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Mittwoch -en 17. April 1912
39. Jahrgang.
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fultlaer M Leitung
2. blatt.
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Deutsches Reich.
■>? Der »Evangelische ä?unb* hat bekanntlich, auch .einen Senf zur Reimte n|tage gegeben und eine Resolution beschlossen, tue ^entschieden Verwahrung Megt* usw. usw. Interessant und lehrreich ist die Begründung, die das Organ des Bundesvorstandes, die »Deutsch-evangelische Korrespondenz* der Resolution gibt. Da heint es u. a.:
»Nicht weil der Prolestnntismus Angst vor den Jesuiten hätte, nimmt der Eoangettiche Bund Stellung gegen die Aushebung des Jeiuitengeietzes. Das ist er« um so törichteres Berebe, als die Jesuiten einen Kampf mit gleichen Waiien ohne mittelalterlich« Hilfsmittel gar nicht wagen, sondern aus nationalen Gründen . . .“
Das ist doch mal etwas neues auf dem Gebiete der Verdächtigung und Verleumdung! Bisher haben wir wenigstens now nicht gehört, daß man die Jesuiten alS Schwächlinge oder Feiglinge bezeichnet hätten, die dem Kamps mit gleichen Waffen au8- weichen. Was dieBundeskorreipondenz unter »mitiel- alterlichen Hilfsmitteln* verstanden wissen will, ist uns nicht recht klar. Sonst pflegen gerade die Gegner des JesuüenordenS sich darüber zu beklagen, daß die Jesuiten so geschickt alle modernen HilsS. Mittel zu benutzen verständen, — soweit sie nicht durch Eingriffe der Slaak-gemalt daran behindert würden. Hat der Evangelische Bund wirklich Verlangen, mit den Jesuiten einen »Kampf mit gleichen Waffen* auszutragen? Schön; dann darf er doch nicht Einspruch erheben gegen den „Unparteiischen*, der die Waffen gleich machen Ivill! Was für „Waffen* stehen dem Evangelischen Bund zur Bet- fügtmg ? Er verfügt zunächst über alle Vorteile öer brutschen Vereins- und Versammlungsfreiheit., Er hat sich eine großartige Organisation geschaffen und baut sie immer weiter aus, * neuerdings durch die Verlegung der Geschätts- ^zrung nach Bersin. Können die Jesuiten mit den gleichen Waffen der Or amsation kämpfen? Nein, \ten oleibt die »Niederlassung* zu einer gemein- sianen Geschäftsführung verboten, sogar nach dem anyerischen Erlöste. Die Führer und die Mitglieder des Evangelischen Bundes können dagegen un» Zt^indert Reden und Vorlräge halten, soviel sie wollen. Wenn aber der vereinzelte Jesuit apologetische Vorträge halten will, so erklären Preußen und andere Bundesstaaten das sür eine „Ordenstätigkeit* und verbieten die „Konsiren;en*, auch- wenn sie in profanen Räumen stattfinden. Den Predigern, die in so großer Zahl dem Evangelischen Bunde angehören, stehen ferner die »Waffen* des Konfirmationsunlerrichts und der Kanzel zur Verfügung. Der Jesuitenpaler aber soll durch das Zwang-gesetz sowohl vom Jugendunterricht als auch von der Predigt und jeder seetsorgerischen Tätigkeit serngehalten werden! Und während man mit Hilfe der Polizei den Gegner in dieser Weise lahmlegt, sagt man ihm höhnisch nach, er wage gar nicht den »Kampf mit gleichen Waffen*!
