Einzelbild herunterladen
 

M 145.

Donnerstag den 27. Juni ML

59. Jahrgang.

«Tuldaer

Zeitung»

2. Blatt.

druck und Verlag »er Attdaer Atlleuhmckeeet te $ulöa.

0 Beamtengehalts-Reform.

Reich, Einzelstaaten und Gemeinden haben in den letzten Jahren eine Erhöhung der Beamten- gehäller eintreten lasten, für die von den genannten drei Faktoren: Reich, Einzelstaaten und Gemeinden jährlich mindestens 600 Millionen Mark mehr als bisher an Gehältern und sonstigen Dienst «.Emolu­menten", Pensionen rc. gezahlt werden muß. Das macht pro Kopf der Bevölkerung (Frauen, Kinder und Greise, auch die Beamten eingerechnet) jährlich ein M ehr von 10 Mark, auf den Kopf des steuer- zahlcnven Familienvaters ein Mehr von zirka 60 Mark pro Jahr. Trotzdem hat sich gerade feit dieser Reform eine Unzufriedenheit in Beamten- Kreisen entwickelt, die vielfach recht unangenehme Formen angenommen hat.

Woher diese betrübende Erscheinung? In einer Berliner Zeitung nimmt ein Oberpostassistent zu die'er Frage Stellung. Seine Aussührungen Hingen aus in den Ruf nach einer allgemeinen Reorgani­sation der Beamtenverhältniffe. Dazu macht er fol« Sende Ausführungen, die der Berechtigung nicht ent­ehren:

.Bei der letzten Gehaltsreform hat man die Ge- hallsllaffen stark verringert, aber nur eine größere Unruhe in der Beamtenschaft erzeugt, weil man den Stier bei dem Schwänze, statt bei den Hörnern ge­nommen hat.

Der gehaltlichen Geichstellung aller Beamten mit gleichem Titel hätte unbedingt die Erklärung voraus­gehen wüsten, daß man möglichst bald auch gleiche Annahme« und Beförderungsvorschriften schaffen wolle.

L-ind denn di« Verhältnisse bei den einzelnen Be­hörden wirklich so grundverschieden, daß überall andere Anjorderungen in bezug aus Vorbildung, Ausbildung und Prüfungen gestellt werden tnäiien? Schon das Beispiel der Miliiäranwärter, die bei allen Behörden mit annähernd 'gleicher Vorbildung einlreten, beweist, daß auch eine gleichmäßige Vorbildung der Zwüan- toärter möglich ist. Ein eine Behörden haben sich aber verteilen taffen, ihre Anforderungen zu erhöhen, sobald sich ihnen genügend junge Leute mit besserer Schul­bildung anboten.

Die Folge war, daß diese Beamten gar bald eine bessere Bezahlung forderten und erhielten. So ist ,ede Behörde ihren eigenen Weg gegangen und hat dazu beigetragen, einen Irrgarten zu schaffen, in dem selbst Eiirgeweihte sich nicht mehr ganz zurechlfinden.

Nach unseren ganzen Schulverhättnissen erscheint «s richtig, für Zivilanwärter des mittleren Dienstes allg em ein das Einjährige zu fordern. Glaubt aber «ine Behörde, ein oder zwei Schuljahre mehr verlangen zu müssen, so ist das kein Grund, ganz neue Verhält­nisse zu schaffen. Ein Ausgleich hätte vielmehr durch Anrechnung der Schuljahre auf das Besoldungsdienst­alter zu erfolgen.

D»e Miliräranwärter sollten nicht von der Behörde, bei der sie Anstellung suchen, geprüft werden, sondern von besonderen Kommissionen, die (se nach dem Aussall der Prüfung) Anstellungsscheine auszustellen hätten für den mittleren Beamtendienst, den gehobenen Unter« beamtendienft oder den Unterbeamtendienst. Dadurch würde am besten die Gleichwertigkeit der Milltäran- wätter bei den verschiedenen Behörden dokumentiert «nd mancher Stein des Anstoßes beseitigt.

Ss ist möglich und erwünscht, in Reich, Staat und Kommune mit gleich vorgebildeten und gleich besoldeten Beamten anszukommen, und zwar mit zwei Klassen unterer, drei Klassen mittlerer und einem halben Dutzend Klassen höherer Beamten. Abgesehen natürlich von einzelnen höheren und höchsten Verwaltungsstellen."

