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M 95.

Mlwoch Öen 24. April |9|2.

39. Jahrgang.

• Tuldaer M Zeitung

2. Blatt.

vrack uni Verlag der §»lda«r AetiendruSerei i* Sulba.

Reklame», und Anzeigenteil.

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Deutsches Neich.

* „eimttltantS*. Um er dieser Spihmarke schreibt sie Bonrsattus-Korresponbeni des P. Aug- v. Galen:

In der Oberprima des Gymnasiums von Lahr iBaden) erhielten die evanqelischen Schüler folgendes llussatzthema geileüt: „Inwiefern ist der Katholizismus ein Rückfall in Heidentum und Judentum i“ Ich leugne gar nicht, es ist wohl möglich, daß der prolestantstche Religionslehrer inio'.ge höchst einseitiger Studien eine solche sehr irrige -Anichauung besitzen kann; aber glaubt er selbst in dem Fall, daß Primaner geeignet sind, em derartiges Thema zu behandeln, Primaner, die vom Wesen und der Entwicklung des Katholizismus auch nicht eine blasse Ahnung haben, die also nur sinnlose, haßerfüllte Phrasen niederschreiben können? Es ist aufs höchste beklagens- und tadelnswert, daß ein Er­zieher der Jugend so gänzlich einsichtslos handeln konnte; aber noch viel bedauerlicher will es mir dünken, daß die Aufsichtsbehörde der Schule ohne jeden Anstand rügelos em solches Thema passieren läßt. Man nehme einmal den umgekehrten Fall: ein katholischer Lehrer würde den Schülern die Aufgabe stellen, den Prolestanlismiis als ein gänzlich degene­riertes und korrumpiertes Christentum zu schildern, — welche ungeheure Entrüstung würde in ganz Deutsch­land sich erheben! Wie würde man über „römische Anmaßung", über haarsträubende Intoleranz, über gewerbsmäßige Verhetzung em zorniges Klagegeschrei ertönen lassen! Da es sich aber „nur" um Beschimpfung und Herabsetzung des Katholizismus handelt, schmunzelt die liberale badische Oberbehöide sreundlich Beifall. Außer dem Gymnasium rühmt sich die Stadt, in ihren Mauern noch ein Lebrer-Borseminar zu beherbergen. Die Schüler Dielet Anstalt — selbstverständlich ist sie simultan — wurden anfangs Dezember vorigen Jahres vom Rektor aujoefordert, dem Abendgo tesdienst in der protestantischen Stiftskirche beizuwohnen. Einige Katho­liken wollten Nicht hineinqehe.r und wurden deswegen von einem Lehramtskandidaten gemahnt: Warum gehen Sie nicht? Wissen Sie nicht, daß Herr Rektor es wünscht? Nun wohnten alle Schüler — auch die Katho­liken — dem protestantischen Gottesdienst bei, welcher abends von 8 bis 0-10 dauerte. In der Predigt war u. a. von Marienverehrung, Ablaß, Aberglaube, Sünden­vergebung, Päpste iisw die Rede. Und dazu veran­laßte man die katholischen Schüler!" Das ist iviederum ein recht liebliches Pröbchen von echt .simultaner" Toleranz! Katholische Schüler werden nicht nur mit garnicht linder Gewalt gezwungen, den protestantischen Gottesdienst zu besuchen, sondern in diesem Gottesdienst wird dann auch noch recht ausdrücklich zu ihrer „Be­lehrung" über die „Verderbtheit" des Katholizismus und seiner Einrichtungen gepredigt. Wirklich die Ohren tun mir weh, wenn ich an den umgekehrten Fall nur denke, so ivütend würde ein wildes Zetergeschrei vom schiväbische» „Meer" bis an den Belt erklingen —! Aber, da es abermals „nur" Katholiken sind, katholische Schüler, die sich ein solch beispielloses Unrecht gefallen lassen müssen, spürt man gar keinen Hauch im Welt- blälterwalo; im Gegenteil, „man" ist dort sehr zufrieden mit der Methode Lahr. -•

Zu diesen krassen Fällen ist jeder wettere Kom­mentar überflüssig.

