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»KtaTsSo- wochk»»-var« „Alluftrieüe Sonntagszeitung"

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MsnatrbeAage: „Luldaer Eeschichtrblätter"

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Sotationsvruck 1. Verlag der lalbeet SeiiendrnSerei IZulU Lerusprecher llr. t

Erstes Blatt

152.

Fulda, Samstag den 6. Juli 1912.

39. Jahrgang. -

ein von

Die Obstruktion ist eine zweischneidige Waffe. Tie mißlungene Obstruktion ist aber (ebenso wie eine mißlungene Revolution) immer als "" Fehlgriff zu bezeichnen, wenn man auch der Frage der Crlaubcheit absehen tz-ill.

riedigendes Entgegenkommen

rage die Wehrvorlagen hätte sichern können, er- cheint unS nicht ganz zweifellos. Zugestandener­maßen saßen in der Mehrheit zahlreiche und rück­sichtslose Gegner der Wahlreform. Hätte sich nun die Regierung auf den Standpunkt des Herrn Iusth gestellt, fo würde sie es mit Tisza und bestem Anhang verdorben haben; sie hätte ihre eigene

vom 25. Juni 1912), Organ der Freisinnigen Graubündens. Das liberale schweizerische Blatt bemerkte dazu, der gewandte Referent habe die mit Spannung aufgenommene Frage in V/tflünbigem Bortrage erörtert. — Halt Bauer, das ist etwas anderes, wenn ein fortschrittlicher Parier solche Thesen aufstellt! Die Thesen des proteskax« tischen fortschrittlichen Pfarrers, welche die Ideale des „Ultramontanismus" in Reinkultur darstellcn sollen, zeugen fast durchweg von logischem Denken. Das mag der Grund sein, warum die liberale Puffe das Erzeugnis weit von sich wies und nicht erkannte, daß es von einem freisinnigen protestantischen Pastor stammte. Der Hercinfall ist um so köstlicher: Denken Rebensache, Geschrei Hauptsache!

** Zur Frage des Frauenstimmrcchis. Das Leip­ziger Tageblatt' hat eine der in neuerer Zeil sehr beliebten Umfragen losgelassen, und zwar über die Frage des Frauenstima rechts. Im ganzen sind solche Umfragen" zwar ziemlich wertlos; die Aus­kunft, die die Kammersängerin Frieda Hempel gegeben hat, ist aber so hübsch, daß wir sie hier wiedergeben. Sie lautet:

„Ich fühle so gar keinen Drang in mir nach poli- rischer Betätigung, und deshalb fällt mir Tre Formu­lierung meiner persönlichen — und absolut nnmaß» geblichen — Meinung über Ihre Rundfrage bett. Frauenstimmrecht sehr schwer. Der Frau stehen heute so viele Berufe offen — und das mit Recht — dah sich eigentlich eine jede nach Wahl und Geschmack genügend engagieren kann, wenn sie schon an dem eigentlichen Frauenberuf: rn Haus und Familie, keine Freude hat. Aber — die Frau im Parlament — ein entsetzlicher Gedanke! Das Ißnnle hübsch werden! Schon der Wahlakt müßte niedlich aus­fallen. — Wenn die Frauen aber schließlich dieselben Rechte verlangen, wie der Mann sie nun schon mal hat, müßten sie doch logischerweise auch die Pflichten übernehmen — also z. B. auch Soldat weroen. Da­für soll sich aber plötzlich das Gemis nicht eignen. Freilich, mit Worten läßt sich trefflich streiten, aber die Waffe ist zu unhandlich für das Weibchen — die Zunge ist leichter zu „handhaben". — Nein, nach meinem Geschmack, ist diese äußerste Tendenz der Frauen- emanzipation nicht. Die paar Tausend, die sich zur volittschen Betätigung „berufen" sühlen, werden kein Naturgesetz umstoßen. Und wenn erst der Rechte kommt, werden die meisten Politikerinnen froh fein, wenn sie ihre Stimme an den Mann abgeben dürfen. Und schließlich gibt in dem ganzen Streit die Mutter Natur den Ausschlag: die sorgt schon dafür, daß die Henne auch fürderhin gackert und nicht kräht! Hochachtungsvoll Frieda Hempel."

