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Montag öeu 20. Mal >012

39 Jahrgang.

* Tuldaer W Leitung

2. Blatt

vruck hm» Verlag der zuldaer SttlendruS in Znlda.

(Fortsetzung folgt.)

„Erziehung und Unterricht sollen das männliche und das weibliche Geschlecht zu dem in seiner Eigenart be­gründeten Ziele führen. Dieses ist für das männliche Geschlecht ein anderes als für das weibliche. Die Ge­meinschaftserziehung macht eine Rücksichtnahme auf die Eigenart der Geschlechter unmöglich und schlietzt somit von vornherein die Erreichung des obengenannten Zie­les aus. Der Wert des Unterrichtes wird durch die Gemeinschaftserziehung wesentlich beeinträch­tigt, weil einzelne Unterrichtsfächer (Religion, Deutsch, Geschichte, Naturwissenschaften) aus erziehlichen Grün­den für die verschiedenen Geschlechter verschiedene Stoffauswahl und Behandlung bedingen.^ Der gemein­schaftliche Unterricht muh in solchen Fällen zur Ver­flachung führen.

Insbesondere sind die mit der Gemeinschaftserzie­hung unvermeidlich verbundenen sittlichen Ge­fahren gerade in unserer Zeit nicht gering anzu­schlagen. Selbst gewissenhafteste Beaufsichtigung wird dieselben nicht völlig ausschlietzen können. Demgegen­über können einzelne, nicht zu verkennende Vorteile der Koedukation nicht entscheidend ins Gewicht fallen.

Erfahrungen des Auslandes auf unsere Verhältnisse zu übertragen, wie es häufig geschieht, erscheint miß­lich, weil teils die physischen, teils die ethischen, sozialen und politischen Voraussetzungen, auf denen dort die Koedukation beruht, bei uns fehlen.

Sehr bedenklich muh es schließlich stiunnen, daß in Baden, demjenigen, deutschen Staate, in dem die Koedukation seit 1901 durchgcführt ist, nach der neuesten Kundgebung der dortigen Philologen an den Gemeinschaftsschulen die anfängliche Begeisterung infolge der gemachten üblen Erfahrun­gen einer starken Ernüchterung Platz gemacht hat.

Für kleinere Städte, iir denen die Beziehungen zwi­schen den einzelnen Familien und zwischen Schule und Haus naturgemäß engere sind, kommen die ausgespro­chenen Bedenken vielleicht nicht in voller Schärfe in Betracht. Trotzdem bleiben die grundsätzlichen Bedenken gegen die Gemeinschaftserziehung auch m diesem Falle bestehen."

Heden wir zum Schluffe aus den vom Stand­punkte der Hygeene gemachten Einwendungen eines Arztes nur eine hervor:

.,Es ist nachgewiesen, daß die physiologische Ent- | Wickelung von Knaben und Mädchen sehr ver-

Die Frau Stadlschreiber hatte heute noch einen unaufschiebbaren Gang zu machen. Ein blauge­streifter Oberrock umschloß die Taille, so schritt sie, das Täschchen am Arme, mit noch erhöhterem Selbst­bewußtsein als sonst über den Kirchplatz an dem Hause des Organisten vorüber.

Jungfer Nanette Weiß, die Schwester des Frei­ers, harrte schon seit Stunden aus das Erscheinen der Frau Stadtschreiber. Sie war völlig zum Aus­gehen gerüstet und trat, als jene vorüberging, aus der Haustüre.

„Tas heiß: man Glück haben", flötete das Fräu­lein, eine Dame in den Vierzigern, mit spitzem Kinn, spitzer Nase, grauen stechenden Aeuglein und eckigen Körpcrfornrcn, „denn gerade beschäftigte mich die hochwichtige Frage, welche Aufnahme wohl der Brief meines Bruders gefunden haben mag? Gu­ter Gott, man hat doch auch seinen Anteil an dem Schicksal seiner Geschwister, und mir kann es ja vollends nicht gleichgültig sein, welche Frau er sich nimmt, da ich in seinem Hause bin; aber die Jungfer Käte die wäre ganz nach meinem Herzen und Ge­schmack," schloß sie ihre langatmige Ergießung, indem sie mit dem sreundlichsten Lächeln an der stattlichen Figur ihrer Begleiterin emporsah.

