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* Die Bezugsbcrechtigung in der Hinterbliebenen-Bersicherung.

Mit dem 1. Januar ist die reichsgesetzliche Hin- terbliebeiienversicherung der Reichsversicherungsord- nrmg in ökrast getreten.

Die Hinterbliebenenoersicherung kommt den Hin­terbliebenen sämtlicher Personen zugute, die auf Grund der Vcrsicherungspflrcht, der Selbswersiche- rung oder der Weiterversicherung der Invalidenver­sicherung unterstehen. Im übrigen wird die Hirtter- bliebenenversicheriing auch manchen Kreisen des Mittelstandes zugute kommen, da viele selb­ständige Gewerbetreibende unb Betriebs»nterneh- nrer früher unselbständig und iuvalidenversicherungs- Pflichtig gewesen sind. Die Fürsorge bezieht sich nur auf die Hinterbliebenen solcher Personen, die nach deni Inkrafttreten der Versicherung, also nach dem 1. Januar 1912, verstorben sind. War der Verstor- bene Jnvalidenrcntenempsänger, so haben seine Hin- terbliebenen nur dann Anspruch, wenn die Invali­dität nach diesen! Tage eingetreten ist Weitere Vor­aussetzung für die Gewährung der Hinterbliebenen- bezügc ist, daß der Versicherte die Wartezeit für die Invalidenrente zurückgelcgt und seine Anwartschaft zur Zeit des Todes ausrechterhalten hat.

Die Hintcrbliebenenfürsorge des vierten Buches der RVO. geht nicht so weit, wie die Versorgung, welche die Unfallversicherung den Hinterbliebenen der durch einen Unfall getöteten Arbeiter gewährt. Bei letzterer kommt in Betracht, daß die Fürsorge als eine Entschädigung für den Schaden aus einem besondern Betriebsereignis gewährt wird,' hier da­gegen soll der Frau und den Kindern nur eine Beihilfe im W i t tv e n- u n d Wa i s e n st a n d e gesichert werden. Eine gewisse Beschränkung ist schon lvegen der Höhe der finanziellen Belastung" durch die neue Versicherung geboten. Dieser Umstand gebietet insbesondere die Beschränkung der Fürsorge auf die erw e rbsu n fähige Witwe. Für die erlverbs- fahige kinderlose Witwe, die mindestens im gleiche» Umfange tätig sein kann wie die kinderlose ledige Frau, erkennt die Reichsversicherungsordnung ein unbedingtes Fürsorgebedürfnis nicht cin. Beim "Vor­handensein von Kindern wird während ihres für- sorgebedürftigcn Alters für diese durch die Waisen­rente gesorgt.

Ausland.

♦* Verlangen nach Religionsunterricht in Jta- üen. Der „Corriere" berichtet aus Genua, daß nicht weniger als 11 624 Eltern in Genua in einer Eingabe an die Stadtverwaltung den Religionsun­terricht verlangen, den die kirchenfeindliche Gemein­devertretung abgeschrfft hatte.

** Sozialdemokratische Beklemmungen. Die ita­lienischen „Genossen" sind wegen der Einweih- u n g des Turmes der Markuskirche in Venedig sehr beunruhigt. Die kircheufeindliche Presse Italiens bringt nämlich eine Meldung aus Per Lagunenstadt, die lebhafte Klage darüber ent­halt, daß die Feier der Einweihung des Campanile statt eine Bolksfeier eine religiöse Feier werde. Als i?b_ eine religiöse Feier nicht auch eine Bolksfeier wäre! Besonders entrüstet tun die Kirchenstürmer, weil die Bischöfe Venetiens alle zu der Feier er­scheinen und weil der Kardinalpatriarch im Namen des Papstes den neuen Campanile weihen wird. Das Hauptorgan der italienischen Roten, der „Avanti", fragt spitzig:

es sei interessant, zu sehen, wie die Minister Gmnano, Finocchiaro-Aprile, Nitli, Credaro, die er als Würdenträger der Freimaurerei bezeichnet, vor dem Kardinalpatriarchen sich verbeugen würden. Der König und die Behörden würden einem Tedeuw beiwohnen, die Kirchenglocken Venedigs würden alle geläutet. Kardinal Cavallari werde ein Handschreiben des Papstes verlesen.

