M 78.
vsnnerrtag Öen 4- April 19(2
59. Jahrgang.
* fuldaer ■ Leitung«
2. Blatt.
»nick UN) Verlag ter 5«ldaer Icfiotitnittti te Zalda.
* Reich gesegnet mit Aufsichtsratsposten. Unter her Ueberschrift „Reich gesegnet mit Aufsichtsrats, posten" bringt das „Berl. Tagebl.", dem man eine Gegnerschaft gegen großkapitalistische Aufsichtsräte doch ganz gewiß nicht wird nachsagen können, in seiner Nummer vom 17. März im Handelstcile einen Artikel, in dem — man höre und staune! — abfällige Kritik an der „Ueberlastung" einzelner Personen mit Aufsichtsratsposten geübt wird. ES werden da für 1912 die folgenden „Sammelaufsichts« rätc" aufgeführt, unter denen sich recht bekannte Namen unserer Großfinanz befinden:
Komm.Mat Louis Hagen, Köln (Zahl der Auf- sichlzratsstcllen im Jahre 1912: 44), Simon Alf. Frdr. v. Oppenheim (40), Karl Fürsten berg, Berlin (36), KoiNm.-Rat Albert Heimann, Köln <34), Geh. Komm.» Rat Engen Gutmann, Berlin (33), Julius Stern, • Berlin (31', Geh.-Rat Waldemar Müller, Berlin (31), Geh -Rat Emil Ratbenau, Ber in (28), Geh. K-tmm.- Rat Dr. Strupp, Meiningen (26), Justizrat Robert Esser, Köln (25), Generalkonsul Eugen Landau, Berlin (23), Hugo Skinnes, Essen (22), Geh.-Rat R. Witting, Berlin (17), Generalkonsul Max Baer, Frankfurt a. M. (17), Tr. Max Schoeller, Berlin (15), Oberregierungs- rak Heinr. Schröder, Köln (15).
Eine derartige Ansammlung von Aufsichtsrats, posten dürfte füglich als grober Unfug nicht zu hart bezeichnet sein. Mehr oder weniger sind das doch die reinen Sinekuren, und die Haupttätigkeit dieser
Deutsches Reich.
4- 213 Millionen Ueberfchüsfe
hat das Rechnungsjahr 1911 nach einer vorläufigen Schätzung aufzuweisen.
Als der Abg. Speck bei der ersten Etatsberatung von einer Verschleierung des Etats sprach und fest» stellte, daß aller Voraussicht nach die Ueberschüsie des Rechnungsjahres 1911 so hoch sein würden, daß die Kosten der Wehrvorlagen aus ihnen gedeckt werden könnten, da glaubte die gesamte liberale Presse, die sich auf die Hinterbliebenensteuer versteift hatte, sich über den Abg. Speck lustig machen zu können. Jetzt aber, nachdem die Ueberschüsie eine nicht mehr zu leugnende Tatsache sind, ist diese Presse recht lleinlaut geworden. Nachdem nunmehr auch die Jsteinnahme aus Zöllen und Steuern für den Monat Februar feststeht, und damit die Einnahmen für elf Zwölftel des Jahres eruiittelt sind, läßt sich daS Gesamtergebnis des Jahres 1911 mit ziemlicher Genauigkeit "feststellen. Legt man für bie im März noch hinzugekonlmenen Einnahmen die Solleinnahmen der ersten elf Monate zugrunde, so ergibt sich nach offiziösen Angaben über die Erträge der verschiedenen Steuern, Zölle und der Betriebe des Reiches, daß tatsächlich insgesamt 213 Millioneu Mark Mehrerträge gegenüber dem Voranschlag für das Jahr 1911 vorhanden sind.
