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j* 121. Erstes Blatt»
Fulda, Mittwoch den 29. Mai 1912.
39, Jahrgang.
K Ueher das künftige Reichstags- präfidinm
wird in den Blattern noch immer manches Orakel »nm Besten gegeben, obschon die Frage wirklich noch nicht „brennend" ist.
Wer hat denn diese Erörterung in Gang gebracht? KuS liberalen Kreisen stammt die Zeitungsnachricht, daß bei einem etwaigen Rücktritt oder Ausscheiden des Abg. Kämpf der fortschrittliche Parteigenosse v. Payer der Erbe der Präsiden tenwürde sein werde. Diese Tatsache mutz klar gestellt bleiben, damit sich nicht die falsche Ansicht festfetzt, daß die „schwarzblauen Parteien" aus heißer Sehnsucht nach dem Prasideutensessel die Frage ausge- worsen hatten.
In solcher Richtung arbeitet heute das „Berliner Tageblatt", indem es behauptet, die reaktionären Parteien seien bereits an der Arbeit, das Fell des noch nicht erlegten Bären zu verteilen. Es beruft sich dabei auf eine Zuschrift, die einem nmen Wochenblatt, „Deutsches Reichsarchiv", aus Abgeordnetenkreisen zugegangen sein soll. Das neue Wochenblatt mit dem schwerfälligen Titel ist uns nicht bekannt. Wenn aber in dessen Erstlingsartikel behauptet wird, beim Zentrum sei der Wunsch einer Vertretung im Präsidium wieder lebhafter geworden, so ist das — höflich gesagt — eine ganz gründ- und haltlose Phantasieleistung. Im Zentrum hat man heute keine größere Sehnsucht nach der Würde und Bürde des Präsidiums, als da- mals, wie der Abg. Dr. Spahn die erste Präsident en stelle gelassen niederlegte. Will man die Stimmung des Zentrums gegenüber einer sog. Präsidialfrage kurz kennzeichnen, so könnte man auf das Bismarck'sche Wort „W urstigkeit" zurückgreifen. Die Geschichte der letzten Reichstagstagung zeigt ja auch daß die Zentrumsfraktiou ihre ganze Kraft und Kunst, und zwar mit Erfolg, aus die Förderung der sachlichen Arbeit gerichtet, dagegen die Formalien links liegen gelassen hat.
Wir haben auch nicht bemerkt, daß die konse r- vative Partei in der Zwischenzeit einen Anfall von Präsidialehrgeiz erlitten hätte. Woher sollte auch der Heißhunger kommen, da sich doch von Tag zu Tag deutlicher gezeigt hat, daß die Leitung der Geschäfte in „diesem" Reichstage immer schwieriger Wick!
Andererseits ist es selbstverständlich, daß Zentrum und Konservative trotz allerem zur Mitarbeit bereit sind, wenn eine ausreichende Mehrheit entschloßen ist, ein Präsidium aus den positiven Parteien zu bilden und zu starken.
Die Entscheidung liegt also bei den National- liberalen. Aber sollen wir sie in diesem Dünkte drängen und drücken? Keineswegs. Ein Kompromiß für die D e ck u n gs srag e ist uns viel wichtiger, als die schönste Verständigung der Prä- sid-alfrage. Es hat keine Eile. Herr Basiermann und seine Freunde können ihre Ansichten und Absichten über die zweckmäßige Zusammensetzung des Reichstagspräsidiums in aller Ruhe ausreifen las- {en. So lange man nicht über eine volle be- riedigende Lösung einig geworden ist, behelfe man sich mit dem gegenwärtigen Präsidium.