Die fanatischen Kirchenfeinde drohen damit, sich von der Feier fernzuhalten. Sie mögen das ruhig tun, den» der Campanile ist eben doch ein Kirch- tnrm von San Marco und somit etwas ganz und gar Katholisches.

Q. * Die Wahlen zu den Rngestelltengerichitn in Belgien fanden am Sonntag statt und zivar zum

erstenmale nach dem Verhältniswahlsystem. Die Angestelltengerichte entsprechen den deuischen Rauf« mannsgerichten. Die Wahlrefultale lasten sich noch nicht vollständig übersehen. In Brüstet wurden von der Liste der christlich« Gewerkschaften 4 ge­wählt, von der sozialistisch« Liste 8. Die christ­lichen Gewerkschaften sind aber mit diesem Resul­tate durchaus nicht unzufried«, zumal die chri'iliche Organisation der hier in Betracht kommenden An­gestellten noch sehr jung ist. Bemerkenswert ist, daß die Liberalen überhaupt keine Liste ausgestellt haben, womit sie beweisen, daß es ihnen nicht ge­lungen ist. Verbände zu schaffen. In Ant­werpen haben die Ratbolifen 1000 Stimmen mehr als die Liberalen. In Genf erhielten die Katholiken in der Wählerklasse der Unternehmer 137 Stimmen mehr, als die vereinigten Liberalen und Sozialisten. Sie haben hier von 30 'Mandaten 20 erhallen. Von den Mitgliedern des Gerichtes aus den Reihen der Angestellten haben die Katho­liken von 4 Sitzen 2 erhalte«.

** Kuhhandel zwischen der roten und goldenen Internationale in Luxemburg. Die luicemburgische Regierung hat durch eine Vereinbarung, die noch der Genehmigung der Kammer bedarf, in ihrem Besitz befindliche Eisenerzlager, insgesamt 584 Hek­tar, einem Syndikat einbermischer Bergwerksinter- esfbnten auf 50 Jahre gegen eine Rente von 1000 Francs für den Hektar und das Jahr überlassen. Ter Abg. Prunn» von Clerf (Clervauz:), ein Führer der Katholiken, erklärt nun, über dieses Abkommen sei ein „Kuhhandel" der liberal-sozialistischen Kdm- mermehrheit abgeschlossen worden; darnach würden die S o z i a l i st e n für die Ueberlassung der Berg­werke an das Syndikat, dem mehrere Mitglieder der liberalen Partei angehörten, stimmen, und als Gegenleistung würden die L t b e r a l e n für die von den Sozialisten gewünschte kirchen feindliche S ch » l „r e f o r m" eintceten. Aus diesem Grunde unterstützten auch liberale Großindustrielle bei der Wahl die Sozialdemokraten. Prumm erklärt wei­ter, der bekannte de u t s ch e Großindustrielle Thys­sen habe ein viel günstigeres Angebot gemacht, nämlich 1200 Francs für das Jahr und den Hektar, außerdem sich zu weitgehender sozialer Fürsorge für die Arbeiterschaft verpflichiet. Die Enthüllungen Prumms rufen zurzeit in Luxemburg eine scharfe Preßfehde hervor.

Ans dem Nachbargebiete.

* Großenlüder, 17. April 1912. Der bisher in Hanau als Diätar beschäftigte Gerichts-Afiistent Freitag aus Kasicl wurde zum Amlsgerichtssekretär befördert und nach Großenlüder (Kreis Juida) ver­setzt.

