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Zrettag kn 2b 3uni 1912.
39. Jahrgang-
Tuldaer
Zeitung
2. Blatt.
vruck uni Verlag der zuldarr AettendrnlkrraE bi
veMsches Reich.
* Wie Vie Sozialdemokratie für den Kircheuaus- iritt arbeitet, das bezeugt ,Der ßanbbote', eine sozialdemokratische Arbeiterzeitung, in Nr. H durch folgende Anzeige:
Wer sich für den organisierten Kirchenaustritt interessiert, wende Fch an die Vertrauensleute für Ostpreußen des „Komitees Konfessionslos" Ernst Kordgien, Perteltnicken Samland), Dr. Hugo Sinnhold, Puppen, (Masuren).
Also nicht nur, daß die Roten ihren Religionshaß in Wort und Schrift bekunden, sie haben nunmehr auch eine Organisation für den Kirchenaus- tritt geschaffen. Tie Sozialdemokratie läßt auch auf dem Lande die Maske fallen, die sie sich besonders hier mit dem heuchlerischen Grundsatz: „Religion ist Privatsache* vorgebunden hatte. Es soll nun auch auf das Land der Religionshaß getragen werden dadurch, daß man die Leute zum Austritt aus der Kirche zu bewegen sucht. Dieses Vorgehen wird hoffentlich auf dem Lande überall die nötige Beachtung finden! Es wird auch solchen die Augen öffnen, die der roten Gefahr gegenüber bisher die Hände in den Schoß legten und meinten, auf dem Lande könne die Sozialdemokratie keine Erfolge er» zielen. Es müssen da allenthalben Schutzvorkehrungen getroffen werden, damit wir nicht auch hier eines Tages vor den traurigsten Tatsachen stehen t Insbesondere muß man sich hier die Verdrehung der katholischen Preffe angelegen sein lassen, die einen wirkungsvollen Damm gegen die rote Flut darstellt.
cP Mainz, 19. Juni 1912. Das Laudeskomitee der hessischen Zent rums Part ei, das in den letzten Monaten sich neu konstituiert hat, trat heute unter dem Vorsitz des Abg. Justizrat Dr. Schmitt unter zahlreicher Beteiligung aus dem ganzen Lande zusammen. Generalsekretär Diehl eröffnete die Verhandlungen mit einem ausführlichen Bericht über den gegenwättigen Stand bet Parteiorganisation in Hessen sowie über die Resultate der letzten Reichs- und Landtagswahlen. Daraus ist zu erkennen, daß dir Zentrumspariei sich bei diesen Wahlen durchweg wacker gehalten hat, daß es aber eines weiteren und intensiveren Ausbaues der Organisation bedarf, um dem immer stärkeren Eindringen der Sozialdemokratie namentlich in den Landgemeinden Einhalt zu tun. Bei den Landtags- wahlen vermochte es allerdings kein Mandat in Hessen zu erobern; es gab aber in verschiedenen Wahlkreisen zugunsten der Gegner der Sozialdemokratie den Ausschlag. In der Frage der Organisation der Schulfragen soll nach den Ausführungen des Herrn Domdekans Dr. Selbst in aller Küi^e hier eine größere Versammlung stattfinden, bei weicher auf die Mitwirkung des Herrn Oberlandgerichtsrats Marx gerechnet wird. Zum Schluffe erstattete Abg. Kommerzienrat M o l t h a n ein längeres und übersichtliches Referat über den gegenwärtigen Stand der Lehrer- und Beamtenbesoldungsvorlage. Nachdenr noch die Wahlen zum Landesausschuß nleist in der bisherigen Zusammensetzung erledigt waren, schloß der Vorsitzende die Versammlung mit einem dringenden Appell, den Ausbau der Organffation im ganzen Lande energisch zu betreiben, uni für die kommenden Wahlen gerüstet zu sein.
Ausland.