** Der Sprachverein als Gefetzestextrevisor. Ein nachahmungswertes Beispiel scheint die W a s- sergesetzkommission des preußischen Abge­ordnetenhauses geben zu wollen, ine soeben die erste Lesung des Gesetzes erledigt hat. Infolge der vre- len und verwickelteil Aenderungen an dem Entwurf besteht in der Kommission eine Stimmung dafür, den Allgemeinen Deutschen Sprachverein mit einer Durchsicht des Entwurfs in der Kommis­sionsfassung zu betrauen. Hoffentlich bleibt es nicht bei der „Stimmung", sondern wird auch darnach verfahren. Die so wünschenswerte Verbreitung der Gesetzeskcnntnis im Laienpubliknm kann nur g> lvinnen, wenn die parlamentarischen Körperschaften des Reiches und der Einzelstaaten recht häufig den Sprachverein mit der Durchsicht der Gesetzestexte be­trauen. Schade nur, daß die Herren Gesetzgeber nicht schon früher auf diese gute Idee gekommen sind.

* Die Fronleichnamsprozefsion in Deutchland und — in der Türkei. Eine Notiz der liberalen „Soin. Ztg.", die in der Rubrik „Italienisch-türkischer, Krieg" versteckt ist, berichtet folgendes:

„Konstantinopel, 11. Juni 1912. Soweit bis jetzt die Meldungen reichen, ist Die sonntägliche Frvnleich« namsprozession, die in der ganzen Türkei unter dem Schutz türkischer Truppen stattfindet und an der in Konstantinopel und den Bororten viele noch hier gebliebeneJtaliener teingenommen haben,nirgends zestörk worden."

Also in der ganzen Türkei findet die Fronleich- namsprozefswn statt, und zwar unter dem Schutze der türkischen Truppen. Sogar der Fanatismus der Muselmänner hat kein Bedenken dagegen, daß die Prozession stattfindet. Damit vergleiche man die Be­handlung, welche im zivilisierten Westeuropa der Fronleichnamsprozession sogar in überwiegend ka- 'tholischen Städten zuteil wird. Genieren sich denn diese Stadtbehövdeu nicht vor der Weitherzigkeit und Toleranz der Türken? Wollen sie sich wirklich noch länger von den Muselmännern in bezug auf Tole- rau'z beschämen lasten?

*!Su5 Nassau,4. Juli 1912. Hebet Simultani- sierungsbe streb ungu in Nassau berichtet der /Nassauer Bote':

Berechtigtes Befremden hat weit über die Grenzen unseres Nassauer Landes hinaus im Frühjahre dieses JahreS der Beschluß des Wtesbaveuer Kommunal­landtages erregt: eine Erziehungsanstatt für die schulentlassenen männlichen Fürsorgezöglinge des Regierungsbezirk? Wiesbaden zu errichten unter Aus­schaltung de? konfessionellen Charakters, obschon der Wortlaut des diesbezüglichen Gesetzes vom 2. Juli 1900 sowie die zugehörigen AuSführungsbe- stünmung-n vom 18. Dezember desselben Jahres die konfessionelle Fürsorgeerziehung vorschreiben. Die Kommunalverwaltung hmte in ihrer Vorlage an den Kommunallandtag eine katholische Anstatt für den Regierungsbezirk als dringlich bewiesen und verlangt. Der Finanzausschuß des Kommunavandtages merzte diese Darlegungen aber aus mit. der Begründung, baS nassaui Ich,» Volk wolle keine konfefsionelle Lehranstalten.' Er stellte an daS Plenum einen Antrag — und das Plenum stimmte ohne Gegenrede zn — der vahin zielt, von dem Minister zu verlangen, er solle für Nassau eine Ausnahme von der gesetzlichen Norm machen und ein Institut schaffen helfen, wodurch es in Zukunft in Nastau nicht möglich werde, die Fürsorge- erztehung an den fchulentlaffenen Zöglingen konfessionell zu gestalten. Diese befremdliche Haltung deS Kom- munallandiages wird verständlich, wenn man die Zu­sammensetzung dieses Parlaments ins Auge faßt. Bon den 70 Abgeordneten sind 23 Frankfurter. Ob dies» berufe» sind, als Nassauer zu sprechen, erscheint sehr fraglich. Frankfurt hat nie W Nassau gehört und stets nicht Nassauer, sondern ei^niter Allüren gehabt. Der Nassauer im

