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M 128. Erstes Blatt.
Fulda, Freitag den 7. Juni 1912.
39. Jahrgang.
- Der Heilige Bater gegen die christlichen Gewerkschaften?
Das Organ des Verbandes katholischer Arbeiterund Knappenvereine Westdeutschlands, die /Westdeutsche Arbeiterzeitung^ (M.Gladbach) und der »Arbeiters das Organ des Verbandes der süddeutschen katholischen Arbeitervereine, bringen gleichlautend einen Artikel unter der obigen lieber» schritt.
Es wird darin zunächst betont, was Pfarrer Beyer als Antwort des Heiligen Vaters auf die Huldigungsadreffe des Berliner Verbandes wieder« gebe, sei nicht ein Schriftstück des Heiligen Vaters, sondern die Erzählung eines Auüienztellnehmers über das, was er nach seiner Erinnerung gehört habe. Die im ,Arbeiter/ veröffentlichte Aeußerung des Heiligen Vaters könne also nicht den Anspruch darauf machen, als authentische, wortgetreue Wiedergabe angesehen zu werden. Weder in der Adresse noch in der angeblichen Aeußerung des Heiligen Vaters komme das Wort .christliche Gewerkschaften' oder ähnliches vor. An beiden Stellen werde vielmehr nur von Organisationen gesprochen, die in bestimmter Weise charakterisiert werden. Der Artikel gibt sodann die Huldigungsadresse und den Bericht über die Audienz beim Heiligen Vater im Wortlaut wieder. Die Huldigungsadreffe spricht bekanntlich von Organisationen, mit denen der Berliner Verband im Kampfe stehe, weil sie lhre Aufgabe als „rein wirt'chaftlich* betrachten, und behauptet, daß der Berliner Verband zum Untecichwd von anderen Organisationen Rechte und Pflichten der Arbeit beobachte und die christliche Gesellfchafte- ordnung wahre. Die Huldigungsadreffe wirst weiter den gegnerischen Verbänden vor, sie setz en „ihre Hoffnung vorzugsweise auf den wirtlchaftlichen Machtkampf*, während die Berliner em .friedliches Zusammenwirken* zwischen Arbeitern und Arbeitgebern wünschten. Wörtlich erklärt die ,Westd. Arb.-Ztg/ nun:
Wenn die Berliner Verbandsleitung unter den gekennzeichneten Organisationen die christlichen Gewerkschaften verstanden wissen will — man kann zwar kaum annehmen, datz sie auf die sozialdemokratischen Gewerkschaften hmsielte. obgleich nur auf diese die ganze Kennzeichnung passen würde —, dann hat der Berliner Verband an höchster kirchlicher Stelle so schwere tatsächliche Verleumdungen ausgesprochen, wie man sie an solcher Stelle nicht wagen soll. Und er hat dann mit dieser Entstellung der Tatlachen sich in schärfstem Gegensatz gestellt zu der Anschauung, welche der weitaus größte Teil der deutschen Katholiken und, rote wir ausdrücklich beifügen, fast sämtliche deutschen Bischöfe über die christliche« Gewerkschaften hegen und die mehrere von ihnen wiederholt in unzweideutiger Weife ausgesprochen haben.
Di« in der Berliner Adresse präzisierten Vorwürfe gegen die christlichen Gewerkschaften und die katholischen Arbeitervereine, welche sie empfehlen, seien, so wird weiter dargelegt, nicht bloß durch die ganze langjährige Tätigkeit der christlichen Gewerkschaften widerlegt, sondern auch durch die offizielle, gerade gegen solch« Vorwürfe gerichtete Erklärung des Generalsekretärs der christlichen Gewerkschaften, Stegerwald, in Köln vom 2. März 1912. In dieser Erklärung heißt es:
Die christlichen Gewerkschaften find gegründet worden zu dem Zwecke, um den gläubigen katholischen und evangelischen Arbeitern eine Organisation zur Verfolgung ihrer gewerkschaftlichen Interessen zu bieten, in der den einzelnen Mitgliedern keinerlei Anschauungen oder Handlungen im privaten oder öffentlichen Leben, insbesondere auch in Angelegenheiten des wirtschaftlichen Gebiets zugemutet werden, die unvereinbar find mit den Glaubens -und Sittenlehren der katholischen bezw. evangelischen Kirche, so tote sie in diesen von der zuständigen Autorität gelehrt werden. Auf diesem Boden haben die christlichen Gewerkschaften stets gestanden und werden sie in Zukunft stehen.
