Maer W Zeitung
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Erstes Blatt. (»«
39. Jahrgang
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= Der Konvent von Baltimore.
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x:c.^ Fulda, Montag den 1. Juli 1912.
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dan; späterhin feststellte, er dürfe während seiner Amtsführung des Großsiegelbewahrers und Lordkanzlers einer alten und Gesetz gewordenen Tra- dition gemäß tatsächlich England nicht verlassen.
* Von Friedenswünschen der Türkei war in den letzten Tagen die Rede. Gegen diese Gerüchte wendet sich nun das Blatt der Jungtürken, der „Tanin". Die Gerüchte würden von Feindesseite und der Türkei bös gesinnten Leuten aufgebracht, die den Zweck verfolgten, die Türkei als zur Fortsetzung des Krieges ohnmächtig hinzustellen. Die Haltung der Pforte habe sich nicht geändert. Dies sei auch jüngst vom Minister des Aeußeren den Bot- schaftern mitgeteilt worden. Auch die Gerüchte von einem Vermittelungsvorschlag, der sich insbesondere an längere Besprechungen knüpfte, die zwischen den Botschaftern Frankreichs und Rußlands und dem Minister des Aeußeren stattgefunden hatten, werden vom „Tanin" als unbegründet bezeichnet. Der Minister des Aeußeren stehe jedem derartigen Schritte fern.
* Die Militärrevolte in Albanien, deren Ziel die Schwächung der jungtürkischen Partei ist, hält die Pforte in angstvoller Spannung. Bon Albanien ging vor fast vier Jahren die Bewegung aus, die Abdul Hamid um seinen Thron brachte und der Türkei eine Verfassung schuf. Auch jetzt liegt, wie damals, der Kern der Bewegung bei den Offizieren, bei denen die zentralistisch-nationaliftische Richtung
Aus ttirche und Schule.
f Fulda, 1. Juli 1912. Der Hochw. Herr Bischof hat dem Psarrverweser Herrn Georg Adam Rhiel von heute ab die Pfarrei Gersfeld kanonisch verliehen.
W-. Brcslan, 29. Juni 1912. Nach geglückter Blinddarmoperation ist Kardinal Kopp nach seiner Sommerresidenz Schloß Johannesberg bei Jauernigk in Oesterreichisch-Schlesten übergesiedelt. Er hat die Reise gut überstanden. Sein Befinden ist den Umständen nach gut.
Ausland.
** Wiederum schlechtes Pulver? Nach einer Blättermeldung aus Toulon hat die zur Untersuchung der Katastrophe auf dem Panzerkreuzer Jules Michelet eingesetzte Kommission ermittelt, daß oaS bei den Schießübungen verwendete Pulver desselben Ursprungs sei, wie di, seinerzeit dem Kreuzer , gelieferte Pulversorte, die auf Befehl de- Admirals BouS de Lapeyrdre ausgeschifft worden war. Diese Feststellung hat großes Aussehen erregt. Sie zeigt, mit schon früher viele ähnliche Vorgänge, wie groß die Bummelei in der Verwaltung des Herrn Delta fst ist. Man hat anstelle des als höchst gefährlich erkannten und deshalb schleunigst entfernten Pulvers solche- genau derselben Sorte auf die Schiffe ge
Lokaler.
Fulda, den 1. Juli 1912.
