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Mittwoch Oe* 10. April 19(2
59 Jahrgang.
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2. Matt.
druck und Verlag 6er fixllaet N«tiea»r»ckerel in Seite.
4* Die Berschärfrrug der Strafe»» iu der Gewerbeordnuna.
Ais wesentlicher Grund, weshalb noch immer so piele Verstöße gegen die Arbciterschutzbestimmungen Vorkommen, dürfte die gelinde Strafjustiz anzusehen sein. In der Regel trafen denjenigen, der den bezüglichen Vorschriften der Gewerbeordnung zuwi- oerhandelte, Strafen von einigen Mark, die zu den s>urch die Nichtbeachtung der gesetzlichen Bestimmungen erzielten materiellen Vorteilen in keinem gerechten Verhältnis standen. Selbst im Falle der Rück- fälligkeit wurde in der Regel auf geringe Geldstrafen erkannt.
Tie seit dem 1. April geltende neue Gewerbeord- Mngsnovelle sucht hier nun Abhilfe zu schaffen. Verstößt jemand gegen die über die Beschäftigung jugendlicher und weiblicher Arbeiter erlassenen Schutzbestimmungen, so tritt, falls der Täter zur Zeit der Begehung der Straftat bereits zweimal wegen einer gleichen Zuwider- Handlung rechtskräftig verurteilt war, und falls die Straftat vorsätzlich begangen wurde, Geldstrafe von einhundert bis dreitausend Mark oder Gefängnisstrafe bis zu sechs Monaten ein. Die Anwendung dieser Vorschrift bleibt ausgeschlos- sen, wenn seit der Rechtskraft der letzten Verurter- hing bis zur Begehung der neuen Straftat drei Jahre verflossen sind. Ferner treffen schwerere Strafen die Verstöße gegen die Sonntagsruhe. Rach dieser Richtung hin bestimmt der neue .Zusatz Rbs. 2 zu § 146a' Wer den §§ 105b bis 105g oder den auf Grund dieser Vorschriften erlassenen Anordnungen zuwider Arbeitern an Sonn- und Festlagen Beschäfttgung gibt oder den auf Grund deS § 105b Abs. 2 erlassenen statutarischen Bestimmun, gen zuwiderhandelt, nachdem er bereits zweimal wegen einer Zuwiderhandlung gegen die bezeichneten ^Vorschriften rechtskräftig verurteilt worden ist, wird, falls die Straftat vorsätzlich begangen wurde, mit Geldstrafe von fünfzig bis eintausend Mark oder mit Haft bestraft. Diese jt träfe tritt jedoch ebenfalls nicht ein, wenn sie nnt der Rechtskraft der letzten Verurteilung bis zmn Begehen der neue» Straf- lat drei Jahre verflossen sind.
Auch sonst sind in der Gewerbeordnung noch verschiedene Strafänderungen und Strafverschärfungen vorgenonunen worden, von denen zu hoffen ist, daß sie dazu beitragen möge», dem Gesetz höhere Achtung jn verschaffen.
* Schutzzoll und landwirtschaftlicher Fortschritt.
Da nun einmal dem Schutzzoll von der Sozialdemokratie die Schuld an allem Hebel zugefchoben wird, muß er es sich schließlich auch noch gefallen lassen, „ein Hemmnis des landwirtschaftlichen Fort« fchritts genannt zu werden. Die Sozialdemokratie behauptet hier nämlich, der Schutzzoll bedeute nur „eine Prämie auf die Trägheit bei Bauern", die sich unter dem Schutze des Zolles nicht um weitern Fortschritt bemühten. Dem gegenüber verweisen die Sozialdemokraten immer wieder auf das Muster- kand England, wo unter der Herrschaft des Freihandels auch die Landwirtschaft die beste Entwicklung genommen habe. Wir haben diese Phantasten schon oft zur Genüge abgetan, und man sollte auf derartige Lächerlichkeiten, die jeder vernünftigen Erwägung und allen wirklichen Tatsachen direkt ins Gesicht schlagen, überhaupt nicht mehr eingehen. Wir haben»dieses Kapital auch nur deshalb noch einmal angeschnitten, weil es wieder ein Sozialdemokrat selber ist, der den größern Fortschritt und die Ueberlegenheit der deutfchen Landwirtschaft gegenüber der englischen anerkennen muß. Der bekannte sozialistische Wirtschaftspolitikcr Dr. Artur Schulz schreibt nämlich neuerdings in den „Sozialisttschen Monatsheften" (Heft 4 1912, 262):
Die deutschen Landwirte haben ihre englischen Berufsgenossen schon seit langem in der Pstanzen- züchtung und jetzt wohl auch schon in der Tierzüchtung erreicht und übertroffen teS sei nur daran erinnert, daß im Juni 1911 auf der internationalen Konkurrenz von Luxuspferden in London unter den vier Siegern drei in Ostpreußen gezüchtete Pferde prämiiert wurden).