Dieser günstige Stand der Reichsfinanzen ist außerordentlich erfreulich. Zugleich ist er eine glänzende Rechtfertigung der Reichsfinanzreform, mit deren Hilfe cs gelungen ist, die Reichsfinanzen auf eine so gesunde Grundlage zu stellen, daß ihre Gesundung wider alles Erwarten rasch erfolgt ist. Recht bezeichnend ist, daß die „Tägl. Rundschau" (Nr. 157) mit keinem Worte ihrer Freude Ausdruck gibt über den glänzenden Stand der Reichssinanzen, wie man das doch eigentlich von einem Blatt, dar sich bei jeder Gelegenheit mit seiner nationalen Gesinnung brüstet, erwarten sollte. Es scheint so, als ob das Ausbleiben der Hintterbliebenen- ft e u e r, die der Liberalismus den „Schwarzblauen" aufzwingen wollte, allzu schwer auf dem nationalen Empfinden des alldeutschen Blattes lastet. Mürrisch bemerkt das Blatt nur:
„Man darf darauf gefaßt sein, daß die Bekanntgabe dieser Zahlen von ultromontaner Seite wird benutzt werden, um abermals zu beteuern, daß neue Steuern überhaupt nicht nötig seien, von agrarischer Seite aber vielleicht, um insbesondere gegen die Aushebung der Liebesgabe Einwände zu erheben."
Gewiß, das wird das Zentrum tun, wie es daS bisher schon getan. Und es handelt damit nur pflichtgemäß. Wir glauben kaum, daß das deutsche Volk unwillig darüber sein wird, wenn ihm , eine neue Steuer, deren absolute Notweudigkeit nicht erwiesen ist, erspart bleibt. Steuerwütig ist zur Zeit nur der Liberalismus, nicht etwa aus reinem Patriotismus, sondern weil es ihm Mittel zum Zweck, zur B v l k s v e r h e tz u n g, ist.
Herren besteht ja doch Wohl in der Einstr ei- chung von lewtiemex. Leider find die Be- ftnnntungen unserer lontiemefteuer immer noch nicht scharf genug, xm diese mühelose Tätigkeit im Interesse der Allgemeinheit entsprechend zu belasten und um eine Umgehung der Steuer zu verhindern. Angesichts der, wie die Reichsregierung behauptet, so notwendigen Mittel zur Deckung der neuen Wehr- Vorlagen empsichlt die „Agrarpol. Corr.", auch einmal diese mühelosen Gewinne sich näher anzusehen.
• Bo« bet So«, 2. April 1912. Da» Urteil in dem VS!klin«er „Krawall".Prozeß, da» ungewöhnlich harte Strafen über die al» schuldig angesehenen Kngeflagt« verhängte, haben wir bereit» mitgeteilt. Für die zentrumsfeindlich« Presse war e» natürlich eine autgemachte Sache, daß die Verurteillen und überhaupt die ^Krawallmacher" sämtlich Zen. trumsleute seien. Wie e» sich in Wirklichkeit damit verhält, möge man ou» dem folgenden Bericht ersehen: Bekanntlich hatte der Siegesfackelzug der Rationalltderalen von Völklingen am Abende de» 20. Januar rohe Ausschreitungen im Gefolge, wobei es zu Zusammenstößen zwischen Publikum und Po- lizei kam. Wegen dieser Zusammenstöße hatten sich 13 Angeklagte zu verantworten. Die Anklage lautete auf ruhestörend«« Lärm, Mißhandlung, WiderstanpS- leistung unb tätliche Beleidigung gegenüber Polizei- beamten, die sich in der rechtmäßigen Ausübung ihres Berufe» sich befanden. Daß die Ausschreitungen keineswegs, wie die liberale Presse e» versucht hatte, dem Zentrum an die Rockschötze zu hängen sind, geht an» der Verhandlung hervor. Die Angeklagten sind Lende, die die Z en tr um S pa r t cki nichts anaehen. Siner der Hauptbefchuldigten — die Angeklagten find durchweg Hüttenarbeiter auS Völklingen — erklärte in der Verhandlung, er fei Protestant und gehöre .nicht zu der Partei" (d. i. die ZentrumSpartei), er sei, wie die anderen Angeklagten, zum