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Fulda, Donnerstag den 20. Juni 1912.
Erstes Blatt
39. Jahrgang.
B Die Ehre -er deutschen Flagge-
Eine nene Kaiserrebe.
Bei einem Mahle, da? nach der Rückkehr des Kaisers von der Regatta an Bord des Dampfers -Viktoria Suife* der Hamburg—Amerika-Linie statt- fanb, brachte, wie q-8 Brunsbülteikoog gemelvet wird, der Hamburger Bürgermeister Dr. Bur« ichard einen Kaisertoast aus. Er sagte darm u. a.: »Eure Majestät find nicht und wollen nicht sem ein Imperator im Sinne des Ratschlages diyide et impera (teile und herrsche), sondern rm Sinne tatkräftiger Zusammenfassung der vielgestaltigen, reichen deutschen Volkskraft. Freiheit des Wettbewerbes aus dem Lande, auf dem Wasser, in den Lüften, wir verlangen sie für uns, roie wir sie teiner anderen Macht beschränken.*
Der Kaiser antwortete:
.Wir ersahen auS der Skizze, die Eure Magnipzenz entworfen haben, rote in allen Jahrhunderten tue Ge- schichle unseres Reiches und Volkes, obwohl im allge- meinen eines kontinentalen, doch immerhlu mit dem Meere und dem Wasser in Verbindung gestände» hat und mehr oder weniger davon beeinflußt geiveten ist. Bloß, wie hrroorgehoben, fehlte es an der Zusammenfassung der Kräfte. Die ebenso interessante wie schöne und eine Zettlaug gewaltige Blüte der Hansa mußte vergehen, weil der Rückhalt der kaiserlichen Reichsgewalt fehlt«. Durch die Schö p s un g d es Reiches ist es anders geworden. Nunmehr kann der deutsch« Kaufmann unter eigener Flagge ruhig feinen Weg ziehen, sicher, daß, wo es nöttg ist, des Reiches Schutz hinter ihm steht. Aber,wie Sie alle wissen, meine Herren, die Flagge mußin Ehren wehen, und es darf nicht leichtsinnig «hr Tuch in den Winde« cnttallet werden, und nicht leichtsinnig darf sie aufge- pganzt werden, wo man nicht sicher ist, sie verteidigen za rönnen. Sie werden es verstehen, warum ich Zurückhaltung geübt habe in der Ausbreitung der deutschen Flagge, wo sie vielleicht von manchem gewünscht und ersehnt war. Ick habe mich von einem alten hanseatischen Grundsatz leiten lassen, rwd der steht m markigen Letter« am Rathaus zu Lübeck: „Das Fähnlein ist licht an die Stange gebunden, aber es loset viel, es mit Ehren wieder herunter zu holen." Run, meine Herren, ich glaube das wohl vindi- itieeen zu tonnen, daß bisher der Ehre unserer Flagge noch niemand zu nahe getreten rst, solange ich regiere. Dafür kann td) mich einfetzen, und dafür kann >ch stehen: da, wo Sie vorangehen, da wird meine Flagge Ihnen folgen." (Bravo!,
Die Worte dieses kaiserlichen Trinkspruches werben in Deutschland zustimmenden Wiederhall finden. Die deutsche Flagge mutz in Ehren wehen, betonte der Kaiser; sie darf nicht leichtsinnig, sondern nur dort ausgepflanzt werden, wo wir sicher sind, sie verteidigen zu können. Das ist eine nicht mißzuverstehende Ablehnung der alldeutschen Wünsche, die während der Marokkokrisis auf den Erwerb eines Teiles von Marokko abzielten. Die Rede des Kaisers ist zttgleich auch eine Garantie für die Aufrechterhaltung des Friedens, beweist sie doch, daß der Kaiser an der von ihm stets beobachteten besonnenen Politik unbedingt sesthalten wird. Die entschiedene Absage an die Alldeutschen, die jetzt wieder für eine weitere Vermehrung der Rüstungen sich ins Zeug legen, ist durchaus zu begrüßen. Sie wird zweifellos auch dazu beitragen, im Auslande die übertriebenen Vorstellungen, die man sich dort von dem Einfluß unserer