Derartige Feststellungen möge» unfern Sozial- demokraten ja sehr unangenehm sein, aber trotz deS Aergers der Sozialdemokratie wird unsere Landwirtschaft sich auch künftig bemühen, noch weiter an der Ausdehnung des Fortschritts zll arbeiten, um die Lebensmittelversorgung des deutschen Volkes wöglichst sicher zu stellen. Das alles wäre allerdings
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± Noch etwas über die Glocken der Stadtpfarrkirche zn Fnlva
Es dürste wohl wenig bekannt sein, daß die in Nr. 63 der ,Fuldaer Zeitung' beschriebenen, von Sigmund und Hans Arnold gegoffenen Glocken picht die ältesten unserer Stadtpfarrkirche sind. Äelter ist die Ave-Maria-Glocke, welche ihrer Inschrift nach unter dem Abt Heinrich VI. von Hohenberg, der von 1315—1353 regierte, gegossen wurde. Von wem, ist unbekannt. Sie ist also noch ehrwürdiger, als der um die Mitte des 15. Jahrhunderts erbaute Nordturm. Sie wird geläutet: dreimal täglich zum Angelns, morgens zur Pfarr- messe und abends als sogenanntes .Fremdenzeichen', im Winter um neun und im Sommer um zehn Nhr; ferner zu allen Beerdigungen. *)
Außerdem hängen im Turm noch vier Glocken, welche erst nach Erbauung der gegenwärtigen Pfarrkirche sämtlich 1783 von Friedrich Kutschbach gegossen worden sind. Diese tragen dir Namen: St. Bonifatius, St. Blasius, Totenglöck» lein und Meßglücklein. Außer der Angabe gus der Bonifatiusglocke, daß sie der Zeit entstammen, wo Heinrich von Bibra Fürstbischof, Herr von Guttenberg») Oberrats-Präsioent und Herr von Mayerhofen *) Vicedom war, hüten die BlastuS-
ft Freundliche Mitteilung des Herrn Stadtkirch- nns Sauer.
\ ') Domkapitular Constantin Freiherr von Gutten-
Serg, geboren 1753 in Bamberg, gestorben 1822 tn
Nida.
ft Wirklicher Geh. Rat Ludwig Christian Freiherr von Materhosen zu Aulenbach, gestorben 1788 in seinem Hause, dem jetzigen -Hauptgebäude des Konvikts, gegenüber der Benedittinerinnenabtei.
zänzlich unmöglich, wenn wir nach den Rezepten der ozialdemokraüschen Quacksalber vorgegangen wären.
Deutscher Reich.
* Fürst Bülow über di« Sozialdemokraten. Der ehemalige französische Marinemrnister L o ck r o h be- richtet in seinen demnächst erscheinenden Memoiren auch über eine Unterredung, die er mit dem vierten deutschen Reichskanzler Fürsten Bülow im Jahre 1905 in Baden-Baden hatte, wo die beiden Hotelnachbarn waren. DaS Gespräch kam auch auf die Politik, und der Franzose fragte den deutschen Kauz- ler über die Anschauungen, die er von den Führern der deutschen Sozialdemokraten habe. Fürst Bülow antwortete, Bebel erscheine ihm als Mann von Ueberzeugung, er glaube an die Lehren von Karl Marx. Er sei übtigens ein bedeutender Mann, der durch Strbett und Nachdenken hohe Bildung gewonnen habe. Er überrage die anderen um Haupteslänge, um so mehr, als die anderen weniger überzeugt sind. Die sozialdemokratische Partei bringe ihnen eine Rente, sie seien als Abgeordnete, als Agitatoren, als Schriftsteller, als Parteiführer bezahlt. Vielleicht fürchteten sie innerlich den Sieg ihres Gedankens, der sie ihre guten Stellungen kosten könnte. — Bülow kannte die roten Pappenheimer.