Ausland.

♦* Portugiesische Gewaltherrschaft. Jetzt fühlen sich sogar die Republikaner angesichts der immer kühner iverdenden Gin riffe der Regierung in den Gang her Rechtspflege beunruhigt. Mit einem Male lieft man in den Lissaboner Zeitungen schon einige freiere Berichte, weil die Teilung der Politiker in Parteien, die sich feindlich gegenüberstehen, dieses ermöglicht. D e Regierung nimmt zu Mitteln ihre Zuflucht, die die Mehrheit des Volkes scharf ver­wirft. So hat, wie der „Dia" mitteilt, die Regie­rung bei den am Ostertage in Chamusca bei Lissabon vorgekommenen Unruhen, wo bekanntlich eine Prozession, die seit mehr als hundert Jahren an diesem Tage auszugehen pflegt, von roten Republikanern mit Reoolverschüssen ansein- ander gesprengt wurde, nicht die Angelegenheit den gewöhnlichen Gerichten zur Untersuchung und Be­strafung der Schuldigen übergeben — das paßte den wütenden Parteigängern aus keinen Fall — sondern sie „dekretierte" einfach mit Unterschrift des Präsidenten der Republik, es habe sich um eine Empörung gehandelt, ließ die Teilnehmer an der Prozefsion festnehmen und dem Sondergerichte für Rebellion unterwerfen, und die Revolveratten- : fiter blieben vollständig unbehelligt

Der „Dia" bringt außerdem einen Brief eines sehr geachteten Advotalen Dr. Antonio Osorio, der ein sehr grelles Licht auf dte vielfach erörtete Behand­lung der politischen Gefangenen wirft. Tiefem Briefe entnimmt ein Mitarbeiter der liberalen ,Köln. Ztg.' etwas von dem, was ein Gefangener erzählt, der beschuldigt war, bei der Infanterie zwei Soldaten für die Monarchie an geworben zu haben. Er wurde zu sechs Jahren ZeUenge-änguts und zehn Jahren „Afrika" verurteilt, wooei der Haupt« rind last emzige Zeuge, ein vorbestrafter Polizist, der persönliche Feind des Angeklagten war. Der Brief >agt aus:

„Antonio Ribas, der Gefangene, wurde nach der Statthalierei gebracht, wo er gegen das Gesetz viele Tage lang nach außen abgefpeirt blieb. Einmal um Miiternacbt wurde er von zwei Schutzleuten geholt und in einem Kraftwagen nach der einsamen Serra oo Monsanto (bet Lissabon) gefahren, wo die beiden ihm von jeder Seite je eine Pisto 1 e vor das Ge­sicht hielten und ihm erklärten, daß er entweder jetzt alles gestehen müsse, ooer daß er ein Fratz der Raben werde. Er hatte den Mut, zu fchweigen und wurde mit Fußtritten in den Wagen zurück befördert. Einige Zeit nachher kam er nach dem berüchtigten Gefängnisse Limoeiro, wo er, nach einigen Tagen Ruhe, nach dem ^genannten Segredo (Geheimverließ) gebracht wurde, einem unterirdischen Loch, wo ewige Dunkelheit, Nässe und Fäulnis herrschen und kein einziges Stück Gerät vorhanden ist. Um 9 Uhr abends wurde em Brett here.ngeichoben, damit der Gefangene mehr oder weniger troden schlafen könne, nm 4 Uhr mor­gens wurde das Brett weggenommen — und in dieiem Loche blieb er die eruen viermal 24 Stunden^ ohne Nahrung. Dann gab matt ihm eine Schüssel Supp . über die er verhungert herfiel, aoer sofort fühlte et sich innerlich wie verbrannt und erbrach das Hier« schluckte. Auch später noch litt er noch unter Le.b- chmerzen und Erbrechen und mußte dann während drei Monaten ledtglich von Milch leben, aber aus einem starken, kräftigen Mann war er m ein Skelett verwandelt. Er blieb damals noch 14 Tage im Se­gredo und aß während bieicc Zeit nur in Wasser er­weichtes Brot. Als er nach 19 Tagen aus der Finster­nis plötzlich ans grelle Sonnenlicht gebracht würbe, war et geblendet und blieb für immer kürz­lich ti g, und als et das verordnete Bad nicht kalt nehmen wollte, bekam er die Peitsche, und e s et das Be:ch oeidebuch ve-langte, wurde er belehrt, das könne ! .!>n Höch teils wieder nach dem Segredo zurückbrnigeii."