Alldeutschen macht, gründlich zu zerstören. Während fast die gesamte Berliner Presse sich darüber einig ist, daß in den Worten des Kaisers eine deutliche Absage an die alldeutschen Bestrebungen zu erblicken ist, sucht die Alldeutsche „Post" (Rr. 283) den Worten des Kaisers eine ihrer Haltung günstige Deutung zu geben. Das Blatt glaubt annehmen zu können, daß der Kaiser habe andeuteu wollen, daß er, „nachdem seine verantwortlichen Staatsmänner das Unternehmen auf einer so mangelhaft vorbereiteten Basis begonnen hcrtten, nur ungern und schweren Herzens die Zustimmung zu einem diplomatischen Rückzug Deutschlands im Marokkostrfit gegeben hat". Wenn man jedoch die Worte des Kaisers auch nur ganz oberflächlich liest, wird man sich sofort überzeugen, daß sie den Sinn, den die Alldeutsche Post ihm unterlegen will, auch nicht entfernt haben können. Es ist schon so, die Worte des Kaisers bedeuten eine aanz entschiedene Absage an die Alldeutschen und diese werden sich damit abfinden müsien.
* Kiel, 19. Juni 1912. Die „Hohenzollern" Mit dem K a i f e r an Bord ist heute mittag 12 Uhr 45 Minuten, gefolgt vom „Sleipn-r", im Hafen eingelaufen.
* Berlin, 19. Juni 1912. Der Reichskanzler to. Bethman n Holkweg ist, der Einladung des Kaisers folgend, heute nach Kiel gereist, wo •tx bis Anfang nächster Woche bleiben wird.
X Eine nene Kundgebung zum Gewerkschaftsstreit.
Von der päpstlichen Nuntiatur in München wird der Presse folgende Kundgebung zur Veröffentlichung übergeben:
Da die verdrießliche und schädliche Polemik bezüglich der Arbeiterorganisationen in Deutschland sortdauert, ifl es der lebhafteste Wunsch des hl. Vaters, daß beide Teile jede Erörterung, insbesondere in der Prefle, ein stell en #etb es dem hl. Stuhl überlasse«, diese wichtige Frage im Einverständnis mit den Bischöfen zu prüfen und dann angemeflene Verhaltungsmaßregeln zu geben. Der heilige Vater hegt das vollste Vertrauen in die Ergebenheit der Söhne der Kirche in Deutschland, daß sie diesem feinem Wunsche nachkommen.
In dieser Kundgebung ist bedeutsam vor allem di« Mitteilung, daß der hl. Stuhl die wichtige Frage bezüglich der katholischen Arbeiterorganisationen in Deutschland „im Einverständnis Wit den Bischöfen prüfen und dann angemessene Verhaltnnasmaßreaeln geben" will.
t Damit erfüllen sich die Wünsche derjenigen Katholiken, die durch die Mtt- teilungen des Pfarrers Beyer und durch die Fas- vlng der beiden Telegramme des Kardiualstaats-
fekretärs sich beunruhigt fühlten. Ihre Hauptsorge ging dahin, daß nicht auf Grund einsei t i g r r Berichterstattung von privater und intet» esfierter Seite entscheidende Beschlüsse gefaßt und daß vor allem insbesondere die B i s chö f e, die bisher unter Genehmigung des hl. Stuhles diese Angelegenheit geregelt hatten, nicht übergangen würden. Ihr Hauptwunsch war und ist, daß nach gründlicher Prüfung eine endgiltige Entscheidung getroffen werde, die den Verdächtigungen und sonstigen Anfeindungen ein Ende setzt und den be- telligten Organisationen die Sicherheit und die Arbeitsfreude wiedergibt. Diesen Besorgnissen und Wünschen wird von der höchsten Stelle Rechnung getragen, indein eine Prüfung brc Frage verheißen wird, und zwar unter Beteiligung der Bischöfe, sodaß für eine objektive, gründliche und allseitige Jnsormafiou des hl. Stuhles sowie für die richtige Würdigung der bisher bestehenden Ordnung und der bisher geleisteten Arbeit Gewähr gegeben ist.