Wen» die Gcaßbt .ckpresse protzig hervorhebt, das gegenwärtige Präsidium sei endglltig für die ganze Dauer der Session z-wählt, so rst das formell richtig, aber materiell falsch. Daß die kleine Fortschrittspartei mit zwer Mitgliedern und die ganze „schwarzblaue" Hälfte des Reichstags gar nicht Vertreter, ist, kann doch nicht als normal und dauerhaft geltem Bei der Bildung dieses sonderbaren Präsidiums war ja auch alle Welt darüber einig, daß es ein Aushilfsmittel in der Verlegenheit, eine Art Lückenbüßer- oder llebergaugspräsidium sei. Trotzdem würde das Präsidium Kämps-Paasche- Dove Aussicht aus einen längeren Bestand gehabt haben, wenn nicht Kvei störende Zwischenfälle eingetretea wären, an denen die schwarz- blaue» P-rrteien nnsc^tldig sind. Eiuerseüs die Gefährde» des Reichstagsmandats des Abg, Kämpf, andererk-tts die Uuzu lan gli ch keit der Kämpfsichen Geschäftsführung während der letzten erregten Sitzungen. Es hat sich da, ua- mentlick, ht der Debatte, die zum Ausmarsch des Reichskanzlers und der übrigen Bundesrcttsvenreter führte, doch gar zu deutlich gezeigt, daß der Reichstag einen Präsidenten brauchst der in der Abwehr fozialdernokretticher Ausschreitungen durch keinerlei Erinverungeu ober sonstige Rücksichten irgendwie be- hinde-1 oder auch nur dem Verdacht einer Behinderung ausgesetzt isst Ans den Erfahrungen der letzten Zeit folgt für jeden unbefangenen Freund der par- lame itarischen Ordnung die Nutzanwendung, daß man bei der Präsidsntenwahl der unberechenbaren Sozialdemokratis wicht die entscheidenden Stimmen überlasten darf.
Für das Zentrum und die konservative Partei ist diese Erfahrrmgsweisheit nichts neues. Für die F »rtschrittspartei in ihrer gegenwärtigen Verfassung wird sie wohl unverständlich bleiben. Wie die Ratio walliberalen sich mit ihr abfinden, bleibt abznwarten. Wir können die Präsidialfrage in aller Ruhe an uns heran kommen lassen. An diesem Strauch wachsen mehr Dornen als Rosen.
veilifches Reich.
** Berlin, 28. Mai 1912. Im Abgeordnetenhaus wurde kürzlich der Antrag Dr. Engelbrecht, der dahin ging, die Regierung zu ersuchen, in stärkerem Maße als bisher pachtfreie Domäne» in bäuerlichen, Besitz überzuführen, einstimmig angenommen. Die Regierung hat nun bereits für die nächste Zett Vorsorge getroffen, daß mehr Domänen als bisher für die Besiedelung bereit gestellt werden. Es handelt sich hierbei um solche, die im Jahre 1913 pachtfrei werden. Die Regierungen sind cmfgefordert worden, demnächst pachtfrei werdende Domänen zu bezeichnen, die sich besonders für,eine Aufteilung eignen. Besondere Schwierigkeiten für die Klein
siedelung bietet die schwierige Berwertungsmögllch- teit oft kostspieliger massiver Gebäude, sowie der Mangel an Wiesen. Sowohl bei älteren Siedelun- gcr wie bei neueren, z. B. bei der Vommerschen Landbank tritt hervor, daß die Hauvtsch wierigkett in einer passenden Benvertuag der vorhandenen Gnls- gebäude liegt.
*• Mmn argen Frevel hat der fozialdemokrat-'che Abg. Tr. Landsberg begangen. Dieser war beim Reichslagsichlutz, als der Präsident das Kai se rhoch ausbrachte, im Saale aedkieb n und hat sich zusammen mit den bürgerlichen Abgeordneten vom Platze erhoben. Der /Vorwärts' erteilt jetzt dem Genossen Dr. Landsderg folgenden Rüffel: „Wir finden diese Demonstration gegen dik Partei um so abgeschmackter und unentschuldbarer, als die vornusgegangeue Debatte über das periönliche Rea.» ment es um so dingender geboten erichemen lasten musste, untere grundsätzliche republtkamsche lsesiuuung zum 'Ausdruck zu bringen."