Diese Anregungen sind sehr beachtenswert. Durch oie zahllosen Abstufungen innerhalb des Beamleu- standrS wird vielfach der ganz und gar unverlret- bare Zustand geschaffen, daß Beamte mit höherer Vorbildung eine u-igünstigere GehaUsskala haben, als solche mit geringerer Vorbildung. Das führt natürlich zu Reibereien, aus denen sich dann die Unzufriedenheit entwickeln muß. Besonders die un- günstige Stellung der Beamten des Verkehrsinstitute (Post und Eisenbahn) gegenüber den bessergestellteu Kollegen an der Regierung ist eine Quelle nnauS« gesetzien Aergers.

Aus öem Rachbargebkte.

△ Frankfurt a. M., 2fr. Juni 1912. Heber eine jüngste Ausschreitung der Frankfurter Sensationspresse sagt die liberale „Kölnische

Zeitung" ein kräftiges Wörtlein, dem jeder zustim­men wird, der in der „Meinen Presse", „Frankfur­ter Nachrichten" und „Generalanzeiger" die betref­fenden, geradezu ekelerregenden Berichte zu Gesicht bekommen hat.

«Es ist zu begrüßen", so schreibt das Kölnische Blatt, „daß der Reichsverband der deutschen Preffe sich auf seiner Tagung zu München entschieden gegen die sensationelle Ausschmückung und Ausnutzung von Prozessen, namentlich solcher, bei denen es sich um geschlechtliche Dinge handelt, ausgesprochen hat. Zu einer Zeit nun, wo diese Journalistentagung noch nicht zu Ende war, geschah in Frankfurt am Main die Aus- klärung eines Verbrechens: ein Vater gestand, mit seiner fünfzehnjährigen Tochter in strafbaren Beziehungen ge­standen, das Mädchen ermordet und im Walde ver­scharrt zu haben. Sehr schlecht paßt eS nun zu den Münchener Beschlüssen, daß einige größere Zeitungen zwei, drei und vier Spalten dem Geständnis des Mörders und dem Ausstichen und Ausfinden der Leiche widmen, und durch feite Uebcrschriften und Untertitel, di« besondere Spannung beim Leser erwecken sollen, diese breite Darstellung noch ausschmückten. Am wenigsten aber ist es zu billigen, daß ein Blatt, das etwa vier Stunden nach dem Geständnis des Mörders bereits mit den Bildern von Vater und Tochter erschienen war und alles Wiffenswerte und noch viel mehr in dem beigefügten Text mitgeteilt hatte, am anderen Tage noch einmal über eine Serie der Sache widmete und in den Mittelpunkt des Ganzen folgende Bilder stellte: „Sitstationsplan", Zeichmmgen des Waldstückes, in dem die Tat geschah, von ver­schiedenen Seiten, mit den Inschriften: »Platz, wo sie erwürgt wurde", »Fundort der Leiche" usw. Man kann nur dringend wünschen, daß die hier bezeichnete Art der joumali,tischen Behandlung eines traurigen Vorkommnisses feine Wiederholung erfährt. Uebertrumpft wurde die betreffende Zeitung aber noch durch den Geschäftsführer eines Lichtbilderunter­nehmens, der einen Tag, nachdem der Vater den Mord gestanden hatte, folgendes an allen Anschlag­säulen veröffentlichte: „Die Mordsache der Anna Koch. Der letz!« Wez der Anna Koch. Die Mordkommiision begibt sich zum Tatort. Die Ankunft des Leichen- wagsns. Die Piinzenschneise. Die Ueberführung der Luch«. Einzeln- Aufnahmen vom Tatort. Einzig existierende Origiitairnffnahme des . . ." Die Leitung der AktiengeiePchast, der das Unternehmen gehört, erklärt mut, daß sie mit dem eigenmächtigen Vorgehen idreS Geschäftsführers nicht einverstanden sei und die Aufführung des Films untersagt habe. Tas ist das einzig Erfreuliche an der ganzen peinlichen Ange­legenheit."

