'M 85.
Montag -en 15. April 19(2
59. Jahrgang.
fuldaer
Zeitung
2. Blatt
vrick und Verlag der Mbaer Lctlendrucktet in Zulda.
♦♦♦ Fanfare«?
Der volksparteiliche Abg. Haußmann schlägt in Versammlungen und Artikeln einen scharfen Ton gegen Staatssekretär v. Tirpitz an; er beschuldigt diesen der steten Treibereien gegen den Reichskanzler, das Auswärtige Amt und das Reichsschatzamt; Tirpitz erzeuge durch sein Pressebureau künstlich Ab- Neigung gegen England. Der Flottenverein sei sein Werk, hinter dem neuen Wehrvereine aber stehe er auch, und alle diese Beeinflussung der Oeffentlichkeit besorge sein selbständiges Pressebureau; dann heißt es:
„Der Kaiser muß genauer als alle anderen die Heftigkeit und die Ausbrüche des Temperaments seine? übereifrigen Marineministers kennen, der glaubt, der Zustimmung des kaiserlichen „Haupiquartiers" und der Prinzen sicher zu sein. Der Kanzler ist nachgiebig. Aber er must fühlen, daß der Staatssekretär der Marine durch diese Nachgiebigkeit immer mehr ermutigt worden ist, der verfassungsmäßig verantwortlichen Stelle zu präjudizirren. Schon hat der Floltenpreß« konzern die Parole ausgegeben, die Beschlüsse der Reichsregierung zu den Wehrvorlagen als völlig ungenügend angreifen zu lassen. Das ist eine Berwilderung der amtlichen Solidarität und eine öffentliche Gefahr für eine gesunde Entwicklung im Innern und im Arußern, für welche zurzeit noch der Kanzler die 93er« anlwortuna träal."
Dieser Pfeil kann, so schreibt dazu ein Reichs- tagsabgeordneter im „Bad. Beobachter", sein Ziel nicht erreichen; Haußmann kommt zu spät mit seinem Artikel, der Tirpitz ein Bein stellen soll. Wenn er in jenen Tagen gekommen wäre, wo eine Anzahl Minister die Vertrauensfrage gestellt haben, hätte er Eindruck erzielen können. Heute aber ist Tirpitz Hahn im Korbe; der Reichskanzler hat sich mit ihm versöhnt lind die anderen Minister sind gegangen oder werden geben. Sechs Wochen früher hätte der Artikel aktnesie Bedeutung gehabt, heute hat er nur historische. Aber man muß zugestehen, daß Haußmann die Dinge im allgemeinen richtig schildert und sich auch von Uebertreibungeu ferne hält. Eine andere Frage ist nur, ob die Volkspartei in der Kampfansage an Tirpitz hinter Haußmann steht. Wir sehen in denr Aufsatz mehr die Plauderei eines Wissenden als eine politische Kampfansage.
Wie sind denn die neuen Wehrvorlagen entstanden? Als im Mai des Vorjahres der Flot- lenverein mobil machte und eine Beschleunigung des Krcuzerbaues forderte, hatte man allgemein den Eindruck: das ist Tirpitzens Geschoß! Der Marinestaatssekretär aber stellte es entschieden in Abrede; er hielt am Fkottengefetz fest; der von ihm aufgestellte Etat sah nur den Bau eines Linienschiffes und eines Panzerkreuzers vor. Tirpitz lehnte privatim und in amtlicher Form jede Beziehung zu der neuen Forderung des Flottenvereins ab; auch während der Kieler Woche blieb er seinem Borhaben treu und ließ sich nicht von jenen beeinflussen, die in Kiel gern große Aufträge holten und dann wie der verstorbene Krupp den Sekt in Strömen fließen ließ. Es ging 1911 ganz armselig in Kiel zu, und die Treibereien der Lieferanten sahen überall, die kalte Schulter. Auch Tirpitz wollte von einer neuen Vorlage nichts wissen.