* Wächtersbach, 17. April 1912. Der Rechtsan­walt Herr Dr. Krück bei dem Amtsgericht Wäch­tersbach wurde zum Kgl. preußischen Notar im Oberlandesgerichtsbezirk Kassel ernannt mit der An­weisung seines Wohnsitzes zu Wächtersbach.

* Gelnhausen, 16. April 1912. Der in Kassel tagende Landesausschuß hat u. a. beschlossen, die G e- meinde-Krankenpflegestationen in Neuses, Altenmittlau, Wolfsanger und Marjoß mit je 200 Mk. jährlich zu unterstützen.

* Großkrotzenburg, 16. April 1912. Metzger­meister Jessel Bär Waller, der gegenwärtig im 95. Lebensjahre steht, dürste wohl der älteste Mann des Landkreises Hanau sein. Trotz seiner Jahre er­freut sich der Greis noch völliger geistiger und kör­perlicher Frische. So hat er noch am vergangenen Samstag in der Synagoge mit lauter Stimme das übliche Jahrcsgebet für seine verstorbenen Eltern vvrgebetet.

* Kassel, 18. April 1912. Im Maschinensaale der Möncheberg-Gewerkschaft arbeitet der Maschinist Markin seit 50, sein Sohn Konrad seit 25 Jahren. Gestern früh wurde nun der jüngere Martin vor den Augen seines Vaters von einem zu- rückschlageuden Hebel so unglücklich getroffen, daß ihm die B r u st eingedrückt wurde und er nach wenigen Btinuken seinen Geist aufgab. — Gestern abend warf sich der 38jährige Fahrbursche Julius T. von hier hinter Rothenditmold vor dem han­növerschen Schwellzug auf dis Gleise. Er

wurde furchtbar verstümmelt und war sofort tot. T. war seit einiger Zeit stellenlos.

* Vom Westerwald, 17. April 1912. Auf dem früheren Grubenfelde bei Herschbach versuchte ein Knecht die Frau des Besitzers zu ermorden, wurde aber von seinem Dienstherr» überrascht. Er entzog sich seinen Verfolgern durch die Flucht. Meh­rere Schüsse, die man auf ihn abgab, gingen fehl. Bis jetzt wurde er noch nicht festgenommen.

* WürAurg, 17. April 1912. Im Würzburger Magistrat hat der Oberbürgermeister Michel es jur unmöglich erklärt, mit dem Vorstand des Ge­meindekollegiums, Apotheker Lahr, von der freien Bürgervereinigung weiter zu arbeiten. Ein ein­trägliches Zusammenarberten der beiden städtischen Kollegien sei überhaupt längst nicht mehr möglich. Er werde die Konsequenzen ziehen, wenn sich die Verhältnisse nicht sofort änderten. Oberbürgermei­ster Michel steht seit 1873 in städtischen Diensten und seit 19 Jahren an der Spitze der Stadtverwal- tuug von Würzburg. Entstanden ist der Streit merkwürdigerweise wegen der K e h r i ch t a b f u h r. Den Beamten der Stadt war in öffentlicher Sitzung vorgeworfe» worden, sie hätten den Kehrrchtabfuhr- unternehmer hinter dem Rücken des Gemeindekol­legiums angestachelt, auf einer Mehrforderung für die Späterlegung des Abfuhrbegmnes zu beharren, damit es nicht heiße, ein unbezahlter Gemeindebe­vollmächtigter bringe mehr fertig, als ein bezahlter Magistratsbeamter.

Amr Eeisa und Umgebung.

* Dermbach, 17. April 1912. Hier wurde am zweiten Osterlag der Sohn des Landwirts M. aus Lindenau nach einem Ball von einigen jungen Bur­schen auf dem Marktplatz überfallen und dabei schwer verletzt, sodaß er zur Zeit noch krank darniederliegt. Die Brutalität der jungen Leute ist der Staaksan- waltschaft zur Anzeige gebracht worden.