Teil in daS katholische VereinshauS in Völklingen gegangen, um dort das Wahlresultat zu erfahren. Andere Beschuldigte hatten selbst den natio- nalliberalen SiegeSfackelzug mitgemacht und waren auf dem Heimwege mit der Polizei in Konflikt geraten, wobei sie in das katholische Vereinshaus flüchteten und wohin ihnen ein großes Polizeiaufgebot folgte, da» mit blanker Waffe alles aus dem Vereins- hause jagte. Eine gegen die Polizisten erstattete Anzeige wegen Mißhandlung wurde wegen mangelnden Beweises niedergeschlagen. Fast alle Beschuldigten bestritten die ihnen zur Last gelegten Vergehen. Vor ollem bestritten sie, die Polizisten tätlich angegriffen zu haben. Einige Zeugen bekundeten, gesehen zu haben, wie auS dem katholischen Vereinshause auf die Poli- giften mit Biergläsern geworfen worden sei. Polizei« lommissar Hartmann erklärte, um 12 Uhr nachts sei ihm bei der Wohlfeier gemeldet worden, daß in der Nähe de» katholischen Vereinshauses auf der Straße ein großer Krawall entstanden sei. Er sei dahin geeilt. Ihn selbst soll ein Wurf aus dem Vereinshause getroffen haben. Mit einer Anzahl von Polizisten drang er in» BereinShauS, wo bisher alles ruhig war. Mehrere Polizisten erklärten, daß sie im Vereinshause mit Biergläsern bombardiert worben seien, verwickeln sich aber bet ihren Aussagen in Widersprüche zueinander ober zu ihren früheren Berichten. Auf der Straße seien sie von der Menge mit Steinen und Gläsern beworfen worden. Einer der Angeklagten, dem von der Polizei eine klaffende Wunde am Kopfe mit dem Säbel geschlagen wurde, sagte auS, daß er zur Polizeiwache gegangen fei, um sich verbinden zu lassen, nachdem et vergeblich bei zwei Aerzien gewesen sei, die er nicht zu Hause traf. Ein Polizeiwachtmeister habe ihm erwidert, er solle ins katholische St. JosephS- krankenhauS gehen, worauf der Angeklaate ujin erwiderte, er sei ja Protestant nndgehörenicht dahin; die Polizei, die ihn blutig geschlagen habe, solle ihn auch verbinden. Er sei aber lveggeschicki wor- den. E» folgte eine große Anzahl von Zeugen, die über da» Eindringen der Polizisten in das katholische VereinshauS aussagten. Sie alle sahen, wie die Poli. giften mit blanker Waffe in da» Vereinshaus stürmten und auf jeden einschlugen, der vor sie kam. Eine Anzahl von Personen wurde verletzt. Der Wirk des Ver» einshanseS bezeugte, daß alles in demselben ruhig gewesen sei, bis die Polizisten die Leute mit den Säbeln hinanstrieben. Vorher seien einige Teilnehmer an dem Fackelzug mit brennenden Fackeln ins Lokal gekommen, die .Hoch Bassermannk" gerufen hätten. Diese Leute habe er sofort aus dem Lokal verwiesen, da seine Gäste sich diese Aufdringlichkeit nicht hätten gefallen lassen können. Die Wirtin des VereinshauscS bekundete, der Kommissar habe Feierabend geboten, worauf die Polizisten sofort mit ihren Säbeln blind- lings um sich gehauen hätten. Ein Zeuge hörte, wie ein Polizist draußen sagte: .Wir schießen." Sogleich sei auch ent Schuß gefallen. Ein anderer Zeuge sah, daß ans die Polizisten auf der Strabo geworfen wurde. Die Würfe seien aber auSderdemkatholischen
