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Erstes Blatt.
Fulda, Donnerstag den 2ö. April 1912.
39. Jahrgang.
von
H«re T1 der Kritik sind Sie äußerst stark, erst» SR n v r I"st?r; wo sind aber irgendwelche praktische ®ibrrfH ^8e? geraten Schritt auf Schritt in ’b« eigenen Leuten Anruf
bet SRprtti.* CT' Sie meinen, l>ei der Mass ßeute r" ■ Neulich sagte ja Bebel, die meisten Kretb Dornm dummen Leute — ba sagte Heiterkeit? Sie soviele Wähler. (Große
fcittf ®efölrr c8 bei Ihnen: Rußland ist
bie tvabre ftwi.? l"cn- sprach anders, der sagte BRelfhiphpnä V: ,^r>ßland Ivird stets eine Gefahr des »Ä W hl' ro-r ^mn Bebel in der Budegetkom»
OTp® l893, das verdient ge.
CILCr'r^ctt entrissen zu werden: „Die Rußland seine Herrschaft über ganz Sn- topd auöbe^nt, liegt näher als je, mebr e8 bcuu Mlvlt, sich allmählich eine Art varlamentyrische pu.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 24. April 1912.
Die Welftvorlagkn werden weiter beraten.
Abg. Dr. Gradnauer (5.): Tie bürgerlichen Parteien ve<teifern in Bewi ugungSverenichast. Wir stehen allem in scharfer Opposition. Wir sind die Minderheit, aber dar Verständnis ist nicht immer bet der Mehrheit zu staden. (Hört, hört!) Die Armee tüt ja allmählig zu einer BerforqungSamtatt für die Söhne der Besitzend.n geworden. Der Vorwurf der V iterlanö=lofigfeit läßt un8 kalt, wenn er aus dem Munde der Konter» tiven kommt. Für sie ist die Balerlandslieb« nur ein Geschäft. Das Zentrum teilte nüber unteren Standpunkt gegen« über solchen Forderungen. Selbst aus dem lebhaften Worlfeuertverk des Dr. Müller war die Berettroilligkelt der Boiksvartei hetauszudören, den Vorlagen zu zu« stimmen. D-r Redner >yägt eine Fideikommihsteuer vor und fordert Die Futstenhäuser aut, auf ihre Steuer» Privilegien zu verzichten. Basier mann bat in verklause- tierter Farm Anträge auf Einführung der Erbschaftssteuer cmgekündigt. Uns soll das recht fein. Wir werden mH Spannung sehen, wie sich die verschiedenen bürget» Lche.i Parteien dazu stellen werden. Wir werden daraus unsere Konsequenzen zu ziehen wissen. Die Regierung sollte uns Aufklärung darüber geben, wieweit die Verhandlungen mit England gediehen sind. Redner geht dann auf die Verhältnisse in oer Armee ein und wird schließlich vom Vizepräsidenten Paatche zur Sache ge» rufen. Redner schließt: Wir wollen, daß das Heer nicht ausgenützt wird, al? politischer Machtfaktor gegen rttw aufstrebende Volt-Klasse. iBeif. b. b. Soz i
Abg. Erzberger (Ztr.): Die Vorlagen sind von weltpolitischer Bedeutung. Sie wollen dem deutschen Volke und ganz Europa den Frieden erhalten. Sie sind eine Lehre für das Ausland. Die militärischen Wachtverhaltnisse haben sich im letzten Jahre zu ttngunsten Deutschlands verschoben. In Frankreich hat unzweifelhaft der chauvinistische und militaristische Taumel nm sich gegriffen, bis in die Reihen der Sozialdemokratie hinein; die Zurückziehung der russischen Garnison von der Ostgrenze bedeutet nicht eine Erleichterung Deutschlands, sondern nur eine Verkürzung der MDbllmachungsvorbereitungen Rußlands. England endlich hat sich mit dem Abschluß seiner Armeereform die Bereitstellung eines Expeditionskorps bp« 150 000 Mann gesichert. Bei diesen harten Tat- fachen gegen die die Redensarten Gradnauers nicht an stammen