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Momtsdellage: „Zuldaer Geschichtchlatter" 'L8WM

141. Erstes Blatt»

Fulda, Samstag den 22. Juni 1912.

39. Jahrgang.

» Hagenow - Grevesmühlen.

Bei der Reichstagsneuwahl in Hagenow-Greves- aühlen erhielten nach dem Endergebnis Sivkovich Horlschr. '43p.) 7018, Pauli (kons.) 6815 und Kober 'eoj.) 4288 Stimmen.

Noch deutlicher als durch das gestern mitgcteilte vorläufige Ergebnis wird durch diese Endzahlen das fortschrittlich-sozialdemokratische Som« pagniegeschäft offenkundig gemacht. Mindestens in Drittel der für den Freisinn abgegebenen Stim­men sind sozialdemokratisch. Das ist die Bedeutung fieser Wahl, und zwar ihre einzige Bedeutung. Das Jubelgeschrei der Linken.über eine .schwere Niederlage* der Konservativen ist erkünstelt, und das Gerede von einer Verschiebung der Diehrheits- verhältnifle im Reichstage ist Humbug.

Die konservatwe Partei wird, wenn nif t bei der Stichwahl ein Wunder geschieht, ein Mandat verlieren, das zu dem unsicheren Besitzstände der Partei gehörte. Die Fortschrittspartei wird ein Mandat gewinnen, aber nicht durch eigene Kraft, sondern als Geschenk von der Sozialdemokratie, und dieses Almofen aus der Hand des roten Nach­barn wird die Abhängigkeit der Fortschrittler von der Umsturzpartei noch verschärfen.

Obschon bei den Januarwahlen in dem ge­nannten Wahlkreise die Konservativen nur wenig mehr als ein Drittel der abgegebenen Stimmen er- ' halten hatten, siegten sie in der Stichwahl doch mit einer Mehrbest von mehr als tausend Stimmen, streit erfreulicher Weise die meisten Liberalen dieses Wahlkreises noch nicht „reif" waren für die Abgabe eines roten Stimmzettels. Der konservative Kandi­dat war nämlich mit dem sozialdemokra­tischen Kandidaten in die engere Wahl gekom­men, und da gaben diejenigen Liberalen, die noch nationale- Pflichtgefühl hatten, den Ausschlag ftir den Konservativen. Sind diese Liberalen inzwischen Flr die Rotblockpolitik gewonnen worden? Nein, eine „Bekehrung" in dieser Richtung trauten ihnen auch die rosa-roten Wahlmacher in Berlin nicht sm. Darum vereinbarten sie, daß man in Hagenow- GreveSmühle die .Falsche Stichwahl" ver­meiden müße. Das geschah auf dem Wege, den ja3 bekannte, zuerst verheimlichte Wahlbündnis zwischen der Sozialdemkratie und dem Fortschritt vorgesehen hatte. Die Sozialdemokratie „dämpfte" pie Anstrengungen für ihren eigenen Kandidaten, ja sie kommandierte sogar einen, Teil ihrer folg­samen Wähler zu dem fortschrittlichen Kan­didaten ab, damit letzterer genug Vorsprung er­halte, um mit dem Konservatwen in die Stichwahl St kommen. Nun erwartet man, daß alle iberalen deS Wahlkreises im Verein mit der So­zialdemokratie den Fortschrittler gegen den Konser­vativen durchbringen.

Da- Manöver ist so durchsichtig wie das aller­beste Fensterglas. Die „Frankfurter Zeitung" gibt IS halb und halb zu. Sie meint:

Wenn die Sozialdemokratie wttklich nicht das letzte Aufgeboten haben sollte, um den Fortschrittler aus der Stichwahl hinanszudrängen und so nach Lage der Dinge dem Reaktionär Pauli wieder daS Mandat in die Hände zu spielen, so läge in einem derartigen Ver- hatten eine erfreuliche politische Einsicht, die auch im Hinblick auf die Zukunft nur zu begrüßen wäre.