Herr Dr. Landsberg wird sich wohl darauf gefaßt macken müssen, daß er in Acht und Bann getan wild, wenn er nicht schleunigst reumütig Besseruuq gelobt. Die,Kreuzztg/ (Nr. 215) beinah zu dem Fall Landsberg:
„Der Aba. Tr. Landsberg ist noch ein Neuling unter den „Genossen" im Parlamente. Er ift im Jam ar in Maadebu g gewählt. Anicbeinend hak die Er-tehtlna im Stadihagei?-L>ebknecht'tchen Geiste noch mcht aasgereicht, die Sparen fiüheter erueierrscher Einflüge zu verwischen, rnb Dr. Lau de berg war daher noch der „naroen" Ansicht, hast es zur Belundung leiner von Parleiwegen nun emmal norgeidjriebenen republikanischen Gesinnung genüge, wenn er nicht tn das Kaiserhoch einstimme, daß ein Eryeben vom Sitze bei dieser Gelegenbett aber eine für s-den gesitteten Menschen selbstverständliche Anstand- pflicht sei Dr. Lmdeberg wird noch manches tun müssen, die E er- schalen bürgerlicher Anstand-begrifie abzustoßen, wenn er nicht demnächst wegen mangelnder Gesinnungslüch« ligkett den Weg so vieler von der Partei Ausgeschlossener gehen w II'.
* Ter Steckbrief gegen Bischof Dr. Konrad Martin. Aus Anlaß des 100jährigen Geburlslages des Br- kennerbisckwses Tr. Konrad Marlin von Paderborn, besten wir in unserer Freitagsaeilaae aussrihrlich gedacht haben, veröffentlicht die .Osnabrücker Volks- zerlung" deu Wortlaut des Sleckb iefes, den die preußische R gttrung hinter dem Vrjckof nach seiner Flucht ins Ausland erlassen hat. Dieses Schriftstück, das die Schreckensjahre des Kulturkampfes grell beleuchlek, ift von Berlin, den 15. Argust 1875 datiert rind lautet:
Nachdem der vormalige Bischof von Paderborn, Dr. Mart in, sich aus der ihm auf Grund des Reichsgesetzes vom 4. Mai b. I. zum Aufenthalte angewiesenen Stadt Wesel ohne Erlaubnis entfernt hat, verfügen wir hiermit, was folgt:
Ter vormalige Bischof von Paderborn, Dr. Martin, wird in Erwägung,
daß derselbe, nachdem er durch rechtskräftiges Urteil des Königlichen Gerichtshofes für kirchliche Angelegenheiten vom 5. Januar d. I. aus dem Amte als Bischof von Paderborn entlassen war, Handlungen vornabm, aus welchen hervorging, daß er die Fortdauer des ihm entzogenen Amtes beanspruchte,
daß ihm deswegen durch Verfügung der Königlichen Regierung zu Mil den vom 18. Januar d. I. in Gemäßheit des § 1 des Reichsgesetzes, betreffend die Verhinderung der unbefugten Ausübung von Kirchenämtern vom 4. Mai 1874 sR.-G.-Bl. S. 43) der Aufenthalt in der Stadt Wesel angewiesen worden ist.
daß er jedoch dieser Verfügung zuwider gehandelt hat, indem er am 4. August b. I. den ihm angewiesenen Ilufenthalisort ohne Erlaubnis verließ
daß er außerdem während seines Aufenthaltes in Wesel wiederholt Handlungen borgenommen hat. welche eine ausdrückliche Anmaßung des ihm ent» zogenen Amtes enthielten, indem er in verschiedenen an öffentliche Behörden gerichtete Schreiben sich rtfs „Dischof von Paderborn" unterzeichnete,
auf Grund des § 1 des erwähnten Reichsgesehes vom 4. Mai v. I. der preußischen Staatsangehörigkeit hierdurch verlustig erklärt.
Euer pv. wollen den p. Martin, sofern Ihnen der gegenwärtige Aufenthaltsort desselben bekannt fein ober werden sollte, von unserer bevorstehenden Verfügung gefälligst in Kenntnis setzen. Sollte der p. Martin in das preußische Gebiet zurückkehren, so ist er anznhalten, rach Wesel zu bringen und da- selbst festzuhalten, bis unserseits wettere Bestimmung in bezug auf ihn getroffen fein wird. Wenn dieser Fall tintretrn sollte, so ist uns sofort Anzeige zu er. stallen. Tie Behörden dortiger Provinz sind hiernach mit vertraulicher Weisung zu versehen. Abschrift di», ser Verfügung haben wir dem Herrn Oberpräsidenten der Rheinprovinz und der Provinz Hannover zur Kenntnisnahme nnb Beachtung mitgeteilt.