et »albe, an der Lahn und im Taunus, der an seinem evanaelitchen oder katholisch«» christlichen Be­

scher und Großfürst Nikolaus ließen sich schließlich gemeinsam mit dem Regiment photographie­ren. Auf dem Rückwege besichtigten sie die Festungs- wälle. Gegen 12 Uhr begaben sich Kaiser Wilhelm, Kaiser Nikolaus, der Reichskanzler und Prinz Adal­bert mit den Umgebungen auf die „Standart", wo Frühstückstafel stattfand.

W Baltischport, 5. Juli 1912. Der Kaiser hat eine große Menge Ordensauszeichnungen verliehen, darunter dem Ministerpräsidenten Ko­kowzew den Schwarzen Adlerorden und dem Mini­ster des Aeußern Sasanow den Verdienstorden der preußischen Krone.

* Petersburg, 5, Juli 1912. Zu Ehren des am Sonntag hier eintreffenden deutschen Reichs- k a n z l e rs gibt der Ministerpräsident Kokowzew ein Galadiner, zu dem auch der deutsche Botschafter und die Herren der Botschaft eingeladen wurden. Sasanow läßt Einladungen zu einem Frühstück er­gehen.

* Berlin, 5. Juli 1912. Staatssekretär Tr. Delbrück und Handelsmintster Dr. Sydow be­reisen zurzeit den südweftdeutschen Judustriebezirk. — Auf Grund von Erkuudianngen teilt ein Kieler Blatt mit, daß alle Gerüchte über eine Verlobung des Prinzen Adalbert von P rußen mit Der Groß­fürstin Olga Nikolajewna, Der ältesten Tochter des Zaren, unrichtig feien. An maßgebender Stelle ist hiervon nichts bekannt. — Der Erbprinz rmd die Erbprinzessin von Sachsen-Meimngen und Prinz Friedrich Karl v^n Preußen find in Stockholm ein­getroffen und vom König, der Königin, dem Kron- pnnzenpaar und dem deutschen Gesandten empfangen worden.

— Ei» kolonialer Nachtragsetat. Die Beratun­gen der Kougo-Kamerunkonferenz dürften bald be­endigt sein, und im Herbst wird die deutsche Erpe- dition zur Festsetzung der neuen Kamerun- grenze mit der französischen Expedition zusam- mentrcffen, um die Abgrenzung zwischen dem deut­schen und französischen Kongogebiets vorzunehmen. Um die Kosten der deutschen Expedition zu bestrei­ten, wird dem Reichstage bei seinem Wiederzusam­mentritt ein kolonialer Ncichtragsetcck in der Höhe von y2 Million Mark zugeben. Die französische Kammer hat zu diesem Zwecke bereits eine halbe Million Franks bewilligt. Angesichts der Schwie­rigkeiten der Abgrenzungsarbeiteri dürften voraus­sichtlich mehrere Expeditionen aitSgcfanbt werden.

(*) Vorläufig keine Abänderung des Ziv'lprozeß. uud KoukursrechtZ. Zu der von vielen Seiten als wünschenswert erachteten Abänderung des Zivil- prozeßrechts hört die ,Post', baß das zuständige Reichsamt Vorarbeiten in Angriff genommen hat. Da dies zu bearbeitende Gebiet außerordentlich viel­seitig ist und es zudem geraten erscheint, auch die Erfahrungen abzuwarlen, die mit den bisherigen Abänderungen des Zivilrechts gemacht werden, so dürste geraume Zeit vergehen, ehe eine allgemeine Abänderung der Zivilprozeßordnung den gesetz­gebenden Körperschaften zugehen kann. Bor der Verabschiedung des materielle Strasrechts und der Strafprozeßresorm wird daran nicht gedacht werden können. Aehnlich dürfte die Sachlage bezüglich einer Abänderung der Konkursordnung sein, deren Reformbedürftigkeil ebenfalls nicht zu bestreiten iit.

