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M 79.

Smnriag drn 6. April 1<H2

39. Jahrgang.

* Tiildaer M Leitung«

2. Blatt.

•t«« «w> Vertag ter Ziützaar Setterdr«Serri hi znlda.

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wochen-Nun-schau.

{:] Fulda, 4. April 1912.

Die Jesuitenangst feiert in der liberalen Presse und den dem Evangelischen Bund nahestehen­den Blättern wieder einmal Triumphe. Diese Blät­ter gebärden sich, als ob das End» des Deutschen Reiches herannahe. Was ist geschehen? Nichts an- bercS, als daß in dem katholischen Bayern ein Erlaß ergangen ist, der lediglich sestsetzt, welche Tä­tigkeit den Jesuiten in Deutschland gesetzlich verboten bezw. erlaubt ist. Die Aufregung in der liberalen Presse ist natürlich künstlich und nur darauf berech­net, ihren harmlosen Lesern vorzuspiegcln, daß der Protestantismus im deutsche;! Reich diftch die „Um- werfung" des Jesuitengesetzes bedroht sei. Diese Blatter wissen ganz genau, daß es keinem Bundes­staat möglich ist, Reichsgesetze „umzuwcrftn" ober zu „durchlöchern". Aber in der Wahl ihrer Mittel ist die liberale Presse noch niemals wählerisch gewe­sen, wenn sie ihre Zwecke fördern kann, dann springt sie mit der Wahrheit nach Gutdünken um. Die An- lvendung des Jesuitengesetzes, wird durch den Erlaß anch für Bayern durchaus nicht ausgehoben, sondern nur feine gerechte Anwendung festgelegt. Den Je- suitcn ist verboten, im Deutschen Reich Missionen abzuhalten. Die bundlerische und liberale Preffe behauptet nun, die in dem Erlaß als erlaubt bezeich­neten „Konferenzen" seien nichts anderes als Mis­sionen und deshalb fei der Erlaß ein Verstoß gegen ein Reichsgefttz. Die liberale Presse beweist mit isie- fer Behauptung lediglich, daß sie über Dinge urteilt, von denen sie nichts versteht. Die Konferenzen sind natürlich keineswegs mit Missionen identisch, son­dern sie unterscheiden sich ganz wesentlich von diesen. Die liberale Presse hat mit ihrer Hetze nur aufs neue die Unduldsamkeit des Liberalismus und seine Skru­pellosigkeit in der Auswahl seiner Kampfmittel er» wiesen Alle ihre wilden Anschuldigungen und Ver­leumdungen zerstieben vor einer auch nur oberfläch­lichen Nachprüfung in Nichts. Aber — es ist nichts so dumm, eS findet sein liberales Publikum.

Abgesehen von diesem Antijestiitenrummel ist das politische Leben jetzt, wo die Parlamente ihre Osterferien halten, abgeflaut. Wenn man will, kann man darin einen Beleg für die Bedeutung des Par­lamentarismus in Deutschland sehen. Nicht weit davon liegt freilich noch eine andere Deutung. Trotz küler Anstrengungen der deutschen Preffe ist es in Deutschland noch nicht gelungen, ein allgemeineres Interesse für die großen Vorgänge im Auslande heranzuziehen. Wir wachsen von Tag zu Tag mehr in die Weltpolitik und Weltwirtschaft hinein. Der Landwirt ist schon seit Jahrzehnten von dem Ausfall der Ernte im Auslände, von der Eiscubahnsiolttik großer jungfräulicher Länder, wie Nordamerika, Argentinien, in Zukunft Mesopota­mien, abhängig. Dieses alles und noch fo vieles ändere ist nur zu sehr geeignet, auch den Lauesten zur Beachtung der Auslandsvorgänge zu zwingen. Aber wenn es nicht gerade Kriegsgeschrei ist, dann hält der deutsche Michel das bißchen an geographi­schen Kenntnissen, das ihm noch aus der Schulzeit her verblieben ist, Wohl verschloffen und sieht den Auslandsteil der Zeitungen überhaupt nicht au.