Die Miarokkoanqelegenheit änderte aber mit einem Schlage die Situation. Es waren namentlich die Reden der englischen Minister, die bei uns Konsequenzen nach sich zogen. Tann kamen die Q u e r- trei bcreien Englands gegen uns, die so weit gingen, daß es im Herbste seine Flotte gegen uns mobil machte. Dies geschah ausgerechnet in der Zeit, in welcher wir unsere Reservisten (Ende September) entlassen und in welcher die deutsche Motte am schwächsten ist. Es wäre geradezu unverantwortlich gewesen, wenn in dieser Situation unsere Minister nicht gewußt hätten, ob unsere Landesverteidigung allen Eventualitäten gewachsen lei; wir wollen nicht jährlich 1300 Millionen Mark für Heer und Flotte ausgehen itnb dann erleben, daß alles für die Katze ist, weil wir einmal im Jahre ans kurze Zeit erheblich geschwächt sind oder einige wunde Stellen haben; dann lieber gar nicht? Äusgeben. Halbheiten rächen sich gerade hier am .schärfsten. Tirpitz gewann die Ueberzeugung, daß ’foir nicht jeden Herbst schwach werden durften; er forderte darum die Indiensthaltung eines dritten Geschwaders. Bei seinem .Jagdbesuch beim Kaiser in Romintcn setzte er auch diese Forderung durch. Die Konsequenz davon war der Neubau von drei
Linienschiffen und zwei kleinen Kreuzern; das hängt innerlich so enge zusammen, daß man eines ohne das andere gar nicht machen kann.
Als dann Tirpitz den ersten Entwurf einbrachte, halten Reichskanzler und Schatzsekretär ihre Bedenken, schon wieder der Marine entgegenzukommen, während das Landheer auf Schmakkost gesetzt sei. Es wurde die Formel geprägt: beide müssen miteinander gehen, und das Landheer muß den größeren Brocken erhalten. Diese Verstärkung war durch Maßnahmen Frankreichs und Rußlands begründet, die feit dem Hochsommer 1911 alles tun, ihre Mobilmachung zu beschleunigen. Zu alledem brüstet England sich offen, daß es jetzt jederzeit 130 000 Soldaten auf Vas Festland werfen könne, daß es mit dieser Macht Frankreich unterstützen werde. Was 1905 noch eitel Prahlerei war, ist heute Wirklichkeit geworden. England hat diese Macht zur Beifügung; es kann sie freilich erst bilden, trenn die deutsche Flotte zerstört sein sollte.
So stehen gerade jetzt Heer und Flotte viel enger zusammen, als man früher anaahm; was die Flotte verhindert, kommt dem Heer als Entlastung zugute, Man muß gestehen, daß gerade jetzt erstmals ein einheitlicher Zug die Wehrvorlagen beherrscht, und wir sprechen es offen aus, daß es für den Reichstag und das Volk besier ist, wenn die Landesverteidigung einheitlich geregelt wird, als wenn in dem einen Jahr das Heer, im andern die Flotte herankommt. Beide haben für uns nur eine Aufgabe: das deutsche Volk zu schützen und zu sichern. Keinem Minister und keinem Kaiser bewilligen wir Soldaten und Schisse, sondern nur dem deutschen Volke selber.
Ausland.
** Zu viel Beamte in Oesterreich. Noch mehr als in Deutschland, wo für die praktischen Berufe entsprechend vorgeblldete Leute genug vorhanden sind, streben die gut veranlagten jungen Leute in Oesterreich gelehrten Berufen und der Beamtenlaufbahn zu. Die Industrie, der Handel und das gesamte freie Erwerbsleben beklagt dort den Diangel an brauchbaren jungen Leuten für ihre Zwecke. Dieser unerfreuliche Zustand ist nach dem „Wiener Fremdenblatt" so weit gediehen, daß in Oesterreich auf vier im prakttschen Berufsleben tätige Steuerzahler ein Beamter oder Soldat kommt. Die Schülerzahl der höheren Lehranstalten in Oesterreich ist von 65 878 im Jahre 1881 bis 1882 auf 154 067 im Jahre 1911/1912 gestiegen, eine Zunahme von 133,9 Prozent. Daher stammt die Ueberfüllung und die große Anzahl der Hochschulen in Oesterreich, besonders der technischen Hochschulen. Im deutschen Reich kommt eine technische Hochschule auf 5,91 Millionen Einwohner, in Oesterreich schon auf 3,87 Millionen; dabei ist noch zu bedenken, daß die technische Industrie des deutschen Reiches der österreichischen ungefähr um das 20sache überlegen ist. Allerdings sind anderseits in Oesterreich die tn Deutschland zahlreich vorhandenen technischen Schulen so gut wie unbekannt.
