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59. Zahrga»-.

* fuldaer W Zeitung

2. Blatt.

druck unb Verlag der SuUser Bttlenöruckeret in $nlla.

veutjches Reich.

♦ Auf dem evangelisch-kirchlich-sozialen Kongreß, bet dieser Tage in Dessau abgehalten wurde, wurden auch verschiedene politische fragen in stel­lenweise recht bemerkenswerter Art besprochen. Amtsgerichts rat Lattmann - Schmalkalden sprach über „Die sozialen Aufgaben unseres Volkes im Lichte der Reichstagswahl". I« seiner Rede ging er auch den Gründen nach, die 110 rote Abgeordnete in ben Reichstag brachten:

„Reben glänzenden Erfolgen des wirtschaftlichen Lebens und groben Fortschritten geizigen Strebens in Deutschland haben materialistische Auffassungen, Autoritätsverachtung und Mangel an natio­nalem Pflichtgefühl und an sittlichem Verant- worlungsbewußtsein weitere Kreise unseres BolkeS er­faßt, so daß ste gegen den Ansturm sozialistischer An­schauungen nicht hlnreichnid gewappnet sind. Infolge einer weitverbreiteten Unkenntnis über politische Dinge wurde eme wüste Verhetzung wirksam und eine oberflächliche Verallgemeinerung einzelner Fehler der Verwaltung und Gesetzgebung nicht durchschaut. Ins­besondere ans diesen Gründen errang die Sozialdemo­kratie bei den Reichstagswahlen einen großen Sieg. Die darin liegenden Gefahren für Volk und Staat machen es zur Pflicht, die sozialen Aufgaben unseres Volkes mit Ernst zu prüfen und an ihrer Erfüllung eifrig zu arbeiten. Die Hoffnung auf eine Mause­rung bezeichnete der Redner als durchaus hinfällig." Ter Mitberichterstatter Pastor B a u mecke r- Leopoldshall, nationalliberaler Abgeordneter im an- haltischen Landtage, bezeichnete es als Aufgabe der Gegenwart, die Bor w ü r s e gegen die beiden Hauptwerke des letzten Reichstages, R e i ch s fi- rau z r e f o r m und Reichsversicherungsordnung, durch,Wort und Tat zu entkräften und die Fehler, die nach seiner Ansicht in der Steuerpolitik gemacht sind, wieder auszumerzen. Redner befür­wortete aber die Erweiterung der Reichserbschafts­steuer. Desgleichen sei eine bessere soziale Erziehung der Jugend dringend wünschenswert. Nachdem in der Diskussion, die sehr lebhaft war, Prof. Dr. Lecius - Königsberg gegen Pastor Baumecker scherzhaft bemerkt hatte, er freue sich, daß der Kor­referent doch turnihoch über dem n a t i o n a l l i b e- r a l en Durchschnitt stehe, und er bedauere, daß dieser im Wahlkampfe durchgefallen sei, er hätte sicher nach rechts Fühlung genommen, wandte er sich gegen die Ausführungen Baumeckers über die F i » a n z r e f o r m resp. die Witwen- und Waisen­steuer. Er führte aus:

„Die Ausführungen über die Finanzreform kann ich nicht billigen, namentlich nicht über die Erbschafts­steuer. Jawohl, die Engländer zahlen sie, dort ist ste auch aufgebaut in der ehrlichen Absicht, die Landwirt­schaft zu ruinieren, was in England ja in hohem Maße geglückt ist. i Lebhafte Zustimmung.) Die