** Die Katholiken im Präsidium des Pariser Stecktrates. Der Stadtrat von Paris hat fein Präsidium bestellt und dabei gezeigt, daß die Katholiken und Gemäßigten eine Zweidrittelmehrheit in dieser Behörde der Weltstadt besitzen. Bekanntlich war vor drei Jahren die Mehrheit noch unenffchieden, seht ist bereits die Zweidrittelmehrheit geworden: Zum Präsidenten wurde bekanntlich Galli, zum Vizepräsidenten Jous- selin gewählt; der erstere erhielt 43 Stimmen gegen 21 des radikalen Blocks. Auch alle anderen Mitglieder des Präsidiums erhielten die gleiche Stimmenzahl. Sie sind ohne Ausnahme bekenntnistreue Katholiken.
Aus dem Nachbargebiele.
Ä Gelnhausen, 20. Juni 1912. Die Diözesan- Synode der Diözese Gelnhausen-Schlüchtern, die
kürzlich tagte, hat sich zur Annahme einer Resolution veranlaßt gesehen, worin die zuständig gesetzgebenden Faktoren des deutschen Reiches und deS preußischen Staates angerufen werden, doch ja nicht in eine Aufhebung des Jesuitengesetzes einzu- willigen. Weniger ängstlich als diese Herren Synodalen war jedenfalls der Protestant, der in Nr. 48 des „Norddeutschen Landesboten' folgen- des schrieb:
Wir als evangelisch-lutherische Christen sind keine greunde der Jesuiten. Wir werden stets Gegner dieses -rdens bleiben und ihm, falls er uns ins Gehege kommt, mit allen erlaubten Mitteln geistigen Kampfes eritgegenlreten. Etwas anderes ist es, ob wir den Kamps mit den Mitteln der Staatsgewalt führen wollen. Das lehnen wir ab. Es ist der Sache des Evangeliums unwürdig, im Kampfe nach der Polizei zu schreien. Es ist ein Armutszeugnis des Protestantismus, daß er im Kampfe gegen die Jesuiten sich wie ein angstvolles Kind hinter den Vater Staat und seine schützenden Rockschöße flüchtet. . . . Man zitiert: „Wir Deutsche sürchlen Gott und sonst nichts in der Welt' — aber man zittert vor den 700 Jesuiten. . . . Wer ein aufrechter Protestant ist, wer als rechter evangelischer Christ sich auf Gott verläßt, der verschmäht solch unwürdige Kampfesmittel, wie das Jesuitengesetz eins ist.
Es scheint uns angesichts der Gelnhäusener, in ähnlicher Form in zahlreichen andern Synoden gefaßten Resolution, recht erfreulich, daß wir hier eine Stimme aus dem protestantischen Lager anführeu können, die augenscheinlich mit weniger Voreingenommenheit die Jesuitenfrage studiert und zu einem verständigeren Urteil über das Gesetz gelangt ist.
* Aus Franken, 20. Juni 1912. In B ad K is- singen ist der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. Kiderlen-Wächter eingetroffen. — Beim Rangieren auf dem Privatgleise der Weißpapierfabrik geriet in Aschaffenburg ein junger Arbeiter aus Goldbach, der gerade erst eingestellt worden war, zwischen 2 Eisenbahnwagen und wurde totgedrückt.
Amt Eeisa und Umgebung.
* Gehaus, 20. Juni 1912. Im Diakonissenhaus zu Eisenach verstarb im 75. Lebensjahre der frühere Bürger m ei st er Karl Gonnermann von hier. 24 Jahre lang hat er die Geschicke unseres Dorfes geleitet.
* Ostheim, 19. Juni 1912. Der Gemeinderat . hat von Amtswegen die Namen von 77 Schuldnern ! der Gemeindeumlagen und die Namen von 55 j Schuldnern des Schulgeldes veröffentlichen lassen, j Im Verhältnis zu der Einwohnerzahl (2300) ist diese : Zahl der Zahlungssäumigen allerdings bedenklich tzoch.