** Das sozialistische Programm in Theorie und Praxis. Die deutschen Sozialdemokraten suchten bei den letzten Wahlkämpfen dem Vorwurf der Reli- gionsfemdlichkett oft damit zu begegnen, daß sie behaupteten, in ihren eigenen Reihen befänden sich gläubige Pfarrer. Eine große Rolle spielte dabei der protestantische Pastor Dr. Eriksen in Norwegen. Nun wurde Pastor Eriksen aus der Partei hinausgeworfen, weil er es wagte, an Ostern auf der Kanzel zu predigen statt am Parteitage in Stavanger teilzunehmen und well er für feine Vermittlung in einem Arbeiterkonflikt die Bürgerverdienstutedaille erhalten und angenommen hat. Wer nicht pariert, fliegt eben hinaus trotz des heuchleristhen Programmsatzes „Religion ist Privatsache" und „Ordensjäger" darf doch ein waschechter „Genosse" auch nicht sein.
Amt Geisa und Umgebung.
** Gellmar, 13 Avril 1912. Zu dem Artikel in Nr. 81 der ,Fuld. Ztg.' wird von anvcrcr Seite bemerkt:
Seit einer längeren Reihe von Jahren konnte in unferm Grobherzogtum keine Gemeinde ihre Grund
stücke zusammenlegen, well dieKommiflion hierfür aufgehoben war. Die Großherzogliche Staatsregierung hat auf wiederholte Bitten verschiedener Gemeinden in zuvorkommender Weise mit dem Königreich Preußen einen Etaatsvertrag abgeschlossen, wonach gegen eine Vergütung von 50 Mk. für den Hektar die Kgl. preuß. Generalkommiffion in Merseburg die Separationen re. hier zu bearbeiten hat. Dieser Tage ist das AuS- führungsgesetz zu diesem Vertrag veröffentlicht worden, deshalb ist die Frage hier „aktuell", d. h. zeitgemäß. Wenn die Gegner der Separation nach der Ansicht des Einsenders meinen: „Die hiesige Bodenbeschaffenheit, viele Berge und steiniges Land, erschweren die 93er» koppelung und verteuern sie vor allem", so befinden sie sich im Irrtum. Der Hettar kostet, wie erwähnt, 50 Mk. Nach § 170 d. G. v. 28. 2 12. werden die Kosten von der Staatskaffe vorgeschoffen und ill ein Betrag von 35 Mk. pro Hektar von den Beteiligten zu ersetzen. Dieser Betrag kann aber noch ermäßigt werden, wenn die Ertragssähigkeit der Flur dem Vorteil der Zusammenlegung nicht entspricht oder die ^Beteiligten die Kosten nicht tragen können. Emgeschloffen sind noch die Kosten für Zeugen, Sachverständige und Abschätzer. Die Nebenkosten für Grenzsteine, Stangen, Pfähle, Wege- und Gräbenregutirungen sowie die nötigen Hllssarbeiter für die Vermessung müssen besonders bezahlt werden. Diese Kokten treffen aber nur den größeren Bauer, da die geringeren Besitzer sogar Geld durch Uebernahme dieser Arbeiten verdtenen können. Ebenso günstig ist der § 93, welcher bestimmt: Kleinerer Besitz ist tunlichst in einem Stück und in der Nähe des Hofes bezw. Dorfes auszuwerfen." Uebrigens ist es mit der Not .der kleinen Hüliner, die jede Last doppelt spüren" nicht weit her. Das beweist der Verkauf des Wehner'schen Gutes, welches fast ausschließlich von den kleinen Hüttnern erworben wurde für die Unsumme von über 40000 Mk. Jede Warnung wurde als Mißgunst der Bauern gebeutet, die den kleinen Leuten kein Land gönnen oder mit den Worten abgetan, der Acker darf auch zu teuer sein, meine Jungen haben den in ein paar Monaten verdient. Hoffentlich läßt unsere Gemeinde die Gelegenheit, die die Großherzogliche Staatsregierung jetzt bietet, nicht unbenutzt vor-
I übergehen.