Andere liberale Blätter aber suchen zu leug­nen. Tie Sozialdemokratie brachte im Januar beim ersten Wahlgang 6151 Stimmen auf, und jetzt nur 4267. Wo sind die 1900 geblieben ? E i n s o kolossaler Rückgang in so kurzer Zeit ist weder durch Wahlmüdigkeit, noch durch Verzug rc. pr erklären, sondern nur durch Dämpfung Knb Abkommandierung. Von den 1900 -verschwundenen" Sozialdemokraten ist die eine Hälfte zu Hanse geblieben, aber die andere Hälfte hat gehorsam für den Fortschrittler gestimmt. Nur dadurch konnte die Sttmmenzahl des letzteren von 6140 auf 6962 gesteigert werden. Warum sucht man die handgrcffliche Schiebung abzuleugnen? Herrscht bei den Fortschrittlern doch noch eine ge- wisi« Scham und Scheu vor dem Eingeständnis ihrer Jntimftät mit der Umsturzpartei? Oder glaubt man der Welt vorschwindeln zu können, daß seit Januar in dem dortigen Wahlkreise die Stärke der' Forts chrrtts Part et von 6000 auf 7000 Stimmen angewachsen sei, trotz der herkömmlichen Abnahme der Wahlbeteiligung bei Nachwahlen und Sommer­wahlen?

Diese herkömmliche Abnahme der Wahlbeteili­gung erklärt zur Genüge den Rückgang der k o n - servative« Stimmen. Nachdem jetzt alle länd­lichen Bezirke mitgezählt sind, da ergibt sich nur ein Weniger von R)0 Stimmen. Daraus kann man einen Rückgang der konservativen Sache oder eine moralische Niederlage nicht herleiten. Zweifel­los haben die liberalen Gegner an e i g n e r Gefolg­schaft mindestens ebensoviel Stimmen eingebützt.

Das Ende vom Liede ist also, daß die Fort- schrtttspartei wieder einmal ein Mandat von der Sozialdemokratie geschenkt bekommen hat. Dadurch ist ft erlich die Linke des neuen Reichs­tags um 1 Stimme (sage und schreibe eine Stimme) stärker geworden. Aber was macht das aus? Bei der annähernden Gleichheft zwischen recht» und links liegt die Entscheidung »mch wie vor bei den Nationalliberalen oder genau gesagt, bei dem rechten Flügel dieser Partei. Daran ändert dieser Zwischenfall nichts; er beleuchtet nur anfs neue, daß Fortschrittspartei und Umsturzpartei ein Kompagniegeschäst be­treiben. '

Ein Paar nette Brüder!

+ Der sozialdemokratische Gerrofieu- schaftStag

bes Zentralverbarwes deutscher Konsumvereine, der seit Beginn dieser Woche zum neunten Male in B e rl i n abgehalten wurde, und jetzt sein Ende er-

reicht hat, verdient besonders aus zwei Gründen der breiteren Oeffentlichkeit bekannt zu werden.

Die mächtige Aufwärtsbewegung der Konsumvereine, wie sie in den Berichten dieser Tagung zutage trat, gibt zu ernstlichen Be­denken Anlaß. Man kann den Arbeitern gewiß nicht das Recht freier genossenschaftlicher Bereini­gung zur Erzielung wirtschaftlicher Vorteile ab« sprechen, aber auch diese genossenschaftliche Verbin­dung muß wie jede andere an den Jntereffen ande- rer volkswirtschaftlich oder sozial berechtigten Stände chre Grenzen finden. Wer nun aber die gewaltige Zunahme des sozialdemokratischen Konsumvereins­verbandes seit dem Jahre 1903, wo derselbe etwas über eine halbe Million Mitglieder zählte und einen Gesamtumsatz von 176 Millionen zu verzeichnen hatte, verfolgt und bett Mitgliederzuwachs von über 1 Million und das Steigen des Umsatzes auf über 500 Millionen erwägt, der kann nicht umhin, in dieser Konsumvereinsbewegung eine schwere Schä­digung des gewerblichen Mittelstan­des zu erblicken.