Der Minister des Innern (gez.) Graf zu Eulenburg. Der Minister bet geistlichen, Unterrichts- nnb Medi- zmal-Angelegenheiten in Vertretung sgez.) Sydorn.
Dieser „Steckbrief" i't rin bezeichnendes Dokument für die Aera des Kulturkampfes, in der di« damaligen Regierer deS Staates die Kirche unter die Slaaisraison beugen und zu einem Departement der staatlichen Macht und Willkür machen wollten. Bischof Konrad Martin machte in feiner Diözese un» für feine Person diese Versuche zuschanden und gab durch seinen Bekennermut, seine Treue und feine Aufopferung für die Kirche ein Beispiel da» füx die Katholiken herrlich und erbaulich jein wirt für alle Zeiten.
(*) SaarörScken, 28. Mai 1912. In Bildstack wurde im vorigen Jahre zum ersten Mecke die Fronleichnamsprozession gehalten. Es hatte heiße Kämpfe gekostet, bis diese Erlaubnis gegeben wurde. Leider wurde der Weg nur ben 5,30 bis 8 Uhr morgen» frergegeben, und zwar ans ben bekannten, nichtigen „Gründen": Ordnung, öffentliche Sicherheit, Verkehr in einem fast ganz katholischen Bergmannsdorfe, wo am Fronleichnamsfeste überhaupt fein Fuhrwerk fährt, höchsten» nach- mitteg» AusfllOerwagen. Da im vorigen Jahr Ute Prozession deu aufgezwungenen wetten Weg in der angegebenen Frist nur mit Mühe zurücklegen konnte, da der Gottesdienst bereits 5,15 Uhr beginnen mußte, mit Rücksicht auf die Kinder und die Gläubigen der ein« halbe Stunde entfernten Filiale Maybachs wurde dieses Hahr beim Bürgermeister und bei» Regierungspräpdeuten die Erlaubnis nachgefxcht, die Prozession tz.s 9 Uhr halten zu dürfen. Der
evangelische Bürgermeister, fett einem Menschenalter dort tätig, also Kenner der Verhältnisse, hat die Prozession ohne weiteres bis 9 Uhr genehmigt. Alsbald wußte das Gerücht ton Differenzen zu melden, die er deswegen mit dem Landrat v. Miquel in Saarbrücken gehabt haben soll. Dieser Tage nun teilte der Bürgermeister mit, daß im Einvernehmen mit dem Regierungspräsidenten tn Trier der Prozessionsweg nur für 5.30 bis 8Uhrfreigegeben wird. Gründe wurden nicht angegeben. So berücksichtigt man an der Saar berechtigte Wünsche der Katholiken.
& Mnnckpn, 28. Mai 1912. Die liberalen »Münchener Neuesten Nackrichtertt schreiben:
.Man höre, vor brr Ernennung des neuen Erzbischofs von Bamberg durch we Krone von der bnyeiischen Staatsregierung die Zustimmung her r ömischen Kurie «ingrbolt worben fein soll. Das würbe der Verfassung nicht entsprechen."