„Geehrte Jnnqier Weiß, Sie zweifeln doch nicht, daß dem Brief die denkbar günstigste Aufnahme zuteil ward?! O, wie mich das freute."

„So darf ich meinen: Binder die frohe Botschaft bringen? Und er darf sich morgen das Jawort von seinem Bräutchen holen?"

„Ja, das soll er, mögen sie glücklich werden," entgegnete die Frau Ratschreiber mit großer Feier­lichkeit. Tann trennten sich die beiden unter den lebhaftesten Versicherungen gegenseitiger Freund­schaft und Liebe. Der unaufschiebbare Gang hatte selbstredend nur der Jungfer Nanette gegolten, um diese nicht länger in Ungewißheit zu lassen und deren Bruder sobald als möglich sein Glück zu verkünden. Dann ging sie auf einem größeren Umwege nach Haufe zurück, während Nanette bei ihrem Bruder eintrat.

g. Die Gemeinschaftserziehung

-er Knabe« und Mädchen.

Im Kreisschulinspeklions-Bezir! Fulda ist in I letzter Zeit eine Neuerung eingejührt worden, welche allen, denen die Interessen der Mädchenbildung und -erziehung am Herzen liegen, mit banger Be­sorgnis erfüllen muß. Es ist der bereits an elf Orten in die Hand eines Lehrers gegebene Gemein­schaftsunterricht der Knaben und Mädchen in den Oberklassen der Volksschulen. Bedenken gegen diese verhängnisvolle Einrichtung sind in der,Fuld. Ztg/ bereits ausgesprochen worden. Die Wichtigkeit der Sache verlangt aber, diese noch in schärfere Beleuchtung zu rücken.

Was unserem Volke not tut, sind opferstarke, tüchtige Frauen, — wer möchte dies ver- kennen I Auf guten Müttern beruht ja die Zukunft des Geschlechtes. .Wo ist ein Missionar, der so viel zu wirken vermöchte wie eine gute Mutter!" rüst ein französischer Schriftsteller aus. Gediegene Frauen heranzubilden, ist und bleibt aber nun ein­mal ureigene Aufgabe der Lehrerin. Dies ist eben in der Natur der Sache begründet. »Nimmer kann der Lehrer dem Mädchen ein so unmittelbar und innig wirkendes Vorbild sein wie die Lehrerin", muß selbst ein bewährter Schulmann, Direktor K ppenberg-Brcmen, bekennen. »Wenn diese den Schülerinnen in ihrer Person vorlebt, wie edle Zucht und Sitte, wie feines Gefühl für anderes Empfinden nnd Handeln in einer weiblichen Seele sich spiegeln kann und ihren Widerschein freundlich auf die kleinen Verhältnisse des Menschenlebens werfen, so ist es dem Mädchen ein Segen, den kein Mann ihm mitzugeben vermag."

Wie wenig förderlich, ja direkt nachteilig die Gemeinschaftserziehung durch einen Lehrer dem weiblichen Erziehungsideal fein muß, ist aus päda­gogischen Kreisen — und zwar nicht nur von Lehrerinnen, sondern auch von Lehrern — aus der Erfahrung heraus besonnen und eindringlich dar­gelegt worden. Leider sind jedoch diese berufenen Stimmen nicht überall hingedrungen, wo sie ver- I nommen werden sollten. Wir wollen deshalb nicht versäumen, verschiedene sachliche Ausführungen hier wiederzugeben.