Was aber für dir allgemein wirtschaftliche und nationale Lage verhängnisvoller erscheint, ist der Umstand, daß die Konsumvereinsbestrebungen im­mer offener ihren roten Charakter hervor­kehren und sich kaum noch Mühe geben, mit dem Neutralitätsmäntelchen sich zu bedecken. Ganz un­verblümt spricht dies der „Vorwärts" (Nr. 142) aus, indem er die in der Art der Einladung zum Genossenschaftstage zum Ausdruck gekommene Ueberfpannung des Neutralitätsgedankens beklagt und vor allem nicht verwinden kann, daß der kon­servative Reichstagskandidat Professor Dade, eilt hervorragendes Mitglied des Bundes der Landwirte, als Gast geladen wurde. Das müsse, meint der „Vorwärts", nicht nur Befremden erregen, sondern habe wie ein Faustschlag gegen die Bestrebungen der Arbeiterklasse auf politischem, gewerbschastlichem und genosftnschaftlichem Gebiete gewirkt. Es sei Pflicht aller gewerkschaftlich und politisch oraani- fierten Arbeiter, in Gemäßheit des Kopenhagener und Magdeburger Parteitaosbeschlusses dafür einzn- treten, daß die Genossenschaftsbewegung mit dem sozialistischen Geiste erfüllt werde, da­mit so das von der Arbeiterklasse erstrebte Ziel um so schneller erreicht werden könne.

Es hat Jahre bedurft, ehe offen eingeftanden wurde, daß die angeblich freien Gewerkschaften mit der Sozialdemokratie eins feien. Heute ist es auch mit den sogenannten neutralen Konsumvereinen schon so weit gekommen, daß man es getrost wagen darf, die Maske abzuwerfen und sie in den Dienst der sozialdemokratischen Bewegung zu stellen. In dieser Sache liegt System. Das erhellt noch besser aus einem Beschluß des Genossenschaftstages, der eine Volksversicherung durch eine gewerk­schaftlich-genossenschaftliche Aktiengesellschaft geschaf­fen wissen will. Für jeden Einsichtigen ist der eigentliche Zweck der geplanten Institution ohne weiteres klar. Mehr als durch politische Motive fühlt sich, wie die Erfahrung lehrt, die Arbeiterklasse durch wirtschaftliche Erwägungen bestimmt und mehr noch als zu Berufsorganisationen fühlt sie sich zu genossenschaftlichem Zusammenschluß ge­neigt. Dir Konsumgenossenschaften sollen nun, wie der Referent über die gewerkschaftlich-Fenoffenschaft- liche Volksfürsorge ausführte, „den ganze» Menschen mit all seinen Bedürfnissen umfassen". Die So- zialdemokratie verspricht sich also von der Institu­tion dieser Volksfürsorge die Erfassung und Dienst- barmachung des ganzen Menschen, sie verfolgt aber vor allem große finanzielle Pläne. Die geplante Aktiengefellschaft soll das ganze Arbeitervermögen umfassen, sie soll neben einer Kapitalversicherung auch eine Spar- und Lebensversicherung betreiben. Dadurch aber Wird die Sozialdemokratie zu, einer Geld macht und schafft sich eine solch mächtige Kriegskasse, daß man die Bedeutung nnd Ge- i fahr der geplanten Institution nicht unterschätzen darf. Dreser Gesichtspunkt darf bei der Beurteilung dieser sozialdemokratischen „Volksfürsorge" nicht aus bem Auge gelassen werden.

Deutsches Kelch.

