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M 97.

Montag -ea 29. April 19(2-

39. 3oi?rgang.

* fuldaer W Leitung

2. Blatt.

vr«<k und Verlag der Mdaer »ditnbni»trtl in Znlda.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 27. April 1912.

In der Fortsetzung der Beratung des Etat der Reickseisenbahn bringt

Abg. Kohmann (Z.) eine Reihe von Wünschen vor, die aus Beamten- und Arbeiterkreisen, sowie seitens der Landwirtschaft laut werden. Bei der Anlage neuer Bahnlinien müsse unsere Landwirtschaft mehr als bisher berücksichtigt werden. In Arbeiterkreisen wird viel über die Belastung der Arbeiterzüge geklagt, auch die Setzung der Arbeitcrzüge läßt viel zu wünschen übrig, sowohl aus Beamten- als auch aus Eisenbahn, arbeitcrkreisen sind dem Hause zahlreiche Petitionen zugegangen, um deren Berücksichtigung ich bitte. Nach wie vor müssen wir verlangen, daß die Löhne der Eisenbahnhmidwerker den ortsüblichen Löhnen min- desieus gleichkommt. (Lebh. Beifall im Zentr.)

Eisenbahnminister von Breitenbach: Die Aufbesse­rung einzelner Bcamtentreise ist aus dem Grunde un­möglich, weil das sofort eine Aufrollung der gesamten Beamtcnbesolduugsfrage zur Folge haben würde.

Abg. Dr. Will (Els.) bittet um Ausbau des Eisen- bahnuetzes in Elsast-Lothringen. Die Löhne und Ge­hälter der Nnterbeamten und Eisenbahnarbeitec in Elsatz-Lothringen entsprechen nicht denjenigen der Pri. vatbcaniten. Bei Anstellung der Beamten sind die Elsast-Lothringschen Landeskinder nach Möglichkeit zu berücksichtigen.

Die Abgg. Jckler (imtL), Dr. Werner-Gießen (wirt. Vgg.) und Peirotes (Soz.) wünschen eine Gehaltsauf­besserung für eine Reihe von Unterbeamten.

Al>g. Schiffer-Borken (Z.): Der Minister tut sehr recht daran, wenn er sein Augenmerk darauf richtet, daß die Sozialdemokraten bestrebt sind, unter den Eisen­bahnwerkstättenarbeitern Anhang und Einfluß zu ge­winnen. Auch wir wünschen für die Eisenbahuarbeiter das unbeschränkte Vereinigungsrecht. Es würde aber nicht im allgemeinen und nicht im Verkehrsinteresse liegen, den Beamten und Staatsarbeitern auch das Streikrecht zu bewilligen. Wenn die Staatsbetriebe Musteranstalten sein sollen, dann müssen sie auch in bezug auf die Löhne die Privatanstalten übertreffen. (Beifall und Zust. im Zentr.) Dringend Not tut auch ein weiterer Ausbau der Arbeiterausschüsse.

Eisenbahnminister v. Breitenbach bemerkt, daß die Eiseubahnverwaltung an ihre Pflichten gegenüber ihrem Personal nicht erinnert zu werden braucht.

Dann schließt die Diskussion. Bei der Abstimmung über eine sozialdemokratische Resolution ergibt sich die Anwesenheit von 81 Mitgliedern. Die Sitzung muß wegen Beschlußunfahigkeit abgebrochen wer- den.

Montag: Fortsetzung.

Deutsches Neich.

** Der deutsche Botschafter In London, Graf Wolff-Metternich, ist in Berlin eingetroffen und wird sich dort mehrere Tage aufhalten. Er reist dann wieder nach London zurück, liebet den Zweck der Anwesenheit des Botschafters in Berlin will die ,Tägl. Rundschau' erfahren haben, sie stehe in Zu­sammenhang mit den deutsch-englischen Ver­handlungen, die bekanntlich in der letzten Zeit ins Stocken geraten find. Auch mit der Frage eines Wechsels auf dem Londoner Botschafkerposten stehe der Besuch im Zusammenhang. Graf Wolff- Metternich habe selbst den Wunsch, von seinem Posten in absehbarer Zeit zurück Mreten, und daher beschäftige man sich an maßgebender Stelle schon seit einiger Zeit mit der Frage, wer an seiner Stelle den vielbegehrten Londoner Posten erhalten soll.