* Unterweid, 20. Juni 1912. Im Zustande der Unzurechnungsfähigkeit erhängte sich dr 31jährige Maurer Karl Aug. Denner in einer Scheune.
Aus Gberheffen u. den Hess. Aemtern.
* Wabern, 20. Juni 1912. Mit September d. I. soll in der Richtung Wabern-Homberg ein Reichspostautomobil eingeführt werden. Diese neue Einrichtung ist vom Publikum schon lange ersehnt und wird von allen Reisenden der Strecke mit Freuden begrüßt. Es ist vorauszusehen, daß diese 'Neuerung sich sehr gut rentiert.
♦ Schweinsberg, 20. Juni 1912. Wie wir bereits mitt eilten, sind in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni in Schweinsberg bei Homberg a. d. Ohm auf dem Stammsitz der Freiherr v. Schenckschen Familie Pretiosen gestohlen worden, die einen großen Wert repräsentieren. Das Hauptschmuckstück ist ein Perlenhalsband, bestehend aus drei Reihen Perlenschnüren (etwa 165 Perlen), an dessen Enden sich je zwei Brillanten befinden, das allein einen Wert von mindestens 60 030 Mark hat. Weiter wurde gestohlen eine antike Schnupftabaksdose mit drei Deckeln. Jeder Deckel ist mit Perlen eingefaßt. Sind die drei Deckel geöffnet, befindet sich links eine kleine Ahr, rechts eine durch Uhrwerk getriebene kleine Schmiede. Der Wert dieses Objekts wird auf 10 000 Mk. geschätzt. Ein anderes Stück stellt einen goldenen Fisch dar. Die Augen bestehen aus Rubinen, der Kopf läßt sich öffnen. Im Innern des Fisches befanden sich ein goldener Zahn
stocher und goldener Ohrlösiel. Ferner sind gestohlen ein „Dicktaler" vom Jahre 1540, auf der einen Seite das v. Schencksche Wappen (gestreckter Löwe, darunter 4 Karos) und das Fuldaer Kreuz, mehrere Orden, zahlreiche Münzen und Ringe, Für die Herbeischaffung der gestohlenen Sachen ist eine Belohnung von 2000 Mark ausgesetzt.
vermischtes.
♦* Großer Honigertrag. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird der Ertrag in diesem Jahre groß sein. Ein Hauptgrund dürfte darin zu suchen sein, daß verhältnismäßig früh ein starker Brutansatz zu verzeichnen war. Dies ist für die Erhaltung der Stände von höchster Bedeutung, und zwar hauptsächlich deshalb, weil man dann mit großer Wahrscheinlichkeit auf gute Ueberrointerung der Bienenstöcke für dieses Jabr rechnen kann.
* Geschichtlicher Fund. Bei den Aufschließungs- acbeiten am alten Eisenbahngelände in Mülheim am Rhein stießen Kanalarbeiter auf eine Jahrhunderte alte gepflasterte S t r a ß e n a n l a g e, die aller Wahrscheinlichkeit nach entweder aus der Römerzeit oder aus der Zeit der bergischen Herzöge stammt.
* Alkoholvergiftung. In einem Hause in H e r- ten in Westfalen wurde der 39 Jahre alte Friseurgehilfe Johannes Blume.rrath tot aufgefunden. Nach ärztlichem Gutachten liegt Alkoholvergiftung vor. Eine geleerte Alkoholflasche hatte der Tote neben sich liegen.
* Ein fetter Konkurs. Aus der Gutsbesitzer Wel- zel'schen Konkursmasse in Polkwitz (Niederschlesien) haben die Gläubiger eine fett: Quote erhalten. Einem Gläubiger wurde 1 Pf. (statt 1,50 Mk.), einem anderen 2 Pf. (statt 4,50 Mk.) zugestellt. Ein Rechtsanwalt, dem eine Forderung für Abschluß eines Vertrages zustand, mußte sich mit 10 Pfennig begnügen, die aber als Porto für die Benachrichtigung brauf gingen.