Die christlichen Gewerkschaften beschränken statutengemäß ihr Arbeitsgebiet auf die Behandlung praktischer Fragen wirtschaftlicher Natur, die Interessenvertretung der Arbeiter im Arbeitsverhältnis und was damit zusammenhängt. Die Pflege des religiösen und sittlichen Lebens weisen sie deshalb der Kirche, der Familie und den konfessionellen Vereinen, insbesondere den Standesvereinen zu, die Erörterung und Behandlung politischer Fragen den politischen Parteiorganisationen. Die Vertreter der christlichen Gewerkschaften haben niemals verkannt, daß im Wirtschaftsleben, wie auch sonst im Leben, Fragen auftauchen können, die das r e l i g i ö s- si t t l i ch e Gebiet berühren. Warum hätten sich sonst die christlichen Gewerkschaftler von den sozialdenwkratischen Gewerkschaften gesondert organisiert, wenn sie nicht dieser Ueberzeugung wären? Es ist stets und beständig betont worden, daß der spezifische sozialdemokratische Klassenkampf, wie er von der Sozialdenwkratie in das Gewerkschaftsleben hineingetragen wird, von den Mitgliedern der christlichen Gewerkschaftsbewegung nicht bloß aus nationalen, sondern auch aus religiösen Gründen abgelehnt wurde. Darüber hinaus sind sich die christlichen Gewerkschaften stets bewußt geblieben, daß die Sozialdemokratie nicht bloß eine wirtschaftliche Organisation darstellt, sondern auch aus der maleriel- len Weltanschauung heraus operiert und auch diese Weltanschauung offen vertritt. Mit Rücksicht darauf haben die christlichen Gewerkschaften stets dem zweiten Glied der christlichen Arbeiterbewegung, den konfessionellen Arbeiter-, Gesellen- und ug e n d v e r e i n e n, die größte Bedeutung zugemes- sl’ v ~aS haben sie insbesondere dadurch bewiesen, daß sie immer wieder ihre Mitglieder zum Eintritt 1 n cc e Konfessionellen Standesvereine a u f f o r b e r t e n, in der selbstverständlichen Erwar- tung, daß auch die konfessionellen Vereine ihre Mitführen “Cn ^^lichen Gewerkschaften ebenso eifrig zu-
Vorwürfe der Berliner Adreffe wurden durch difie Erklärung des Gesamtdorstandes der christlichen Kew-.rschasten als wahrheitswidrig er- ch \c j. SrL ^ENN trotzdem die Berliner Adreffe den christltchen Gewerkschaften das Gegenteil nachsage, und zwar in einer Adreffe an den hl. Vater und zu dem Zwecke um zu eigenen Gunsten eine Verurteilung der christltchen Gewerkschaften damit zu
erzielen, so richten sich solche Vorgehen in den Augen jedes rechtlich Denkenden.
Die „Westd. Ard.-Ztg." erinnert weiter daran, daß über die Beurteilung der christlichen Gewerkschaften vom katholischen Standpunkt aus sich, wie vor einem Monat die liberale Preffe infolge einer Indiskretion mitzuteilen wußte, die Hochwürdigsten preußischen Bischöfe auf der Bischofskonse- renz zu Fulda am 14. Dezember 1910 ausführlich in folgenden Grundsätzen geäußert hätten, die sie als für die Katholiken maßgebend hinstellten:
1. An gewerkschaftliche Organisationen: die für Katholiken sich eignen sollen, ist die Forderung zu stellen, daß die katholischen Mitglieder in allen das religiöse und sittliche Gebiet berühenden Angelegenheiten des privaten, öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens nicht zu einer Stellungnahme oder Handlungsweise veranlaßt werden, die mit dem Urteil des kirchlichen Hirtenamts unvereinbar ist.