Der Verzicht aus weitere ö f fe n t l i ch r Erörterung der Streitfragen wird ferner erleichtert durch die Wahrnehmung, daß gerade die Gegner die Fortsetzung der Polemik lebhaft wünschen und durch ihre Hetzereien zu schüren suchen. In raffinierter Weise sucht alsbald die feindselige Presse die Katholiken gegen die Kundgebung des Apostolischen dcuntius einzunehmen. In dem einen Blatt heißt es, Rom hab« gesprochen, die Sache sei erledigt, die betroffenen Katholiken müßten sich denr Verdammungsurteil einfach fügen. In dem anderen Blatte wird gesagt, es liege eine unerhörte „Brüskierung der gewerkschaftlichen Organisation" vor, die Sache der G e w e r k s ch a f t e n müsse nun „aus Gnade und Ungnade dem Vatikan überantwortet werden". Und so Wetter! Wenn die hinterlistigen Gegner durch solche Mißdeutungen und Fälschungen uns auspeitfchen wollen, so bleiben wir erst recht bedächtig und ruhig. Rom hat noch nicht „gespro- chrn", sondern Rom läßt ja soeben durch den Nuntius verkünden, daß die Sache geprüft werden soll, und zivar unter Mitwirkung der Bischöfe. Es handelt sich auch nicht um eme kirchliche Diktatur über di: Gewerkschaften, sondern die Kundgebungen des hl. Stuhles waren an die beiden Gruppen der konfefjionellen, katholischen Arbeitervereine gerichtet. Die Prüfung und Entscheidung wird sich auf die Frage beziehen, ob den Katholiken der Beitritt zu den bestehenden interkonfessionellen Gewerkschaften nach wie vor gestattet werden kann oder ob er aus religiös-sittlichen Gründen unstatthaft ist. Das ist eine G e wisse n s f r a g e, die vor das kirchliche Forum gehört; Richtkatholiken haben nicht darein zu reden. Auch die jüngste Kundgebung wendet sich nur an die „Söhne der Kirche".
Wenn nun gemäß dem Wunsche von höchster Stelle die öffentliche Erörterung der Streitfrage eingestellt wird, so schließt das natürlich nicht aus, daß die beteiligten Arbeitervereine und deren Leiter ihrenBischöfen das Material unterbreiten, das sie zu ihrer Rechtfertigung und zur Klärung der Sache für angebracht erachten. Es muß ferner besonders hervorgehoben werden, daß der hl. Vater beide Teile zur Einstellung der öffentlichen Erörterung auffordert. Rur aus Gegen seitigkeit laßt sich die Zurückhaltung durchführen.
Der h l. Vater spricht das vollste Vertrauen aus in die Ergebenheit der Söhne der Kirche in Deutichland, ohne einen Unterschied zu Gunsten oder zu Ungunsten ettier „Richtung" zu machen. Um so sorgsamer sollten die Brüder alles vermeiden, was auf Verdächtigung der Treue des andern Teils und aus Untergrabung des Vertrauens abzjelt.
Die Fuldaer Zeitung hat es in diesem ganzen Streit: stets als ihre Pflicht betrachtet, größtmögliche Zurückhaltung an den Tag zu legen, ohne daß sie sich jedoch auf einen bequemen neutralen Standpunkt gestellt hätte. Sie kann also gern und leicht sich dem Wunsche des hl. Vaters fügen und die Erörterung einstellen. Die einfache Mitteilung von neuen Tatsachen läßt sich natürlich nicht ganz um« ' gehen, widerspricht auch nicht dem Wunsche des hl. Stuhles.