Soweit es uns angeht, ist zurzeit das Kriegsge- schrci verstummt. Wir trauen uns zwar mit unse­ren Albions-Vettern jenseits des Kanals noch nicht über den Weg, darum bleibt's bei dem Waffen starren­den Frieden. England hat zurzeit mit feinen eigenen Sachen genug zu tun. Der Streik geht zwar zu Ende, aber die Wunden, die er dem britischen ^vlke und Reiche geschlagen hat, werden erst in Jahren vernarben. In weiten Schichten herrscht geradezu Hungersnot, so daß Wohltätigkeitssamm- iungen veranstaltet werden mußten. Die Indu­strie fuhrt ein verzweifeltes Ringen um ihre Ab­satzgebiete, längst nicht mehr nur im Auslande, son­dern auch im brüische» Lande, wo man bei dieser Gelegenheit mehr als je Gelegenheit hatte, sich mit den Produkten anderer Länder zu befaffen. Fum Osterfeste wird nun wohl den Frieden zurückhaben, aber die Schatten des Kampfes werden sicher nicht eine rechte Festesftimmung aufkommen lassen.

In Ungarn hat die Ministerkrisis nach drei- wöcheirilicher Dauer durch die Neuernennung des bisherige-! Kabinetts Khuen-Hedervary ihre Erledi- gnng und damit em Streit um ein Hoheitsrecht der »roiie zwischen ihrem Träger und der ungarischen

Opposition ein wenigstens vorläufiges Ende gefax­ten. Die Ablehnung einer ungarischen Resolution durch den Monarchen, die ein Mitbestimmungsrecht tes ungarischen Abgeo rduet en Hauses über die jewei­lige Notwendigkeit ter Einberufung ter Reservisten forderte, hatte die Abdankung des Kabinetts Khueu zur Folge gehate Das eigensinnige Beharren der Opposition aus chrer Forderung," in der Kaiser Franz Joseph einen Eingriff in feine Herrscherrechte erblickte, reifte in dem greifen Monarchen den Ent­schluß, auf ungewöhnlichem Wege eine Beilegung des Konfliktes zu erreichen. In einer mündlichen Rücksprache und nachher in einem Handschreiben soll er die Absicht geäußert haben, sich eher ter Würde der Krone zu entledigen, als die Rechte seiner Krone zu veräußern. Die Folge war, daß Graf Khuen sich von der ihn gefangen haltenden Resolutions­politik frei machte, und das frühere Kabinett wie­derum mit bet Führung der Geschäfte betraut wur­de. Die Erregung, die sich nach dem Bekanntwerten des Willen- des Kaisers des ganzen Landes bemäch­tigte, fand im Parlament einen stürmischen Aus­druck. Die Verhältnisse in Ungarn bleiben jedoch durchaus unhaltbar, eine Gesundung wird vielleicht erst durch eine baldige Durchführung einer Wahl­reform auf breiter demokratischer Grundlage erreicht werden können.

Auf den Musterstaat Portugal lohnt es sich auch bisweilen einen Blick zu werfen. Die Pftuoo- regierung hat eS im Lauft der Zeit zu einer großen Geschicklichkeit gebracht, über die wirkliche Lage hin­wegzutäuschen oder sogar aus derselben hri Aus­lande für sich Kapital zu schlagen. In Wirklichkeit nehmen die Parteikämpft eine immer leidenschaft­lichere Form an. Die Bombenattentate in Oporto, die zahlreichen Demonstrationen und Unruhen reden eine zu deutliche Sprache, als daß die Berdrehuugs- kunst der sogenannten Regierung und der ihr ge­fügigen Preffe bea wahren Sachverhalt verhüllen könnten, ffn Braganza kam es infolge von poli­tischen Zwisttgkeiten zu blutigen Straßenkämpfen zwischen Studenten and Bürgerschaft, an denen auch Frauen und Mädchen in großer Zahl teilnahmeri.

Frankreich ist in M a r o k k o an dem vorläufigen Ziele feiner Wunsche. Es darf sich nach geschriebe­nem Vertragsrechte als „Protektor" von Marokko fiihlen. Zwar steht es in Marokko nicht zum besten, aber die Zähigkeit, mit ter Frankreich seine Kolo­nialeroberungspläne zu verfolgen gewohnt ist, wird dadurch nicht gebrochen werden können.