Dieser Brief ist, wie erwähnt, nicht ohne Unter­schrift, sondern von einer bekannten, geachtet en Per- önlichkerk unterzei bne.

** Russisches aus Persien. Da in Tisa die Leiche eines r u ss t' ck e n D e s e r 1 e u r s mit drei Schußwunden auig-funden wurde, Hai der Dctache- menischef Oberstleutnant Krestopekow in der An­nahme, daß Einioohner von Lisa einen Mord au dein Deserteur begangen haben, die Vorstadt von den Bewohnern räumen und die Häuse r be­schießen lassen. Acht Häuser sind durch das Feuer zerstört worden.

Direktion der Gesellschaft für Rhein- und Siegschiff­fahrt bot den am Ufer Stehenden 50 Mark für die Rettung, aber keiner wagte sich in die Fluten. — Ein in der Zanggasse wohnhafter Juwelier hat sich, anscheinend mit Zyankali, vergiftet. Er trank eine Tasse voll Wasser, mit Gift vermischt, leer. Ein sofort herbeigerufener Arzt konnte nur noch den Tod feststellen.

♦ Aus Franken, 23. April 1912. Zum komman­dierenden General des 2. Armeekorps in Würz­burg wurde der Generalleutnant Exz. Ritter von Martini, Kommandeur der 6. Division in Regens­burg, unter Beförderung zu n General der Infan­terie ernannt. — Das an der Schönbornstraße in Bad Krsfingen gelegene Dr. Erhard'sche Anwesen mit großem Park ging um 118000 Mark an die Geh. Kommiffionsratswitwe Frau Marie Pilartz über. — Auf den Erlenbacherhösen bei Maria- buchen wird schon seit acht Tagen Grünfutter wagenweise geerntet. — Der Direktor des Tonwerkes Scbippach bei Aschaffenburg, LVilh. Schmidt, ist durch einen Zufalk dem Schicksal entgangen, das die meisten Passagiere der „Tttanie" ereilt hat. Schmidt halte eine Geschäftsreise nach den 93er» einigten Staaten vor und sich bereits eine Fahrkarte 2. Klasse für die erste Fa nt des „Titan e" gelöst. Durch Zufall mußte die Reise verfchoben werden. Schmidt hat nunmehr seine Reise auf der „Olympie"

Amt Ee'isa und Umgebung.

— Bucha, 22. April 1912. Die Vorbereituucet. | für das am 30. Juni und 1. Juli hier statlfindende Bundessängerfest des Fulda -Rhön- Sängerbundes, verbunden mit Pretswettgefang, sind in vollem Gange. In den einzelnen Aus- fchüfsen wird fleißig gearbeitet, um dem Feste einen würdigen Verlauf zu sichern. Der Großherzog von Sachsen-Wei i ar hat als Ehrenpreis eine wertvolle Bowle gestiftet, und von verschiedenen Korporationen und Emzelpersoneu sind weitere Preise in Aussicht gestellt tvordcu. Den Vorsitz im Ehreuausschuß hat oer Grasch. Bezirksdirektor Baron v. Groß über», nommen. Der für das Wetlsingen gemonnene geräumige Saal des „Deutschen Hauses" gibt durch feine gute Akustik die Gewähr, daß die vor- gclragenen Chore voll zur Geltung kommen, rv.tb ein grrß r in unmittelbarer Nähe der Stadt uno d:s Bahnhofs.gelegener Festplatz wird den Gäfreu angenehmen Aufenthalt am Nachmittage bieten. Bei der günstigen Lage Bachas an verschiedenen Eisen- babulmifH, bet der schönen Umgebung der freund­lichen Stadt und bei her sich immer bewährenden Gastfreundschaft ihrer Bürger wird ein zahlreicher Besuch der Freunde des edlen Männergesangs nicht ausbleiben.