Q Der Zentrumsabg. Oekonomierat Joseph Aich- bichler, der dem Reichstag von 1884 bis 1906 als Vertreter für Wasserburg und später für Ingolstadt angehörte, ist 67 Jahre alt, in seinem ober- bayerischen Heimatsdorf Wolnzach nach längerem Leiden gestorben. Auch der bayerischen Abgeordnetenkammer und deren Direktorium hat er lange Jahre angehört. Rednerisch ist der Verstorbene im Reichstag wenig hervorgetreten^ doch wurde et weiteren Kreisen dadurch bekannt, daß die Anträge des Zentrums aus jener Zeit bett Namen Aichbichler trugen. Aus diese Weise entstand bei den Zollkämpfen im Jahre 1902 auch die Lex Aichbichler, die den jetzt geltenden Modus der namentlichen Ab - st i m m u n g einführte, um der Obstruktion zu begegnen. Vordem mußte, wie es jetzt noch bei der Präsidentenwahl üblich ist, der Namensausruf bei namentlichen Abstimmungen vollzogen werden. Die Lex Aichbichler führte die Absttmmungskarten ein.
X Mit der Herabsetzung der Altersgrenze bei der Invalidenversicherung von 70 auf 65 Jahre hat sich der Reichstqg nach dem Einführungsgesetz zur Reichsversicherungsordnung im Jahre 1915 von neuem zu befassen. Für bte dafür notwendige Prüfung der Frage, welche finanziellen Wirkungen eine Herabsetzung der Altersgrenze haben würde, hat die Reichsregierung inzwischen bereits eine Sachverstän- digcitkommisston gebildet. Die Bundesregierungen haben Sachverständige für diese Kommission namhaft gemacht. Die Reichsregierung dürfte auch aus den Kreisen der Reichstagsmitglieder n,nd der Ber- sicherungsmathematiker noch einige Antoritäten in die Kommission berufen.
Ausland.
* England ist überall dabei. Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt zur ungarischen Krise:
Eine kleine Episode aus dieser Krise ikt zu wenig beachtet worden. Die.Neue Freie Presse' brachie eine kurze Notiz aus London, der zufolge dort bereits 8 Tage vor der enlscheidenden Audienz tn eingeweihlen Kreisen von den Abdaniungsadsichten des Kaisers gesprochen wurde. Zwischen leitenden Politikern, insbesondere der Kossuthpartri, haben sich stets Fäden zu maßgebenden englischen Kreisen gesponnen. England ist im hohen Maße daran interessiert, daß tue Wehrvorlags in Oesterreich-llngarn keine Erledigung findet. Im Jahre 1908 hat England auf dem Balkan weit mehr gegen Oesterreich geschürt, als selbst Rußland, und auch jetzt finden die Führer der südslavischen Be- wegung Ermunterung von englischer Seite aus. Kein europäischer Staat atbeitet ebenso energisch und mit solchem Zielbewußtsein in der ganzen Welt, an der Wahrung seiner Jntereffen, wie England.
* Die La« in Kroatteu. Aus Agram wird gemeldet, daß der als Antwort auf die Aufhebung der Berfasiungsgarantien verkündigte Boykott ungarischer Waren bereit» in Erscheinung tritt, indem Bestellungen bei ungarischen Firmen widerrufen, aber dafür nach Böhmen aufgegeben worden find. Die Mitglieder der kroatischen Reichs- tagsdelegationen, deren Reichstagsmandat bis zur A^hl einer neuen Delegation Wester läuft, werden geschlossen nach Budapest kommen und im Reichstag die letzten Maßnahmen zitr Sprache bringen.
und die Totengwcke auch das Andenken der damaligen Ratsherren. Und zwar lesen wir auf der ersteren folgende Familiennamen: Ro.uck sen., Zwenger, Schalk, Hillenbraud, Acker, Schwager, P. T. eonsul. — Aus dem Totenglöcklein siitd verzeichnet: Wierz, Schild, Maier, Appel, Joeckel, P. T. eonsul Hinkelbein.