*♦ Wege« Errichtung von Gastwirtskümmern hatte, wie wir niitgeteilt haben, der Reichsverband deutscher Gastwirte an den Reichstag eine Petition gerichtet, die von der Kommission "am 13. März d. I. dem Reichskanzler zur Kenntisnahme über­wiesen wurde. Auf ein an diesen gesandtes Gesuch sand dieser Tage im Reichsamt des Innern eine Beprechung statt, bei der sich Geheimrat Landmann von den Verbandsvorsitzenden Pingel (Berlin) und Kämpf (Leipzig) die Wünsche der Gastwirte Vorträ­gen ließ. Als Ergebnis biefzr Konferenz weiß der Berliner Lokalanzeiger zu melden, daß der Dezer­nent das in der Petition beigebrachte Material als nicht erschöpfend bezeichnete und dem Reichsverband aufgegeben wurde, eine erneute und genügend be­gründete Petition einzureichen.

** ,Miuftler--Emjährige". Die Borausfetzungen über die Erlangung der Berechtigung zum einjäh- rig-ftciwilligcn Militärdienst auf Grund hervorra­gender künstlrrifcher oder gewerblicher Leistungen soll nunmehr einheitlich geregelt werden. Das Krieasministerium verhandelt darüber mit den letz­ten Instanzen.

* Gegen das Mischlingswesen in den Kolonien geht man jetzt in „Südwest" mit lokalen Verordnun­gen vor. So führt dort eine Verordnung die An­zeigepflicht für die Geburt eines Halbweißen Kindes ein und verlangt dabei gleichzeitig nähere Angaben über die persönlichen Vechältniffe. In dem § 3 die­ser Verordnung heißt es sodann: „Wird durch das uneheliche Zusammenleben eines Nichteingeborenen mit einer Eingeborenen öffentliches Aergernis er­regt, so kann die Polizei die Trennung verlangen und nach fruchtlosem Ablmrf einer Frist die Tren­nung erzwingen."

— Einen gelungenen Streich hat bw Augsburger .Postzeitung" der Rotblockprcsfe gespielt. Das Zentrumsorgan hatte neun Thesen über das Tbema Geistlichkeit, Politik und Presse veröffent- licht, in denen die Auffaffung vertreten war,

Pfarrer, Politik und Presse gehörten viel enger zusammen, als gemeinhin angenommen wirb. Religion unb Politik sollen die eine der anderen dienen. Der politffche Pfarrer sei eine röt Interesse des Staates unb der Kirche kiesende Forderung. Ihm müsse die Politik mehr als bloße Nedendeschästigung sein usw.

Die ÄugSburger.Postzeitung" äußerte sich nicht weiter zu diesen Thesen. Unb nun ging eine Flut­welle bet Entrüstung durch die liberale und tote Presse. Es waren die reinsten Kanouenschläge, die losgetassen wurdeu nebst nachfolgendem Brillant« seuerwerk. Nunmehr teilt bit „Augsburger Post« zeitung" mit, daß eS die Thesen deS Protest an- tischen PfarrerS H. Roffler in Vicoseprcmo (Schweiz) sind, die dieser auf der evangelisch-räckschen Synode 1912 vertreten hat. Veröffentlicht wurde« sie von der Zeitung .Der frei« Rätier" (Nr. 146

Wünschen.

Die Ansicht, daß die Negierung durch ein be- riedigende? Entgegenkommen in bei Wahlrechts.

deutsches Reich.

Die Begegnung in Baltischport.

W Bsllifchh>rt, 5. Juli 1912. Der heutige Paradetag ist von herrlichem Wetter begünstigt. Das Städtchen prangt in reichstem Flaggen- und G:r- latwenschmuck und bittet an der leicht gekräuselten tiefblauen See ein reizendes Bild. Von allen Sei­ten ist die Landbevölkerung der Umgegend herbei­geeilt.

