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39. Jahrgang.

• Tuldaer W Zeitung

2. Blatt.

vrxck xx» Verlag der Sxlöatr Arllendnickerel in Zxlda.

Baldwin lachte ärgerlich. „Ein schöner Emp­fang!" sagte er und klopfte an die Tür. „Heda, Hanne — so öffne doch! Ich bin doch kein Räuber, sondern der Baldwin vom Wildhof und will nach Deiner Mutter sehen!"

Zögernd öffnete Hanne die Tür. „Jst's aber auch wahr?" fragte sie zaghaft.

„Natürlich ist's wahr! Oder soll ich vielleicht auch noch meinen Patz vorzeigen?" Er trat ein, reichte Hanne die Hand zum Gruße und sagte: „Du arm's Ding! Hab ich Dich gar so erschreckt?"

Sie war ganz bläh und zitterte, und kein Laut kam aus ihrer Kehle.

„Die Ev hat mir gesagt, daß Deine Mutter krank sei," fuhr Baldwin fort; „kann ich sie sehen?"

„Konim'," sagte Hanne mit gepreßter Stimme, „und verzeih' mir, daß ich Dich so--so empfan­

gen habe."

„Da ist nichts zu verzeihen," gab er zurück, „viel­mehr muß ich mich entschuldigen, daß ich Dich so er­schreckt habe."

Hanne sührte ihn in die Stube, in der eine Hän­gelampe brannte. Die Wände waren weiß getüncht, die Einrichtung war einfach, fast ärmlich; aber es herrschte peinliche Ordnung und Sauberkeit. Mutter Gret saß in einem hohen, lederüberzogenen Lehn­stuhl, der rechte Arm lag, von Tüchern umwickelt, schwer in ihrem Schoße. Bei Baldwins Anblick öff­nete sie weit die Augen und rief: „Jesus, Mari» — der Baldwin? Der Sohn des Wilhofer — der kommt zu mir?"

„Was ist denn dabei?" sagte er. „Die Ev hat mir von Eurem Unfall erzählt, und ich hoffe, daß er nicht schlimm ist. Darf ich die Hand sehen?" Ohne erst ihre Einwilligung abzuwarten,. entfernte er behutsam die Tücher. Er entdeckte eine kleine Wunde am Finger, die sich schon wieder geschloffen hatte; der ganze Arm war angeschwollen und ge­rötet.

ffiodlef unj jolotl

* Industrie imd Landwirtschaft.

Es ist ein großes Unrecht, das der Landlvirt- i-baft geschieht, wenn zu gewissen Zwecken in der Oeffentlichkeit der Anschein zu erwecken gesucht wird, als ob die Industrie in Deutschland eine die Landwirt sch ast und ihre Leistungen weit über­ragende Stellung einnehme. Das ist aber weder Sichtlich des Wertes der tatsächlichen Produktion der Steigerung der Leistungsfähigkeit der Fall.

Gewiß, die Industrie hat in Deutschland unge­ahnte Fortschritte gemacht, aber auch die Landwirt- chaft hat ihre Leistungsfähigkeit außerordentlich ge- teigert. Heute, wo wir in Deutschland auf dem- elben Grund und Boden — denn im allgemeinen ist Grund und Boden nicht ein beliebig verwendbares Gut, sondern nur in beschränktem Umfange vorhan­den — über 65 Millionen Menschen zu ernähren haben, werden an die Landwirtschaft ganz andere Aufgaben gestellt als zu Beginn des 19. Jahrhun­derts, wo sie 25 Millionen Menschen zu ernähren hatte, und die Landwirtschaft ist diesen Aufgaben nach Kräften gerecht geworden.