* Die dreihundertjährige Jubelfeier des Gymnasiums Theodorianum in Paderborn, das vom Fürstbischof Theodor von Fürstenburg gegründet wurde, wird am 6., 7. und 8. August dieses Jahres begangen werden. Das Gymnasium gehört zu den besuchtesten in Westfalen und zählt gegen 600 Schüler.
* Von einem Pferde zu Tode geschleift wurde dieser Tag- in der Nähe von Lyck in Posen ein zehnjähriger Knabe. Seine Mutter siel vor Schrecken in Ohnmacht.
* Zum Tode verurteilt wurde vom Schwurgericht in Beuchen der Fleischer K a c z y aus Zawodzi bei Katiowitz und der Fleischergeselle Koncziolka, die am 6. November den jüdischen Handelsmann Chapper aus Bendzin (Russisch-Polen) ermordeten, beraubten und im Giesche-Wald: vergruben, wegen Mordes. Frau Kaczy erhielt wegen Beihilfe drei Jahre Gefängnis.
* Mißstände in einem Pariser Krankenhause Die an den Seinepräfekten gerichteten Beschwerden gegen das große Pariser Krankenhaus „G o t e l Dien" haben, dis Pariser Preffe veranlaßt, die Laboratorien und die Nebenräume zu besichtigen. Die in den Blättern vorliegenden Schilderungen flimmert, sämtlich darin überein, daß die Unsau - 6 er feit in allen Räumen, wo Arzneimittel hergestellt werden, eine ernste Gefahr für die Patienten bedeutet, und daß die seit Jahren in diesem Spital bestehenden argen Mißbräuche dringender Abhilfe bedürfen.
* Aushebung einer Spielhölle. Die Polizei entdeckte in der Nahe der Stadt Rom eine Spielhölle. Tas Haus wurde umstellt, und mehrere Polizisten begaben sich in das Innere des Gebäudes, wo gerade mit größter Leidenschaft dem Spiel gehuldigt wurde. Die Beamten beschlagnahmten die Spielbeträge, etwa 240 000 Lire, und verhafteten ungefähr 50 Spieler.
* Der anarchistische Räuber Patncelli, der am 15. Februar in Boulogne für Seine mit einer Dynamitbombe einen Juwelierladen aufgesprengt und aus dem Schaufenster Schmuck gestohlen und dann bei der Verfolgung auf die nachfetzende Menge wiederholt geschossen hatte, wurde von den Pariser Geschworenen schuldig befunden und zu lebe n s - länglichem Zuchthaus verurteilt. Der Stau*
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\ bet nahm die Verurteilung mtt höhnischrm Lächett auf.
— Gut anSgerichtet. Hausfrau, zum Burschen, der ihr eine Einladung überbringt: «Sagen Si« den Herrschaften, man möchte mich heute entschuld bißen, ich muß nämlich selbst kochen, weil daS ganz» HauS erkrankt ist." — Bursche, zu Haus: ,<5t« möchten die Frau Rätin entschuldigen, das ganz« Haus ist nämlich erkrankt, weil die gnädige Fra« selber kocht."
— Botanisches. A.: .Die kleine Anna ist ja ein« wahre Rose." — B.: ,Ja, und Geld hat sie auch/ A.: »Also, sogar Moosrose I*
Literarischer.
Historisch-politische Blätter. Jahrgang 1912.149. Band. 11. Heft.