Der Kaiser empfing heute morgen den Groß­fürsten Nikolaus Nikolajewitsch in dessen Eigenschaft als Besehlshaber des Petersburger Militärdistrikts. Gegen 10 Uhr holte der Zar den Kaiser von der „Hohenzollern" ab. Die Monarchen begaben sich an Land zur Besichtigung des 85. Jrrfanterieregi- wertts in Wvborg. Die Majestäten schritten unter den Klänge» der deutschen Hymne die Front der Ehrenwache ab und nahmen einen Vorbeimarsch entgegen. Auf dem Paradeplatz folgte dann nach Abschrecken der Front die Besichtigung des Regiments Wyborg. Kaiser Wilhelm dankte den Truppen in rusiischer Sprache. Dan» brachte ~er./> ein Hurra auf Kaiser Wilhelm auS, dann Kotier Wilhelm ein Hurra auf Kaiser Nikolaus. Dieser dankte den Truppen. Dir Parade hatte einen ßlflitienbcn Verlauf genommen. Die beiden Herr«

Mchrheit zersplittert und sich der Gefahr einer O b­struktion von rechts ausgesetzt. Ob die R e- gierung gut oder schlecht gehandelt hat, kann aber dahingestellt bleiben; nachdem die Regierung sich geweigert hatte, die Wehrvorlagen durch Zuge­ständnisse auf dem Wahlrechtsgebiete zu erkaufen, hätte die Opposition mit dieser Tatsache rechnen und sich fragen muffen, ob nicht die fortgesetzte Ob- rcuktion anstatt des erhofften Vorteils nur Scho­en bringen werde.

Allzu scharf macht schartig, und blinder Eifer schadet nur. Die Erfahrungsweisheit, die in diesen knutschen Sprichwörtern steckt, wird auch wohl in Ungarn heimatsberechtigt sein. Wir glauben, daß der' guten Sache der Wahlreform besser vorgear­beitet worden wäre, wenn die kacholische Volks- Partei und die sonstigen besonnenen Elemente der Minderheit sich nicht von Jnsth hätten ins Schlepp­tau nehmen lassen, sondern durch freie Zustini- mung zur Heeresresorm ihren patriotischen Geist und chre politische Leistungsfähigkeit vor aller Welt, «nd namentlich auch vor ihren zisleichanischen Reichsgenosien uud der höchsten Stelle im Reiche glänzend bewährt hätten.

X Bei den parlamentarischen Kämpfen in Ungarn

war für uns deutsche Zuschauer besonders auffal­lend, daß auch Mitglieder der katholischen Volkspartei sich an der Obstruktion gegen die Wehrvorlagen beteiligten.

Einer von diesen Herren gibt jetzt in der deut­schen Presse eine Erklärung und Verteidigung dieses Verhaltens. Seine Ausführungen lassen sich kurz dahin zusammenfassen:

Da« befteljenoe Wahlrecht in Ungarn ist ganz jämmerlich, unb das Wahlversahren ist lauter Bestechung und Betrügerei. Die Wahlreform ist eine schreiende Notwendigkeit, und das Volk hat um so mehr Anrecht darauf, als sie ihm feierlich versprochen worden ist. Daher die Forderung der Oppofition, daß vor Erledigung der HeereSsorderungen eine Gewähr für die Wahlreform gegeben werde. Dte Regierung hätte eine friedliche Losung der Schtvierigleit erreichen können, wenn sie sich nur zu einer wichen Gewähr verstanden hätte. Aber Stefan Tisza, der unerbitt­liche Gegner der Wahlreform, hintertrieb jedes Enl- aegentommen und riß die Regierung mit sich fort au] Den Weg der Gewalt.

Wenn wir als unparteiische Zuschauer über die­ses Denken und Streben der katholischen Volks­partei unser Urteil abgeben sollen, so können wir kurz sagen: Der Zweck war gut, sehr gut; aber das Mittel war nicht gut.'

Daß die Wahlreform dringend notwendig ist, darüber besteht kein Zweifel. Es fragt sich nun, ob die parlamentarische Minderheit die W e h r - Vorlagen als Zwangsmittel benutzen durste.