Das ganze Agrarproblem läuft bei uns auf die Beantwortung der Frage hinaus, ob es möglich ist, aus derselben Bvdenfläche mehr h'erauszuho- l e n als früher. Das ist der deutschen Landwirt- chaft in reichlichem Maße gelungen. Wir sind in der Lage, für 300 Tage unser deutsches Volk voll­ständig selb st zu ernähren. 9htr 13 Prozent an Getreide werden von auswärts eingeführt. 96 Prozent des Fleischbedarfs werden im Jnlande selbst gedeckt. Der Ernteertrag an Roggen betrug 1883 E>y» Millionen Tonnen, 1909 dagegen 11% Millio­nen Tonnen. Weizen pflanzten wir 1883 2% Mil­lionen Tonnen, 1909 3% Millionen. Die Kartoffel­ernte belief sich 1883 auf rund 25 Millionen Tonnen heute sind es bereits 46% Millionen. Der Pferde­bestand hat sich von 3,3 Millionen in 1873 auf 4,3 Millionen im Jahre 1907 erhöht, der Bestand an Rindvieh von 15,8 auf 20,6 Millionen, an Schwei­nen von 7,1 auf 22,1 Millionen. Der Gesamtwert der Produktion der deutschen Landwirtschaft tvird aus ungefähr 14 Milliarden Mark pro Jahr berech­net. Der Wert der Milchproduktion in Deutschland allein beträgt 4 Milliarden Mark, ein höherer Wert als alle Bergwerkserzeugnisse zusammcngenommen.

Das sind — die Zahlen ließen sich weiter ver­mehren — wahrhaft achtunggebietende Ziffern, die der Leistungsfähigkeit unserer Landwirtschaft alle Ehre machen und die Behauptung einer angeblichen Rückständigkeit der Landwirtschaft alle Ehre machen und die Behauptung einer angeblichen Rückständig­keit der Landwirtschaft gegenüber der Industrie als müßigeSGerede erweisen.

Aus dem Nachbargebiete.

* Bebra, 2. Juni 1912. Ein an einem Bau be« schäftigler Handwerker stürzte ab und erlitt so schwere Verletzungen, daß er durch die Vermittelung der Sanitäts-Kolonne in daS Landkrankenhaus nach Hersfeld gebracht wurde.

* Wächtersbach, 2. Juni 1912. Seit einiger Zeit machten sich hier Eierdiebe bemerkbar, die der fürstl. Fasanerie sowie den Gcflügelställen in hiesiger Stadt ihre Besuche abstatteten und reiche Beute erzielten. Jetzt ist es gelungen, die Diebe abzufaffen; es sind 2*Knaben, Söhne hiesiger Ein­wohner. — Der Zimmermann G. von Kaffel stürzte vom Dach der Billa des Sanitätsrates Dr. Baur und trug außer Verstauchung der Füße schmerzhafte innere Verletzungen davon.

* Gelnhausen, 1. Juni 1912. Gestern abend wurde in Lieblos der Händler Wilhelm Berk wegen Jagdvergehens verhaftet. Ein erlegter Rehbock wurde im Keller eines Freundes des Verhafteten, namens Habersack, gefunden. Wachtmeister Krämer fand auch das Gewehr am Sommerberg in einer Tannenschonung im Walde versteckt. Habersack wurde gleichfalls verhaftet.

* Frankfurt a. M , 1. Juni 1912. Heute feierte Herr Johannes Hergenhahn, Lehrer an der Domschule, ein in der katholischen Gemeinde allge mein hochgeschätzter und beliebter Pädagoge, sein öOjähriges Berussjubiläum. Von den 50 Dienstjahren verbrachte der Jubilar nahezu 44 Jahre im Frankfurter Schuldienst. Aus diesem Anlaß fand eine akademische Festleier statt. Dem Jubilar

wurde der Kronenordex 4. Riaffe mit der Jahres- zahl 50 verliehen.

♦ Kaffel, 2. Juni 1912. Die Einführung des neuen OberbürgermeisterS Dr. Scholz wird durch den Regierungspräsidenten am 15. Jul im großen Sitzungssaale des Rathauses erfolgen. — Nach 46jährigerAbwesenheit ist ein rüstiger 64er, ein Sohn unserer Stadt, Herr H. C. Ullrich, mit seiner Gattin, die ebenfalls eine ^efftn ist, (aus Neustadt, M.-W.-B.) zurückgekehrt, um die liebe Heimat noch einmal in Augenschein zu nehmen. Ullrich wohnt in Pawtucket, im Staate Rhode Is­land der Vereinigten Staaten, wo er eine Bürsten­fabrik betreibt.