j * Dippach, 13. April 1912. Das seltene Fest der eisernen Hochzeit feierten gestern tut Kreise ihrer Verwandten und zahlreichen Gäste die . Eheleute Johannes Muhm und Frau Anna Elise, i — In der Hofraite des Landwirts Simon Hopf ; brach in der Nacht zum Freitag Feuer aus, welches die Scheune vollständig einäscherte. Der Vieh - bestand konnte gerettet werden. Man vermutet Brandstistung.
Aus Gberheffen u- den Hess. Aemtern.
* Marburg, 13 April 1912. Am Montag nimmt das S o m in e r s e m e st e r an der hiesigen Universität seinen Anfang. Die Meldungen zur Immatrikulation haben bis zum 5. Mai, von 9—11 Uhr vormittags im Universitäts-Sekretariat (Plan Nr. 3II) zu erfolgen.
* Kirchhain, 13. April 1912. Die zweite Teil- । strecke des Bahn-Neubaues Kirchhain-Gemünden ist am 10. d. Mls. in Sn bmission vergeben. Die Firma Gustav Rampi, Badiseh-Rheinfelden forderte 643489,50 Mk. und war damit Höchstfordernde. Die Firma Liinenberger u. Franzen, Willen (Ruhr) ivüc mit 336 584,25 Mk. Niedrigstfordernde. Wie bei der Vergebung des ersten Telles so ist auch diesmal der Unterschied ganz enorm.
* Zwesten, 12. April 1912. Hier starb heute . der Nestor der von Löwenstein'scheir Adels- samilie Konrad von Löwenstein im saft vollen- ! beten 89. Lebensjahr. Der Verstorbene war bis an fein Ende sehr lüft g und übte bis vor kurzer Zeit die Jaad aus.
♦ Fritzlar, 12. April 1912. Dem Oberförster Heinrich Strauß in Weimar ist die Oberförsterstelle Fritzlar übertragen worden.
(:) Neustadt, 14. April 1912. Sonntag nachmittag hielt Herr Notar Karl W u r z e r aus Detroit (Nord-Amerika) einen interessanten Vortrag , über die Entstehungsgeschichte dieser Stadt. Da Redner selbst em geborener Neustädter ist und die K o- lonie der Neustädter in Detroit mehr Seelen zählt, als unsere Stadt Einwohner hat, kann man sich denken, daß in Rücksicht auf die dortige Verwandtschaft seinen Ausführungen mit reger ; Aufmerksamkeit gefolgt wurde. Dem Vortrage ent- ■ nehmen wir folgende kurze Skizze. Detroit zählt i eben 525 000 Einwohner, darunter 200 000 Deutsche, i und war ursprünglich eine französische Station. Im
Jahre 1830 kamen die ersten Neustädter dort an und gründeten die erste kath. St. Marienge- meinde. Ein Neustädter namens Jos. Kuhn war es auch, welcher die erste kath. Schule ins Leben rief. Die Verwaltung der Stadt besteht zur Hälfte aus Deutschen, darunter einige Neustädter in hervorragender Stellung. Es existieren dortselbst ca. 250 deutsche Vereine. In 36 kath. Kirchen wird nur deutsch gepredigt. 