** Berlin, 21. Juni 1912. Der Kaiser wird auf feiner Reise in die Schweiz von einem Gefolge von zehn bis fünfzehn Personen begleitet fein. In Zürich vird ec von einer Abordnung des Bundes­rats empfangen werden. — Prinz August W i l- h e l in von Preußen ist zmu Rftter des dänische« Elefantenordens ernannt worden. — Wiederholt ist versucht worden, für ganz Deutschland für die Pro­testanten einen einheitlichen Bußtag festzusetzen. Ein kürzlich unternommener Versuch der preußi­schen Regierung ist jedoch bereits in Anfänge ge­scheitert, ba schon die hessische Regierung, mit der Preußen zuerst in Verhandlungen eintrat, sich zu einem Zugeständnisse außerstande erklärte. — Ko­lonial staats sekret är Dr. Sol ist auf seiner Kvlonialreise am Freitag in Luderitz- bucht eingetroflen. In Swakopmund hat sich ihm der Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, Dr. Seitz, angeschlosseu, der ihn während seiner Reise durch das Schutzgebiet begleiten wird. Bo- kanntlich wird Staatssekretär Dr. Sols auch Deutsch- Ostafrika einen kurzen Besuch abftatteu.

’ Hebet 8000 neue Reichspost-Stellen für weibliche Angestellte. Die Reichkpoft-Verwaltung hat sich dem »Tag' zufolge entnhlossen, um Ersparnisse in ihren Personal-Ausgaben zu machen, eine Reihe von Beamtend enst-Geschästen auf weibliche Personen zu übertragen. Es handelt sich dabei um zwei ver- schieden« Stellen. Einmal sollen durchweg bei den Postämtern 3.Klasse die Nachgeordneten männ­lichen Beamten (zirka 8600) durch außerhalb bei B«rmten - Verhältnisses stehend« «eidlich« Personen «setzt werde«. Die Vergütung für die Tätigkeit ans diesen Postämtern wird im Durchschnitt 750 Mark betragen, wobei di« Postverwaltung durch btt Ver­wendung weiblich« Angestellter ft» Zukunft Üb« "2 Millionen Mark jährliche Ersparnisse «zielt. Außer­

dem soll eine Reihe von Dienstzweigen, die jetzt von männlichen Beamten versehen werden, Frauen über­tragen werden. Dabei werden an die Stelle von 4500 männlichen Beamten 5100 weibliche treten, und da das Gehalt einer etatsmäßig angestellten Gehilfin in diesen Stellungen sich auf 1928 Mark jährlich beläuft, so erspart die Post weitere 4 2)01» lionen sährlich. — Ob das ein .Fortschritt" ist? „Die Postbeamtin sägt den Ast ob, auf dem der Postbeamte ihr ein Nest bauen könnte."

ns Mit der Konferenz der Zentralstelle für Volks- Wohlfahrt war eine Spezialkonferenz von Jugend- v^reinsleitern verbunden. Nach einem ein- leitenden Referat des Jugendvereinsleiters ©rotte» Charloltenburg, in dem er auf die Bedeutung ge­meinsamer Hcmptausschüsse für die männliche und weibliche Jugendpflege mit einer Sonderabteilung für letztere und auf die segensreiche Wirkung der gemeinsamen Jugendkonferenzen hinwies, setzte eine lebhafte Diskussion ein, in der ein reger Gedanken­austausch über die in der Jugendpflege gesammelten Erfahrungen stattfand und besonders die Frage er­örtert wurde, ob die Bildung von Ortsausschüssen bezw. Bezirks- und Kreisausschüssen für weibliche Jugendpflege behufs gemeinfamer Arbeit aller in­teressierten Vereinen, Behöben, 'Schulen und Pri- vatpersonen zweckmäßig und wünschenswert er­scheine, um von diesen Stellen aus planmäßig be­stehende Pflegeeinrichtangen vertiefen und neue schaffen zu können. Der Vorschlag sand auf allen Seiten Anklang. — Eine weitere Spezialkonferenz bedeutete die erste Hauptversammlung der Zen­tralstelle zur Bekämpfung der Schund­literatur. 32 Kommunalbehörden, 18 Vereine und 5 Private haben bereits ihren Beitritt erklärt. Dr. Weinrich (Neukölln) sprach über das Thema: Was kann Gemeinde- und Schulverwaltung zur Bekämpfung der Schundliteratur tun? Nach einer lebhaften Diskussion konnte der Vorsitzende im Schlußwort konstatieren, daß weite Kreise des Vol­kes sich für die Bestrebungen der Zentralstelle inter­essieren und die Zentrale für Jahre hinaus in den gegebenen Anregungen Stoff habe zu reicher Arbeit.

