Einzelbild herunterladen
 

M 124.

Samstag -en

39. 3ahr-«lS-

* Tuldaer M Leitung

0. Blatt.

Dtwtf ui6 Detlag 0« Kuilaet Actlendruckerei in Znida.

G B„r der Entscheivmrg in Belgien

Der morgige Sonntag ist für Belgiens politische Zukunft ein höchst wichtiger Tag, an ihm wird die Frage entschieden, ob die bisherige katho­lisch« Parlamentsmehrheit, die nur mehr auf einem Ueberaewicht von sechs Stimmen im Abgeordneten­bause und 16 Stimmen im Senat beruht, denl Lande erhalten bleiben soll, oder ob sie dem vereinigten Ansmrm der Liberalen und der sozialdemokratischen Partei, an deren Spitze der Sozialdemokrat Ban der Velde steht, erliegen wird. Das Proportional­wahlrecht, das von den Katholiken eingeführt wurde, wird die Entscheidung herbeiführen.

Infolge des liberal-sozialistischen Kartells schien sich ein Sieg der Gegner fast ziemlich sicher vorzu­bereiten. Der Sturz des Ministeriums Schollaert und die Zurückziehung seiner Schulvorlage waren Tatsachen, die auf eine für die Katholiken Belgiens ungünstige Verschiebung der politischen Machtver- hältnisse hinwiesen. Im kirchenfeindlichen Block waren darum die Hoffnungen auf das Heranbrechen einer neuen liberal-sozialistischen Aera eine zeitlang sehr stark. Doch allmählich änderte sich das Bild. Der Glaube im katholikenfeindlichen Lager an die erträumte Zukunft wurde zusehends schwächer, und jetzt ist die Siegesgewißheit so ziemlich geschwunden.

Und das kam vor allem so. Die Kommunal­wahlen Ende vorigen Jahres, die das liberal­sozialistische Kartell erproben und zum Siege sich­ren sollten, brachten ihm statt dessen eine Nieder­lage. Zwar gewannen die vereinigten Katholiken­feinde in den großen Städten mit Hilfe des dort geltenden Wahlmodus einige neue Sitze, gingen aber an Stimmenzahl durchweg zurück. Auf dem Lande verloren sie nicht nur Stimmen, sondern auch Sitze, so daß das Gesamtresultat nach ihrem eigenen Eingeständnis für sie ungünstig war. Der allge­meine Stimmenzuwachs «wer, den die Katholiken zu verzeichnen hatten, eröffnete diesen für die Parla­mentswahlen die besten Aussichten.

Die zweite Niederlage erlitt der Block ans dem Parlament arischen Kampfplatz. Nach­dem die Mehrheit des Volkes der katholischen Partei seine Treue bei den Kommunalwahlen aufs neue bewahrt hatte, versuchten seine Feinde, ihni diese Partei durch Bereitung parlamentarischer Nieder­lagen zu verleiden. Nacheinander wurden darum von der Linken große Debatten über die Schul-, Heeres- und Kolonialfrage herausbeschwo­ren. Doch bei keiner wurde der Zweck erreicht Alle die großen Redeschlachten endigten mit dem ehrenvollen Siege der Katholiken. So hat insbe­sondere die Interpellation des Blockführers und freimaurerischen Sozialisten Bandervelde über die Jesuttenmifswnen am Kongo nur dazu beigetragen, den großartigen kolonisatorischen und nationalen Wirken der Jesuiten allgemeine Anerkennung und neue Freunde zu erwerben. Die behaupteten „Ver­brechen" erwiesen sich als Schwindel. So endigte darum auch dieser Feldzug für den Block mit einer neuen unerwarteten Niederlage.