60 000 Kinder werden in 91 öffentlichen Schulen unterrichtet und erhalten unentgeltlich alle Lernmittel. Außerdem bestehen noch 90 Privatschulen, eine kath. Universität und an der Spitze der Kunstschule steht Prof. Jos. Gies, ebenfalls ein Kind unserer Stadt. Das St. Franziskuskrankenhaus ist in Betrieb und Einrichtung ein Muster für jede derartige Anstalt. In launiger Weise bemerkte Redner, daß Detroit in ganz Nord-Amerika als „Skatstadt" bekannt sei und die „Wenzelbrüder" allwöchentlich 3 Turniere abhalten. Alles in Allem gewannen die Zuhörer den Eindruck, daß Detroit nicht nur eine hervorragende deutsche Stadt sei, sondern auch durch seinen Reichtum und günstige Lage noch eine große Zukunft vor sich habe, nicht zum kleinsten Teile auf Rechnung der eingewanderten Hessen überhaupt. — Samstag mittag fand eine Probe-Automobilfahrt zwischen Neustadt-Alsfeld statt, welche zur größten Zufriedenheit ausfiel. Es sind Verhandlungen im Gange, durch welche ein Auto die postalische Verbindung zwischen diesen beiden Orten heifftellen soll.
vermischtes.
* Strafantrag wegen Beleidigung gestellt hat, wie das „Verl. Tagebl." meldet, K a r d i n a l K o pp gegen den Redakteur Heymann vom sosiaiisti- schen Witzblatt „Der wahre Jakob". In einem von diesem Blatt veröffentlichten Gedicht war behauptet worden, der Kardinal zahle seinen Forstarbeitern nur 80 Pf. Tagelohn.
* Röteln und Masern traten in H ö r d t in 6er bayerischen Psalz mit solcher Heftigkeit auf, daß sämtliche Schulen geschlossen wurden. Im ganzen sind über hundert Kinder erkrankt. 14 sind bereits gestorben.
* Ein Schüler als Muscumsdieb. Im historischen Museum der Pfalz zu Speyer hat ein Schüler aus Ludwigshafen das Richtschwert ge- stöhlen, mit dem die letzte Hinrichtung in der Rheinpfalz vollzogen wurde, um es bei einem Trödler zu verkaufen.
* Englische Spionenfurcht. Ein Osfizier der Flotte in Tevonport verhastete dort einen Mann im Dock als deutschen Spion und übergab ihn der Polizei. Die Verhaftung war kaum erfolgt, als es sich herausstellte, daß der angebliche Spion ein Dockbeamter war. Der Fall ist um so merkwürdiger, als der Beamte auf dem Dock selbst, in dem er angestellt und beruflich beschäftigt war, verhaftet wurde. Der Zwischenfall endete mit einer Entschuldigung des Flotteuofsiziers.
Reklamen- «nd Anzeigenteil.
Adolf Hammel
Hanau
durch
Man
iatis mumm tmt, wifc : tciumrttsdis Friptrm.
Helden der Pflicht.
Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von 87] Erich Friesen.
Soweit ist alles gut vorbereitet. Jetzt heißt es nur noch, Jngeborg, ine seit ihrer Ankunft in Ehri- stiania unter anderem Namen ganz zurückgezogen in Einer kleinen Privatpension lebt, zum dauernden Annehmen des für sie bestimmten Namens zu be- wegen. Es hat Lorenz ja einen hübschen Batzen Geld gekostet, von der Pfandleiherswitwe Sarah Lewis in Tromsö die auf den Namen ihrer Tochter lautenden Papiere herauszukriegen.
„Wenn nun meine Tochter wieder auftaucht?" hatte die Frau ängstlich gemeint — weniger aus heu erwachender zärtlicher Mutterliebe, als aus Spekulation, um den Preis hinaufzuschrauben.