steigende Ausdehnung der Erbschaftssteuer hat aber nun allmählich doch unerträgliche Verhältnisse in Eng­land geschaffen. Man will bekanntlich die Lords ver­nichten, die nach Abhilfe schreien. Für uns ist die E r b - schaftssteuer erledigt und wird es hoffentlich bleiben. Man wird hoffentlich bald so ruhig über sie reden, wie es einst Paasche vor seiner Schwenkung tat. Himmelschreiend war ja die Unwiffenheit im letzten Reichstagswahllampf. In Kreisen von Gebildeten waren Fälle von Dummheit zu bemerken, die erheblich über das Maß dessen gingen, was man einem Deut­schen im Durchschnitt zubilligen kann. Was wurde B. über die Liebesgabe gefabelt, über welche die liberale Presse ja ein imposantes Schweigen bewahrt. (Große Heiterkeit.) Man sprach da lediglich noch von Geldgeschenken an die Magnaten wsw. Große lleber- raschung gab es dann jedesmal, wenn es sich herans- stellte, daß es sich nur um eine Steuerrückzahlung handelt. Ich kann mir nicht Helsen, aber man hatte doch manchmal den Eindruck, als tummle sich bei uns eine Herde toll gewordener Affen. (Große Heiterkeit.! Viele Wähler haben nur links gestimmt, weil sie durch eine unehrliche Presse in die Mei­nung verseht waren, die Konservativen beilten Deutsch- -and verraten, weck sie 500 Millionen Mark bewilligt haben und die Sozialdemokraten und die Freisinnigen halten das Reich gerettet, weit sie ihm 500 Millionen verweigert haben. (Gioße Heiterkeit.) In solcher Ver­wirrung konnte es geschehen, daß ein Staatsanwalt in Sachsen, wahrscheinlich ein ausgezeichneter Jurist und spoltschlechler Politiker, sür die Sozialdemokratie ge­stimmt hat. lHört, hört!) Jetzt aber gilt es, endlich eine Verständigung unter den bürgerlichen Parteien herbeizuführen. (Lebbafter Beifall.)-

Ein recht abfälliges Urteil fällte Prof. L e c i u s über den Evangelischen Bund:

„Verwirrend im Wahlkampfe har auch der Evan­gelische Bund gewirkt. Er hat ja dem Protestantis­

mus zu etwas Knocheubildung verhalfen und in be­stimmten Kreisen etwas freilich nur blasses Verständnis für die Kirche erweckt. (Heiterkeit.) Das wurde leider korrumpiert durch einen ungeistlichen Haß gegen Rom. Die Fanatisierung — ich bedauere, das sagen zu muffen — hat aber nicht zur Stärkung deS Protestantismus beigetragen. Der Fanatismus ist ja immer ein Zeichen von Schwäche. Der Evangelische Bund ist immer mehr unter die Leitung der Linken geraten. Manche Positiven arbeiten noch in alter Treue, aber es ist vergebliches Bemühen. Der Evangelische Bund — es muß offen gesagt werden — ist eine liberale Kampfesorganisation ge­worden, aber nicht gegen Rom, sondern gegen die Positiven und Konservativen. (Widerspruch.) Der Evangelische Bund sieht es jetzt als seine Ausgabe au, möglichst weite Kreise zum Haß gegen die Konserva­tiven, ja vielleicht ins sozialdemokratische Lager zu führen. (Lebhafte Zurufe; Rein! Nein!) Ich freue mich, daß es wohlgesinnte Leute gibt, die mir im Augenblick noch widersprechen, aber die Entwicklung ist dennoch im Gange. Das muß ich feststellen als Historiker. Hoffen wir, daß trotz allem der kirchlich- soziale Gedanke siegt. (Lebh. Beitall)"

Pastor Liz. Weber- M.-Gladbach versuchte ben Evangelischen Bund gegenüber diesen Angriffen in Schutz zu nehmen, indem er als Schreckgespenst die Jesuiten aufspazieren ließ. Wenn diese er- schröckliche Gefahr für Deutschland aktuell werde, dann sei es mit unserem friedlichen Zusammengehen mit den Katholiken in der Gewerkschaftsbewegung zu Ende, eine Aeußerung, die bei einem großen Teil der Versammlung natürlich lebhafte Zustimmung fand. Wir mochten den Herrn Pfarrer denn doch fragen, w o die Jesuiten sich gegen die christlichen Gewerkschaften ausgesprochen haben, daß er sich be­rechtigt fühlt, einen solchen Verdacht auszusprechen. Aber trotz seiner Liebe zum Evangelischen Bund, mußte er doch zugeben, daß die Worte Professors Lecius nicht so unberechtigt seien. Des Bundes Tätigkeit sei nicht derart, lute es wün­schenswert sei. Sie würden aber „erst dann aus dem Evangelischen Bunde austreten, wenn er den Bekenntnisparagraphen streiche". Dann mag Pfarrer D. Weber allerdings noch lange warten, denn dieser Paragraph ist das Mäntelchen, unter dem der Bund die evangeltschen Christen einfängt. Gerade unter dem Vorwande, das Evangelium zu verbreiten und zu schützen, treibt er seine gehässige Politik gegen den Katholizismus und gegen die Rechte.