Inhalt: Zur »südslavischen Gefahr". — Di« neuen Verfassungs-Fragen in England. 2. Dir Entstaatlichung der anglikanischen Kirche in Wales. — Maximilian Freiherr v. Gagern 1810—1889, von Ludwig v Pastor. Von Sophie Görres. — Albertus Magnus und die Bnchöfl. Burg Donaustauf. Von I. A. Endres. — Abt Rupert Kornmann von Prifling. Ein Beitrag zur Geschichte der Aufklärung, Säkularisation und Restauration im Bistum Regensburg. Von Anton Döberl. — Prinzipielles zur Lutherfrage: Kann ein Katholik Luther objektiv darstellend — .Die Kunst dem Volke." Von M.Fürst. — Kürzere Besprechung: Zur Charakteüstik der Persönlichkeit Shakespeares.
Wie macht man sein Testament kostenlos selbst? Unter besonderer Berücksichtigung des gegenseitigen Testaments unter Eheleuten gemeinverständlich dargestellt, erläutert und mit Musterbeispielen versehen von R. Burgemeister. 1912. Gesetzverlag L. Schwarz u. Comp., Berlin 8.14, Dresdenerstraße 1.0. Preis 1,10 Mk.
Das vorliegende Buch, das den Stoff in kurzer, leicht verständlicher Form behandelt und auf alle Verhältnisse zutreffende Muster zu Testamenien enthält, ist dazu bestimmt, bei der kostenlosen Errichtung letztwilliger Verfügungen, insbesondere bei gemeinschaftlichen Testamenten von Ehepaaren, ein zuverlässiger, unentbehrlicher Berater zu sein.
Gottesdienstordnung.
Samstag, 21. Juni. Fnlda. Nonnenkirche. V»9 Uhr Hochamt.
Haudel und Judustrie.
♦* Berlin, 20. Juni 1912. Die Börse beschaf- tigte sich heule mit der Ultimoversorgung. Aus den Terminmärkten beschränkte sich der Verkehr auf einige wenige bevorzugte Werte, im allgemeine« herrschte eine ausgesprochene Verkehrsstille. Befriedigende Berichte aus der heimischen Schwerindustrie, die im Gegensatz zu den Meldungen vom amerikanischen Eisenmarkte stehen, brachten vorübergehend einen zuversichtlichen Ton in die Stimmung. Der Schluß war ziemlich schwach.
Gute Lage in der Industrie. Auf dem Ruhrkohlenmarkte hat die befriedigende Entwicklung der Absatzverhältnisse in Kohlen und Briketts während der Berichtswoche ungeschwächt angehalten. Da gleichzeitig auch die Förderleistungen der Zechen gestiegen sind, haben die Kohlen- und Brikellsen- düngen das vorwöchige Ergebnis überholt.
Märkte.
* Marburg, 20. Juni 1912. Die Zufuhr auf lern heutigen Schweinemarkte belief sich auf rund 900 Stück. Bei flottem Handel wurden durchschnittlich bezahlt für 6—7 Wochen alte Ferkel 35- bis 40 Mk., für 3—4 Monate alte Läufer 60—80 Mark und für Einlegfchweine 100—160 Mk. pro Paar.
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'20} Roman von Felix Nabor.
„Hanne! Hanne!" rief er mit einer Stimme, die sogar das Brüllen des Wildbachs übertönte.
Die Türe öffnet: sich und Hanne erschien mit schreckensbleichem Gesicht. Sie rang die Arme und rief heriiber: „Das Haus wankt, Baldwin! Die vordere Mauer ist schon gestürzt!"
„Komm' mit entgegen!" rief er. „Ich trage Dich hinüber?'
Sie schüttelte den Kopf: „Rette erst die Mutter!"
„So trage sie die Treppe herab — aber rasch!"
Hanne verschwand und kehrte gleich daraus mit ihrer Blutter zurück, die sie auf beiden Armen trug. Die alte Frau hatte ihren gesunden Arm um Hannes Hals geschlungen und begann laut zu jammern.
Inzwischen hatte Baldwin den Pfosten der Treppe erreicht, hielt sich an ihm fest und holte tief Atem. „Hanne", sagte er, „sei guten Mutes — ich bringe euch schon hinüber auf festen Grund. Zittere nicht — bete!"