Die letzte Hoffnung aber wurde dem Block ge­nommen durch die kürzlich erfolgte Veröffentlichung der Volkszählungsergebnisse von 1910. Danach hatte Belgien am 31. Dezember 1910 eine Bevölkerung von 7 433 748 Einwohnern. Da nun nach der Bersaffung ein Wahlkreis nicht mehr als 40000 Einwohner umfassen darf, mußte entspre­chend der Bevölkerungszunahme die Zahl der Ab­geordnetensitze vermehrt werden. Und so wird statt der bisherigen 166 Deputierten Bel­gien für die neuen Wahlen 184 zählen. Die Linke erhoffte nun von diesen neuen 18 Sitzen die Mebr- heit für s i ch, was bei den bisherigen parlamenta­rischen Parteiverhältnissen — 86 Katholiken gegen 80 Blockleute, — leicht einen Uebergang der Mehr­heit an letztere hätte bedeuten können. Doch auch in dieser letzten Hoffnung wurden sie bitter ent­täuscht: die Bevölkerungszunahme entfällt nämlich in biel stärkerem Maße auf den treukatholischen flämischen, als auf den vom französischen Bei­spiel angesteckten wallonischen Bevölkerungsteil. Auch bei den kühnsten Berechnungen kann die Linke kaum zehn der neuen Abgeordnetensitze für sich erhoffen, womtt aber die bisherige katholische Regierungs­mehrheit nicht zu brechen ist. Dabei muß aber auch noch berücksichtigt werden, daß die Katholiken be­gründete Aussicht haben, bei den Wahlen mehrere

der gegnerischen Sitze, die nur mit geringen Majo- rttäten von der Linken erobert worden, wieder zu­rückzugewinnen.

Sollte es den Gegnern trotzdem gelingen, mit einer geringen Mehrheit aus dem Wahlkauchfe her­vorzugehen, — es könnte sich nämlich nur um eine ganz geringe Mehrheit handeln — dann bildet die Aufrollung religionspolitischer Fragen im neuen Parlamente wahrscheinlich auch ein Anfang vom Ende, da ein religionsfeindlicher Beschluß des Ab­geordnetenhauses einen Konflikt mit dem Senat mit sich brächte, der nach wie vor in seiner Mehrheit katholisch bleibt. Damit wäre die Gefahr einer neuen Auflösung gegeben. Die Katholiken Belgiens können auf ihre starken politischen und sozialen Or­ganisationen vertrauen, aber mit einem völlig siche­ren Wahlerfolge nicht rechnen. Bei dem Kampf von einer so geringen Majorität geben die Unent­schiedenen den Ausschlag.

Deutsches Reich.