H Köln, 20. Juni 1912. In der gestrigen Vor- standsfitzung des Gesamwerbandes der christl. Gewerkschaften wurde beschloffen, einen außerordentlichen Gewerkschasts-Ko ngreßim Hinblick auf den ttn Herbst ohnehin stattfindenden ordentlichen Kongreß nicht ein zuberufen. Ter Berlmmdungsfeldzug der Fachabteilungsbewegung fei auf der ganzen Linie erfolgreich abgeschlagen. Tie gesamte christlich-nationale Arbüter- schaft katholischer und evangelischer Konfession stehe wie ein Mann fest in ber unerschütterlichen Heber» Zeugung von der wirtschaftlichen und nationalen Notwendigkeit ihres gewerkschaftlichen Zusammenarbeitens.
* Münster, 29. Juni 1912. Weihbischof von Münster i. W. Tr. I l k i g e n s hat aus einer Ftt- mungsreise in Ochtrup die katholische r Arbetter eindringlich gewarnt, sich nicht durch gewiffe Berliner Herren das Vertrauen zum Papsttum rauben zu lasten.
** Münster, 19. Juni 1912. In einer Sitzung des Zentrums-Wahlkomitees der Stadt Münster wurde scharf Stellung genommen gegen die Bestrebungen der Osterdieastagskonferenz und der Berliner Richtung.
Deutsches Reich.
• Berlin, 19. Juni 1912. Prinz Heinrich von Preußen ist von der philosophischen Fakultät der Universität Kiel zum Ehrendoktor ernannt worden. — Der Mali von Dar es Salam, Soliman Ben Rasfor Effendi, ist in Berlin eingetroffen. Der Wali, der nicht zum erstenmal in Europa weilt, hat die jetzige Reis« in der Hauptsache angetreten, um deu neuen S-aatssekretär des Reichskoionialamts, Tr. Sols, und den neuen Gouverneur von Deutsch-Oftairika, Dr. Schnee, in Berlin
kennen zu lernen und auch mit anderen maßgebenden Beamten deS Reichskolonialamts persönlich in Fühlung zu treten.
)( Zur Polizeiaffäre im preußischen Landtage. Der Oberstaalsaunalk des Kammergerichts hat die Beschwerde zurückgewiesen, bte der sozialdemokratische Abgeordnete Borchard gegen den ablehnenden Bescheid des Ersten Staatsanwalts erhoben hatte, weil dieser keine Strafverfolgung gegen den Polizei- lcutnant Kolb und besten vier Schutzleute vornehmen will. Ter Oberstaatsanwalt begründet die Ablehnung damit, der Tatbestand des Verb e.hens gegen die §§ 105 und 106 des Stra'geictzbnches (widerrechtliche Verhinderung der MaliLaksaus- übung) werde nur durch ein rechtswidriges Handeln erfüllt.
Zur Taktik der Sozialdemokraten bei den nächsten preußischen Lalidtagsmahlen schreibt bet ehemalige Dorn, äris - Redakteur Kurt Eisner in der „Chemnitzer Volksstimme" u. a.:
Es gilt den fchwarzblauen Block in Deutschland zu beseitigen. Das Wahlrecht selbst gibt dem Proletariat keine Möglichkeit, diesen Prozeß zu vollziehen. Aber wir könnten uns der Bourgeoisie zunächst einmal bedienen, um diesen Erfolg zu erreichen. Dazu gehört blos eine vorübergehende (durchaus nicht dauernde) Aenderung unserer Wahltaltik für den preußischen Landtag ... In den paar Kreisen, wo wir tn Deutschland die Möglichkeit haben, aus eigener Kraft Mandats- ersolge zu erzielen, gehen wir, wie bisher, selbständig vor. Sonst aber wählen wir schon bet den Urwahlen jeden Wahlmann, der nicht blau und nicht schwarz ist, ob es ein Freisinniger, ein Han fa b ün d ler, selbst ein Nationalliberaler ist. Diese ganze Uebung hat lediglich den Zweck, das Dreikia enwahl- recht ad absurdum zu führen. Die Bourgeoisie hak endlich wieder einmal Masten unter sich. Dann kann sie zeigen, was sie will. Wir verlangen von ihnen gar nichts bei den Wahlen, wir stellen keine Bedingungen. Im Parlament aber haben sie dann ihren Liberalismus zu beweisen. Das nächste mal können wir ja auch wieder anders handeln, und der liberale Sommernachtstraum ist wieder zu Ende. Wir wollen zunächst nur einmal das Gesicht des preußischen Landtags verändern, es mag auch dann noch eine Fratze fein, aber es ist doch wenigstens eine andere Fratze. Und dann werden es die Junker sein, denen das geliebte Drei» klassenwahlrechk gründlich verekett ist. Das wäre das Ende des Systems.