Der italienisch-türkische Krieg ist feit Wochen nicht um Haaresbreite vorangekommen. Die Italiener sind Herren tes Küstengebietes von Tri­polis, aber sie werden ihn dauernd gegen die Araber verteidigen müssen. Da? hat zu erheblichen Ver­stärkungen der italienischen Eroberungsarmee Anlaß gegeben. Zugleich hat man durch die Drohung, man werde den Krieg auf die europäische Türkei hinüberspielen, einen Druck zugunsten eines der Türkei ungünstigen Friedens auszuüben versucht. Zurzeit sind die Mächte dabei, den Frieden zu ver­mitteln. Die Bestrebungen sind aber einstweilen nutzlos, weil die türkische Regierung jetzt vor den Wahlen steht und daher keinen Frieden abschließen kann, der ihren Gegnern Stoff zur Wahlagitation liefern könnte.

Der andere größere Kriegsschauplatz, der in Mexiko, zeigt ein außerordentlich unbefriedigendes Bild. Die neue Regierung des Generals Matero, der im vorigen Jahre den früheren langjährigen Diktator Porfirio Diaz stürzte, muß sich jetzt gegen­über Revolutionären aus dem Lager der früheren Machthaber verteidigen. Zwar scheint es nicht, als könnte dabei feine Herrschaft gestürzt werden, aber er muß doch seine Hauptstadt sowohl als auch alle anderen großen Städte derart von Militär entblö­ßen, daß die Deutschen sowohl als auch die Nord­amerikaner in Mexiko eigene Sicherheitsbataillone bewaffnen mußte, um sich gegebenenfalls gegen auf­rührerische plündernde Volksmaffen zu verteidigen.

In C h i n a ist die Ruhe noch immer nicht ganz wieder hergestellt. Hier und da züngeln nod) Meu­tereien und Unruhen empor. Die Hauptschwierig­keit ter neuen Regierung liegt in der Erschließung von Geldquellen. Die Soldaten neigen zur Meu­terei, weil chnen kein Sold ausgezahlt wird. Wenn Juanschikai auch ein tüchtiger Staatsmann ist, so darf darum baS Schicksal des chinesischen Riesen- reiches noch nicht als entschieden betrachtet werden.

Helden der pflicht.

Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von 81J Erich Friesen.

+t_X£vi! *?at sich von seinem Stuhl erhoben. Als irinp £±,ncU °*“n "icht, starrt er beit behaglich p^l-nde-t Geschäftsmann an, der kp re nberlegener, lobtaler Miene Worte sagt die JjjL bc§ Jünglings abstoßen, deren

beleu geilten Sinn er im ersten Augenblick jedoch noch nicht ganz begreift. 1

„Ruhig, ruhig, junger Brausekopf!" spöttelt der Konsul weiter. „Wir Männer unter uns brauchen uns doch keine Flausen vorziimachen. Bei jedem von uns meldet sich ja auch mal das Herz; aber im Grunde genommen ist das Heiraten doch ein Geschäft wie jedes andere — eine Art Kompagniegeschäft, in ba? jeder Teil möglichst viel hineinftecken muß. Sehen Sie, als ich ein grüner Junge war, kaum zwanzig, da liebte ich auch einmal — selbstlos, überschäumend, hmnnelstürmend. Der Gegenstand meiner Leiden­schaft war eine Malerin, ein paar Jahre älter als M. — aber was bedeutet das für einen liebenden Jüngling!"

w ®et Schiffsreeter hält einen Augenblick inne und Eff.1 tebäebtig die Asche von seiner Zigarre. Seine

4ilQe Gagen einen eigenen Ausdruck, halb . Spott.

*#. cVtnnAt Platz genommen. Sein Inter- 2 Ä rba?i « es will. Gibt ks auch teue^ dos ."^e chäftsmannes" Momente, in denen das Herz ferne Rechte verlangte?

Ideal verschmähte mich," fährt Konsul Dvland, auf,, neue drauflos passend, fort. „Sie zog eben jungen Habenichts, einen langmähnigen vwrvirtuosen, dem reichen SchiffsreeterSsohn vor Wh jedoch in meiner pmgenteftlci — ich konnte sie nicht vergessen. Ich behielt sie im Ange und er- ftrstr, daß das Paar, wenige Jahre nach feiner Ver­heiratung, auf einer Schiffsreise nach England, wo bet junge Musiker in einem Konzert auftreten wollte' ums Leben kam. Und das Tragikomische der ganzen

Sache: es war mein Schiff, das unterging. Und mit ihm sämtliche Passagiere, sluch Ralf und Hilda Mels!"