Wer waren die Träger dieser auf unseren Kirchenglocken verewigten Namen?
Georg Caspar Rauck, der Senior des Rates, der vermutlich Chirurg war, ist 1791 gestorben. Johann Adam Zwenger, Besitzer der Löwen-Apotheke, starb 2. Oktober 1785. Adolf Schalk war fürstlicher Kammerdiener, al» er 1767 zum Ratsherrn gewählt wurde.
Friedr. Wilh. Schwager war fürstlicher Kammer- rat. Albert Theodor Wierz, gestorben 1792, war Besitzer der Engel-Bpotheke. Christoph Franz Schild war fürstlicher Hostellermeister, et wohnte in der Kanalstraße Nr. 1.
Peter Nikolaus Hinkelbein war wahrscheinlich Handelsmann. Nicht ermitteln konnten wir die Lebensstellung von Wilhelm Ignaz Hillenbraud, Joh. Adam Acker, Jakob Apel (Appell), Ludwig Jo. Joeckel und Anton Maier. Von Letzterem wissen wir nur, daß er der Vater des 1851 zu Hünfeld verstorbenen Landrats Maier, sowie des hier verstorbenen Rentmeisters Maier, welch letzterer das Hau» Nr. 1 in der Pfandhausstraße befaß, gewesen ist.
— Die gemeine vrnnnenkrefse al» Goldgrube. Auch Berufe, mit denen gewöhnlich die Vorstellung von Armut verknüpft ist, können manchmal zu Wohl- stand, ja zum Reichtum führen. Die gemeine Brun- nenkresse, die man besonders in L o n d o n so ost an Bahnhöfen und an den Straßen feilgehalten sicht.
Von den 40 kroatischen Reichstagsabgeordneten hatten sich bereits 17 geweigert, an den Verhandlungen des ungarischen Reichstages teilzunehmen.
?his Kirche und Schule,
* Kassel, 8. April 1912. Die hiesige Regierung hat soeben eine Dienstanweisung für bte Schulvorstände im Regierungsbezirk Kassel erlassen, die mit dem 1. Mai d. I. in Kraft tritt (Schuldeputationen und Schulkommissionen werden dadurch nicht berührt). Nach ihr hat der Schul- Vorstand darauf hinzuwirken, daß für a r m e K i n- i) er durch Beschaffung freier Unterrichtsmittel, Verabreichung von Frühstück, Einrichtung von Suppenküchen, Gewährung trockenen Schuhwerkes gesorgt wird. Die körperliche Erziehung der Jugend ist durch die Pflege gesunder Leibesübungen, wie Turnen, Spielen, Baden, Schwimmen, Wandern und dergleichen zu fördern. Der Schulvorstand hat die Verbindung zwischen Schule und Elternhaus zu Pflegen und soll bemüht sein, in den Eltern der Kinder durch die Veranstaltung von Elternabenden, Vorträgen und Schulfesten eine lebendige Anteilnahme und Verständnis für die Schule zu erwecken. Im Laufe des Monats Dezember jedes Jahres hat eine außerordentliche Besichtigung der Schule dttrch den Schulvorstand stattzufinden, an der sich möglichst alle Mitglieder beteiligen sollen. Der Otts- schulinspektor ist einznladen, wenn er nicht Mitglied des Schulvorstandes ist. Die Besichtigung hat sich auf die Gebäude (Schulhaus einschließlich Lehrerwohnungen, Aborte, Wirthschaftsanlagen, Turnhallen), die Turn- und Spielplätze, den Schulbrunnen, die Ausstattung der Schulsäle, fototeJöte Schulgeräte und Lehrmittel zu erstrecken. Sie soll feststellen, ob sich das Vorhandene in gutem Zustande befindet und den Bedürfnissen genügt. Bei der Besichtigung ist zu erörtern, ob Reinigung, Lüftung und Heizung der Schulräume ausgereicht haben, lieber den Befund ist eine Niederschrift aufzunehmen. Darin sind alle Mängel, deren Beseitigung erforderlich ist, sowie alle Erweiterungen der Gebäulichkeiten und ihrer Ausstattung, der Schulgeräte und Lehrmittel, die nötig geworden sind, zu verzeichnen.