„Blödsinn!" hatte Lorenz geantwortet. „Die ist SuSgewandert. Nach Paris, wie man munkelt. Auch macht die ihren Weg allein — ohne Papiere ünd Mutter — verlassen Sie sich drauf."
So wurde der Pakt zwischen Lorenz Jespersen und der Pfandlciherswitwe Sarah Lewis perfekt und kein Mensch aus dem Bekanntenkreise des hingen Versicherungsbeamten wird sich sonderlich Wundern, wenn er ine schöne „Karin Lewis" nun doch noch als seine Gattin heimführt.
K eines gibt es dabei zu bedenken: niemand, cl hmckliche „Karin Lcwis" kannte, darf je ,Frau. Jespersen" zu Gesicht bekommen. Doch da- ur wird er schon sorgen. Der schwankende Ge-> undhettszvstand ferner Gattin wird völlige Abge. chlossenhett ohnehin zur Notwendigkeit machen Und pater — spater — —
Weiter geht Lorenzens Gedankengang noch nicht ohne daß ein Gruseln feinen Rücken hinabrinnt. '
Doch wozu auch bereits jetzt daran denken! Kommt Zeit, kommt Rat!
Der Einzige, den Lorenz in der ganzen Sache fürchtet, ist Erik Niels, von dessen Energie und Ehrenhaftigkeit er eine gar hohe Meinung hat. Aber borläufig ist der ja außer Schußweite. Und wen«
er zurückkehrt, wird es nicht schwer sein, ihn von dem kleinen Hause Nr. 5 im Jonas-Gehölz fern zu halten. Lorenz kennt Eriks strenge Grundsätze; wie oft hatte er sich geärgert über dessen Kopsschütteln, sobald die Rede auf seine Bekanntschaft mit Karin Lewis kam.
Und wer weiß, was bis zu Eriks Rückkehr alles pasiiert ist.--
20
Ein scuchtkafter nordischer Novembertag.
Grauschwarz der Himmel mit seinen tieshäugen- den Molken. Dick und dumps die Lust.
Wiittersttmnmng.
Vor dem geöffneten Tore des kleinen Hauses Jonas-Gehölz Nr. 5 hält soeben ein geschloffener Wagen.
Galant hilft Lorenz Jespersen seiner jungen Gattin beim Äussteigen. Der Kammerdiener Jakob schließt den Wagenschlag.
Am Arm ihres Gatten hält „Frau Karin Jespersen" Einzug in ihr neues Heim.
Freilich — es bedurfte Lorenzens ganzer lieber- redungskunst, um Jngeborg dazu zu bewegen, ans dem StandeSamte ihren Namen als „Äarin Lewis" einzutragen.
Lorenz ist in bester Laune. Die Hauptschwierig- kciten sind überwunden. Wenn Erik zurückkehrt und von Lorenzens Verheiratung mit Karin Lewis hört, wird er die Achseln zucken und zu einem anderen Gesprächsthema übergehen.
Auch Jngeborg ist heiterer als seit langem. Der entscheidende Schritt ist getan. Sie kommt sich vor wie eine Märtyrerin, die für ihr Höchstes leidet — mit Freuden leidet.
Vor ihre» Angen versinkt das unansehnliche Häuschen, an besten niedriger Tür Frau Wiborg, die alte Haushälterin, in schwarzem, steff abstehendem Seidenkleid, und Ssine, das blonde Stuben- mödchen, knixen. — Schloß Sandsgaard steigt empor, das alte traute Heim, aus desten breiter Steintreppe Erik und Tante Sigrid stehen, Hand in Hand, und einander vrtt glückseligem Lächeln in die Augen blicken - - .
Und lächelnd läßt Jngeborg sich von der alten Wiborg in ihr Zimmer führen und Hui und Mantel abnehmen.
Jetzt nähert sich Jakob, der bisher in respektvoller Entfernnug gestanden, seinem Herrn.
„Hurra, sie ist mein!" ruft Lorenz gedämpft in diabolischer Freude, den anderen derb auf die Schulter klopfend. „Trink auf das Wohl des jungen Paares, Jakob!"