* Wie es die Liberalen machen, wenn sie das Heft in den Händen haben. Muster der Imparität auf dem Gebiete des höheren Schulwesens findet man dort, wo Liberale in der Gemeinde das Regiment haben. Ein Beispiel hierfür bietet Barme n, von dem folgende Zahlen Vorliegenr Bei den dortigen städtischen höheren Lehranstalten betrug bei Beginn der Osterferien die Gesamtzahl der Schüler 3360, wovon 467 Katholiken, 2779 Evangelische, 66 Dissi- denden, 48 Israeliten. Der katholische Volksteil, der ein Sechstel der Gesamtbevölkerung ausmacht, schnei­det in dieser Hinsicht recht gut ab. Das Gymnasium hat 28 Prozent und das Lehrerinnen-Seminar 27 Prozent Katholiken. Mit der Parität sieht es aber recht schlecht aus. Da die höheren Schulen, mit Aus­nahme des Gymnasiums, das über eine einzige Stif­tung mit einer Jahreseinnähme von 1200 Mk. ver­fügt, völlig ans städtischen Mitteln mit 1158 000 Mk. unterhalten werden müssen, ist dieses unhalt­bar. Me Kuratorien sind völlig katholiken­rein. Von den insgesamt 183 Lehrkräften sind außer den Geistlichen, die den katholischen Religions­unterricht in 63 Wochenstunden im Nebenamt ertei­len, zwei Katholiken. In einer katholischen Stadt wäre es wohl unmöglich, daß ein evangelischer Geist­licher 15 und ein anderer 11 Religionsstunden in einer Woche nebenamtlich an der höheren Schule erteilt; die Regierung würde schon dafür sorgen, daß die evangelischen Geistlichen hauptamtlich angestellt würden. Bei 63 Wochenstunden können die Katholi­ken die Anstellung von drei Religionslehrern verlan­gen. Zudem erteilen noch die Geistlichen in den 70 katholischen Volksschulklassen der Stadt den Reli­gionsunterricht ohne Vergütung So steht es in jenen „gesegneten" Kommunen, in betten die Libe­ralen die Mehrheit und die Macht besitzen. Sie grei­fen fest zu und lassen sich nicht verblüffen, während die Katholiken in ben meisten Städten, in denen sie die Mehrheit haben, von zarter Rücksichtnahme auf den andersgesinnten Bevölkerungsteil überfließen und ängstlich bestrebt sind, mir ja die Parität zu

wahren. Wir wollen dagegen nichts sagen, denn besser unrecht leiden, als unrecht tun; aber mehr als blanke Parität sollten wir auch nicht üben. Gerech­tigkeitsgefühl und Rücksichtnahme werden schließlich als Furcht und — Feigheit gedeutet und der katho­lische Bolksteil kommt immer mehr herunter im Ansehen der Andersgläubigen. Etwas weniger Be­scheidenheit gegenüber liberaler Anmaßung könnte den Katholiken fürwahr nicht schaden. Was nützt die Katholiken das Lob, „gute Kinder" zu sein, von denen Bismarck bekanntlich einmal sagte: „Sie schreien nicht, sie bekommen aber auch nichts!"