--- Die Tagung des Deutschen Lehrervereins, die nunmehr beendet ist, bedarf noch einer Beleuchtung. Der Deutsche Lehrerverein ist bekanntlich von aus­gesprochen radikaler Richtung. Seine Bestre­bungen laufen im wesentlichen ganz auf die lints- liberalen Tendenzen hinaus, wie diese vom Freisinn für die Schule proklamiert worden sind. Man i e seiner Mitglieder haben sich auch schon das sozial, demokratische Schulideal erkoren. Zunächst wollen diese Herren Juaenderzieher von der kirchlichen Schulaufsicht nichts wissen. Sie wollen überhaupt den Einfluß der Kirche auf die Schule mögtichst herabmiudern, wei n nicht gar überhaupt ganz aus­schalten. Der Religionsunterricht soll, io möchte man es gerne haben, interkoniesstonell sein, d. h. es soll ein allgemeiner, verwaschener Moralunter, richt an die Stelle des konfessionellen Religions. Unterrichts treten. Das lrtz'ere Ziel dieser Be. strebrmgen ist, wie man weiß und wie es von Schulmännern dieser Richtung oft genug aus« gesprochen ist, die Trennung von Kirche und Staat. Der Kultusminister steht diesen Bestrebungen natur­gemäß als Gegner gegenüber. Der Staat ist auf der christlichen Grundlage ausgebaut und soll auf dieser weitergesührt werden. Der Kultusminister hat die Pflicht, auch in Kongressen der Lehrerschaft das christliche Prinzip energisch zu rertreien und die Lehrer zur Befolgung ihrer flirt)t nach dieser Richtung bin zu ermahnen. T as bat der Minister keineswegs getan. Er bat in seiner Begrüßungs- ansprache (vergl, Nr. 121) ganz schöne Worte ge- psrochen über die Bcdeuumg des Standes der Volks­schullehrer, über die Rotwendigkett der Pflege des Idealismus, über die Ausschaltung des polnischen Kampfes aus der Schule uuv., aber was mau zu büren erwarten durste, hat er nicht gesagt. Zum Danke dafür hat der Minister gleich darau! durch den ersten Vorsitzenden des Vereins eine Auf­klärung über die Ziele desselben erhalten, die ihm nickst gerade in die Ohren geklungen sein mag. Leh­rer Röhl-Berlin sagte nämlich: „Unfcr Prinzip rst nickt: los von der Kirche, aber wir erstreben einen Piatz neben der Kirche. Wir wollen einen von der Kirche unabhängigen Lehrerstand." Na also! Von der Kirche unabhängig sein heißt nach dem Durchschuilts-Denlvermögen gemö nliher Europäer: los von der Kirckel Und die seine Unterscheisuna des Redners n itzt nichts angesichts der offen be- kundetep Bestrebungen des Vereins, die Kirche aus der Erziehung der Jugend ganz auszuschalten. Das iwffen wir so gut, rote es der Herr Minister weiß. Angesichts dessen müssen wir es beoaucrn, daß der Minister (ein Wort über die Notwendigkeit sand, daß die Pflege der Religion in der Volksschule die erste Notwendigkeit ist für das Blühen und Gedeihen unseres Erziehungsroesens Dem Wo te »Religion" ist der Minister sorgfältig ausgewtchen, an Stelle dessen setzte er mehr oder weniger aut gelungene Phrasen. Das mag ja ein großes Zartgefühl gegenüber den andersdenkenden Lehrern verraten. Allein wir meinen, es tft durch­aus unangebracht in eurer Zeit, da der Unglaube sich immer frecher hervorwagt, um unser ganzes christliches Erziehungswesen zu überschwemmen.

Aus dem Nachbargebiete.

* Aus der bayerischen Rhön, 31. Mai 1912. Buch hierzulande macht sich em steigendes Bedürfnis nach elektrischer Energie sür Licht- und Krastzwccke fühlbar. Für die Umgebung von Neustadt a. S. wird daher eine Uederlandzentrale projektiert, welche mit Benützung der Waffcrkraft der Saale bei Unterebersbach mehr als 20 Ortschaften bis nach Königshofen mit Elektriznät versorgen soll. Die Aufbringung der erforderlichen Betriebskapitalien soll auf genoffenschastitchem Wege erfolgen. — Eine moderne Feuermeldeanlage soll in Bad Kis singen geschaffen werden. Die Angelegenheit ist sür den Badeort mit seinen kolossalen Gebäude- und In« oentarroerten von großer Wichtigkeit.

* Rotenburg, 31. Mai 1912. Gestern abend gegen 8 Uhr entstand im Rathause ein größerer Zimmerbrand. Durch den aus dm Fenstern dringenden Qualm wurde der Brand frühzeitig genug bemerkt, sodaß er alsbald gelöscht werden konnte. Die Wand und der Fußboden des Ztmmers sind erheblich beschädigt. Ebenso sind die in dem Ztmmer aufbewahrten wertvollen Anschauuugsbilder, rote Globus usw. vernichtet. Das Feuer ist an­scheinend im Kamin entstanden.

* Kastel, 31. Mai 1912. Dem, wie gemeldet, in Bad Si|fingen verstorbenen Kommerzienrat Weg­mann-Rothenditmold, ist auch die katholische Gemeinde zu Rothenditmold zu Dank verpflichtet. Denn er hat ihr den Kirchbauplatz auf dem Rolen- betge, sowie einen namhaften Betrag zum Bau des Turmes der Kirche gestiftet. Auch den Platz zum neuen MarienkrankeuHause auf dem Rotenberge, das von dem Mutterhause der Barmherzigen Schwestern in Fulda erbaut wird, hat er geschenkt.