* Thüringen, 2. Juni 1912. Von Mitte Juni ab wird von der thüringischen Waldmotorgesellschaft eine regelmäßige Automobilverbindung zwischen Friedrichroda und dem Jnselsberg einge­richtet. — Beim Bataillon in Eisenach betreiben die Mannschaften Blumenpflege; sie schmücken die Fenster der Kaserne mit Blumenstöcken, wozu be­sondere Blumenbretter angebracht wurden. Die Kaserne bietet so auch ein freundlicheres Bild.

* Bad Wildlingen, 2. Juni 1912. Die feierliche Eröffnung der Eisenbahnlinie Waldeck-Corbach erfolgte gestern; alle Stationen trugen Fahnen­schmuck. Der Eröffnungs-Zug, dessen Lokomotive bekränzt war, wurde in allen" Ortschaften von der Bevölkerung aufs freudigste begrüßt. Die Bahn­durchquerung des Fürstentums Waldeck ist mit der Eröffnung dieser Reststrccke nunmehr vollendet.

* Mainz, 2. Juni 1912. Der 36 Jahre alte Buchhalter Ludwig Mühlenpfordt aus Hanau, der 5000 Mark zum Nachteile der Automobil-Zentrale Mainz -unterschlagen hatte, ist in Mainz festgenom­men worden.

*Aus dem Nheingau, 2. Juni 1912. Bei Geisen­heim wurde in der Weinbcrgslage „Schorchen" die Peronospora vorgesunden.

* Aschaffenburg, 1. Juni 1912. Eine Ministerial- kommission weilte hier, um mit der Stadt wegen Ankauf des Stiftungsamtes zu verhandeln. Dieses liegt in dem Häuserblock, der ertl. für das neue Rathaus gebraucht wird, falls es am jetzigen Platze verbleibt.

Amt Geisa und Umgebung.

* Vacha, 2. Juni 1912. Die an die Werra an« grenzenden llferstaatcn Sachsen-Weimar, Sachsen- Meiningen, Sachsen-Koburg-Gotha und Preußen wollen wegen der infolge der Kaliwerke immer mehr zunehmenden Versalzung der Werra gemein­sam eine genaue Werrakontrolle in die Wege leiten. Tie Werrakontrolle soll den Zweck ver­folgen, genau festzutetzen, wieviel Prozent an En'- laugen die einzelnen Kaliwerke bei dem jeweiligen Wasserstand der Werra dieser zuführen lönnen. Anlaß zu dieser Maßnahme gibt die Verseuchung des Grundwasserstandes im Werratal und das vor­jährige starke Fischstcrben.

* Stadtlengsfeld, 2. Juni 1912. Die 14jahrigc Frida Mohr in Stadtlengsfeld hat am 20. Febr d. Js. einem Kinde, das beim Spielen in das Wasser gefallen war und zu ertrinken drohte, das Leben gerettet. Das Siaaksministermiu nimmt Gelegenheit, ihr für diese aufop'errde. von Mut und Entschlossenheit zeugende Tat die Auerlennung auszusprechen.

Aus Gberhessen u> den Hess. Aimtern.

△ Marburg, 2. Juni 1912. Die Einnahmen unserer elektrischen Straßenbahn haben im verflossenen Monat wi.d.r eine Steigenma erfahren. Sie betrugen 7205 52 Mk. gegen bi 29 04 Mk. im April. — Bei dem heute im nahen 'Marbach ab gehaltenen Bezirksturnfest des 1. Bezirks de-. Gaues Hessen nahmen von 43 Vereinen 122 Tnrner am Wkt!urnen teil. Es erhielt den 1. Preis Rödiger (A.-T.-V. Marburg.)