Was di: letztere Feststellung anlangt, so scheint man da doch noch zu optimistisch gewesen zu sein, wenn man dem Kiuo-Ilnter nehtneu einen freiwilli­gen Verzicht auf die widerliche Ge tfatiönsurache zu- traute. Der „Ha rauer Anz." schreist nämlich: „Wie sich jetzt herausstellt, ist es keineswegs die Di­rektion gewesen, die einfchritt, sondern lediglich die Polizei, die auf energische Proteste der Bürger­schaft hin die Aufführung verbot."

* Göttingen, 26. Juni 1912. Bei den gemel­deten Veruntreuungen des Rechtsanwalts und Bürgervorstehers Dr. jur. Otto Deneke handelt es sich um die Tat eines Mannes, der jahrelang hier die bei weitem größte Praxis hatte, aber nicht verstand, mit Geld umzugehen. Genau so schnell, wie er große Summen verdient Hal, sind fu wieder zum Fenster hmousgegangen. Dabei war er per- fönlich anspruchslos. Er war jedoch ein Sammler wertvoller Manuskripte, wofür er Unsummen opferte, und seine Bibliothek selt.mer Handschriften oll allein einen Wert von über 100 000 Mark re­präsentieren. Auch feine Frau soll es nicht ver­landen haben, mit dem hohen Einkommen ihres Mannes hauszuhalten, und als ihr vor etwa zwei Jahren das Erbe ihres Vaters anheimfiel, hatte sie nichts eiligeres zu tun, als sich ein Schloß in der Nähe von Basel in der Schweiz -u kaufen, das sie mit wertvollen Gemälden und Knnstgegenskändon ürstlich ausstatwte.

* Obersuhl, 26. Juni 1912. Im Westen unse­res Dorfes breitet sich eine gewaltige Wiesenfläche, der Räten, aus. An der Stelle befand sich früher ein trostloser Sumpf. Jnr Jahre 1859 wurde er mit einem Kostenaufwand von 84000 Mark trocken gefegt und in einträgliche Wie- en umgewandelt. Drei Gemeinden (Obersuhl, Dankmarshausen und Bosserode) haben daran teil. Vorige Woche wurde die Grasnutzung des Obersuh-

ler Räten versteigert. Der Erlös betrug über 9009 Mark, etwa 1400 Mark mehr als im vorigen Jahre.

* Weimar, 26. Juni 1912. Gestern abend stieß ans der Chaussee Weimar-Erfurt in der Nähe von Nohra ein mit 6 Personen besetztes Automobil mit einem Ffeischergeschirr zusammen. Der An­prall war so heftig, daß das Pferd sofort tot war. Das Automobil überschlug sich und die Insassen wurden auf die Straße geschleudert, wo sie von einem Erfurter Automobil gefunden und nach Wei­mar gebracht wurden. Drei Personen wurden schwer, die anderen leichter verletzt. Unter den Verunglückten befinden sich der Bäckermeister Schrö­der mit Frau, der Fleischermeister Fischer und Frau aus Weimar und eine junge Dame mit ihrem Bräutigam.

* Aus Franken, 26. Juni 1912. In Frauken ist eine seuchenartige Ausbreitung der Perono- s p o r a infolge der häufigen Niederschläge der letz­ten Tag» und des dadurch entstandenen feuchtwar­men Wetters zu erwarten. — Nach der Kurliste Nr. 10 vom 17. mit 22. Juni zählt Bad Neuhaus 490 Kurgäste.

Amt Geisa und Umgebung.

,= Geisa, 26. Juni 1912. Auf einem Uebungs- ritte kamen heute mittag 10 Offiziere nebst 11 Mannschaften hier an und nahmen in verschiedenen Lokalen Quartier. Am Donnerstag wird der Ritt weiter fortgesetzt.

!! Geisa, 26. Juni 1912. Als gestern der evan­gelische Pfarrer Herr Petzold von hier bei dem Dorfe Bremen mit seinem Rade einem Geschirr ausweichen wollte, scheute das Pferd plötzlich, so­daß Herr Petzold in das Geschirr geriet. Dabei stürzte er so unglücklich, daß ihm der eine Ober­schenkel ans dem Gelenk gerissen tourb?. Ter Ber- , letzte wurde durch das Auto des Herrn Dr. Diehl in seine Wohnung gebracht, wo ihm ärztliche Hilfe zu­teil wurde.