• Ans dem Nachbargebieie.
* Gersfeld, 9. April 1912. Im Nachbardorfe Rengersfeld kommt in der letzten Zeit allerlei mehr ober weniger schwerer Schabernack vor, welcher die Ortseinwohner und die Umgegend mehr und mehr empört. Die Behörden werden nichts unversucht lassen, die Missetäter festzustellen und so exemplarisch zu bestrafen, daß ihnen die Lust vergeht, ihre Mitmensck»en zu belästigen. In der Osternacht wurden mehrere Bäume des Landwirts Veh in Rengersfeld beschädigt. Die Polizeibehörde berief am 1. Ostertag telephonisch einen Wachtmeister ans Schlüchtern mit einem Polizeihund. Der Hund nahm Witterung am Tatort und führte die Polizei wiederholt in das Haus des Landwirts Peter Schleicher. Untersuchung ist eingeleitet.
* Hersfeld, 9. April 1912. Die Maul- und Klauenseuche ist in unserer Stadt erloschen.
* Gießen, 8. April 1912. Seit etwa 50 Jahren sind Bestrebungen int Gange, das sog. hessische Hinterland — den schmalen von Gießen ans nordwestlich bis zur westälischen Grenze sich hinziebenden Gebietsstreifen, der bis 1866 hessisch war und nach der Abtretung an Preußen den zum Regierungsbezirk Wiesbaden gehörigen Hinterlandkreis bildet — durch eine Bahn Gießen- Gladenbach- Biedenkopf aufzuschließen. Hindernd trat ihrer Verwirklichung die Rivalität der Sädte Wetzlar und Gießen in den Weg, die beide den Ausgangspunkt der Bahn haben wollen. Die Stadt Wetz - l a r fand die Unterstützung der Kreisverwaltung des Hinterlandkreises, während die Bevölkerung namentlich die des südlichen Teiles, die Verbindung mit Gießen erstrebt, da dahin ihre wirtschaftlichen Interessen weisen und in Gießen ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt erreicht würde, der nach sechs Richtungen hin wichtige Anschlüsse vermitteln würde. Es ist nunmehr gelungen, zwischen den Vettretern bet preußischen Kreise Biedenkopf, Wetzlar und Marburg und dem Oberbürgermeister von Gießen ein Uebereittkommen zn treffen, wonach die Stadt Gießen sich mit ihrem Bauvorhaben solange zurück- halten wird, bis die Bahn Wetzlar-B i e den - köpf gesichert ist und weitere Schrttte nur im Hinblick auf das Zustandekommen dieser Strecke unter
nimmt. Die drei preußischen Kreise wollen dagegen der Forderung der Stadt Gießen aus eine Bahn- verbinduna mit der Linie Wetzlar- Biedenkopf an einem ihr geeigneten Punkt keine Hindernisse bereiten, sie im Gegenteil möglichst fördern. Die Kreise Wetzlar und Biedenkopf wollen aufjerbem elektrische Bahnverbindungen von Gießen über Krofdorf und Wetzberg nach Rodheim und von Gießen über Heuchelheim, Atzbach, Dorlar, Waldgirmes, Naunheim nach Wetzlar möglichst fördern.
6 Eschwegk (Werra), 8. April 1912. Das hiesige städtische Friedrich-WilhelmS-Gymnasium war nach dem Jahresbericht über das abgelaufene Schuljahr am 1. Februar 1912 von 420 Schülern besucht. Davon entfielen auf das Gymnasium 238, auf die Realschule 132, auf die Vorschule 50. Von diesen waren im Gymnasium 212 Evangelische, 14 Katholische, 12 Juden, in der Realschule 115 Evangelische, 3 Katholische, 14 Juden, in der Vorschule 33 Evangelische, 5 Katholische, 2 Juden. Das städtische Lyzeum besuchten am 1. Februar 247 Schülerinnen. Ihrer Religionsangehörigkeit nach waren hiervon 186 evangelisch, 16katholisch,40jüdisch.