In einer unterm 6. Januar 1910 an das Abge­ordnetenhaus gerichteten Petition betr. § 24 des I Lchrerbesoldungsgesches vom 26. Mai 1909 gab der Verein katholischer deutscher Lehrerinnen

I u. a. folgende Begründung:

„Auf der Oberstufe, welche die Vorbereitungsklasse für das Leben ist, wird der Lehrplan, wie auch der Unlerricht selbst, stark durch die Eigenart und die I späteren Bedüisnisse der Schüler und Schülerinnen beeinflußt. Diese sind aber für die beiden Geschlechter I verschieden. Jene der Knaben finden um so eher I und leichter Berücksichtigung, als der Leiter der ge­

Miczerski. « , . I

Aba. v. Trampcziynski (Pole): Die Polen hassen nicht das Deutschtum, sondern die Art nnd Weise, wie I sie behandelt werden. Der Entwurf ist nach der Reichs- verfasnmg ungültig. Sie werden uns durch Aus-1 nahmcgesetze nicht auf Ihre Seite ziehen. (Sehr richtig! I bei den Polen.) Wir boykottieren die Deutschen nicht, I wohl aber die Deutschen uns. Die Scherben, die hier I zerschlagen werden, wird einst der preußische Staat zu bezahlen haben. Kommt das Gesetz zustande, dann I iverden wir die Gerichte in Anspruch nehmen und wir I glauben ganz bestimmt, daß es in Preußen noch Richter I geben wird, von denen diese ganze Gesetzgeberei kam-1 promittiert wird.

Abg. Borchardt (Soz.) bekämpft die Vorlage und I polemisiert gegen Frhrn. v. Zedlitz. I

Auf Antrag der Polen, der in hinreichender Weise unterstützt wird, findet über den § 1 der Vorlage namentliche Abstimmung statt, mit dem Ergebnis, daß 113 Mitglieder des Hauses mit Ja, 86 mit Nein stim­men. Das Haus ist also beschlußunfähig. Vizepräsident Dr. Porsch beraumt die nächste Sitzung auf 3 Uhr an.

Zweite Sitzung.

Auf der Tagesordnung steht die zweite und dritte Beratung eines Eiscnbahnanleihegesetzes. In Verbindung damit erfolgt die Beratung der Denk­schrift über die Entwicklung der nebenbahnähnlichen Kleinbahnen in Preußen und nach der Nachweisung über die Verwendung der Fonds zur Förderung des Baues von Kleinbahnen. #

Abg. Strosser (kons.): Wenn der Abg. Borchardt be­hauptet hat, Frhr. v. Zedlitz drückt das Niveau des Hau­ses herab, so frage ich doch, wer kann das Niveau des HauseS denn mehr herabdrücken, als Herr Borchardt es gelan hat, und wie kann der Parlamentarismus mehr entwürdigt werden, als es gestern im Reichstag durch den Abg. Schcidemann geschehen ist.

Abg. Frhr. v. Zedlitz (freikons.) kommt auf die Grafen st ade n er Angelegenheit zu sprechen.

Cisenbahnminister v. Breitcnbach: Es ist Vorsorge getroffen worden, daß, wenn die Fabrik in Zukunft auf unsere Aufträge spekuliert, der in Frage stehende Direlior keine leitende Stellung in der Fabrik und keinen Einfluß auf das Unternehmen ausüben darf. (Abg. Hoffmann: Ist das kein Terrorismus?) Kommt die Fabrikleitung diesem Verlangen nicht nach, so trägt sie die Verantwortung für die Folgen.

Abg. Röchlin (natl.): Eisatz-Lothringen ist das Glacis von Deutschland. Wir haben alle Ursache, deutsa feindlichen Bestrebungen dort energisch entgegen« zutretcn. (Zuruf bei den Soz.: Die 2000 Arbeiter!) Wenn es denen dann schlecht geht, dann mögen sie sich bei der Fabrikleitung bedankew, die bei ihrer Ver­blendung auf ihrem Standpunkt verharrt. (Beifall.)