* Vacha, 25. Juni 1912. Während der im Juli hier stattfindenden großen bienenwirtschaft- l i ch e n Ausstellung findet eine unter staat­licher Aussicht geführte Verlosung von bienen­wirtschaftlichen Gegenständen, Erzeugnissen und lebenden Bienen statt. Insgesamt kommen 5000 Lose zum Verkauf, denen ein hoher Prozentsatz Ge­winne gegenüber stehen.

* Dankmarshaufen, 25. Juni 1912. Wer jetzt vom Bahnhofe kommend unfern Ort betritt, den grüßt zur Rechten von einem stattlichen Hause »in Schild herab mit der Aufschrift: „Raiffeisen- h a u s". Ein Denkmal ist hier gesetzt, auf das jeder Raiffeisenfri'und mit Stolz blicken muß und das ihm Mut für zukünftige Raiffeisen arbeit predigt. Der eine Flügel des Hauses wird ausgefüllt durch 2 geräumig» Lagerräume, die dem Konsumgeschäft des Vereins dienen; auf der anderen Hausseite lie­gen 2 sreundliche Büroräume für die Kassengeschäfte neben einem schönen Saale, der in Zukunft der Ar­beit- für Gemeindepflege eine Heim­statt bieten soll. Und über diesen Räumen liegt eine freundliche Familienwohnung. Der Zeit ge­mäß ist das Haus bereits mit Wasserleitung und elektrischem Lichte versehen.

Aus Gberheffen u. den hesi. Aemtern.

* Kirchhain, 25. Juni 1912. Die seither ge­führten Ermittelungen über den Pretiosen- Diebstahl im Schweinsberger Schlosse haben ergeben, daß kein internationaler Dieb und auch kein Angestellter des Hauses als Täter in Be­tracht konimt. Man glaubt, daß der Diebstahl von einem Einbrecher ausgeführt worden ist, der in der letzten Zeit in der dortigen Gegend schon mehrere Einbruchsdiebstähle begangen hat. Er hatte es offenbar weniger auf die Pretiosen als auf Geld abgesehen.

* Treysa, 25. Juli 1912. Unter dem Rindvieh- bestande des Landwirts Hartmann Corell dahier ist der Milzbrand auSgebrochen.

* Niedenstein, 26. Juni 1912. Im Niederbesst- schenTouristen-Verein wurden 6000Mark zur Re­staurierung der 20 Minuten von hier entfernten Ruin« »Fallen st ein" brw lligt. Die Arbeiten sind bereits im Gange. Die Ruine ist wegen ihrer Schönheit und der herrlichen Aussicht, die mau von ihr genießt, jährlich das Ziel vieler Touristen. Das Bestreben, die Ruine weiterhin in ihrem guten Zu­stande zu erhallen, findet deshalb bei allen Freun­den unserer schönen Heimat reichen Beifall.

vermischter.

* Jubilänmsfeier des Herzogtums Geldern Das ehemalige Herzogtum Geldern am linken Nie­derrhein begeht 1913 die 200-Jahrfeier der Zugehö­rigkeit zur Krone Preußen. Bei der Feier im näch­sten Jahr, für die der Kaiser fein Erscheinen in Aussicht gestellt hat, wird in der alten Herzogsstadt Geldern ein Denkmal Kaiser Wilhelms l. -nthüllr.

* Nach dem Genuß verdorbener Fleisch- und Wurstwareu sind in Hermsdorf, einer Nachbav- gemeinde Dresdens, imd deren Umgegend, mehr als 30 Personen schwer erkrankt. Alle Er­krankten haben hohes Fieber. Zwei Frauen rin­gen bereits mit dem Tode Die in Frage kommen­den Waren sind von einem Fleischer in Medingen bezogen worden. Der Staatsanwalt hat ein» Unter­suchung eingeleitet.

* Vom Blitz getötet. Während eines überaus heftigen Gewitters fuhr ein kalter Schlag in das Haus des Besitzers Kloska ht Polnrsch-Wisniewka und tötete dessen am Ofen fitzenden beiden Kinder, einen Sohn im Alter von 17 Jahren und ein Mäd­chen von 8 Jahren. Mehrere Fanri l«nmitglieber, die in der Nähe waren, wurden betäubt und durch umhergeschfenderie Stücke des Ofens-verletzt.