gk. Ei» sozialdemokratischer Monopolvertrag im Texlilgeweibe. Die Firma Frey u. Cie., Baumwoll­spinnerei in Mülhausen (Elsaß) siegt seit eiuigen Jahren mit ihren Arbeitern in einem Vertragsver- hältnis. Der letz.o, am 31. März ds. Js. ab. gelaufene Tarifvertrag wurde 1909 von Vertretern des sozioldemokra.is len und christlichen Textil« arbeiterverbandes gemeinsam ausgearbeitet und auch von beiden Organisationen unterzeichnet. Spälcr befolgten die elsä'sischen Führer des sozial­demokratischen Verbandes mehr und mehr die Taktik, den christlichen Verband bei allen Bewe­gungen, we n möglich, auszuschalten. Das ist zahlenmäßigen Uebergewicht ihrer Mitglieder auch beim diesmaligen Tarisabichluß mit obenerlrähnter Firma gelungen. Von dieser offen- üchilcch begünstigt, schloffen fie mit dieser einen ^ertrag ob, der u. a. laut christlicher Textilarbeiter- yeituufl' loloenöe Restimmunaen enthält:

"Da aber dieser Vertrag nur für die in dem unter, zeichneten Verbände organisierten Arbeiter Gültigkeit

hat, gelten selbstredend auch diese Bestimmungen nur für die Arbeiter, die dem Deutschen Textil­arbeiterverband angeschlossen sind.

Der Arbeiterausschuß bezw. die Organisationslei­tung behält sich vor, bei Differenzen wegen Nicht­zugehörigkeit zu der betreffenden Organisation mit neueintretenden Arbeitern bei der Betriebsleitung vorstellig zu werden, um Nichteinstellung zu ver­anlassen in d e n Fällen, wo gleichwertiger Ersatz ge­stellt werden kann. Diesbezügliche Rücksprachen müs­sen aber in den ersten drei Tagen stattfinden.

Arbeiter, welche Mitglieder des Verbandes waren und auS demselben auStreten, fallen in die Kategorie der Neueintretenden."

Affo em regelrechter Monopolvertrag. Durch diesen Vertrag lallen die unorganisierten und vor allem die christlich organisierten Arbeiter in den roten Verband hineingepreßk werden. Hoffent­lich wird diese Gewaltpolitik der Genossen ihren Zweck nicht erreichen!

d1 München, 26. April 1912. Mit übertriebener Strenge bei der Steuerveranlagung hatte sich am Freitag die bayerische Abgeordnetenkammer zu befassen. Bei der Festsetzung des steuerbaren Einkommens auf Grund des neuen bayerischen Ein­kommensteuergesetzes ist vielfach eine lummarische Einschätzung erfolgt, die den tatsächlichen Verhält­nissen nicht entspricht und daher als Härte empfunden wurde. Gegen diese mißbräuchliche An­wendung eines an sich guten Gesetzes richtete sich eine Interpellation des Zentrums, die am Freitag zur Verhandlung kam. Der Finanzminister beant­wortete die Interpellation dahin: Em abschließendes litte l sei noch nicht möglich, man werde aber ver­suchen, die Ungleichheiten zu beseitigen.

Ausland.

** RedefeldM Tafts gegen Roosevelt. Präsident Taft griff in einer Rede zu Springfield (Massa- chussets) Roosevelt an, der, wie er sagte, Tatsachen entstellt und verdreht habe, die sich auf fein Verhalten im Weißen Hause bezögen. In Boston setzte Präsident Tast seine Angriffe gegen Roosevelt fort. Roosevelt habe Aeußerungen Tafts entstellt und fein feierliches Versprechen, nicht wieder zu kandidieren, verletzt. Das Versprechen und die Art, wie er danach gehandelt bat, werfen ein Licht auf den Wert, den man einem solchen Versprechen beimeffen darf, das Mr. Roosevelt in Zukunft ab­geben wird.