2 Es muß gefordert werden, daß die gewerkschaftlichen Organisationen ihre Tätigkeit auf die praktische Behandlung von Fragen gewerkschaftlichen Lebens beschränken.
3. Es wird als notwendig erkannt, daß die katholischen Mitglieder solcher Gewerkschaften, die neben Arbeitervereinen bestehen, zugleich Mitglieder der kirchlich organisierten und geleiteten ka.holischen Arbeitervereine sind.
4. Von den katholischen Mitgliedern gewerksckaft- licher Organisationen wird erwartet, daß sie etwaigen Versuchen, den Einfluß der katholiscken Kirche auf das gesamte religiös-sittliche Gebiet im Leben der Katholiken zu schwächen, mit ruhiger Entschiedenheit und offener Kundgebung kirchlich treuer Gesinnung entgegentreten.
5. Tas Urteil darüber, ob Gestaltung ober Wirksamkeit einer gewerkschaftlichen Organisation den kirch- lichen Grundsätzen entspreche, bleibt dem kirchlichen Hirtenamt überlassen. Daher haben die katholischen Arbeitervereine (Sitz Berlin) sowohl wie die christlichen Gewerkschaften sich nicht gegenseitig zu verketzern und in Kontroversftagen eine jeden verletzende und erbitternde Behandlung zu vermeiden.
Diese Grundsätze seien als maßgebend dem Verbände katholischer Arbeitervereine <Sitz Berlin) und dem Verbände katholischer Arbeitervereine Westdeutschlands vom hochwürdigsten Episk opat amtlich übermittelt worden. Der Westdeutsche Verband habe erklärt, daß er bei seiner Empfehlung der christlichen Gewerkschaften stets im Sinne dieser Grundsätze gehandelt habe und daß er memals in Verlautbarungen oder Handlungen der christlichen Gewerkschaften etwas gefunden habe, was im Widerspruch mit diesen Grundsätzen stehe. Daß aber die christlichen Gewerkschaften diesen Grundsätzen der Fuldaer Bischofskonferenz entsprächen, hätten mehrere Mitglieder des preußischen Episkopates seitdem öffentlich dadurch anerkannt, daß sie in öffentlichen Ansprachen den chri st lichen Gewerkschaften ihr volles Vertrauen ausgesprochenhaben. So am 5. Februar 1912 der Hochwürdigste Herr Bischof von Hildesheim, am 25. Februar desselben Jahres der Hochwürdigste Herr Bischof von Paderborn. Ferner haben Se. Eminenz Herr Kardinal Fischer von Köln in seinem Hirtenbriefe vom 23. November 1910, der auf allen Kanzeln der Erzdiözese verlesen wurde, unter Hinweis auf beunruhigende Gerüchte, die in der Oeffentlich- keit verbreitet wurden, ausdrücklich erklärt: „Ich füge noch eigens bei, daß d e r P a p st mit Entschiedenheit erklärt hat, daß er in der sogenannten Ge- werkschastsfrage nach wie vor den bisherigen Standpunkt einnehme, nämlich, daß er den beiden Richtungen, die in dieser Hinsicht in Deutschland bestehen, gl eich mäßig neutral gegenüb er st ehe. Das dient zur Beruhigung für unsere katholischen Arbeiter, die den „christlichen Gewerkschaften" beiqetreten sind oder beizutreten gedenken." Zum Schluß heißt es:
Trotz dieser oberhirtlichen Mahnung (im letzten (5.) der von der Fuldaer Bischofskonferenz ausgestellten Grundsätze geht der Berliner Verband zum Heiligen Vater und verketzert die christlichen Gewerkschaften und damit die katholischen Arbeitervereine, welche die christlichen Gewerkschaften fördern, in ungualifizier- barer Weise. Trotzdem er aus der offiziellen Mitteilung des Hochwürdigsten preußischen Episkopats an ihn weiß, daß dieser über die Wahrung der katholischen, kirchlichen Interessen der katholischen Mitglieder in den christlichen Gewerkschaften wacht, trotzdem er weiß, daß mehrere Hochwürdigste Herren Bischöfe den christlichen Gewerkschaften bis in die neueste Zeit ihr volles Vertrauen ausgesprochen haben, daß ferner die Diözesanverbände des West-, Süd» und Ostdeutschen Verbandes katholischer Arbeilervereine unter Billigung ihrer Oberhirten von Anfang an bis heute ihre Mitglieder den christlichen Gewerkschaften zuführen, nimmt der Berliner Verband sich heraus, dem Heiligen Vater eine auf wahrheitswidrige An- gaben gestützte Denunziation der christ. lichen Gewerkschaften zu überreichen.