Die Obstruktion bedeutet immer einen Ver­such der Erpressung, der Vergewaltigung der Mehrheit durch eine Minderheit. Ob jede Ob­struktion grundsätzlich unbedingt zu verwerfen ist, oder ob sie zu lässig sein kann im Falle der Not­wehr gegen einen schweren Mißbrauch der Mehr­heitsmacht, das mag dahingestellt bleiben. Im vor­liegenden Fall handelt es ssch nicht um einen sol­chen Mißbrauch der breche» und des Rechtes, son­dern einfach um die Wehrfähigkeit des Reiches. Was die Wehrvorlagen anstrebten, war eine Staatsnotwendigkeit im vollsten Sinne dieses Wortes. Die Wehrfähigkeit des Vater­landes ist ein so überragendes Interesse, daß man es nicht um andere Interessen willen aufs Spiel setzen darf.

Ferner fällt ins Gewicht, daß die Heeresresorm die ganze habsburgische Monarchie Äbte Wahlreform aber nur eine innere All­heit des ungarischen Staates bildet. Die Ungarn dürfen nicht das Ganze leiden lassen unter chren besonderen Sorgen und

Ruslan fr.

♦* Der Erbverzicht des österreichischen Thronfolge es.

Die ungarische» Oppositionspolrtiker mache,! dir schwierigsten Sachen. Um dnn Hof, namentlich dem Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, eins auszuwischen, finden und erfinden sie die unwahr­scheinlichsten Singe. Als der (inzwischen verstor- bene) Baron Banfsy, einer der listigsten und be­denkenlosesten unter den ungarischen Politikern, dem Wiener Hofe aus Rache ein Aergernis bereiten wollte, ließ er hinterrücks eine Broschüre drucken, worin nichts geringeres enthalten war, als >rin Angebot an den Prinzen Eitel Friedrich von Preu- ßen, sich die ungarische Krone aufs Haup-t zu fetzen. Niemand nahm die Flugschrift ernst, aber chre Ab­sicht, dem Wiener Hof; Nadelstiche zn versetzen, er­reichte sie. Aehnlich wird es sich wohl mit neueren' Meldungen eines ungarischen Blattes verhalten, die womöglich die ganze Familie der Habsburger gegen den Erzherzog Franz Ferdinand, den in Ungarn bestgehaßten Mann, in Harnisch bringen sollen. Nach diesen Meldungen, die angeblich aus Kreisen bei hohen Klerus stammen sollen, soll der Erzherzog- Thronfolgers beim Vatikan bett Berfuch unternom­men haben, daß er seines Eides entbunden werde, durch den er dem Habsburgischen Hansgefetz gemäß vor feiner Vermählung mit der Gräfin Cho-tek auf das Thronfolgerecht der diesxr Ehe entfprossenden Kinder verzichtet hat. Bei dem Vatikan sei bisher nichts erreicht worden, in erster Linie, weil bet Monarch entschieden gegen eine Abänderung der Thronfolgeordnung sei. Um rine Verstimmung deS Vatikans zu vermeiden, habe der Thronfolger auch an dem Bestich des deutschen Kaisers in Venedig nicht teilgenommen

Aehnliche Meldungen sind schon öfter aufge- taucht, aber bisher jedesmal energisch bestritten worden. Auch die neuen Meldungen verdienen we­nig Glauben. Der Erzherzog hat wiederholt zu er­kennen gegeben, daß er an keine Revision jenes be­deutsamen Staatsaktes denke, trotzdem int ungari­schen Parlament erklärt worden ist, die Ungarn seien an ihn nicht gebunden.

* Als „gebildete Menschen" zeigten sich am Don­nerstag abend wieder in Wien die Herren Parla- mentorirr. Es gab nämlich am Schlüsse der Sitzung des Abgeordnetenhauses wieder einmal eine r i ch- tiqe Prügelei. Der sozialdemokratische Abg. Seitz beantragte, daß das Epidemiegesetz noch auf die Tagesordnung dieser Tagung gestellt werde, wo- gegen aber alle anderen Parteien, die Ruthenen eingefchlvssen, Einspruch erhoben. Darob ergrimm­ten die Sozialdemokraten, machten einen Riesenspek­takel, und der polnische Sozialist Reger rief den Rnthenen zu: „Polnische Schweine!"_ Da erhob sich wtenbleichen Angesichts der ruthenifche Abg. Pe- triszkyi, von seinem Sitze, stürzte sich auf Reger, bett er mit festem Griff packte und zu Boden schleu­derte. Petriszkyi ist ein herkulisch gebauter Mann, und er hätte Reger zweifellos erschlagen, wenn nicht andere Abgeordnete, darunter besonders Wedra vom Deutschen Nationalverbande, den Ruthenen _ mit vieler Mühe von seinem Opfer weggeriffen hätten. Unter furchtbarem Lärm und gegenseitigen Be­schimpfungen schloß die Sitzung.