= Die Lage der Kirche in Fraulcech

Unter dem Titel „Am Gestade dreier Meere" veröffentlicht Witold Noskowski im „Dziennik Poz­nanski" Reiseeindrücke aus Jütland und Nord­frankreich. Darin gibt er u. a. ein Gespräch mit einem bretonischen Pfarrer wieder, das als Schilderung der Lage der Kirche in Frankreich auch für unsere Leser von Interesse sein dürste. Lasten wir ihn erzählen:

Auf den Straßen dröhnen Automoblie und schwirren Fahrräder. Der Pariser interessiert sich immer mehr für ein Land, in dem die Leute zum Teil noch der Meinung sein sollen, in Frankreich regiere Napoleon L, und dem Pfarrer noch mehr glauben, als dem Präfekten. Der Konflikt mit der Kirche hat hier noch wenig äußere Spuren hinter­lassen. „Die Ministerien fallen, aber die Messe wird weiter gehalten." Emil Combes wurde gestürzt, der Urheber des Trennungsgesetzes Aristide Briand ist zurückgetreten, aber der Pfarrer ist bei seinem Altar geblieben und hält jeden Sonntag seine bretonische Predigt, tote zu den besten Zeiten des Konkordats.

Beim Herumstreifen in der Gegend kam ich ein­mal an einem heißen Nachmittag in ein Pfarrhaus, das aussah wie eine kleine Festung und sicherlich seine 500 Jahre auf dein spitzen Dache trug. Aus oem Dank für ein Glas Master, das der Pfarrer selbst mir reichte, entspann sich ein Gespräch über die Geschicke der Kirche in Frankreich.

„Ay! Ein Journalist . . . Was möchten Sie wissen? Die Lage der Kirche? Was kann Ihnen ein armer_ bretonischer Pfarrer für Informationen geben?" fügte er mit feinem Lächeln auf dem von Seewinden gebräunten Gesichte hinzu. — „Eins ist

sicher, daß wir leben und nicht zu sterben denken, wie Sie sehen. Die Religion ist nicht ein Halm, den man mit den Fingern ausreißt, sondern ein alter Baum."

Sein Blick glitt über das kleine Zimmer und blieb auf dem großen Kruzifix über der Tür haften.

„Die Kirchen sind an Sonn- und Feiertagen immer voll," sagte er Wetter. „Vielleicht voller als vordem. Wir unterhalten sie aus der Vermietung von Kirchensitzen und aus Kolletten während der hl. Meste. Ein Stuhl kostet ein Sou. Unser Unter­halt? Das ist eine andere Frage. Wir leben von Meßstipendien, von Gebühren für Trauungen und Begräbnisse. Die Pfarrei hat nämlich kein Ver­mögen. Sie besaß wohl welches, aber die Regierung hak es bei der Trennung konfisziert. Sie hat uns nicht nur vom Staate, sondern auch von unserm Eigenttim getrennt. Aber wir brauchen uns dieser- halb nicht zu grämen, höchstens darüber, daß die Kirchen als Bauten den (bürgerlichen) Gemeinden gehören; wir haben sie nur im Besitz, und sie können uns jeden Augenblick genommen werden. Hier in der Bretagne ist davon keine Rede, aber anderswo kommt auch dies vor."

„Die weltliche Schule arbeitet an der Zukunft," warf ich ein, „es kann aus ihr recht bald ein ir­religiöses Geschlecht hervorgehen."

Der geistliche Herr widersprach energisch.

Das ist nicht zu befürchten. Schon Jahrzehnte hindurch haben wir diefe Schule, und die Bretagne ist ebenso religiös wie zuvor. Uebrigens leiden die Regierungsschulen beständig an Schülermangel, und die privaten katholischen Schulen sind überfiillt. Selbst hier in unserem Städtchen haben wir eine solche freie Schule für Mädchen. Biel läßt sich auch im Katechismusunterricht machen. Wegen der Bre­tagne und Vendöe können wir ruhig sein."

„Aber Paris?"

„Auch dort ist die Bevölkerung im allgemeinen religiöser, als man nach den Parlamentsbeschlüssen annehmen sollte. In den Kirchen ist kein Platz zu bekommen (??). Die Kultur von Jahrhunderten zerstört man nicht, verehrter Herr, in vier Jahrzehn­ten amtlichen Atheismus. Das schwimmt auf der Oberfläche der Gesellschaft wie schmutziger Schaum; in der Tiefe geht die alte, starke Strömung. Ja, ich will Ihnen noch eins fagen: früher wurde das Konkordat manchmal so mit kleinlichen Schikanen und Verfolgungen angewandt, so daß wir uns jetzt nach der Trennung nicht selten stärker und tatkräf­tiger fühlen. So macht Gott die hinterlistigen Pläne der Feinde zunichte und wendet sie wider ihre Ur­heber."