Ein Ausruf höchster Ueberraschung entschlüpft Eriks Lippen.

„Hilda — Mels?" wiederholt er erregt. „Ist es möglich, Herr Konsul? Jene Malerin war — war--"

„Ihre Mutter, ja!" vollendete der Schiffsreeder gelassen. „Das Ideal meiner Jugend."

~ Erik ist aufgesprungen und beginnt, mit großen schritten im Zimmer aus und ab zu gehen.

„Deshalb Ihr Jntereffe für mich, den armen Waisenknaben! Deshalb Ihre unerschöpsliche Güte!

~ lasse» Sie daS! Dachten Sie, ich, der Schiffsreeter Sven Daland, werde mich um irgend einen hergelauftueu BLngel kümmern? Bloß "aus MeniLjenfieundlichkeit? Nein, mein Lieber, so dumm ist Lven Daland nicht. Aber ich konnte es nicht über» Herz bringen, den armen Teufel von Jungen — ihren Jungen — der, als beide Eltern mit mei­nem Schiff untergingen, in Christiania in Pflege war, dem Elend zu uterlaffen!"

„Herr Konsul, wie soll ich Ihnen danken!" Doch dieser winkt ab.

„Sanfbarfeit brauch' ich nicht. Was ich tue, tue ich für mich feibft, nicht für andere. Hätten Sie sich jetzt zwischen mich und Sigrid Arnoldsen ge­drängt — wie ich einen Augenblick glaubte — ich würde Sie ohne weiteres haben fallen taffen. Aber so--“

Erik will etwas erwidern.

Da wird die Tür heftig ausgeriffen.

Todesbleich, mit angsterfüllten Blicken, steht Sig­rid Arnoldsen auf der Schwelle.

„Jngeborg ist — fort!

Entsetzt springen die beiden Manner auf.

„Fort?"

„.Ja. Entflohen oder geraubt Ihr Zimmer ist leer. Eines ter Fenster steht offen. O mein armes, armes.Kind!"

Sofort wird das ganze Schloß alarmiert

täte für die der Bolks-

e Znr Schrrlfrage

Bon Amtsgerichtsrat Rhiel, M. d. A.

Durch das Volksschiilunterhaltungsgesetz vom 10. Juli 1906 ist für Preußen die konfessionelle Schule als Regel zwar festgelegt und die Möglichkeit ter Umwandlung konfessioneller Schulen in simultane grundsätzlich ausgeschlossen. Indessen sind die be­stehenden Simultanschulen als solche aufrecht er­halten; es dürfen ferner in einem Schulverbante, in dem sich ausschließlich Simultanschulen befinden, nur Schulen mit diesem Charakter errichtet werten, und eine Ausnahme ist in beiden Fällen blos unter ganz bestimmten, wohl kaum jemals eintretenden Voraussetzungen zugelaffen. Weiter können-in Ver­

bänten, in denen bisher aussc^ießlich konfeffionelle Schulen sich befanden, neue Schul« aus besonderen Gründen als simultane errichtet werden. Endlich sind die kommunalen Mittelschulen, die richtiger ge­hobene Volksschulen zu nennen waren, nicht konfts- siouell auszugestalt«, sodaß den für das Simultan- schulwesen eingenommenen gememdlich-n Selbstver- waltungskörperu eine bequeme Handh,' " Simnltanisierung eines großen Teiles schule gegeben ist.

Hundert Minister.

Eifrige Statistiker haben herausgerechnet, daß feit 1888 in Preußen und im Reiche 99 Minister ge­kommen und gegangen sind; der 100. Ministerwechsel steht somit vor der Tur.