vereinshause entgegengesetzten Rich- t u n g gekommen. Eine Frau hörte draußen einige Polizisten sagen: .Hinein, alles niederhauen, was vor un» kommt." Ein Angeklagter, der ebenfalls an dem nationallcheralen Fackelzuge teilgenommen hatte, er» hiell bei dem Tumult auf der Straße einen Wurf an den Kopf. LIS er die Polizei gegen die Täter anrief, wurde er verhaftet. Ein Zeuge sagt auS, daß die Polizei in ein Nebenzimmer mit blanker Waffe etn- gedrungen sei, so daß von der hier versammelten Gesellschaft mehrere Personen, darunter Frauen, Hilfe» rufend au» dem Fenster geflüchtet seien. — Rechts, anwalt KohlhaaS, einer der vier Verteidiger der An- geklagten, wies auf die vielen Widersprüche hin, in die sich die Polizeibeamten während der Verhandlung zu einander und zu ihren früheren Berichten gesetzt haben. Er bemängelte eS sodann, daß die Polizeibehörde an einem so erregten Tage die Nacht zu einem Feste freigegeben habe. Der Umstand, daß die Angeklagten von hinten an den Köpfen u. f. w. mit den Säbeln der Polizisten verletzt worden seien, weise schon darauf hin, daß dieselben sich nicht im Angriff befunden hätten, sondern überfallen worden seien. Gegenüber den Ausführungen des Staatsanwaltes bestritt er, daß die Zentrumspartei einen Antrag auf Genehmigung eines FackelzugeS im Falle eines Zentrumssieges gestellt Hobe. Wenn den Katholiken im vorigen Jahre von der Völklinger Polizei nicht einmal gestattet worden sei, an einem Nochmit- tage den Bischof in einer Prozession am Bahnhofe abzuholen, so hätten die Zentrumsleute von vornherein gewußt, daß ihnen ein Fackelzug nicht genehmigt werde. Er hebe noch hervor, daß die Angeklagten die Opfer deS Fackelzuges geworden seien. Rechtsanwalt Steeg- mann trat der Auffassung des StaatscnuvaltS entgegen, daß der Parteihaß eine Reihe von Zeugen blind gemacht habe. Die vernommenen Zeugen seien an den Vorgängen unbeteiligt, während die Polizei, beamten, denen daS Gericht mehr Glauben zu schenken gewohnt sei, ein großes Interesse daran hätten, sich rein zu waschen. Die Vorfälle hätten auch nicht im geringsten mit dem Vereinshaus in Verbindung gestanden. Wenn die Polizisten zuerst geschlagen hätten, so könnte man sich nicht wundern, wenn Gläser geflogen seien. Die Polizisten seien dann auch aiicht mehr in der rechtmäßigen Ausübung ihres AmteS gewesen. In der Urteilsbegründung erachtet das Gericht als fcstgestellt, daß die Polizeibeamten sich in der rechtmäßigen Ausübung ihres AniteS befunden hätten und berechtigt gewesen seien, von der Waffe Gebrauch zu machen. Der Fackelzug sei für die Angeklagten nicht Veranlassung zu den Ausschreitungen gewesen sondern dieselben hätten in der Nacht des 20. Januar eine willkommene Gelegenheit gefunden, ihrem Unwillen gegen die Vertreter der öffentlichen Gewalt Ausdruck zu verleihen. Das Gericht nahm auch als erwiesen an, daß die Ausschreitungen vom Vereinshause aus ausgegangen seien. Die Schutzleute seien bis zum Schluß durchaus korrekt vorgegangen. Mit dem seltsamen Urteil dürfte die Sache wohl nicht erledigt sein.
ö" München, 3. April 1912. Wegen des Jesuiten- erlaffes treiben die liberalen „Münch. N. Nachr." eine widerliche Hetze, mit der sie die Protestanten aufzuregen suchen. Das Blatt schreibt:
„Daß die Zulassung der jesurtischen Ordenstätigkeit eine schwere Bedrohung des k o n f e s s io n e l l e n Friedens in sich schließt, — den Frhr. v. Hertling zu wahren feierlich versprochen hatte — daß der Jesuitenorden gegründet ist und wirkt als Kam Pforganisation gegen den Protestantismus, daß die Jesuiten einem ausländischen Oberen zu unbedingtem Gehorsam verpflich- t e t sind, daß der Jesuitenorden der unversöhnlichste Gegner des modernen Staates ist — all das braucht hier nicht erörtert zu werden."