Das /Berliner Tageblatt' (Nr. 305) ist natürlich ganz entzückt von den Vorschlägen des .Genoffen" Eisner und schwärmt bereits von den „Erfolgen" dieser sozialdemokratischen Taktik. Die Freude des liberal-sozialdemokratischen Blattes wird auch nicht zum mindesten getrübt durch die Nackenschläge, die »Genoss«" Eisner dem Liberalismus versetzt. Das ist nicht weiter zu verwundern, da das Ehrgefühl des ,B. T.' in dem kriecherischen Sklaventum dieses Blattes gegenüber der Umsturzpartei längst untergraben zu sein scheint.
X Kaiserhoch und Sozialdemokratie. Die Haltung der Umsturzpartei zum Kaiserhoch ist wieder einmal aktuell geworden durch das Verbleiben des .Genossen" Dr. Landsberg im Reichstagssitzungssaal beim Ausbringen des Kaiserhochs vor der Vertagung des Reichstaas. Im Gegensatz zu der sozialdemokratiscken Parteileitung, die den .Genossen" Landsberg scharf gerüffelt hat, verteidigt der bekannte Revisio. ist Dr. Bernstein in den .Sozialistischen Monatsheften' den von den Radikalen schwer mitgenommenen „Rebellen". Bernstein erzählt recht interessante Dinge, daß nämlich das Hinausrennen beim Kaiserhoch durch Fraktionsbeschluß befohlen war, und daß dieser Fraktionsbeschluß auf eine etwas eigenartige Weise zustande kam. Er sagt:
Dem Beschluß war keine Beratung vorausgegangen, in der das Für und Wider einigermaßen eingehend hätte eiöitert werden können, noch war die Zeit zu solcher Beratung gegeben. Im allgemeinen pflegt man im Reichstag bei bloßer Vertagung vom Kaiferhoch abzuiehen; erst im letzten Moment erfuhr man unserseits von der Absicht des Präsidenten, in anbetracht der langen Dauer der Vertagung diesmal, w'e sonst bei Eession-schluß, das Hoch auszubriugen. Jnfolge- dkffen konnte die Fraktion, nachdem ihr Borsitzender, Genosse Haase, ihr die Situation klargelegt, nur in aller Eile eine Abstimmung vornehmen; zu ttgend- welcher Beratung fehlte die Zeit. So war es denn auch nur eine sehr kleine Minderheit von Abgeordneten, die, abweichend von der überlieferten Praxis, gegen das Verlassen des Saales stimmten. Zu ihnen gehörte auch meine Wenigkeit.
Tas Verhallen Tr. Landsbergs charakterisiert Bernstein in folgenden Sätzen:
Verschiedene Parteiblätler haben deutlich zu erkennen gegeben, daß auch sie auf die Zeremonie des HtNausmarfchierens lewen Wert legen, und Lundsberg nur wegen Verstoßes gegen die Disziplin getadelt. Ich bin ein aller Parteigaul, dem der Respekt vor einem Mehrheitsbeschluß sozusagen zur zwettm Natur geworden ist, und habe daher, obwohl ich gegen den Exodus gestimmt hatte, pflichltchuldigft ihn mitgemacht. Ader gerade darum wird man es nicht mißverstehen, wenn ich erkläre, daß das Vergehen gegen die Disziplin mir klein erscheint gegenüber dem Verdienst, die Frage eines Herkommens auf die Tagesordnung gesetzt zu haben, mit dem die Partei doch einmal abrechnen muß und am besten bann abrechnet, wenn sie d e Hände frei hat.