* Kirchhain, 2. Ium 1912. Dir Fischerei in den Gewässern des Stadtgebiets wurde auf 6 Jahre neu verpachtet. Während bisher der jär-l dje Pa i tpre's nur 40 Mark betrag, wurden diesmal 130,50 Mark erzielt. Außerdem müssen Pa ' ter jährlich noch für eine befummle Eu ine Fischbrut

in die Gewässer einführen. — Der Wagnermeister B. hier geriet mit der rechten Hand in die Band- säge, wobei ihm vier Finger teils abgeschnitten oder schwer verletzt wurden.

* Ziegenhain, 2. Juni 1912. Die Fleischer- meister des Kreises Ziegenhain haben die Errich­tung einer freien Innung beschlossen. Die Satzungen sind vom Bezirksausschüsse in Kassel genehmigt worden. Zum Obermeister wurde der Metzgermeister Georg Hardt in Treysa gewählt.

* Frankenberg, 31. Mai 1912. Nach dem Jahresbericht der Handelskammer betrug hier der Zugang an Gebäuden in 1910: 123 mit 722 200 Mark Brandversicherungssumwe, in 1911: 151 mit 925300 Mark Brandversicherungssumme.

* Wabern, 31. Mai 1912. In Abwesenheit seiner Eltern steckte der 6 jährige Sohn des Dienst­knechts S. im nahen Dissen sein Vaterhaus in Brand. Das ganze Anwesen wurde ein Raub der Flämmen.

* Hartenrod, 2. Juni 1912. Der bei der Stein­bruchfirma Neuhoff beschäftigte Fuhrmann Wolf aus Biskirchen, der über 60 Jahre alt ist und allein die Hahnkopfsmühle bewohnte, wollte am Abend das Pferd füttern und fiel aus der Scheune herunter. Erst nm 3 Uhr nachts wurde er auf­gefunden; zufällig ging jemand vorbei, der das Stöhnen vernahm und Hilfe holte. Drei Rippen sind gebrochen und in die Lunge eingedrungen.

* Neustadt, 31. Mai 1912. Die hiesige israelitische Gemeinde wird demnächst das 25- jährige Bestehen ihrer Synagoge feiern, wozu bereits jetzt Vorbereitungen getroffen werden.

[:] Neustadt, 2. Juni 1912. Unsere Stadt stand heule und gestern im Zeichen der Kirmes, ober, wie sie in der Umgegend genannt wird, .Neustädter S a l a t k i r m e s". Sie macht den Anfang in hiesiger Gegend und ist ein beliebter Sammelpunkt für die Einwohner der umliegenden Darmstädter und und Schwälmer Dörfer. Die ankommenden Züge bringen in der Regel große Menschenmaffen, deren Ziel die „Leymlaute" ist. Hier ist für Abwechslung gesorgt und bald entwickelt sich ein echt volkstüm­liches Treiben, das seine Fortsetzung des Abends in mehreren Sälen findet. Leider war der dies­jährige Fremdeuzuflutz geringer als sonst, da zwischen 11 und 12 Uhr ein Regen einsetzte, der insofern ungelegen kam, als zu diesem Zeitpunkte der Auf­bruch in den umliegenden Dörfern geschieht, abgesehen von den Schwälmern, die bei zweifelhafter Witterung wegen ihrer teuren Tracht das Dorf überhaupt nicht oertaffen. Der zweite Kirmeslag ist mehr für die Einheimischen, sowie für das benachbarte Momberg bestimmt. Hoffentlich haben die Geschäftsleute und Budenbesitzer doch einigermaßen ihre Unkosten gedeckt.

vermischter.

** Die Nalionalflugspeude soll nach Blälter- nielbiingen bereits den Betrag von 7 Millionen Maick ergeben haben. Das entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Da die Unterausschüsse das Ergebnis ihrer Sammlungen vorderhand nicht mitteilen, um nach Abschluß mit einer um so größeren Summe vor >ie Oeffeullichkeit treten zu können, ist aud) das Reichekonnlee nicht in der Lage, das augenblickliche Ergebnis mit annähernder Genauigle t jestzustelleu

weil tine Schätzung nach den bisher eingclausenen Meldungen überhaupt möglich ist, haben dir Sammlung n, w:c die .Rordd. Allg. Ztg/ «Nr. 127) nutleilt, die dritte Million noch n cht über« fchritten.