Deutsches Reich.
** Berlin, 6. Juni 1912. Ter Kaiser hörte heute vormittag im Neuen Palais bei Potsdam die Vorträge der Chefs des Generalstabes der Armee, des Militärkabinetts, des Adrniralftavs der Marine und des Marinekabinetts. — Entgegen Meldungen von französischcr Seite wird oifiziös erklärt, daß in Deutschland niemals die Absicht bestand, in Bern eine Botschaft zu err chlen. — Der Gesandte in Teheran, Graf v. Quadt, ist zum Gesandten in Athen bestimmt. — Die Unterrichtskommis, sion des Abgeordnetenhauses hat Petitionen um Zuziehung der Frauen zu den Schulkommif- s io neu der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. Die Regierung hatte sich aus einen ablehnenden Skandpun^ gestellt.
+ Zur Handwerkerkonferenz. Die Besprechung gewerbepolitischer Fragen, die, wie wir mitteilteu, am Mcontag vom Reichsamt des Innern mit Vertretern der Industrie und des Handwerks stattgesunden hat und in der Hauptsache der Frage der Abgrenzung von F a b r 11 und Handwerk und der Hinzuziehung der Industrie zu den Kosten der Lehr- lingsausbilduna im Handwerk aalt, haben
erfreulicherweise ein befrredigendes Ergeb- j u i s gehabt. Auf Grund der Verhandlung ist oe- ■ gründete Aussicht vorhanden, daß das erwünschte Ziel ! im Wege gütlicher Verständigung zwischen Industrie und Handwerk tatsächlich erreicht werden wird. Im Interesse des Hauö.oerts kann man nur wünschen, daß diese Verständigung recht bald herbeige- sührt wird.
* Graf Zeppelin hatte in Berlin wichtige Besprechungen über jein Unternehmen, an denen auch der Direltor der Zeppelmgefellschaft Colsmann leilnahm. Der Nachricht Den einer Audienz des Grafen beim Kauer bexeutnete Graf Zeppelin selbst als ans der Luit geariffn.
c? München, 5. Juni 1912. Die bayerische Abgeordnetenkammer hat in nicht ganz zwei Sitzungen die Generaldebatte zum Kuttusetat abgemacht. Wenn's den Liberalen nachgegangen wäre, hätte es länger gedauert. Behandelt wurden im wesentlichen nur Hochschulfrageu, >ind hier im Speziellen die Mahl von Theologen zu Rektoren au den Universitäten und der A n t i m o d e r nist e n e i d. Bekanntlich sollte bei der letzten Rektoratswahl an der M ü n ch e n r U n i ve r s i t ä t die Wahl eines Theologen ausgeschlossen werden; der Versuch ist nur an wenigen Stimmen gescheitert. Kultusminister Dr. v. Wehner hat eine Umfrage bei den Fakultäten der Universität gehalten wegen Festlegung einer Reihenfolge für die Rektoratswahl, sodaß a l l e Fakultäten der Reihe nach daran kommen müßten und auch die theologischen nicht übergangen werden könnten. Allein alle Fakultäten waren da- gegen, auch die theologischen, mit Ausnahme der Würzburg->r theologischen Fakultät, die aber auch nicht die Bindung forderte, sondern meinte, man könne auch diesen Weg gehen. Der jetzige Kultus- Minister Dr. v. Knilling verzichtet nun darauf, die Rektoratswahl durch Verwaltungsmaßnahmen festzulegen. Er vertraut, daß die Universitäten im Interesse einer ungestörten Entwicklung keinen Anlaß geben, deren eigene Tradition zu wahren. Es mutz abgewartet werden, ob sich das erfüllt. Sollte es anders werden, so wird aber dann ein Turnus festgelegt und di: Rechtsgleichheit wie Ebenbürtigkeit