Amt Geisa und Umgebung.

* Dermbach, 30. Mai 1912. Im 4. Verwal­tungsbezirk hat sich kürzlich ein Sonderkomitee für die N a t i o n a l f l u g s p e n d e gebildet Den Vorsitz hat General Grus zu Boyneburgk in Gehaus übernommen. Ihren Beitritt zu dem Komitee ha­ben erklärt u. a. die Herren: Schulrat Heiland- Dermbach, Fabrikdirektor Burck-Dermbach, Fabri­kant Möller - Empfertshausen, Bürgermeister Weide-Vacha, Direktor Psordte-Buttlar, Landtags­abgeordneter Dr. Kiel-Äeisa, Rittergutadminiitra- tor von Blumröder-Stadtlenasfeld und Landtagsabg. Kaiser-Tiefenort. Die Kassaführung des Sonder- lomitees hat Herr Rendant Becker-Dermbach über­nommen. — Wie aus Eckartsberga gemeldet wird, ist Bürgermeister Sommerbnr g-Dermbach zum Bürgermeister dortiger Stadt gewählt worden.

* Stadtlengsfeld, 30. Mai 1912. Gestern mor­gen verunglückte der Monteur G. auf dem Schacht Schrammhof dadurch, daß er der Stark­stromleitung zu nahe kam und die linke Hand und Arm stark verbrannte.

* Tiefenort, 31. Mai 1912. Die Handwer- kervereinigung im Eisenacher Ober­land hält am Sonntag. 16. Juni, Hierselbst seine diesjährige Jahresversammlung ab. Neben son­stigen Punkten steht auf der umfangreichen Tages­ordnung ein Vortrag des Sekretärs der Handwerks­kammer zu Weimar, Herrn Stier, über „Die Mei- sterprüfungsordnung". — Die Stelle eines Gemein­dewegehalters für die hiesige Gemeinde, mit der auch die Obliegenheiten des Gemeindebaumwärters verbunden sind, ist wieder zu besetzen. Das Ge­samteinkommen beträgt jährlich 900 Mark.

Aus Gderhesien u. den Hess. Aemtern.

* Kirchhain, 30. Mai 1912. Vor den Feiertagen hat ein Schwindler bei hiesigen Abonnenten des „Sonntagsfreund" Abonnementsgelder einkas­siert. Wenn auch nicht alle, so hat sich doch ein Teil der Abonnenten täuschen lasten und zahlten. 10—15 Mark soll der Schwindler erbeutet haben. Auf eine Anfrage bei dem Verlag des Sonntagsfreund kam alsbald die Antwort, daß niemand zum Kassieren beauftragt fei. Vor dem Schwindler mutz gewarnt werden.

* Rikdertleiu, 31. Mai 1912. In den Ruhe- stand versetzt wurde der Reoiersörster Herrmann in Niederklein, Oberförsterei Neustadt, vom 1. Juli d. IS. ab.

* Ziegenhain, 30. Mai 1912. Unter dem Pser- debeftande des Mühlenbesitzers Konrad Thomas zu Hergetsmühle bei Seigertshausen ist die Pferde» Brnstfeuche ausgebrochen.

vermischtes.

♦ Durch Versehen eines ArzleS oder der Apotheke haben zwei Damen in Prag falsche Medikamente erhalten und sind dadurch vergiftet worden. DaS eine Opfer, Frau Hotelier Eisner, befindet sich in Lebensgefahr, die andere Dame ist die Gattin deS Hoteliers Finster. Sie ist bereits der Vergiftung erlegen. Die beiden Damen litten an Magen» schmerzen und ließen sich von dem Arzt Dr. Franke zur Vorbereitung der Röntgendurckleuchlung des Magens ein Mütel verabreichen. Statt Baryuiw fulfat, das vollständig ungiftig ist, erhielten sie aber Barymcarbonat, das höchst giftig wirkt. Aerztliche Hilfe kam zu spät. Der Arzt hat das Mittel, da« er in größeren Mengen zu beziehen pfle.ffe, aus einer Apotheke e> halten. Der Apotheker erklärt, daß eint Berroechslnng von seiner Seite ausgeschlosten fei.