Aebnlicke Slaaeiö e fanden sich in den letzten Tagen auch in der norddeutschen liberalen Presse. Darauf erklärt eine halbamtliche Kundgebung der Münchener .Korre'pondenz Hoffmann', „dass sich die -königliche Ernennung in vollster Uebereinttimmung mit dem bisherige» Verfahren vollzogen Hal". Wie ist dieses Verfahren? Nach Artikel 9 deS Konkordats ift den Königen von Bayern „atif ewige Z-i en das Jndult verliehen", zu den Bischofs- ftüQlen »würdige und taugliche Geistliche zu ernennen, meld) die nach den kano ischen Safeunaen dazu erforderlichen Eigenschaften besitzen". Denselben wird der Pap st .nach de» gewöhnlichen Formen die kanoniiche Einsetzung erteilen". Ehe sie diese haben, dürfen sie sich m keiner Weift in di« Leitung der Diöiefe «inin.scheu. Danach hat also der Kö >ig von Bay rn das Ernennungsrecht. Allein der Papst hat be kirchliche Ernennung zu vollziehen. Wenn er sie verweigert, weil di« weltlich ernannten Bischofskaudidalen die erforderlichen Eigenschaften nach feinem völlig freistehenden Urteil nicht besitzen, so können die .königlich" Ernannten nickt Bischöfe werden. Daraus können Konflikte entstehen, ro e wir sie ht neuerer Zett mehrfach hatten, so 1876 in Würzburg und Speyer und 1900 in Bamberg, in diesen Fällen wrüden die von der Krone Ernannten nicht Bnchöse. Um solche Konflftte, die für dft weltlich« und geistliche Stelle gleich peinlich find, nicht auftam.men zu lassen, hat man in der Folgerest folgendes Verfahren ein- geschlagen: Nach Zustimmung des Mimst errat» schlägt der Kultusminister der Kron.' einen Kandl- baten vor. Ist der Krone der Kandidat genehm, so ernennt sie ihn zum Bischof. Diese könialiche Ernennung wird aber amtlich nicht eher veröffentlich, als dis man vom Hl. Stuhl die Gennßheit hat, daß er dem Ernannten die kirchliche Einsetzung erteilen wird. So ist, wie uns aus München gemeldet wird, auch bei der jetzt erfolgten Ernennung verfahren worden. — Der Zentrumsabgeordnete Führ, v Malsen hat zum Kultus.tat folgend« Anfrage gestellt:
Bei der Rekloratswahl an der Münchener Universität routoe der Versuch gemacht, die tbco» logiickpkatholllche Fakultät auSzuschtteßen wegen des Modermsteneides, und der Versuch ist nur mit wenigen Stimmen gescheitert. Es wird an tue Regierung die Anfrage gestellt, oo und gegebenenfast» in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt sie die voll« Gleichkerechp- gung der rdeologssche» Fakultäten zu stützen und zu sichern beabsichtig!.
** Dresden, 28. Mai 1912. Der König von Sachsen wirb in den ersten Jumtagen den bayerischen Ministerpräsidenten Frhrn. v. Hertling in Audienz empfangen.
Ausland.
** Tie Beisetzung d 8 Prinzen von Cumberland fand am Dienstag vormittag im Mausoleum zu Gemünden statt. Als Vertreter des Kaisers von Oesterreich war Erzherzog Joseph Ferdinand anwesend. Aus Hannover und Braunschweig waren mehrere hundert Personen erschienen.
? In Budapest explodierte gestern abend auf der öffentlichen Restauralions - Terrasse deS Parlaments-Gebäudes eine Dynamit-Patrone, di« mehrere Fenster zertrümmerte. Die Patrone war von einem jungen Barsche geworfen worden, dem es gelungen ift, zu entkommen.
♦* Frankreichs Bevölkerungsstatistik. Das Mirri- sterimn der Arbeiten und Sozialen Fürsorge veröffentlicht ettte Bevölkerungsstatistik Frankreichs für 1911. Danach betrug die Zahl der Geburten 742 114, bte der Todesfälle 776 983, woraus hervorgeht, daß di« Bevölkerung im Borjahre um 34 869 Seelen a k- gew»tnmen hat. Die Geburtenziffer vor» 1911 war die niedrigste, die die vorhandenen statisti- sihex Ausweise Frankreichs jemals zu verzeichnen gehabt haben. Besonders stark war die Sterblichkeit, wie schon früher, auch jetzt in dem Departement der Norm andre, atotc ht einigen Gegenden der Bretagne «d der Provence.