der Theologischen Fakultäten, deren Erhaltung der Kultusminister aus vollster Ueberzeugung für ein absolutes Erfordernis hält, sicher zu stellen sein. Auch dex A n t i m o d e r n i st e n e i d ist in dieser Kul- tu'sdebatte erörtert worden. Gleich seicht und oberflächlich ist diese Eidesfrage noch nicht leicht behandelt worden wie es seitens der liberalen Abgg. Dr. Günther und Dr. H a m m e r s ch m i e d geschehen ist, die Entsetzliches als Folgen dieses Eides an die Wand malten. Kultusminister Dr. v. K n i l- t in g ist der Meinung, daß diese Frage nur auf Grund einer gründlichen theologischen Fachkenntnis beurteilt werden kann. Das lassen die Liberalen, welche selber alles am besten wissen, nicht gelten. Als nun gar der Kultusminister ein von dem früheren Kultusminister Dr. v. Wehner eingefordertes Gutachten des ehemaligen Universitätsprosessors und jetzigen Domkapitulars Dr. Kiest in Regensburg, sowie solche der preußischen theologischen Fakultäten in ihrer Quintessenz bekanntgab, da setzte es den üblichen Lärm bei den Liberalen ab. Dr. Kiefl bekämpft die Auffassung als unzutreffend, daß der Modernisteneid an den katholischen Priester neue Anforderungen und ihm neue Verpflichtungen auferlege. Der liberale Dr. Hammerschmidt griff den Kultusminister aufs schärffte an: Der Minister habe auf eine eigene Meinung verzichtet; et habe es deutlich zum Ausdruck gebracht, daß er (der Minister) es als feine Aufgabe betrachte, der Kirche und den Wünschen der Kammermehrheit zu dienen. So kann es einem Minister ergehen bei den Liberalen, der eine kirchliche Angelegenheit gründlich und sachlich an- Packt. Ter weit ausgesponnene Angriff war ganz verfehlt. Der Minister hat sein Persönliches Urteil nicht gegeben, weil er als Verwaltungsfachmann das Urteil des betreffenden wissenschaftlichen Fach- kreifes braucht. Ins Blaue hinein, wie die Liberalen, kann ein verantwortlicher Minister nicht handeln. Kultusminister Dr. v. Knilling erklärte in seiner Erwiderung sehr treffend, er habe den Eindruck, Dr. Hammerschmidt habe deshalb so scharfe Kritik geübt, weil er (der Minister) nicht die Meinung Dr. Hammerschmidts und der Liberalen sich zu eigen gemacht habe. Daß Dr. Hammerschmidt, der doch als Vertreter der liberalen Fraktion sprach, die Reformation feierte, für den Protestantismus eintrat und eine deutsche Nationalkirche verlangte, sei nur nebenbei erwähnt.
Ausland.
** Eine Interpellation über Haldanes Berliner Aufenthalt wurde am Dienstag im englischen Unterhause eingebiacht. Die Regierung erklärte, daß Lord Haldane gewohnheilswäßig seinen Urlaub in Deutschland zu verbringen pflege. Während seines Aufenthaltes in Deutschland habe er jedoch weder eine Unterredung noch eine Korrespondenz in politischer Hinsicht geführt.
* Z» Poitugal hat das Ministerium abgedankt. Infolge der letzten politischen Debatten und der Weitecführung des Straßenbahnerstreiks ist die Stimmung unter der Bevölkerung gegen die Regierung sehr erregt. Da ein Teil der Regierungspartei in der Kammer ein Mißtrauensvotum verlangte, weil ihr die Regierung in der Schulfrage nicht westgehend genug scheint, legte das Gesamt- miniüerium das Amt nieder.