Rasch füllt er zwei Gläser mit Champagner und hält Jakob eines davon hin. .
Dieser nimmt es nur zögernd. Mißtrauisch schielt er nach den lebhaft geröteten Zügen seines Herrn.
„Hol der Kuckuck beut Unkengesicht!" höhnt Lorenz. „Was grübelst du dir zusammen? Sei fröhlich mit mir! Wir sind am Ziel!"
„Hm, ich fürchte —" knurrt Jakob.
„Na, was denn, alter Brummbär?"
„Sie verlieben sich in das junge Ding."
Lachend schlägt Loren; sich aufs Knie."
„Nee, Jakob! Keine Angst! 's Geschäft geht vor. — Pst, sie kommt!"
Rasch tritt Jakob zurück. Seine lange, bürte Gestatt nimmt wieder die unterwürsige Haltung des Dieners an.
Lorenz aber geht seiner Gattin mit unbefangenem Lächeln auf den Lippen entgegen.
„Komm, liebe Karin, wir wollen unser Hochzeitsmahl einnehmen."
Tie Lebensversicherungsgesellschast „Skandina- bia" wundert sich nicht im geringsten, als Lorenz Jespersen bereits wenige Tage nach seiner Verheiratung das Leben seiner jungen Gattin versichern will.
Der übliche Fragebogen wird borgelegt und von Lorenz beantwortet.
Drei dieser Fragen mit den betreffenden Antworten lauten folgendermaßen:
1. Hohe der Versicherungssumme? . - . Fünfzigtausend Kronen.
7. Ist die zu bersichernde Person mit einer Krankheit behaftet, die ihr Leben berkürzen
könnte, tote Herzfehler, Lungen leiden, Krämpfe oder Geistesgestörtheit irgend welcher Art? . . . Nein.
10. Ist die zu bersichernde Person bereits in ärztlicher Behandlung gewesen, und wenn so, bei welchem Arzt? . . . Dr. Nikolas, Christia- nia, Oestergabe 17.
Schriftlich fragt die Lebensversicherungsgrsell- schaft „Skandinavia" bei Dr. Nikolas an, welches Zeugnis er dem allgemeinen Gesundheitszustand der Frau Karin Jespersen. geb Lewis, ausstellt — unter Geheimhaltung des Grundes dieser Anfrage.
Umgehend erwidert der Arzt, der vor Monaten auf Lorenzens Wunsch die wirkliche Karin Lewis einmal während einer vorübergehenden Erkältung behandelt hatte, Frau 'Karin Jespersen besitze ein? vorzügliche Konstitution.
Nach diesem unparteiischen Zeugnis nehmen es die Vertrauensärzte der „Skandinavia" nicht nwhr sehr genau — zumal es sich um die Gattin eines Beamten der Gesellschaft handelt. Nur oberflächlich, gewissermaßen „pro forma", untersuchen sie Frau Iespersens Herz und Lunge — und schon nach acht Tagen hält Loren; die auf fünfzigtauseud Kronen lautende LebensversicherungZpolice in den Händen.
Noch acht Tage später — und Jngeborgs Leben ist bei zwei anderen Gesellschaften versichert, der „Union" und der „Nortoegia", mit je der doppelten Summe.
Während noch die Verhandlungen mit einer vierten Gesellschaft, der „Exzelsior", schweben, zieht Jngeborg sich eine leichte Erkältung zu. Sie hustet und klagt über Kopfschmerzen.
Jakob macht seinen Herrn daraus aufmerksam, daß es gut wäre, gerade jetzt einige seiner Kollegen von der „Skandinavia" und den anderen Lebensversicherungsgesellschaften einzuladen.
„Kleine Ursachen haben oft große Wirkungen, Herr. Und wenn Frau Jespersen plötzlich sterben sollte, so schadet es nichts, wenn die Herren sich von ihrer vorhergegangenen Unpäßlichkeit selbst über» zeugt haben."
(Fortsetzung folgt.)