* Philippstal, 17. April 1912. Nach schweren Kämpfen ist nun endlich beschlossen, daß unser auf- blühender Ort ein Postamt erhält. Die Gewerk­schaften Hattendorf, Heimboldshausen und Ransbach haben das Unternehmen insofern unterstützt, als sie sich verpflichteten, ihren ganzen Postverkehr bei dem Postamt Philippsthal zu bewerkstelligen.

Aus Gberhessen u. den Hess. Aemtern.

* Kirchhain, 18. April 1912. Gestern hat man mit den Arbeiten zum Durchbau der Mittel- st r a ß e durch das Grundstück des H. Leonhäuser begonnen. Für die Anlieger des Hofackers und Mit­telstraße ist dieser Durchbruch ein großer Vorteil, da dieser Teil der Straße den direkten Fuhrwerks- Verkehr mit dem Bahnhofe vermittelt.

* Homberg, 17. April 1912. Der Kreistag be­schloß betreffs Versorgung des Kreises mit elek­trischer Kraft aus den vom Staate anzulegen- dcn Kraftwerken bei der Edertalsperre mit dem Staate einen Stromlieferungsvertrag abschließen zu wollen. Er setzte dabei voraus, daß nach sachver­ständiger Prüfung des vorgelegten Vertragsem- Wurfes nach der technischen und wirtschaftlichen Seite für den Kreis finanzielle Nachteile nicht zu befürchten sind.

* Frielendorf, 18. April 1912. Heute begeht Fran Witwe N. Bachrach, die ä l t e st e E i n w o h - n e r i n unseres Ortes und der Umgegend, in völli­ger körperlicher und geistiger Frische ihren 93. Ge­burtstag.

* Neustadt, 17. April 1912. Gestern abend fuhr em A »t o m o b i l auf der Niederrheinischen Straße gegen einen A p f e - b a » m, der abgebrochen wurde. Tas Auto wurde stark beschädigt, während die Insassen unverletzt blieben.

* Wabern, 17. April 1912. Der Ausgang des großen E n t e i g n u n g s t e r m i n s hat hier eini- ges Unbehagen verursacht. Mit einem Teil der In­teressenten hat nämlich die Verwaltung sich geeinigt. Dabei sind die Besitzer ganz gut weggekommen, inso­fern, als sie durchweg höhere Beträge erzielt haben, als diejenigen Grundeigentümer, die s. Zt. freiwillig .............................. M ,■■■■■■..... Mil __Ulli11 HIHI I

abgaben. Diese letzteren sind natürlich jetzt etwas ungehalten; weil sie bescheiden blieben und sich mit einem, an sich ja auch schon ganz guten, Preis zu­frieden gaben, stehen sie jetzt den anderen, die es zum Prozeß kommen ließen, nach, und die Folge wird sein, daß in Zukunft nur auf dem Wege des Enteignungsverfahrens etwas hier zu erlangen sein wird.

vermischtes.

* Der Kinematograph als Lehrmittel. Die erste Schule Deutschlands, die den Kinematographen stän­dig für den Schulunterricht eingesührt hat, ist die Volksschule in Zella Sankt Blasii lThürm- gen). Hier wurden mit großem Kostenaufwand Kine- matographeitapparate gekauft, die im Geographie- und Naturkunde-Unterricht verwandt werden.

* Das Spiel mit dem Leben. Nicht weniger als acht Personen haben vorgestern in Köln versucht, ihrem Leben gewaltsam ein Ende zu ma­chen. Einer von ihnen, cin 18jähriger Konditor, hat |ein Ziel erreicht. Er hat sich erschoßen. Die sieben anderen, von denen vier in den Rhein gesprungen sind, zwei Lysol genommen haben und einer sich zu erschießen versucht hatte, konnten gerettet werden. Bei einigen besteht indes noch Lebensgefahr.