VRC. Das Fuldaer Ortsstatut über die Erhebung von Kanalbeiträgen
ist am 28. Juni, wie wir noch in einem großen Teile der Freitagsausgabe unseren Lesern mitteilen konnten, vom Oberverwaltungsgericht in Berlin für ungiltig erklärt worden. Das ist der AuSgang einer Reihe von Verwaltungsstreitverfahren, in denen dem Magistrat zu Fulda vier Parteien (eine Anzahl von Prozessen schweben noch) gegen- überstanden mit dem Anträge, von den geforderten Kanalbeiträgen wegen Ungittigkeit des Ortsrechtes freigestellt zu werden. Di« dem Prozeß zugrundeliegenden Tatsachen find folgende:
Die Kanalisation ist im Jahr« 1902 begonnen und mit einem Kostenaufwand« von^über andert
des Jungtürken-Regimes schon lange Unzufriedenheit erzeugt hat. Nun kommt der Widerstand in einem Augenblick zum Ausbruch, in dem die Vst durch den Krieg mit Italien beschäftigt, du inneren Wirren fast machtlos gegenübersteht. Wie die Dinge sich gestalten werden, läßt sich vorläufig nicht übersehen. Offenbar ist man in Konstantinopel noch völlig unentschieden. Für Samstag war die Kammer zu einer außerordentlichen Sitzung einberufen worden, um wichtige Mitteilungen der Regierung entgegenzunehmen. Es wurde der Kammer ein Gesetzentwurf vorgelegt, durch welchen den Offizieren unter schweren Strafen untersagt wird, sich politisch zu betätigen. Die Kammer beschloß di« Dringlichkeit des Entwurfs. Dieser wurde alsdann einem Ausschüsse überwiesen, der ihn am Montag der Kammer wieder vorzulegen hat. — Die Unterhandlungen in M o n a st i r über die Rückkehr der Meuterer sind bisher ergebnislos geblieben. Die Meuterer bestehen darauf, daß die mißliebigen Minister entfernt werden. Der Kriegsminister soll geneigt sein, für den Erlaß eines Jrade, betr. di« Amnestie der Meuterer zu wirken, falls die Offiziere verfprechen, der politischen Betätigung zu entsagen unb an ihre Rückkehr keinerlei Bedingungen knüpfen.
was komme.
Die Vorgänge in Baltimore werden jetzt in Amerika mit noch größerer Spannung verfolg al- die Chicagger Ereignisse der vorvorigen Doch«. Tausende standen trotz sengender Hitze vor den Zeitungen, wo die Depeschen angeschlagen wurden«
halb Millionen Mark durchgeführt worden- 1909 wurde der Bau beendet. Im Jahre 1908 beschlossen di« städtischen Körperschaften ein OrtS- statut, in dem bestimmt.wurde, daß V» der Bau« summe, die der Kanal verschlingen werde, durch Beiträge der Grundstückseigentümer gedeckt werden solle, und zwar solle als Maßstab der gemein« Wert der Grundstücke dienen. Die Höh« der Summe konnte damals natürlich noch nicht berechnet werden. Das Statut sand di« Genehmigung bei Bezirksausschusses. Als nun im Jahre 1909 dl« Kanalisation fertiggestellt war, faßten die städtischen Körperschaften einen Beschluß, wonach von der nunmehr feststehenden Bausumme in Höh* «on 1626000 Mark V« durch Beiträge der Grundstückseigentümer gedeckt werden sollten. Mit der Erhebung sollte alsbald begonnen werden. Gegen diesen Beschluß erhoben zahlreiche Hauseigentümer Einspruch, insbesondere machten sie geltend, daß für di« Erhebung von Beiträgen der gemeine Wert kein geeigneter Wert sei. Der Bezirksausschuß roiel die gegen den Beschluß erhobenen Einwendungen, und der Provinzialrat die Beschwerde der Beteiligten gegen den Beschluß des BezirlsauSschusses zurück.
Nunmehr zog der Magistrat dir Grundstückseigentümer zu Kanalbeiträgen auf Grund der Beschlusses vom 8. März 1909 heran und gegen dies« Heranziehung erhoben die Parteien Klage mit dem Antrag« auf Freistellung. Der Bezirksausschuß wies sie ab und der II. Senat des Oberverwaltungsgerichtes hatte jetzt Über dir Revision der Kläger zu erkennen. -Der Senat hob dir Ent« scheidung des BezirksausschuffrS auf und stellt« die Kläger von den geforderten Kanalbeiträgen frei, weil daS Ortsrecht, das dir Grundlage für die Heranziehung bilde, nicht für giltig erachtet werden könne. Den städtischen Behörden sei — wft übrigens vielen Gemeinden — der Umstand verhängnisvoll geworden, daß sie versucht hätte«, daß Ortsrecht in zwei Teilen zu erlaffen. DaSOrtS« statut von 1906 habe bereits alles festgelegt, wal in Betracht komme, vorbehaltlich der Festsetzung de« Bausumme durch di« Stadtverordneten. DaS Ortsl statut sei genehmigt worden, nachdem nach de« formellen Vorschriften der 8 9 deS Kommunab abgabengesetzeS verfahren war.