** Die finanzielle Kriegsbereitschaft ist für jed°s Staatswesen von der größten Bedeutung; denn ohne das nötige Geld kann auch das schlagfertigste Heer außer Gefecht gesetzt werden, oder vielmehr zur vollständigen Schlagfertigkeit eines Heeres ge­hört auch di- finanzielle Kriegsbereitschaft; und ge­rade diese hat viele deutsche Kreise wiederholt he- schäftigt. Dabei ist zutage getreten, daß Deutschland zwar fähig ist, im Ernstfall bedeutende Lasten zu tragen, doch sei es nicht genügend borbereitet, sofort die nötigen Mittel fluffig z u mache n. Einerseits trage die Anlagepolttik der Sparkassen daran schuld, andererseits ermangele den Staatskassen ein organischer Anschluß an das Bank­wesen. Hier müsse Abhilfe dadurch geschaffen wer­den, daß im Kriegsfall von einem Punkte aus die gesamte Finanzgebanmg unserer Sparkassen — die rund 15 Milliarden Mark Einlagekapital haben — der politischen Lage angepaßt werde. Auf einen anderen Punkt noch weist die „Magdeb. Ztg." hin, das ist die starke Beanspruchung der kommunalen Anleihen, die zum Teil allerdings ihr- Ursache in Aufwendungen haben, die durch staatliche Vorschrif­ten hervorgerufen werden. Die finanzielle Ent­lastung der Gemeinden müsse daher bei der Lösung der Besitzftenersrage mit in Bo!rächt gezogen wer­den, wenn die finanzielle Kriegsbereitschaft nicht noch mehr beeinträchtigt werden solle. Und darauf kommt es an; denn eine Arme» ohne Proviant kann nichts auSrichten.

** Trier, 21. Juni 1912. Bei der heutigen Landtagsersatzwahl in Trier an Stelle des bisherigen Bbg. Rocren wurde General Freiherr v. Steinäcker (Zentr.) mit 399 gegen 3 liberale Stimmen gewählt.

** Darmstadt, 21. Juni 1912. Ter bayerische Ministerpräsident v. Her tling ist heute nach rittag im Schloß WolfSgarten vom Großherzog von Hessen empfangen worden. Nach der Audienz nahm der Minister an der Familien täfel teil.

* Pr.-Stargard, 21. Juni 1912. Bei der heutigen LandtagSeriatzwahl im Wahlkreis Behrent-Dirschau- Pr.»Stargard wurde an Stelle des verstorbenen Abg. Arudl-Gattschin <freit.) der Kandidat bet ver« einigten deutschen Parteien, Gutsbesitzer Modroiv- Modrowshorst (freit), mit 338 Stimmen gegen 216, dir auf den Gutsbesitzer Gorski-Mitotken (Pole) fielen, gewählt.

* Schwerin, 21. Juni 1912. Königin Wil« helmina und Prinz Heinrich der Niederlande haben gestern abend die Rückreise nach Holland angetreteu.

Zum Gewerkschaftsstreit.