0 Aus dem taten Punkt. Seil geraumer Zeit verlautet über die durch den Besuch des englttchen KriegsministerS Haldane in Berlin eingeleileten deutsch-englischen Verständigungsverhandlnngen in der Oeffeutlichkeit nichts mehr. Das g It uns als eine Bestätigung der von uns vor eiroa Monatsfrist gemachten Mitteilung, daß die Verhandlungen aus einem toten Punkt angelangt seien. Em solches Ende war voraaszusehen, da durch Spezialabkommen der beiden Mächte niemals der vorhandene Gegensatz auSgeräumt werden kann. Eme Einschränkung der Rüstungen kann schon gar nicht in Frage kommen, da sie auf breitester Grundlage erfolgen müßte, deren Voraussetzungen auf einem regelrechten Bündnis zwischen Deutschland und England beruhen. Tatsächlich soll denn auch, die deittsch! Reichsregierung alle englischen Derständigungsvorschläge mit dem Gegenvorschlag eines Bündnisses beantwortet Haden. Eine Auiwort der englischen Regierung ist bis heute auf den deutschen Vorschlag nicht erfolgt. Aber jme Antwort ist auch eine Antwort, und in Eng- lai»s wird man sich nicht wundern dürfen, wenn man in Deutschland in die Aufrichtigkeit der eng- tischen Annäherungsbestrebung»!! ernsteste Zweifel setzt. Die Erfahrungen der letzten Jahre find nicht geeignet, diese Zweifel a >zusch»ächen. Man wird den Engländern nicht unrecht tun, wenn man in ihren Annäherungsbestredungen nichts weiter erblickt, al? einen Versuch, sich über augenblickliche Schwierig
keiten hinwegzuhelf«. Niemand in England wird ernsthaft glauben machen wollen, daß er für eine dauernde Besserung der deutsch-englischen Beziehungen sich erneu Erfolg verspnchr von einer Abmachung in koloniale« Fragen.
Ausland.
♦♦ Wiener Ternetuderarkwahle«. Ein Sturm von Versammlungeu geht jetzt durch ganz Wien, 78 Mandate kommen zur Erledigung, fast die Hälfte der 164 Wiener Gemeinderäte. Die Freisinnigen und Sozialdemokraten, die drsher nur 25 Mandate inne hatten, beabsichtigen in dem Wahlkampf, der um den 4. und 2. Wahlkörper gebt, eine so breite Bresche in die bisherigen chnnlich-sozialm Stellungen zu schlagen, um sich tm Wiener G meinderat in den Besitz der Mehrheit zu dringen. Ja den christlich-sozialen Kreisen rechnet man zwar mit dem Verlust mehrerer Mandate, da die Ueberläuser nach dem Tode Lueger» Die Partei in dem harten Kamp, verlassen und irgendwo anders ihre Vorteile zu finden hoffen. Doch glaubt man auf christlich-sozirler »eite nicht, daß der Wahlausgang einen besonderen Einfluß auf die Stellung der herrfchenden Christlich- Sozialen im Wiener Geinemderat Haden werde.
** Die kirchlichen Verhältnisse von Paris. Der Erzbischof von Paris, Kardinal Amette, veröffentlicht einen Aufruf zur Beihülfe beim Bau neuer Kirchen. Er führt darin aus, daß von allen Diözesen Frankreichs Paris am wenigsten mit Pfarreien bedacht ist. Wo sich in Paris eine einzige Pfarrei befindet, hat die Diözese Carnbrai sieben, Lyon zehn. Es gibt in Paris Pfarreien mit 80 000 bis 100 000 Seelen, die nicht mehr Priester haben als solche mit 15 000 Seelen. Dir Verteilung ist also auch in Paris selbst sehr ungleichmäßig. ES müßten nach den Be- rechnungen des Kardinals mindestens 5 0 neue Pfarreien geschaffen werden. Einzelne neue Pfarreien sind bereits geschaffen worden, einzelne Kirchen wurden gebaut, aber auf ihnen lasten noch schwere Hypothek«. Der Kardinal nennt seinen Auftu feinen wirklichen Notschrei, dem das katholische Frankreich Gehör schenken solle.
** Wieder et« Bischof ta der Verbannung. Das sektiererische Jakobinertum in P o r t u g a l läßt seinem Kirchenhaß immer deutlicher die Zügel schießen. Der einzige portugiesisch« Bischof, dem die Freimaurer bisher noch nichts anhaben konnten, war der Erzbischof von Evora, Msgr. Edoardo Nunes, früherer Professor an der Universität zu Coimbra. Auch diesen Kirchensürsten hat nun aber vie Rache und der Haß der portugiesischen Glaubens« feinde erreicht. Em Dekret des Justizministers versagt ihm für zwei Jahre den Aufenthalt in seiner Bischofsstadt, gerade so, wie es früher schon mit den andern portugiesischen Bischöfen gewesen ist. Damit sind allo von der portugiesischen Regierung alle Bischöfe von ihren Sitzen vertrieben und die Freimaurer werden nun wähnen, schnell und leicht ihr eigentliches Ziel: die Enkchristlichung Portugals, erreichen zu können. Hoffen wir, daß ihre Erwartungen möglichst bald gründlich zuschanden werden!