Abg. Strosser (kons.): Es handelt sich hier nicht um einen Terrorismus der Regierung, sondern um einen Terrorismus der Fabrik gegen deutsche Arbeiter und alles, was deutsch ist. (Sehr richtig!)

Abg. Hirsch (Soz.): Herr Strosser hat dem Ter­rorismus der Regierung das Wort geredet. Er scheint nicht zu wissen, was er gesagt hat.

Deutscher Reich.

♦♦ Der Dank des Kaisers. In militärischen Kreisen verlautet, daß der Kaiser aus Anlaß der Annahme der Heeres- und Flottenvorlage eine ganze Reihe von Gnadenbeweisen denjenigen hohen Beamten und Osfiziere» zugedacht hat, die sich um das Zustandekommen der Wehrkraststeige- rung besonders verdient gemacht haben. Der Reichskanzler v. Bethmann-Hollwea, angeblich auch Großadmiral v. Tirpitz, der bereits alle Auszeichnungen besitzt, die der Oberste Kriegsherr zu vergeben hat, sollen in den Grasen stand er­hoben werden; General der Infanterie v. Heerungen wird den hohen Orden vom Schwarzen Adler er­halten. Im preußischen Kriegsministcrium sollen mehrere bürgerliche Offiziere geadelt werden. An andere und an Offiziere des Reichsmarineamts werden hohe Ordensverleihungen erfolgen. — Wir □eben diese Mitteilung nur unter Vorbelw.lt rotier.

>P Die Hohenzollern und P. Roh S- J- und Rit­ter v. Butz. Ein Wurm, der nicht sterben kann, ist das Märlein von der Bedrohung der Hohenzollern- dynastie durch das katholische Vereinsleben. Von Zeit zu Zeit wird in einer gewiflen Hetzpresse er­zählt, daß von einem hervorragenden katholischen Führer die Aeußerung getan worden sei: „Unser Endziel ist, die Hohenzollern zu stürzen. Klöster und Vereine werden das schon besorgen." So und ähnlich wird diese Aeußerung erzählt berichtet; denn den genauen Wortlaut weiß niemand und — , über die Persönlichkeit des Missetäters weiß man nichts Sicheres zu vermelden, eine an sich schon recht verdächtige Sache! Bald nämlich soll es der berühmte Jesuitenmissionar p. R o h sein (f 1872), der im Jahre 1851 bei einem Exerzitienvortrag tn St. Peter bei Freiburg i. Br. diese Aeußerung ge­tan hat und bei den Zuhörern gesagt haben soll: „Wenn ihr's verratet, wird es abgeleugnet werden! Daß das den Stempel der Erfindung an der Sttrne trägt, ist ohne weiteres klar. Ein Beweis für diesen Unsinn ist denn auch trotz aller Mühe, welche der Evangelische Bund darauf verwendet hat, nicht er­bracht worden. Auf eine Anfrage der Zentralaus­kunftsstelle der katholischen Presse schrieb das Erz- bischöfliche Ordinariat Freiburg i. B. im Jahre 1902'

Es ist uns selbstverständlich von der angeblichen Aeußerung des P. Roh: .Unser Endziel ist, die Hohen­zollern zu stürzen usw.", nichts bekannt. In unfern Alten findet sich über den Inhalt seiner Vorträge nichts. Ein strikter juristischer Beweis, daß eine olche Aeußerung nicht geschehen ist, wird überhaupt nicht geführt werden können. Di« Aeußerung ist aber moralisch ausgeschlossen. Es Ware etn« Torheit, die Ableugnung einer vor etwa 50 Zeugen verschiedensten Charakters gemachten Aeußerung tn Aussicht zu stellen; es lag zu einer Aeußerung des be­zeichneten Inhaltes angesichts des § 15 ,^r Preuß. Verfassung von 1850, der Gesinnung Friedrich Wil­helms IV., der damals unter der Geneigtheit des Ho­fes und der Behörden von Hohenzollern in Anbahnung begriffenen Jesuiten-Niederlafsung in Gorhmm nicht der Schatten eines Anlasses vor; sie ist auch m An­betracht der dem Pater Roh in den folgenden Jahren bewiesenen und versicherien Gewogenheit des Regie- ruiigspräsidenten und der bei uns stets unverhohlen zum Ausdruck gebrachten für Preußen freundlichen Ge-