Nun habe man im Jahr« 1909 den Beschluß gefaßt, der di« Grundlage für die jetzig« Heran« ziehung gebildet hab«. Dieser Beschluß stell« sich als ein Teil des OrtSstatutS von 1906 dar, in dem lediglich über di« Ausführungen eine« damaligen ortsstatutarischen Bestimmung ein« Anordnung getroffen werden sollt«. Auch für diesen Beschluß hätte man die formellen Vorschrift«» deS 8 9 bei KommunalabgabengefetzeS beobachten müssen. Dit Genehmigung beS Beschlusses sä zwar ben Interessenten in der ortsüblichen Weise bekannt gemacht worden, aber
in der Bekanntgabe hab« «S an einem genügend deutlichen Hinweis auf de» Inhalt deS Beschlusses von 1909 gefehlt.
Leser hätten darüber Zweifel haben können, ob bei Beschluß von 1909 oder das Ortsrecht von 1906 gemeint sei. Dieser Mangel habe die Ungiltigkeit deS Ortsrechtes nach sich ziehen müssen.
Auch hab« bei Senat Bedenken gehabt gegen di« Art und Weise, wie die genehmigende Behörde di« Frag« geprüft habe, ob der Maßstab bei gemeinen Wertes im vorliegenden Falle angemessen unb zweckmäßig sei. Sie hab« sich lediglich auf die Prüfung der Frag« beschränkt, ob der Maßstab des gemeinen Wertes für bi« Bemessung der Kanab beitrage zulässig sei. Und daS genüg« nicht. Wenn nicht bet andere Grund den Senat zu dq Ueberzeugung gebracht hätte, daß das OrtSrecW ungiltig sei, wurde ihn möglicherweise der letzter« Grund zu dem selben Ergebnis geführt haben.
D Elektrizitätswerk. Am Freitag früh ist auf dem Hodes'schen Grundstück gegenüber der GaSfabru mit den Fundamentierungsarbetten für das Elektrizitätswerk begonnen worden. An Transform a< toren-Stationen sind, wie wir hören, für den Bezirk der Stadt Fulda 12 vorgesehen, die an folgenden Straßen bezw. Plätzen errichtet werden sollen r Kreuzung Hirtsrain-Kapuzinerstraß«, Hl. Geist- Hospital, Stadtschulbau, Kreuzung Luckenderg-Psand- hausstraße, Lindenstraße (am israelitischen Friedhof), Kreuzung Heinrichstraße-NikolauSstraße, Kornhaus, Abtstor-Tränke, Kreuzung Angel-Horaserweg, Parkstraße (etwa Mttte), Wittichstraße und an der Wegestrecke Franzosenwäldchen nach der Tonwaren-Fabrik Karl Kramer. — In seinem Verwaltung-- Gebäude in der Bahnhofstraße hat daS Werk ein« großstädtische Schaufenster-Anlage geschaffen, welch« besonders inbezug auf die Beleuchtung und Licht-Rek am« Hervorragendes zu bieten verspricht.