* 141 Jahr« alt. In Koki in Rußland starb der Bauersmann Khubza im Alter von 141 Jahren. Tas Alter ist amtlich nachgeprüft und beglaubigt worden. Khubza lebte in den letzten fünfzehn Jah­ren vollkommen vegetarisch und war bis zu seinem Tode ein passionierter Raucher.

* Wenn man in Italien reift Das italienische Gesetz, wonach das Tragen von Revolvern, Bfessern, Dolchen usw. bei - escmgnisstrafe verboten ist, wird von den Italien bereisenden Deutschen im­mer noch zu wenig beachtet. So mußte auch dieser Tage der Regisseur des Münchener Lustspielhauses, Schweiger, die Uebertretimg dieses Gesetzes büßen. Er wurde bei einer Fußtour in Pournezzo verhaftet, weil er einen Revolver zu seinem persönlichen Schutze trug. Schweiger befindet sich schon feit sieben Tag en in Haf t. Es sind jedoch bereits seitens der Direktion des Münchener Luftspi.llhcmsos und des Münchener Konsulats Schritte unternommen, dem Verhafteten die Freiheit wieder zu verschaffen.

* Eisberg« als Zielscheiben. Der amerikanische Kreuzer „Chcstet", der bet Neufundland in der Eis­zone segelte, ist am 22. Juni in Halifax angekom­men. Er berichtet, daß er aus einer Entfernung von 430 Meter mit Dreitonnenhaubitzen auf Eis­berge geschaffen hat, deren Gewicht auf eine halbe Million Tonnen geschätzt wird. Das Ergebnis war das gleiche, als ob die Haubitzengeschosse gegen einen Panzerkreuzer mit sechs Zoll starken Panzerplatten abgegeben worden wären. Eine der Haubitzenku- geln prallte ab und flog in der Richtung des Kreu­zers zurück. Ein Eisberg, auf den der „Chester" geschaffen hatte, schien nicht beschädigt zu sein, stürzt? jedoch nach fünf Stunden zusammen.

— Seine Stadien. „Nun, waS macht ihr Sohn auf der Schule für Fortschritte?" — „Großartige, er studiert fortwährend." — „So, was f'ubiett er denn?" — „Meistens die Sportberichte der Zei­tungen."

— Zug der Zeit. „Es ist doch arg, was die Müller's die ganze Woche über tnaeferu!" — „Ja, da müssen sie sich eben ihre Sonntagsaustern zu« ämmeuhungeru!"

Literarischer.

Briefe über tüten deutschen Roman. JulinS Rode», berg an Snr ca von Handel-Mo zetti. einem Anhang: Die Schlußkapitel der Armen Margaret nach dem Erstabdtuck in der,Deutschen Rund«

^üauernßlXtf.

25] Roman von Felix Rabor.

„Weich' nicht wieder grob, Doktor! Das allein fst's nicht, was mich zögern läßt, stmdern ein an­deres: Wird der Baldwin auch auf den Rabenhof wollen?"

„Frag' nicht so eklig, Alter! Mit beiden Händen wird er zugreifen! Erstens kriegt er dann seine Hanne — und zweitens tarnt er nach seinem Kopf wirt'chaften und die Neuerungen entführen, die er auf oer Hohen Schule gelernt hat. Stimmt's jetzt?"

„Wemt Du's so meinst — ja, dann stimmt's!" „Dann laß gefäwgst Deine kreuzlahme „Fanny" Ä tspannen, daß wir auf den Wildhof fahren und bii Sache gleich klipp und klar machen!"

„Gern; doch zuvor wirft Du gestatten, daß ich ei ten Löffel Suppe zu mir nehme. Durch Deine large Rede bin ich um das Mittagessen gekommen."

„Ich mich! — aber wenn Deine Frau nichts da­gegen hat, so lad» ich mich selbst zu Gast. Ich hab nämlich einen Hunger wie ein Wolf und werde euch 'mal gehörig hereinlegen."

Lachend antwortete der Förster: „Komm nur! Bor Deinem Wolfshunger ist mir nicht bange."

„Da — Tu sollst mal sehen! — Aber ich revan­chier' ntich einigermaßen! — In meinem Keller lie­gen noch ein paar Flaschen Johannisberger! — Aus­lese aus dem gesegneten Weinjahr 1900! — Den lasten wir holen! — Ja, nicht wahr, da schmunzelst Du, alter Weinzahn! — Und nun komm — Arm in Arm mit Dir: so fordere ich das Jahrhundert in dir Schranken!"