** England und Frankreich. Seit einigen Tagen hat in der englischen Press« ein Feldzug begonnen, x» die „Entente corinate" in ein festes Bündnis umzuwandeln. Dec erste Artikel in diesem Sinne war ix der „Morning Post" erschienen und erregte nicht wenig Aufsehen. Kvei Tage später veröffentlichte der „Daily Telegraph" einen Artikel in ähnlichem Sinne, uxb Sonntag hat der „Obferver" einen zwei @pa£te» langen Artikel von einem Herrn 8«vm, der eiuflußreick)sten Feder der konservativen Partei, veräfserrtücht Es ist in diesem Zusammerr- hang «uch zu beachten, daß vor einigen Tagen Herr Bonar Law, der Führer der konservativen Partei, ht seiner Rede ht Glasgow die unumschränkt« Unterstützung seiner Partei für Sir Edward Grey ht bezug aut alle Fragen ton nationalem Interesse versichert hat. Die zu erwarten war, hat Sie radikale Partei m England gegen ei» solches Bündnis Stellung genommen Der „Daily Ehronicle" sagt in eine« Leitartikel, das Bündnis würde die verbündeten Kräfte von Frankreich und England nicht verstärke», [onbent im Gegenteil würde die Politik bet beiden Lander das Streben nach Wehrmachterhöhuug
in Deutschland noch vergrößern. Das herzliche Einvernehmen hab« während der letzten kritischen Er- eignisse des vergangenen Jahres einen starken Stoß erhalten. Die Chauvinisten, die Deutschland überall wittern, wurden diesen Bündnisvertrag mit Freuden aufnchmen.
** Tie monarchistische Bewegung in Portugal, lieber Baris kommen verschiedene Nachrichten au5 Portugal, aus denen hervorgeht, daß die republikanischen Machthaber keine Ruhe bei Tag und Nacht haben. Unzweifelhaft haben die Monarchisten wieder eine rege Tätigkeit entfaltet, und sie sammeln s i ch in den spanischen Grenzgebirgen zu neuen Einfällen. Daher unternahm der Minister des Innern eine Inspektionsreise an der ganzen Grenze, um sich davon zu überzeugen, ob die B e w a chu n g wirklich ausreichend fei; außerdem wurde der Garnison von Oporto Befehl gegeben, sich zum Abmarsch« an die Grenze bereitzuhalten. In mehreren Provinzen ist es während der Pfingstseiertage zu U n« ruhen gekommen, die durch Zusammenstöße zwischen Monarchisten und Republikanern hervorgeru- feit wurden. Sehr ärgerlich sind die Republikaner auf die Geschworenengerichte, da fast in allen Prozessen, die gegen Monarchisten stattfinden, Freispruch erfolgt. Ta sich die Geschworenen durchweg aus dem Mittelstände zusammensetzen, so sieht man hieraus deutlich, daß alle Kreise, die Ruhe und Ordnung haben wollen, antirepublikanisch gesinnt sind.
** Marokko. Die Sage in Fez ist ernst. Ter „Matin" veröffentlicht ein Telegramm seines Korrespondenten in Fez, wonach die französischen Truppen einen Sturm auf die Stadt erfolgreich zurückgeschlagen haben. Im Laufe des Kampfes ist ein Teil der Moschee Bab Gessa abgebrannt. Die Moschee de Andalons ist durch Geschosse schwer beschädigt worden. Zwei von den Marokkanern eingeschlossene französische Vorposten sind durch Berstärkungstrup- pen befreit worden, doch hatten sie bereits schwere Verluste erlitten. Die Angreifer, die durch eine zerbrochene Mauer in die Stadt eindrangen, hatten bereits mit der Plünderung begonnen. Nach einet späteren Meldung haben die Araber die Angriffe alsbald erneuert.
** Brastlien gegen die Bereinigten Staaken In New-Doik hielt der brasilianische (Seianbte eine Rede, die großes Aussehen erregte. Er protestierte gegen die Beschlagnahme brasilianischer Kaffeevorräte und sagte, die Vereinigten Staaten stellten dadurch willkürliche, geradezu revolutionäre Doktrinen auf. Daß di« Waren im Ausland nicht zu dem dort geforderten Preis, sondern zu fern Preise zu kaufen fern müßten, den die amerikanischen Kaufleute zahlen wollte», das fei eine ganz neue Dokttm.