Wer daraus die Folgerung ziehen würde, daß wir unter unserem jetzigen Kaiser einen ungemein raschen Ministerverbrauch haben, der irrt. Das Reich und Preußen haben insgesamt 115 leitend« Stellen, in 24 Jahren hat somit jedes Reffort durch­schnittlich 6 Minister gehabt, was eine 4jährige Le­bensdauer für jeden Minister bedeutet. Freilich sieht es in jedem Ressort anders aus. ?lber hinter beet Auslande stehen wir doch noch erheblich zurück; da werden nufere Minister sogar „alt".

Der häufige Ministerwechsel hat in einem parla­mentarisch regierenden Lande keine großen Schatteu- ftiten, da jedes Kabinett feine Parlamentsmehrheit mit sich bringt; die gleichmäßige Fortsetzung der Ver­waltung garantiert" dort toie bei' uns der „Geheim­rat", der ruhende Pol in der Erscheinung Flucht. Dort hat jedes Kabinett sein festes Programm und geringe parlamentarische Schwierigkeiten; da läßt sich ein rascher Ministerverbrauch leicht tragen. Ka­binett und Parlamerttmehrhett sind einig. Bei uns ist es anders. Jeder Ministerwechse! hat seine Schattensetten und wenn in einzelnen Aemtern die leitenden Männer rasch wechseln, so leitet das Staatsganze. Es waren besonders drei Refforts, die sich in den letzten Jahren keiner Stetigkeit erfreu- ten: das Auswärtige Amt weist in sechs Jahren folgende Namen auf: Richchoftn, Tschirschky, Schön und Kiderlen-Wächter; das Reichsschatzamt hat in demselben Zeitraum beherbergt: Stengel, Sydow, Wermuth, Kühn; das Reichskolonialamt verwalteten: Stübel, Hohenlohe, Dernburg, Lindeguisi, Solf. Die Liste dieser Namen aber wird dadurch verlängert, daß mancher Träger tiefer Namen in seiner kurzen Amts­tätigkeit eine Schwenkung vollzog und plötzlich eine andere Politik einschlug als beim Antritt des Am­tes. Wenn man vom inneren Dienstbetrieb ganz absieht, und nicht damit rechnet, daß derselbe eine Befruchtung durch den häufigen Wechsel an leitender Stelle erfährt, so trttt ein anderer Nachteil unleug­bar hervor: dieser rasche Wechsel erschwert die Arbeit im Reichstage ungemein, verzögert manche Zusage und schafft doppelte Mühe, wenn der Reffortchef auf die vielen Fragen erklärt: er müsse sich erst Ein­arbeiten". Ein Staatssekretär oder Minister muß immer eingearbettet fein; wenn er die Materie nicht selbst beherrscht, lasse er den Dezernenten vor, dies schadet seiner Aniorttät gar nicht. Dem Staat s- wohl dagegen schadet es, wenn es mehr und mehr Mote wird, daß Staatssekretäre und Minister von dem Bestreben getragen werten, eine „schöne Leiche" zu sein und unter dein Beifall eines Teiles ter Presse von ter Tribüne abtreten, nur weil ihnen dieses oder jenes gerate nicht paßt. Jeder vorsichtige Staatsmann wird sich vor seiner Ernennung Zusa­gen über die Richtlinien seiner Wirksamkeit geben lassen und danach handeln. Aber Eigensinn und Starrköpfigkeit, Wankelmut und Unentschloffenheit sind auch noch keinen Grund zum Rückzug.

Ob ter derzeitige Reichskanzler bei Auswahl seiner Mitarbeiter immer die erforderliche Vorsicht an den Tag legte oder ob nicht reine Zufälligkeiten mehr entscheidend waren, ist eine Frage, die wir nicht zu entscheiden wagen. Ganz falsch wäre die Auffassung, daß der gehäufte Wechsel der letzten Jahre auf Einflüsse des Kaiftrs zurückzuführen sei; dies kann man bei keinem einzigen Wechsel seit drei Jahren sagen.

Wie wertvoll diese Ausnahmemöglichkeiten von den Gegnern ter Konfessionsschule cingeschätzt wer­den, hat so recht deutlich der freisinnige Abg" Pach- nicke in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 15. Januar 1908 zum Ausdruck gebracht, in dem er bemerkte:

.Das SchulmtterhaltungSgefetz, so sehr wir es beklagen, so sehr wir es bekämpft», läßt doch noch 3taum für manche Reformen."