* Das musikalische Haus. Mitten im Wohnvier­tel am Bayerischen Platz in Berlin wird dem­nächst ein „Palast" erstehen, der der musikalischen Menschheit gewidmet ist und von der unmusikalischen mit noch größerer Inbrunst begrüßt werden dürfte. Alle Zimmer dieses seltsamen Hauses werden mit Klavieren ausgestaltet und gegen Schmdenmiete an Musiklehrer und^Schüler für „Unterrichtszwecke" ab­gegeben. Die Tausende, denen die musizierenden Hausgenossen oder Nachbarn bisher das Leben ver­gällten, werden wie von einem Alp befreit ausatmen: ie sollen nun Ruhe finden.

* Ankauf des „Goldenen Zepters". Die Bres- laiier Stadtverordneten beschlossen anläßlich der be­vorstehenden Jahrhiindertfeier der Freiheitskriege

der Himmel glühte in Gold und Purpur, und int Tage lagen blaue Schatten.

Ev kam eben vom Felde. Sie hatte das Reff geschultert, und von ihren Lippen klang ein fröh­liches Lied-

„Keine Rose, keine Nelke Kann blühen so schon, Als wenn zwei verliebte Herzen Beieinander tun ’. . . ."

Das schien ihr Lieblingslied zu sein. Sie brach jäh ab, als sie Baldwin und seine Mutter erblickte, grüßte die beiden und schnupperte mit dem Näschen. „Ich möcht' wetten, es schmeckt (riecht) nach Ku chen!" sagte sie. „Da fallt vielleicht auch ein Stück für mich ab!"

„Leckermänlchen!" sagte Frau Regine lächelnd. „Hast Du auch fleißig geschafft?"

"Der ganze Acker ist niedergemacht," berichtete Ev stolz.

„Dann sollst Du ein Stück Kuchen haben so groß versetzte Frau Regine; „gleich mach' ich das Essen zurecht."

Ste nickte Baldwin zu und ging ins Hans.

™ '/,u , sagte Ev vertraulich, „schau' nur, Deine Mutter geht so flink wie ein junges Mädl' So hab ich ste fett lang nimmer geseh'n. Allweil ist sie so mud und vergrämt gewesen und so traurig. Und emmal ist sie wieder froh geworden, und das Gluck lacht thr aus den Augen. Das macht hält, well Du wieder heimgekommen bist."

„Ach, ich bin ja auch so froh!" rief Baldwin und breitete bte Arme aus, als wolle er seine Mutter und die ganze Heimat umfangen und ans Herz drücken. Er legte Ev wie einem guten Kameraden den Arm um bte Schultern und sagte: „Du, wir wollen fest zufammenstehen unb ber Mutter recht viel Frcube machen."

Ev nickte mit feuchten Augen. „Ja, das wollen wir! Aber jetzt muß ich noch rasch in Scheuer unb Stall unb nach bem Rechten sehen, eh' ich zu Nacht ess'. Ja, was ich Dir noch sagen will, Balbwin: Die alte Gret' gefällt mir gar net. Sie sagt, es hab' sie was gestochen auf unserm Acker, und nun

Ratter nßluf.

6] Roman von Felix Nabor.

Der große Gemüsegarten hinter dem Hause war wohlbestellt unb zeigte einen Ueberflnß, sobaß Balb­win seiner Mutter bas höchste Lob spendete.

„Das ist Dein Reich," sagte er, „da ist alles blank U1~. fauler, und Dein Fleiß lohnt sich durch über- retche Fülle. Sie errötete über dieses Lob; es war der erste tropfen Glück, der nach jahrelangem Hun­gern um Stehe in den bittern Lebenskelch fiel.