„Die Sache ist in Ordnung", rief sie schon auf der Schwelle triumphierend. „Habe ich dirs nicht gefügt, Balthasar, sie nimmt dich! Hättest du nur ogleich auf mich gchött, du würdest dir bei Rosen­berg und Härter keiner! Korb geholt haben!"

Jungfer Nanette ließ aber wohlweislich uner­wähnt, daß die Werbung ihres Bruders um ihret­willen nicht angenommen wurde, denn keine der bei­den Mädchen war gewillt, bei einem Ehebündnis mit Balthasar Weiß seine Schwester, die wegen ihrer scharfen Zunge allgemeii' gefürchtet war, mit in den Kauf zu nehmen.

„Hast du Gewißheit?" fragte der Organist noch zweifelnd, indem er das Notenblatt beiseite schob und die Kielfeder hinter das Ohr steckte.

„Allerdings, die habe ich, und zwar von deiner zukünftigen Schwiegermutter selbst, was willst du noch mehr? Morgen sollst du dir das Jawort bei deinem Bräutchen holen."

„Wirklich?" rief Balthasar Weiß mit ungeheu­chelter Freude — Nun, Nanette, daß du mir so guten Rat gegeben, das vergesse ich dir all mein Lebtag nicht, wahrhaftig, ich hätte nicht den Amt gefunden, mich um das junge, bildschöne Mädchen zu bewerben!"

„Und jetzt bekommst du sie doch! Was sie alle für Augen machen werden, wenn sie es hören, und erst, wenn du dich mit ihr zeigen wirst! Ich mochte dann nur ein Vöglein sein, um überallhin Horen und sehen zu können," wünschte mit einer wahren In­brunst Nanette, sie kicherte leise tn sich hmem und rieb sich vergnügt die Hände.

Der Organist hörte sie mit sichtlichem Wohlge­fallen; er schritt dabei auf und ab, manchmal machte er dazwischen vor dem Spiegel Halt, und unterwarf feinen äußeren Akenschen einer eingehenden Besich­tigung. Als er damit zu Ende war, glitt ein zu- friednes Lächeln über sein glattes rundliches Gesicht; er war überzeugt, daß man ihm die 45 Jahre nicht ansah.

Die Tochter des Organisten.

1] Novelette von M. E. Engelhardt.

Auf dem Dache der Sr. Johannes-Kirche in £., einem Städtchen von 5000 Einwohnern, sonnten die Dohlen ihr schwarzes Gefieder im flimmernden Son- • nen schein, ihre geschwätzigen Zungen ruhten, sie ge­nossen ein Sonnenbad. Kein lebendes Wesen weit und breit, nur der Postbote kam über den Kirchen­platz und bog in die Kirchstraße ein, wo er in dem ersten Hause einen Brief abzugeben hatte.

„An die ehr- unb titgendfatue Jungfer Kätchen Horstmann!" stand daraus. Schon wollte der Alte den Brief der Adressatin, die über ihre Arbeit ge­beugt am Fenster saß, übergeben, als eine sehr ent­schiedene Stimme sich vernehmen ließ: „Hierher, Klinger! Menn der Bries an meine Tochter ist, muß er erst durch meine Hand gehen." Es war die Frau Stadtschreiber Horstmann, die also sprach, eine statt­liche Fünfzigerin mit lebhaftem Kolorit und energi- fchen Zügen. Fast widerwillig legte der Alte den Vries in die ausgestreckte Rechte der Frau Horst­mann. die sich mit demselben in das anstoßende Zim­mer begab, wo sie sich in den Sorgenstuhl ihres Seligen setzte und mit Bedacht zu lesen begann. Wohl schon zweimal hatte sie den Inhalt wiederholt, eine tiefe Befriedigung lag auf ihrem Gesicht, und jetzt erhob sie sich, faltete den Brief zusammen und trat in bester Laune zu ihrer Tochter, der sie den Brief in den Schoß legte.