Nach dieser Entstellung und Verhetzung gefällt sich das liberale Organ in folgenden ordinären Vergleichen. Nach dem neuen bayerischen Jesuiteu- erlaß könne die bayerische Regierung auch erklären, daß eine „Watschen" keine Ohrfeige sei. Wer statt Trinkbranntwein Methylalkohol verkauft, wird auch dann bestraft, wenn er auch vorher auf die Flasche das Etikett „Feinster Kräuterlikör" geklebt hatte. Aber wer unter der Aufschrift „heilige Exerzitien" Jesuitenmissionen verabreicht, soll fetzt in Bayern ftrasirei bleiben." — Wie vornehm! Ganz abgesehen davon aber auch wie geistreich und logisch Sind denn selbst Jesuitenmifsiouen etwas an sich Strafbares oder könnte nicht zu jeder Zeit unter gleich nichtigen Vorwänden, wie sie zur Be- grüdung des Jesmtengesetzes herhalten mußten, beispielsweise jede Zeitung unterdrückt werden?. Indes was liegt an Konsequenz und Logik, wenn Jesuiten- frsierei und Antiklerikalisrnus in Frage kommt!
Ausland.
* Das französische Protektorat Kber Marokko. Mulei Hafio beabsichtigt, den Protektoratsver- trag vor der amtlichen Bekanntgabe den wichtigsten Stämmen vorlesen und erläutern zu lassen. Der Berttag umfaßt 7 oder 8 Artikel. Der Sultan unterzeichnete den Vertrag eigenhändig. Es geht das Gerücht, daß der Sultan am ersten Tag nicht geneigt schien» zu unterzeichnen, daß er aber später keine Schwierigketten gemacht habe. Ter Text, den der sranzösische Gesandte Rrgnault ans Paris mttgebracht hatte, blieb nnverändert. Regnault wurde zur Belohnung dafür zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt. ,
** Eine strategische Eisenbahn in Rußland? Rian mJbet aus Lemberg: Ein Konsortium russischer Kapitalisten in Moskau erhielt die Bewilligung zttr Herstellung einer 850 Kl in. langen Eisenbahnverbindung zwischen Moskau und der Station Sarny, unweit der österreichischen Grenze. Durch diese Linie, deren Bau 48 000 000 Rubel kosten soll, wird der Weg von Moskau zur österreichischen Grenze um 320 Kmtr. abgekürzt.
*♦ Die türkischen Kammerwahl«». Die Wahlen des ersten Grades haben begonnen und man kann mtt ziemlicher Sicherhett Voraussagen, daß die neue türkische Kammer am 7. April gebildet sein wird. Die Wiedererössnung wird dann am 18. April laltfinden. Der Ausgang deS Wahlkampfes ist unmöglich voranszuschen, da er sich mit großer Lang, jamfett vollzieht, die sowohl durch das Wahlsystem, wie durch die Tatsache, daß die Abstimmungsdawn in den Wahlkreisen um einige Tage disferieren, bedingt ist. Nach dem türkischen Gesetze muß aus je 50 000 Personen männlicher Einwohner e i n Deputierter gewählt werden; von den Einwohnern können sich aber nur die an der Wahl beteiligen, die das 25. Altersjahr zurückgelegt haben. Sie ernennen die Wähler zweiten Grades in der Weise, daß aus je 500 Wähler ersten Grades ein solcher zweiter Grades kommt.