Bernstein bekennt sich als Gegner des, wie er sagt, stereotvpen Kaiserhochs, wendet sich dann aber gege das stereotype Hinausmarschieren, bas im Grunde nur ein Aushilfsmittel gegen eine noch weniger schickliche Handlung, das Verbleiben im Saal und Sitzenbleiben beim Kaiserhoch sei. Er verlangt, die Partei solle ihren Zwang aufgeben und jedem Sozialdemokraten freistellen, wie er sich beim Äai- ser^tch verhalten will. — Die liberale Presse ist ganz begeistert von diesen Ausführungen Bernsteins. Begreiflich. Hascht sie doch nach allem, was irgend wie ihre Hoffnung stärken könnte, daß die Sozialdemokratie ihren revolutionären Charakter ablegen, und sich zu einer positiven Arbeitspartei entwickeln werde. Das ist nun einmal die Illusion des Linksliberalisnius, die er sich selbst durch die zahlreichen Enttäuschungen, die ihm durch die Sozialdernokrafie in so kurzer Zett zu Teil geworden sind, einfach nicht rauben lassen will. Wenigstes müssen die liberalen Wählermassen in diesem Wahn besangen bleiben und die liberale Presse tut
selbstverständlich ihr Möglichstes dazu. Im Ernsts kann die liberale Presse doch nicht glauben, daß, wenn es dem Liberalismus wirklich gelänge, die Sozialdernokrafie das Lächerliche und Unfinnige der „Zeremonie des Hinausmarschierens" begreiflich zu machen, daß dann durch das Verbleiben der Sozial- bemohatte beim Kaiserhoch an dem revolutionären Charakter der Partei auch nur das Allermindeste geändert wird. Die Sozialdemokratie ist und bleibt die Unistnrzpartei und daß sie nichts a.tderes sei» will, das haben ihre parlamentarischen Vertreter oft genug und in aller Deutlichkeit erklärt.
* Homberg (Bez. Kassel), 20. Juni 1912. Die Ersatzwahl zum preußischen Adgeorbnetenhause Homberg-Ziegenhain ist auf ben 24. Juli angesetzt worben.
* Karlsruhe, 19. Jimi 1912. Der bayerisch« Ministerpräsident Frhr. v. Hertling, bet heut« Mittag in Begleitung des Gesandten Grase« v. Moy hier eintraf, würbe heute abeub vom Großherzog in Audienz empfangen. Anschließend fand bei dem Großherzogspaar im PalaiS Tafel statt. Nachmittags war Frhr. v. Herbling und Graf v. Moy einer Einladung des Staatsministers Frhrn v. Tusch zur Frühstückstafel gefolgt. Der .Karlsruher Zeitung' zufolge hat der Großherzog dem Frhrn. v. Hertling das Großkreuz beS Ordens Bertholds I. verliehen.
♦ Stuttgart, 19 Juni 1912. In der heutigen Beratung der würrtembergifchen Zweiten Kammer über einen sozialdemokratischen Antrag beu. Aufhebung ber württembergischen Gesandtschaften an bcn Höfen beu'schet Burtt esstaaten, erklärte Keil (Soz.h mit ber Vormachtstellung Preußens bange eine gewisse Rücksichtslosigkeit anderen Staaten gegenüber zusammen. Ministerpräsident Tr. v. Weizsaecker erwiderte, er weise bcn Vorwurf Keils entschieden zurück. Er müsse die loyal« Haltung des Reichskanzlers immer wieder an- erkennen, denn er habe täglich Gelegenheit, dies« Haltung zu tonstalieren. Er bitte, ihm, dem Ministerpräsidenten, mehr zu glauben, als ben parteipolitisch beeinflußten Ausführungen beS sozialdemokratischen Redners. Nach längerer Debatte wurde gegen die Stimmen ber Sozialdemokraten bte Bei», behaltuug ber Gesandtschaften beschlossen.
Ausland.