Kätchen war ein sehr schönes Mädchen; sie mochte kaum zwanzig Jahre zählen. Dichte Flechte» asch­blonden Haares umwanden den seinen Kops, ihre Züge waren von großer Anmut, die Hautsarbe von glänzendem Weiß, ihre Wangen färbte ein feines Rot, ihre blauen Augen blickten träumerisch, die ßn Pupillen hatten einen seltenen Glanz; mit galt daher Kätchen für die Schönste der kleinen Stadt X. *

„Da lies," sagte die Mutter kurz, als Kätchen fragend zu ihr aufblickte, worauf das junge Mädchen

den Brief ruhig entfaltete und zu lesen begann, aber je weiter sie las, um so lebhafter wechselte die Farbe auf ihrem Gesicht.

„Nun?" fragte Frau Horstmann mit scharfem Nachdruck

„Der Antrag des Herrn Organisten ist sehr ehrend für mich — aber —"

„Aber?" klang es in verschärftem, eisigen Ton zurück.

„Ich kann ihn nicht annehmen, denn — ich liebe ihn nicht."

„So — du liebst ihn nicht? Ei, sieh doch, welch romantische Ideen du hast? Und darf man viel­leicht fragen, wer cs ist, den du liebst? Ist es viel­leicht der Ludwig Stein, biefet Bettelmusikant und Luftikus, der nicht das Brot über Nacht hat? Diesen schlage dir doch gleich aus dem Kopf, denn nie, merke dir's wohl, nie gebe ich meine Einwilligung mit die­sem. Da ist doch der Organist Balthasar Weiß an der St.-Johannis-Kirche hier ein anderer Mann, vor dem mutz inan Respekt haben, der kann doch eine Frau ernähren, 800 Gulden Gehalt, vier Klafter Holz, freie Wohnung" — zählte die Frau Stadt­schreiber an den Fingern her, „da schreibt er noch: Dis Geschenke und dergleichen Kleinigkeiten will ich nicht ausführen, um Sie, liebwerte Jungfer, nicht damit zu langweilen ober lästig zu sollen; aber Sie mögen baraus ersehen, baß ich Sie wohl versor­gen kann. Unb nachdem dieser ehrbare Mann dem Fräulein von Habenichts eine sorgenfreie Zukunft bietet, will sie seine Hand ausschlagen!" lachte sie höhnisch. „Aber dazu bin ich die Mutter, und ich verlange unbedingten Gehorsam von dir! In einem halben Jahre bist du die Gattin des Balthasar Weiß und damit ist die Sache abgemacht, hast du mich ver­standen?"

Die resolute Frau wandte sich, ohne eine Ant­wort abzuwarten, weg und verließ die Stube. Kät­chen beugte sich tiefer über das Sinnen, die Nadel zitterte in der Weichen, Weißen Hand und eine Träne schlich über die heiße Wange; sie erleichterte aber das bedrückte Herz nicht, sie brannte wie glühendes Erz.

Preußischer Landtage

Abgeordnete»!««!?.