„Man sollte diesen Ueberflnß an Gemüse, Bee­ren und Obst in die Staot verkaufen, das müßte viel Geld einbringen," fuhr Baldwin fort. „Noch mehr aber wäre an Milch unb Butter zu verdienen. Dazu müßte freilich der Viehstand verdoppelt werden. Der Feldbau ist ohnedies wenig einträglich und braucht so viele Hände;, im Stgll aber schassen zwei Hände mehr als zwanzig' auf dem Acker."

-,Ja", nickte Frau Regine, „ber Landwirt ist übel dran. Die Dienstboten sind rar und fordern hohen Lohn, die Preise gehen zurück; nur die Stenern wachsen mit jedem Jahr. Da ist es kein Wunder, wenn es rückwärts geht."

„Nur Mut, Mutter! Jetzt greife ich mit meinen jungen, starken Armen ein — da muß es vorwärts gehen! Ich habe nicht umsonst so vieles gelernt — ba§ soll jetzt dem Hof zugute kommen."

"Ach Gott, Baldwin, Du wirst wenig zu regte« ren haben, weil der Vater keinen andern neben sich

Und er hängt dabei zäh am Alten und Her- gebrachten und ch voll Mißtrauen gegen alles Neue. S1 keme Eisenbahn und keine Maschinen — es soll alles im alten Gleis weitergehen."

.4a schwiegen beide, und die Sorge wuchs riesen­groß vor ihnen empor.

Sie gingen über die Felder, und Baldwin er­kannte immer mehr den Verfall, und immer ernster wurde sein Gesicht. Es war schon Abend, als sie wieder auf den Hos zurückkehrten. Die Sonne stand wie eine blutrote Kugel über den westlichen Hügeln

ist ihr Arm geschwollen und sie hat große Schmerzen. Die Hanne, das arme Ding, ist in großer Sorg' und hat keinen Menschen, der ihr hilft unb guten Rat gibt. Verstehst Tu benn nicht ein bissel von ber Doktorei? Du hast boch so mächtig viel stubiert!"

Baldwin erschrak. „Ein bißchen was versteh' ich schon," erwiderte er, „unb nach ber alten Gret' will ich auf ber Stell schauen. Das ist doch Christen­pflicht, nicht? Und wenn das Unglück gar auf nu­ferem Acker geschehen ist, ja, da muß' ich freilich nach der Armen sehen."

Er grüßte kurz und eilte durch die Felder den Hügel hinab. Am Fuße desselben lag auf einer schmalen Landzunge, um die ber Fluß einen Bogen fchlug, bas Häuschen ber alten Gret. Ein alter, mächtiger Nußbaum breitete schützenb feine Neste über bas Dach aus, an den Grundmauern der Front aber riefelte das Abwasser des Flusses vorüber, unb wenn dieser nach starkem Regen oder nach der Schneeschmelze hoch ging, stand das ganze Häuschen unter Wasser unb sah wie eine weiße Insel aus; daher nannten die Dorfbewohner das Haus nur die „Insel" und seine Bewohnerin die „Jnselgrel".

In bem kleinen Gärtchen blühten Golblack unb Reseden, bie Vorderseite des Hauses war von den grünen Ranken der Schlingrose ganz bedeckt, unb bie roten Röschen hingen wie lenchtenbe Rubine zwi­schen bem bunklen Grün.

Aus ben geöffneten Fenstern drang matter Licht­schein, und Balbwin vernahm lautes Stöhnen. Er stieg bie Holztreppe empor, bie an ber Rückseite zur Türe emporführte; ein breiter Erdwall verband hier das Haus mit dem Hügel. Hier stand auch ber Nußbaum, ber sich wie eine hohe Kuppel über dem Hause wölbte und im Sommer Schutz gegen die Hitze bot.

Dft alte Treppe knarrte unter Baldwins Tritten und in der Tür erschien Hanne und hielt ein Ker­zenlicht hoch. „Wer ist da?" fragte sie ängstlich. Unb als sie bie große Männergestalt auftauchen sah, süeß sie einen Angstschrei aus, warf bie Tür zu unb fchob den Riegel vor.

den Ankauf des hiswrisch denkwürdigen Gebäudes „Zum goldenen Zepter", des ehemaligen WerbeorteS der Lützower Freffcharen unb ber Wohnstätte des Freiherrn vom Stein. Der Kaufpreis beträgt 230000 Mark.