* Stadtlengsfeld, 23. April 1912. Am Mittwoch, den 1. Mai wirb hier in der Ratsstube eine öffent­liche Sitzung des Bezirksausschusses statt-

Aus dem Nachbargebieie.

* Aus der Rhön, 24. April 1912 Eine Reise­gesellschaft des ö st e r r e i ch i s ch e u Landesver­bandes unter Führung des Landestierzuchtinspek- tors Schumy kaufte in der Gegend von Neustadt a. S. 47 Sluck Buch, darunter 27 Bulle«, die alsbald verbrachtet wurden Ter Kaufpreis betrug insge­samt 19 600 Mark. Der Ankauf der Frauteurasse soll dienen zur Hebung des in Kärnten gezüchteten Blondviehes.

* Frankfurt, 23. April 1912. Eine W u ch e r- a f f a r e großen Umfanges ist hier an die Oeffentlichkeit gekommen. Ein hiesiger junger Mann, der später ein großes Bennögen zu erwarten hat, ist mit Darlehnsverinittlern in Verbindung getreten, die ihm von ihren Geldgebern sehr bedeittende Sum­men auf Wechsel gegen übermäßige Zinsen zur Ber- süguilg stellten. Die Affäre wurde zur Anzeige ge­bracht^ Ein Frankfurter Vermittler wurde rerhas- tet, weitere Verhaftungen stehen bevor. Die Geld­geber sind drei Frankfurter Herren und je ein Herr aus Mannheim, Karlsruhe und Düffeldorf.

* Mainz, 23. April 1912. Ein 24iähriger Ma- trose vom Neckar, auf dem Schiffe „Anna" beschäf­tigt, fiel heute früh über Bord und ertrank. Die

finden.

* Ostheim iRhonj, 22. April 1912. Gestern überfuhr ein unvorsichtiger Radfahrer ein lOjähriges Mädchen. Der Zustand des Kindes ist sehr bedenklich.

* Dorndorf, 23. April 1912. Vom 1. Juli 1912 ab wird der Gemeindebezirk Kieselbach mit Kantbach aus dem Standesamtsbezirke Dorndorf ausgeschieden und es- wird für diesen Gemeiiidebe- zirk ein besonderes Ständesamt mit dem Sitz in Kieselbach errichtet.

* 2tf|n;ou, 23. . ruil 1912. Die Gruben­bahn Ka iieroda-Akerlers geht ihrer Vollen­dung entgegen. Man denkt zu Pfingsten den Be rieb zu eröffnen.

* Gehaus, 22. April 1912. Aus dem jüdischen Friedhöfe sind von Bubcnhänden zwei Grabsteine verstümmelt worden. An einem Denkmal wurde eine wertvolle Grauitplatte vollständig demoliert. Die ©teine, die als Wurfgeschosse dienten, lagen auf den Gräbern.

Ans Ghcrhessen n ücn hesi. Remtern.

* Skhönsladt bei Marburg, 22. April 1912. Ein Unglücks-all ereignete sich in der Nahe des Guts-

Hofes Fleckendüht. Dem dort bediensteten Knecht Christoph Merlau von hier gingen plötzlich die Pferde durch. Bei der Gelegenheit wuroe tr so zwischen einen Baum und dem Wagen geklemmt, daß er bald darauf seinen Geist aufgab. De« Verunglückte war unverheiratet.

vermischtes.