Handel iiiib Juvnstrre.

* Berlin, 31. Mai 1912. Bei der Börse herrschte am Freitag anfänglich Zurückhaltung, die jedoch schnell schwand und einer regen Kauflust auf dem 'Montan« und Bankengebiet und in Schiffahrts­aktien Platz machte.

Märkte.

* Kirchhain, 30. Mai 1912. Der gestrige Schweinemarkt war gut befucht, es waren über 600 junge Schweine aufgetrieben. Das Paar Saug« ferkel kostete 30—40 DU., das Paar Läufer 50 dis 80 Mk. Der Handel war sehr gut.

Wenn Mutter- oder Ammen milch in nicht genügender Menge vorhanden sind, so ergänze man diese durch eine keimfreie milchhattige und leicht lösliche Nahrung. Eine solche ist Nestte's Kindermehl, welches dem zartesten Körper alle in der Mullermilch vertretenen organstchen >md unorganischen Stoffe in äußerst leicht verdaulicher und wohlschmeckender Form zuführt. Probedose und itluftr. Broich, kostenfrei durch Nestle G. m. b. H. Berlin W. 57.

haben

durchschlagenden

wenn Sie

benutzen. Sie erscheint täglich in einer Auflage vo« mehr als 10000 Exemplaren

und ist die geleseuste Tages­zeitung in der Stadt Fulda und den umliegenden Kreisen.

ständig die

Kleines Feuilleton.

— Vogelschutz. Zu der Notiz im Feuilleton der Nr. 122: „Ter beste Vogelschutz ist halb, wenn man nicht die Zahl der h e r u m st r e i s e n d e n Ka­tzen vermindert" liefert uns ein geschätzter Leser -mch folgenden Nachtrag: Ich bin besonderer Vogel­liebhaber, füttere im Winter gut und habe die lieb­lichen Freunde deshalb auch im Sommer als Mit­arbeiter im Garten. Auf einem hohen Birnbaum hatte ein Pärchen Buchfinken genistet. Das Nest satz sehr hoch und ich hätte nicht geglaubt, datz eine Katze so hoch ging, aber leider fand ich es eines morgens abgerissen den Baum herunterhängend. Die Jungen konnten in der dritten Woche sein, sie waren fort. In einer Zypresse tm Hinteren Teile meines Gartens hatte ich ein Pärchen Grasmücken bauen sehen. Vor acht Tagen sah ich danach, das alte Vögelchen sürchtete sich gar nicht und blieb ruhig, auf dem Neste Ich trug einen Haufen Dornen zu­sammen, legte ganz um den Strauch henrm einen breiten Kreis, aber umsonst; am Sonntag früh hörte mein zu Besuch hier weilender Schwiegersohn ein ängstliches lautes Gezwitscher von vielen Vö­geln. Es war 4 Uhr morgens, er stieg auf und be­merkte, wie eine Katze aus dem Busch heraussprang, ras Nest war heruutergerissen, die Vögelchen wa­ren vielleicht noch nicht alle gefresien, kamen aber jicker um — Ins Gebüsch ganz in der Nähe meiner Veranda hat schon wiederholt ein Hänfling gebaut. Auch dieses Jahr wieder. Gestern mußte ich zu meiner großen Trauer feststellen, daß auch dieses Nest heruntergerissen und die Jungen verschwunden waren. Dre Tierchen haben wohl insgesamt 12__15