* Im österreichischen Abgeordnetenhaus« erklärt gestern bei der Beratung der Wehrvorlag«« der Abg. Groß, der deutsche Nationalverbaud werd« für die Vorlage stimmen, weil dadurch die Arme« gestärkt und andererseits der Bevölkerung zahlreich« Erleichterungen wie auch zweijährige Dienstzeit gewährt werden. Der Redner fuhr fort: $Bir haben aber auch dem deutschen Reich gegenüber Verpflichtungen zu erfüllen. ' (Lebh. Beif.) Wir können nicht der Bundesgenosse eines starken Reiches sein, wenn wir nicht in dem gleichen Maß« wie dieses die Streit hafte zur Verfügung haben. Wir haben eine Dankespflicht abzutragen für die tathäftige Unterstützung, die uns das Deutsche Reich und sein Kaiser in schweren Tagen gewahrt haben. (Lebh. Beifall.)
** Mandatsvertust widerfpeustiger Abg orbneter. Nach einer Vorlage der ungarischen Regierung soll die Kammer gegen widerspenstige Abgeordnete den Manbatsverlust beschließen können. Die Vorlag« wird er ft im Herbst im Plenum verhängest.
* Das englische Unterhaus trat gestern in bte Spezialberatung der irischen Selb st Verwaltungsvorlage ein und erörterte einen Abänderungsvorschlag, nach welchem gewisse Bezirke von Ulster mit überwiegend protestantischer Mehrheit vom Gestellungsbereich des Gesetzes ausgeschlossen sein sollen. Während der Debatte, die im allgemeinen ruhig verlief, kam es nur zu erregten Zwischenfällen, als fortgesetzt auf den Entschluß der protestantischen Unionisten von Ulster hinge- wiesen wurde, sich nöfigensalls mit Waffengewalt der Entscheidung des irischen Parlaments zu widersetzen. Bonar Law, der Führer der Unionisten, der offenbar feinen fanatifcheu Gesinnungsgenossen in Ulster das Recht der Anweudtmg revolutionärer Gewaltmittel znertennt, erklärte, die Regierung... werde nicht wagen (!), gegen die Bewohner von Ulster milttärifche Gewalt anzuwenden, da die Regierung, die einen solchen Befehl gebe, Gefahr laufen würde, in den Straßen Londons gelyncht zn werden (!). 33 irr ei erklärte, er erkenne die Schwierigkeit an, die Homernleftage für gewisse Bezirke von Ulster zu lösen, aber er bezweifele, daß die Be- völkerung Ulsters wirklich die Folgen der Som ende fürchten. Er glaube vielmehr, daß schließlich all« Engländer sich zu gemeinsamer Arbeit zum Wohle d«s Ganzen zusammensinden würden. Der Zusatzantrag wurde daraus mit 320 gegen 251 Stimmen abgelehnt.
♦* Die russische Manue-Vo lage angroommtn. Die Reichsduma nahm gestern die Ge'etzec vor lagen über die Vergrößerung der alljährlichen Krebitanwnsnngen des Marine »Etats für Geheim - Ausgaben von 90,000 auf 200,000 Rubel (450,000 Markt an.
*♦ Ter Wahlkampf m Chicago. Der erste Kampf ttn republikanischen .Konvent entbrannte, wie da- gestrige Telegramm barlegte, gleich bei Beginn bei Konvents über bic Genehmigung der vorläufige« Delegatenliste, die das Nationalkomitee auf» gestellt unb fast ausschließlich mit bestrittenen Tastleuten gefüllt yat. Es ist stets Gewohnheit gewesen, bte Liste be§ Komitees bis nach ber Eröffnung beS Konvents gelten zn lassen unb dann erst zu korri- gieren. Als am Dienstag nun ber Vorsitzende bei Komitees den Konvent mit der Verlesung bet vorläufigen Delegatenliste eröffnen wollte, erhoben bte Anhänger Roosevelts Einspruch, weil die List« falsch sei, und beantragten die Verlesung unb Annahme einer von ihnen aufgestellten List:. Tagdg'M erhoben die Anhänger Tafts entschieden Wider- spruch, weil dies gegen das Herkommen sei. : Schließlich entschied der Vorsitzende des Komitees, daß die Liste giltig sei, was eine Niederlage bet