* Ein Lob christlicher Gewerkschaftsarbeit Im Organ deS Vatikans. Anläßlich des in Turin tagenden Kongresses der katholischen Eisenbahner Italiens roheb im F)sservatore Romano', dem offiziösen Organe der päpstlichen Kurie, den christlichen Gewerkschaften Deutschlands besonderes Lod gespendet. Man lieft dort:

„Die in den Gewerkschaften deS Auslandes ein­getragenen Eisenbahnarbeiter haben es verstanden, einen hohen Grad von Einfluß und Macht zu erlangen, was unserer Organisation zum Vorbild dienen mag. ES gibt also auf unserer Seite Hunderttausende organi­sierter Eisenbahner in Europa, deren Vereine täglich zunehmen an Zahl und an Mitteln.* Hauptsächlich mässe man die christlichen Gewerkschaften in Deutschland bewundern, die jährlich so groß« Summe« an di« Reseroekass« abliefern, wodurch sie zu enter wahren Macht werben. Dann an die kathol. Eisenbahnangesteüten Italiens gewandt, Heidt es: „Ver- zweifeln wir nicht, laßt uns stufenweise roranschreiten. Die Italiener entbehren deS Mangels an Voraussicht nnd wollen nicht einmal aus Solidaritätsrückstchten und wegen deS Gemeinwohls eine monatliche Quote von wenigen Tentefimi opfern; Disziplin halten ist für sie eine beschweckiche Sache, die fie absolut nicht ertragen wollen, und doch kann sich ohne Geld und ohne ®ia- ziplin keine Organisation auf die Dauer halte», ^höchstens «in« solch« «im Zwecke politischer «"Sventung."

# Karlsruhe, 20. Juni 1912. Bei der gestrigen Windthorstfeier, bei der Fürst AloiS von Löwenstein die Festrede hielt, behandelte der Frei« burp er Zentrum sabgeordnete. Recht San walt Fehlen« bad), einige Fragen der inneren Politik und sprach bei der Erwähnung der Gewerkschaftssrage die Bitt« aus, es möge den deutschen Bischöfen gelingen, rechtzeitig und frühzeitig ein maßgebendes Wort an maßgebender Stelle der ttrchltchen Autorität ver« nehmen zu lassen.

Ausland.

** Zm ungarischen Abgeordneteuhanse yahm diel gestrige Sitzung denselben Verlauf rote seft Tagen. Das Parlament war militärisch abgesperrt, und di« Opposition erschien vor der Abiperrungs - Linie, wo sie protestierte und dann abzog. In der Sitzung selbst wu den nur Berichte eingereicht und für bi« nächste S'tznng mehrere Vorlagen auf die Tages- orbnung gesetzt.

** Die luremburgische Kammer nahm einstim- mig eine Adresse an die neue Großherzogin an, in der sie auf die großen Verdienste der Verfahren der Großherzogin hinweist und dieser das Vertrauen ausspricht, sie werde nach Recht und Gerechtigkeit regieren, zwischen Krone und Volk keine unberufe­nen Ratgeber dulden, die Verfassung und die inter­nationalen Verträge unverbrüchlich achten.

* Ein gemeiner Erpressungsversuch gegen bfe Salesianer. In der kirchenfeindlichen Presse Ita­liens tauchten in den letzten Tagen vorsichtig ab­gefaßte Nachrichten aus Novara auf, in denen von „sehr delikaten Vorkommnissen" im Salesianer-In­stitut San Lorenzo die Rede war. Wer den Rummel miterlebt hat, der sich vor etwa vier Jech- ren abspielte, als die Salesianer von Barazza ver­leumdet wurden, glaubte, daß eine Neuauflage die­ser Hetze bevorstehe. Eine Weibsperson namens! Crema behauptete, sie habe ihren Sohn von A ersten untersuchen lassen, und dabei seien Sittlichkefts- attentate feftgestellt worden. Jetzt nun muß bie kirchenfeindliche Presse melden, daß die Crema, ih» 17jähriger Sohn, der als Journalist ausgab, aber in Wirklichkeit Friseurzehilfe ist, ferner zwei zu die­sen gehörige Lithographen, von denen der eine sich den Grafentitel beilegte unb Lehrer am Collegia Beccaria sein wollte, in Malland verhaftet wurden. Der „Skandal der Salesianer" ist zu einer gemeinen Erpressertat geworden, der auch nicht die mii'deste Versohlung der Salesianer zugrunde liegt« Die Crema hatte einen anderen Sohn in dem er­wähnten Salesianerinstitut und nahm chn vor eini­gen Wochen daraus zurück, wobei sie der Anstatt; 300 Lire für die Jahrespension schuldig blieb. Di« Salesianer verlangten Bezahlung, die sie auch bt kleinen Raten hingenommen hatten. Das Weib schrieb nun einen Bries an Don Ferrando, den ver­dienten Leiter des Jnftftuts, toortn sie 20 000 ßtn Schweigegeld forderte, weil sie hinter Dinge gekom­men fei, die sofort zur Schließung der Anstalt füh­ren würden. Sie stehe im Begriffe, sich an die fo- zialdem akratische Presse zu wenden, wenn fie da» Geld nicht erhalte. Einige Tage später schrieb bet angebliche Journalist Gustave Crema, er wisse von der Sache und werde zur Veröffentlichung schreiten. Ein ähnlicher Brief traf von „Graf" Maueaferri ein. Die Salesianer übergaben die Briefe sofort dem Gerichte, das dem angeblidjen Skandal sofort durch die Verhaftung der Schuldigen ein Ende be­reitete. Der sozialistische „Avanti" muß ein« Rich­tigstellung bringen, indem die beiden Aerzte Giu- letti und Fora erklären, es handle sich nm eins „wirkliche Erpressung". Die kirchenfeindliche Presst hat sich noch so eben au? der Affäre ziehen können, in die sie sich mit all dem Elser threS Drbenfr. Hasses bereits hineingestürst hatte.

