ist dabei auch, daß Oesterreich-Ungarn und die Türkei an der Mit- felmettfrage doch auch sehr erheblich interesiiert sind und von einem Bündnis Italiens mit England und Frankreich nicht angenehm berührt dürsten.

Ter Gedankenaustausch der Staatsmänner be­weise , daß unter ben gegenwärtigen Um« stäuben kein genügender Grund bestehe, ein neues Abkommen adzuschließen. In der Hauptsache bleibe alles beim Alten schon Erprobten. Die deutsche ,Petersb. Zeitung' sagt, ein Wettbrand könne nicht elttstehen, lolange zwischen Deutschland uno Ruß­land Freundfchaft bestehe. ,Birshewija Wjedomosttt schreibt: Die Begegnung war nicht eine Fortsetzung des Potsdamer Abkommens im Sinne derer, die ein neue» Abkommen erhofften, aber sie bestätigt von neuem b;e feste Absicht, die traditionellen Be­ziehungen zu erhalten.

punkt für «ine großzügig» Kolonisattonspelitik über­haupt verpaßt wird."

* „Neu-Deutfchland". Im Laufe ein ^ Bier­abends in Windhuk hielt der Staatssekretär^des Kolonialamtes Dr. S 0 l f eine Rede. Er erklärte, er sei mit dem Gouverneur darüber einig, daß ein festes Programm nicht angebracht fei. Er habe dm Eindruck gewonnen, daß hier ein Neu-Deutschland über See erstehe. Nachdem Dr. Solf die Landwirt­schaft auf der Station Neudamm, die Straußcnsarm Otjituezu und die Farm Voigtland gesehen hatte, rief er ans: „Und ans diesem Lande sollte nichts werden?!"

)( Neue Kamerun-Hoffnungen. Erzfun de in Kamttun lassen die kolonialen Hoffnungen tote1, üppig ins Kraut schießen. In der Handetskamu... für Südkamerun erklärte ein Redner, er kenne Gegenden, wo Blei, Zinn, vielleicht auch Silber vorkomme, von den ungeheuren Mengen Eisenstein gar nicht zu reden. Auch ein zweiter Redner führte aus, daß im Hiuterlande von Kamerun ausgedehnte Lag:r von Edelmetallen vorhanden zu fein scheinen und bat den Gouverneur, den Regierungsgeologen recht bald nach Südkartterun zu senden. Gouverneur Ebermaier sprach sich daraufhin im Sinne einer systematischen geologischen Erforschung des Landes aus.