Jungen soweit erzogen, daß sie schon ziemlich laut Fütterung verlangten und nun sind sie sämtli ch ums Leben gekommen! Die Katzen gehen auf den Vogelraub des morgen § gegen Sonnenaufgang, am Tage tun sie es nicht, denn die Vögel künden dies sofort durch gemeinsames Zusammeutun und leb­haftes Geschrei und Geflatter an. Wavmn verordnet

man nicht, daß die Katzen des abends ins Haus müssen und nicht vor 6 Uhr morgens heraus dürfen, das würde schon manches nützen, wenn auch nicht alles verhüten. Ich glaube, diese Vorschrift ließe sich doch rechtsertigen; wer Katzen hält, soll auch auf sie aufpafsen. iSBergl. auch den Artikel in „Welt und Wissen".)

— lieber Lnstschiff-Motore. Die Bestrebungen, lenkbare Luftschiffe herzustellen, reichen schon einige Jahrzehnte zurück, und hätte man damals schon technisch brauchbare Motore anfertigen können, so wäre das Ziel jedenfalls auch bereits früher erreicht worden, denn man wußte genau, daß die Lenkbarkeit eines Ballons nur von einer motorischen Kraft ab­hängt, welche die Elementarkraft des Windes zu überwinden vermag. Dampfmaschinen mit Keffcl waren von vornherein natürlich ausgeschlossen, Elektrizität ebensalls, wegen des großen Akknmu- latorengewichtes. So suchte man nach anderen An­triebsmaschinen, und einem Deutschen, Daimler, i gelang es 1885 auch wirklich, einen durchaus brauch­baren Erplosions-Motor zu erfinden. Er bot seine Erfindung der Lustschifferabteilung in Berlin an; es fanden auch einige Versuche statt, allein der Zweifel an der Lenkbarkeit eines Luftschiffes war noch zu allgemein. Daimler verkmrfte deshalb seine Erfinduna nach Frankreich, und dort gab sie den Anstoß zur Automobil-Industrie. Der lange ge­suchte Lufischiff-Motor ist also schon früher dage­wesen, als der Automobil-Motor! Er erfordert keine Flamme, keinen Keffcl mit unter Druck stehender Ladung, er ist in den wichtigen Funktionen selbst­tätig, holt z. B. den Betriebsstoff selbst herbei, nimmt die Schmierung automatisch vor, reguliert die Umdrehungszahl ufw. Allerdings hat der Mo­tor den Nachteil, daß er bei Reinigung?- und Repa­raturarbeiten aus dem Luftschiff einen gewöhnlichen Freiballon macht, und daß er ein starkes Geräusch verursacht. Andere Nachteile sind bereits überwun­den. Ein Motor von 100 Pferdekraft wiegt jetzt kaum noch 300 Kilogr. und braucht für 10 Stunden einen Benzinvorrat von 270 Kilogramm. Gegen­wärtig ist man mit Erfolg bestrebt, das Motorge­

wicht Pro Pferdekrast immer mehr zu reduzieren, auf etwa 1,20 Kilogr., damit mehr Benzin mitge­nommen werden kann. Wenig bekannt ist die Eigen­schaft jedes Explosionsmotors, daß er mit der Er­höhung über dem Erdboden entsprechend an Lei­stungsfähigkeit verliert, weil der Luftdruck dann ein anderer wird. Ein Motor, .der auf der Erde 35 Bferdekräfte leistet, leistet tn 1000 Meter Höhe nur 28, in 2000 Meter Hohe 24, in 3000 Meter Höhe 20, in 4000 Meter Hohe nur noch 16,5 Pfcrdckräf- ten, also weniger als die Hälfte -vz.