** Tie Zkppelinangst in England. Dai Gespenst der deutschen Luftinvasion ist in England wieder aufgetaucht, nachdem das Luftschiff Viktoria Luis« plötzlich über Amsterdam erschienen war. Schon jetzt ist es, so schreiben Londoner Blätter dazu, für einen Feind also möglich, auf einem anderen Weg« als auf dem zur See England zu erreichen. AuS der Luft sind wir an Punkten wie Docks ufw. empfindlich zu treffen. Die Herrschaft der Luft wird sehr schnell für uns ebenso eine Lebensfrage werden, wie die Herrschaft zur See. Die Blätter verlangen allgemein erhöhte Ausgaben für bie Lust« schiffahrt und Aviatik, für die jetzt 7 Millionen in den (äat eingestellt sind.

* Ten Engländern fällt die soeben beschlossens russische Flottenvermebrung trotz der englisch-russischen Freundschaft auf bie Nerven. Nach der Auffassung enAischer Blätter tritt Rußland mit der Bewilligung von anderchalb Milliarden in bett Wettkampf um die Herrschaft zur See ein und wird nach Vollendung seines Programms die stärkste Seemacht nach England sein« „Daily Mail" ist der Meinung, daß die Folge die­ser russischen Bestrebungen, zur See eine Rolle zu spielen, eine weitere Vermehrung deutscher Rüstun- geu sein werde.

*♦ Niederbrennung marokkanischer Samen. AuS der friedlichen Durchdringung, die sich in eine mili- tärische Durchdringung umgewandelt hoch ist^ nun richtig eine Durchdringung mit Feuer und Flam­men geworden. Mehr als ein Jahr hat es ge« dauerst bis das mensche-ffren übliche Rezept deS fran­zösischen MarokkoforscherS Marquis de Segon - z a c Befolgung gefunden hat. Der edle MarquiS wies Ende Mai v. I , unmittelbar nach dem Ein­marsch der Franzosen in Fez, im „Echo de Paris" darauf hin, daß bte Franzosen ein Mittel in der Hand haben, die ihiten feindlichen Stämme furcht­bar zu züchtigen: wenn in Marokko Wind herrsche, so genüge ein einziges Zündholz, um ganz« Landstriche einzuäschern Im vorigen Jahre blieben die marokkanischen Staaten trotzdem verschont. Inzwischen ist so viel Kultur unb Zivili­sation nach Marokko getragen worden (was ja be­kanntlich der Ziveck der Besetzung ist), daß man mit den Brandstiftungen nicht mchr zu jög«ft