Ein Auge, das sieht man, ist mindestens trocken gebtieben.

Nur zu erklärlich ist es daher, wenn alsbald nach der Verabschiedung tes Volksschuluntcrhal- tuugsgesetzes der Schulfrage in Wort und Schrift eine ausgedehnte Erörterung zuteil tourte, und für das christliche, in erster Linie das katholische Volk, immer wieder der Hinweis auf die großen Gefahren erfolgte, die dieses eigenartige Kompromihgesetz für den, Bestand der konfessionellen Volksschule in sich berge. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß durch diesen Gesetzgebungsakt die eine Frage in ein acutes Stadium getreten ist, unter welchen Voraus­setzungen unsere Volksschule in ihrem christlich-kon- feisiouellen Charakter gefährdet erfchemt, der ihr doch unbedingt erhalten bleiben muß, toenn neben der Ausbildung ter Jugend zu geistiger und körperlicher Reife der ungleich wichtigere Zweck ter Volksschule, die sittlich-religiöse Erziehung, voll und ganz erreicht werten soll.

Diese Einzelfrage bildet aber nur einen verhält­nismäßig kleinen Teil der großen Gesamtheit dessen, was unter der eigentlichen Schulfrage zusammeu- gesaßt wird und bis jetzt lediglich m ganz bestimm­ten Einzelbeziehungen durch die zwei Spezialgesetze: Lehrerbesoldungsgesetz und Volksschulnnterhaltunqs- gesetz eine gesetzliche Regelung erfahren hat. das Gebiet der Schulfrage gehört, um nur einige Materien herauszugreifen, die Schulcmfsichtsftage, die ja gleichfalls schon seit Jahren im Vordergründe des politischen Interesses steht, besonders feit dem Jahre 1909, wo im Regierungsbezirk Arnsberg mit einem Federstriche 200 katholische Geistliche ter Orts- schnlinspektion enthoben wurden; tes wetteren die Frage des PridatschulweftnS in enger Verbindung mit der Frage der Unterrichtsfreiheit bezw. deS Schulzwanges, die Frage nach der Bettung bezw. Erteilung des Religionsunterrichts durch die Reli- gionsgesellfchaften, ter Vorbildung der Lehrpersonen (feg. ©eminarfrage) ufto.

Als ein Uebelstand tourte, soweit wir zu über­sehen vermögen, das Fehlen einer praktischen und zuverlässigen Handbuchs empsunten, das als Führer durch das Gesamtgebiet der Schulfrage hätte äuge« sprachen werden können. Die verschiedenen Mono­graphien, wir verweisen da insbesondere auf die sehr gediegene und verdienstvolle im Verlag der „Fuldaer Actiendruckerei" erschienene Schrift: „Tie Schulauffichtsftage", wollten und konnten nur nach einer ganz bestimmten Richtung orientieren. Es wtrd deshalb in weiteren Kreise freudig und dank­bar begrüßt werden, daß soeben ter Laiidtagsabg. Dr. Hetz ein Buch hat erscheinen lasten, das diese Lücke auszufüllen recht geeignet erscheinen dürste (Heß: DerKamPfumdieSchule in Preu­ßen, Köln, Bachem 1912. Preis gebunden 4,20 Mk., drosch. 3,40 Mk.)

Mit dem Schulaufsichtsgesetz von 1872 als dem ersten aller preußischen Kulturkampsgefetze anhebend führt Heß den Leser sysiemattsch durch die Entwicke­lungsgeschichte des ^uliampfes in Preußen bis auf die gegenwärtige Zeit und schließt mit einem kritischen Ausblick auf die naheliegenden Zukunsts­befürchtungen mid Zukunftsmöglichkeiten, die im modernen Schulproblem verborgen liegen.

Ein besonderer Vorzug des Buches dürfte für alle diejenigen, die als Versammlungsredner unser christliches Schuliteal zu Vertreten berufen sind, darin zu erblicken fein, daß der Verfasser mit einem

Zwar noch kreidebleich und an allen Gliedern zit­ternd, aber mit der gewohnten Umsicht erteilt Sigrid ihre Befehle. Laut und klar tont ihre Stimme über all dem Wirrwarr, der entsteht, als die Dienerschaft Kenntnis von dem Verschwinden des allgemein be­liebten Fräulein Jngeborg erhält.