** Die Moral der Sozialisten. Aus Kopenhagen wird geschrieben: In wie rück ichtsloier Weife sich der Terrorismus der sozialdemokratischen Fachvereine äußert, davon liefert em Vorfall, der sich dieser Tage in Kopenhagen abspielte und in ganz Skandinavien Aussehen erregte, ein prachtvolles Beispiel. Ein kürzlich in der dänischen Hauptstadt eingetroffeiiet ostpreußischer Schlächtergeselle namens Nawiacala hatte in der großen Wurstsabrik von Johanneien Arbell gefunden. Hier machte er bald evem'o wie ein anderer deutscher Geselle dis Wahrnehmung, daß die dänischen Gesellen ihren Prinzipal in systematischer Weise bestahlen, und schließlich wurden beide von ihren dänischen Genoffen zu überreden versucht, es ebenso zu machen. Dies lehnten sie jedoch ab, sondern teilten vielmehr nach etlicher Zeit ihre Beobachtung dem Prinzipal gegen das Versprechen mit, daß ihre Namen verschwiegen blieben. Die Folge war, daß vier Arbeiter aus srischer Tat ertappt werden konnten, was natürlich deren Entlassung nach sich zog. Da indessen die dänischen Arbeiter sofort in den beiden Deutschen die ülngeber vermuteten, veranlaßte ihr Fachverein durch Streildrohuug den Prinzipal, die beiden deutschen Gesellen, die ihn auf dir Diebstähle
aufmerksam gemacht und somit vor Schaden zu bewahren gesucht hatten, zu entlassen. Es kam aber noch bester, oder vielmehr schlimmer. Nawra> cala oder seine Frau, die sich beide plötzlich dem Elend preisgegeben sahen, scheinen eure Aeußerung gemacht zu haben, daß es dem Wurstsadrikanten schlecht gehen würde, wenn er ihnen nicht wenigstens behilflich wäre, in die Heimat zu gelangen. Dies hielt nun der Fabrikant für einen Versuch zu Geld- erprestung und machte Anzeige, worauf Nawracala fast zwei Wochen hindurch in UnlersuchungShafl gehalten, bann ausgewiesen und mit seiner Frau in Formen, rote sie schlimmen Verbrechern gegenüber zur Anwendung kommen, zur Grenze transportiert wurde. In die Kosten haben sich ergenlümlicherweije der Fachverein und der Wurstfadrtkant geteilt. Nach der Kopenhagener Zeitung .Politiken' soll der Fabrikant em »humaner Mann* sein, der aber gleichzeitig zu der Art VlrDettget er gehöre, die schon z ttein, wenn sie blos daS Wort Fachoerein hören. Richtiger ist es jedenfalls, zu sagen, daß das Verhallen des Fabrikanten und des Fachveieins schofel ist, sowie, daß auch die lange Juiückoaltung Rawracalas in klinersuchungshaft ein eigentümliches Gebaren der dänischen Behörden ift.
** Ei« Zusammenbruch von sozialdemokratischer Verwaltungskunjt. Aus Amerika kommt die Nachricht, daß in Milwaukee die Sozialdemokaten, die in dieser Stadt das Heft in der Hand hatten, bei den letzten Wahlen eine große Niederlage erlitten haben. Die Herrschaft der Sozialdemokratie hat nur eine Wahlperiode sich zu behaupten vermocht. Sie ist schon nach zweijähriger Dauer zusammenge- brachen. Vor zwei Jahren, als die Sozialdemokraten iu Milwaukee bet den Wahlen die Mehrheit erhielten und damit zum erftenmale in der Union eine Stadt unter sozialdemokratischer Herrschaft kam, ging ein ungeheurer Jubel durch die Sozialisteu- Presse, auch in Deutschland. In zahlreichen Siegesartikeln wurde der staunenden Welt verkündet, daß nun in Milwaukee mindesteus das Paradies an- brecheii iverde. Unter den Grundsätzen, nach denen der neue sozialistische Bürgermeister Seidel der Milwaukeer Bürger höchste Glückseligkeit zu erreichen gedachte, war als erster der genannt, daß
poliriiche Armier, bei eenen es sich um die prinzipielle Stellungnahme handelk, nur mit Sozialdemokraten befehl werden follleu.