ff Dresden, 22. April 1912. Von der Stadtver- tretung von Zittau wurde kürzlich der Bürger­meister von Burgstädt, Dr. Roth, zum Oberbür­germeister gewählt, allerdings mit nicht allzngroßer Mehrheit. Bon der Kreishauptmannschaft Bautzen wurde aber die B e st ä t i g tt n g der Wahl ver­sagt. Dr. Roth ist nun Landtagsabgeordneter, und zwar als Mitglied der Fortschrittlichen Volks­partei, auf deren linken Flügel er steht. In der linksliberalen Preffe erhob sich nun alsbald ein lau­tes Geschrei, die Wahl Roths sei nur seines poli­tischen Standpunktes wegen nicht bestätigt worden, und das bedeute eine große Beschränkung des Selbst­verwaltungsrechts. Diese Ausführungen nötigten die Kreishauptmannschaft Bautzen, in ausführlichster Weise die Gründe für die Nichtbestätigung offen darzulegen. Es ergibt sich daraus, daß dieselben durchaus persönlicher Art sind. Dr. Roth sucht nun zwar in einer sehr eingehenden Auslassung ■ an die Presse diese Gründe zu entkräften. Verwickelter wird die Angelegenheit noch dadurch, daß Dr. Roth behauptet, iq einer persönlichen Aussprache mit dem Kreishauptmann habe dieser selbst kein Hehl dar­aus gemacht, daß ihm dessen Parteizugehörigkeit höchst bedenkenerregend erscheine, zumal da in Zittau die Parteiverhältnisse sehr zugespitzt seien. Vom Kreishauptmann von Bautzen wird diese Aeußerung bestritten, vom Bürgermeister Dr. Roth aber auf­recht erhalten. Üebrigens haben die städtischen Kol­legien Berufung beim Ministerium des Innern ein­gelegt. Dieses dürfte aber kaum eine andere Ent­scheidung treffen, da jedenfalls die Kreishaupt- mannschast Bantzen sich der Zustimmung des ihr vorgesetzten Ministeriums zuvor gesichert hat.

Aus dem ttachbargebiete.

** Hünfeld, 22. Aptil 1912. In der letzten Kreistazssitzung widmete Landrat v. Jerin dem Kreisausschuß-Selretär Deidert, der am 1. März d. Js. auf eine 25jährige Tätigkeit bei der hiesigen Kreisoermaltung znrückblicken konnte, warme Worte der Anerkennung. Ferner überreichte er dem Jubilar ein prachtvolles Bild Bismarcks.

b. Weyhers, 22. April 1912. Am Sonntag fand hier im Saale des Gastwirts Benno Müller eine gut besuchte Versammlung des Volksvereins für das kath. Deutschland statt. Herr Vollsvereins- letretär Frank hielt einen Vortrag über die Schutz­zollpolitik. Dte Versammlung belohnte den Redner für seine Haren und überzeugenden Ausführungen mit reichem Beifall. Es wurden fünf neue Mit­glieder aeroontteit.

* Klein-Steinheim, 22. April 1912. Einem frechen Schwindler ist die Familie Thalhei­mer von hier zum Opfer gefallen. In ihrer Woh- ntrng erschien ein Mann und erklärte, er sei Leichen- ttansporteur in der Godelauer Irrenanstalt und habe den Auftrag, Frau Th. mitzuteilen, daß ihr Mann, der seit ca. 2 Jahren in genannter Anstalt ulitergebracht ist, gestorben sei. Wollte die Familie die Leiche überliefert haben, so muffe sie einen Ko­sten beitrag von 24 Mk. leisten. Frau Th. gab dem angeblichen Leichentransporteur die 24 Mk. Als die Frau Th. auf der Bürgermeisterei die Todes­nachricht ihres Mannes anmelden wollte, frug der Bürgermeister telephonisch in der Anstalt an und es stellte sich heraus, daß Thalheimer noch am Leben ist Der Schwindler ist verschwunden.

* Frankfurt, 22. April 1912. Aus Anlaß der Maifeier wollten die Frankfurter Sozialdemo­kraten am Sonntag, den 5. Mai einen Festzug vom Gewerkschaftshause am Schwimmbad über die Z e i l, Kaiserstraße, Bahnhofsplatz, Scharnhorst- straße, Wilhellnsbrücke, Forsthausstraße nach dem Feftplatz im Stadtwalde veranstalten. Die nachge-

Helden der Pflicht.

Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von 44) Erich Friesen.

Während auf dem großen Mittelüsch ein ver­nickeltes Teeservice — Teekanne, Sahnentopf und Zuckerschale — und ein Teller mit Biskuits Prangt, stehen auf dem Schachtischchen nur zwei zierliche Tassen.

Wie der Blitz stiegt Jakobs Blick darüber hin.

Sie sind beide gefüllt mit dem heißen, aromati­schen Getränk.

Beim Eintritt des Dieners wendet Lorenz den Kopf. Er sieht erschreckend bleich und eingefallen aus.

„Alles in Ordnung? Hast du die Sarah Lewis hingehalten?" fragt er, fast heiser vor Erregung.