* Die Hinterlassenschaft einer Ermordeten. Ei»! überraschender Fund ist in Rechberghausen in Württemberg in der Wohnung einer vor wenigen Monaten ermordeten Lehrerwitwe gemacht worden. Bei der Aufnahme des vorhanden.n Mobiliars stieß man auch auf einen alten Sessel, der sich als auf­fällig schwer erwies. Eine genauere Untersuchung lieferte dann ein überraschendes Ergebnis. In einem in dem Sessel verborgenen Gefäß wurden 32 Zwanzigmarkstücke, also em Barbetrag von 6400 'Mark, aufgefundrn, außerdem wurde rin Barver­mögen von 21000 Ma k festgestellt, das d-r Er­mordeten gehörte.

* Ein Bürgermeister als Anstifter eines Ver­brechens. Der Bürgermeister in L e s k a u in Böh­men hatte einen Briefträger an gestiftet, einen Raub­anfall vorzutäuschen, um so die Post um mehrere tausend Kronen zu betrügen. Die Polizei, bte da­hinter kam, verhaftete beide. In einem Scheunen­versteck wurden achttausend Kronen aufgefunben.

* Tas Paradies der Ttenstmädchen ist Newyork ober vielmehr Amerika überhaupt, wenn alle Er­zählungen stimmen, die aus bem Lande des Dollars zu uns kommen. Danach werden gegenwärtig 100000 Dienstmädchen in Newyork gesucht. Als Turchschnittslohn werden 75 Mark für den Monat bei freier Station, einem freien Tag und außerdem einem freien Abend in der Woche angegeben. Wer tüchtig ist, erhält noch mehr freie Abende. Aller­dings hat das Dienstboten-Paradies auch feine Schattenseiten. Der Amerikaner heiratet nämlich nnr selten ein Mädchen bienenben Standes, und deshalb hungert die Amerikanerin lieber mit einem geringen Lohn, ben sie in der Fabrik oder auf bem Kontor verdient, als daß sie unter besseren Be­dingungen eine Stelle als Dienstmädchen annimmt. Und so mangelt es in Amerika überall an Dienst­mädchen, obschon sie von den Herrschaften geradezu verhätschelt werden.

— Schlechtes Gewissen. Torswirt. „Teifi, heuer krieg' ich an’ Staatsanwalt als Sommerfrischler j Die frag'n einen immer fe-bumm! ... Da will ff do' lieber als Bettvorlag für die Rehbeck' a' Stroh» matl’n hinlegen!"

Literarischer.

1. Was jeder Mieter und Vermieter von seinen Rechte« und Pflichten wissen muß und anderes mehr. 2. Was ist beim Erwerb und Besitz von Grund­stücken zu beachten und wie kann man sich vor Verlusten schützen? Zwei praktische Ratgeber mit vielen Winten unb zahlreichen Beispielen aus der Praxis, sowie Bertrags- und Klageent­würfen von R. Tautz, Breslau H. Selbstverlag des Verfassers.

Die kleinen, empfehlenswerten Werkchen behandeln ausführlich die Rechte unb PfliAten der Mieter und Vermieter, geben Aufklärungen über dir gegenwärtige Lage der Hausbesitzer und die Schwierigkeiten bei Be­schaffung von Hypotheken. Sie bringen ferner aber auch tine Menge Vorschläge, wie man sich durch Vor­sicht vor Verdruß und Geldverlusten schützen kann. Der Preis von 50 Pfg. für jedes Exemplar (Porto pp. 10 Pfg.) ist sehr niedrig bemessen.

Handel und Industrie.

* Berlin, 1. Juni 1912. An ber Börse herrschte am Samstag im Gegensatz zum Freitag eine nüch­terne Stimmung. Der Verkehr war sehr schlep­pt ub. Von einer späteren Befestigung profitierten be anders Hansaaktien.

Reklamen- und Anzeigenteil.