--- Di» Steuerfähigkrit eines FleischereibetriebrS. In einem auswärtigen Blatte lesen wir folgend^ ans Fulda datierte Nachricht:
Di, Geschäftsunkosten der hiefigen Metzgermeist« haben sich in neuerer Zeit, besonders infolge der Erhöhung der Schlachlgeoühreu zur Deckung der Koste» eines neuen, modernen Schlachthauses, sehr erhebüch vermehrt, weshalb di« ihnen auserlegte Gewerbesteue» zu häufigen Reklamationen Veranlassung gibt. Auf eine solche hat das Königliche OberverwaltungS« geeicht in Berlin, die höchste preußische Instanz ht Staatssteuerangelegenheiten, den nachfolgenden Bescheid erteilt, welcher wegen der darin dargelegten Grundsätze für die Ermittelung der Steuerfähigkeit eines Fleischereibetriebes von Interesse sein dürste. Es fei in dem vorliegenden Falle weder aus der Berufungsentscheidung der Königl. Regierung zu Kassel, noch aus den Akten zu ersehen, daß bei der schätzungsweisen Festsetzung deS gewerblichen Reinertrags die Verhandlungen bentnl der Einkommensteuerveranlaguiig in geeigneter Weist berücksichtigt worden feien. Außerdem leide die Env scheidung an dem Mangel, daß der Reinertrag nach sogen. Normal» oder Stückiätzen ohne erkennbare Berücksichtigung der individuellen Verhältniffe bei Betriebes ermittelt worden sei. Der Reinertrag bef Fleischergewerbes lasse sich jedoch nicht durch Anwendung von allgemeinen Etücksätzen auf die Zahlen der verschiedenen Arien des geschlachteten BieheS schätze».
schafft. Dieses Pulver entzündet sich nachgewiesener- maßen 8urch"die bloße Berührung mit der durch frühere Schüsse erhitzten Geschützrohrwand und ist somit für Kriegszwecke praktisch unverwendbar.
* Royalistische Demonstrationen. Gelegentlich der Festlichkeiten beim Rousseau-Jubiläum haben die Royalisten am Sonntag in Paris an verschiedenen -Stellen lärmende Kundgebungen veranstaltet. Bei der Abfahrt des Präsidenten Fallitzres von der Hauptfeier fing eine Anzahl Royalisten an Fit pfeifen und zu schreien. Dazwischen horte man rufen: „Es lebe der König!" ES kam zu einem heftigen Handgemenge. Einen Augenblick sah man nichts als erhobene Stöcke. Polizei schritt ein, die berittenen Munizipalgarden ritten in das Publikum hinein und mehr als 100 Verhaftungen wurden vorgenommen. Als die royalistischen Demonstranten sahen, daß sie gegen die Polizei nichts anhaben konnten, beruhigte sich die Menge bald wieder und gegen Mittag nahm die Gegend ihr gewöhnliches Aussehen an.
* Ausschreitungen der wilden Weiber von London. Seitdem die Führerinnen der Suffragettes aus dem Gefängnis entlassen sind, geht auch wieder der Kampf gegen die unschuldigen Schau- f e n st e r los. So wurden in London, Manchester und anderen Städten zahlreiche Schaufenster von Suffragettes eingeschlagen. Diesmal wendet sich der Kampf gegen die Schaufenster der öffentlichen Gebäude, da die Zertrümmerung der Schaufenster von Geschäftslokalen ihnen begreiflicherweise keine Sympathien im Publikum verschafft hatte. — Der Premierminister Asquith wurde bei einer von Lord und Lady Glenconner gegebenen Gesellschaft wieder von einer Suffragette angegriffen. Die Dame, deren Name nicht bekannt gegeben ist, trat auf Asquith zu, ergriff chu beim Frack und schrie, indem sie ihn schüttelte: „Wir werden Sie nicht in Ruhe lassen. Sie haben Frauen insultiert und betraten." Zwei kräftige Detektive packten sie, doch ließ sie den Premier nicht los, sodaß dieser mitgezerrt wurde. Schließlich zwang einer der Detektive sie durch einen Handgriff, der ihr fast den Arm brach, den Minister freizugeben. Sie wurde alsdann sehr unsanft die Treppe hinunterbefördert. Ihrer eigenen der „Pall Mall Gazette" gegebenen Beschreibung zufolge rettete sie nur ihr Leben, indem sie sich an einem Herrn festhielt, verlor aber dabei eine Diamantbrosche. Der Herr habe sie alsdann in seinem Auto nach Hause fahren lassen. Kurz bevor der König am Freitag in Loudon eintraf, verursachte auf dem Bahnhof eine Suffragette eine Szene, indem sie vor den auf das Herrscherpaar wartenden Minister Birrell hintrat und ihm zufchrie: „Mr. Birrell, wir protestieren gegen Mac Kennas Verhalten gegen die gefangenen Suffragettes." Sie wurde ergriffen und fortgeführt, bevor der König anlangte. — Am Samstag sind wieder 34 Stimmrechtlerinnen infolge des Hungerstreiks aus verschiedenen Gefängnissen freigelaffen worden. Mehrere von ihnen sind ernstlich erkrankt.