Mtt Laternen wird der ganze Felsenpark abge­sucht, ein Diener nach Tromsä entsandt, ein anderer zur Bewachung der Straße ausgestellt — alles mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit.

Erik ist es, der ine erste Spur gefunden zu ha­

ben glaubt.

„Fräulein Arnoldsen, kennen Sie diese Fuß- tapftn?"

Und erregt deutet er aus eine auffallend große, plumpe Vertiefung, die vor dem offenen Fenster von Ingeburgs Schlafzimmer bei dem Scheine einer rasch herbeigeholten Laterne sichtbar wird.

„Nein, Herr Niels."

„Aber ich. Tie Fußspur gehört dem zerlumpten Betfler an, den wir öfters in der Nähe herumschlei- ckien sahen. Und sehen Sie hier! Die Fußtapfen führen nicht nach dem Eiftntor, sondern um jenen Steinblock herum, nach einem bestimmten Teil der Mmrer! Und daneben — sehen Sie! Dieft kleinen, zierlichen Fußtapfen! Das sind Fräulein JngeborgS

In seiner Aufregung saßt er Sigrid bei der Handl sie ist eiskalt.

„Sie ist also nicht allein entflohen," sucht er zu trösten. „Ums Himmelswillen denken Sie nicht cm das Schlimmste! Der sogenannte „Idiot" hat sie entführt. Vertrauen Sie mir, Fräulein Arnoldsen! Ich ruhe nicht eher, als bis ich sie gesunden habe."

„Gott helfe Ihnen!" stöhnt Sigrid. „Ich der- traue Ihnen. Bringen Sie mir das Kind zurück!"

„Mein Wort darauf!"

Em fester Händedruck — und Erik ist im TAnkel der Nacht verschwunden.

Jetzt läßt sich auch Sigrid Hut und Mantel bringen.

„Ich gehe selbst nach Tromsö, Konsul Daland. Ich habe keine Ruhe."

„Darf ich Sie begleiten?"

„Nein, danke. Bleiben Sie hier! Es könnte eine Boffchaft eintreffen."

„Wie Sie wünschen. Wo ist Erik Niels?"

„Schon fort. Er war der erste, der ihrer Spur folgte."

„Nur seine Pflicht als zukünftiger Bräutigam ter Entflohenen!"

„Ja. Er ist gut und pflichttreu."

„Bah! Sein eigener Vortell!"

Trotz ihrer Aufregung fällt Sigrid der eigentüm­lich spöttische Dm auf, den Konsul Daland in seine Worte legt. Schon im Begriff, davonzuellen, wendet sie sich noch einmal nm.

„Wie meinen Sie das?"

„Hm —, toenn die Braut verloren geht, so geht auch das behagliche Nest verloren, in das er sich setzen wollte —"

Eine Sekunde blickt Sigrid den Schiffsreeder er­staunt an. Dann richtet sie sich zu ihrer vollen Höhe auf.

„Ich glaube nicht, daß Herr Niels Ihnen Ver- anlaffung zu einer solchen Verdächtigung gegeben hat, Konsul Daland. Jedenfalls ist jetzt weder Zeit noch Ort zu einer Antwort."

Der Mann will noch etwas erwidern, erklären, sich entschuldigen.--

Eine abwehrende Handbewezung Sigrids — und auch die Herrin von Schloß Sandsgaard ist im Dun­kel der Nacht verschwunden.

17.

Was ist inzwischen aus Jngeborg geworden? Greifen wir eine Stunde zurück . - .

Unruhig die Zeiger ihrer kleinen goldenen Uhr mit den Älicken verfolgend, sitzt das Mädchen in ihrem Schlafzimmer am Fenster. Von Zett zu Zeit horcht sie hinaus m die fiernenlofe, feuchtkalte Nacht . . . . Wird Herr Jespersen fein Versprechen halten?

Nicht der geringste Hauch eines Verdachtes kommt intern kindlich harmlosen Gemüt, daß ein Schurke ihre Weltunerfahrenheit mißbrauchen und sie zum Werkzeug seiner verbrecherischen Plane ma- öheu könnte. Fortsetzung folgt.)