*♦ Ter Sieg der Franzosen in Fez ist unbestritten. Ter Kriegsminister hat den Befehlshaber der Fezer Militärmacht, Oberst (Souraub, zum General befördert. Es herrscht in Pariser Regierungskreisen allgemein die Ansicht, daß die Unruhen in längstens zwei Monaten niedergeworsen sein werden. — Laut „Voss. Ztg." hat die französische Militärverwaltung einige 20 marokkanische Studenten, die sie irrtümlich für Rebellen Hielt, summarisch erschießen lasten, ohne diesen die gewünschte Ge
legenheit zur Darlegung ihrer Unschuld oder auch nur ihrer Identität zu geben.
** Der Aufruhr auf Kuba. Aus Washington wird gemeldet: Vier amerikanische Schlachtschiffe sind mit über 1000 Marinesoldaten und 2000 Blaujacken von Key West nach Guantanamo abgegangen. Der kubanische Aufstand hat plötzlich einen sehr ernsten Charakter angenommen. Konsularberichte aus allen Teilen der Insel deuten an, daß Präsident Gomez machtlos ist. Die Rebellen bereiten einen allgemeinen Angriff auf amerikanisches Eigentum vor. Amerikaner, besonders Besitzer von Zuckerrohrplantagen, kabelten um Schutz. Die Rebellen greifen fortwährend Personenzüge an. Die Entsendung amerikanischer Kavallerie zur Niederwerfung des Aufstandes wird erwogen. — Nach einer Börsendepesche ist die größte amerikanische Plantage Santa Cecilia irt^Suba von den Aufrührern niedergebrannt.
** Italienische Kriegslaim. Der Wali von Smyrna meldet: Ein italienisches Torpedo- boot hat in der Nähe von Marmaritza etwa 30 gemeine Verbrecher, die im Gefängnis von Rhodos gelangen gehalten wurden, an Land gesetzt. Den türkischen Behörden gelang es, alle diese Verbrecher wieder festzunehmen. Ein anderes Torpedoboot landete 28 Häftlinge, wovon 11 von den türkischen Behörden wieder sestgenommen wurden. — Aus Derna in der Kyrenaika wird berichtet, daß dort am 31. Mai zwei Leute hingerichlek wurden, ein Einwohner, weil er ohne Erlaubnis in die Stadt zurückgekehrt war, und ein Neger, den die Italiener in ihre militärischen Abteilungen, die sie dort formieren, einreihen wollten, der aber bie ihm angezogene Uniform vom Leibe riß und erklärte, er wolle lieber sterben, als gegen seine Glaubensgenossen kämpfen. Diese beiden Hinrichtungen haben sowohl in der Türkei als auch in Aegypten große Aufregung verursacht. — Der Deputierte von Dscherbed i Gharbi richtete an die türkische Kammer und die türkische Presse ein Telegramm, das aus Deida datiert ist. In demselben beschwören die Tripokitaner die Türken sie nicht aufzugeben, da dies der Beginn zur Teilung der Türtei wäre und das Vertrauen der Jslamwelt erschüttern werde. Selbst wenn die Türken Tripolis aufgäben, würden sie weiter kämpfen und den Feind vernichten oder zugrunde gehen.
[] Die deutsche Kolonialgeseüschast hält in Hamburg ihre diesjährige Hauptversammlung ab. Die Verhandlungen wurden am Dienstag eingeleitet mit einer Vorstandssitzung unter dem Vorsitz des Prinzregenten von Braunschweig, in welcher Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg zum Präsidenten gewählt wurde. Aus dem Jahresbericht ist zu ersehen, daß die Uebersiedelung deutscher Frauen und Mädchen nach Deutsch-Südwestafrika im Steigen begriffen ist. Mit Unterstützung der Kownialgesellschaft konnte 288 Frauen und Mädchen die Ueberfahrt von Hamburg nach Swakopmund bewilligt werden. Im Jahre 1909 belief sich diese Zahl auf 208, im Jahre 1901 auf 230. Die Zahl der weiblichen Angestellten und Dienstmädchen, die freie Reiseunterstützung erhielten, belief sich auf 96 gegen 75 im Vorjahre. Der Etat für das laufende Geschäftsjahr wurde auf 335000 Mark bemessen.