„Ja, Herr. Sie will sich noch vierzehn Tage ge­dulden", erwidert Jakob, indent er sich wie absichts­los auf die Armlehne des leeren Sessels setzt und ■feine grobknochige Hand auf die Decke des Schach- .tischcheus legt, „'s ist alles vorbereitet, wie mir scheint, he?"

„Wie du siehst —!"

"Ast der Trank gebraut?"

'm.' ?ejfe- Was fällt dir ein!"

'ch fra9e ja bloß: ist er gebraut?"

//JO«

„Welcher? Dieser hier?"

Armsüchl^stehk^ aUf bie bie °°r deut letten

„Jo doch Pst! Sie kommt'"

Mit Mühe unterdrückt Jakob ein spöttisches Lache». Ha, wenn der da vor ihm wüßte was die nächsten Mtnnten bringen werden!

Da öffnet sich auch schon die Tür zum Neben­zimmer. Auf den Arm der alten Haushälterin ge­stützt, erscheint Jngeborg auf der Schwelle.

a Sofort springt Lorenz empor und geht ihr ent­gegen.

1 Auf diesen Augenblick hat Jakob nur gewartet, vorsichtig dreht er die Platte des Tischchens, die

wie ein Klavierstuhl, lose auf ihrem Fuße ruht — dreht und dreht so lange, bis die Tassen umgewechselt sind.

Der für Jngeborg präparierte Trank steht jetzt vor Lorenzens Sessel.

Befriedigt mit dem Kopfe unkend, zieht Jakob sich in den Hintergrund des Zimmers zurück.

Inzwischen faßt Lorenz seine Frau scheinbar besorgt bei der Hand.

„Wie bleich du bist, mein Kind! Möchtest du dich nicht wieder niederlegen?"

Mattes Lächeln umspielt ihre Lippen.

„9iein, Lorenz. Ich will mit dir Tee trinken. Sieh, wie hübsch schon alles arrangiert ist! Aengstige chch nicht um mich! Ich hatte vorhin nur wieder einen meiner Anfälle — eine Halluzination. Mir hJar’a, als umschwebe mich der Geist meiner Tante und —"

Sie schwankt vor Schwäche und gleitet in den Armsessel nieder, indes die Haushälterin sorglich den Schal um ihre Schultern legt und Lorenz eine Fußbank heranrückt.

Dann setzt auch er sich in seinen Fauteuil, ihr gegenüber.

Müde lehnt Jngeborg den Kopf in die Polster zurück und langt nach der Teetasse.

Auch Lorenz führt feine Tasse zum Mund und tut einen kräftigen Schluck.

Einem Wink ihres Herrn gehorchend, verlassen Jakob und Frau Hiborg das Zimmer.

„Herr Jespersen sieht noch schlechter aus, als seine Frau", raunt die Haushälterin kopfschüttelnd dem Diener zu. „Haben Sie nicht bemerkt, Jakob, wie seine Hände zittern?"

„Jawohl. Er ängstigt sich so sehr um seine Ge­mahlin. Ich soll, ohne daß sie etwas davon er­fährt, den Arzt rufen — seinen Freund, einen ge­wissen Dr. Nikolas. Er wohnt Oestergabe Nr. 17. Wollen Sie schnell an meiner Stelle hinfahren, liebe Fran Wiborg?"

„Gern. Aber wird meine Herrin nicht meine Dienste gebrauchen?"

„Bewahre. Der Herr ist ja bei ihr."

„Nun gut."

Und rasch eilt die gutmütige Fran die Treppe hinauf, um sich Mantille und Hut zu holen.

Jakob zieht seine Uhr.

Verflixt! Schon fünf Minuten bis neun. Und um neun Uhr soll das junge Ding unten auf der Straße fein — oder das verhängnisvolle Signal ertönt!

Der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn. Hastig reißt er ein Blatt aus seinem schmutzigen Notizbuch und kritzelt ein paar Zeilen darauf:

„Unmöglich vor viertel Zehn. Dann aber be­stimmt. Bitte um Geduld — sonst alles ver­loren."

Als gleich darauf die Haushälterin, zum Fort­gehen bereit, die Treppe herunter kommt, gibt er ihr den zusammengefalteten Zettel.

„Draußen steht ein Freund von mir, Frau Wiborg, der mich heute noch sprechen will. Ich kann aber jetzt nicht, weil ich der Winke meines Herrn gewärtig sein muß. Geben Sie ihm den Zettel, bitte! Aber rasch, recht rasch!"