♦* „Dir Streiket darben, die Streikführer prassen." Unter dieser Urberschrifl bringt die „Schweizerisch« Bürger-Zeitung', Zürich, in Nr. 145 die Schilderung einer Vorfalles, der zu denken gibt. DaS Schweizer Blatt, dem natürlich bie Verantwortung für btt Wahrheit seiner Mitteilung überlassen werde» nmß, schreibt wörtlich:

Mr. Be« littet, der Führt« bei englisch»» Deckard »ittrüretkL. diniert» am Mrmtaa abeab

kenntnisse jesihält und die Schute seines Dorfes fast nut als entweder katholische oder evangelische kennt, ver­bittet sich die „nassauische" Wottführerschast der Fraukfurter Liberale» und Sozialdemokralen im Wicte badener Kommunallandiage; es berührt ihn Der Ver­such gerade;u nuangen hm, sein Nassau mit dem völlig anders denkenden Frankfurt in einen Topf zu w.rsen. Zu diesen 23 Frankfurter Liberalen und Soüaldrmo- kralen stellen die Kreise Höchst, Wiesbaden-Land und «Stabt 13 Abgeordnete für den Kommunallandtag. Diele vier Kreise im äußersten Südosten des Bezirks beherrschen also mit sicherer Mehrheit den Kommunal« latidtag. Es ist aber abzulehnen, wenn diese Kreise als die Vertretung Nassaus austreten wollen. Ti» meisten der dort in den letzten Jahrzehnten angehäusten stark sozialdemokratisch durchseuchten Massen sind hüte Nassauer. Ihre Vertreter beim Kommunal! andlag« wohl auch mchl. Eigentümlich mutet es an, aus einem |o zusauimengeietzlen Parlamente ein Urteil über da» Empfinden des „nassauischen Volkes" zu bo-cu; nicht verwunderlich aber ist es, wenn diese? Urteil weit neben dte Wirklichkeit iällt.

c? Darmstadt, 5. Juli 1912. In der Fortsetzung der Beratung der hessischen Besoldungsreform er­ledigte heute die Zwecke Kammer den wichtigen Ge­setzentwurf über die Tilgung derStaats- schuld. Das Gesetz wurde mit ermäßigten Til- gungsfätzen verabschiedet, obschon auch hier, wie bei der Besoldungsreform, sich ein Widerspruch der Regierung gegen die Mehrheit dos Finanzaus­schusses geltend machte. Verschiedene Redner bet« traten dabei den Standpunkt, daß als ein Vorzug des Gesetzes unter allen Umständen die dauernde Festlegung der Tilgung zu gelten habe und daß man mangels verfügbarer Mittel sich mit einer be­scheidenen Tilgung begnügen müsse. Gegen bie Stimmen bes Bauernbundes uud der Sozialdemo­kraten trat das Haus dann den Vorschlägen dcs Finanzauschusses bei. (Die Regierung-Vorlage ver­langt, daß vom 1. April 1912 ab die Staatsschuld und die Eifenbahnfchuld aus den Reineinnahmen der Landes- und der Eisenbahneinnahmen getilgt werden sollen. Die Teilnngsguvte soll % Prozent des Nennbetrags der Eifenbahnschuld und 1 Pro­zent der sonstigen Schulden betragen. Der Finanz­ausschuß fordert dagegen eine Herabsetzung der Til­gungsquote für die Eifenbahnschuld auf % Pro- zent und auf % Prozent der sonstigen Schulden und Beginn der Schuldentilgung am 1. April 1913-1