* Idyll aus der Vogelwelt. Aus Soisdorf am Rhein wird der Deutschen Reichsztg." geschrie­ben: An einem der letzten Schneetage des Abends sammelte sich eine Schar Schwalben, acht Stück an der Zahl, auf meinem Schlafzimmer und fchlu- gen auf dem K leider fch r ank e ihr Nacht- quartier auf, um sich vor Schnee unb Kälte zu schü­tzen. Am andern Morgen machten sie sich auf und flogen davon. Abends kamen sie wieder und fetzten sich wieder dorthin.

* Wegen fortgesetzter Simulation hatte sich der Musketier Molinski vor dem Oberkriegsgericht des 3. Armeekorps in Berlin zu verantworten. Ma- linffi gefiel es nicht beim Militär, und er markierte deshalb den körperlich Kranken. Er schützte einmal beim Springen einen Beinbruch vor und behauptete, nicht springen zu können. Dann kam er mit einem inneren Leiden, das ihn an der Ausübung des Dien­stes hinderte. Als auch dies nicht fruchtete, mar­kierte er den Dummen. Dabei ging er so weit, daß er vorgab, nicht einmal rechts von links unterscheiden zu können. Er glaubte, er werde, wenn er sein Prinzip durchführe, bald vom Militär freikommen und obendrein noch eine Dienstentschädigung erhal­ten. Er hatte sich aber geirrt. Man stellte ihn we­gen Beharrens im Ungehorsam, Achtungsverletzung und Simulation unter Anklage. In der Verhand­lung meinte er, er sei im Kopfe schwach, und nur der liebe Gott wisse, wie es in seinem Innern aus- sehe. Das Urteil lautete auf sieben Monate Gefängnis.

♦ Ei« Wahlschwindler. Der Schuhmachergeselle Jung in Dresden, der bei der letzten Reichs­tagswahl einen Stimmzettel für den inhaftierten Schuhmacher Hildebrand abgegeben hat, der auf den Namen Gradnauer lautete, wurde vom Landgericht zu zweiMonaten Gefängnis verurteilt.

Handel und Industrie.

* Berlin, 17. April 1912. Endlich hat sich die Börse zur Heimat zurückgefunden und spekuliert wieder tüchtig in einheimischen Papieren, die wäh< renb des Kanadarummels vernachlässigt woroen waren. Die verschiedenen Meldungen vom Eisen« maikt brachten einen Teil der Jndustriepaviere aus- gezeichnete, einem weiteren Teile gute Profite.

Märkte.

** Pferdeauktion in Scherbett Bei der dies­jährigen Pferdeauktion des Gestütes Beberbeck stan­den nur 13 Pferde zum Verkauf. Der Verkauf ging flott. Die 13 Tiere brachten einen Gesamterlös von 20 590 Mark, also 1584 Mark im Durchschnitt. Das teuerste Pferd war ein Wallach von „Mechanicus", der 2300 Mark kostete.

Helden der pflicht.

Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von

4.0] Erich Friesen.

Da tritt Jakob ein, in der Hand eine dickbau­chige Flasche.

Er setzt sie auf den Tisch, versichert sich, daß die Tür fest geschlossen ist und geht rasch auf Lorenz zu, der vergebens bemüht ist, eine gleichmütige Miene zur Schau z» tragen.

„He, Herr! Sie scben verflirt schlecht aus," knurrt er sarkastisch. „Haben Wohl Ängst gekriegt, was?" Aergerlich fährt Lorenz empor.

„Ich — Angst? Dummer Kerl! Denk' »ich dran!"

Hastig steht er auf, nimmt die Flasche vom Tisch entkorkt "sie und füllt mit unsicherer Hand zwe Gläser.

Inzwischen zieht Jakob ein Medizinfläschchen an­der Tasche.