Diese Offenbarung ist für uns sehr werwoll. Die Sozialdemokratie, die von Verfassungsbruch redet und Protestaktionen veranstaltet, wenn der bayerische Ministerpräsident erklärt, daß es mit dem monarchische» Prinzip unserer Staatsverfastung nicht vereinbar ist, daß ein Sozialdemokrat Beamter sein kann, dieselbe Sozialdemokratie erklärt selbst, daß dort, wo sie die Macht hat, politische Aernter nur mit Sozialdemokraten besetzt werden. Auch ein Bürgermeisterposten ist ein politisches Amt, und wenn die bayerische Regierung zu diesem Amt keine Sozialdenwkraten zuläht, so handelt sie vom Standpunkt des monarchischen Prinzips aus nur gerecht. Im weiteren teilte die sozialistische Preste mit, daß die Genossen große Reformen einführen würden unb daß die sozialdemokratische Stadtverwaltung in Milwaukee erfolgreich sein würde.
„Wir werde» SPiihocutee die beste Verwaltung geben, die eine amerikanische Stadt je gehabt hat*, so las man damals. Das scheint nun aber nicht der Fall gewesen zu sein, denn heute wird int Anschluß an die Niederlage der' Soziaidemokrate in Milwaukee gemeldet: „D i e Sozialisten hatten geringes Verwalt ungsgeschick gezeigt." — Nach zweijähriger Dauer hatte die mit so großen Phrasen eingeleitete rote Herrlichkeit ein Ende. — Es ist bezeichnend, daß die Sozialdentokratie überall, wo sie einmal die Macht erlangte und praktisch arbeiten muß, entweder nach „bürgerlichen" Rezepten arbeiten muß oder Fiasko macht. Das ist auch in MU- wmikee erwiesen worden.
Aus Kirche und Schule.
4- Malkes, Pfarrei Oberbimbach, 16. April 1912. Allgemeine Erregung herrscht in unserer Pfarrei über die von der Kgl. Kreisschulinspektio« an geordnete BereinigunavonKnaben und Mädchen in der Oberklasse der hiesige« Schule. Die
Elter« sind nicht gesonnen, diese Neuerung ruhig hinzunehmen. Die Familienväter wollen in einer gemeinsamen Petition sich an die Kgl. Regierung wende«, um die Aufhellung der Verfügung zu erreiche«.
+ Dörmbach (Rhön), 12. April 1912. Mit bei aushilfsweijen Versetzung der hiesigen - ehrerftelle, tue keinen Bewerber gefunden bat, wurde bis auf weiteres die SchulamtSbewerberio Frl. Dautzcvroth aus Fulda beauftragt.
Aus dem Nachbargebiete.
• Hersfeld, 16. April 1912. In Raboldshausen sand eine von 245 Personen, darunter die parlamentarische« Vertreter der hiesigen Gegend, besuchte Versammlung statt, die sich für den Bau der Eisenbahnlinie HerSfelo - Homberg- Wabern aussprach. Es wurde mitgeteilt, daß der Eisenbahnpräsident in Kastel das Bahnprojekt Hersfeld—Homberg für das wichtigst« in feinem Bezirk halte. Es wurde geraten, in de« beteiligten Kreistage« vorläufige Beschlüsse herbeizuführen bett, kostenloser Hergabe von Grund und Boden, um die Eisenbahnbehörde« von der Wichttgkeit des Projekts zu überzeugen.