können, mutz man fragen, ob die bis- herrge Rüstung ausreicht ober nicht. Damit ist prinzipiell bk Stellungnahme zu den beiden Vorlagen gegeben. soweit das Heer in Betracht kommt. Und was bie Flotte anlangt, so ist die stärkere Indienststellung ein Wunsch des Reichstages. Nun haben die Herren Haase und Gradnauer es so dargestellt, als ob Deutschland es fei, das die anderen Völker in daS Riistuugsfieber hineingepeitfcht habe. Dem mutz mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden. Es ist nicht so, daß Deutschland der Störenfried i st. Wo ist die Rüstung auf den Kopf der Bevölkerung, was die Aushebung betrifft, am stärksten — etwa in Deutschland? Bei uns beträgt sie, selbst wenn man Unteroffiziere und Marine mitrechnet, noch «ich« einmal ein Prozent der Bevölkerung, und Frankreich hat, ohne Untere siziere und ohne Marine, 1,36 Prozent seiner Bevölkerung im stehenden Heer. (Hört, hört ft Auch die Prämie, die Deutschland für die Aufrechterhaltung des Friedens zahlt, ist wesentlich kleiner als in Frankreich, sowohl absolut als relativ, «nd die Steigerung während der letzten Jahre ist kleiner als in anderen Staaten. Wir sind der Ansicht, bafc Deutschlands Macht sie klnng unter allen Um ständen aufrecht erhalten wer- den mutz, koste es, was es wolle. (Hört, hört I bei dep Sog. — Lebh. Beifall rechts und im Zentrum.) Je stärker Deutschland ist, desto besser ist der Frieden in ganz Europagesichert. Deshalb erscheint es mir fraglich, ob wir bei den Sott» innen Englands noch länger verweilen sollen. Wenn England in ein Offensiv- und Tefensivbündnis mit Deuischland eintreten würde, dann hatte es sicher keine «cgcn unsere starke Rüstungen. (Sehr rich. tiel rechts und rm Zentrum.) Das allein scheint mir e«w »te einzig mögliche Lösung des ganzen Prob- tew5 zu fein. Bei uns spricht man immer von A b- I tt st n na, wem fällt denn das in Frankreich ein? Der frühere Sozialist Millerand hat in Frankreich «Ilten Unifvrmkoller hervargernfen, den mau über, »aupt nicht für möglich gebalten hätte. Sagen wir es »ffei, heraus: E» fehlt den anderen Mächten < n dem ehrlichen Willen, überhaupt abzu» lüsten. (Sehr richtig! rechtsft Man denkt, das gut- mutige Deutschland werde schon auf diese Idee rein» raßen. Die Sozialdemokraten sprechen immer von ber Abrüstung. Warum denken sie denn nicht an fne Abrüstung der deutschen Gewerkschaften gegen- ber den Arbeitgebern? Da sagen sie, je Motzer das stehende Heer in den ^werkschasten ist, S* J? wird es den Arbeitern gehen, weil dann stoaflmittcL vorhanden sind, die die ihnen feindlich gesinnten Kiasfen zwingen. Entgegenkommen LU zei- gew. Sie halten es also in der inneren Politik für aMolut notwendig, keine Kosten zu scheuen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Warum muten Sie bE m bet aufeerea Politik Tentschland zu, abzu- rüsten? (Ledh. Zustimmung rechts und im Zentrum.) Da mutz man wirklich an das Wort Friedrichs de» Grotzen erinnern: Unteriianbiungen ohne Waffen, das find Noten ohne Instrumente. Herr Gradnauer hat an keiner Partei ein gutes Haar gelassen. Er meint, wir hätten unsere Stellung gegen früher geändert. Gewiß, damals hat das Zentrum Opposition gegen militärische Neufordernngen gemacht. Auflösung, Neu- Wahlen, Mehrheit gegen das Zentrum, und die hat dann gegen das Zentrum die Sache gemacht. Da» H*r noch zuletzt 190& Als dann der neue Block 1909 Fiasko machte, ja, da muhte das Zentrum einspringen, WR die Karre äußern Treck zu fahren. (Heiterkeit.) Wir prüfen in der Kommission und überzeugt es uvl, bann stimmen wir dafür. Da sagen Sie: ja, wir nehmen alles an; Sie aber lehnen alles ab, mag Ma» tenal beigel>ra4t werden wieviel nut will! Auf allen