* Altertumsfunde. Bei den Ausschachtungsar­beiten in der Nähe des Neumarktes in Köln ist man auf Reste eines römischen Hauses gestoßen. Ferner hat man eine große Anzahl Teile von Ton- und Glasgesäßen sowie Knochenreste zutage ge­fördert.

* Die Akademie für kommunale Verwaltung in Düsseldorf hat das Sommersemester mit 112 ordentlichen Hörern und 41 Gasthörern begonnen.

* Zwei Jahre Gefängnis für eine zertrümmerte Feusterjcheibe. Das Schöffengericht in Essen ver­urteilte den Gelegenheitsarbeiter Monke der schon häufig wegen Sachbeschädigung bestraft ist, zu zwei Jahren Gefängnis, weil ii eine Schaufensterscheibe im Werte von 400 Mart zerirüuuiert hatte.

* Verfallene Sparkassengelder. Es gibt noch eine Menge Personen, die Geld auf der Sparkasse liegen haben, aber nicht daran denken, daß dies Geld auch einmal Versalien könnte. Bei der Sparkasse der Stadt Berlin sind von 91 Sparkassenbüchern seit 35 Jahren keine Guthaben abgehoben worden, auch haben sich die Sparer seit dieser Zeit nicht gemeldet, so daß in den nächsten sechs Monaten d'e Ansprüche an diese Guthaben erlöschen. Bedeutend größer ist die Zahl der Sparer, die feit 30 Jahren sich nicht bet der Sparkasse gemeldet haben' und bereit Guthaben nun nicht mehr verzinst werden. Ihre Anzahl beziffert sich auf 170.

* Zn den blutigen Streikkrawallen in den Lena- Goldminen in Rußland worüber wir wiederholt be­richteten, wird noch gemeldet: Aus Petersburg ist eilte Untersuchungskommission ins Lenagebiet abge­gangen. Die Lebensbedingungen der Arbeiter waren ganz furchtbar, und die Behandlung war menschenunwürdig. Der Streik entbehrt jeder politischen Grundlage; er bedeutet lediglich einen Ausbruch des Unwillens gegen die jahrelange Be^ drückung durch die Verwaltung. Sämtliche liberale, Duma-Fraktionen und das Zentrum haben eine‘ Interpellation an die Regierung über die Lena- Greuel eingebracht.

Handel mib Industrie.

* Berlin, 23. April 1912. Die anfängliche Miß­stimmung wegen der unklaren Politik und die Ver­kaufslust anläßlich des nahen Ultimo machten bald einer zuversichtlichen Haltung Platz, sodaß die Rück­züge der leitenden Spielpapiere leicht ausgeglichen wurden und die Kurs« zum Teil noch über den sonstigen Schlußstand hinausgingen.

Erich Friesen.

45s

Jakob, der sich etwas zurückgezogen hatte, sieht früher her kennt der Vorbote eines nahenden ck eisern «Lentürnlicken Ausdruck. in,den häßlichen ütoialü.

Tvit

Helden der pflicht.

Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von

Rasch nimmt Erik ihr Mantel itnb Schal ab unb geleitet sie zu bent kleinen Divan in oer Nähe des Fensters. Vielleicht, baß sein Einfluß noch einmal bas brohenbe Gespenst geistiger Uninachtiing zu bannen vermag!

Er nimmt ihre kalten Hände in die feinen und blickt sie mit seinen treuen, ehrlichen Augen fest an.

„Mein liebes Kind —" beginnt er in herzlichem, fast väterlichem Tone — „Sie haben eine schwere, gefährliche Krankheit glücklich überstanden. Sie ivaren von bösen Träumen gequält. Sie haben phantasiert — aber Gott sei Dank! — es geht Ihnen wieder bester. — Nun paffen Sie gut auf, was ich Ihnen sage! Ihr törichtes Köpfchen nimmt diese von Fieber erzeugten Träume und Phantasien für Wirklichkeit; deshalb stellen Sie Fragen, die ich nicht beantworten kann Verstehen Sie mich nun?"