„Das Volk muß zum Gottesdienst Beiträge lei­sten. Macht das die Leute nicht abspenstig?"

„Die Regierung wäre zufrieden, wenn sie jede Steuer mit solcher Bereitwilligkeit erlegen würden, wie diese prwaten Opfer. Welch eine Oberflächlich­keit war es doch, anzunehmen, man würde dem Fran­zosen die Religion rauben, wenn man nach ihr durch die Tasche hindurch langte! Wie haben sich unsere heutigen Gewalthaber geirrt, da sie das gewöhnliche Volk nach dem Maß ihres eigenen Materialismus beurteilten. Unser Landmann und unser Fischer, sie denken nur an das eine: daß ihnen diese neue Last aufgelegt ist von derselben Regierung, die ihnen das durch Arbeit und Opferfreudigkeit ihrer Väter gesammelte Parochialvermögen geraubt hat. Daran höchstens erinnert sie jeder Pfennig, den sie der Kirche erlegen."

Boni Turm schlugs vier Uhr. Ich verabschiedete mich.

„Es gibt freilich Gegenden in Frarckreich, in denen der Unglaube große Fortschritte gemacht hat," sagte der Pfarrer zum Abschied. „Aber das sind Uebergangserscheinungen. Schlimmer wars im Jahre 1793, und doch . . . Regierungen wechseln, Negierungsformen' wechseln, Gott ist ewig."

Ich sah mich noch einmal nach chm um; er stand in der Tür. Hochgebaut, knochig, in enganliegender Soutane, sah er an der Schwelle seiner kleinen Festung aus wie ein Soldat auf dem Wachtposten. Die Hand auf den Türrahmen gestützt, die Füße breit auseinander gestellt, als wenn er in den Boden hineinwachsen wollte. Eine lebendige Illustration der Worte: „j’y suis, j’y reste" („hier bin ich, hier bleibe ich"), ein echter Sproße des Geschlechtes, das

die Priester von 1793 hervorbrachte, die da sich ber­gend vor den Karabinern der flauen", in grob- beschlagenen Stiefeln alle Wälder durcheilten, tags­über in Schlupfwinkeln schliefen und nachts zum felsigen Ufer hinabstiegen, um im Kahne hinauszu­fahren zur „Seemesse".