* Bad Orb, 15. April 1912. Nach dem Geschäftsbericht des Vorstandes der Kinderheilanstalt Bad Orb sind im verflossenen Jahre 1378 Kinder während der Sommermonate in der Anstalt der-« pflegt worden, darunter 923 Kinder aus der Provinz Hessen-Nassau und zwar 183 aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden (ca. 275 aus Frankfurt a. M.) und 440 auS dem Regierungsbezirk Kastel. Wegen des Solebczuges hatte die „Bad Orb ®. m. b. H." und die „Betriebsgesellschast" gegen die Kinderheilanstalt beim Landgericht in Hanau eine Zivilklage anhängig gemacht. Nunmehr ist ein Vergleich geschloffen worden, wonach die Kinderheilanstall pro Tag 85 Kn- bihneter Sole während der Zeit vom 1. März bis 31. Oktober eines jeden Jahre- erhält. Zurzeit ist man bereits damit beschäftigt, daS. 85 Kubikmeter Sole fastende Reservoir zu bauen, welches direkt von der nahen PhilippSquelle gefüllt wird.
♦ Frankfurt e. «BL, 17. April 1912. Der Kai- ser wird am Dienstag, 21. Mai, vormittags mit dem Auwmobil von Wiesbaden aus in Frankfurt eintreffen, um den Einwerhungsfeierlich- leiten der Mainbrücke und des Osthafens beizuwohnen. Dem hiesigen Magistrat ist bereits eine entsprechende 'Mitteilung auS de» Zivilkabinett deS Kaisers zugegangen.
* Aus Franken, 16. AprS 1912. Der derzeitige Stand der Rebe« befriedigt vollkommen. Die Winzer habe« wieder guten Mut gefaßt und viele neue Lagen sind im Bau. Auch btt Weinbergswerte sind gestiegen. — Prinzeffin Eitel Friedrich unb der Großherzog von Meckl e n burg-Stttkrtz besuchten Bad Neuhaus. Die hohen Herrschaften besichtigte« eingehend das Bad unb die Salzburg und führe« erst nach längerem Aufenthalt werter.
Amt Geisa und Umgebung.
♦♦ Geisa, 18. Avril 1912. Der Bahnwärter Krepf wurde von Geisa nach Gerstungen versetzt.
• Stadtlengsfeld, 15. April 1912. Gestern fand hier die Generalversammlung des Spar- und Vorschußvereins (e. G. m. u. H.) in Stadtlengsfeld statt. Das Geschäftsjahr 1911 wird al- zufriedenstellend bezeichnet. Die Mitgliederzahl ist von 810 auf 318 gestiegen. Neben den Zuwendungen zu den Reserven kann wieder eine Dividende von 6 Prozent verteilt werde«. Der Kaffenumsatz betrug rund 160 000 Mark, das Vermögen am Ende des Jahres 255 000 Ml., der Reingewinn 3000 Mk.
♦ Dippach, 16. April 1912. Am Samstag fand hier die Wahl eines Bürgermeisters statt. An Stelle des früheren Bürgermeisters Karl Christian Pforr wurde deffen Stellvertreter Johanne- Friedrich S ch ä f e t 2 gewählt.
♦ Tiefenort, 16. April 1912. Hier ist ein Schulneubau geplant, der sich in Anbettacht der stetig steigenden Schülerzahl wie der Einheitlichkeit des gesamten Schulorgamsmu- nötig machte. Die
Helden der pflicht.
Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von 39] Erich Friesen.
Ta stört eines Abends sein Diener diesen scheinbaren Frieden.
»Na, Herr, wann wird's denn?" raunt er Lorenz ungeduldig zu, als Jngeborg sich soeben in ihr Schlafgemach zurückgezogen hat. „Wir verlieren viel kostbare Zeit!"
Wie aus einem Traum erwachend fährt Lorenz in die Höhe. Tie keusche Nähe jenes jungftäu» lichen Wesens, das er {ein Weib nennt und das ihm trotzdem noch immer so fern steht, wie bei ihrem erstell Begegnen, ist nicht ohne Wirkung auf daverhärtete Gemüt des früheren Trunkenboldes geblieben.