** Wieder eine KabinetMiise in Spanien. In Spanien scheint eine der üblichen Ministerkrisen be« vorzustehen. Ta im Lause der letzten Jahre der Ministerpräsident Canalejas bereits einige Dutzend Male mit seiner Demission gedroht und nicht weniger als fünf Krisen „siegreich" überdauert hat, so wird sich auch wohl diesmal die Gefahr bald beseitigen lassen. Ter diesmalige Grund des Rücktritts liegt darin, daß die Kanimermehrheit gegen das Regiernngsprojekt betreffs einer Autonomie für Katalonien Stellung genommen hat. In diesem Landesteil gärt es überall. Ministerpräsident Cäna- lcjas fuhr nach Legranja, wo er mit dem König eine Unterredung halte. Canalejas erttärie, er werd« von seinem Amte zurücktreten, wenn am Montag die Kammermehrheit ihre feindliche Haltung nicht aufgebe.
** Ein« neue Deutschland-Rede Haldanes. Lord Haldane^ der eifrige Vorkämpfer einer deutsch-englischen Verständigung, hat die Gelegenheit der Jahresfeier des Londoner Deutschen Hospitals ergriffen, um in Gegenwart des neuen deutschen Botschafters Frhrn. v. Marschall kluge und beherzigenswerte Worte über das Verhältnis zwischen Deutschland und England zu sprechen und seine persönliche Verehrung für deutsches Wirken und Deutschlands Kaiser zu unterstreich:n. Er feierte den Kaiser als Kriegsherrn und Friedensfürsten.
Der deutsche Kaiser, so führte Haldane auS, ist mehr als Kaiser, er ist ein Mann, rin» starke Persönlichkeit. Die Götter haben ihm das höchste Geschenk gegeben, das sie verleihen können. Ich brauche ein deutsches Wort, um es auSzudrücken: Geist. Er ist im höchsten Grade geistvoll. Er ist ein treuer Führer seines Bolles gewesen, im Geist sowohl wie in der Tat. Er hat seinem Volke V« Jahrhundert hindurch ununterbrochen den Frieden bewahrt. Ich kenne nichts, worauf ein Monarch stolzer sein könnt«. Er hat seinem Bolle die großartige Flotte gegeben, die wir, di» wir von Flotte etwas verstehen, bewundern. Er bat bi» lieber» lirferung der größten Armee, die die Welt je gesehen hat, bewahrt. In den Künsten des Friedens ist er gleich groß geweien. Er ist ein Führer seines Volkes auf dem Gebiete der Erziehung und bei der Lösung großer sozialer Fragen. Es verursacht ein Gefühl der 'Freude, daran zu denken, daß dieser Mann ein halber Engländer ift. Ich habe das starke Gefühl, so fuhr Lord Haldane fort, daß in den letzten Jahren Deutfchland und England einander sehr viel ähnlicher geworden sind als früher. Und weil sie so ähnlich geworden sind, regt sich ein gewisses Gefühl der Rivalttät. Dieses wird aber immer ein friedliches fein. Wir beiden Nationen haben eine große gemeinsame Ausgabe: Die Welt besser zu machen. Und weil der deutsch» Kaiser diese Ueberzeugung auf das Aufrichtigste teilt, so verursacht eS mir das größte Bergnügen, den Toast auf diesen Mann auszubringen. Es tauchen immer Schwierigkeiten auf. Der Botschafterv.Marschall weiß es und ich weiß es. Aber wir leben in einer Seit, die mich mit der Hoffnung erfüllt, daß die Herrscher auf den Thronen den Frieden und die Friebens- entwickelung wünschen, einer so wie der andere.