Verwundert schüttelt sie den Kops.

„Ich — glaubte, ich wäre in Christiania bei Lorenz Jespersen — mit ihm verheiratet —"

Erik zwingt sich zu einem Lächeln.

„Einst glaubten Sie auch, hinter den Gardinen in der Bibliothek ein Gesicht zu sehen, das Sie ver­folgte. Richt wahr?"

Lebhaftes Ricken.

„Und was war dieses Gesicht?" fährt er ein­dringlich fort, indem er beruhigend die kleinen zit­ternden Hände, die noch immer in den seinen liegen, streichelt.

„Einbildung", erwidert sie lächelnd.

„Nun also. Auch das übrige ist Einbildung.

Sie find bei Ihrem Zeichenlehrer Erik Niels."

„In Schloß Sandsgaard?"

„Nein."

„Wo denn?"

„In meiner Wohnung."

„Also in Christiania . . Warum bin ich —*

Er unterbricht sie mit einer energischen Be­wegung.

„Sie dürfen jetzt nichts mehr fragen, Fräulein Jngeborg. Sonst bringe ich Sie nicht rach Schloß Sandsgaard zu Ihrer Tante."

Sie schließt. di.e„Augen be, seinen setzten Worten.

Zügen dem Wagen nach. Dann schließt er lautlos das Tor und entfernt sich in entgegengesetzter Rich­tung.

Kein Blick mehr auf das im Dämmerdiuikel bei­liegende kleine Haus. Kein Gedanke an den Mann da drinnen, der vielleicht schon mit dem Tode ringt. Mag aus ihm werden, was da wolle! Was geht das jetzt noch Jakob an?

24.

Wie ein verschüchtertes Vögelchen, das sich end­lich geborgen fühlt, lehnt Jngeborg in einer Ecke des Wagens.

Eine lange Weile spricht sie gar nicht. Mit ge­schloffenen Angen atmet sie in vollen Zügen die Seligkeit, sich unter Erik Niels' sicherer Obhut zu wissen ....

Doch bald beginnt sie zu fragen. In ihrem armen Kopf vermischen sich Wirklichkeit und Hallu­zinationen zu einem wirren Chaos.

Ist sie mit Lorenz Jespersen verheiratet? Oder befindet sie sich noch in Schloß Sandsgaard? lind wo ist Tante Sigrid? Weshalb sitzt sie hier allein mit Herrn Niels im Wagen? Wohin bringt er sie? Und was wird die Tante sagen, wenn sie plötzlich wieder austaucht und ihr Glück stört? —

Erik antwortet freundlich, aber ausweichend. Aus den eigentümlichen, erregt hervorgestoßenen Fragen des Mädchens beginnt er, etwas von dem Zusammenhang zu ahnen. Armes Kind! Was muß es gelitten haben!

Ohne ein Wort zu sprechen, legt Jakob bett Man­tel um die bebende Gestalt, hüllt den blonden Kopf in den dicken Wollschal und geleitet die völlig Wil­lenlose die paar Stufen hinab, durch den Garten, auf die Straße

Wie im Traum läßt Jngeborg alles mit sich geschehen. Ihr ist, als habe sie einen Schlag auf den Kops erhalten, der sie jedes Denkens und Em­pfindens beraubt

In diese geistige Benommenheit, in dieses er­schreckende Dunkel ihrer Seele ruft Plötzlich eine liebe, ach so wohlbekannte Stimme ihren Namen: „Jngeborg!"

Was ist das? Sie traut ihren Ohren nicht. Aengstlich öffnet sie die Augen.

Eriks ftffches Gesicht beugt sich über sie.

Grenzenloses Erstaunen huscht über ihre bleichen Züge. Unwillkürlich reibt sie sich die Stirn.