»Ja, ja —" murmelt er wie geistesabwesend — „Du hast recht. Das Geld ... der totenahnliche Schlaf--"
„Hol Sie der Kuckuck mit Ihrem totenähnlichen Schlaf!" fällt Jakob roh ein. „Wollen Sie das Mes» fer au den Hals kriegen? Unschädlich gemacht muß sie werden — und zwar in allernächster Zeit."
21.
... W-ähreny die drohende Wolke des Verderben- ec Achter über Jngeborgs Haupt zusam.
< . ’ Erik Niels in der Welt herum, um bQd arme, irregeleitete Mädchen zu finSen
sCjaffch« Erzählung deS Bett- lers Iakob bok, fügend, fuhr er damals direkt nach London. Dort erfuhr er, daß da- betreffende Paar bereits an demselben Tage nach Paris weitergereist set. Er folgt ihm nach. Und von dort über Mar- stille, Rom und Neapel nach Kairo . . .
Tag«, Wochen vergehen ... . Immer noch jaat Erik einem Phanwm nach. Es ist, als ob bet böse Bber Lorenz Jrspersens Handlungen leitet, auch
von jenem geheimnisvollen Paar ergriffen, eS Erft werter auf falscher Fährte führen und ijm immer mehr von Jngeborg entfernen sollte.
In Kairo endlich zerrinnt da- Phantom in nichts:
Der ausländisch ausschende Herr und die blonde, zarte, junge Dame, deren Spur Erft wochenlang «der Länder unb Meere folgte, entpuppen sich als — bet Kassierer eines großen Bankgeschäftes in ©t Petersburg, der mit entern Teil der Kaffe seine- Prinzipal- unb einer Statistin bet bortigen Oper ent- flohen ist und hier in Kairo endlich verhaftet wird.
Völlig niebergefömettert begibt sich Erik auf die Heimreise, nachdem er vorher an Sigrid solgende« Brief gesandt:
»~ — Ich habe alles getan, was in meinen Straften stand, um Ihre Nicht« anfzufinden. Die berühmteste« Detektivs suchen nach ihr: ich selbst gönne mir weder Tag noch Nacht Ruh«
Da alles vergeben- war, stimme ich mit Detektiv Johannße« überein, daß jener Bettler unS ab» sichtlich auf falsche Fährte gelockt hat — um so mehr, al» bet Mensch, wie Sie mit schreiben, seit einiger Zeit an- Ihrer Gegenb verschwunden ist. Detektiv Johannße« hat bereits begonnen, Nachforschungen über bet verbleib be- Bettlers anzustellen; er glaubt, ax bet Hand meiner Zeichnung, verschiedene- über die Personalien be- „Idioten* zu Wisse«, der über mindestens ein Dutzend MaS- fen berfügt. Unsere Ausgabe ist nun, die Spur dies«- Bettler- pt finden; sicher habe« wir bann auch eine Spur der Entschwundenen. Denn daß der „Idiot* bei bet ganzen Geschichte die Hand tm Spiele hatte, steht so ziemlich fest.
Ich hoffe. « zirka zehn lagen in Christiania einjutteffex nud werd« dort meine Nachforschungen fortfetzen.
In steter verehrmtg «sw.*
Sigrid ift e» bei dieser Nachricht, al- versink« der Erdboden unter chrex Füßen.
Zett und (Mb verlöre» — um nichts!
Da- Geld dauert fit weniger. Sie hat genug davon und würde mit Freude« die Hälfte ihres ganzen Vermögen« büt geben, wenn sie sich dadurch ihr« Nichte piriufimtfex Bunte. Aber bte Zett! Die Zeit!! Wietxet vorwnum hat nun der Entführer!
Wer weiß, an welchem Ende bet Welt er mit feinem armen Opfer bereits weilt! Denn baß Jngeborg allein entflohen, wohl gar unter bem Einfluß einer neuen fixen Idee, um ihrem Leben ein Ende zu machen — daran glaubt die Herrin von Schloß Sands- gaarb nicht.
So benkt unb grübelt unb brütet Sigrid in der Felseneinsamkit von Schloß Sandsgaard unb wartet in fieberhafter Erregung auf neue Nachrichten.