gierung einzurtchten, desto mehr wird e» in der Sagt sein, sich zu kräftigen, fern« Hilfskräfte zu erschließ« und uni anzugreifen. Der europäische Krieg biecht nicht au», und Deutschland wird seinen letzten Man» in» Feld stellen muffen.* (Hort, hörtl) Dewitz, btc Welt ist rund und dreht sich; jetzt auf einmal ist Nutzland äußerst friedliebend — erster Widerspruch; und dann bet zweite: Sie flauen über die hohen Kost«». Ganz gewiß, es gibt lerne einzige Partei, die diese Kosten der Kosten wegen auferlegt, damit wir möglichst viel bunte» Tuch in DentsOand herum laufe» haben. Kommt aber da» M ilizheer billiger zu stehen? In den letzten zehn Jahren haben sich die Kosten bet Schweizer Miliz um 52 Prozent vermehrt; bie de» stehenden Heere» in Deutschlmch um 20 Proz. (Hörtl Hörtl) Sicher kommt in Deutschland ein Milizheer un» um keinen Pfennig billiger zu stehen, al» unser heutige» Heer. Sichern Ei« erst Deutschland bie in» ternationale Neutralität, ehe Sie mit solchen Vorschlägen kommen. Aber Sie wissen. Sie sind allein; Sie erklären ja schon, auch beim Freisinn ist Malz und Hopfen berieten auf biefem Gebiete! Der .Vor- wärtS* schreibt ja, der Freisinn klage tn stillen Schmer- gen nur noch darüber, datz der Sohn be» schwerreichen Kommerzienrat» Hohn noch nicht Seutnant bei den Gardehusaren werden kann. (Große Heiterkeit.) Seht interessant übrigen», diese stark antisemitische Ader im »Vorwärts* (Hörtl Hörtl recht»), bie in solchem Kontrast steht mit den Reden, bie Sie hier halten — und mit den Rednern, die Sie ausgerechnet hier stellen. (Stürmische Heiterkeit.) Auffallend ist, daß in der neuen HeereSvorlage alle» getan wird für die Offiziere, datz aber für bie unteren Charge» recht wenig getan wird. Nichts geschieht für bie Un» terzahlmeister und für die Unteroffiziere. Die Marine- Vorlage halten wir für unentbehrlich und eS kann nut einer von einet Luxusflotte sprechen, bet auf dem Standpunkte deS Brandstifters steht und die Feuerwehr für einen Luxus hält. (Sehr richtig I im Ztr., Widerspruch bei den Swiatdemokraten.) Wal wollen Sie (zu den Sozialdemokraten) mit der Flotte, wolle» Sie da auch eine Milt- einführen? (Große Heiterkeit.) Wir brauchen eine Flotte im Interesse unserer wirtschaftlichen Entwicklung und wir wollen auch an der fünfjährigen Bindung festhalten. Die jährliche Bewilligung ist ba nicht am Platze. Diese jährliche Bewilligung hat i» Frankreich zu großen Schwan- hingen geführt, und jetzt macht Frankreich unsere Flottenvorlage nach. Die Entwicklung der Flotte mutz unbeeinflußt fein von de» Schwankungen bet Tagespolitik. Der Staatssekretär v. Tirpitz hat gestern sein Pretzburean reinzuwaschen versucht. So harmlose Herren find die Offiziere im Pretzburean nicht, oder es ist auch nicht so schlimm, wie mein Landsmann Haußmann es dargestellt hat. Wir halten daran fest, datz wir ein einheitliches Pretzburean