** Die Revolution in Mexiko. Die Anhänger des vertriebenen Dittawrs Dia; machen sich neuer- diugs, untersttitzt von nordamertkanischem Gelde, die schwierige Lage des neuen Präsidenten Madero zunutze. Wie bei allen Revolutionen, so hat auch dre letzte unter Maderos Führung mtt den utaßlosesten Versprechungen gearbeitet. DaS erschien in Mexiko nm so unvermeidlicher, als der alte Präsident -taaz das Land unter einem surchtbaren Druck hielt und mit eiserner Faust alles darniederwarf, was ihm nicht bedingungslos folgte. Da jetzt nicht alles für jeden einzelnen so kommt, wie es daS Volk sich aus- aemalt hat, gibt'S Unruhen. Die Versprechungen in den Revolutionstagen, die teils in der Vergebung und Verteilung von Ländereien nstv. bestand, konnte Madero während der paar Monate seiner Regierung nicht einhalten; daher jetzt bie große Unzn« sriedenheit der unteren Klaffe, Die sich nun allmählich gegen ihn wendet. Tie Revolution gewinnt stetig an Boden und bedroht mehr und mehr die Hauptstadt. So wird in einem von der „Franks. Ztg. veröffentlichten Briese gesagt:
Die Banden sind in der Näh« unserer Hauptstadt unb man erwartet, daß bie Rebellen demnächst in Mexiko einbringen. Wenn bie Regierung Widerstand leistet, mutz man sich auf einen Stratzenkampf gefaßt machen. Das Schlimme ist, batz wir hier fast ganz von Truppen entblößt finb; es gibt höchstens 500 Mann in bet Stabt. Wenn der Pöbel sich bie Situation zu- nutze macht unb zu plündern anfangt, find wir dagegen machtlos. In anbetracht biefer Zustande hat die deutsche Kolonie unter Vorsitz des Gcneralkon- suis mehrere Sitzungen abgehalten, unb es würbe beschlossen, uns zu entern beutschen gr ei tollt t- genkorps zusammenzuschlietzen. bc8 nur ben Zweck haben soll, unser Leben sowie Misere Interessen zu berteibigen. DaS Korps wirb von gebienten beutschen Unteroffizieren unb Offizieren geführt werben. Leiber sinb in den hiesigen Geschäften keine Waffen mehr zu haben, noch Weniger Munition. Die Regierung würbe angegangen, uns (ben Deutschen) j e h n t a u • send Gewehre leihweise zu überlassen, machte aber Ausflüchte, unb e« scheint, batz sie lerne Waffen mehr besitzt. Wir bestellten baher fünfhundert Winchesterbüchsen telegraphisch au» den Vereinigte» Staaten. Unser Plan ist nun. einige strategische Hau- ser in bet Stabt auszuwählen, dieselben mit Proviant usw. auszufüllen unb dahin int Notfälle eine Besatzung von je 50—100 bewaffneten Deutschen zu legen. Dies«!
Helden der pflicht.
Roman ans dem Lande der Mitternachtssonne von 30) Erich Friesen.
. »3ucxU möchte ich eines betonen," beginnt er mtt wudererwachender Energie. „Ich hoffe,. Sie beide sind überzeugt daß mich keine anberen Motive zu meiner Frage bewegen, als nur der Wunsch, Fräulein Jngeborg und —" er zögert ein wenig — „unb dadurch auch Sie, gnädiges Fräulein, glücklich zu sehen. Ich selbst wäre niemals auf den Gebaute» gekommen; Sie sind es gewesen, Fräulein Arnold- sen, die ihn zuerst berührte."
Etwas besangen blickt er Sigrid an, eine Antwort erwartend. Vergebens.
Zwar drücken ihre Züge lebhafte Spannung auS; doch erwidert sie nichts.
Konsul Taland dagegen hüstelt leise in sich hinein und versucht, sein "aufsteigendes Mißtrauen hinter einer gelangweilten Miene zu verberge».
„Sie tagten mir einmal vor Wochen —" fährt Erik auf eine aufmunternde Handbewegung der Echloßherrin fort — „Sie glaubten, Fräulein Jn- geborgs Neigung zu mir sei keine ihrer fixen Idee», sondern entspringe ihrem normalen Empfinden. Denken Sie beute noch ebenso?"