Sie kann ben furchtbaren Gedanken noch nicht fassen, baß Jngeborg für immer für sie verwren sei« soll; baß bas Opfer, bas sie burch Hingabe ihrer herrlichsten Jugendjahre, ihre- „Rechts auf eigenes Glück", das doch schließlich jeder Mensch besitzt, umsonst gewesen ist; daß all ihre Fürsorge für bas Wohlleben bet geliebten Nichte ein solch entsetzliches Resultat erzielen soll. . .
Dazwischen niischen sich quälenbe Zweifel, ob sie ihre Pflicht auch vollstänbig erfüllt habe . . .
Hat sie recht getan, Jngeborg allein schlafen zu kaffen, ohne jebe Aussicht? Hat sie vor allem recht getan, baß sie damals Schloß Sandsgaard auf acht Tage verließ, um nach Christiania zu fahren? . . .
Nein! Hunderttausendmal nein!! Keine Sekunde durste sie da- bedauernswerte Geschöpf aus den Auge« kaffen! Jeden seiner Schtttte mußte sie bewachen! Dann hätte sie ihre Pflicht in vollem Maße erfüllt! Aber so —?
Wie nannte Erik Mel- sie einmal im Laufe eines Gesprächs?
Eine Heldin der Pflicht!
Ein wehmütig bitteres Lächeln huscht übet ihre ernste« Züge.
„Heldin der Pflicht!* Welch stifte- Wort! Ach, tönnte sie eS bemfpruche»'.! Konnte sie die p»hrb!e Nichte ütiebetfinbet, um Tie weiter ru hegen und ,» pflegen und sie an tbrent mütterlichen Herzen die kurze Episode des Vetlaff «sein- vergessen zu mache«! . . . Könnte Erck ihr da» Kind zurückbringen! Wie tooHte sie ihm danken! . . -
Erft RielS!
Ist et »icht bet eigentliche „Held bet Pflicht"? 3*n wett größerem Maße al» sie?
Setzt er nicht seine Bequemlichkeit, seine Ruhe, seinen Beruf — alles hintenan, um ihr unb Jngeborg zu bienen? Ans welchem anderen Grunde, als weil er kurze Zeit Jngeborgs Lehrer war? Also aus Pflichtgefühl, aus edelsten, reinsten, selbstlosesten Motiven? . . .
Und in Sigrids Sorge um die Richte beginnt sich noch die Sorge um Erik Niels zu mischen.
Lorenz Jefpersen verebt inzwischen an der Seite seiner nichts Böses ahnenden Gattin einige fürchterliche Tage.
All das Gute, bas eine liebenbe Mutter in frühester Jugenb in bas kinbliche Herz gepflanzt unb bas schon lange verborrt und vertrocknet war, beginnt noch einmal zu sprossen unb Wurzel zu schlagen.
Scheu guckt er settwärts, wenn ein fragender Blick aus Jngeborgs großen, unschuldsvollen Augen ihn trifft; er schc-ueri zusammen, sobald einmal zufällig ihre Hand die seine berührt; er schreckt zurück, wenn sie ihn bittet, ihr seine Gesellschaft etwas mehr zu gönnen, sie fühle sich so allein und vereinsamt . . .
Dabei zögert und zögert er, bas geplante Verbrechen zur Ausführung zu bringen. . . .
Unb Jakob brängt unb brängt und treibt ihn iu die Enge nnb fängt sogar an, ihm zu drohen.
Lorenz ist der Verzweiflung nahe. Wieder greift er nach dem Schnaps, dem Vertilger aller Seelen- kämpfe, aller Gewisietisbisfe.
Unb mit bem Trinken wächst auch toieber fein Mitt. Ja, er muß feinen Plan zur Ausführung bringen — und sei es auch nur, um wieder heran.S- zukommeu aus diesem schrecklichen Hause, dessen Wände ihn zu erdrücken drohen. . . . Und dann,, wenn er das viele Geld in ben Hänben hat — bann’ verschwindet er aus Christiania; bann wirft er den Namen von sich, unter dem er eine ruchlose Tat be- gangen; bann wirb er versuchen, in einem anderen Xeile ber Welt, drüben in Amerika ober drunten jett- leits des Aequawrs, unter anderem Namen ein anderes, hefferes Leben z» beginnen . . .