wünschen, da» direkt dem Reichskanzler unterstellt ist. Wir haben jetzt viel zu viel PretzbureauS in Deutsch» kand. Interessant ist der Umfall der Linken in Ihrer ablehnenden Stellung zur 8 i eb e 6 g a b e. Bor den ReichstaaSwahlen bezeichnete man bie Liebesgabe al» ein Geschenk an die beutegierigen Großagrarier. Jetzt aber, nachdem die (Regierung bie Liebesgabe fallen las. ieu will, dreht man den Spieß um, meint, daß bie Liebesgabe den Großagrariern gar nichts nütze, und die Absckwffung der Siebe »gäbe nur ben Konsum belaste. Auch mit bet »E r bschaf »steuer wirb gegenwärtig viel operiert. Natürlich nur um bie Rechtsparteien brautzen im Lande anzuschwärzen. Wenn wir einmal eine Erbschaftssteuer nritmachen müßten, und wir wür- den Anträge stellen, um auch das mobile Kapital entsprechend zu dieser Steuer heranzuziehe» — ich bin überzeugt, die Freude an dieser Steuer würde dann gerade in denjenigen Kreisen am geringsten sein, bie jetzt am lautesten schreien. Auch die Sozialdemokratie verlangt die Erbschaftssteuer. 1909 hat aber bie So» zialdemoktatie mit 18 gegen 16 Stimmen beschlossen, in der dritten Lesung dir Erbschaftssteuer abznlehnen. (Abg. Davidsohn ruft: Dalist ja eine Sügel} Der Präsident ruft den Zwischenrufer dafür zur Ord- n n ug.) Der Abg. Emmel hat doch auf dem Parteitag in Leipzig selbst erklärt, die Fraktion hätte be- schlossen, mit 18 gegen 16 Stimmen in 3. Lesung die Erbschaftssteuer qbzullhnen k Man hat lange darüber debattiert und schließlich ist vorgeschlagen worden, man möge auf dem nächsten Parteitag bte Sache erörtern. All der nächste Parteitag kam, wurde die Angelegenheit wieder verschoben. (Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Wenn heute eine Erbschaftssteuer tarne, würde die Sozialdemokratie die Erbschaftssteuer ' wieder ablehnen, wenn sie für bie Wehrvorlage bestimmt wäre. (Abg. Emmel (Soz.) ruft: Sehr rich. tig!) Ganz richtig. Ich komme zum Schluß. (Rufe bei ben Sozialdemokraten: Ach, schade!) Nun, alle» muß doch einmal ein Ende nehmen. (Große Hefter- kett.) Die HeereSvorlage bringt eine große Belastung namentlich der ländlichen Bevölkerung, bte durch die Aushebung am stärksten betroffen wird. Die Land- wirtschaft trägt diese Mehrbelastung und kann deshalb auch verlangen, daß auf sie Rücksicht genommen wird bei Einstellung der Reserven. Die Hebungen dürfen nicht während der Erntezeit ftattfinben. Da» Handwerk und bet Mittelstand verdienen große Rücksichtnahme bei der Vergebung von Aufträgen. Bedauerlich ist bie Mißachtung ber Du ll-Er» lasse. Unerhört ist e», daß ein Mann, der sich nach ben Gesetzen del Staat» und Gotte» richtet, nicht würdig sein soll, dem OffizierkorpS anzugehören. (Seb- baffe. Zustimmung im Zentrum.) Seiber scheint die
, der Sclbatenmitoanblungen wieder zu wachsen. (Hort, hört!) Der Vorgesetzte mutz da haftbar ge» uiaogt werden. Die «a bi n e 11 So r d er im Falle « amb «th muß von einem christlichen Volke al» cme Schmach empfunden werden. (Lebhafte Zu. Kimmung im Zentrum.) Der Reichskanzler und bet KriegSmtnister sollten sich oal Wort Friedrich t>. Schle- gell zum Grundsatz nehmen: Die Zukunft eine» «oi. lei ist mit geborgen auf dem Fundament eine» christlichen Staate» und bei christlichen Beben». (Seb- Hauer Beifall im Zentrum und recht».)