„Herr — Niels? Sic —?" ringt es sich bebend von ihren Lippen. „Träum' ich — oder —*

Sanft legt er die Hand auf ihren Mund, um sie am Weitersprechen zu hindern.

,^a, liebes Kind. Sie haben geträumt — einen schweren, beängstigenden Traum. Aber jetzt sind Sie erwacht; jetzt ist alles wieder gut."

Wie befreit atmet sie auf.

»Gott sei gedankt! Ich bin also nicht bei Lorenz Jespersen?«

„Nein."

"tlnb<Srn öu. Hause bei Tante Sigrid?"

.Sie, fragen Sie nichts mehr! Ber- tr°mr- E "ur — Ihrem treuen Freunde!"

Glückselig lächelnd schließt sie die Augen, wäh- rerw er den Arm um sie schlingt und sie, den müden Körper mehr tragend als führend, zu dem in der Nahe harrenden Wagen bringt, der rasch mit ihnen davonrollt. 3

Nach einer halben Stunde hält der Wagen vor dem Hause, in dem Erik wohnt.

Liebevoll und sorglich wie eine Mutter geleitet er das fast zu Tode erschöpfte Mädchen die zwei Treppen hinauf in fein kleines Wohnzimmer. Durch eine stumme Geste scheucht er feine erschrockene Wir­tin zurück, die diensteifrig herbeigeeilt kam, nun aber sofort wieder verschwindet.

Jngeborg steht noch immer in einem halb traumhaften Zustand in der Mitte des Zimmers. Ausdruckslos blicken die großen, verschleierten Ange» in die Ferne. Um den klemen Mund beginnt sich jener scharfe Zug zu graben, den Erik von

Ein unendlich schmerzlicher Ausdruck breitet sich über ihr liebliches Gesicht.

„Ich darf nicht nach Schloß Sandsgaard zurück", lispelt sie ängstlich. „Ihr sollt beide glücklich wer­den! — Nur deshalb bin ich ja fortgegangen! Nur deshalb! — Ach, Tante Sigrid, liebste beste Tante — könnte ich dich nur noch einmal küssen! Nur noch einmal in deinen Armen einschlafen! Oh —!"

Immer mehr sieht Erik ein, wie schwer es sein wird, Jngeborg in dem Glauben einzuwiegen, die Ereignisse der letzten Monate seien nur ein Traum gewesen.

„Meine liebe kleine Schülerin —", beginnt er abermals, diesmal fest, energisch — „haben Sie noch ein wenig Vertrauen zu Ihrem Zeichenlehrer?"

Eifrig nickt sie, während ein feines Rot in ihre Wangen steigt.

„Nun wohl. Morgen früh fahren wir zusam­men nach Drontheim und — von dort per Schiff nach Tromsö. In wenigen Tagen ichon sind Sie in Schloß Sandsgaard bei Ihrer Tante Sigrid, die glückselig sein wich, ihre geliebte Nichte in die Arme schließen zu können."

Mit einem rührenden Ausdruck des Zweifels hebt sie die Augen zu ihm empor.

„Wirklich, Herr Niels?"

„Fräulein Jngeborg, glauben Sie, daß ich lüge?"

Befchämt senkt sie die Lider.

„Nein, Herr Niels. Verzeihen Sie mir!"

Sanft läßt er ihre Hände los, die er während des ganzen Gespräches sest in bett feinen gehalten. Dann geht er zum Schreibtisch unb legt Papier und Feder zurecht.

„Ich habe eine Bitte an Sie, Fräulein Jnge­borg Setzen Sie ein Telegramm für mich auf!"

, An wen?"

„An Ihre Tante."

„Gern."

Und ohne Zögern schreibt sie nach Eriks Diktat: „Liebe Tante' Ich bi» ganz gesund. Morgen reife ich mit Herrn Niels von Christiania ab unb treffe Dienstag in Trcmfo ein. Innige« Kuß.

Jngeborg."

^Fottfehuntz folgt.)