Sitzung vom 18. Mai 1912. I

r£iC Beratung des Vesitzbefcstigungsgesetzcs wird I '"^polnischer Seite ist der Antrag eingebracht wordcn, über den Gesetzentwurf gemäß § 107 ber Ver- fassung, nach 21 Tagen eine nochmalige Abstimmung I l'Dr9Ibg.rgrbr. v Zedlitz (freikons.) gibt zunächst seiner I Entrüstung über die gestrigen Angriffe des Abg. S ch e i d c m a n ii int Reichstag gegen Preußen und sein Königshaus Ausdruck. Meine Gesinnungsgenosse und Freund Schultz hat darauf im Reichstage die rich­tige Antwort gegeben: Solche Schmähungen reichen auch nicht annähernd an die Verachtung heran, die uns gegen solche Aenßerungen erfüllt. (Lebhafter Bei­fall bei der großen Mehrheit des Hauses.) Menn ich mir die Schultzsche Antwort aneigne, spreche ich sicher im Sinne der großen Mehrheit des Hauses. Was die Ansiedlung in den Ostmarken anbetrifft, so sind auch wir mit1 bent Minister der Ansicht, daß beii der An­sied l u n g von Katholiken große Vorsi ch t obwalicn muß. Gegen die Anwendung des Enteig- uungsgcsctzes bei Bcsitzwechsel können keinerlei Bed^i - ken geltend gemacht werden. Zum Schluß wünscht Redner, daß die Regierung noch vor der Vertagung das Parzellieruugsgesetz vorlege. (Lebhafter Beifall rechts. Zischen bei den Polen.) .

Justizminister Bcseler geht auf die piristtsche Sette der Vorlage ein. Der polnische Antrag kann nur dahm gedeutet werden, daß der Gesetzentwurf § 4 der Ver­fassung verletzen würde oder ob nicht alle Preußen vor deut Gesetz gleich behandelt, sondern bestimmte Kreise ausgeschlossen würden. (Sehr richtig! bei den Polen.) Diese Auffassung ist nicht zutreffend. (Oho! bei den Polen.) Ich bitte um Ablehnung des Antrags

schieden ist, besonders in bett Entwickelungs-Jahren, ie ist viel schneller unb intensiver bei Mädchen als >ei Knaben; die Mädchen haben einen viel größeren Prozentsatz an Kranken wie Knaben. Der Grund hierfür liegt in der Blutarmut und Nervosität der Mädchen; diese haben also gegen Krankheiten ge­ringere Widerstandskraft. Solche Umstände bringen es mit sich, daß gleicher Unterricht und gleiche An- pannung der Geisteskräfte den Mädchen mehr als den Knaben schaden müssen, und so kommt es, daß in Schulen mit Kovdukation Mädchen herangezogen werden, die mangels jedes Gleichmutes eine Qual ür sich und die Umgebung werden, was um so be­denklicher ist, als die Schwäche und Nervosität in hohem Grade erblich ist."

Diese Gründe dürften genügen, auch die Eltern ans aller Gleichgültigkeit aufzurütteln. Die Schul­organisation ist in erster Linie Sache der Gemeinde; mögen deshalb die beteiligten Kreise nicht versäumen, energisch Stellung zu nehmen gegen eine Neuerung, die sonst für die Zukunft sehr verhängnisvoll wer» den kann.

mischten OberNasse stets ein Mann ist, der auf Grund eigener Veranlagung und Lebenserfahrung den Knaben leichter gerecht wird. Die geistige Eigenart, welche das Mädchen der Auffassung und Verarbeitung der Unterrichtsstoffe entgegenbringt, kann ebenso wenig wie seine spätere Bestimmung beim Lehrer dte gleiche Rücksichtnahme finden, wie bei der Lehrerin.

Hinsichtlich der Erziehung bieten dte gemischten Klaffen, msonderheil die gemischte Oberklaffe, zwetfel- los Nachteile für die Mädchen. Namentlich dte Entwickelungsjahre lösen bei Knaben und Mädchen besondere körperliche rote auch seelische Empfindungen und Kräfte aus. Dadurch wird bet Erztehungsboden, der von Natur aus für die beiden Geschlechter schon verschieden ist, noch eigenartiger ausgeprägt, daher müssen auch die Erziehungsmittel andere werden.