NachschriftderRedaktion. Wir glau­ben, daß der wackere bretonische Pfarrer aus der Enge feines bretonischen Städtchens heraus die Dinge m Frankreich doch allzu optimistisch ansieht. Seine Angabe über Paris: „In den Kirchen ist kein Platz zu bekommen", ist geradezu falsch, wie alle katholischen Reisenden bestätigen werden, die die Pariser Kirchen besucht haben. Auch außerhalb Paris, selbst auf den Dörfern ist der Kirchenbesuch geradezu kläglich. Schon unseren katholischen Sol­daten, die 1870/71 nach Frankreich kamen, fiel dies auf. Bisweilen wurden in der Sonntagspredigt unsere deutschen Soldaten den eingeborenen Fran­zosen als Muster hingestellt. Auch unter den Kriegs­gefangenen war wenig religiöser Sinn zu bemerken, tote jeder bestätigen wird, der 1870 erlebt hat. Seit­dem ist es nicht bester, sondern viel schlechter ge­worden. Die nicht bloß religionslose, sondern direkt religionsfeindliche Staatsschule hat ein Geschlecht herangezogen, über dessen Entartung selbst Freigeister die Hände zusammenschlagen. ‘ Der Sinn für Sitte, Recht, Gesetz und Ordnung ist voll­ständig geschwunden, tote ja die Geburtsstatistik und die Tagesereignisse in Frankreich bekunden. Das Land befindet sich in einer moralischen Verlotterung und in einer latenten Revolution. Der bretonische Pfarrer rühmt sich, daß er „selbst hier in unserem Städtchen" eine katholische Mädchenschule hat. Ja, aber wo werden seine Knaben unterrichtet? Er rühmt, daß seine Gemeinde die Kosten für den Un­terhalt des Gottesdienstes und der Geistlichen auf­bringt. Aber außerhalb der Bretagne geschieht das vielfach nicht, sogar im größten Teile von Frankreich bringt der Kultuspfennig nicht das ein, was er cm- bringen sollte, und der Priestermangel kündet sich selbst in den Diözesen, wo noch gläubiges Volk zu finden ist, mit Riesenschritten an. Der bretonische Bauer und Fischer wissen — so sagt der Pfarrer — daß die Lasten des Unterhalts der Kirchen und Geist­lichen ihm von der Regierung auferlegt sind, die das Kirchenvermögen geraubt hat. Zieht denn aber der bretonische Fischer und Bauer hieraus seine Folgerungen? Wie viele Gegner der kultur- kämpferischen Regierung werden denn selbst in der Bretagne gewählt? Man kann sie an einer Hand abzahlen. Das ist eben das Unbegreifliche: selbst noch religiös gesinnte Franzosen stimmen ganz ruhtg für die Räuber und Diebe, die die Kinder in die religionslosen Schulen hincinzwingen, die die Kirchen verstaatlichen und mit dem Kirchenvermögen ihre Taschen füllen. Die Religion hat für das öffentliche Leben in Frankreich geradezu jede Bedeu­tung verloren. Von 50 000 Freimaurern und ihren Vettern lassen sich 40 Millionen regieren. Und das krmmt jfuni großen Teil daher, daß der fianzösische Klerus m seiner übergroßen Zahl feit hundert Jah­ren sich um alles, was außerhalb des Bereiches der Kirche und des Pfarrhauses passierte, nicht geküm­mert und in den vier Wänden der Kirche, der Sa­kristei und der Studierstube ein zwar sehr frommes, aber auch sehr selbstzufriedenes Dasein geführt hat. Diese Seelenzufriedenheit, die keine zeitgemäße Ar­beit leistet, sondern alles vom lieben Gott erwartet, hat Frankreich nicht an den Rand, sondern auf den Grund des Abgrundes gebracht. Zu der frommen Selbstzufriedenheit und Bescheidenheit kommt dann noch ein ängstliches Spintisieren und Ueberlegen, ob ja auch jeder Schritt, den man selbst und der liebe Nächste tut, sich in die Schablone des Herge­brachten einordnen läßt. Taffächlich tappen auch gerade die regsamsten Geister, mangels der Kennt­nis des neuzeitlichen Lebens und mangels geschärfter Logik und mangels der Korrektur von erfahrenen Gesinnungsgenoffen nicht selten neben die rechte Bahn, und darum kommen sie vor lautet Theore­tisieren und Kritisieren niemals zum praktischen Handeln. Hoffentlich lehrt die Not den französischen Klerus recht bald arbeiten, sonst wird es Überhaupt keinen Klerus mehr geben, und in 25 Jahre» können wir nach Frankreich die Missionare schicken, die heute nach China gehen.

.ztiuemarographerrfrage.

Tie „Fuldaer Zeitung" bringt in Nr. 86, Erstes Blatt, vom 16. April, unter Vermischtes die Notiz, daß der Verband der Männervereine zur Bekämp­fung der öffentlichen Unsittlichkeit beschloß, einer- Jetts toettere Maßnahmen gegen die Ausschreitungen des Ktnowesens zu vetanlaffen, andererseits aber die ^'^nz^echttgung gutgeleiteter KinoS anzuerken- nen. Es ist auch allerhöchste Zeit, endgültig Stellung zu nehmen zur Kmematographenfrage, und nicht bloß •Stellung zu nehmen, sondern mit allen Kräften darauf emzuwirken, daß das Lichtbilderwesen, das einen so gewaltigen Umfang angenommen bat, im guten Sinne für unser Volk ein Bildungsmittel werde. Dr. Ernst Sck,ultze, einer der angesehensten Wortführer moderner Volksbildungsbestrebungen, der ein eigenes Werk schrieb: „Der Kinematograph als Bildungsmittel" (Halle 1911), nennt die Licht- bildervorsührtrng ein „wunderbares Erzeugnis der Technik", „das die Fähigkeit in sich trägt, ein Volks- bildnugsmittel allerersten Ranges zu bilden". Daß oer heutige Kinematograph dies nicht ist, zeigt em Blick auf seinen Spielplan. Die Reklame- tascln, die vor den Kinos aushängen, sagen gleichfalls p?nuq. A u cv .in Fulda. 4)te "Aufregende Verhaftung; Angriff des Rollkutschers; i-ia-n‘an? ei^. Mädchenjägers; 'Apachen von Pa-