— «ins Baden, 9. Juli 1912. Ein interessanter Zusammen stoß erfolgte in der Budgetkommis- fino der Zweiten Kammer zwifchen dem von der Linken bisher fo vergötterten neuen Unterrichts- niinifter Dr. Boehm und der Linken, insb:fondere der Sozialdentokratie. Die Sozialdemokraten ver­langten bei Beratung der Anforderung des Nach­tragsetats für Jugendfürsorge, daß auch ben fo» zraldemokratischen Jugendvereinen vom Staate Beihilfen gewährt werden. Der Ministtt lehnte eine derartige Unterstützung von Vereinen einer Partei, die den Untsturz der Staats- nrbnung erstrebe, entschieden ab und erklärte es auch für unzulässig, daß L e h r e r die Stelle von Dirigen­ten in sozialdemokrattschen Gesangvereinen übrrneh- meit. Darob große Verblüffung beim Rotblock! Der nationalliberale Führer sprach sein Be- bauern über diese Haltung der Regierung aus!! Die Abstimmung über den Titel blieb ausgesetzt. In der folgenden Sitzung der Budgetkommiffwn wurden nun die im NachtragSctat angeforderten 1500 Mark zur Förderung der Jugendpflege gegen die Stimmen der Sozialdemokraten gmehmigt. Sie Sozialdemokraten sprachen dem Unterrichts- minister Dr. Voehut ihr vollstes Mißtrauen ans: er sei ein Klassenminister; sein Ausspruch, daß kein Lehrer Dirigent eines sozialdemokrattschen Gesangvereins sein und bei Festen leiten dürfe, fei ein Stich ins Herz für die Sozialdemokratie ge- Wesen, sie konnten sich draußen ja gar nicht mehr sehen lasten. Der Minister bli:b aber fest und er­klärte, mit offenen Karten spielen zu wollen. Die Station alliberalen und Fortschrittler versuchten ver­geblich ihren Rotblockbrüdern eine Brücke zu bauen, indem sie in der Kammer bi: weitere Forderung von 1500 Mark für Abhaltung von Spiel- und Turn- htrfen der Vorturner badischer Turnvereine mit ihneil ablehnt:n, nachdem die Regierung der Sozialdemokratie auch hier kein Plätzchen an der Stoatskripp: eröffnen wollte. In einer früheren Sitzung war diese Anforderung fchon einstimmig genehmigt gewesen. Die Liberalen versuchten ver» ?üblich in rührender Weife die ergrimmten Genos- en zu beschwichtigen. Der Fall lehrt zweierlei: Wie tark fich die Sozialdemokratie in Baden glaubt, da sie den Minister stürzen zu können hofft, der ihre Be­strebungen nicht fördern will. Und zweitens, wie wett die N a 1 i 0 n a l l i b e r a l e n im Großblock in die Abhängigkeit der Sozialdemo­kratie gekommen sind. Von der Anmaßung der Sozialdemokratie gab der Abg. Kolb in der Kammer eine schöne Probe, indem er folgendes an den Re» gierungsttsch richtete:

.Der Mimster hat gesagt, daß, solange er an seinem Platze ist, sich an dem Standpunkt der Regie­rung nichts ändert. Ta muß man eben sorgen, daß er nicht mehr Minister bleibt, und daß der­artige Leute nicht mehr Minister sein könnten.'

Diese kühne Aeußerung deS MinisterstürzerS Kolb erinnert lebhaft an eine Aeußerung deS gleichen Redners auf dem Offenburger Parteitag, wenn er dort zur Begründung der Budgetdewilli- gung meinte:

„Wir wollen die Regierung fühlen lassen, daßsi» von uns abhän gig ist; wir wollen, daß in Baden überhaupt kein» Regierung mehr denkbar ist, die nicht weitgehende Rücksichten auf die EoLiawemo- hatte nimmt.'

Unter dem Kommando dieser Element» stehe» die Nationalliberalen. Es war ein Jammer­bild, das sie in bet Kammer roieber boten. Die Nationalliberalen sind bi» gehorsamen Diener der Eozialdemokratie.

* Englisch» Flottenrevue. Das englische Par­lament stattete gestern der Flotte in dem Hafen von Spiihead einen offiziellen Besuch ab. 239 Krieg», fdjtffe aller Art präsentierten fich in einer Länge von beinahe 60 Kilometern den Parlamentsmitglie­dern. Die gesamte Preffe weist mit Stolz auf das imponierende Schauspiel hin, verschließt aber teilte»- Wegs die Augen vor der Tatsache, daß diese An- sammlung nur durch die Entblößung anderer Meere von brittschen Schiffen ermöglicht wurde.

♦* Tie Gegenrevolution in Portugal ist, wenn man den Angaben der portugiesischen Regierung Glauben schenken darf, gescheitert. Immerhin spricht für den Ernst der Kämpfe, die die pottu- giefisch» Republik gegen die Royalisten zu führen hat, bet Umstand, baß bie Regierung ermächtigt werden soll, ersorderlichenfallS den jrriegSzustand zu erklären unb die Verfaffungsrechte aufzuheben. In Stadt und Bqirk Vianno do Castello, bie an der spanischen Grenz» liegen, ist bereits bie Vermattung dem Militärkommandanten unterstellt worden, nach» Hu dem Kursus bi» »um la. Auauit 1911 an