Das Mahl war vorzüglich, der Johannisberger „exzellent" — aber der Wildhofer zeigte sich wider- haarig, spielte sich auf den Stolzen hinaus und tat, als ob er den beiden <od) eine Gunst erweise, wenn er ihnen den Wald verkaufte. Der Rabenhof, ja, den sollten sie geschenkt erhalten! — aber das mit dem „Herrenwald", das war eine andere Sache. So ein altes Erbgut zu veräußern, das griff ans Herz, das ging fast ans Leben. Der Wildhoser wollte sich die Sache erst noch einmal überlegen und am Anderen Tao« Antwort lagen —*

In diese: Nacht saß er stundenlang am Tische, rechnete und überlegte, ob nicht ein anderer Aus- weg zu finden sei. Doch es zeigte sich keiner. Und mit schwerem Herzen entschloß er sich, das Angebot anznnehmen; im Grunde genommen war er froh, daß sich ihm auf diese Weise ein Mittel zur Rettung bot. Der Wald freilich — der war nun seinem Ge­schlechte verloren — aber wer wußte, tote sich die Zettläufte in Zukunft gestalteten! Vielleicht hielt jetzt das Glück wieder Einkehr, vielleicht konnte er in zehn Jahren den verlorenen Besitz wieder mrihb erobern! —

Auf alle Fälle bekam er eine Menge Geld in die Hand und konnte damit die größten Löcher zusto- Pfen. Er fühlte sich wieder ganz als der alte, stolze Bauernkönig, vor dem sich alle zu beugen hatten.

Am anderen Morgen mußte Wilm die Rappen anschirren und da sich das Master inzwischen ver­laufen hatte und Straße und Brücke frei waren, fuhr der Wildhoftr ins Dorf, stellte Roste und Chaise im goldenen Hirsch ein und begab sich mit dem Dok­tor und dem Förster aufs Rathaus. —

Eine Stunde später fuhren die letzteren zur Stadt, um das erforderliche Geld herbeizufchaffen. Als sie das Torf hinter sich hatten, wurde mit kur­zen, schrillen Schlligen das Zügenglöcklein geläutet. Der Doktor nahm den Hut ab. „Das gilt der alten ®ret," sagte er. „Die liegt int Sterben und hat nun bald ausgerungen' — Sie ruhe im Frieden!" Er fetzte den Hut auf und blickte den Förster kampf­lustig an, indem er zum Friedhof hinüberdeutete, der mtt seinem Wald von Kreuzen drüben an der jen­seitigen Berghalde, ganz nahe dem Walde, lag.

Wer diesmal sand Oßwaldt kein Wort des Spot­tes für den Freund, den er sonst nur den „Kirch- hofvetter" oder den „Gräbergraber" nannte.

Am Samstag in der Frühe sollte die alte Gret begraben werden. Am Abend vorher aber spielte sich ein Ereignis ab» welche» das ganze Dorf in Aufregung versetzte.

Der Himmel war wieder azurblau und die Sonne stand ht strahlendem Glanze an dieser blauen Riefrnkuppel — nut die klaffenden Wunden der Ltd«. Me «-rümupft« Leider, die ve^chlammteu

Wirsen zeugten davon, wie zornig und vernichtend die Naturgetoalten hier gewütet hatten.

Kurz vor sechs Uhr abends sauste ein Auto aus der Straße daher — das erste, das die Dorfbewoh­ner auf ihrer Markung sahen! — und ließ eine wirbelnde Staubwolke zurück. Bei den schmettern­den Hornkläitgen, die der Chauffeur mit seiner Sig­naltrompete gab, sprangen die Kinder erschrocken zur Sette; die Leute rissen die Fenster auf oder eilten auf die Straße. „Mit solchem Fanfaren-Geschmet- ter kann nur ein Prinz oder der Kaiser seinen Ein­zug halten!" dachten sie.

Aber es war keines von beiden der Fall. Dem Auto entstiegen ein Herr und eine junge Dame, beide Grau in Grau vorn Wirbel bis zur Zehe. Sie Oer- schwanden so rasch im goldenen Hirsch, daß man nicht einmal ihre Gesichter sehen konnte.