„Da!" grinst er vergnügt. „Die ganzen Mor phiumreste und verschiedenes andere ans all der Flaschen zusammengegossen, 's wird gerade reichen/

Er stürzt ein Glas Brandy hinunter, während Lorenz schweigend vor sich hinstarrte.

„Hab' noch was gemacht, Herr!" fährt Jakob Pfiffig fort, nachdem er sich mit der umgekehrten Hand die letzten Tropfen Schnaps von seinem strup- pigen Bart weggewischt hat. „Ich war bei Dr. Seehus."

'''Spbpnn! Der ist ja eben abgereift."

„Eben deshalb! Ich wollte fragen, wann et zuruckkommt." ö ' -

„So —? Na, wann denn?"

„Erst in sechs Wochen — 's geht alles nach

Und Jakob stellt sein leeres Glas auf einen kleinen viereckigen ^sch, dessen Platte ein Schach- brett Mbd. Sem stets wachsames Auge bemerft sofort, daß die Platte, gleich einem Klavierstuhl, auf ihrem geschnorkelten Fuße drehbar ist 9

Er «ich, einen Stuhl neben das Tischchen und letztlich, Lorenz immer tchars tnt Auge behaltend

Kleine Pause.

„Haben Sie Frau Wiborg vorbereitet?" fragt Jakob plötzlich.

„Ja."

„Wann soll's losgehen?"

„Hm — wollen wir nicht lieber noch ein paar Tage warten?"

Jakob zieht die Stirn kraus.

„Wozu? Wollen Sie warten, bis Ihr vor Mo­ral und Edelmut triefender Freund, der Herr Mels, wieder da ist? . . . Wenn Sie Angst haben, will ich es tun."

~ Große Schweißtropfen perlen von Lorenzens Stirn. Eine Zeitlang starrt er unentschlossen auf die Platte des Tischchens. Dann wischt er sich mit einer energischen Bewegung den Schweiß von den feucht- kalten Schläfen.

. „Bah! ... Was meinst du, Jakob? Soll es gegeben, wenn sie außer Bett ist?"

„Natürlich."

„Wann?"

„Hm —' Gedenken Sie morgen zu Hause zu Abend zu essen oder draußen?"

„Zu Hanse." 4f

„Um wieviel Uhr?"

„Wie gewöhnlich, um halb acht."

„Tann wollen wir die Zeit sür dreiviertel neun festsetzen. Was?"

„Meinethalben. Wie soll sie es nehmen?"

„Sie trinkt gern Tee, nicht wahr? . . . Gut. Um dreiviertel _neun Uhr trinken Sie beide zusam­men Tee. Natürlich wird sie gleich danach unwohl. Sie, Herr, eilen zu Ihrem Freund Dr. Nicolas, der wett weg von hier wohnt —"

„—und du willst schleunigst einen anderen Arzt holen, findest aber keine»,"- fallt Lorenz hastig ein. „Sie ist allem mit Frau Wiborg. Gegen elf Uhr kehre ich in Dr. Nicolas' Begleitung »ach Hause zurück und finde sie —"

,— t o t!... Noch ein« Schluck Brandy, Herr!" Schweigend reicht Lorenz die Flasche herüber. Dann zieht er seinen Rockkragen über tue Ohren und starrt Wetter auf da» Schach lischchxn.

Jakob stürzt ein neue» Glas Brandy hinunter.

Behaglich mit der Zunge schnalzend, fragt er seinen Herrn, »b er auch sicher sei, von seinem Freunde -ir. Nicolas den Totenschein zu erhalten, den er wünscht.

„Natürlich," lautet die eifrige Entgegnung. „Das Rezept seines Kollegen Dr. Seehus wird ihm zei­gen, daß die Verstorbene an Herzschwäche litt. Selbst­verständlich ist sie an — Herzlähmung gestorben."

„Wenn er sie aber untersuchen will?"

„Das werde ich zu verhindern wiffen. Dr. Ni­colas ist ein harmloser Mensch und vertraut mir vollständig."