Und Hanne faltete, nachdem sie ihre Blutter in Baldwins Arme gelegt hatte, di? Hände und rief mit lauter Stimme: „Vater unser — der Du bist in dem Himmel —"
Aber bann brach sie plötzlich ab und rief: „Baldwin, ich folge Dir! Ich fürchte mich hier!"
Baldwin $mg mit seiner Last langsam über den schmalen Damm, Schritt für Schritt, und rief zurück: „Bleibe zurück — ich hole Dich! — Halte Dich an dem Treppenpfosten fest und mache keinen Schritt, bis ich komme! Wenn Du den Damm betrittst, wenn Deine Kleider Wasser saugen, bist Du verloren!" —
Sie fühlte die Liebe, die aus jedem seiner Worte sprach, und gehorchte.
Baldwin ging, um von den anstürmenden Wogen nicht umgerissen zu werden, mtt kurzen, stam
pfenden Schritten dnrch's Wasser, sank einmal ins Knie, erhob sich aber rasch wieder und erreichte keuchend und schweißtriefend festen Grund. Arme und Beine zitterten ihm vor Aufregung und Anstrengung, und er sank neben seiner Bürde zu Boden. Aber es blieb keine Zeit zu verlieren; vor- sichttg legte er die alt: Frau am Fuße eines Baumes nieder und betrat wieder die schmale Todesbrücke.
Die Macht des wilden Wassers hatte inzwischen auch den alten Nußbaum unterwühlt, und drohte ihn zu entwurzeln; sein Wipfel begann zu zittern, zu schwanken, sich zu neigen; wenn er fiel, brach unter seiner Wucht das Haus zusammen und der mächtig: Stamm versperrte bann den Zugang zu der Treppe. Hanne war in Gefahr, von ihm erschlagen zu werden.
Doch sie erkannte noch rechtzeitig die Gefahr, lief ins Wasser, war mit drei Schritten an dem Stamm des Baumes und klammerte sich an feiner Rinde fest; aber sie sah, wie um sie her das Wasser brodelte und zischte, sie fühlte, wie unter ihren Füßen der Boden wich. Da machte sie noch ein paar Schritte weiter und stand nun mit flehend erhobenen Armen mitten in den gurgelnden Wellen.
Baldwin sah es und stieß einen lauten Schrei aus. „Stehe still!" rief er, „ich komme, ich bin da!"
Und jetzt gab es für ihn keine Vorsicht, kein Zögern mehr; ungestüm drang er vorwärts, um das zitternde Mädchen d:m Verderben zu entreißen. Der Nußbaum neigte sich langsam gegen das Haus, sein riesiger Wurzelballen riß eine tiefe Mulde in die Erde, und Hanne fühlte, wie sie sank. Ihre Füße standen int weichen Schlamm und verloren den Halt, ihre Kleider waren schwer wie Blei und zogen sie hinab. Sie suchte sich emporzuarbeiten, aber es gelang ihr nicht — sie sah den Tod vor Augen. „Baldwin!" schrie sie auf und streckte die Arme aus. Ihr wurde dunkel vor den Augen, ein donnerähnliches Brausen klang ihr in die Ohren — bann sank ji> —
Aber Baldwin erfaßte noch rechtzeitig ihre Hände. Sein: Füße bohrten sich wie Erzsäulen in den Grund, und langsam, langsam zog er die Ohnmächtige zu sich empor, bis sie geborg'en an seinem Herzen lag. Dann schlang er die Arme fest um sie und trug sie durch das Wasser, das ihm nichts mehr anzuhaben vermochte. Und trotz aller Not und alles Schreckens fühlte er sich stark und froh, weil er zwei teure Menschenleben dem Tode entriffen und sich selber sein Glück gerettet hatte! —
Er stand bei d:r alten Gret und hielt Hanne immer noch in seinen Armen. Die alte Frau sah- ihn dankbar an und sagte: „Baldwin — Du hast uns gerettet! — Diese Tat muß Dir der Himmel lohnen, ich kann es nicht!"