Und der Chauffeur, an den hundert Fragen ge» stellt wurden, war ebenso zugeknöpft wie sein Man­tel. in den er ganz untertauchte. Da solcherweife nichts über die geheimnisvollen Fremden zu erfah­ren war, so umstanden die Leute wie eine dichte Mauer das seltsame Ungeheuer, in dessen Bauch es ganz unheimlich ratterte und schnaubte. Und als der Führer gar unter lautem Zischen den Dampf cncs- stromen ließ und als die zwei Laternen plötzlich auf­flammten und die Leute wie große, funkelnde Augen anstarrien — da löste sich das Staunen der Menge in entern lauten Schrei der Bewunderung, die gleich­wohl mit heimlicher Furcht und mit Mißtrauen ge­mischt war. Ein Fahrzeug, das weder von Pferden gezogen wurde, noch auf Schienen lief wie die Eisen­bahn, — unb gleichwohl eine so rasende Geschwin­digkeit entfaltete. Tas mußte schon ein rechtes Te-u- felsfuhrwerk sein Einer der jungen Dorfhelden brachte sein Riechorgan in die Nahe des ansströmen- ben Dampfes unb sagte kopfschüttelnd zu seinem Nachbar: „Tu — das ist ein Malefiz-Schnauferl: es stinkt ganz damisch!"

Damit war das Fahrzeug von vornherein anrü­chig geworden und wurde mit Mißtrauen betrachtet; dieses Mißtrauen übertrug sich auch auf die Besitzer des teuren Fahrzeuges und verstärkte sich umsomehr, als dieselben den Dorfbewohner« nicht die germgjte

Gelegenheit gaben, sich von ihnen anstaunen zu las­sen. Nur soviel war nach stundenlangem Harren zu erfahren, daß die „Herrschaften" die zwei einzigen „Staatszimmer" belegt, sich gründlich gewaschen unb bann eine ganze Menge von Schinken, Eiern und Tee mit bestem Ahpetit verspeist hätten. Auch ba» hatten bie Neugierigen mit eigenen Augen gesehen, wie bei Chauffeur zwei mächtige Reisekoffer in da» Gasthaus schleppte, bas Schnaufer! in ber Scheune unterbrachte, ebenfalls eine mächtige Portion Schin­ken unb Eier verzehrte, unb bann in seinem groß-n Mantel stolz unb unnahbar wie ein Pascha bui:> das Dorf schritt.

In gemessener Entfernung folgten ihm ein» Schar Bewunderer, ohne daß sie indessen von ihm eines Wortes ober Blickes gttoürbigt wurden. Glück­licher waren diejenigen, welche vor dem „goldenen Hirsch" ausharrten oder gar ihrer Neugier ein paar Nickel zum Opfer brachten unb sich eine „Maß" leisteten; ihnen verkündete der dicke Wirt, daß sich die „Herrschaften" ins Fremdenbuch eingetragen hat­ten, und zwar als „Mister Henry mit Tochter au» Newyork".

„Also Amerikaner! — Was wollen denn die ht unserem Torfe?" — Nun standen sie vor einem Rätsel, unb rieten hin und rieten her, was wohl bie „Amerikaner" hier suchten. Keiner erriet es; brr Name „Amerikaner" aber blieb wie etwas Rät­selhaftes unb Nnergrünbliches unb machte die Ruuds durchs ganze Dorf.

Erst am folgenden Morgen zeigte sich der Mami in Grau mit ferner Tochter. Sie "traten blank, toi« aus dem Ei geschält, in die Gaststube und nahmen im Nebenzimmer den Kaffee. Vergebens rollte des Wirt seine dicke Gestalt wie ein Faß um bie Ameri­kaner — er würbe kaum eines Blickes gewürdigt. Mistor Henry entfaltete eine rissenhcrfte Zeitung, hic<« ter ber er wie hinter einem bedruckten Vorhang Oer- schwanb und eine Stunde lang nicht mehr ftf)tbai wurde; die junge Dame mit dem schmalen, blasse« Gesicht legte ungeniert ein Bein über- andere, steckt» sich eine Zigarette an unb blie» ben Rauch te einen? dünnen, mnftgerechten Strahl in die Lust.

(Foryehmig folgt.)