Sriegämtnifta » Hettingen: Der Abg Er,berget bat bte latferUdte SabtuettSorber im Falle Sambeih füt eine Schmach erklärt, die damit dem christlichen Volk angetan sei. (Lebhafte Bewegung unb Zustimmung im Zentrum.) In dieser Kabinetts- orbtt wird aber auSbrLckllch gefügt, daß eine ehrengerichtliche Untersuchung nicht am Platze wäre, sobald jemand e»l religiöse» Grundsätzen da» Duell ablehnt. Als» gegen religiöse Gefühle hat man nicht», aber et» salcher Mann gehört nicht in di» Gesellschaftskreis» de» Offizier»» forpl. (Stärmifche EwtrÄdmg im Zentrum, lebhafte Protestrnfe, es werde» znhtretche Zurufe, rote unerhSrt, traurig usm. au» ben Nethe» des Zentrums laut. Viele Zeulrumlabgeordnete erhebe» sich van ihren Plätzen unb treten zu Groove» fgfmmen, um dielen feltfamen Boratum ja befotedwü
Abg. Dr. Paasch« <«tL): Der KriegSminifter hat an der Aufnahme, welche feine Worte gefunden haben, gesehen, rote wenig ste dem Empfinden be» denrfchen Volke» eniiptedjtn. (Stürmische Bravorufe im Zenit.) Hierauf verteidigt Redner die Anfi H Vafsermann» tn Bezug auf die Liebelgabe. Wenn bte Ratwnal» Itberalen an der Abichaffung bet Stevesgabe in der von der Regierung vorgelchlagnten Form auch Ä.itit übten, so will das doch nicht beißen, daß die National- liberalen die Abschaffung der Liebesgabe etwa ablehnen würben. Aber eine Preissteigerung des SptrttuS, auch bei technischen, würde bte Folge der Aufhebung des Kontingents fein. Deshalb könne man bte Vorschläge der Regierung nicht ohne Sang und Klang annehmen. Opfer muffen gebracht werben, aber auch von denen, bte bagu fä' ig sind. Im Jmerrffe der Gesundung der Finanzen wäre es uns lieber gewesen, wenn bte 9ie» gtermtg bte örbfdittftlftevet vorgeschlagen hätte. Wir haben keine Veranlassung, sie jetzt tn Vorschlag zu bringen (HörtI hört!), wir wollen ernsthaft und gewissenhaft an dem arbeiten, waS die Regierung uns oorgelegt hat. Der Redner schließt mit einem Wort für den Flottenverem und für den Wehr- ceretn. (Lebhafter Beifall.)
Donnerstag: Weiterberatung, außerdem Jesuiten« Interpellation.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 24. April 1912.
Die erste Beratung be» Sparkaffengesetze» wirb fortgesetzt.
Minister bti Inner» v. Dallwitz: Der Abg. Reinhard hat gegen bte Sparkaffenvorlage sehr schwere Bebenken geltend gemacht, die darin gipfelten, daß die beiden Zwecke der Vorlage nicht erreicht würden. Es ist nicht richtig, wenn man sagt, die Vorlage habe in erster Lime einen staaisfiuan,politische« Zweck. Da die Sparkaffen eine ungeheure Entwicklung aufweisen, so bat bte Regierung als Aufsichtsinstanz die Pflicht, dementsprechend andere Mittel anzuwenden. ES ist bie Frage aufgeworfen, ob bte Reichsbank überhaupt in ber Lage sein würde, in kritischen Zeiten, vor allem in Kriegszeiten alle ihr von Sparkassen angebotenen Wertpapiere zu lombardieren. Hier kann ich nur versichern, daß dafür gesorgt ist.
Abg. v. Kardoff (freikons.) erklärt, daß di« Vorlage in dieser Form für seine Freunde unannehmbar s«. Sie seien Gegner jeder Bestimmung, die die Gefahr einer Hemmung der Entwicklung der Sparkaffen t» fich schließe.