Mädchenjäger; Auw im Dienste der

1. Anstatt ber Vergiftung dmchlolche Schund-Films konnte der Ktnematograph Tüchtiges in der Bildung und Belehrung des Volkes leisten. Tas zeigen schon heute manche Vorführungen: Städtebilder, Land- schäften, Natnraufnahmen, Kunst- und Gewerbeer- Zeugnisse. Märchen (für Kinder), militärische Bilder, religiöse und biblische Szenen Das zeigt, zu welch einzigartigem Volls^llwugSmittel, zu welch mächti­gem Kulturmittel der Kinematograph werde»

kann. Und daß er es werden muß. sehen viele ein. An Praktischen Reformverfuchen fehlt es nicht. Geist­liche und Lehrer, alle Erzieher, die Presse, die Vereine müssen Kontrolle üben und einen Druck auszuüben suchen aus die Kinematographenbesitzer. Die öffentliche Meinung wird so die Besitzer veran­lassen, dem Publikum nur vorzulegen, was es sich bieten läßt. Jetzt werden besonders auch die Aus- schüffe für Jugendpflege hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen haben. In Siegen hat der Ortsausschuß der Jugendpflege beim Magistrat die Einsetzung einer Kommission veranlaßt, welche bei Prüfung der Films und der Reklamebilder unter» und beratend hilft. In den Arbeiter-, <;unglingz- Jungfrauenvereinen muß die Kinofrage ^leuchtet werden. Die Präs.-Korr. emp- ftehlt, öffentliche allgemeine Volksvereins Ver­sammlungen einzuberufen. Solche empfehlen sich auch tn kleinen Ortschaften; denn deren Bewohner kommen tu die Stadt und müssen wissen, was sie von den bekannten Kino-Reklamen (Mord- usw Szenen) zu hatten haben. '

Der Volksverein für das kath. Deutschland ist bahnbrechend auf kath. Sette vorgegangen. „D i e 8tcl) t6ilberet, ®. m. b H. zu M.Gladbach" hat eine Filmverleihzentrale geschaffen, die bereits anfangs inefes Jahres über 600 Films verfügte auS Een Gebieten, die für edle und ernsthafte Volksbil­dung und VolkSunterhaltung in Frage kommen. Tagtäglich wird der Beftand erweitert, im März wa­ren über 350 Serien vorhanden, Lichtbilder sowohl als Stints sind unter Mitwirkung der Zentralstelle des Bolksvereins zusammengestellt. Der Filmverleih der genannten Lichtbildern liefert uuch sämtliche Apparate und vollständige Kinotheatereinrichtungen. Im Verlag der Lichtbilder« 'erscheint vierteljährlich, das Heft zu 40 Pfg., eine Zeitschrift für Lichtbilderei und .Kinematographie „Bild und Film" (Nummer 1 int März 1912). E. M. Hamann schreibt in der Allg. Rundschau, Nr. 15 S. 298 darüber: „Hoffertt- ttch werden ht erster Linie alle Volksbildungsorgani- fattonen ihr Augenmerk auf diese begonnene Tat echter Kulturförderung richt«". £. Sch-