Katholischer Lehrertag in Erfurt,
Einem uns verspätet zugegangenen Bericht über die Bertretervcrfiimmlung am Pfingstsonntag entnehmen wir folgendes: In herzlichen Begrüßung-Worten bewillkommre der Veckandsvorsitzende Rektor Kamp (Bochum) die Vertreter sämtlicher dem Verband an» geschlossenen Zweigvereine und im Namen des Verbands der Provinz Sachsen und des Erfurter Lehrer- Vereins entbot Lehrer Janson den Versammelten ein herzliches Willkomm. Wie der Vorsitzende mitteilte, hat der vorher tagende Gesamivorstand beschlossen, an den Kaiser, den Papst, den Unterrichtsminister, den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen und den Regierungspräsidenten in Erfurt Begrüsiungstelegramme zu Senden, lieber das Verhältnis des Zweigverbandes sheinland zum Gesamtverband und Vorstand entspann sich eine längere Auseinandersetzung, bis endlich die Erledigung der Streitfrage einer besonderen Kommission übertragen wurde. Der Vermögcnsstand betrug am 1. Avril ds. Js. 5933,71 Mark. Von den Tätigkeitsberichten deS geschäftsführenden Ausschusses, der Kommissionen, der Augustinusbibliothek und der 93er- bandskorrespondenz nahm die Versammlung Kenntnis» hielt aber «ine entschiedene Stellungnahme zu den An, griffen, denen bei Lehrer stand ausgesetzt ist, geboten. Zu einer großen Zahl von Resolutionen und Anträgen, die teils vom geschäftsführenden Ausschuß, teils von den Kommissionen, teils auch von den Zweigverbänden gestellt worden sind, nahm der Dele- giertentofl Stellung. Man begrüßte die Gründung der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schundliteratur (Berlins und empfahl den Ortsvereinen die Veranstaltung von Jugendfchriften-AuS- fteHungen. Ein bedeutsames Mittel zur Bekämpfung der Schundliteratur erblickte die Versammlung in der Einführung der Klassenliteratur, wenigstens in den oberen Volksschulklassen. Einmütig und freudig betonte die Versammlung die Notwendigkeit einer tat- kräftigen Mitarbeit der Lehrerschaft an einer planmäßigen Jugendpflege und beschloß die Heraus- gäbe einer Zusammenstellung von Schriften, die als Lektüre für die Schulentlassenen zweck- mäßig empfohlen werden können und von Werken, die das Gebiet der Jugendpflege sowohl nach der Üjeoretifdjen als auch praktischen Seite hin behandeln. Eine ausgedehnte Debatte entspann sich über den Besuch der kinemalo graphisch en Vorsüh- rungen, der Jugendlichen unter 16 Jahren voll, ständig untersagt werden solle, es sei denn, daß sie in Begleitung Erwachsener in ausdrücklich als solche bezeichnete und geprüfte Jugendvorstellungen gingen. Zur Kontrolle des Kinos seien Lehrer hinzuzuziehen, und nach Kräften solle dahin gewirkt werden, daß das Kino in den Dienst der Schule gestellt werde. Gegen die geringe Einschätzung der Bildung und die abfällig« Beurteilung be3 Wirkens der an höheren Schulen beschäftigten seminarisch vorgebildeten Lehrer von feiten akademischer Bereinigungen legte die Versammlung Verwahrung ein nnb hielt deren Bestreben, die Zulassung her Volksfestllehrei zum Ilniversitätsstudium zu verhindern, für eine unberufene Einmischung tu die Standessragen der Volksschullehrer. Bezgl. deS Berechtigungsscheins zum einjährig-sreiwik. Itgen Militärdienst der Vollsschuklehrer wünscht« die Versammlung, daß derselbe schon ans Grund lei Auftiahweprüfsng in das Lehrerseminar erteilt werde, und daß die Vergünstigung für die BokksschuÜehrer, ihrer einjährigen Militärpflicht auf Staatskosten genügen zu dürfen, aufgehoben werde. Eine zeitgemäße Revision der ..Allgemeinen Bestruuuungen" vom Jahre 1872, soweit sie daS Volks, schulwesen betreffen, schien dem Vertretertag auch bringend erforderlich wie auch gewünscht wurde, daß alle Schulkinder bett« acht Jahre die Volksschule besuchen müssen, und daß der Ostertermm der Entlaß, fungStermin sei.