Abg. v. Hennlzl - Techlin (kons.) erklärt ba» Einverständnis eine» großen Teile» feiner Freunde mit dem Grundgedanken ber Vorlage.
Abg. Crllger.Hagen (53p.) will eine «ndgiltig« Entscheidung über bte Vorlage nicht abgeben, boch trügen feine Freunde nach rote vor ernst« Bedenken gegen eine zwangsweise Regelung der Liquidität der Sparkassen.
Finanzminifter Dr. Lentze: Wenn bie Vorlage auch tn erster Linie tra Interesse der Sparer gemacht worben ist, so ist das Gesetz doch auch im Interesse be» Staate» krebst» zu wünschen. Die Tatsache, baß der Kur» der Staatspapiere immer schwankt, enthebt un» nicht der Pflicht, alle Mittel zu versuchen, ben Kur» der Anleihen zu festigen. ES ist besonder» noch darauf hinzuweisen, baß die sämtlichen bisherigen Anlagen der Kassen durchaus belieben bleiben sollen, daß ber tn ber Vorlag« vorgrsehen« Maßstab sich nur auf den Ver- mSgenßzuwachs bezieht. Geschädigt werde» also die Kaffen durchaus nicht.
Abg. L«inert (Soz.) verwirft die Vorlage.
Abg. ». TranipezhnSki (Pole) spricht sich gleichfalls gegen das Gesetz aus.
Abg. Dr. v Rrtet (kons.) gibt den Bedenken etwa eine? Drittel» feiner polstifchen Freund« gegen da» Gesetz AuSdruck. DaS Gesetz beeinträchtig« zu jrhr dir klefnrren Sparkassen, bte Ihre Mühe und Rot hätten, bie lokalen Kreditbedürsnisse zu befriedigen, und spiele den Großbanken Gelder In die Hände.
Abg. Freiherr ». Loe (Z.): Mein Fraktionskollege Reinhard hat gestern bte Bedenken eine» großen Teiles meiner Fraktionskollegen vorgebracht. E n Terk meiner Freunde steht ber Vorlage jedoch freundlich gegenüber, und hofft, daß sich «in Weg finden wird, um nach Erreichung gewisser Konzessionen 6a» Gesetz durchzuführen. Daß ba» Gesetz zur Festigung bei Kurse» der Staat»» papiere beitragen wird, ist nicht zu leugnen, da über 60 Million«» mehr durch da» Gesetz bei den Sparkassen zur Anlage gelangten. Ein Eingriff tn bte Selbstverwaltung liegt nicht vor, denn bie Oeffenttichkett hat et» Interesse daran, baß die Liquidität und Sicherheit ber Sparkassen erhalten bleibt.
Abg. Stenger-Erfurt (natlib.) bringt bi« Bebenkrn eines Teils ferner Freund« gegen bie Vorlage vor.
Der »esetzenirourf wird an eine besondere Kommission von 21 Mitglieder» verwiesen.
Der Etat ber Snstedlunglkommiffion für West- preußeu und Posen rotrb ohne Debatte, gegen Zentrum, Polen, Sozialdemokratie und Freisinnige angenommen.
Donnerstag: Etat des Ministeriums be» Innern.
Der alte «ud befestigte Wahlbefitz.
Erne sthr zeitgemäße und für Herrn Bassermann lehrreich« Betrachtung stellt bie .Deutsche Volkswirtschaftliche Korrrspoubenz' an. Sir untersucht bie ManbatSfestigkeit der bestehenden Par- leien nach Maßgabe von drei Umständen: 1. Stirn» menzahl, 2. Dauer be» Besitzes, 3. geographischer Zusammenhang de» Gesamtbesitzes.