Haldane, der frühere Kriegsminister ift einer jener Männer, wie wtr st« unS drüben jenseits des Kanals nicht zahlreich genug wünschen tonnen. Mit
Verl cs Reich.
** Berlin, 30. Juni 1912. Der Kaiser traf iiamStag morgen im Sonderzuge auf der Fürsten- ation Wildpark ein und begab sich zu Fuß ins leue Palais. — Alarmierende Gerüchte über das tefinden der Kaiserin, das angeblich zu ieforgnis Veranlassung gibt, wurden von der Pariser „Agence Fournier" über London verbreitet, feßie dazu von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, entbehren diese Gerüchte jeder Begründung. Die Kaiserin befindet sich außerordentlich Wohl und unternimmt täglich längere Ausfahrten. Am Samstag fuhr sie mit dem Kaiser im Automobil durch Potsdam. Am Sonntag nahm sie am Kirchgang teil. — Tas Gerücht von der bevorstehenden Verlobung der Tochter des Kaiserpaares, der Prinzessin V i k t o i a Luise mit dem Herzog Ernst August zu Braunschweig-Lüneburg, dem Sohne des Herzogs von Cumberland, taucht erneut und zwar diesmal in der Grazer Tagespost auf. — Nach Berliner Blättermeldungen soll ferner die Verlobung der jungen Groß Herzogin von Luxemburg mit dem 21jährigen ältesten Sohne des Fürsten Wilhelm von Hohenzollern, Friedrich Viktor, nahe bevorstehen. Der junge Erbprinz steht als Leutnant im 6. Garde-Regiment in Potsdam. Die Großherzogin, bekanntlich katholisch, ist eine der reichsten europäischen Fürstinnen. — Das Staatsministerium trat Samstag zu einer Sitzung zusammen. — Aus einem der französischen Regierung zugegangenen Bericht geht im Gegensatz zu früheren Meldungen laut Pariser „Matin" hervor, daß die Verhandlungen der in Bern tagenden französisch-deutschen Grenzkommis- s i o n ausgezeichnete Fortschritte machen und vielleicht schon in 8 Tagen beendigt sein werden.
o" München, 29. Juni 1912. In den Schul- debatten der bayerischen Abgeordnetenkammer war für die Liberalen wie immer der Hauptschmerz Die konfessionelle Schule und die geistliche Schulaufsicht. Ter Kultusminister gab dazu die Erklärung ab: „Die protestantische geistliche Schulaufsicht ist in der Verfassung begründet. Die jllegierung kann deshalb auch einer Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht auf katholischer Seite nicht Nähertreten. Da machte Dr. Müller (Meinin- flen) den bezeichnenden Zwischenruf: „Aber für den katholischen Teil ist doch gar nichts festgelegt." Der Kultusminister antwortete mit der Frage, Ob, wenn die geistliche Schulaufsicht für die Protestanten, da sie nur durch Verfassungsänderung beseitigt werden könne, aufrecht erhalten werden ‘kniffe, für die Katholiken diese Einrichtung allein durch die Fachanfficht zu ersetzen sei. Dr. Müller tief jetzt: „Tas ist ein toller Rechtsstandpunkt!" Der Pc in ist er aber erwiderte: „Tas ist kein Rechts- standpunkt,. sondern ein Standpunkt, der lediglich aus Gründen der Parität sich ergibt. Es handelt sich hier um keinen staatsrechtlichen Standpunkt, sondern um einen Standpunkt der Parität. Rach meiner Ueberzeugung wäre bei dem protestantischen Religionst'eil eine Beseitigung der geistlichen Aistriktsschulaufsicht nur auf dem Wege der Ber- ;|affung§änberung möglich, allerdings ein gleicher Mechtsstandpunkt