* Abterode, 8. April 1912. In geistiger Frische begingen gestern die Eheleute Daniel Kistner und Frau Anna geb. Hossommer hier ihre goldene Hochzeit. Der erstere ist 77, die letztere 73 Jahre alt.
♦ Vom Taunus, 8. April 1912. Ans Veranlassung des Ministers sind die Vorarbeiten für die neue Eisenbahnstrecke Niedernhause n—S ch m i t- t e n im Gange. Durch die neue Linie wird einem lang gehegten Wunsche entsprechend eine schnelle Verbindung zwischen den Orten des Hochtaunus und Wiesbaden und Frankfurt hergestellt, weshalb sie in den beteiligten Kreisen mit Freuden begrüßt wird. Der freisinnigen Kleinen Presse blieb es Vorbehalten, die neue Linienführung in ganz eigenartiger Weise zu bekämpfen und sich dabei zum Sprachrohr eines engherzigen und zugleich äußerst ungerechten 'Konfessionalismus zu machen. Sie schreibt u. a.:
Im Volksmun) heißt die geplante Strecke „d a s Zentra msbähnche". Denn folgende Dörfer sind als Stationen gedacht- Oberjosbach, Schloßborn, Glashütten, Reifenberg, Schmitten, alle rein katholisch. Ja, fügt man im Emstal, wären wir katholisch, dann brauchten wir uns nicht viele Mühe zu geben, so aber werden wir mit einer kühlen Handbewegung abgetan, man nimmt uns den Sommerfrischler- und Tonryten- verkehr, den wir uns in den letzten zehn Jahren erarbeitet haben, und leitet ihnen jenen zu, das ist Parität. — Wir nehmen ja vorläufig nicht an, daß eine bewußte Absicht in maßgebenden Kreisen vorliegt, aber immerhin ist der Ausdruck „Zentrumsbähnche" ein typischer Ausdruck für die Bolksstimmung. Eine grenzenlose Verbitterung spricht daraus.
Wenn das freisinnige Blatt „vorläufig" noch keine „bewußte Absicht" annehmen will, warum bringt es denn solche Ausführungen, die doch ganz sicher nicht dem konfessionellen Frieden, für den sich der Freisinn zu bemühen vorgibt, dienen können. Sie wären noch begreiflich, wenn tatsächlich eine Zurücksetzung des Ottes Esch und der anderen evan- gelischen Orte im Emstal stattfinden sollte. DaS । wäre der Fall, wenn die bequemste, kürzeste unb ; darum billigste Verbindung über die evangelischen Otte des Emstales führen müßte, trotzdem aber mit Umgehung dieser Orte eine Linienführung über die katholischen Orte geplant wäre. Etwas derartiges aber wagt selbst die Kleine Presse nicht zu behaupten, weil das Gegenteil der Fall ist. Dabei ist der Sommerfrischler- und Touristenverkehr in den Orten, welche die neue Bahn berühren soll, weit stärker als im Emstal. Sachlich läßt sich demnach gegen die neue Linie rein nichts Vorbringen. Aber nach der Ansicht des fortschrittlichen Organs müßte trotzdem die Bahnlinie in einem weiten Bogen über Esch die projektierten Stationen umgehen —> nur weil sie katholisch sind —, damit die evangelischen Orte ihre Bahn erhiellen. Was der Attikel- schreiber der Kleinen Presse andern zum Vorwurfe machen will, daß nämlich die Bahn nach konfessionellen Rücksichten gebaut werde, verlangt gerade er selbst, allerdings zugunsten der evangelischen Orte. Es zeugt das sicher von einem ganz sonderbaren Liberalismus. Daß da? Zentrum mit dem Bahn- bau nichts zu tun hat, braucht kaum noch besonders betont zu werden.