Sie stellt fest, daß da» Zentrum die günstigsten Verhältnisse für fich Hao«, und daß auch dir Rechte im weiteren Sinne (Konservative, Reichs» Partei, Wirtschaftliche Vereinigung, Wilde re.) mit etwa 80 Kcherrn Mandaten noch gut abschneide. Viel schlechter steh« schon die Fortschrittspartei da, w«nn sie auch noch teilweise erhebliche Mehrheiten und älteren Besitz ausprwciseu habe. Am schlechtesten, so führt die genannt» Korrespondenz aus, seien bi« Natiouallideralen und nächst ihnen dir Sozialdemokraten gestellt.
Ob bi« Rkihensolg« in bet» letztrrrn teil« ganz richtig ist und ob namentlich bie Fortschritts» Partei, bie ganz und gar aus die Gnade der Sozial» demokiati« angewiesen ist, in der Mandatfestigkeit bie nalionaUiberttle Partei noch übertrifft, lasten wir dahingestellt. Die ,D. VolkSwirtsch. Rmtefp/ hob offenbar au» erzieherischen Gründen die Schwächen ber nationa[liberalen Wahlposttion besonders scharf hervor. In ber Tat ist e» ja eine fatale Erscheinung, daß di« Rationalliberalen von ben 64
Manbaten, bie ste 1907 errungen hatten, dieses Iaht nur 20 zu behaupten vermochten. Auch unter ben 24 neu errungenen Mandaten befinden sich zweifellos noch manche unsicher«. Daher ist es gewiß zeitgemäß, wenn die Korrespondenz die Frage auf» wirft, wo denn die nationalltbetale Partei ein« Verstärkung ihres Be itzstandes holen lönne, — nach welcher Richlin g sie den Wahlkampf künftig zu führen habe, wenn sie Mandate gewinnen wolle.
In dieser Hinsicht interessiert uns nun vor allem die Feststellung, daß vom Zentrum und von der Rechten nichts erhebliches mehr zu holen ist. In der Tat: Die sog. „schwarzblauen" Parteien sind jetzt so ziemlich gefeit gegen weitere Mandatsverlusie, — natürlich unter ber Voraussetzung, daß die Führer der Parteien und die örtlichen Organisationen auch weiterhin ihre Pflicht und Schuldigkeit tun. Um das zu können, braucht man gar nicht erst eine genaue Untersuchung anzustellen über die Umstände, welche die fragliche Korrespondenz als Sicherungen für den Wahlbesitz ange- führl hat. Man braucht auch nicht die idealen Kräfte näher zu kennzeichnen, die neben den materiellen Hilsämitteln in betracht kommen, namentlich auf der Zentrumsferte. Es genügt schon, wenn man an die unerhörte Heftigkeit des letzten Wahlkampfe» erinnert, an di« su r ch t e r li ch e Verwirrung, welche die verlogene Agitation in zahllosen Köpfen und Herzen ungerichtet hat, und an die taktische Konstellation, die für das Zentrum und die Rechte so ungünstig war, tot« sie kaum schlimmer gedacht werden konnte. Diejenigen Parteien, welch; dir Finanzresorm von 1909 geschaffen hatten, mußten unter dem wütenden konzentrischen Ansturm der Liberalen und der Sozialdemokraten und bei dem Versagen der Regierungsautorität einer unerhört strengen Prüfung und Siebung sich unterwerfen. Was nach diesem Kampf noch übrig geblieben ist, das darf man mit gutem Grunde als besestifiten Wahlbesitz betrachten.
Die Nutzanwendung, welche die genannte Korrespondenz ber »attonallibernleu Partei ins Stammbuch schreibt, geht nun dahin: Es sei eine ganz verfehlte Spekulation der Jungliberalen, durch Festigung des LinkSbündnisseS demnächst auch noch „bie Reste des schwarzblauen Blocks" zertrümmern zu wollen; bei einem weiteren Wahlkampf gegen recht» hätte» die Nationalliberale« weniger Gewinnchancen als Berlustchcmcen. Dagegen seien aus der Linken, namentlich von den Sozialdemokraten, noch Mandate für bi« nationalliberale Partei zu gewinnen.