„Hm —! Aber wird er nicht bemerken, daß die Verstorbene nicht die wirkliche Karin Lewis ist?"

„Nein. Der Tod verändert die Züge. Zudem hat Karin Lewis wirllich etwas Aehnlichkeit mit der da nebenan, besonders dasselbe hellblonde Haar. Auch hat er sie nur einmal flüchtig gesehen — das vergißt sich!"

„So, so! . . . Na gut!"

Etwas nervös erhebt sich Lorenz und schiebt sei­nen Stuhl beiseite.

„Das Programm steht feft Gute Nacht, Ja­kob!"

„Gute Nacht, Herr!" —

Am nächsten Morgen fühlt Jngeborg sich tatsäch­lich bedeutend Wohler; trotzdem erlaubt Lorenz ihr nicht, das Bett zu verlaffen. Erst wenn die Besse­rung bis gegen Abend anhielte, dürfe sie für ein paar Stunden auffteheu.

Aus feinem Bureau erscheint er als tieftrauriger, schwerbedrückter Mann, der um das Leben seiner teuren Gattin bangt, und seine Kollegen sind aufs neue voll des Lobes für seine zärtliche Fürsorge.

Als er abends »ach sechs Uhr nach dem Jonas- Gehölz Nr. 5 zurückkehrt, überreicht ihm Jakob einen Brief, der vöc einer Stunde durch einen Boten ab­gegeben wurde; er wäre eilig.

Hastig überfliegt Lorenz die verschwommenen, beinahe unleserlichen Schriftzüge.

„Zum Kuckuck auch! Das Weib ist verrückt!'' stößt er zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor.

„Welches Weib?" forscht Jakob.

„Die Sarah Lewis!"

„Die — Sarah Lewis?"

„Ja. Jakob, du mußt sofort zu ihr!"

„Nach Tromsö?"

„Nee. Sie ist nicht fit Tromsö. Sie ist hier in Christtania — drunten am Hafen in einer kleinen, obskuren Herberge. Ausgekniffen vor der Polizei, weil man ein paar ihrer geschäftlichen Unlauterkeiten auf der Spur ist. Außerdem —"

„Noch was?"

„Außerdem hat sie einen Brief von ihrer Tochter aus Paris gekriegt. Die hat's Leben dort satt; 's zöge sie wieder nach der Heimat, nach Christiania —"

„Schockschwerenot!"

„Nun ist die Sarah hier, nm Geld von mir zit fordern. Sie braucht fofort zehntausend Kronen. Wenn ich ihr die Summe nicht bis heute abend beschaffe, verkauft sie unser Geheimnis an die Polizei — schreibt sie. Ich glaube den Schwindel natürlich nicht; das ganze ist nur eine Finte, um Geld von uns zu erpreffen. Aber vielleicht fit doch was Wahres dran und wer weiß, wozu die Person fähig ist! Du mußt sofort zu ihr und sie ein paar Tage Hinhalten, bis —"

„— bis die Lebensversicherungen fällig sind?" „Ja. Bis die Lebensversicherungen fällig sind." „.Ich gehe schon, Herr!" ruft Jakob, feinen Nock zuknöpfend. „Welche Adreffe?"

„Tie da!"

Und Lorenz wirft ihm den zerknitterten Bries der Pfandleiherswitwe hin.

„Gut. Und vergeßen Sie nicht, Herr — um dreiviertel neun

„Ja doch, ja! Beeil dich nur! Und sorge, daß du um diese Zeit wieder zurück bist!"

„Schon früher!"

Und Jakob verläßt im Sturmschritt daS Haus, um an der nächsten Ecke den Omnibus zu besteigen, der hinunter zum Hafen fährt.

Weder er noch Lorenz ahnen, daß dieses Bor. kornmnis der nahenden Katastrophe eine ganz ander» Wendung geben soll ...

(Fortsetzung folgt)