Beim Klang dieser geliebten Stimme erwacht: Hanne aus ihrer Ohnmacht, und als sie erkannte, was geschehen war, schlang sie die Arme um Baldwins Hals und küßte ihn. „O Du lieber, Du herrlicher Mann!" —
Ein donnerähnliches Krachen und Prasseln unterbrach ihre Worte. Der Nußbaum neigte sich tiefer und tiefer; seine Neste peitschten das Dach, daß es krachend zusammenstürzte. Auch ein Teil der Mauern wankte; sie stürzten in die Tiefe und der Fluß wälzte seine schmutzigen Wellen über die Trümmer.
„O weh!" rief jammernd die alte Frau, „nun ist uns die Heimat verloren!"
„Verzaget nicht, Mutter Gret!" tröstete sie Baldwin, „ich will Euch eine neue Heimat schaffen — Euch und Eurem Kinde!"
Er stellt: Hanne auf die Erde, trocknete sich den Schweiß von der Stirne und sagte: „Hier können wir nicht bleiben! — Zum Torfe ist der Weg durch das Wasser abgeschnitten — es gibt nur einen Weg, den wir gehen können — zum Wildhof!"
Und er hob die Gret auf seine Arme und schritt den Hügel empor. Aber die Krank: sträubte sich heftig: „Nein, nein — nicht dorthin!" rief sie. ^.Lieber Jterben!"
„Warum wollt Ihr nicht in den Wildhof?" fragte Baldwin so leise, daß es Hanne, die langsam folgte, nicht hören konnte. „Steht ein Geheimnis zwischen Euch — und meinem Vater?"
Die Gret nickte. „Frage nicht! — Ich kann, nicht dorthin — wo ich einmal verstoßen wurde!*
Da sagte Baldwin noch leiser: „Ich bin ja auch verstoßen — und geh: doch hin! — Es gibt eben keinen anderen Ort, wo ich Euch unterbringen kann! — Gebt Euch zufrieden! — Vielleicht ist es eine Fügung des Himmels, die uns zwingt, da Schutz zu suchen, wo wir vertrieben wurden! — Ich bringe Euch zu meiner Mutter! —"
Und er biß die Zähne zusammen und schritt jetzt, da sie die Höhe erreicht hatten, rasch weiter.
Als Frau Regine den selffamen Trauerzug nahen sah, eilte sie ihm mit Ev entgegen. „Mein Gott, Baldwin, was ist geschehen?"
„Das Häuschen der Gret ist von bem Waffel weggerissen worden", erwiderte er, „und sie hat nun kein Obdach mehr. Sie ist krank, Blutter! Im Namen Jesu bitte ich Dich: stoße sie nicht von Deiner Schwelle. Gib ihr eine Kammer — ein Lager — ein wenig Speise und Trank! — Tu es — um meinetwillen!"
Frau Regine fing zu weinen an. „Komm", sagte sie, „die zwei Frauen sollen hier Schutz finden. Ich will sogar dem Zorn des Vaters trotzen! —> Tenn es wäre grausam und herzlos, diese Unglücklichen von unserer Schwelle zu stoßen."
„Ich danke Dir, Mutter", sagte Baldwin und trug di: Kranke ins Haus. Hanne folgte ihnen.
Eine kleine, fteundliche Stube nahm die Ob- daeblosen auf. Baldwin legte die Kranke auf das weiche Lager und bat: „Mutter, nimm Dich ihre» au!" —
Frau Regine nickte. „Ev", sagte sie, „bringe einen wollenen Teppich für die Gret — und trocken» Kleider für Hanne. Und nun sag mir —**
(Fortsetzung folgt)