Letzteres ist zweifellos richtig, und wird umso besser zutreffen, je schneller unb entschlossener sich bte Führung der nationalliberalr» Partei von aller offenen oder verkappten Trotzblockpolitik abwendet und sich zur gemeinsame» Arbeit mit dem Zentrum und ben Konservativen entschließt. Ausrollen kann der IungliberaüSmuS die alten und befestigten blau-schwarzen Parteien doch nicht, sogar mit Hllse der Sozialdemokraten nicht. Also mutz eine verständige Parteileitung ein Auskommen m« ihnen suchen, bie Arbeitsgemeinschaft. ES wäre unS sehr lieb, wenn der bevorstehenoe Parteitag da» bedächte.
Deutscher Reich.
— Berlin, 24. April 1912. Beim Reichskanzler fand Mittwoch abend ein Diner für da» Präsidium des Reichstage» und bie FraMonS- vorsttzenden statt. — Dft Aussicht über bie privaten Versicherung »unternehm en m Städten mit Künigl. Potizeiverwaltung beabsichtigt di« prrußisch« Regierung auf di«sr zu übertragen. VorouSfetzung ist habet, daß bte Städte feine Ersatzansprüche stellen und aus bie Herabsenung ihres Anteil» an den Polizeikost«« verzichten. — Eine Vereinfachung de» GrsatzgefchäfteS im Heere ist im Reichstage wiederholt gewünscht worden. Blättermeldungen zufolge werden jetzt bereit» Entwürfe ausgearbeitet, bte sich auf eine Aenberung der Wehrordnung und be» ReichS-Mili- iärgeseyeS von 1878 erstrecken.
Am Reichstage sollte gestern ber arme Reichskanzler hingerichtet werden, geistig wenigsten«. Der urteils« «nd kennlmSlos« Phrasenheld, der die sogenannten «Stimmungsbilder* im »Vorwärts' fabriziert, schrieb tn seiner komischen Ueberhebung in der gestrigen Morgennummer: »Bei den heftigsten Angriffen deS Herrn Müüer-Meimngen lächelte der Kanzler, und bei den blutigsten Witzen lachte er sogar mit, und er hat recht: hier darf er lächeln, darf er lachen I Diorgeu ab*.r, wenn der Sozialdemokrat spricht, wirb ihm schon das Lachen vergehen." Da mußte man schon etroaS Fürchterliches erwarten. Mindestens halte man Bebel zu erwarten, der einstens beim Militäretat so grausige Reden zu halten pflegte. Aber er kam nicht. Und auch Herr Lededour, die .männliche Ausgabe der Rosa Luxemburg", war's nicht; unb alle die Helden d«S großen Mundwerks kamen nicht, sondern hinter der Tribüne tauchte auf — wer? Dr. Gradnauer, einer von den .Edlen Sechs", di« seinerzeit au» der,Vorwär:S'-Redaklion hinaus» flogen. Natürlich versuchte er, seiner Aufgabe, dem Reichskanzler da» Lachen zu vertreiben, gerecht zu werd«, aber ei wollte doch nicht recht geraten. Genoss« Lededour hätte diesen Teil der Parteiaufgabe sicherlich besser gemacht. Nur recht ausdauernd sprach er. Geradezu er frischend war es dagegen, rote der zweit« Redner, Abg. Erzberger, nut den Gegnern de» Zentrums Rechnung hielt. Er batte einen guten Tag und war mit einem vorzüglichen Material ausgerüstet, sodaß ber Erfolg völlig auf feiner Seit« war. Eczberger würbe häufig von Zwischenrufen unterbrochen, er parierte sie aber mit einer solchen Schlagfertigkeit, baß er feine Situation vom Anfang bis zum Schluß völlig beherrschte, dintn erregte» Zwischenfall rief bi« Erklä- rung be» Sittg»mtntftet3 von tzreringrn zum jüngsten Du«llrrlaß hervor. Sie wird weiter unten «och besonders besprochen. Die Wirkung der