— Selbsthergestellte Liköre. Eine wackere Haus- ftau macht sich jetzt vieles selbst: sie konserviert Obst, Gemüse, Fletsch, sie greift dem Konditor ins Handwerk, und sie stellt sich auch ihre Parfüms und Liköre zu einem ganz beträchtlich billigeren Preise selbst her, als sie diese Sachen im Wege des Kaufes an sich bringen könnte. Die Likorfabrikation tm Hause hat sich schon sehr eligeführt. Die Sache ist ja auch denkbar einfach und gelingt auf alle Fälle. Mau braucht ja nur Zuckerlösung mit Weingeist oder Kornsprit (nicht Kartoffelsprit!) und mit der betreffenden Essenz zu mischen. Daß diese leichte und billige Herstellung irgendwie die Trunksucht gefördert hätte, bat man noch nie gehört. Aber ein kräftiges Likörchen, ein süßes für die Damen, ein herbes oder bitteres für die Herren, gehört nun ein­mal in jedes Büffett. In dieser Form und in klei­nen Mengen genossen ist ja der Alkohol bei diesen und jenen Speisen ein vorzügliches, die Verdauung förderndes Mittel, wie er ja schließlich auch clS not- s wendiger Bestandteil einer gut eingerichteten Haus­apotheke zu gelte» hat und bei mancherlei Magen- versttmmunqen stets gute Dienste leistet. Wir wol­len im nachfolgenden unseren Hausstmien einige Winke geben, welche diesen gewiß nicht unwillkom­men sein dürften Dir fertigen Liköre sind sehr oft trüb. Das kommt von Unreinigkeiten im Zucker, im Waffer, in der Essenz ber, teilweise ist die Trü­bung aber auch die Folge der Mischung der im Al­kohol klar gelösten ätherischen Oele mit Wasser. Derartige Liköre oder auch Branntweine klärt man am einfachsten durch Filtrieren. Hierzu benutzt man Filtrierpapier oder ein Stück Flanell, muß bei­des aber erst mit heißem Wasser gut auswaschcn, weil der Likör sonst schlecht durchläuft. Ist der Likör auch bann noch nicht klar, so gibt man auf je je einen Liter einen gehäuften Teelöffel Talkpulver (Speckstein) hinzu, schüttelt kräftig um, und filtriert nach drei bis vier Tagen nochmals. Jetzt ist er auf alle Fälle klar. DeS ferneren ist zu beachten, daß Lcköre vor Licht zu schützen sind und am besten in Papier eingeschlagen an einer warmen Stelle stehend mtfbewahrt werden. Der Einfluß bei Lichtes würde

die ätherischen Oele zersetzen, was sehr zum Nach­teile des Aromas wäre; die Aufbewahrung an einer warmen Stelle, z. B. auf einem Brett über dem Küchenherd, begünstigt das „Altern", wodurch schon in kurzer Zeit ein wundervolles Bukett erzeugt und der Wohlgeschmack erhöht wird. Drei bis vier Mo­nate müssen die Liköre allerdings immer stehen, wenn sie wirklich gut sein sollen. hf.

— Eine Enttäuschung. Bei der letzten Sonnen­finsternis schaute auch die ganze Familie eines Kö­nigsberger Oberlehrers bewundernd zum blauen Himmel empor nach der Stelle, wo eben der Mond verdunkelnd über die blendend helle Sonnenschcibe zog. Erst benutzte der Herr Oberlehrer das rauch­geschwärzte Glas, dann die Frau und Kinder, zitiert Trine, das Dienstmädchen. Trine, eine brave Ost- preußin, die vor ein paar Jahren den feierlichen Einzug des Kaisers in Königsberg mit angesehen hatte, äußerte sich folgendermaßen über die seltene Himmelserscheinung: „Na ja, es ist ja ganz scheen, aber wenn der Kaiser kommt, ist es doch noch viel s ch e e n e r!"

— Die Tiere und das Regenwetter. Daß wir Menschen bei längerem Regenwetter trübselig ge­stimmt werden, ist leicht erklärlich, nicht aber, daß bei manchen Tieren in solcher Zeit gerade das Ge- gentcil eintritt. Der Beamte eines Zoowgischen Gartens hat hierüber interessante Beobachtungen an­gestellt. Löwen, Tiger und andere Zugehörige der Katzenfamilie fürchren geradezu den Regen, sie knur­ren, zittern und sind dann besonders wild. Der Wolf hingegen ist bei Regenwetter außerordentlich inun­ter und so glücklich, daß er niemand etwas zu Leide tut. Aehnliches wurde bei Kamelen beobachtet, sie schreien und springen; auch die Schlangen werden bei Regenwetter beweglicher als sonst. Die Affen hingegen kriechen am liebsten in eine Ecke, sitzen sttcn- denlang ruhig dort, und wenn eS gar zu sehr auf das Dach ihres Hauses Plätschert, halten sie tote zum Schutz gegen vermeintliches Naßwerden regenschirm­artig bte Hände über den Kopf vs.