Die Haushälterin verspricht schnelle Besorgung und verläßt das Haus.

Ein Paar Minuten lauscht Jakob atemlos. —

Jetzt schlägt die Schwarzwälder-Uhr drinnen neun. Wird der verhängnisvolle Pfiff ertönen? —■

Alles still.

Jakob reibt sich die Hände. Alles geht nach Wunsch. Rasch eilt er in die Küche, um zu sehen, was das Stubenmädchen macht.

Die bloßeri Arme auf den Tisch gelegt und den blonden Wuschelkopf darauf gestützt, atmet Stine tief und gleichmäßig. Sie schläft.

Jetzt zieht Jakob seine Schuhe aus. Auf Strümpfen schleicht er in Jugeborgs Schlafgemach, nimmt in aller Eile vom Toilettentisch ein paar Schmuckgegenftände und ein gefülltes Portemonnaie und huscht wieder zurück, vorbei an der Tur zum Wohnzimmer. ,

Hier macht er einen Augenblick Halt. Wie weit mag es da drinnen wohl sein?"

Er bückt sich und hält das Ohr ans Schlüsselloch.

suchte Genehmigung ist von der Polizei auf Grund des § 7 des Reichsvereinsgesetzes (Storung des Ver­kehrs) versagt worden?

* Rinteln, 22. April 1912. Bei ben Vorberei­tungen zu einem Richtfest in Escher im Kreise Grafschaft Schaumburg explodierte eine Flasche Kohlensäure in dem Festzelt. Ein Mairn wurde sofort gelötet und fünf Personen schwer uer« letzt. Drei von Urnen starben auf dem Wege nach dem Krankenhaus in Rmteln. Ein neunjähriges Mädchen wurde an der Hand schwer verletzt, sodaß die Hand wahrscheinlich verloren ist. Das Festzelt wurde vollständig zertrümmert und die nahe vorbei« führende elektrische Leitung zerstört.

* Spangenberg, 21. April 1912. Die Lehrlinge eines hiesigen Schlossermeisters holten auf dem Gii- terbahnhof auf einem größeren Handwagen mehrere Zentner Eisen. Sic benutzten den sehr abschüssigen Bahnhofsweg, der nur für Fußgänger bestimmt ist. Der verhältnismäßig schwer beladene Wagen kam ins Rollen und der Lehrling Drubcl kam unter die Räder und wurde überfahren. Er erlitt einen schwe­ren Oberschenkelbruch und sonstige schwere Ver­letzungen.

" * Kassel, 22. April 1912. Die christlichen Gewerkschaften hatten am Sonntag nachmittag eine öffentliche Versammlung einberufen, die sehr gut besticht war. Generalsekretär Stegewald Köln verbreitete sich in längeren Ausführungen über die Bedeutung der christlichen Gewerkschaften im öffent­lichen Leben und in der Volkswirtschaft und Partei­sekretär Frede-Offenbach, über die- Stellung der christ­lichen Gewerkschaften zu den konfessionellen Verei­nen. Die Ausführungen beider Redner, die sich in der Hauptsache gegen die Theorien der Sozialdenio- fratie wandten, sanden lebhaften Beifall. — Beim Abbruch eines Fabrikgebäudes in der Menlrnrgstraße wurden 2 Arbeiter durch eine umstürzende Wand verschüttet und schwer verletzt.

* Wahnhausen (Kreis Kassel), 22. April 1912. Rach der Kontrollversammlung in Simmershausen fain es am letzten Freitag auf dem Rückwege hierher zu einer Schlägerei. Der 24jährige Sohn des Bürgermeisters D. erhielt einen Schlug mit einer Wagenrnnge, an dessen Folgen er Sonntag srüh g e- st o r b e n ist.

♦ Darmstadt, 22. April 1912. Der Z u s a m- m e n b r n ch der Nieber-Modauer Kasse, die durch einen Fehlbetrag von über einer Million Mark weite Kreise des Odenwalbes, besonders kleine Landwirte und Handwerker an den Rand des Ruins bringt, hat nun zu einer gemeinsamen Sanierungs­aktion 'geführt. Man ist zurzeit mit der Ausarbei­tung eines Planes beschäftigt, der geeignet sein dürfte, die Schäden auf ein Mindestmaß zu redu­zieren.