Unter zahlreicher Beteiligung tagte anläßlich deS Deutschen Kolonialtages in Hamburg auch die Hauptversammlung des Deutschen Frauenbundes der Kolonialgesellschaft. Bisher beschränkte der Frauenbund sein Tätigkeitsgebiet auf Südwestafrika, es ist aber beabsichtigt, auch Deutsch-Ostafrika ins Auge zu fassen. In der Hauptversammlung wurde der Bericht über das Heimathaus in Keetnranshoop erstattet. Die finanzielle Lage dreses Hauses ist durchaus günstim Auch die Lage des Jugendheims in Lüderitzbucht, das im Dezember 1911 eröffnet wurde, ist durchaus günstig. ES wurden durch die Vermittlung des Frauenbundes im letzten Jahre 96 Mädchen nach Südwestafrika geschickt, wovon sich 76 in Stellungen und 20 im Heimatshaus befinden. Für die Kolonialschule_ in Weilbach, welche die praktische Ausbildung von Töchtern besserer Stände für die Kolonialtätigkeit erstrebt, haben sich 10 Schülerinnen gemeldet, die in ein bis zwei Jahren ausgebildet fein werden.
Mittwoch vormittag wurde im Vortragssaal deS Kolonialinstituts die aus ganz Deutschland außer- ordentlich zahlreich besuchte eigentliche Ha u p t v e r « sammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft eröffnet. Herzog Johann Albrecht begrüßte die verschiedenen Ehrengäste. Der Vertreter des Reichskolonialamts, Geheimer Oberregierungsrat H e i n k e sprach namens der Kolonialverwaltung und des Staatssekretärs. Eine weitere Begrüßungsansprache hielt der Vertreter der Abteilung Windhuk, Thomas, der den Dank der deutschen Ansiedler für die ihnen anläßlich des Hereroauf- standes durch die Deutsche Kolonialgesellschaft zur Ver- sügung gestellten Mittel überbrachte.
Alsdann beschäftigte sich die Versammlung mit bet Frage der Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse in den Kolonien. Eingehend wurde ferner über die Mischehen verhandelt. Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg führte aus, daß eine weiße Frau, die sich an einen Schwarzen wegwerfe, die Ehre der deutschen Frau mit Füßen getreten habe. Die Mischlinge müßten in den Kolonien wie die Schwarzen behandelt werden. Der gleichen Ansicht ist Oberbürgermeister Külz- Wandsbeck, während Pater Provin- zial Acker meint, daß ein Verbot der Mischehe dazu führe, daß vielleicht ein sonst ehrlicher Mann ein un- gesetzmäßiges Verhältnis mit einer Schwarzen eingehe. Es wurde schließlich ein Antrag angenommen, in dem die Aufrechterhaltung des Verbots der Mischehe gefordert wird. .
Am Donnerstag führte der Kolonraltag seine Verhandlungen zu Ende nut der Erörterung von verschiedenen Kolonialfragen. Es wurde die schleunige geo- logische Erforschung der deutschen Schutzgebiete, insbesondere von Reu-Kamerun, verlangt und die Aufschließung dieses neuen Landes durch den Bau von Bahnen. Hinsichtlich des Strafrechts in den Ko- Ionien wurde gefordert, daß bei Inangriffnahme der Strafrechtsreform die kolonialen Kreise rechtzeitig gehört werden. Ein Antrag wurde angenommen, in dem verlangt wird, daß der Kolonialetat dem Reichstag mit den Beschlüssen des Landesrats für Deutsch^Süd- westaftika und der Gouvernementsräte der andern Schutzgebiete vorgelegt werde und daß bei Ausarbeitung von Entwürfen bestimmter Gesetz« für die Schutzgebiet«