* Höchst a. M., 8. April 1912. Bei Ausschach, tungsarbeiten auf deut Sevekeschen Neubau wurden zahlreiche Gefäßscherben und Utn c n r e ft e aus der prähistorischen und römischen Zeit ge- ^'nden.
hat einer Frau, die vor drei ober vier Jahrzehnten als kleines Mädchen mit dem Korb im Arm als Kres- fenverkäuferin durch Londons Straßen zog, ein hübsches Vermögen eingetragen. Mrs. James bewohnt heute in der Nähe des Covent Garden eine prächtig eingerichtete herrschaftliche Wohnung, verfügt über ein Bankguthaben von einer halben Million und verdient alljährlich ein stattliches Einkommen, alles nur durch die Brunnenkresse. Ausdauer und Glück mußten sich freilich verbinden, um diesen ungewöhnlichen Fall herbeizuführen. Als fünf- jähttges kleines Mädchen verkaufte die heutige Mrs. James ihre Brunnenkresse, und da sie ein hübsches Kind war, kaufte man ihr gern und viel ab. Heute hat sie eine Att Monopol für Brunnenkreffe, die großen Hotels und Restaurants beziehen von MrS. James ihre Kresie, und aus der kleinen Straßenverkäuferin, deren romantische Geschichte eine französische Zeitschttst erzählt, ist heute eine vermögende Geschäftsfrau geworden, die in der Nähe Londons auf einer Musterfarm in großem Stil Kresie züchtet, züchtet. In ihren Diensten sicht ein großes Personal von Verkäuferinnen und Boten, sie leitet auch heute noch selbst das Geschäft, erscheint jäglich auf dem Gemüsemarkt, um die Bestellungen entgegenzuneh- men, und erklärt, ohne diese ihr liebgewordene Arbeit nicht ruhig leben $u können.
— Eine neue Form der künstlichen Atmung, um den gefürchteten Atemstillstand in der Narkose zu verhüten,hat, wie das,B»ch für alle' berichtet, ein am Rockeseller-Jnstitttt in New-Iork arbeitender Forscher, Dr. Meltzer, angegeben. Er bläst nämlich während der Betäubung einen kontmuierlicheu Strom Druckluft in die Lunge vermittels eines Rohres, da» durch Kehlkopf und Lnfttöhre ganz tief bis an die Stelle vorgeschoben wird, wo jene sich in die zwsl Bronchien teilt. Dadurch wird es möglich.
die Lungen zu ventilieren, d. h. den Lungenbläschen Sauerstoff zuzuführen und Kohlensäure herauszu- lei en, auch wenn die Atemmuskeln nicht mehr in Tätigkeit sind. Da» narkotische Mittel, z. B. der Aether, wird von der Druckluft mitgerissen, schneller an die Lunge gebracht, und dort wird nun die notwendige Menge adsorbiert, der Rest aber wieder durch die Rückströmung der Lust mitgerisien. So wird auch eine Ueberlabung deS Organismus mit Aether verhütet. Durch diese Methode wird ter Chirurg auch in den Stand gesetzt, an der Lunge selbst zu operieren. Diese füllt nämlich, wenn man den Brustfellsack, in dem sie hängt, öffnet, sofort zusammen und kann infolge deS vermehrten Luftdruckes, der auf ihr lastet, nicht mehr atmen. Durch die einströmende Druckluft aber geht der notwendig, GaSaustausch unbehindert weiter. So eröffnet daS .Jnsufflatious-Versahren* Chirurgen ein neues Feld der Tätigkeit.
— Aus der Heimreise. Onkel: ,Na, adieu, liebster Junge. Und wegen deines Anliegen? — na, ich werde mir die Sache überlegen. Du erhälst Drahtantwort.* — Student: .Du brauchst dich mit der Antwort gar nicht so zu beeilen, Onkelchen. Schicke nur den Draht. Das andere hat Zeit."
— Rücksichtsvoll. Richter: »Und wieviel fanden Sie in der Kaffe des Kaufmanns?" — Einbrecher (sich in die Brust werfend): .Herr Richter, lasten wir das; ich will den Manu mcht schädigen!"
— Ein höflicher Diener. Herr (spät nachts im Wittshaus zum eben erscheinenden Diener): »Was willst du kster?" — Diener: »Die gnädige Frau lasten den gnädigen Herrn zur Gardinenpredigt bitten!"
— Das Glückseisen. Toni: Wie kam es, daß Karl überfahren wurde? — Karl: Er hob ein Hufeisen auf, das ihm Glück brinaen sollte.