— Tag die Poft nicht immer gewissen iMt zu Werke geht, läßt sich eigentlich alle Tage beroetfen. Schicki man z. B. einen Bries nach Berlin, so leitet die Poff dielen nad) der deutschen Hauptstadt. Eigentlich müßte sie aber den Bries zurückgeben und anfragen: »Welches Berlin ist gemeint?* Es gibt nämlich 31 Orte, Städte und Dörfer in der Welt, cke fämtlich den Namen Berlin tragen. Aber bei Berlin mag die Sache noch bingeben; das Porto üou nur 10 Pfg., die Himmelsrichtung und die Straßenbenennung »sw. bilden einen genügenden Weg wen er. Ebenso steht es mit dem Namen „Hamburg", den 22 Orte in der Welt besitzen. Ader nun: Paris, London, Belgrad, Odeffa ufro.? Hier muß man, weil Ausland, 20 Pfg. Porto aus« lieben, und zwar bei allen 24 Orten mit Namen „Paris", bei allen 14 mit Namen „London* ufro. „Welches London von vielen* ist gemeint, müßte die Poff eigentlich aufragen, falls man das nicht selbst schon genau baiu|d)mbt. Aber das tut man eben nicht! Mithin handelt die Post falsch, wenn sie einen Brief nach .London* kurzerhand nach En land absckickt, anstatt nach O'uo oder Wisconsin uin. m Nordamerika, wohin er vielleicht eigentlich l eftimuit ist. vs

— Dambuspflauzeu zur Payiersabrikalion. Tas chmcsische sogenannte Reispapier wird nicht, wie man allgemein aunimml, aus Reisstroh angefertigt, sondern aus den Fasern einiger wildwachsender BambuSpflanzcn. Auch in Teutsch-Ostasrika kommen mehrere Bambusarten wildwachsend vor, die sich nach Dotgenommenen Versuchen ebenfalls vortreff­

lich zur Papierfabrilativn eignen und sich auch au den verschiedensten Standorten leicht kultivieren taffen. Man will sich deshalb jetzt auch der Bam­buskultur zuwenden und die Pflanzen mit Rück­sicht auf die Transportschroierigkeiten und hohen Transportkosten gleich an Ort und Stelle auf Halb« ffoff verarbeiten. Hierfür sind Wafferkräste in ge­nügender Menge vorhanden. Bei dem ungeheuren Bedarf, den Deutschland auch an befferen Papieren bat, erweisen sich unsere Kolonien auch nach dieser Rich ung hin von großem wirtschaftlichem Werte. Halbstoff für Druckpapiere gedenkt man in den aus« gebebuten Wäldern <lamenm§ berznstellen. ts.

— Die Feinde der Pflanzenwelt. Wenn man den durch pflanzenfressende Insekten verursachten Schaden betrachtet, erhebt sich stets die ganz natür­liche Frage: Ist die Pslanze erkrankt unter dem Angriff von Insekten, oder ist sie von Insekten an­gegriffen, weil sie krank war. Diese Frage ist in verschiedenen Fällen verschieden zu beantworten. Oft befallen die Insekten z. B .die Blätter der Bäume und Sträucher, deren prächtige Laubfülle Kraft und Gesundheit anzeigt. Sind die Blätter, die für die Pflanze zur Respiration notwendigen Organe, ein­mal zerstört, so muß natürlich der Baum kränkeln. Ist der befallene Baum einer mit Laubblättern, so kann er unter günstigen Umständen gegen das Leiden im laufenden oder folgenden Jahre aufkommcn, sich mit neuem Laub bedecken und, wenn die Jnsetten fernbleiben, noch lange Zeit weiterleben. Nadelholz jedoch wird den chrn durch die Insekten verursachten Schaden härter empfinden. Der einmal seines Grüns beraubte Baum wird nie wieder ganz ge­nesen. Eine große Menge holzfreffeuder Insekten durchziehen den Stamm nach allen Richtungen hin; sie benagen die Rinde und das Kernholz, und so unterliegt endlich den bereinigten Angriffen wohl selbst die prächtigste Konifere. Die zuerst den Baum angreifenden Insekten waren die Ursache feines Kränkelns, die Folge des Kränkelns aber war die Ankunft der neuen Feinde, die dem Baum tödlich«; Wunden beibrachten. !