hinsichtlich des katholischen Reli- monsteils steht nicht hindernd int Wege, aber meines Erachtens wird die sachliche Konsequenz, nach dem, was bei dem Protestanten Rechtens ist, auch Dr. Müller ziehen können und müssen." Darauf schwieg Dr. Müller. Vielleicht äußert er sich gelegentlich einmal darüber, ob er Parität für die Katholiken wirklich für etwas „Tolles" hält. Wäre es in einem überwiegend protestantischen Staate wohl henkbar, daß den Katholiken eine Einrichtung ver- faffungsmäßig gesichett wäre, den Protestanten aber picht? Und ist es nicht höchst bezeichnend, wenn ein liberaler Abgeordneter es als „toll" bezeichnet, wenn der Kultusminister auf dem Standpunkt steht, was den Protestanten recht ist, müsse den Katholiken billig fein? Ein besserer Beweis dafür, daß die Libe- 'talen die Katholiken sogar in Ländern mit weit über» wiegend katholischer Bevölkerung als Staatsbürger zweiter Klasse betrachtet wissen wollen, ist wohl nicht wehr zu erkmngen. Diese Auslaffung Dr. Müllers giat die angebliche Katholiken,Freundlichkeit" der
beraten wieder 'einmal in das schönste Licht.
Di« Stichwahl i« Hagenow-Grevermühlen.
♦* Lübtheen, 28. Juni 1912. Bei der Stichwahl im mecklenburgischen Reichstagswahlkreise Hagenow- GreveSmühlen erhielten Pauli (kons.) 7153, Siv- kosich (fortschr. Volkspartei) 9456 Stimmen.
Dieser Ausgang konnte nach dem Ergebnis des Ersten Wahlganges, wobei der konservative Kandidat Pauli und der fortschrittliche Kandidat Sivkovisch in die Stichwahl gebracht wurden — bei der allgemeinen Reichstagswahl vom Januar kam der sozialdemokratische Kandidat in die Stichwahl — nicht mehr zweifelhaft sein. Um den Konservativen den Wahlkreis zu entreißen, hatten bi« Sozialdemok.atrn nicht nur eine .Dämpfung" des Wahlkampfes vorgenommcn, sondern auch eine Anzahl von .Genoffen' abkommandiert, um den fortschrittlichen Kandidaten in die Stichwahl zu dringen.
Der demokratische Nationalkonvent von Balti- more ist noch immer zu keiner Entscheidung gelangt. In zahlreichen Wahlgängen wird zwischen dem fortschrittlichen und dem konservativen Flügel um den Sieg gekämpft. Die Wage schwankt zwischen Wilson und Clark. Die anderen als Kandidaten vor- geschlagenen Persönlichkeiten sind mit den von ihnen erzielten Stimmen wett hinter diesen beiden zurückgeblieben. Im ersten Wahlgange erhielt Clark mtt 441 Stimmen einen ansehnlichen Vorsprung vor Wilson, auf den sich bloß 324 Stimmen bereinigten. Erforderlich sind für die Benennung zum Präsidentschaftskandidaten der Partei 728 Stimmen. Nach dem vierten Wahlgange hatte Clark zwei, Wilson fünf Stimmen hinzu erobert. Von der Zweidrittelmehrheit waren also beide noch weit entfernt. Andauernd wurde fortgefahren, abzustimmen. Samstag abend 11 Uhr vertagte sich dann der Nationalkonvent, nachdem er 26 Abstimmungen gehalten hatte, bis Montag morgen. Diese Vertagung war das Ergebnis einer Konferenz aller Führer^archer Bryan, welche glauben, über Sonntag ' m stärken zu können. Außerdem waren die durch die furchtbare Hitze im Saale, die schlecht« Ventilation und die Luftfeuchtigkeit in einen Zustand völliger Erschlaffung versetzt worden, so daß manche drohten, den Saal zu verlaffen, ganz gleich