äwnful Talands forschender Blick glaubt zu be» ntttten, tote die Wangen der Schloßherrin um einen
bleicher werden. Doch vielleicht hat er sich auch geirrt; denn mit fester Stimme erwidert sie:
»Ja. Herr Niels. Ich denke heute noch ebenso." ia9^n ""R- Sie glaubten, mein dauernder Einfluß wurde auf Ihre Nichte günstig einwirken, ia, sie voraussichtlich ganz gesunden lasten. Ist eS fo, gnädiges Fräulein?"
„Ja, Herr Mels. Es ist so."
„Unb, wenn ich nicht irre — sielen dabei au» Ihrem Munde folgende Worte: „Wären Sie frei, so würde ich Ihnen sagen: Meine Nichte ist ein liebe», gutes Geschöpf. Versuchen Sie, sie wieder- ytfieiei und--" Entsinnen Sie sich noch, Fräu
lein Arnolds?»?"
„Ich entsinne mich."
ErikS Blicke richten sich träumerisch in die Ferne, als sähe er dort eine herrliche Zukunft, umstrahlt von Siebt und Glück, empörst eigen . . .
Doch nur einige Sekunden dauert diese „Schwäche". Dann streicht er sich mit der Hand über die Stirn.
„Die Voraussetzung, unter welcher jenes Gespräch fiel, ist geschwunden," fährt er leiser und etwas zögernd fort „Ich bin frei; meine arme Brant ist tot. Ich habe Fräulein Jngeborg sehr gern; ich verehre Sie, gnädiges Fräulein, hoch. Wenn Sie also noch immer jene Ansicht hegen, so möchte ich Sie hiermit um — um--die Hand
Ihrer Nichte bitten."
Konsul Daland, der sich gerade eine neue Ha» banna anstecken wollte, läßt vor Ueberraschunq das brennende Zündbölzchen fallen.
ErikS Blicke hängen am Boden; sonst würde er bemerken, tote eine Träne sich langsam von Sigrids Wimpern löst. Erst alt er ihre Hand sanft seinen Arm berühren fühlt, fiett er sie an und ist überrascht über da- selffame Leuchten in ihren Augen.
„Mein lieber Freund —" sagt sie leise, mit leicht vibrierender Sttrnrne, die ihn bis in» Innerste erbeben läßt — „Ihr Anerbieten macht Ihrem guten Herzen alle Ehre. Trotzdem darf ich es nicht an- nehmen. In Ihrem Idealismus betrachten Sie dies Opfer als ein geringe- nach dem vor ftrrzem erst erlittenen Schmerz über den Tod Ihrer Braut Aber Sie sind noch jung und haben ein ganzes Leben vor sich; Sie dürfen- nicht--genug davon!
Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Beweis Ihrer Freundschaft; aber ich will da» Glück meiner Nichte nicht durch ein edekmüttges Opfer des Mannes erkaufen, den ich —" sie zögert, während leise Röte ihre Wangen färbt — „den ich fo hoch- schätze!"
„Edelmütige» Opfer!" mischt sich zum erstenmal Konsul Daland in da» Gespräch und zwar mtt bei ihm ungewohnter Lebhaftigkeit „Ach kann die Sache wirklich maft in biefer bengalischen Beleuchtung sehen, teure Freundin. Herr 9Hel» wurde sich nicht
um Jngeborgs Hand bewerben, wenn die junge Dame ihm antipatisch wäre."
„Gewiß, Herr Konsul!" bestätigt Erik mtt Wärme. ,^Jch betrachte diese Verbindung sogar als ein Glück sür mich."
Ernst und forschend ruhen Sigrids klare Augen auf dem jungen Manne. Sie weiß, daß die Begeisterung, in die er sich hineinzureden versucht, eine erkünstelte, unnatürliche ist.
Ruhig hält Erik den Blick, der ihm bis in die Seele zu bringen scheint, aus. Es gilt ja ihr Glück!