* Mainz, 22. April 1912. Der Fuhrmann Lauer, der feine erste Frau erwürgt hatte, dafür aber nur mit 2y2 Jahren Gefängnis bestraft wurde, weil die Frau durch ihren Lebenswandel Ursache zu der Tat gegeben hatte, hat jetzt auch seine zweite Frau, die sich .von ihm trennen wollte, durch Messerstiche schwer verletzt.

♦ Wiesbaden, 22. April 1912. Der Seniorchef der bekannten Sektfir..,a Mathäus Müller in Elt­ville, Kommerzienrat Ser narb Mülle r,^ ist heute im Alter von 73 Jahren gestorben. Seit 1906 hatte er sich vom Geschäft zurückgezogen, das er vor 60 Jahren von feinem Vater übernahm. Ter Verstorbene ist der Schwiegervater des Zentrums­führers Dr. Porsch. — Am 29. April wird int Lau­deshause zu Wiesbaden der 46. K o tu m u tt a l- l a n b t a g von bem stellvertretenden Landtagskom­missar Regierungspräsident Dr. v. Meister in feier­licher Weise eröffnet.

* Dieburg, 22. April 1912. Gestern entstand in einer Kiesernpslanzung an der Bahnstrecke Offen­bach—Reinheim ein Brand, der sich rasch aus die ganze Anpflanzung attsdehnte. Etwa 40—50 Mor­gen der jungen Aufforstung fielen bet» Feuer zttm Opfer. Der Schaden beläuft sich auf mehrere tau­send Mark. Man glaubt, daß der Brand durch die Funken einer Lokomotive entstanden ist.

* Aus Franken, 22. April 1912. In voller kör­perlicher und geistiger Rüstigkeit vollendete i tt B a b Kissingenber älteste Bürger der Stadt, Andreas H ü tu m e r, fein 96. Lebensjahr. — Am Sonntag verunglückte infolge Platzens eines Reifen bei

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Leise und verschleiert, wie traumhaft, klingt Jugeborgs Stimme durch die Tür. Jakob ist es, als habe sie einen andern Klang als sonst — etlva einen Klang wie damals, als das Mädchen noch auf. Schloß Sandsgaard weilte. Unwillkürlich lauscht er:

„— ja wirklich, Lorenz! Als ich mich vorhin an­kleidete, kam es plötzlich wie eine Vision über mich. — Mir war, als sei ich in einem schrecklichen Traum befangen, als Halle mich eine geheime Gewalt, aus der mich nur Erik Niels befreien kann, wie er es schon so oft getan . . . Früher fühlte ich stets feine Nähe ... ich wußte, ohne ihn zu hören ober zu spre­chen, wenn er sich im Nebenzimmer befand. — Auch jetzt habe ich diese seltsame Empfindung; ich ahne seine —"

Jakob hört nicht weiter zu. In fieberhafter Eile schleicht er in Lorenzens Arbeitszimmer, dreht den int Schreibtisch steckenden Schlüssel herum und entnimmt einem Geheimfach seinen Inhalt: etwa vierhundert Kronen tu bar. Tann eilt er ebenso lautlos, wie er gekommen, wieder davon!

Im Treppenhaus reifet er einen grauen Regen­mantel und einen dunklen Kopsschal vom Haken und legt beides auf einen Stuhl--

Da wird im Wohnzimmer laut und heftig die Glocke gezogen.

Jakob schlüpft in seine Stiefel und tritt ein.

Kreidebleich, an allen Gliedern zitternd, kauert Loreuz in seinem Sessel, wie geistesabweisend vor sich hinstarrend.

„Brandy her! Schnell!" stammelt er mit schwe­rer Zunge. „Der Tee — der Tee — —"

Ein Blick auf die Tassen zeigt Jakob, daß sie beide leer sind.

Er eilt ins Treppenhaus, um Mantel und Tuch zu holen.

„Frau Wiborg! Jakob... Zu Hilfe! Zu Hilfe! . . . Herr Jespersen stirbt — o, mein Gott!" ruft es angstvoll hinter ihm her und eine Icdesbleiche. Frauengestalt schwankt, mit emporgehobenen Händen und dem Ausdnick des Entsetzens in den Äugen, über die Schwelle. (Forts, folgt.)