Das Erziehungsideal ist für den Knaben dasjenige kraftvoller Männlichkeit, für das Mädchen das opferbereiter Weiblichkeit. Die Berück­sichtigung dieses verschiedenen Zieles wird sehr erschwert, wenn die Erziehung beider Geschlechter in eine Hand gegeben ist, und zwar auch für Mädchen in die eines männlichen Erziehers. Diesem fehlt seinen Schülerinnen gegenüber die erste Quelle der Seelenkenntnis, die Selbstbeobachtung, da seine eigene Psyche anders geartet ist. Zwischen dem Lehrer und dem heran- roachsenden Mädchen kann sich nicht leicht gefahrlos I jenes Vertrauensverhältnis b.Iben, das tiefgehende und I ernste persönliche Einwirkung gestattet

Namentlich in unserer Zett ist der weibliche Einfluß in derVolksschulerztebung inroeitestgehendem I Maße vonnöten. Die Entwickelung der sozialen und I roirischafilichen Verhältnisse der Gegenwart beeinträch- I tigt vornehmlich bei den unteren Volksschichten den mütterlichen Einfluß in der Familienerziehung. Zett- sirömungen auf ethischem Gebiete sind dazu angetan, das Idealbild echter Weiblichkeit bet der Heran­wachsenden weiblichen Jugend zu verwischen, ja zu verzerren. Dio Tätigkeit einer echt weiblichen Er­zieherin muß da Ersatz und Ausgleich schaffen."

Diesem auf eindringendster Kenntnis der psycdt- schen Eigenart des Mädchens gegründeten, klaren Urteil sei eine sehr beachtenswerte Kundgebung männlicher Pädagogen gegenübergestellt.

Die Vereinigung von Lehrern an städtischen höh. Schulen Dresdens hat ungefähr vor zwei Jahren eine Eingabe an die sächsischen Ständekammern zur Frage der Mädchenschulreform gerichtet, worin u. a. der Titel vorkommt: »Die Gemeinschaftserziehung ist grundsätzlich zu verwerfen. Ausnahme­fälle sind höchstens für kleine Städte zuzulassen." Dieser Titel wird folgendermaßen begründet:

Abg. Strosser (kons.): Ich halte eS unter meiner 1 Würde, darauf zu antworten.

Der Rest des Gesetzes wird nach den Kommissions-1 beschlüssen erledigt und daS ganze Gesetz darauf auch in 8. Lesung angenommen. ,

Der Moorschutzgcsetzentwurf wird ohne Debatte an eine besondere Kommission von 14 Mitgliedern ver­wiesen.

Hierauf vertagt sich daS HauS.

Montag: Wahlrechtsanirage.

Herrenhaus.

Sitzung vom 18. Mai 1912.

Das Herrenhaus nahm heute zunächst da? Gesetz über die Reinigung öffentlicher Wege in der vom Abgeordnetenhause beschloffenen Fassung an und i setzte alsdann die EtatSberatuug fort

Beim Eisenbahnetat wurden mehrere erwägens- werte Anregungen gegeben, so beispielsweise bezüglich automatischer Sicherheitseinrichlungen, Einsührung der durchlaufenden Stundenzahl in den Fahrplänen u. a. mehr. Beim Etat des Finanzministeriums kam die be­denkliche Steigerung der kommunalen Steuerzuschlags zur Sprache, der man dadurch vielleicht entgegenwirken könne, daß man einen Teil der kommunalen Ein- komrnensteuerzuschläge in einem Ausgleichsfonds fließen I lasse. Der Finanzminister war der Ansicht, daß ohne eine Beschränkung der Selbstverwaltung keine durch- greifende Besserung in dieser Sache geschaffen werden könne und daß vor allem eine Revision de? Kommu­nalabgabengesetzes nötig fei. Nach Erledigung einer Reihe kleinerer Etats vertagte sich daS Haus auf Montag.