„Ich schlage vor, wir überlassen die Entscheidung Fräulein Jngeborg," gibt er zu bedenken. „Entweder ich selbst frage sie, oder Sie tun es für mich, gnädiges Fräulein. Wenn sie einwilligt, meine Gaisin zu werden, so heiraten wir in einem Jahre ober in zwei Jahren — ganz nach Belieben. Sollte ihre Steigung für mich doch nur Einbildung gewesen sein, so wird sie es während dieser Zeit herausfin- den. Das Verlöbnis kann alsdann ausgehoben werden. Ich werde mich während dieser Zeit bemühen, ihr ein Heim zu gründen und —"
„Verzechen Sie einen Augenblick!" ruft Sigrid dazwischen. „Mir ist, als höre ich im Garten leife Fußtritte."
Alle lauschen angestrengt . . .
Nichts ist hörbar.
„Fahren Sie, bitte, fort!" bemertt Sigrid nervös. „Ich fühle mich heute nicht recht wohl. Verzeihen Sie die Unterbrechung!"
„Ich habe nicht» mehr hinzuzufügen," erwidert Erik ernst „Ob Ihre Stichle von meinem Antrag Kenntnis erhalten soll ober nicht, überlasse ich Ihrem Ermeffen, Fräulein Arnoldsen. Stur «ine Bedingung stelle ich —"
„Und die wäre?"
„Datz Fräulein Jngeborg, fall» sie memen An- trag annimmt, keine Mitgift erhält"
Wieder trifft ben Jungen Mann jener eigentümlich leuchtend« Blick an» Den dunklen Frauenaugen,
während das Gesicht des SchiffSreederS spöttische» Lächeln verzieht.
„Gut denn, meine Freunde!" ruft Sigrid nach kurzem Besinnen mit heiterrn Lächeln, in das sich ein wenig Wehmut mischt. „Ueber die Hauptsache sind wir einig. Ich werde Jngeborg Ihren Antrag mitteilen — aber nicht sofort; ich mutz einen günstigen Zeitpunkt abwarten. Als ich sie vorhin in ihrem Zimmer allein lieft, befand sie sich in einem derart erregten Zustand, datz ich fast fürchte, die plötzliche Freude könne sie töten. Sie klammerte sich an mich, sie küßte mich voll leidenschaftlicher Zärtlich- feit, sie schluchzte herzbrechend — geradeso, als ob wir für immer auseinandcrgingen. Armes, liebes Kind! Sie tun wirklich ein gute» Werk, Herr Stiels, wenn Sie diese gedrückte Menschrnseele wieder auf» richten und dem Sonnenlicht de» Glücks znführen. Und nun —" sie bewegt sich nach der Tür — „entschuldigen Sie mich für kurze Zeit, meine Herren! Ich will sehen, wie es meinem kranken Vögelchen geht. Ich bin wirklich heute seltsam unruhig."
In diesem Augenblick verkünden Uhrschläge vom Kamin her die zehnte Stunde--
MS die Tür sich hinter Sigrid geschlossen bat, lehnt Konsul Daland sich mit allen Zeichen der Zu- friedeuheit in seinen Sessel zurück, während Erik gedankenvoll mit den Spitzen seines Schnurrbart/ spielt
„DaS war der vernünftigste Streich Ihres gan» zen bisherigen Lebens, Niels!" lacht der L>chiffs- .reeder, indem er die Hande in den Hosentaschen vergräbt und die Beine weit von sich streckt.
„Wieso?"
„Sie setzen sich mit einem Ruck ins Fettnäpfchen hinein und brauchen sich um Ihre Zukunft feine grauen Haare mehr wachsen zu laffen. Hätte Ihnen soviel praktischen Sinn gar nicht zugetraut. Eiuq Zettlang freilich argwöhnte ich, Sie griffen nach noch höheren Zielen. ES war eine Dummheit von mit — ich gebe eS zu. Denn wie könnte ein junge, Mensch wie Sie, e» wagen —"
(Fortjetzung folflt)